Heute war keine Spur von Menschen oder Vieh an den Ufern zu sehen. Ein

Adler und einige Raben waren die einzigen Geschöpfe, die Leben in die

feierliche Stille des Waldes brachten. Dagegen sah man im Ufersande

frische Spuren von Wildschweinen und Rehen, die zum Trinken an den

Fluß gekommen waren. Die Hunde kamen heute auf die revolutionäre Idee,

ohne weiteres ins Wasser zu springen und an Land zu schwimmen. Sie

folgten dann aber der Fähre, indem sie treu am Ufer nebenherliefen und

gelegentlich Wildschweine oder andere Bewohner des Dschungels wütend

anbellten. Als sie dessen müde wurden, schwammen sie wieder nach der

Fähre zurück und wurden auf das Achterdeck hinaufgezogen. Dieses

Manöver, das der Besatzung viel Spaß machte, wiederholte sich von nun

an täglich. Anfänglich konnten die Hunde abgestorbene Pappelstämme

mitten im Flusse oder im Grunde steckengebliebene Treibholzstücke

durchaus nicht leiden. Sie legten den wütendsten Unwillen gegen diese

an den Tag und bellten sie unerbittlich an. Nach und nach gewöhnten sie

sich aber daran und ließen das Treibholz in Frieden.

Die Mücken waren derart lästig, daß wir an einem bewaldeten Ufer nicht

lagern konnten, sondern Ufer mit Ak-kum (weißer Sand) aufsuchen mußten,

wo die Leute das Holz zum Lagerfeuer von weither zu holen hatten. Um

mich ein wenig vor den blutdürstigen Insekten zu schützen, rauchte ich

wie eine Lokomotive und schmierte mir das Gesicht mit Baumöl ein.

Abends saß die ganze Besatzung auf dem flachen Ufer um ein Feuer von

Treibholz und debattierte lebhaft darüber, ob wir noch das Lop-Gebiet

erreichen würden, ehe der Fluß zufröre. Auch ich hätte dies gar zu gern

wissen mögen, doch ich hatte keine Zeit, mich darüber zu beunruhigen.

Wir mußten möglichst gleichen Schritt mit der jetzigen Wassermenge des

Flusses halten, so daß deren Abnahme während der Nächte und Rasttage

nicht zu großen Vorsprung gewann und uns das Wasser schließlich ganz

im Stiche ließ. Ich rechnete hauptsächlich auf den Wasserzuschuß des

Aksu-darja; kämen wir nur so weit, so würden wir uns schon weiter

helfen.

28. September. So glitten wir denn Tag für Tag auf dem großen, ruhigen

Flusse dahin, und die Karte entwickelte sich nach und nach unter meinen

Augen. Die Wassertiefe wird an jedem Lagerplatze gemessen, und zwar der

Sicherheit halber nach zwei verschiedenen Methoden. Einerseits wurde

an einer geschützten ruhigen Stelle ohne Strömung eine Meßstange in

den Grund gestoßen, andererseits wurde eine solche in die lotrechte

Uferwand eingerammt, an deren äußerstem Ende ein Lot an einer mit

Teilung versehenen Leine, von der ich das Steigen oder Fallen des

Wassers direkt ablesen konnte, in den Fluß hinabhing.

Noch waren die Ufer unbewohnt und still; doch sahen wir ein paar

Hirtenhütten (Söre), die gewöhnlich nur aus einem Dache auf vier

Stangen bestehen und mit Reisig und Zweigen bedeckt sind. Sie ließen

darauf schließen, daß die Gegend doch zu gewissen Zeiten von Menschen

aufgesucht wird, die wieder fortziehen, sobald die Weide knapp wird.

Der Fluß verändert heute sein Aussehen nicht. Stattlich fließt er in

dem majestätischen Schweigen des Waldes in unbedeutendem Gefälle dahin

und hält sich meistens in einem einzigen Bette mit Tiefen, die bis zu

7 Meter betragen. Wir wurden daher nicht durch Festsitzen aufgehalten,

und lautlos und mit guter Geschwindigkeit glitt die Fähre auf ihrer

langen Reise durch Ostturkestan weiter.

