zahlreichen Landleuten begegnen, die den Ertrag ihrer Äcker und
Gärten auf Eseln, Kühen und Pferden nach dem Markte in Jupoga
bringen. Dann und wann wird die Steppe von einer unfruchtbaren
Dünenreihe durchkreuzt; dazwischen sieht man Schafherden, Mais- und
Baumwollfelder, trockene, jämmerliche Kanäle, die nur selten von der
letzten Flut aus dem Chan-arik noch am Boden feucht sind. Rechts vom
Wege zieht sich ein Gürtel hübsch blühender Tamarisken hin, eine
wehmütige Erinnerung an das Heidekraut unserer Wälder. Die staubige
Landstraße geht allmählich in einen Pfad über und zeigt damit an, daß
der Verkehr nach Osten hin abnimmt. Am Rande von +Terem+ finden
wir wieder den langen Bewässerungskanal Chan-arik mit 4 Meter breitem,
gänzlich trockenem Sandboden und kleinen Brücken, die verraten, daß
hier von Zeit zu Zeit auch Wasser fließt. Um den langen Wüstenmarsch
des nächsten Tages, den ich schon von früher her kannte, abzukürzen,
ritten wir durch das ganze Dorf und lagerten uns bei dem letzten nach
der Wüste zu liegenden Gehöfte.
Am 10. September machte ich, für eine Zeit von mehreren Monaten, die
letzte Reise zu Lande. Die Temperatur fiel während der Nacht auf 8,3
Grad, was einem nach einem Tage von über 30 Grad im Schatten grimmig
kalt vorkommt. Als ich aufstand, war der größere Teil der Karawane
schon marschfertig. Der Tag war heiß, der Marsch lang und ermüdend,
und die Wassermelonen, die wir mitgenommen hatten, fanden reißenden
Absatz. Steppen- und Wüstengürtel wechseln ab, die Dünen sind bald
schwach mit Tamarisken bewachsen, bald völlig nackt; die ersteren
heißen „Kara-kum“, die letzteren „Ak-kum“, was schwarzer und weißer
Sand bedeutet (Abb. 15). Die Nachbarschaft des Flusses macht sich
schließlich bemerkbar, indem kleine Gruppen von Pappeln (Tograk)
auftreten und nach und nach immer frischer und laubreicher werden, je
mehr wir uns der großen Wasserstraße nähern.
Bei der Poststation +Lenger+ wurden wir von einigen neugierigen
Chinesen begafft und in der Dämmerung erreichten wir die breite
mächtige Flut des Jarkent-darja. Der Fluß war hier in Arme geteilt,
von denen der linke, an dessen Ufer wir hinzogen, viel zu seicht war.
Wir zogen daher noch eine Weile in der Dunkelheit nach Norden weiter;
von den Tritten der Kamele knisterte und krachte es in den trockenen
Zweigen des Unterholzes und des Gesträuches. Das Terrain wurde jedoch
nicht besser, und als sich das silberne Horn des Mondes im Walde
versteckte, machten wir aufs Geratewohl Halt und schlugen, ziemlich
müde von der dreizehnstündigen Reise, am Ufer unser Lager auf.
Endlich hatten wir den Fluß erreicht. Nun begann eine neue Abteilung
der Reise und dazu eine Reisemethode, die ich bisher noch nicht erprobt
hatte.
[Illustration: 8. Durch die Furt des Kisil-su. (S. 16.)]
[Illustration: 9. Nikolai Fedorowitsch Petrowskij,
Wirklicher Staatsrat, kaiserlich russischer Generalkonsul in Kaschgar.
(S. 18.)]
[Illustration: 10. Die beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff. (S. 19.)]
Drittes Kapitel.
Die Schiffswerft in Lailik.
