Der 9. August war ein herrlicher Tag, und der Regenvorrat der Wolken

schien jetzt für einige Zeit erschöpft zu sein. Wir stiegen langsam

nach dem +Tong-burun-Passe+ hinauf, einem breiten Bel (Paß), der

nach Ansicht der Kirgisen kaum als ein Paß zu betrachten ist. Dennoch

bezeichnet die kleine Steinpyramide auf der gleichmäßig abgerundeten,

flachhügeligen Höhe eine sehr wichtige geographische Grenzmarke,

indem sie den höchsten äußersten Ostrand des Alaitales bildet und

die Wasserscheide zwischen dem Aralsee und dem Lop-nor, also eine

wichtigere Grenze als selbst der Talldik ist, der nur das Gebiet des

Sir-darja von dem des Amu-darja trennt. Von diesem Punkte an fällt

das Terrain nach dem Lop-nor ab. Der Abstieg wurde den Pferden sauer,

einige Lasten rutschten und verursachten Aufenthalt. Die Berge zur

Rechten, die östliche Fortsetzung des Transalai, sind uns ganz nahe;

sie sind in Schnee gehüllt und die Spitzen von Wolken bedeckt. Hier

und da wachsen kleine Wacholder in den Spalten, und die Sor oder

Steppenmurmeltiere (~Arctomys bobac~) sind unzählbar. Am Eingange

ihrer Erdhöhlen auf den Hinterbeinen sitzend, betrachten sie die

Karawane und verschwinden, sobald man sich ihnen nähert, mit größter

Gewandtheit unter schrillem Pfeifen.

Von der Vereinigungsstelle des Kisil-su mit dem Kok-su gelangen wir

über mehr oder weniger tiefe Rinnen zum breiten, tiefeingeschnittenen

Tale des +Nuraflusses+, auf dessen linkem Ufer ein Begräbnisplatz

liegt, der unter dem Namen +Ak-gumbe+ bekannt ist. Der Nura

war jetzt größer als der Kisil-su, sein Wasser ebenso rot wie das

des „Roten Flusses“ und recht unangenehm zu durchreiten, da man die

tückischen Rollsteine in dem trüben Wasser nicht sehen konnte und mein

Pferd daher beinahe kopfüber in die wilde Flut gestürzt wäre. Nicht

weit von hier vereinigen sich Nura und Kisil-su zu einem ansehnlichen

Flusse, dessen Bekanntschaft wir bald machen werden. Der Pfad ist ein

stetes Bergauf und Bergab, bis man von einem letzten Passe in der Tiefe

die weißen Mauern der russischen Grenzfestung +Irkeschtam+ mit

ihren Türmen und Kasernen, in denen Kosaken Wacht halten, erblickt.

Irkeschtam ist nicht nur eine Grenzfestung gegen China, sondern auch

eine Zollstation; der Vorsteher dieser, Herr Sagen, war ein alter

Bekannter von mir von einem früheren Besuche in Kaschgar her. Er war

ein großer Tierfreund und hielt eine Menagerie, bestehend aus einem

Wolfe, einigen Füchsen und einem Bären, der in einer Hütte mitten auf

dem Hofe angebunden war. Einige Zeit nach meinem Besuche war es dem

Petz gelungen, sich von seinen Banden zu befreien; er machte einen

Besuch im Zimmer der Dschigiten, zum großen Schrecken der Bewohner.

Das Abenteuer hatte für Petz ein verhängnisvolles Ende, da die Männer

ihre Zuflucht auf das Dach nahmen, von wo aus sie ihren Feind zu Tode

bombardierten.

Eine halbe Stunde von Irkeschtam gelangen wir an den „Roten Fluß“,

der sehr wasserreich und mehr als 80 Zentimeter tief war. Wir sind

jetzt auf chinesischem Boden, und das „Himmlische Reich“ dehnt sich

vor uns bis an den Stillen Ozean aus. Der Pfad führte nach dem

+Tor-pag-bel+ hinauf. Die ganze Landschaft ist eine öde Sand- und

Kiesebene, von Bergen umschlossen, den Ausläufern des Pamirgebirges,

die auf beiden Seiten immer niedriger werden und in Geröll- und

Kiesrücken und Hügel übergehen. Doch kommt noch immer anstehendes

Gestein vor. Wir steigen in das +Jegintal+ hinab, das ein ziemlich

wasserreicher Fluß durchströmt, an dessen linkem Ufer ein chinesisches

Fort erbaut ist.