Schon vom vorigen Lagerplatze an sind die Ufer mit einem dichten,

prachtvollen Walde von alten, ehrwürdigen, knorrigen Pappeln besetzt,

deren grüne, verschlungene Kronen jetzt ins Rote und Gelbe zu

spielen beginnen; es ist, als kleideten sie sich zu einem lustigen

Herbstkarneval in bunte Gewänder. Die Leute von Lailik hatten nie

einen solchen Wald gesehen und machten ihrem Erstaunen und Entzücken

in lebhaften Ausrufen Luft. Sie nannten den Wald „Östäng-bag“, den

„Baumgarten am Kanale“, wie die bewässerten Parke und Haine der Oasen

gewöhnlich genannt werden. Sie hatten recht; es war ein Genuß für das

Auge, diesem farbenprächtigen Uferschmucke zu begegnen, und in dem

lautlosen Schweigen, das den ganzen Tag herrschte, konnte man glauben,

in einem Triumphwagen von unsichtbaren Nixen und Elfen auf einer Straße

von Saphiren und Kristall durch einen verzauberten Wald gezogen zu

werden. Es war so still, daß man kaum zu sprechen wagte, um nicht den

Zauberbann zu brechen. Feierlich standen die Pappeln in zahlreichen

Reihen, wie sie in vielen hundert Jahren die Ufer bekränzt; aufrecht

standen sie da wie Könige und spiegelten ihre Kronen aus falbem

Herbstgold in dem lebenspendenden Flusse, der Nährmutter der Wälder,

der Herden und Hirsche und des Königstigers, dem größten Gegensatze

des Wüstenmeeres. Da stehen sie in einer dunkeln Mauer, würdevoll

und still, als lauschten sie einer Hymne, die zwischen den Ufern zum

Lobe des Allmächtigen leise erklingt, einer Hymne, die auch Wanderer

und Reisende vernehmen können, wenn nur ihr Gemüt für die Größe der

Natur empfänglich ist. Die Pappeln stehen da, als hätten sie sich nur

deshalb hier aufgepflanzt, um dem merkwürdigen Flusse zu huldigen, ohne

den ganz Ostturkestan eine einzige ununterbrochene Wüste sein würde.

Sie huldigen dem Tarim in andächtiger Ehrfurcht, wie dem Ganges die

Brahminen und die altersschwachen Pilger huldigen, die nach Benares

eilen, nur um an den Ufern des heiligen Stromes zu sterben.

Der Wald dehnt sich bis dicht an den Uferrand aus, aber den Erdwall

bedeckt dichtes gelbes Kamisch (Schilf) und über demselben bildet das

Buschholz ein ganz undurchdringliches Dickicht, wo nur Wildschweine

durch dunkle Gänge, in die nie ein Sonnenstrahl fällt, hindurchkommen

können. Zu oberst bildet der Wald eine grünende Mauer, die oft so dicht

ist, daß die Stämme nur selten durch das Laubwerk schimmern. Die Kronen

sind wie mit Sepia gepudert in Farbentönen, die schreiend wären, wenn

die unklare Luft sie nicht dämpfte. Doch so wie es jetzt ist, bilden

sie einen dem Auge angenehmen Farbenübergang zu dem blaugrauen Gewölbe

des Himmels. All diese Pracht der Natur und der Farben wiederholt sich

auf beiden Seiten und spiegelt sich im Wasser wider, und dennoch kann

man sich nicht satt daran sehen.

Nur an den konvexen Ufern, wo das Hochwasser flache Sand- und

Schlammanschwemmungen abgelagert hat, tritt der Wald zurück; an dem

konkaven Ufer streichen wir unter den Pappeln hin, die sich nicht

selten über den Fluß lehnen, und wie in einem Parke gleitet die Fähre

unter laubreichen Gewölben in kühlem Schatten vorwärts. Es ist, als

streckten die Waldgötter Friedenszweige über unser Schiff aus und

segneten seine wunderbare Reise -- denn eine Reise auf dem Wasser quer

durch Ostturkestans Sandwüsten ist ohne Zweifel wunderbar; niemand

hätte wohl geglaubt, daß man das innerste Asien zu Schiff durchkreuzen

könnte.

So gleiten wir Stunde um Stunde auf dem Spiegel des dunkeln Flusses

weiter durch den schlafenden Wald, auf einer venezianischen Straße, wo

die Paläste in Bäume verwandelt sind und die Kais aus goldig glänzendem

Schilfe bestehen. Der Ruder bedarf es hier nicht; die Strömung selbst

sorgt für unser Weiterkommen, und die Gondoliere schlafen der Reihe

nach auf ihrem Posten, doch stets die Stange fest in der Hand. Alles

ist so still, und unbewußt wird man von der Märchenstimmung beeinflußt.