Jetzt folgte eine knappe Woche für die Vorbereitungen zu der langen
Flußreise. Islam hatte in Merket eine längere Unterhandlung mit Beks
und Kemitschi (Fährleuten). Ich hatte gefürchtet, daß die Chinesen
Mißtrauen gegen mein Vorhaben hegen würden und daß die Erfahrungen
der Wüstenreise des Jahres 1895, deren Ausgangspunkt Merket ebenfalls
gewesen, die Dorfbewohner abschrecken würden, uns beim Aufbrechen
zu helfen. Denn damals war der Bek zum Dao Tai gerufen, verhört
und getadelt worden, weil er mir nicht einen zuverlässigen Führer
mitgegeben. Nun aber hatte Merket einen neuen Bek erhalten, dem der Dao
Tai Befehl erteilt hatte, uns weiterzuhelfen und uns wie vornehme Leute
zu behandeln. Islam kehrte denn auch bald mit dem Bescheid zurück, daß
ein Fährmann uns sein Fahrzeug für 1½ Jamba zu verkaufen bereit sei.
Mit dem Kosaken Sirkin unternahm ich eine Probefahrt in dem englischen
Segeltuchboote auf dem kleinen, abgeschnürten Flußarme, an dessen
Ufer unser Lager aufgeschlagen war. Auch von Mast und Segel machten
wir Gebrauch. Bei der schwachen Brise kam die vortreffliche kleine
Jolle gut vorwärts; sie schien ein ziemlich sicheres Boot zu sein.
Bei einem kleinen Nebenarme führten wir das Boot nach dem Hauptflusse
hinaus, wo es ruhig und elegant, aber ziemlich schnell dahinglitt. Nur
unbedeutende, langsam tanzende Wasserringel waren auf der Oberfläche
des Flusses zu sehen und von Stromschnellen war nichts zu hören. Es war
ein Genuß, sich so forttragen zu lassen, ein Vorgefühl des Behagens,
womit die Flußfahrt später auf Hunderte von Meilen hin verknüpft sein
sollte. Die Vereinigungsstelle des Seitenarms mit dem Hauptflusse
schien noch fern zu sein, und wir hielten es für an der Zeit
umzukehren. So schleppten wir denn das Boot in dem weichen, zähen Lehm
bis an unseren Seitenarm. Doch auch in diesem herrschte eine Strömung,
die kräftig genug war, um das Flußaufwärtsrudern zu schwer zu machen.
Sirkin ging daher an Land und holte einen Mann und zwei Pferde. Mitten
im Wasser reitend, zog er das Boot an einem Stricke nach. Manchmal
blieb das Pferd in dem zähen Lehme beinahe stecken, und die Tiefe war
stellenweise bedenklich groß. Einmal erreichte das Pferd den Grund
nicht mehr; es wurde von der Strömung fortgerissen und war nahe daran
sich zu überschlagen; der Reiter sprang ab und schwamm auf das Boot
zu, das ich ihm entgegensteuerte. Doch ihm erschwerte die Kleidung
die Bewegungen, und gerade als er nach dem Ruder griff, das ich ihm
hinhielt, versank er ganz im Wasser. Endlich gewann er jedoch Halt am
Bootrande und hätte die kleine Jolle beinahe umgerissen, als er sich
hineinschwang. Alles ging so schnell vor sich, daß ich kaum dazu kam,
mich zu beunruhigen. Doch was hätte es für ein Unglück geben können,
wenn mein Kosak einen Starrkrampf bekommen hätte oder des Schwimmens
unkundig gewesen wäre! Am Ufer war das Pferd, das seinen eigenen Weg
geschwommen war, nahe daran, in dem zähen Schlamme umzukommen, aber es
arbeitete sich ebenfalls wieder heraus. Sirkin war nach dem Bade ganz
matt und angegriffen, aber seine kleine Schwimmtour hatte so einladend
ausgesehen, daß ich mich entkleidete und ein erfrischendes Bad nahm.
Unser Versuch, wieder nach dem Lager zu kommen, war also gescheitert;
glücklicherweise waren aber einige unserer Leute am Ufer flußabwärts
gegangen, um uns zu suchen. Sie mußten uns vom Ufer aus an einer
langen Leine ziehen, während ich das Boot mit dem einen Ruder in der
Stromrinne hielt.
Das Lager bot bei unserer Ankunft ein lebhaftes Bild dar. Die Zelte
waren von einer ganzen Volksversammlung von Besuchern umgeben (Abb.
