Jetzt und später oft benutzte ich die unfreiwillige Ruhe zum Segeln

mit der englischen Jolle, die jedoch für diesen Sport eigentlich nicht

bestimmt war, da sie weder Kiel noch Steuer hatte. Sie konnte also

nur bei günstigem Wind benutzt werden; ein im Achter festgebundenes

Ruder diente als Steuer. Bei dem starken Winde flog sie fast wie

eine Ente über das Wasser, und das Wasser zischte förmlich um den

Vordersteven. Ich segelte flußaufwärts und hielt mich außerhalb der

Strömung; die Ufer eilten an mir vorüber, ich wurde wie über große,

offene Seen zwischen den niedrigen Schlamminseln hingetragen, das

Wasser kochte um das Boot herum, und der Wald verschwand im Windstaube.

Nach mehrstündiger, herrlicher Fahrt meinte ich, es sei nun Zeit,

umzukehren. Ich nahm Mast und Segel ab und suchte die Strömung auf, um

mich von ihr heimtreiben zu lassen. Dies ging jedoch nicht so leicht,

wie ich gehofft; der Wind war so heftig, daß die Oberströmung gehemmt

wurde und daher äußerst langsam war. Doch auch hiergegen gab es guten

Rat; nur einen Fuß unter der Oberfläche war die Strömung ebenso stark

wie gewöhnlich, und als ich die Ruder so festband, daß die Blätter

vertikal ins Wasser herabhingen, trieb das Boot mit der Schnelligkeit

der Unterströmung flußabwärts.

An einer Stelle, wo ich zu landen beabsichtigte, war der Boden

außerordentlich tückisch; er gab nach, und ich versank bis zu

den Hüften und wäre noch tiefer eingesunken, wenn ich mich nicht

rechtzeitig am Bootrande festgehalten hätte. Endlich tauchte das weiße

Zelt der Fähre aus dem Staubnebel auf, und ich legte an ihrer Seite an.

Um schnell zur Hand zu sein, wenn sie gebraucht würde, lag die Jolle

stets am Achter angebunden im Schlepptau der Fähre. Man konnte mit

ihr jeden Augenblick an Land gehen, ohne mit der großen Fähre anlegen

zu müssen. Islam Bai pflegte sich in ihr ans Ufer rudern zu lassen,

wo er dann stundenlang den Wald durchwanderte und oft mit Fasanen und

Wildenten zurückkehrte. Für ihn war die Flußreise recht einförmig, und

er ergötzte sich daher oft an kleinen Jagdausflügen.

Am 21. September war das Wetter andauernd herbstlich und so

unfreundlich und kalt, daß man die Winterkleider hervorholen mußte.

Der Himmel war so finster und staubtrübe, als wäre er mit Regenwolken

bedeckt. Es war, wie gewöhnlich, der östliche Wind, der den Staub

mitführte; der Westwind ist stets klar und rein. Den ganzen Tag hielt

der Ostwind an. Der Karawane war er sicher willkommen, uns aber war

er es nicht, denn er wirkte sehr nachteilig auf den Gang der Fähre

ein: hatten wir ihn mit uns, so ging es zu schnell, und hatten wir

ihn entgegen, zu langsam, und sobald sich der Fluß schlängelt, hat

man den Wind von allen möglichen Seiten. Die stauberfüllte Luft

beschränkt den Umfang der Aussicht. Wo der Fluß für eine Weile gerade

ist, verschwindet seine breite Wasserfläche wie in weiter Ferne, und

man kann nicht, wie bei klarem Wetter, von den dunkeln, waldigen

Landspitzen darauf schließen, nach welcher Seite die nächste Kurve

abbiegt.

In gewaltigen Krümmungen ging es weiter den Tarim hinunter. In einer

scharfen Biegung unterhalb von +Scheitlik+, wo der Fluß nach

Süden umschwenkt, wurden 6 Meter Tiefe gemessen, und die Strömung war

trostlos langsam. Hätte ich nicht die Karte vor mir gehabt, so hätte

ich aus dem Flusse gar nicht mehr klug werden können, denn er fließt

nach allen Himmelsrichtungen. Im großen ganzen geht er nach Nordosten,

doch nicht selten treiben wir eine Weile nach Südwesten.