Man erwartet beinahe, Waldnymphen den ungestörten Frieden benutzen

zu sehen, um, auf Pappelzweigen schaukelnd, ihren Spiegelbildern im

Wasser zuzunicken, und man würde sich nicht wundern, wenn tief im Walde

plötzlich ein Hirtengott auf der Flöte zu blasen anheben würde.

Doch wie schweigend wir auch dahingetragen werden, wir überraschen doch

keine Gestalten aus der Märchenwelt. Nur dann und wann werden von einem

leichten Windhauch vertrocknete Blätter von einer überhängenden Pappel

losgerissen, um vom Wasser nach Osten weitergetragen und vernichtet

zu werden. Es sind die Waldgötter, die unseren Weg bestreuen, wie die

Hindus dem Ganges Opfergaben von gelben Blumen darbieten; es sind die

Pappeln, die bald sterbend im Winterschlafe erstarren und vorher dem

Tarim, der ihnen die Nahrung für ihr Sommerleben geschenkt, einen Teil

des Geschenkes zurückgeben wollen; man muß dabei an die verachtete

Kaste der Leichenverbrenner denken, welche die Asche der Toten in den

heiligen Ganges streut.

Unsere Wasserstraße war unglaublich krumm. In einer Biegung mußten wir,

um 180 Meter in unserer Hauptrichtung nach Nordosten zurückzulegen,

einen Weg von 1450 Meter machen, wobei wir einen Kreis beschrieben,

an dessen Vollständigkeit nur ein Neuntel der Peripherie fehlte. Bald

gehen wir nach Nordosten, bald nach Südwesten und verlieren wieder,

was wir eben gewonnen haben. Nur äußerst selten streckt sich der Fluß

eine kleine Strecke weit gerade aus, meistens windet er sich wie

eine Schlange im Grase. Diese zahlreichen Krümmungen machen, daß ich

unausgesetzt die Angaben des Kompasses aufzeichnen und die Tausende von

kleinen Stückchen des Laufes auf der Karte eintragen muß, damit diese

absolut zuverlässig werde.

Gegen Abend hatten die Mücken, wie gewöhnlich, Ball und Souper; ich

wehrte mich, so gut ich konnte, mit dem Baumöle, die Besatzung aber,

die stets nacktbeinig ging, wurde arg gepeinigt. Unaufhörlich ertönten

Klatsche, die anzeigten, daß eine Mücke auf irgendeinem nackten

Teile des Körpers plattgeschlagen wurde, und man konnte die Ausrufe

„Annangnißke“, „Kissingnißke“ oder „Kaper“ hören, alles Worte, die

durch Nichtübersetzung bedeutend gewinnen.

Als wir bei +Jallgus-jiggde+ lagerten, wurde am Ufer um das Feuer

herum Kriegsrat gehalten. Muhammed Ahun, der Jäger, der allein von uns

die Gegend kannte, meinte, der Fluß werde in zwei Monaten zufrieren.

Wir beschlossen, um noch mehr Zeit zu ersparen, morgens, sobald es hell

würde, aufzubrechen, alle Mahlzeiten, das Abendessen ausgenommen, an

Bord einzunehmen und auch das Brot morgens auf dem Achterdeckherde zu

backen. Die Männer von Lailik waren mit warmen Tschapanen, Pelzen und

Stiefeln schlecht versehen; daher wollten wir ihnen in Masar-alldi oder

Awwat besorgen, was sie noch brauchten.

Der Jäger teilte uns mit, daß 3 oder 4 Kilometer rechts vom

Jarkent-darja das trockene Flußbett Chorem liege, dasselbe, in welchem

ich 1895 Süßwassertümpel gefunden hatte. Im Südosten dieses Bettes

dehnt sich das unabsehbare Wüstenmeer aus.

Die Flußmessung ergab 28,6 Kubikmeter Wasser; wir können mit der

Wassermasse nicht gleichen Schritt halten, sie überholt uns nachts, und

wir bleiben hinter ihr zurück. Führen wir ununterbrochen Tag und Nacht,

so würden wir theoretisch stets dieselbe Wassermenge haben, wenn nicht

die Verdunstung und das Einsickern in den Boden für das Verlorengehen

eines guten Teiles derselben sorgten.