16). Ich fand dort viele alte Freunde von 1895 wieder, Lailiks
On-baschi (Bezirkshauptmann, eigentlich Chef von 10 Mann) und
Örtängtschis (Gastwirte), verschiedene Bewohner von Merket und Frauen
in langen Hemden von dünnem, rotem Zeuge mit ihren Kindern auf dem Arme.
Nachdem die Unterhaltung sich eine gute Weile um jene unglückliche
Wüstenreise gedreht, wurden die Flußreise und die Fährfrage Gegenstand
einer Diskussion. Um die Sache abmachen zu können, ritt ich mit einem
großen Gefolge nach der Fährstelle zwischen Lailik und Merket, wo
die von Islam vorgeschlagene Fähre lag. Ich fand sie vorzüglich, von
kernfesten, ungehobelten Planken, die von mächtigen eisernen Krampen
zusammengehalten wurden, neu erbaut und ganz dicht. Sie kam mir nur
ein bißchen groß und schwer vor, was hier oben gewiß vorteilhaft
ist. Doch wer konnte wissen, ob der Fluß überall gleich tief und
wasserreich wäre, und viel wahrscheinlicher war es, daß es schwierig
sein könnte, diesen schweren Koloß wieder flott zu machen, wenn er
mit Unterwasserbänken in allzu innige Berührung gekommen wäre. Die
Frage wurde mit den Lailiker Fährleuten von allen Gesichtspunkten aus
erörtert; die meisten rieten uns, das „Schiff“ zu nehmen, wie es war.
Der Beschluß, der gefaßt und schon am folgenden Morgen ins Werk gesetzt
wurde, bestand darin, das Schiff nach einem Punkte am rechten Ufer,
unserem Lager gerade gegenüber, zu bringen (Abb. 17). Wir mußten
eine Schiffswerft anlegen, wo eine Ausrüstung und Rekonstruktion mit
wirklichem Vorteil stattfinden konnte. Bei unserem Lager auf dem linken
Ufer ließ sich dies nicht machen, denn dort floß nur ein Seitenarm,
der vom Hauptflusse durch eine tiefliegende, feuchte Schlammzunge,
hinter der das Wasser zunächst seicht war, getrennt war. Auch das
rechte Ufer war insofern ungeeignet, als es infolge der Erosion des
Flusses eine anderthalb Meter hohe steil abgeschnittene Wand bildete.
Häkim Bek aus Merket bot neunzig Landleute auf, die mit ihren Spaten
einen nicht allzusteilen Abhang herstellten, auf den Bretter gelegt
wurden; auf dieser Unterlage wurde die Fähre unter Gesang und Geschrei
mit vereinten Kräften aufs Trockene gezogen. Der Bek, dessen Adern
reicher an chinesischem als an muhammedanischem Blute waren, stand
die ganze Zeit über mitten auf der Fähre; sie wurde dadurch gerade
nicht leichter, aber er imponierte durch seine hohe Gegenwart, hielt
eine lange Rute in der Hand, klatschte und schlug nach allen Seiten
und kommandierte wie ein Zirkusdirektor. Die Kinder des Wüstenrandes
verdoppelten ihre Kräfte, und der schwere Prahm wurde ruckweise auf
ebenen Boden gezogen, wo er zwischen den Hagedornbüschen auf einigen
Querbalken ruhte.
Als wir soweit gekommen waren, überlegten wir eine Weile, denn jetzt
sollte der Beschluß gefaßt werden, der für den Ausgang der ganzen Reise
wichtig sein konnte. Ein Mann erzählte nämlich, daß der größere Teil
der an Lailik vorüberströmenden Wassermasse sich in einem breiten,
seichten Arme in die kleinen Seen von Maral-baschi ergieße, deren
Wasser durch Kanäle auf die Felder dieser Oase geleitet werden. Das
eigentliche Bett des Jarkent-darja dagegen habe einen östlicheren Lauf
nach Tschahrbag zu und sollte nur wenig Wasser in einem schmalen Bette
mit großem Gefälle haben. Infolge dieser Aufklärungen wurde für den
Anfang beschlossen, die oberste Planke an den beiden Längsseiten und
die entsprechenden Teile vorn und hinten zu entfernen, wo dann mittelst
der eisernen Zapfen neue Querhölzer festgemacht werden sollten. Für den
Fall, daß wir infolge zu geringer Wassermenge die große Fähre würden im
Stiche lassen müssen, wurde eine kleine Reservefähre gebaut. Zu dieser
wollten wir im Notfalle unsere Zuflucht nehmen, damit wir die Flußreise
nach dem Lop-nor, die ich um jeden Preis ausführen wollte, nicht
abzubrechen brauchten.