Dowlet leistet mir treu Gesellschaft, Jolldasch aber bleibt unter Deck.

Er hat Schläge bekommen, weil er einen unverschämten Besuch bei der

Proviantniederlage gemacht hat, und schämt sich jetzt. Wenn sich aber

Männer und Herden und besonders Hunde an den Ufern zeigen, kommt er wie

ein Pfeil hervorgeschossen, um Dowlet vom Vorderdecke aus bellen zu

helfen. Mir machten die Gesellschaft der Hunde und auch ihre Streiche

an Bord großes Vergnügen; sie hatten sich vollständig an unsere Art

zu reisen gewöhnt und streiften wie kleine Hausgeister umher. Wenn

ihnen die Ufer verdächtig erschienen, standen sie ganz vorn auf dem

Vorderdeck und verübten entsetzlichen Lärm, und sobald wir uns für die

Nacht lagerten, warteten sie nicht, bis die Landebrücke, eine Planke,

ausgelegt worden, sondern sprangen an Land, um einander spielend im

Walde zu jagen. Beim Abendessen leisteten sie mir Gesellschaft und

schliefen stets im Zelte.

Das Wasser war jetzt so kalt, daß die Männer nicht unnötigerweise

hineinsprangen. In ruhigen Krümmungen (Bulung) und im Walde waren die

Mücken schrecklich lästig und zudringlich. Es ist eine Art kleiner

grauer Mücken, die man nicht eher sieht, als bis sie einem zu Leibe

gehen und stechen; sobald es aber ein bißchen weht, sind sie fort. So

hat selbst die Windstille ihre Schattenseiten.

Am Ufer sahen wir eine große Schar Männer mit ihren Pferden; sie waren

abgestiegen und schienen uns zu erwarten. Es stellte sich heraus, daß

es der Bek von Aksak-maral war, der sich auf dem Wege nach Merket

befand und die Gelegenheit benutzte, einen Dastarchan aufzutischen, den

wir uns aus Höflichkeit gefallen lassen mußten.

Auch an diesem Abend wurde der Fluß gemessen. Wir machen gewöhnlich

etwas vor Sonnenuntergang Halt, damit wir fertig werden, ehe die

Dämmerung in Dunkelheit übergeht, und der Lagerplatz wird stets so

gewählt, daß alles Wasser in einem schmalen Bette von großem Gefälle,

an dessen Ufer es Brennholz gibt, vereinigt ist.

Zur Messung ist das kleine Boot mit seinen Rudern nötig, ferner der

Anker mit seinem Tau, eine lange Stange, Strommesser, Bandmaß, Uhr und

Notizbuch; Islam oder einer der Fährleute helfen dabei. Die Breite wird

direkt mit dem 50 Meter langen Bandmaße gemessen; ist der Fluß breiter,

so wird in den Grund eine Stange als Merkzeichen gestoßen. Nachher

wird auf einer Reihe von in gerader Linie liegenden Punkten die Tiefe

gemessen, und an denselben Punkten in zwei oder mehreren verschiedenen

Tiefen die Geschwindigkeit des Wassers festgestellt. Beim Lager von

+Att-pangtsa+ betrug die Wassermenge 59,1 Kubikmeter in der

Sekunde. Der Fluß nimmt also immerzu ab, was jedoch für das Auge nicht

sichtbar ist; jeder Teil des Bettes enthält ungefähr ebensoviel Wasser

wie bisher, aber die Geschwindigkeit nimmt ab.

Am Morgen des 22. September flog eine Anzahl Gänse in wohlgeordneter

Phalanx nach Südwesten; wahrscheinlich ist Indien ihr Ziel. Am rechten

Ufer geht vom Flusse ein schmaler Kanalarm ab, der eine in der Nähe

liegende Mühle treibt. Er zeigt das eigentümliche Verhältnis, daß das

Land hier niedriger ist als die Oberfläche des Flusses, selbst bei

dessen gegenwärtig niedrigem Wasserstande.

Zwischen den Bäumen des linken Ufers erblickten wir einige Wanderer;

sie schienen auf uns zu warten. Bald erkannten wir Sirkin, Nias Hadschi

und den On-baschi von Ala-aigir. Sie wurden aufgefordert, uns nach

diesem Orte, wo die Karawane seit ein paar Tagen der Ruhe pflegte, zu

begleiten. Da sie an Wasserreisen nicht gewöhnt waren, machte ihnen die

Abwechslung viel Vergnügen.