29. September. Jetzt gab es nachts viel Tau; schon gleich nach

Sonnenuntergang begann er zu fallen, und morgens war das Vorderdeck so

naß wie nach einem Regen.

Der Morgen sah vielversprechend aus; der Fluß machte nicht so

tolle Krümmungen wie gewöhnlich, und die Luft war ganz still. Aber

diese vorteilhaften Umstände veränderten sich um die Mittagszeit

völlig, da eine frische Brise einsetzte und der Flußlauf sich wieder

außerordentlich schlängelte. In Biegungen, wo die Erosion des Wassers

am größten ist, betrug die Tiefe mehrmals bis zu 9 Meter, und da hier

an der Oberfläche Gegenströmung herrscht, kam es ein paarmal vor, daß

wir ganz einfach in diesen Föll oder Bulung liegen blieben. Unter

gewöhnlichen Verhältnissen geht die Fähre infolge ihrer Geschwindigkeit

darüber hinweg, bei Gegenwind aber kann sie es nicht, und dann bleibt

weiter nichts übrig, als einige Leute an Land zu schicken, um uns mit

einem Tau loszuschleppen oder uns mit der Jolle zu bugsieren.

Bei +Tusluk-kasch+ passierten wir ein Hirtenlager und erstanden

für 48 Tenge (9 Mark) ein Schaf. Diese Hirten wohnen wie auf einer

Insel, die von einer gewaltigen Krümmung gebildet wird, der zu

einem vollständigen Kreise nur ein Zwölftel Peripherie fehlt. Die

Flußwindungen sind schuld daran, daß der von uns zurückgelegte Weg

über doppelt so lang wird als die Luftlinie. Heute rückten wir

nur 8,36 Kilometer vor, trieben aber 19,38 Kilometer bei einer

Durchschnittsgeschwindigkeit von 38 Meter in der Minute.

Infolge der verminderten Schnelligkeit und der größeren Tiefen nimmt

das Wasser an Klarheit zu. Um die Durchsichtigkeit zu bestimmen,

konstruierte ich ein sehr einfaches Instrument, das aus einer runden,

glänzenden Metallscheibe und einem senkrecht daran befestigten, mit

Teilung versehenen Arme bestand. Die Tiefe, in welcher die Scheibe

unter dem Wasser noch deutlich unterschieden wurde, ließ sich an dem

Arme direkt ablesen.

Wie langsam es auch ging, stets war es ein großer Genuß, wie auf der

Veranda einer Sommerfrische vom größten Komfort umgeben zu sitzen

und sich die Landschaft entgegenkommen zu lassen. Doch nicht einen

Augenblick durfte ich meinen Posten verlassen, um mir die Beine zu

vertreten. Selten dauerte eine Richtung länger als 10 Minuten; die

gewöhnliche Pause zwischen den Kursänderungen betrug 2 oder 3 Minuten,

und man mußte immer mit dem Kompasse folgen. Ich war in diesem Teile

des Jarkent-darja so an den Beobachtungstisch gefesselt, daß wir um

1 Uhr, wenn die meteorologische Ablesungsreihe aufgezeichnet werden

sollte, eine Weile am Ufer anlegen mußten. Neben mir lag eine Kladde,

worin die Aufzeichnungen des Tages mit Bleistift notiert wurden,

um abends, nachdem wir Lager geschlagen, mit Tinte in das Tagebuch

eingetragen zu werden. In den ärgsten Krümmungen folgten die Peilungen

so dicht aufeinander, daß ich mir kaum dazwischen eine Zigarette

anzünden oder sie, wenn sie ausgegangen, wieder anstecken konnte, und

das Teegeschirr, das Islam eben gebracht, mußte auf seiner Kiste so

lange auf mich warten, bis das erquickende Getränk kalt geworden war.