Unser Zug schreitet das Tal hinunter, das immer enger wird. Ein

schmaler Vegetationsgürtel von Pappeln, Weiden, Sträuchern und Gras

begleitet jedes Ufer; er verbreitert sich nach dem Vereinigungspunkte

mit dem Kisil-su zu. Die Gegend heißt +Nagara-tschalldi+ (Abb. 6,

7) und ist die herrlichste Oase auf dem ganzen Wege nach Kaschgar.

Unser Lager befand sich nur ein paar hundert Meter unterhalb des

Zusammenflusses des Flusses von Nagara-tschalldi und des Kisil-su.

Ohne Unfall zog unsere Karawane nach einem Rasttage am 12. August

über den Fluß, der zwar wasserreich war, sich aber doch ohne Gefahr

überschreiten ließ. Es freute mich, die Wassermenge noch groß zu

finden, denn der Kisil-su ergießt sich in den Jarkent-darja, und selbst

wenn nur ein geringer Teil des Wassers den Hauptfluß erreicht, würde

schon dieser mit dazu beitragen, unsere Fähren nach der Lop-nor-Gegend

hinab zu tragen, wohin ich mich auf diese bequeme Weise zu begeben

gedachte.

In einer großen Talweitung liegt die viereckige Lehmfestung

+Ullug-tschat+, der äußerste Vorposten der Chinesen gegen

die russische Grenze. In +Semis-chatun+, wo ebenfalls ein

kleiner Kurgan (Festung) lag, galt es, den Fluß zum letztenmal zu

überschreiten. Doch dies ging nicht so leicht wie bisher. Er strömte

in einem einzigen Bette dahin und war dazu im Laufe des Tages so

gewachsen, daß die Wassermenge wohl 80-100 Kubikmeter in der Sekunde

betrug. Dumpf und schwer wälzte sich die trübrote Wassermasse durch das

Bett, tiefe Rinnen verbergend.

Erst versuchte Islam Bai die Furt. Er kam ein gutes Stück vorwärts,

geriet dann aber in tiefes Wasser und nahm ein gründliches Bad, ehe

er sich nach dem anderen Ufer hinüberretten konnte. Kader, der es an

einer anderen Stelle probierte, ging es noch schlechter; er kam in

eine tückische Rinne, wo das Pferd nicht festen Fuß fassen konnte

und in schwindelnder Fahrt von dem Strome, aus dem nur noch die

Köpfe des Pferdes und des Mannes hervorguckten, fortgerissen wurde.

Glücklicherweise hatte ich selbst den Transport des Kodaks, den

sonst Kader zu tragen pflegte, übernommen. Nun bestieg einer von den

Karawanenleuten nackt ein ungesatteltes Pferd, und indem er es suchen,

tasten und ausprobieren ließ, gelang es ihm schließlich, eine gute

Furtschwelle ausfindig zu machen. Auch die anderen Leute entkleideten

sich nun und führten die Karawane in kleinen Abteilungen hinüber,

zuletzt die Pferde, welche meine Instrumente und die photographische

Ausrüstung trugen, wobei jedes Pferd einzeln geführt und von drei

nackten Reitern begleitet wurde, die bereit waren, zuzugreifen, wenn

das Pferd fallen sollte. Man empfindet natürlich große Unruhe, wenn man

die Kisten schwanken und bald rechts, bald links ins Wasser tauchen

sieht, während das Pferd gegen die unerhörte Kraft der gewaltigen

Wassermasse ankämpft, die gegen dasselbe drückt und preßt; denn die

Furt führt größtenteils aufwärts gegen die Strömung, die schäumend um

die Brust des Pferdes wirbelt. Ist der Reiter ungeübt, so wird ihm

schwindlig und es scheint ihm, als stürme das Pferd derart vorwärts,

daß das Wasser wie um den Vordersteven eines Dampfers kocht, und

unwillkürlich hält er die Zügel an, obwohl das Pferd ganz langsam

geht (Abb. 8). Auf dem linken Ufer wurden die Lasten wieder in

Ordnung gebracht und ein provisorisches Trocknen der nassen Sachen

vorgenommen. Wir lagerten in der Nähe eines kirgisischen Auls bei

+Jas-kitschik+ und konnten nun dem Kisil-su, der von hier an

südlich von unserer Straße fließt, ohne allzu großes Bedauern Lebewohl

sagen.