Um jeden Augenblick vom Lager nach der Werft hinüberkommen zu können,
mieteten wir eine der Fähren, die die Verbindung zwischen den Ufern
auf dem Wege von Lailik nach Merket aufrechthalten. Ich befand mich
meistens bei der Werft, um die Arbeit zu überwachen und die Fähre so
zu bekommen, wie ich sie wünschte, bequem und gemütlich, wie mein
schwimmendes Heim für lange Monate sein mußte.
Die Werft entwickelte sich allmählich zu einer Werkstatt, wo frisch
gearbeitet wurde (Abb. 19). Schreiner aus Merket und sachverständige
Leute aus Jarkent versammelten sich hier mit ihren Werkzeugen und
verdienten so gut wie kaum je zuvor. Eine Schmiede mit einer kleinen,
aus Ziegelsteinen aufgemauerten Esse und einem Blasebalge wurde
zwischen den Büschen angelegt, und die Funken sprühten von den eisernen
Krampen, die gerade gehämmert wurden. Der Bek war allgegenwärtig und
führte mit milder Hand das Regiment über die, welche an der Arche
zimmerten.
Aus dünnen Planken von trockenem, starkem Pappelholz sollte das
Vorderdeck der Fähre gebaut werden, eine Plattform, auf der mein Zelt
aufgeschlagen werden sollte und von deren vorderem Teile aus ich einen
freien Ausblick auf den Fluß haben würde.
Hinter dem Vorderdeck wurde aus Stangen und Zweigen das Gerippe einer
würfelförmigen Kajüte erbaut, die ich anfänglich zum Schlafzimmer für
mich bestimmte; sie mußte in den kalten Herbstnächten leichter warm zu
halten sein als das Zelt (Abb. 18). Sie erhielt jedoch schon während
des Ganges der Arbeit eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen, indem sie
als photographische Dunkelkammer eingerichtet wurde. Drei kleine, mit
Scheiben versehene längliche Fensterrahmen wurden in die Wände der
Kajüte eingesetzt. In den einen Rahmen, mitten in der Wand, die an das
Zelt grenzte, kamen dunkelrote Glasscheiben. Wenn ich nachts an diesem
Fenster mit Entwickeln beschäftigt war, wurde draußen ein Stearinlicht
davor, d. h. in das Zelt hinein, gestellt; vor Zug und Wind wurde die
Flamme teils durch das Zelttuch, teils mittelst einer Holzkiste, die es
wie ein Schilderhaus umgab, geschützt.
Die beiden anderen Fenster mit weißem Glase wurden an der Außenwand
und an der Hinterwand angebracht; wenn man aufrecht stand, hatte man
bei Tag durch sie die Aussicht auf den Fluß und das rechte Ufer; sie
waren aber so eingerichtet, daß sie beim Entwickeln vollständig bedeckt
werden konnten. An der Hinterwand lief eine niedrige Bank entlang, auf
der vier ziemlich große, eigens zu photographischen Zwecken gekaufte
Zuber mit reinem Wasser standen. Was das Waschen der Platten anbetraf,
so wurde folgende praktische Einrichtung getroffen. Auf der vorderen
Backbordecke des Kajütendaches wurde auf eine verstärkte Plattform ein
Bottich gestellt, von dessen Boden ein Gummischlauch in die Kajüte
hinabführte und in einen Samowar mündete, unter dessen Hahn ich die
Platten bequem abspülen konnte. Wenn der Samowar gefüllt war, wurde
der Zufluß mittelst einer Klemme am Schlauche abgesperrt, und wenn der
Bottich leer wurde, brauchte ich nur der Wache zuzurufen, ihn wieder
zu füllen. Das Flußwasser, das stets trübgrau von Schlamm und Staub
ist, war natürlich für photographische Zwecke unbrauchbar, doch ganz
kristallklares Wasser zu finden, war keine Kunst; es gab solches längs
des ganzen Weges flußabwärts in kleinen, abgeschnürten Uferlagunen.