Die Karte aber wurde hübsch, und es machte mir großes Vergnügen,

daran zu arbeiten. Sie ist in so großem Maßstabe angelegt, daß alle

Einzelheiten hervortreten: die Linie, welche die Drift der Fähre

bezeichnet, ist in den Wasserweg eingetragen, so daß man sieht, wo wir

am rechten oder linken Ufer entlang gefahren sind, wo wir mitten auf

dem Flusse getrieben und wo wir ihn gekreuzt haben. Die markierten

Jarufer, die der größten Erosion (die Grunderosion ist gleich Null oder

wird von der Sedimentablagerung ausgeglichen) ausgesetzt sind, sind mit

scharfgezeichneten schwarzen Linien angegeben, die Alluvialhalbinseln

treten als weiße Halbmonde hervor, Holme, Bänke und kleine Wasserarme,

alles ist angegeben. Pappelwald wird mit kleinen Kreisen bezeichnet,

Kamisch mit kleinen Pfeilspitzen, Gebüsche und Dickichte mit Punkten,

Tamarisken mit Widerhaken, Sanddünen mit schrägen Schraffen. Wo die

Ufer, wie heute, lichten Wald tragen, ist jede Pappel auf der Karte

eingetragen; ich würde bei einem neuen Besuche jeden einzelnen Baum wie

einen alten Bekannten, einen Freund aus einer glücklichen, angenehmen

Zeit, wiedererkennen können!

Das heutige Lager hieß +Kijik-tele-tschöll+ (Einöde des

Antilopen-Weidenbaumes). Hier gab es keine Hirten, doch schwaches

Hundegebell verkündete, daß sie nicht besonders weit sein können. Die

Wassermenge betrug 27,8 Kubikmeter.

[Illustration: 19. Die Werft. (S. 28.)]

[Illustration: 20. Tänzerinnen und Musikanten beim Abschiedsfest in

Lailik. (S. 30.)]

[Illustration: 21. Frauen und Kinder unserer Bootsleute auf dem Wege

zur Fähre. (S. 33.)]

[Illustration: 22. Die Fähre auf dem Jarkent-darja. (S. 36.)]

Während der Nacht auf den 30. September fiel das Wasser wieder um 2,1

Zentimeter; daher los vom Ufer in der kalten Morgenluft und weiter

den Fluß hinunter, nach Osten hin! Heute trat endlich unser alter

Masar-tag aus der ein wenig klarer werdenden Luft hervor und war leicht

erkennbar; sein höchster Gipfel war in ungefähr Nordosten zu sehen.

Der Berg trat nur in schwachen Umrissen hervor, die jedoch im Laufe

des Tages deutlicher wurden, so daß man schließlich Schluchten und

Vorsprünge und die braunrote Farbe unterschied. Nachdem der Masar-tag

seinen Platz in der Landschaft eingenommen, brachte er auch einige

Abwechslung hinein und bildete das Thema des Tagesgesprächs. Man

zerbrach sich den Kopf darüber, wie weit es bis dahin sein könnte,

ob wir ihn noch vor Abend oder, wie ich vermutete, erst in ein paar

Tagen erreichen würden. Eine lange Strecke hatten wir den Berg gerade

vor uns, darauf rechts und dann links von der Fähre; am tollsten aber

war es, als wir ihn hinter dem Achter hatten und uns wieder von ihm

entfernten. Erst wenn man eine derartige Landmarke hat, die alles

andere überragt, wird einem ganz klar, wie sich der Fluß schlängelt.

Das Terrain wird öder; der Wald hat aufgehört, und auf beiden Seiten

des Flusses dehnt sich Gras- und Kamischsteppe aus, wo nur selten eine

junge Pappel ihre Krone über verschmähten Weideplätzen erhebt. Unsere

Jäger nehmen Spuren von Hirschen und anderen wilden Tieren wahr. Islam

Bai brandschatzte selten anderes Wild als wilde Gänse und Enten; es

war zwar sein Ehrgeiz, einmal einen Hirsch zu schießen, doch gelang es

ihm nie. Er war alt geworden; auf der vorigen Reise hatte er besseres

Jagdglück gehabt. Was mich betrifft, so habe ich nicht einmal das Leben

einer Krähe auf meinem Gewissen. Ich feuerte auf der ganzen Reise

keinen Schuß ab, und der geladene Revolver, den ich für einen etwaigen

Überfall immer bei der Hand hatte haben wollen, lag tief unten in einer

meiner Kisten verpackt; in welcher, wußte ich gewöhnlich nicht.