Es war ein schöner, kühler Abend; in der stillen Nacht ertönte aus der

Ferne gedämpftes Glockenklingen von der großen Kamelkarawane herüber.

Es erweckt bei unseren Hunden einen Sturm der Entrüstung, aber es

klingt herrlich und imposant und markiert den majestätischen, ruhigen

Gang der Kamele. Immer heller ertönen die Glocken, immer deutlicher

hören wir die Rufe und den Gesang der Karawanenleute. Sie ziehen

im Dunkel der Nacht mit Lärm und Stimmengewirr an uns vorbei; dann

erstirbt das Geräusch wieder langsam in den Bergen.

[Illustration: 5. Meine Kamelkarawane. (S. 10.)]

[Illustration:

Kader Ahun. Islam Bai. Musa.

6. Rast in der Oase Nagara-tschalldi. (S. 15.)]

[Illustration: 7. Oase Nagara-tschalldi. (S. 15.)]

Die letzten Tagereisen nach Kaschgar führen durch eine recht einförmige

Landschaft; die Berge nehmen an Höhe ab, bis ihre äußersten Vorposten

sich in der Ebene verlieren. Am 13. August überschritten wir den

Mäschrabdavan, auf dessen Höhe sich eine kleine Festung und

drei mit Lappen behängte Masare (Heiligengräber) erheben. Ehe wir

+Kandschugan+ erreichten, überfiel uns ein so heftiger Platzregen,

daß wir Halt machen und so schnell wie möglich die Zelte aufschlagen

mußten. Es nützte uns jedoch nichts, denn sowohl wir wie die Sachen

wurden gründlich durchnäßt; es klatschte unter den Stiefeln in dem

Lehmboden, und als ich endlich ins Zelt kam, wo die triefenden Kisten

durcheinander standen, fühlte ich bei der Kälte eine große Unlust, und

der Pelz war gar nicht überflüssig; 12,6 Grad um 5½ Uhr nachmittags

ist hier in dieser Jahreszeit etwas ganz Abnormes.

Am 15. ritten wir bis an das Dorf +Min-joll+, und am 16.

traten wir die letzte Tagereise bis +Kaschgar+ an. Beim Dorfe

+Kalta+ kamen mir der Generalkonsul Petrowskij und einige andere

in Kaschgar wohnende Russen, von einer Kosakeneskorte geleitet,

entgegen.

Zweites Kapitel.

Vorbereitungen zur Wüstenfahrt.

In +Kaschgar+ blieb ich vom 17. August bis zum 5. September, um

die Karawane, die mich durch die Wüsten des innersten Asiens begleiten

sollte, endgültig auszurüsten. Ich brauche nicht zu erwähnen, daß mein

alter vortrefflicher Freund Generalkonsul Petrowskij (Abb. 9) mir auch

diesmal in jeder Weise behilflich war. Er stellte mir seine reiche

Erfahrung und seinen in Ostturkestan beinahe allmächtigen Einfluß

vollständig zur Verfügung, und ohne seinen Beistand wäre vieles kaum

ausführbar gewesen.