Dagegen konnte das gebrauchte Waschwasser nicht entfernt werden; es
überschwemmte nach meinen Arbeitsnächten den Boden der Fähre und machte
am nächsten Morgen ein Ausschöpfen notwendig. Mich selbst belästigte
der feuchte Boden der Kajüte gar nicht, denn ich hielt mich meistens
im Zelte auf, dessen Fußboden einen Meter über dem Boden der Fähre
schwebte.
Als das Holzgerippe der Kajüte fertig war, wurde es mit einer doppelten
Schicht von schwarzen Filzmatten, die festgenagelt wurden, bekleidet;
auch die Türöffnung konnte mit an ihrem oberen Teile befestigten
Filzvorhängen verdeckt werden. Noch in der Mitte des September war die
Hitze in der schwarzen Kajüte bei Tag unerträglich; es dauerte aber
nicht lange, bis der Herbst dafür sorgte, daß dieser Unannehmlichkeit
abgeholfen wurde. Bei Tage hatte ich dort selten zu tun, es sei denn,
um zum Trocknen aufgestellte Platten zu überwachen oder Instrumente und
andere im Laboratorium verwahrte Sachen zu holen.
In der Mitte des Schiffes, hinter der Kajüte, wurden etwas Proviant,
ein paar Sättel und die Sachen der Leute aufgestapelt; für meine
Diener war reichlich Platz im Achter der Fähre, wo eine kleine, runde
Herdplatte von Lehm aufgemauert wurde, die Küche. Da es im Spätherbst
und noch mehr im Anfang des Winters sehr kalt wurde, zündeten die
Männer dort ordentliche Scheiterhaufen an.
So kleideten sich denn nach und nach meine Pläne in die Gestalt der
Wirklichkeit, und schneller, als ich es zu hoffen gewagt, lag das
stolze Drachenschiff fertig auf seinem Bette und sehnte sich, in sein
Element zurückkehren zu dürfen. Während seiner Instandsetzung waren
wir auf anderen Gebieten auch nicht untätig gewesen. In der Schmiede
schmiedete Sirkin ein Paar fester Anker oder richtiger Dregganker mit
sechs Armen, die uns später oft von großem Nutzen waren; namentlich
war der kleinere Anker, der für die englische Jolle bestimmt war,
jedesmal nötig, wenn die Geschwindigkeit des Wassers mitten im Flusse
gemessen wurde und das Boot also still liegen mußte. Die kleinere
Fähre wurde auch bald fertig. Ziemlich beunruhigend war es, zu sehen,
wie der Wasserstand mit jedem Tage, der dahinging, ein paar Finger
breit fiel; wir beeilten uns aber desto mehr und hofften, daß, wenn es
uns nur gelänge, glücklich an den schmalen Stellen bei Maral-baschi
vorbeizukommen, wir auch bis ans Ende des Flusses gelangen würden.
Während der letzten zwei Tage in Lailik wurden alle Vorbereitungen
abgeschlossen. Das Gepäck wurde geordnet, und es handelte sich jetzt
darum, nur das Allernotwendigste mitzunehmen, das jedoch drei große
Kisten füllte. Als alles fertig war, erhielten die Schmiede und
Schreiner, die uns behilflich gewesen, reichlichen Lohn; der Bek aber
war zugegen und sah zu, daß keine unberechtigten Forderungen gestellt
wurden. Am 15. September liefen beide Fähren von Stapel; mit der
größeren machte ich eine kleine Probefahrt, die in jeder Hinsicht
befriedigend ausfiel. Es war ein Festtag für die Dörfler der ganzen
Gegend, die sich bei der Werft massenweise versammelten, um dem
feierlichen Stapellaufe beizuwohnen. Alle brachten „Geschenke“ ~in
natura~ mit, Schafe, Hühner, Eier und Brot, Melonen, Trauben und
Aprikosen; auf diese Weise wurden wir auf mehrere Tage verproviantiert.
