gelegt, das Gepäck an Bord gebracht und das Küchengeschirr in der
Nähe des Herdes auf dem Achterdeck geordnet. Das Zelt wurde auf der
Plattform aufgeschlagen, seine herabhängenden Säume an den Außenrändern
des Bretterfußbodens festgenagelt und im Inneren ein in munteren Farben
gehaltener Teppich ausgebreitet. Das Möblement wurde so eingerichtet,
daß das Feldbett an die Backbordlängsseite gestellt wurde und an
seinem Fußende eine der Kisten stand; die beiden anderen standen auf
der Steuerbordseite und dienten auch als Tische, auf denen stets eine
Menge Instrumente, Karten und andere Dinge in malerischer Unordnung
umherlagen. Am vorderen Rande der Plattform, in der Zeltöffnung selbst,
hatte ich meinen aus der Proberöhrenkiste bestehenden Arbeitstisch,
dessen Untergestell ein Koffer mit Winterkleidern bildete. Das Futteral
des großen photographischen Apparates diente mir als Arbeitsstuhl.
Öffnete ich die hintere Zelttür, so hatte ich freien Zutritt zum
Kajütendach, auf dem allerlei Sachen, die nicht vom Wind fortgeweht
werden konnten, wie Segel und Ruder, Strommesser u. dgl., aufbewahrt
wurden. Hier war auch das Wetterhäuschen aufgestellt. Es umschloß
den Baro- und Thermographen, die Maximal- und Minimalthermometer,
das Psychrometer und drei Aneroide. Der Windmesser stand obendrauf;
doch was er während der Flußreise mitzuteilen hatte, war von geringer
Bedeutung, denn das Flußtal war durch Wälder und hohe Ufer geschützt,
die den Wind zum großen Vorteile für den ungestörten Gang des Schiffes
abhielten. Was Baro- und Thermograph auf vierzehntägigen Streifen
aufzeichneten, war von größerem Interesse: man sah deutlich, wie das
Barogramm das langsame Abfallen des Flusses nach Osten angab, während
die gezähnte Linie des Thermogrammes immer niedriger wurde, je weiter
der Herbst vorschritt und je mehr der Winter herannahte.
Die Fähre lag dem linken Ufer so nahe, als es die hier angehäufte
Sandbank erlaubte. Doch um dorthin zu gelangen, mußte man eine
ziemliche Strecke in dem seichten Wasser waten. Mit aufgekrempelten
Kleidern zog eine ganze Karawane von Dörflern und Kindern zum letzten
Lebewohl hinaus und bestürmte uns noch einmal mit Geschenken, die
eiligst bezahlt wurden (Abb. 21).
Das Bild, das sich dem Blicke an Bord darbot, war so ansprechend und
urgemütlich, daß ich die, welche im Wasser stehen blieben und uns
lautlos die große Wasserstraße hinunterziehen sahen, beinahe bedauerte.
Sie hatten den Vorbereitungen mit skeptischer Miene zugesehen und waren
erstaunt darüber, wie gut sich schließlich alles gestaltet hatte.
Es war Punkt 2 Uhr, als ich Befehl zum Aufbruch gab. Die Fährleute
stießen das Schiff mit ihren langen Stangen in die Stromrinne hinaus,
die Ufer glitten vorbei, und nach der ersten Biegung verschwanden die
erinnerungsreichen Gegenden von Lailik und Merket.
Ich ließ mich sofort am Schreibtische nieder, wo ich monatelang wie
festgenietet sitzen sollte; hier hatte ich meine Kommandobrücke und
meinen Observationsplatz (Abb. 23). Ein Stück weißes Papier lag bereit;
das erste Kartenblatt, Kompaß, Uhr, Diopter, Zirkel, Feder, Messer,
Gummi, Fernglas usw., alles war zur Hand, und der Tisch stand so weit
vor in der Zeltöffnung, daß ich sowohl nach vorn wie nach den Seiten
freie Aussicht auf die Landschaft hatte. Jolldasch und Dowlet fühlten
sich vom ersten Augenblick an völlig heimisch; während der heißen
Stunden des Tages lagen sie keuchend unter Deck, in der Dämmerung aber
kamen sie hervor und leisteten mir im Zelte Gesellschaft.