Die erste Angelegenheit, die wir in Angriff nahmen, war die

Einwechslung meiner Reisekasse (11500 Rubel) in chinesisches

Silbergeld. Eine Jamba galt damals in den Basaren Kaschgars 71 Rubel,

aber der Markt ist so wenig umfangreich, daß ein Einkauf von 161 Jamben

sich so fühlbar machte, daß der Wert einer Jamba in ein paar Tagen auf

72 Rubel stieg. Eine Jamba hat 50 Sär zu 16 Tenge, von denen jeder

in 50 Pul zerfällt. Ein Sär entspricht 37 Gramm Silber und hat einen

Wert von 3,09 Mark; es zerfällt auch in 10 Miskal von je 10 Pung zu

10 Li. Der Kurs unterliegt großen Schwankungen, und die Jamba wiegt

selten genau 50 Sär, und da man auf chinesisches Geld angewiesen ist,

muß man stets eine chinesische Wage zur Hand haben. In Ostturkestan

sind kürzlich runde Silbermünzen von höchstens 8 Tenge Wert eingeführt

worden, die neben den gewöhnlichen chinesischen Silberklümpchen --

einer sehr unbequemen Geldsorte -- im Lande gangbar sind. Ein alter

geriebener Makler, Isa Hadschi, besorgte die Umwechslung und schaffte

das Silbergeld an, und als die ganze Transaktion fertig war, stellte es

sich heraus, daß es ihm gelungen war, uns nur um 36 Rubel zu bemogeln.

Für mich war es aber doch ein außerordentlich gutes Geschäft, denn der

Wert der Jamba stieg bald darauf schnell. Sich mit einer Reisekasse,

die 300 Kilogramm wiegt, zu schleppen, ist gerade nicht angenehm, aber

es bleibt einem keine Wahl. Die Jambastücke wurden auf die Kisten, die

nicht täglich geöffnet zu werden brauchten, verteilt, und so konnte man

doch wenigstens sicher sein, daß nicht alles Geld auf einmal gestohlen

werden würde. Der Betrag reichte jedoch kaum für die halbe Reise aus,

und ich mußte nachher mehr Silbergeld beschaffen.

Die andere Angelegenheit, die Islam Bai besorgte, waren verschiedene

Einkäufe für die Ausrüstung und den Proviant. Auch eine Menge Chalate,

Zeugstoffe, Tücher und Mützen wurden angeschafft, die zu Geschenken an

die Eingeborenen bestimmt waren. Islam kaufte auch 14 außergewöhnlich

schöne und große Kamele und ein Dromedar. Mit Ausnahme von zweien, die

alle Strapazen überstanden, waren die Tiere dem Untergange geweiht,

aber die Dienste, die sie mir treu und geduldig geleistet, waren

hundertmal den Preis wert, den sie gekostet. Führer der Kamelkarawane

wurde +Nias Hadschi+, der sich trotz seiner Wallfahrt zum Grabe

des Propheten als ein Erzschelm erwies. Unter den übrigen Dienern,

die vorläufig angestellt wurden, will ich besonders +Turdu Bai+

aus Osch nennen, einen alten Weißbart, der es an Ausdauer mit jedem

der jüngeren Leute aufnehmen konnte und an Treue und Tüchtigkeit alle

die anderen Mohammedaner, Islam inbegriffen, übertraf; er war der

einzige, der die ganze Reise mitmachte. +Faisullah+, ebenfalls ein

russischer Untertan, gab Turdu Bai in den genannten guten Eigenschaften

nur wenig nach, konnte mich aber nur anderthalb Jahre begleiten.

Beide waren Spezialisten in der Behandlung der Kamele und gehörten

daher später immer zum „Stabe“ der Kamelkarawanen. Ein Kaschgarjunge,

+Kader+, wurde mitgenommen, weil er der arabischen Schrift kundig

war.

Für die nächste Zukunft wurde der Reiseplan so bestimmt, daß die ganze

Karawane nach +Lailik+ am Jarkent-darja ziehen sollte. Dort

mußte eine Teilung stattfinden. Ich selbst wollte mich mit einigen

der Leute und einem kleinen Teile des Gepäcks von der Strömung den

+Jarkent-darja+ oder +Tarim+ hinabtragen lassen, während

die Hauptmasse der Karawane auf der großen Straße über Maral-baschi,

Aksu und Korla ziehen sollte, um mit mir irgendwo im Lop-nor-Gebiete

zusammenzutreffen, wo sich nach Verabredung auch die beiden

burjatischen Kosaken Ende Dezember einfinden sollten. Petrowskij hielt

es für gewagt, die ganze große Karawane und die bedeutende Silbermenge

ohne Bedeckung durch ganz Ostturkestan zu schicken, und stellte

mir aus dem Konsulatskonvoi die zwei semirjetschenskischen Kosaken

+Sirkin+ und +Tschernoff+ (Abb. 10) bis zum Zusammentreffen

mit den burjatischen Kosaken zur Verfügung, welches Anerbieten ich

dankbarst annahm. Während der folgenden Jahre gaben mir diese beiden

Männer täglich Beweise von einer Treue und Tüchtigkeit, die alle

Diener, die ich je gehabt, in den Schatten stellte.