Abends veranstaltete ich den Vornehmeren des Dorfes und unseren
Arbeitern ein Gastmahl; es gab Reispudding und Schaffleisch, Tee und
Obst, und während der Mahlzeit hatten wir Tafelmusik von unserem großen
Symphonion. In der Dunkelheit wurden zwischen den Zelten Papierlaternen
aufgehängt, und nun ertönten die bizarren Töne der Nagara (Trommel),
Dutar (zweisaitige Gitarre) und anderer Saitenspiele schwermütig durch
die klare, stille Nacht und riefen meine alten Erinnerungen aus dieser
Gegend wieder ins Leben. Auch 1895 hatte ich eine bedeutungsvolle
Reise mit Lailik und Merket als Ausgangspunkt angetreten. Doch wie
verschieden waren die beiden Reisen. Damals waren wir nach dem
unheimlichen, mörderischen Wüstenmeere aufgebrochen, jetzt schlugen
wir eine Richtung ein, wo wir wenigstens nicht an Wasser Mangel leiden
würden. Und dieselben Spielleute weihten auch die neue Reise ein, und
Tänzerinnen in langen weißen Hemden, die dicken schwarzen Zöpfe über
den Rücken herabhängend, mit kleinen Zipfelmützen und nackten Füßen
tanzten zum Takte der Musik ihren stoßweisen, langsamen Kreistanz. Sie
wurden am Tage darauf photographiert, nahmen sich aber im Tageslicht
weniger vorteilhaft aus als bei dem verschönernden Lichte der Lampions
(Abb. 20).
Noch ein Tag wurde Lailik geopfert wegen verschiedener Messungen
und zur Feststellung einiger Werte, die uns späterhin von Nutzen
sein konnten. Mit Bandmaßen wurde längs des rechten Ufers, dessen
scharf abgeschnittener Rand 2½ Meter über der Wasserfläche lag,
eine Basislinie von 1250 Meter Länge abgesteckt. Um diese Strecke zu
treiben, brauchte die Fähre 26 Minuten, die kleine Jolle 22 Minuten 17
Sekunden; der Unterschied beruhte darauf, daß sich die Fähre nicht
während der ganzen Zeit in der stärksten Strömung halten ließ, in deren
Sauggebiete man jedoch die kleine Jolle leicht festhalten konnte.
Die Strömung betrug also auf dieser Strecke zirka 50 Meter in der
Minute oder etwas über 80 Zentimeter in der Sekunde. Um die gemessene
Wegstrecke in gewöhnlichem Marschtempo zurückzulegen, brauchte ich 13
Minuten 45 Sekunden und machte im Durchschnitt 1613 Schritte; also
waren 64 von meinen Schritten 50 Meter. Die Wassermenge des Flusses
betrug hier bis zu 98,2 Kubikmeter in der Sekunde, die Maximaltiefe
war 2,74 Meter (ganz dicht am rechten Ufer), das Bett war 134,70 Meter
breit, und die größte Stromgeschwindigkeit betrug 0,893 Meter in der
Sekunde. Für die Karte nahm ich als Norm an, daß 1 Minute Drift 50
Meter Weglänge und 1 Millimeter auf der Karte entspräche; es versteht
sich aber von selbst, daß die Drift später bedeutend variierte, was auf
die berechneten Entfernungen jedoch nicht einwirkte, da ich auf der
ganzen Fahrt täglich mehrmals die Stromgeschwindigkeit maß.