Der Tograkwald war bedeutend größer als bisher, und manchmal glitten

wir unter schattigen Gewölben so still und feierlich wie eine

Prozession hin. Der Wald stand am üppigsten auf dem konkaven Ufer der

scharfen Krümmungen, wo das Wasser sich das ganze Jahr hindurch den

Wurzeln nähert.

Als wir vor Ala-aigir vorbeifuhren, mußten unsere Männer wieder an

Land gesetzt werden; nun erst waren wir endgültig von der Karawane

abgeschnitten. Sie erhielten Auftrag, Parpi Bai, meinen alten treuen

Diener von meiner ersten Reise durch Asien, der jetzt in Kutschar

wohnte, nach Karaul zu schicken, um dort unsere Ankunft zu erwarten.

In der +Togluk+ (Verdämmung) genannten Gegend blieben wir die

Nacht. Sobald ich den Lagerplatz ausgewählt und „Halt“ gerufen habe,

stößt Palta seine lange Stange in den Grund, stemmt den Fuß gegen einen

Querbalken und zwingt mit seiner ganzen Schwere das Achter der Fähre,

sich in einem Bogen nach dem Ufer hinzudrehen, wo einer der Leute mit

dem Tau in der Hand an Land springt.

In einer scharfen Biegung gerieten wir in den Wirbel der Gegenströmung

und hatten alle Mühe wieder herauszukommen; die 5 Meter langen Stangen

erreichen nicht den Grund, und der Wirbel versucht uns festzuhalten. Es

bleibt uns kein anderer Ausweg, als mit einem Tau an Land zu rudern und

dann die Fähre so weit zurückschleppen, bis sie wieder in der Strömung

ist.

Darauf erreichen wir den Punkt, wo sich der Fluß in zwei Arme teilt.

Der linke, kleinere heißt Kona-darja; durch ihn strömt Wasser nach

Maral-baschi; der rechte, Jangi-darja, ist das Hauptbett des Flusses

und soll sich erst vor vier Jahren gebildet haben. Aksak-maral gerade

gegenüber vereinigen sich beide Betten wieder. Der Jarkent-darja hat

also auch hier einen Schritt nach rechts getan, und wir sollten bald

finden, daß das Flußbett immer veränderlicher wurde, je weiter wir

flußabwärts kamen. Diese Veränderlichkeit erreicht ihr Maximum im

Lopgebiete, wo das Flußbett periodenweise wie ein Pendel hin und her

schwankt, was mit Veranlassung zu der wechselnden Lage des Lop-nor gibt.

Gleich unterhalb des Hauptarmes, der auch Kötteklik heißt, weil an

seinen Sandbänken Treibholz und Stücke von verdorrten Pappeln in großer

Menge hängengeblieben sind, rasteten wir eine Weile. Die Fährleute

erklärten, wir seien einer gefährlichen Stelle, von der wir in der

letzten Zeit viel reden gehört, ganz nahe. Schon in Lailik hatte man

uns gesagt, daß im Kötteklik ein etwa 10 Meter hoher Wasserfall sei;

jetzt schrumpfte er freilich auf einen Meter zusammen, wir würden aber

doch, um glücklich hinüberzukommen, 30-40 Mann zur Hilfe brauchen.

Die einzig mögliche Art weiterzukommen sei, das ganze Gepäck an Land

zu bringen und die Fähre über den Fall zu ziehen. Der On-baschi von

Ala-aigir wurde daher beauftragt, etwa 20 Mann aufzutreiben und sich am

nächsten Morgen in aller Frühe mit ihnen einzustellen.