Mit dem Konsul traf ich noch das Übereinkommen, daß meine im Herbst

und Winter in Kaschgar eintreffende Post viermal von Dschigiten nach

der Lop-nor-Gegend zu bringen sei, wo es von ihrer eigenen Klugheit

abhängen würde, mich aufzufinden. Der Kurier sollte seinen Lohn erst

dann von mir erhalten, nachdem er die Post abgeliefert und seinen

Auftrag redlich ausgeführt hatte. Der Plan mißlang nie, und man kann

sich denken, wie angenehm es für mich war, auf diese Weise mit den

Meinen und der Außenwelt, wenn auch selten, in Verbindung zu stehen.

So verflossen die Tage unter allerlei Arbeit, die durch Besuche und

Einladungen zum Mittagessen unterbrochen wurde. Ziemlich oft war

ich bei meinem alten Freunde, dem englischen politischen Agenten

+Macartney+, zu Gaste, dessen früher einsames Heim jetzt von

einer jungen Gattin verschönt wurde. Es freute mich, den alten

Eremiten +Pater Hendriks+, sowie Herrn und Frau +Högberg+

wiederzusehen, die zur schwedischen Missionsstation zwei neue

Mitglieder zugezogen hatten. +Chan Dao Tai+ und +Tsen Daloi+

gehörten zu meinen alten Bekannten, aber +Tso Daloi+ war eine neue

Erscheinung; er versah uns mit zwei Durgas, die dafür zu sorgen hatten,

daß die Dorfbevölkerung der Karawane alles lieferte, was sie brauchte,

natürlich gegen angemessene Vergütung. Auch einen „Kunstgenuß“ hatte

ich, da auf dem Markte ein asiatischer „Blondin“ vor dem massenhaft

herbeigeströmten Publikum seine Künste auf dem Seile zeigte (Abb. 11).

Ich war nicht der einzige Reisende, der sich in diesen Tagen in

Chinas westlichster Stadt befand; am 21. August langte nämlich Oberst

+McSwiney+ dort an, in dessen Gesellschaft ich im Jahre 1895 bei

der Pamirgrenzkommission so manchen frohen Tag verlebt hatte. Am Tage

darauf trafen zwei französische Reisende ein, Herr +St. Yves+

und ein junger Leutnant, die nach einigen Tagen über Pamir wieder

heimkehrten.

Als alle Einkäufe besorgt waren, wurden die Lasten noch einmal

geordnet, abgewogen und dann an einer Art Holzleitern befestigt, deren

Oberenden paarweise aneinander gebunden waren, so daß sie leicht auf

das liegende Kamel gehoben und ihm wieder abgenommen werden konnten.

Nachdem ich von meinen Freunden in Kaschgar Abschied genommen,

brach ich am 5. September gegen 2 Uhr nachmittags auf (Abb. 12).

Jetzt begann die eigentliche Reise und die große, lange Einsamkeit.

Noch eine Umarmung, ein letztes Lebewohl, dann ziehen wir bei

dem dumpfen, bedeutungsvollen Klange der Glocken, die gleich dem

Ticken des Sekundenpendels den Gang der Zeit und die uns dem Ziele

zuführenden Schritte angeben, an der westlichen Stadtmauer entlang nach

+Kum-därwase+, wo ich von den Europäern Abschied nahm. Wir hatten

gerade die Brücke erreicht, unter der sich das in Farbe und Dicke an

eine Hagebuttensuppe erinnernde Wasser des Kisil-su hinwälzte, als der

Himmel sich im Nordwesten verdunkelte und schwere, dichte Regenvorhänge

sich von den Bergen an ausbreiteten; der Tag war heiß und schwül

gewesen und hatte nichts Gutes verkündet. Da kamen die ersten heftigen

Windstöße, und zugleich begann ein Platzregen von ungeheurer Gewalt.