Wenn der Leser sich wundert, weshalb ich eigentlich diese Flußreise
unternahm, und fragt, welchen Gewinn in geographischer Hinsicht ich
von ihr erwartete, so antworte ich, daß dies erstens der einzige
Weg durch ganz Ostturkestan war, den ich noch nicht kannte, und daß
zweitens bisher noch nie eine Karte vom Laufe des Tarim aufgenommen
worden war. Von Maral-baschi bis Jarkent waren Pjewzoff, ich und noch
ein paar andere Reisende auf dem Karawanenwege am Flusse hingezogen,
zwischen Schah-jar und Karaul waren Carey und Dalgleish und später
auch ich durch die Uferwälder gegangen, und längs des untersten Teiles
des Laufes war zuerst Prschewalskij, dann Prinz Heinrich von Orléans
und Bonvalot, Pjewzoff, Littledale und zuletzt ich entlang gewandert.
Aber die Wege und Stege, die dem Flusse folgen, berühren nur hin und
wieder seine Krümmungen: die Wege sind, als wären sie zwischen den
äußersten Kurven der Flußbiegungen auf einem der Ufer gezogen worden.
Durch sie erhält man keinen Begriff von dem Verlaufe, dem Aussehen
und den sonstigen Eigentümlichkeiten des Flusses. Unsere Kenntnis des
Tarim war bisher auf derartige flüchtige Beobachtungen von geringem
Werte gegründet gewesen. Als ich schließlich meine große Karte vom
Tarim fertig hatte, fand ich, wie unähnlich ihr das bisherige Bild
des Flusses war. Es war dies eine geographische Eroberung, die der
Monate, die ihr geopfert worden, wohl wert war. Nie ist die Karte
eines außereuropäischen Flusses so genau aufgenommen worden. Und
wie interessant war es, das ganze Leben des Flusses so eingehend zu
studieren, sein Steigen und Fallen, sein von verschiedenen Ursachen
herrührendes Pulsieren, seine launenhaften Formationen und sein
wechselndes Aussehen in verschiedenem Terrain! Nicht allein, daß ich so
in täglicher, ununterbrochener Arbeit Material zu einer außerordentlich
eingehenden Monographie über den größten Fluß des innersten Asien
sammelte und einen Weg wählte, dem bisher noch nie jemand gefolgt war,
sondern ich machte auch eine so idyllische, so angenehme Reise wie noch
nie. Wenn man gewohnt ist, zu Pferd zu reisen oder die Gegenden von
dem Rücken eines sich wiegenden Kameles aus zu betrachten, ist es ein
Genuß sondergleichen, sich von der Strömung eines ruhigen, friedlichen
Flusses befördern zu lassen, die ganze Zeit an seinem Arbeitstische im
Schatten zu sitzen und sich die Landschaft entgegenkommen zu lassen,
die sich selbst aufrollt wie ein ständig wechselndes Panorama, dem
man wie von seiner abonnierten Theaterloge aus folgt und zusieht.
Und es war ein großer Genuß, die ganze Zeit zu Hause zu sein, sein
Arbeitszimmer, seine Schlafstube und seine Instrumente Tag und Nacht
bei sich zu haben und sein Haus wie eine Schnecke durch das ganze
innerste Asien mitzunehmen.