Der ruhige, klare Tag war noch nicht weit vorgeschritten, und ich

beschloß daher, mit der Fähre bis an den Wasserfall zu gehen, um die

Stelle genauer in Augenschein zu nehmen. Wir glitten flußabwärts,

zwischen Holmen von Treibholz hindurch, wo die Strömung stark und der

Durchgang oft so eng war, daß die Fähre nur eben hindurchkam. Einen

großen Teil des Weges mußten die Männer, im Wasser gehend, die Fähre

schleppen, damit sie sich nicht festklemmte, und dennoch fuhr sie

nicht selten an einem gesunkenen Pappelstamme fest. Blieb sie mit

irgendeinem Punkte des Vorderteiles hängen, so drehte sie sich ganz

herum. Es veranlaßte allgemeine Heiterkeit und eifriges Rufen, wenn die

vordersten Männer ganz unvermutet in tiefes Wasser gerieten und ein

gründliches Bad nahmen, ehe sie den Rand der Fähre ergreifen und über

die Reling klettern konnten.

So erreichten wir eine Stelle, wo das Wasser mit beunruhigendem Getöse

brauste und rauschte. Die Männer erklärten, dies sei der erste Katarakt

(+Scha-kurun+). Er sah sehr unschuldig aus, und seine Schwelle war

nicht höher als 10 Zentimeter. Die Fähre glitt leicht hinüber, ohne

sich im mindesten auf die Seite zu legen. Zwei folgende Fälle waren

ebenso unbedeutend. Einer hatte freilich tiefes Wasser, aber ein paar

Meter weiter unten war er wieder sehr seicht, weil das Wasser den Boden

unter dem Wasserfalle aushöhlt und dann gleich wieder ablagert.

Nachdem wir über diese „gefährliche“ Stelle hinweg waren, nahm der Fluß

sein altes Aussehen wieder an, war jetzt aber schmal und tief. Die

Fähre hatte die ganze Zeit über vortreffliche Fahrt. In einer scharfen

Krümmung ging es so schnell und das Schiff steuerte so energisch dem

konkaven Ufer zu, daß wir es nicht aufhalten konnten, sondern gegen das

Ufer prallten und sofort stehenblieben. Meine obere Tischkiste wäre

über Bord geschleudert worden, wenn Palta sie nicht noch rechtzeitig

festgehalten hätte.

Als wir bei einer einsamen Pappel in der Gegend von +Kötteklik-ajagi+

lagerten, langte unser On-baschi mit 20 Reitern an. Sie waren ganz

verdutzt, daß wir ohne ihre Hilfe über die Fälle gekommen, und mußten

nun wieder nach Hause zurückkehren.

Der Bek von Aksak-maral kam auf Besuch und wurde, da er in der Gegend

gut Bescheid wußte, eingeladen, uns ein paar Tage zu begleiten. Unsere

Art zu reisen interessierte ihn außerordentlich, er glaubte jedoch, daß

es während der Hochwasserperiode mit großen Schwierigkeiten verbunden

gewesen wäre, die Flußreise zu machen. Man hätte dann keine Stangen

finden können, die bis auf den Grund reichten, und die Fähre wäre

steuerlos mit der heftigen Strömung getrieben und in den Biegungen

mit solcher Wucht angeprallt, daß die Kisten vom Deck herabgeglitten

wären. Ein anderer Nachteil während einer früheren Jahreszeit wäre die

Hitze gewesen, und vor allem die Mücken, die noch im Herbst sehr lästig

waren. Wir hatten also die günstigste Jahreszeit gewählt.

Der Jangi-darja oder Kötteklik-Arm hatte bloß noch 36,9 Kubikmeter

Wasser in der Sekunde; 22,7 Kubikmeter, die durch den Kona-darja nach

Maral-baschi gehen, hatten wir verloren. Sollte es uns gelingen, mit

der Fähre weiterzukommen, wenn sich der Fluß noch einmal teilte?

Fünftes Kapitel.

Der verzauberte Wald.

Am 24. September machten wir eine lange, interessante Fahrt auf einem

neugebildeten Arme des Jarkent-darja. Wir brachen früh auf, nachdem wir

Abschied von Kasim-on-baschi genommen hatten, der jetzt nach Lailik

zurückkehrte und einen Teil des Lohnes der übrigen Leute mitnehmen

mußte. Diese Vorschüsse sollten an die Familien oder Eltern der Männer

abgeliefert werden.