Der Kasim der Avisofähre entdeckte auf einem öden Ufer ein verlassenes,

verirrtes Lamm, das wir an Bord nahmen, um es dem ersten besten Hirten

zu übergeben; es hätte sonst gewiß nicht lange auf den Wolf zu warten

brauchen.

Der Ostwind tat uns gelegentlich großen Abbruch, aber die Krümmungen

waren nicht ganz so unberechenbar wie gestern. Ein eigentümlicher

Zug an dem Bau des Flußbettes war, daß die Jarwände des Ufers viel

auffallender waren als bisher und sich 4 und 5 Meter über die

Wasserfläche erhoben. Sechs Meter lange Stangen erreichten meistens

den Grund nicht, und um die Tiefe zu messen, mußten wir zwei

zusammenbinden. Bisweilen waren beide Ufer gleich hoch, ohne eine Spur

von Anschwemmungen; dies war natürlich nur an geraden Stellen der Fall.

Wir glitten dann wie in einem Korridor dahin, vor dem Winde geschützt,

aber ohne viel von der umgebenden Landschaft zu sehen.

Die mittlere Geschwindigkeit dieses Tages war 35 Meter in der Minute

und bei dem in namenloser Gegend gelegenen Lager Nr. 12 betrug die

Wassermenge genau 25 Kubikmeter, 2,8 Kubikmeter weniger als zuletzt. In

der Luftlinie hatten wir 11,2 Kilometer, in Wirklichkeit 18,2 Kilometer

zurückgelegt, ein viel günstigeres Verhältnis als gestern.

Mit jedem Tage wuchs die Spannung, ob wir, ehe der Fluß sich mit Eis

bedeckte und uns in seinen unerbittlichen Banden finge, ans Ziel

gelangen würden oder nicht.

Sechstes Kapitel.

Vierzig Kilometer zu Fuß.

In der Nacht auf den 1. Oktober fiel das Wasser noch um 1,7 Zentimeter.

Im Norden zeigten sich schwache Umrisse, die man für aufsteigenden

Nebel hätte halten können, wenn ihr gezähnter Rand nicht die Bergkette

des Tien-schan angekündigt hätte. Der Masar-tag stand immer deutlicher

vor uns; seine Lichter und Schatten und sein ganzer Bau zeichneten sich

mit jeder Stunde schärfer ab. Ich saß bequem an meinem Schreibtische

und trug den Gebirgsstock auf der Karte ein, wobei die kulminierenden,

leicht erkennbaren Spitzen mit römischen Ziffern bezeichnet wurden.

Jetzt sind wir dicht bei dem nächsten Ausläufer des Berges, der auf

dem Ufer selbst steht, so daß sein Fuß vom Wasser bespült wird.

Dieser ungewöhnliche Anblick brachte eine angenehme Abwechslung in

die Landschaft. Man hätte erwarten sollen, hier am Fuße der Felsen

Schnellen und Fälle zu finden, doch es gab hier keine; der Fluß floß

ebenso ruhig wie gewöhnlich dahin und machte nur einen Bogen nach

Südosten, um dem Berge auszuweichen und dessen südliche Basis zu

umgehen.

Wir biegen längs des Berges um. Am Ufer erscheinen Hütten und Menschen,

auf einem Abhange vier Gumbes (Mausoleen), ein alter Guristan

(Begräbnisplatz). Bei den Hütten von +Kurruk-asste+ machten wir

Halt (Abb. 28).

Der Begräbnisplatz, der auch ein heiliger Masar war, hieß +Hasrett

Ali Masar+, welcher Name auch zur Bezeichnung des ganzen Berges

dient. Der trockene Flußarm, der unmittelbar unter dem Masar hinläuft,

ist derselbe Kodai-darja, den ich 1895 besuchte. Seit zehn Tagen lag

das Bett trocken, raubte uns also kein Wasser mehr; doch von Mitte Juli

bis zum 20. September hat es als Abfluß für einen Teil des Wassers des

Jarkent-darja gedient, welches aber zum großen Schaden mehrerer Dörfer

am Wege nach Aksu, die von diesem Arme ihr Berieselungswasser erhalten,

viel weniger war als sonst.