Meiner Ansicht nach hatte ich es weit besser und gemütlicher als auf
einem europäischen oder amerikanischen Flußdampfer. Denn erstens war
ich allein und brauchte mich vor niemand zu genieren. Wenn es mir zu
heiß wurde, konnte ich mich entkleiden und vom Schreibtische direkt
ins Wasser springen, was auf einem europäischen Dampfer nicht üblich
ist, und ich konnte bleiben, wo und wie lange ich wollte, wenn wir an
einer Stelle vorbeiglitten, die in irgendeiner Beziehung einladend
aussah. Meine Mahlzeiten wurden mir am Schreibtische serviert, wann
es mir paßte, und wenn sie auch weniger lukullisch waren als die
europäischen, so haben mir diese dagegen selten so gut geschmeckt wie
die an Bord meiner eigenen Fähre. Frisches Wasser und eine Luft, die
der balsamische Duft der Pappeln alle Augenblicke erfüllte, hatten
wir reichlich zur Verfügung. Ich hatte Bilder von denen, welche ich
liebte und für die ich betete, in meiner Nähe aufgestellt und begegnete
täglich ihren Blicken, die mich auf meiner einsamen Wanderung mit ihrer
Liebe und guten Wünschen begleiteten, und es war herrlich, sich außer
Hörweite der Verleumdung und der eingebildeten Klugheit zu wissen,
welche der Unternehmungslust ebenso treu und sicher folgen wie die
Delphine im Kielwasser eines Schiffes. Auf den provisorischen Tischen,
die jedoch ihren Zweck vollständig erfüllten, lagen Bücher; ich hatte
aber selten Zeit, darin zu lesen, denn jede Minute war von Arbeiten,
die getan werden mußten, in Anspruch genommen. Und diese Arbeiten
interessierten mich in solchem Grade, daß der Fluß doppelt so lang
hätte sein können.
Viertes Kapitel.
Zweitausend Kilometer auf dem Tarim.
Unwiderstehlich trug die langsam und schwer dahingleitende Wassermasse
unser Schiff auf ihrem breiten Rücken vorwärts; daß wir ebenso schnell
wie die Strömung trieben, sah man leicht an den Treibholzstücken auf
dem Flusse, die uns stundenlang begleiteten. Es war warm und still. Nur
dann und wann ertönte das Gurgeln eines Wasserwirbels oder das Rauschen
des Wassers gegen einen an einer Sandbank hängengebliebenen Baumzweig;
ab und zu wurde die Stille von den Stangen unterbrochen, wenn die
Fährleute, vom Avisomann Kasim gewarnt, sie ins Wasser stießen, um
einer Untiefe auszuweichen.
Wir waren noch nicht lange unterwegs, als auch schon Gruppen von
Landleuten und Frauen mit ihren Melonen, Schafen und anderen Dingen
die Ufer garnierten. Aber dies lockte uns nicht mehr; wir wollten
nicht bleiben und brauchten keine Verstärkung unserer mehr als
reichlichen Verproviantierung. Der Tarim macht die tollsten Krümmungen;
nacheinander treiben wir nach Nordwesten, Südosten, Norden, Nordwesten
und Nordosten. Schon lange Strecken vorher sieht man an den Grenzlinien
des Waldes, wo sich der Flußlauf seinen Weg im Terrain gesucht hat. Bei
+Kalmak-jilgasi+ hatten sich eine Menge Leute versammelt. Da wir
auch hier nicht hielten, liefen sie uns mit ihren Gaben nach, wateten
schließlich an einer seichten Stelle in den Fluß (Abb. 22), kletterten
auf die Fähre und legten ihre Waren auf dem Vorderdeck neben meinem
Arbeitstische nieder. Es stellte sich heraus, daß es Frauen, Kinder
und Verwandte unserer Bootsleute waren, die uns so überlistet hatten.
Es gab keinen anderen Ausweg als anzunehmen, sich zu bedanken und zu
bezahlen, was ich um so freigebiger tat, als ich es war, der die vier
Männer ihren Familien entrissen hatte.
Nach halbstündiger Fahrt saßen wir zum ersten Male fest, aber der
Stoß war so schwach, daß man das Stillstehen der Fähre kaum bemerkt
haben würde, wenn man nicht gesehen hätte, wie das Wasser auf beiden
Seiten an uns vorbeiströmte. Die Leute sprangen ins Wasser und
machten die Fähre ohne Schwierigkeit durch Schieben wieder flott.