Schon am Anfang ist der Fluß sehr tief und schmal, kaum 20 Meter

breit, und die Breite verringert sich später noch mehr. Nun führte

uns das Wasser in einen schwierigen, ungemütlich schmalen Durchgang,

der mit Treibholz überfüllt war. Oft war der fahrbare Kanal so eng,

daß die Fähre beide Seiten streifte und mit größter Behutsamkeit

manövriert werden mußte, um ihr Anprallen zu verhüten, was bei der hier

herrschenden starken Strömung, die sehr oft schäumende Strudel bildete,

hätte kritisch werden können. Auf jeder Ecke stand ein Mann mit einer

langen Stange und hielt das Schiff von den Gestrüpphaufen ab, und Kasim

diente mit der kleinen Fähre als Lotse. Die Jolle hatten wir an Bord,

da sonst ein verräterisch lauerndes Treibholzstück ihr dünnes, sprödes

Segeltuchgewebe hätte zerfetzen können. Am schlimmsten war es, wenn wir

im schnellen Fahren zwischen zwei Treibholzhaufen sitzenblieben, ohne

daß wir die Katastrophe verhindern konnten. Da mußten wieder alle Mann

ins Wasser und schieben, brechen und beim gemeinschaftlichen Anfassen

singen und das vor uns liegende Fahrwasser untersuchen.

Der Strom war zu einem unbedeutenden Flüßchen zusammengeschrumpft,

und es war Gefahr vorhanden, daß es uns nicht gelingen würde, alle

Hindernisse zu besiegen, die unserer sicher noch warteten, ehe wir den

Aksu-darja und den eigentlichen Tarim erreichten. An einigen Stellen

teilt sich der Fluß um wirkliche, bewachsene Inseln, und man zerbricht

sich den Kopf, ob einer der Arme trägt oder ob wir steckenbleiben und

die Fähre werden zurückschleppen müssen.

Schließlich erweiterte sich der Fluß, und man hat eine ausgedehnte

Aussicht nach Nordosten, wo sich eine einsame hohe Düne, Karaul-dung

(Wachthügel), erhebt. Vor sich hat man ein großes Haff oder seeartige

Erweiterung des Flusses, der jedoch bald wieder schmal wird. Wir wählen

einen Arm rechts herum, waren aber noch nicht weit gekommen, als wir

uns auch schon oberhalb einer Stromschnelle mit nur 6 Zentimeter Wasser

gehörig festfuhren.

Wir versuchten die Fähre zu schieben und zu schleppen, aber vergebens;

sie stand wie auf dem Grunde festgesogen. Alles schwere Gepäck wurde an

Land gebracht und Kisten und Proviant am Ufer aufgetürmt; dann schoben

wir mit vereinten Kräften, doch nur, um die Fähre noch tiefer in den

Lehm hineinzuschieben. Nun wurde der Bek beauftragt, aus dem in der

Nähe liegenden Aksak-maral Leute herbeizuschaffen. Einige seiner Diener

hatten uns den ganzen Tag am Ufer reitend begleitet, und der Bek konnte

sich also zu Pferd schleunigst nach dem Dorfe begeben. Er kam nach ein

paar Stunden mit 30 Leuten zurück, die aus allen Kräften zugriffen. Ich

ging mit gutem Beispiel voran, und unsere Bemühungen waren von Erfolg

gekrönt: die Fähre glitt ruckweise über die Stromschnellen, aber nur,

um eine Strecke weiter unten wieder unverbesserlich festzusitzen.

Da standen wir nun wieder, und ich überlegte schon, ob dies der

gefürchtete Punkt wäre, an dem wir von unserem Heim Abschied nehmen

müßten. Was sollten wir dann anfangen? Die kleine Fähre reichte

nicht entfernt für das Gepäck aus, und von der Karawane waren wir

abgeschnitten. Es wäre uns wohl nichts weiter übriggeblieben, als eine

neue Schiffswerft anzulegen, Schreiner und Schmiede aus Aksak-maral

kommen zu lassen und eine neue, kleinere und leichtere Fähre zu bauen.

Doch ich zitterte vor dem Zeitverluste, da ich wußte, daß das Wasser

tagtäglich fiel, und der Gedanke, daß die stolze Tarimfahrt schon hier

vielleicht unterbrochen werden müßte, schmerzte mich.