Auf dem sonst lebhaften Wege sah man nur ab und zu einen Wanderer, weil

die Menschen schleunigst in den nächsten Gehöften und Serais Schutz

gesucht hatten. Diese waren jedoch für unsere große Karawane zu klein,

und es blieb uns also keine andere Wahl, als unseren Weg fortzusetzen.

Das Unwetter hielt mit unverminderter Kraft anderthalb Stunden an;

ein Blitz nach dem anderen durchzuckte den Himmel in grellem Zickzack

von blendendem blauweißem Feuer, und die Donnerschläge krachten mit

entsetzlichem Gepolter, stärker als ich es je zuvor gehört. Die Kamele

und Pferde nahmen jedoch die Sache ruhig auf, und langsam schritten wir

nach Süden zwischen den Weiden hin und trösteten uns damit, daß wir

nicht nasser werden konnten, als wir schon waren.

War der Regen unangenehm gewesen, so waren seine Folgen noch schlimmer.

Lange Strecken weit lag der Weg unter Wasser, und der lehmhaltige Boden

von feinem Staube war so glatt, daß es den Kamelen mit ihren flachen,

weichen Fußschwielen schwer wurde, sich auf den Beinen zu halten; sie

glitten aus, stolperten, glitschten, und immer wieder wurde der Marsch

dadurch aufgehalten, daß ein Kamel gefallen war. Oft fallen sie so

nachdrücklich, daß sie alle viere von sich strecken, als hätte ihnen

ein unsichtbarer Riese ein Bein gestellt, und dabei poltert die schwere

Bürde zu Boden, daß der Schlamm hoch aufspritzt. Von allen Seiten hört

man schreien und rufen, die Karawane macht Halt, die Männer eilen

herbei, um das Kamel wieder aufzurichten oder es erst von der Last

zu befreien und dann wieder zu beladen; die Folge davon ist, daß wir

in dem heimtückischen Schlamme wie die Schnecken vorwärtskommen. Am

schlimmsten ist es da, wo der Weg uneben ist oder kleine Hügel bildet;

dort müssen mit Spaten Tritte in die Erde gegraben werden.

Die erste Tagereise von Kaschgar, die eigentlich eine Kleinigkeit

hätte sein müssen, war also durchaus nicht leicht. Nie hatte ich diese

Stadt unter ungünstigeren Umständen verlassen. Es war, als hätte eine

höhere Macht unseren Aufbruch den unbekannten Gefahren entgegen mit

himmlischen donnernden Kanonenschüssen salutieren und uns mit einem

überwältigenden Knalleffekt daran erinnern wollen, daß man nicht

ungestraft unter Ostturkestans Pappeln wandelt. Für die Zukunft aber

sollte ich einen wirklichen Platzregen so bald nicht wiedersehen -- als

er das nächste Mal eintrat, war es in der Nähe von Lhasa, nach zwei

Jahren!

Inzwischen wurde es dunkel, und in den Basargäßchen waren die

Papierlaternen schon angezündet. Gleich hinter der chinesischen Stadt

war die Straße beinahe eine Stunde weit vollständig überschwemmt,

und wie in einem seichten Flußbette plätscherten wir zwischen Gärten,

Feldern und Lehmmauern dahin. Die Alleen waren nur als schwarze

Schattenrisse zu erkennen, aber der Regen hatte aufgehört, der Weg

war jetzt besser, und die Kamele konnten festen Fuß fassen. Es war

jedoch schon spät, als wir in unserem provisorischen Lager im Dorfe

+Musulman-natschuk+ zur Ruhe kamen, nachdem wir des Silbergeldes

halber bei dem Gepäck Nachtwachen aufgestellt hatten.