Bei jedem Festsitzen benutzte ich die Gelegenheit zum Messen der
Stromgeschwindigkeit. In den konkaven Kurven ist die Uferterrasse bis
zu 3 Meter hoch, und oft fallen große Lehm- und Sandklumpen plumpsend
herunter. Noch bedurfte es keines Führers; die Fährleute kannten
mehrere Tagereisen stromab den Namen jeder Uferstrecke und jeder
Waldpartie. Die Namen sind stets in einer oder der anderen Beziehung
bezeichnend und lehrreich. So heißt eine von einer scharfen Biegung
gebildete Halbinsel Araltschi, weil sie beinahe einer Insel gleicht;
eine Waldgegend Tonkuslik, weil dort Wildschweine vorkommen; ein
schmaler Teil des Flusses Kalmak-jilgasi (Mongolenpassage), weil in
alten Zeiten Mongolen an den Ufern gewohnt haben sollen. Bei einer
nach ihrem Erbauer Muhammed Ili-lenger genannten Poststation an dem
großen Karawanenwege, der uns hier bei einer Biegung nach links nahe
ist, hat der Fluß vor zwei Jahren auf eine kurze Strecke seinen Lauf
verändert; das alte Bette heißt Eski-darja (der alte Fluß). Solche
Launenhaftigkeiten des Flußbettes wurden oft beobachtet und stets auf
der Karte eingetragen. In den verlassenen Betten bleiben gewöhnlich
kleine, klare Wasseransammlungen (Köll = See) stehen.
Abends wurde man von dem starken Sonnenlicht in den westlichen
Biegungen und der glänzenden Straße, die auf der Wasserfläche zitterte,
etwas belästigt, ging es aber nach Norden oder Osten, so war die
Beleuchtung herrlich.
Die Proviantfähre gewährte mit all ihrem Gemüse und ihren Melonen
einen ländlichen Anblick; dort gackerten Hühner und krähte ein Hahn --
ihre Aufgabe war, mich mit frischen Eiern zum Frühstück zu versehen.
Einige Schafe hatten ihre Freistatt auf der großen Fähre in einem
kleinen Gehege auf dem Achterdeck, wo sie in schönster Ruhe ihr
Futter verzehrten. Doch ihre Tage waren gezählt; das erste wurde in
+Gasanglik+ geschlachtet, wo wir die Nacht blieben.
Wenn die Tagereise zu Ende ist, muß zuerst die Fähre festgemacht
werden, damit sie während der Nacht nicht ins Treiben gerät (Abb. 24).
Die Leute bringen am Ufer ihr Lager in Ordnung, um ein Feuer herum,
auf dem bald die Teekannen summen und das Abendessen bereitet wird.
Ihre Betten bestehen aus einer Unterlage von Filzmatten (Kigis) und
das Deckbett bildet der Schafpelz (Pustun). Ich saß lange an meinem
Schreibtisch und arbeitete in der stillen Nacht. Die Ruhe wurde nur
unterbrochen durch Sandrutsche an den Biegungen, wo die Erosion
ihre Minierarbeit ausführt. Manchmal klatscht es auf, als wäre ein
Krokodil ins Wasser gegangen, doch solche Tiere gibt es im Tarim
glücklicherweise nicht. Die Mücken waren lästig, bald aber würde ihnen
die Nachtluft zu kalt für ihr Spiel. Der Mond goß sein Silberlicht über
die breite Wasserstraße aus, die sich im Norden wie eine Gasse öffnete.
18. September. Der erste Morgen an Bord war frisch und kühl. Ich
schlief stets in meinem Zelte, und es war schön, nicht vor Skorpionen,
die an den Ufern ziemlich häufig sind, auf der Hut sein zu müssen.
Eine Folge der Strömungsverhältnisse am Lagerplatze war, daß sich im
Laufe der Nacht eine Menge Sand und Schlamm um die Fähre herum anhäufte
und die Männer eine gute Weile arbeiten mußten, um sie loszumachen.
Währenddessen trank ich meinen Morgentee; erst um 9 Uhr waren wir flott
und glitten wieder den großen Fluß hinab, der hier jedoch noch recht
einförmig war. Nur wenn man an den steilen Ufern (Jar oder Kasch =
Strandterrasse, vgl. Jarkent, Kaschgar) vorbeistreicht, die mit jungen
Pappeln, Gesträuch und jungen Hagedornhecken bekleidet sind, deren
Wurzeln aus dem Uferwalle herauswachsen und ins Wasser hinabhängen,
kann man manchmal recht hübsche Partien passieren.