Nein! Wir +mußten+ über diese seichten Stellen hinweg, wo es keine

tieferen Stromfurchen gibt, wo das Wasser vielmehr über die ganze

Breite auf seichtem Grunde brodelt. Wir drehten die Fähre ein paarmal

im Kreise herum; hierdurch wurde der Tonboden so aufgelockert, daß wir

weiterschieben konnten und endlich über die Schnellen hinauskamen.

[Illustration: 15. Kurze Rast in der Wüste. (S. 24.)]

[Illustration: 16. Das Zelt meiner Leute in Lailik. (S. 26.)]

[Illustration: 17. Transport der Fähre nach dem rechten Flußufer. (S.

27.)]

[Illustration: 18. Bau der schwarzen Kajüte. (S. 28.)]

Unterhalb dieser war es wenigstens so tief, daß die Fähre eine

gute Strecke weit trieb, bis wir die letzten und größten Schnellen

erreichten, deren Schwelle 20 Zentimeter hoch war und wo das Wasser

einen geradlinigen Katarakt von Ufer zu Ufer bildete. Hier betrug die

Tiefe überall wenigstens ½ Meter, und die Strömung war so reißend,

daß die Männer ein Kentern der Fähre befürchteten. Der Sicherheit

wegen wurde wieder das ganze Gepäck an Land getragen; ich blieb allein

an Bord, um mit in den schäumenden Wasserfall hinunterzugehen, was die

Leute für sehr bedenklich hielten, da sie glaubten, daß das Schiff in

den kochenden Wirbeln unterhalb des Falles umschlagen würde. Sie zogen

die Fähre bis an den Punkt, wo die Wassermasse sich über die Schwelle

wälzte, und ließen sie los, nachdem sie ihr die rechte Richtung

gegeben; sie glitt so artig wie nur möglich über die Schwelle. Als sie

mitten darüber schwebte, fiel die vordere Hälfte klatschend auf das

Wasser, während die hintere von dem nachdrückenden Wasser emporgehoben

wurde. Gleich unterhalb des Falles wurde Halt gemacht.

Die Mücken waren am Abend eine schreckliche Plage. Sie traten in

ungeheuren Mengen auf, und vergebens versuchte man, sie sich vom Leibe

zu halten. Sie sind widerwärtige Quälgeister, besonders wenn man die

Hände voll Arbeit hat und halbnackt sein muß, um jeden Augenblick in

den Fluß springen zu können. Es scheint, als warteten sie nur darauf,

daß man komme, und man wundert sich, wovon sie leben, wenn man nicht da

ist.

Am anderen Tage fing der Ostwind wieder an. Der Wind und die Mücken

sind unsere schlimmsten Feinde. Allen beiden konnten wir nicht

entgehen, denn wenn es abends still ist, so wird man von den Mücken

gepeinigt, und bleiben diese aus, so geschieht es, weil es windig

ist. Weht es aber, so wird die Drift der Fähre gehemmt, und wird es

gar zu toll, so müssen wir lange Zeit stilliegen und auf Windstille

warten. Wir sehnen uns jetzt nur nach dem Punkte hin, wo unser Flußarm

sich wieder mit dem Kona-darja vereinigt, wo wir mehr Wasser unter

die Fähren zu bekommen hoffen und Hirten an den Ufern wohnen. Längs

des neuen Armes fehlen die Menschen, denn er hat sich sein Bett durch

frühere Einöden gegraben.

Schließlich wurde der Wind zu unangenehm, und wir wollten nicht länger

auf diese Weise mit uns scherzen lassen. In einer einladenden Gegend

auf dem rechten Ufer, wo einige alte Pappeln im Sande wuchsen, lagerten

wir, und ich beschloß, nicht eher weiterzugehen, als bis der gräßliche

Wind aufgehört hätte. Der Ort hieß +Kum-atschal+ und lag in der

Wildnis. Doch wir hatten genügende Vorräte, darunter vier Schafe,

Hühner, Gemüse usw., und Brot wurde jeden Morgen am Lande auf dem

Lagerfeuer gebacken.