Der Fluß zeigt also hier, wie sehr oft während seines Laufes, eine

Tendenz, nach rechts überzufließen. Um diesem für das nächste Jahr

vorzubeugen und die Ernte zu retten, hatte der chinesische Amban

(Distriktsvorsteher) von Maral-baschi befohlen, quer über das Bett des

Jarkent-darja einen Damm zu bauen, um das Wasser in den Kodai-darja

abzuleiten. Fünf Mann lagen nun in Kurruk-asste, um ein Depot von

1000 Balken und Stämmen, die aus dem nächsten Walde auf Arben hierher

gebracht worden waren, zu bewachen, und sobald der Fluß genügend

gefallen war, sollten Leute aus der ganzen Gegend aufgeboten und der

Damm gebaut werden. Zu unserem Glücke konnte die Arbeit erst nach einem

Monat beginnen. Es mußte uns also gelingen können, einen so großen

Vorsprung zu gewinnen, daß die Absperrung des Jarkent-darja auf unsere

Reise nicht mehr einwirken konnte.

Wir beschlossen, in Kurruk-asste wenigstens einen Tag zu bleiben und

der On-baschi des Ortes wurde beauftragt, sich sofort nach dem Basar

von Tumschuk zu begeben, um dort Pelze und Stiefel für die Leute aus

Lailik zu kaufen. Er sollte uns auch einen Vorrat von Reis, Mehl und

Gemüse besorgen und am Abend des nächsten Tages wieder hier sein.

Leider konnte keiner der Unseren ihn begleiten, da es in der ganzen

Gegend nur ein Pferd gab, ich verließ mich aber auf den Mann und gab

ihm Geld zu den Einkäufen.

Nachdem ich bis morgens 3 Uhr Platten entwickelt und dann ordentlich

ausgeschlafen hatte, wurde der Tag zu dem sehr notwendigen Ausruhen

bestimmt. Im allgemeinen hatte ich während der Flußreise einen

sechzehnstündigen Arbeitstag, und von dem ständigen Stillsitzen

am Tische tat mir oft der Rücken weh. Schön war es daher, während

des Rasttages eine Fußwanderung zu machen (Abb. 26) und das

Hasrett-Ali-Masar-Gebirge zu ersteigen, um von einer seiner Höhen

herab die Gegend ringsumher zu betrachten: die unendliche Steppe, die

gelbe Wüste mit ihren hohen, unheimlichen Dünenwellen, die auch hier

Takla-makan genannt wird, den sich schlängelnden Fluß, der von meinem

hohen Aussichtspunkte aussah wie ein Graben oder ein feines blaues

glänzendes Band durch die Steppe.

In der Dämmerung wurde eine Flußmessung vorgenommen, die das glänzende

Resultat ergab, daß wir jetzt 53,7 Kubikmeter Wasser in der Sekunde

unter unserer Flottille hatten, also mehr als doppelt soviel wie bei

der letzten Messung. Wir verdankten diesen reichlichen Zuschuß den

beiden Armen des Jarkent-darja oberhalb Kurruk-asste, die aus einigen

von dem Überschußwasser von Maral-baschi gespeisten Seen kommen.

Auch spät am Abend ließ der On-baschi nichts von sich hören, und uns

begann der Gedanke aufzusteigen, ob er am Ende nicht mit dem Gelde

durchgebrannt wäre; wir konnten ihn in diesem Falle nicht verfolgen,

da wir keine Pferde hatten. Er kam auch am nächsten Tage nicht wieder,

und wir mußten warten. Die aufgezwungene Ruhe hatte den Vorteil, daß

ich noch einen Ausflug machen konnte, diesmal nach Nordwesten auf dem

linken Ufer des Flusses.

Ich begab mich nach den obenerwähnten Armen, um zu sehen, wie unser

Kasim Fische fing. Am Fangplatze vereinigen sich drei Abflüsse

des unmittelbar oberhalb der Stelle liegenden Sees Schor-köll,

den ebenfalls der Überschuß des Wassers von Maral-baschi speist.

Der Schor-köll ist ein Steppensee oder, wenn man so will, ein

Sumpfgewässer; man kann nicht an seine Ufer gelangen, denn in dem

weichen, nassen Boden, in dem Kamisch und Gras üppig gedeihen, würde

man versinken. In diesem zersplitterten, unregelmäßigen See mit seinen

Tausenden von Ausläufern, Buchten, Inseln und Landzungen bleibt

das Wasser stehen und klärt sich; daher ist es in den beiden Armen

kristallklar und blau.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 6 / 42 段