Unsere Kemitschi sind ausgezeichnete Leute, die sich vorzüglich
anlassen. Sie heißen Kasim Ahun, Naser Ahun, Alim Ahun und Palta; ein
fünfter Mann, Kasim-on-baschi, begleitete uns nur die ersten Tage, um
im Anfang mitzuhelfen. Alle sind ebenso mit dem Manövrieren der Fähre
wie mit den Eigentümlichkeiten des Flusses vertraut und können es in
den meisten Fällen schon der Form der Ufer und dem Kochen und Ringeln
des Wassers auf der Oberfläche ansehen, wo es tief oder seicht ist. Oft
werden die Sandbänke mitten im Flusse durch Treibholz, Pappelstämme,
Reisigbündel und Schilfgarben, die in Drift geraten und hängengeblieben
sind, angegeben. Liegt eine tückische Sandbank dicht unter der
Oberfläche, so verrät sie sich doch gewöhnlich dadurch, daß das Wasser
über ihr ruhig ist und dann gleich unterhalb der Bank eine Stromgasse
bildet.
Ich unterscheide in der Folge zwischen konkavem und konvexem Ufer; das
konkave ist dasjenige, welches direkt der von der Zentrifugalkraft
bestimmten Erosionskraft der Wassermasse ausgesetzt ist und wo die
2 oder 3 Meter hohe Uferwand da lotrecht abgeschnitten ist, wo die
Hauptmasse des Wassers strömt, wo wir also die größte Tiefe und die
stärkste Geschwindigkeit finden. Das konvexe Ufer hingegen tritt in
einer Biegung auf, sei es nach rechts oder nach links, und wird von den
Eingeborenen fälschlich „Aral“ oder „Araltschi“ (Insel) genannt. Es ist
eine flache, halbmondförmige, scharf markierte oder stumpfe Anhäufung
von Schlamm, den seichtes, langsamfließendes Wasser hier während der
Hochwasserperiode abgesetzt hat. Hätten wir die Reise anderthalb Monate
früher angetreten, so wären diese Schlamminseln überschwemmt gewesen,
der Weg wäre etwas kürzer und die Geschwindigkeit größer geworden.
Schon jetzt war der Fluß so bedeutend gefallen, daß die noch vorhandene
Wassermenge nur die eigentliche Erosionsfurche des Flusses füllte, die
überall dicht an den konkaven Ufern hinläuft, d. h. zu alleräußerst in
allen Krümmungen nach rechts und links, wodurch die Länge des Weges
größer wird und das Abschneiden der äußersten Biegungen unmöglich
gemacht ist. Für eine genaue Kartenaufnahme des Tarim war jedoch dieser
Umstand ein Vorteil, denn die seichten Stellen lagen nun offen da, und
man bekam einen deutlichen Begriff von der Plastik des Bettes.
In den Gegenden, wo wir uns jetzt befanden, war der Lauf des Flusses
noch einigermaßen gerade, und ich machte in 25 Minuten nur eine
Peilung. Aber bald änderten sich die Verhältnisse, und die Pausen
zwischen den Peilungen überstiegen selten 3 oder 4 Minuten. Ich konnte
kaum die Aufzeichnungen abschließen, bis wieder eine Peilung gemacht
werden mußte, und die Kompaßnadel schwankte von einer Zahl zur anderen.
Der Fluß fällt nicht regelmäßig, sondern ruckweise, so daß um die
Schlamminseln und die Halbinseln herum scharf markierte Erosionsränder
entstehen. Doch sowie der Schlamm getrocknet ist, fällt er ab und man
hört ihn überall ins Wasser plumpsen.
Eine vorspringende Landspitze heißt „Tumschuk“. Unterhalb einer
solchen entsteht gewöhnlich eine Unterwasserbank, die bei noch
niedrigerem Wasserstande freigelegt ist. Für uns waren solche
Stellen die schlimmsten. Fuhren wir trotz aller Anstrengungen der
Leute fest, so sprangen sie sofort ins Wasser und schoben uns flott.