Eine Gans, die ursprünglich zum Proviant gehörte und bei Kasim auf

der Avisofähre hauste, machte allmählich Karriere und wurde ihres

tadellosen Betragens halber zur Schiffsgans ernannt. Sie war eine

klassische Erscheinung und watschelte frei auf der großen Fähre umher;

sie besuchte mich häufig im Zelte und war so zahm, daß sie kam, wenn

man sie rief. Nie machte sie einen Versuch, uns durchzubrennen,

obwohl sie eine gefangene Wildgans war, der man allerdings die Flügel

beschnitten hatte; bei den Lagerplätzen schwamm sie auf dem Flusse

umher, kehrte aber stets von selbst wieder nach ihrer Schlafstelle an

Bord zurück. Sie war lange bei uns; ich kann mich im Augenblick nicht

darauf besinnen, wo wir sie verloren, aber wir werden ihr im Laufe der

Erzählung wohl wieder begegnen. Vielleicht träumte sie dann und wann

von den Palmen und den Mangobäumen an den Ufern des Ganges, wenn sie

ihre freien Kameraden auf der Reise nach Indien über den Wald hinsausen

hörte.

Als die Dämmerung kam, wurde die schwarze Kajüte eingeweiht und der

Abend dem Entwickeln der Platten gewidmet. Alle die kleinen Löcher,

durch die schwaches Licht eindrang, wurden verstopft und die Fenster

mit schwarzen Filzmatten verhängt. Zuber und Bottiche wurden mit klarem

Wasser aus einem See in der Nähe gefüllt und ein Licht im Zelte dicht

vor dem roten Fenster angezündet. Das Atelier war auf diese Weise

ausgezeichnet, und es gefiel mir darin so wohl, um so mehr als die

Platten gut ausfielen, daß ich beschloß, noch den folgenden Tag zu

bleiben und mit der Arbeit fortzufahren; wir konnten den Tag mit gutem

Gewissen opfern, denn der Wind wehte noch ebenso eigensinnig.

Ich arbeitete bis 3 Uhr früh und war daher ein wenig verdrießlich, als

Islam mich am 27. September um 7 Uhr weckte. Als er mir aber mitteilte,

daß das Wetter ruhig und schön sei, sprang ich pfeilschnell auf und gab

Befehl, den Anker zu lichten.

Hier wurde der Bek entlassen und zog mit seinen Leuten, die nun nicht

länger gebraucht wurden, sondern nur am Proviantvorrate zehren halfen,

wieder heim. Nur einer von ihnen, Muhammed Ahun, der ein Jäger (Pavan)

war und die Gegend gut kannte, fuhr mit uns weiter.

In einer Kurve mit gewaltiger Strömung wurde die Fähre dicht an

das rechte Ufer getrieben, wo ein paar Meter davon im Flusse eine

absterbende Pappel stand und dem Brodeln des Wassers um ihren Stamm

herum lauschte. Wir wurden sie zu spät gewahr, und die Leute konnten

das Schiff nicht rechtzeitig abbringen; es rieb sich knirschend an

dem Stamme entlang, und die mächtigen Zweige hätten beinahe das

Zelt heruntergefegt, begnügten sich aber damit, nur ein Stück davon

abzureißen. Das meteorologische Häuschen schwebte einen Augenblick in

der größten Gefahr, doch gelang es mir noch, es zu retten.

Endlich mündet von links das breite, jetzt trockene Bett des Kona-darja

ein, der von Maral-baschi kommt, aber nur im Hochsommer Wasser führt.

Ist es windstill, so kann man an dem Muster und der Zeichnung der

Wasserringel sehen, wo die Strömung geht; doch wenn es wie heute

weht, so verschwindet diese wegweisende Zeichnung unter der leichten

Kräuselung der kleinen Wellen. Man fühlt sich ordentlich erleichtert,

wenn die Wassermasse des Flusses in einer einzigen Biegung strömt, man

ungehindert und ohne Anstrengung auf tiefem Wasser an der Jar(Ufer)wand

entlang gleitet und von Ufer und Wald geschützt wird.

Im großen betrachtet geht der Jarkent-darja hier nach Nordosten,

bisweilen richtet sich sein Lauf aber nach Norden, Ostnordost oder

sogar nach Ostsüdost. Diese Strecken bilden die phantastische krumme

Linie von Biegungen und Windungen; in diesen Krümmungen schlängelt

sich noch dazu die Strömung von einem Ufer zum anderen, und alle diese

Verhältnisse tragen dazu bei, unseren Weg zu verlängern.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 5 / 42 段