Den Weg nach Lailik kannte ich zum größeren Teile von 1895 her und will

ihn daher nur sehr kurz beschreiben. Der Tagemarsch am 6. September

führte uns durch eine ziemlich spärlich bewohnte, aber recht gut

angebaute Gegend. Von +Chan-arik+ an war der Weg durch eine üppige

Allee von Maulbeerbäumen, Weiden und Pappeln begrenzt, die dichten,

tiefen Schatten spendeten. Die Pappeln werden geköpft, um nicht in die

Höhe zu wachsen, und bilden am oberen Teile des Stammes ein massiges

Bündel aufwärtsstrebender Zweige. Auf weite Strecken hin vermag kein

Sonnenstrahl durch das dichte Grün zu dringen, unter dessen kühlem

Gewölbe es sich außerordentlich angenehm reitet. Der Weg glich an

solchen Stellen einem Tunnel, durch welchen die Kamele, an einen Zug

von lauter Güterwagen erinnernd, mit ruhigem, gleichmäßigem Gange

hinschreiten und sich von dem grünen Hintergrund malerisch abheben. Es

liegt etwas Feierliches über dem Marsche einer solchen Karawane dem

Tode entgegen, der die meisten Kamele mit Gewißheit irgendwo in den

Wüsten des fernen Ostens oder in den Berggegenden Tibets erwartet.

Die Glocken läuten ihre abgemessene melancholische Melodie, welche

unwillkürlich an eine Beerdigung erinnert; doch mit philosophischem

Blick und ruhiger Haltung messen die prächtigen Tiere den Weg mit

langen, langsamen Schritten unter ihren im Verhältnis zu ihren Kräften

nicht schweren Lasten. Die Silberkamele tragen die schwersten Lasten,

besonders ein Matador, dem allein 40 Jamben zuerteilt worden sind. Die

Lasten sind ausgeglichen, und Unterbrechungen des Marsches kommen nicht

mehr vor; nur hin und wieder muß, ohne daß das Kamel deshalb stehen

zu bleiben braucht, eine Leiter etwas nach der einen oder anderen

Seite hinübergerückt werden. Die Kamele haben starken Appetit und

brandschatzen Weiden und Pappeln im Vorbeigehen, oft auf Kosten des

Nasenstrickes. Wenn dieser zu hart angespannt wird, reißt er in der

Mitte an seinem schwachen Punkte, wo seine beiden Hälften mit einer

dünneren Schnur zusammengebunden sind, welch letztere reißt, ehe die

Nase des Tieres hat Schaden nehmen können.

Jeder Mann unserer Gesellschaft hat seinen bestimmten Platz im Zuge

und seine bestimmte Aufgabe bei der Aufrechterhaltung der Ordnung.

Voran reiten die beiden Durgas aus Kaschgar, dann kommt Faisullah auf

dem ersten Kamele, an dessen Seite Nias Hadschi ein Pferd reitet; auf

dem sechsten Kamele hockt der junge Kader, und hinter dem siebenten

reitet Islam. Die zweite Abteilung wird von Turdu Bai geführt, in

ihrem „Kielwasser“ reitet Musa. Die Kosaken decken die Flanken; ich

reite gewöhnlich hinterdrein. So geht es vorwärts durch Gärten und

Dörfer, zwischen Mais- und Weizenfeldern hindurch, über Kanäle mit

oder ohne Brücken (Abb. 13), über öde Steppen und kleine Sandfelder,

wo vereinzelte, gleichsam verirrte Dünenindividuen von ungefähr 3

Meter Höhe ihre steilen Abhänge nach Osten kehren (Abb. 14). Im Dorfe

+Jupoga+, unserer nächsten Raststelle, suchte man in mehreren

Bassins das kostbare Wasser des großen Kanals Chan-arik aufzufangen.

Am 8. September erhielten die Tiere ihren ersten Ruhetag; ihre

Packsättel waren seit Kaschgar nicht abgenommen worden, und man muß

genau nachsehen, damit auf dem Rücken oder an den Seiten der Höcker, wo

der mit Stroh gestopfte Sattel oder ein Teil der Last dicht anliegen

und drücken kann, keine Scheuerwunden entstehen.

Nach einer ganz sternenklaren Nacht erscheint die Morgenluft beinahe

kalt; die Minimaltemperaturen sind in beständigem Fallen begriffen,

aber die Tageswärme steigt allmählich, je mehr wir uns von den gut

bewässerten Vegetationsgebieten und den Bergen entfernen. Unterwegs

hatten die Dorfbewohner mehrmals Dastarchane aufgetischt in Gestalt

von Zucker- und Wassermelonen, in der Hoffnung auf ein anständiges

Trinkgeld, eine Artigkeit, die auf die Dauer recht lästig wird.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 2 / 42 段