Das Aufgrundstoßen war bei dem weichen Boden so unmerkbar, daß ich
gewöhnlich erst dann etwas davon gewahr wurde, wenn die Männer
riefen „Laiga tegdi“ (ist auf den Lehm geraten), „Toktadi“ (ist
stehengeblieben) oder „Turdi“ (hat sich festgefahren), „Tüschdi“ (ist
abgeglitten, eigentlich fiel). „Mangdi“ oder „Mangadi“ (es geht) sind
Ausrufe, welche verkünden, daß wir die Fahrt wieder aufgenommen haben.
Stieß das Vorderteil auf, so drehte sich die Fähre im Kreise herum
und der Kopf wurde einem so schwindlig wie in einem Karussell. Die
Landschaft veränderte ihr Aussehen in einem Augenblick, und die Sonne
schien verrückt geworden zu sein; eben hatten wir sie im Rücken, und
nun stand sie vor dem Vorderschiffe.
Die Erscheinungen im Flusse, welche ständig wiederkehren, bezeichnen
die Eingeborenen mit besonderen Namen. Kleine Strömungsanzeichen
über einer Untiefe heißen „Kainagan-su“ (kochendes Wasser) oder
„Kainagan-lai“ (kochender Schlamm). Wenn der Fluß sich teilt, spricht
man einfach von dem linken und rechten Flußarme; ist der eine kleiner,
heißt er „Kitschik-darja“ (kleiner Flußarm) oder „Partscha-darja“
(Flußteil); eine Sackgasse heißt „Bikar-darja“ und ein verlassener Arm
„Eski“- oder „Kona-darja“, und wenn er eine isolierte Wasseransammlung
enthält, „Köll“. Wenn der Fluß sich teilte, schwebten wir gewöhnlich in
der größten Ungewißheit darüber, welchen Arm wir wählen sollten, und
wir machten dann nicht selten Halt, um die Stelle mit der Jolle genauer
zu untersuchen und zu peilen.
Im Vorderschiff hat mein Freund Palta (Abb. 25) seinen Platz; mit
nackten Beinen und bereitgehaltener Stange saß er da, beobachtete
aufmerksam den Fluß und folgte genau der von Kasim im Avisoboot
angegebenen Richtung. Gewöhnlich sang er in schwermütigen Rhythmen ein
Lied von den Abenteuern eines Königs, interessierte sich aber, ebenso
wie seine Kameraden, stets sehr für das Navigieren und das Leben an
Bord.
In einer Linksbiegung berührten wir die Landstraße nach Maral-baschi
und sahen von fern die Pappeln an dem Stationshause Meinet. Ein Mann
saß auf einer Landspitze und erwartete uns, um Grüße von der Karawane
auszurichten. Die Kosaken hatten ihn gebeten, uns einen Napf Milch zu
bringen, den wir im Vorbeifahren auffingen; er muß aber lange auf uns
gewartet haben, denn die Milch war schon sauer.
Bei +Besch-köll+ (die fünf Seen) wurde eine Flußmessung
vorgenommen. Das Bett war 86,4 Meter breit und hatte 2,22 Meter größte
Tiefe, die Geschwindigkeit betrug 42,4 Meter in der Minute, und die
Wassermenge belief sich auf 84,7 Kubikmeter in der Sekunde.
Am 19. September wurden neue Erfahrungen in der Flußschiffahrt gemacht.
Von frühmorgens an wehte eine lebhafte, frische Nordwestbrise, und
wir fanden bald, daß sie die Fahrt der Fähre nicht nur in hohem Grade
hemmte, sondern sie an breiten Passagen mit langsamer Strömung und
Gegenwind auch gänzlich zum Stillstehen brachte. Das Zelt und die
schwarze Kajüte gaben einen Windfang ab, und die kleine Proviantfähre,
der jeglicher Oberbau fehlte, hatte jetzt stärkere Fahrt.
Der Lauf des Flusses ging eine gute Weile nach Norden, und der
Nordwestwind, der 3,71 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde hatte, war
uns hinderlich. Die Männer mußten unaufhörlich auf der Steuerbordseite
stoßen und schieben, um einen Anprall an das rechte Ufer zu verhindern.