Der Orientierung halber teile ich auch die wichtigsten Dimensionen der
Fähre mit. Sie war 11,51 Meter lang, 2,37 Meter breit und 0,83 Meter
hoch, wovon 0,23 Meter unter der Wasserlinie lagen, wenn das Schiff
volle Last hatte und bemannt war. Bei 20 Zentimeter Wassertiefe mußten
wir also festfahren, was auch täglich geschah. Die Reservefähre war 6
Meter lang und 1 Meter breit. --
Der 17. September war der große Tag der Abreise, und in früher
Morgenstunde wurde die Karawane beladen. Die Kosaken und Nias Hadschi
erhielten Auftrag, sie über Aksu und Korla nach Argan am untersten
Laufe des Tarim zu führen, wo sie nach dritthalb Monaten eintreffen
mußten und wo es uns nicht schwer werden konnte, durch Kuriere
voneinander Nachrichten zu erhalten. Sie hatten Empfehlungsbriefe
von Generalkonsul Petrowskij an die Aksakale (Konsularagenten) der
beiden genannten Städte und ein paar gewaltige Pässe vom Dao Tai
mit und wurden von ein paar chinesischen Untertanen, gewöhnlich
muhammedanischen Beks oder Gendarmen, von Stadt zu Stadt eskortiert.
Sirkin erhielt den Auftrag, ein kurzgefaßtes Tagebuch zu führen; er
und Tschernoff bekamen ein Geldgeschenk und sollten, solange sie
die Karawane eskortierten, ganz freie Station haben, so daß sie bei
der Rückkehr nach Kaschgar ihren stehengebliebenen Lohn ohne Abzug
einstreichen konnten.
Die Kamele befanden sich in bestem Wohlsein und hatten sich in dem
jungen Walde fettgegrast. Auf dem Wege nach Lop sollten sie mit der
größten Sorgfalt gepflegt und nicht überanstrengt werden; wir waren der
Ansicht, daß sie beim Eintreten des Winters in wenigstens ebenso guter
Verfassung wie jetzt sein und den Feldzügen in den Sandwüsten ohne
Schwierigkeit entgegengehen könnten. Nias Hadschi erhielt 4½ Jamben
zum Unterhalt der ganzen Karawane und zum Einkaufen großer Vorräte
an Reis, Mehl und anderen Dingen, deren wir später bedürfen würden.
Sirkin sollte über die Ausgaben der Karawane Buch führen. Als alles
fertig war, nahmen sie Abschied, schwangen sich auf den Sattel und
verschwanden langsam im Unterholz, bis das Glockengeläute nach einer
Weile in der Ferne erstarb.
Mich begleiteten nur Islam, Koch, Bedienter und Faktotum in einer
Person, und Kader, der eigentlich ein muhammedanischer Schreiber war,
meistens aber als Islams Laufbursche fungierte. Die Besatzung der
Flottille bestand aus vier mit langen, starken Stangen bewaffneten
Männern (Sutschi, Wassermännern oder Kemitschi, Boots- oder
Fährmänner). Einer hatte seinen Platz im Vorderschiffe, zwei im Achter
der großen Fähre. Von ihnen wurde ununterbrochenes Aufpassen verlangt,
denn an Stellen mit starker Strömung und scharfen Ecken zeigte die
Fähre Neigung, gegen den stark unterwaschenen Uferwall zu stoßen, und
dann mußte rechtzeitig von den Stangen Gebrauch gemacht werden. Der
vierte Kemitschi führte die kleine Fähre und ging an der Spitze der
Flottille, um die Tiefe zu untersuchen und uns vor seichten Stellen
zu warnen; diese Fähre war vollgeladen mit Proviant, Mehl, Reissäcken
und Früchten. Die Fährleute, die sich die ganze Zeit über vortrefflich
führten, hatten 10 Sär (30 Mark) im Monat und alles frei, doch war es
nicht leicht, sie zu überreden, mit nach Lop zu kommen; sie hegten eine
kindische Furcht vor diesen fernen Gegenden, von denen sie noch nie
hatten reden hören.
[Illustration: 11. Ein Seiltänzer in Kaschgar. (S. 20.)]
[Illustration: 12. Aufbruch der ersten Karawane aus Kaschgar. (S. 20.)
Von links nach rechts: die beiden Kosaken Tschernoff und Sirkin, der
junge Kader, der Verfasser und Islam Bai.]