Ein heftiger Windstoß entführte mein schönes Kartenblatt, das aber weit
davon mit der Jolle wieder aufgefischt wurde; es war zu kostbar, um den
Göttern des Flusses geopfert werden zu können.
[Illustration: 13. Übergang über einen Kanalarm unterhalb Kaschgar. (S.
23.)]
[Illustration: 14. In der Wüste zwischen Terem und Lailik. (S. 23.)]
Als wir später nach Osten und Südosten umbogen, hatten wir den Wind
mit uns, und die Fähre ging 21 Meter schneller als die Strömung, die
heute 38,4 Meter in der Minute betrug. Bei der nächsten Biegung nach
Nordwesten war der Wind so heftig, daß wir halten mußten. Es ist
klar, daß die Karte ein falsches Bild von dem Flusse geben würde,
wenn man nicht stets den Einfluß des Windes auf den Gang der Fähre
berücksichtigte. Doch dies ließ sich sehr leicht dadurch erreichen,
daß während der Fahrt der Unterschied zwischen der Geschwindigkeit der
Strömung und der des Schiffes gemessen wurde.
Bei +Schäschkak+, wo wir lagerten, hatte das Ufer eine Höhe von
2,3 Meter. Wir mußten eine kleine Treppe in seine Wand graben, um
eine bequeme Verbindung zwischen der Fähre und dem Lande zu haben.
Hier wohnen vier Hirtenfamilien, die 200 Schafe, sowie Ziegen und
Kühe besitzen. Sie sind auch Ackerbauer und bauen Mais und Weizen bei
den Hütten; die Felder bewässert ein gegrabener Kanal. Daß selbst
diese schmalen Bewässerungskanäle den Fluß brandschatzen, versteht
sich von selbst. Die Hirten mußten uns alles, was sie über den Fluß
wußten, mitteilen und erzählten uns auch, daß ihre Waldgegend Hirschen,
Antilopen, Wildschweinen, Wölfen, Füchsen, Luchsen, Hasen und Fasanen
als Aufenthaltsort diene; Tiger gebe es dagegen hier nicht.
Bei diesem Lager betrug die Breite des Flusses nur 42,6 Meter und
die Wassermenge 67,16 Kubikmeter, was ein bedenkliches Fallen in
+einem+ Tage verriet. An den jetzt herannahenden Herbst denkend,
begann ich zu fürchten, daß wir noch nicht bis ans Ende des Flusses
gelangt sein würden, wenn uns der Winter in seine Eisbande schlüge,
und es kam sehr darauf an, in Zukunft möglichst viel aus jedem Tage
zu machen. Die Hirten sagten, es sei beinahe zwei Monate her, daß
das Wasser seinen höchsten Stand gehabt habe, und der Fluß friere in
dieser Gegend nun wohl in 75 bis 80 Tagen zu. Das Eis bleibe 2½ bis
3 Monate liegen und im Frühling könne man an mehreren Stellen zu Fuß
durch das Bett waten.
Als ich am folgenden Morgen erwachte, sah der Himmel unheilverkündend
aus. Die Nacht war die kälteste gewesen, die wir bisher gehabt (+2,9
Grad), und die Luft war mit den Vorboten des Herbstes beladen, die das
Gelbwerden des Laubes verursachen. Es lag wie eine Dämmerung über der
Erde. Doch dies waren weder Wolken noch Nebel, sondern feiner Flugsand,
der von einem Sarik-buran (gelber Sturm) über den Boden hingeführt
wurde, von welchem Sturme man aber an Bord nichts merkte, weil die
Fähre im Windschutz unter der Uferwand lag. Die Landschaft sah düster
aus, und die Tamarisken und Schilfdickichte der Ufer verschwanden schon
auf eine Entfernung von nur 200 Meter im Nebel. Die Fährleute glaubten
mit Recht, daß es schwer sein würde, bei diesem Winde zu treiben, und
wir beschlossen abzuwarten, wie das Wetter sich gestalten würde.