In Petersburg genoß ich vom 26.-30. Juni 1899 wieder die

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1919 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute

nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen, Schreibvarianten sowie

fremdsprachliche Passagen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden

Sonderzeichen gekennzeichnet:

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

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Im Herzen von Asien.

Erster Band.

[Illustration: SVEN HEDIN]

Im Herzen von Asien.

Zehntausend Kilometer

auf unbekannten Pfaden.

Von

Sven v. Hedin.

Mit 341 einfarbigen und bunten Abbildungen und 5 Karten.

Autorisierte Ausgabe.

Vierte Auflage.

Erster Band.

[Illustration]

Leipzig:

F. A. Brockhaus.

1919.

Meinen deutschen Studiengenossen

gewidmet.

Vorwort zur ersten Auflage.

Das Buch, das ich hiermit den Freunden der geographischen Forschung

auf Gnade und Ungnade übergebe, widme ich in der deutschen Ausgabe aus

treuer Anhänglichkeit meinen deutschen Studiengenossen.

Es ist meine erste und teuerste Pflicht, unter denjenigen, welche bei

vielen vorhergehenden Gelegenheiten meine Pläne mit verständnisvollem

Interesse und mit Wärme erfaßt haben, Sr. Majestät +König Oskar von

Schweden und Norwegen+, der mit gewohnter Freigebigkeit meine Reise

ermöglichte, meine aufrichtigste Dankbarkeit zu bezeugen.

Auch Sr. Majestät dem +Kaiser von Rußland+ bin ich zu großem Dank

verpflichtet für die Unterstützung, die er die Gnade hatte mir zuteil

werden zu lassen. Die Kosakeneskorte, die mir der Kaiser zur Verfügung

stellte, war für mich von unschätzbarem Wert. Selten habe ich solche

Treue und solchen Gehorsam gefunden wie in den Jahren, die ich mit

diesen Kosaken zusammen verlebte. In Verbindung hiermit muß ich auch

dem russischen Kriegsminister +General Kuropatkin+ dafür danken,

daß er mir infolge seiner hohen Stellung die Reise in mehr als einer

Beziehung erleichterte.

Sehr zu Dank verpflichtet bin ich allen +meinen Landsleuten+, die in

freigebiger Weise einen ansehnlichen Teil der notwendigen Mittel zur

Reise beisteuerten, während ich aus Eigenem das Honorar meiner früheren

Reisebeschreibung für meine neuen Forschungen auf asiatischem Boden

verwendete.

Mein Buch erhebt nur den Anspruch, ein in großen Zügen angelegtes

Tagebuch meiner Erfahrungen und Erlebnisse im Herzen von Asien und

eine Beschreibung jener Gebiete zu sein, die ich auf einer Wanderung

von über 10000 Kilometern durchquert habe. Diese Länder sind vor mir

noch nie besucht und noch weniger beschrieben worden und verdienen

daher Aufmerksamkeit. Ich habe versucht, einen Begriff davon zu

geben, wie man in der großen Einsamkeit Asiens lebt und wie die Tage

dort vergehen. Durch Asien wandelt man nicht auf Rosen. Die Mühe

findet jedoch ihren Lohn in dem Bewußtsein, das Wissen der Menschheit

vergrößert zu haben. Die +wissenschaftlichen Resultate+ der Reise

berühre ich in diesem Buche nur flüchtig, da sie einem besonderen Werke

vorbehalten sind, dessen Herausgabe die Freigebigkeit des schwedischen

Reichstags ermöglicht hat. Auf die hochverdienten Reisenden, die vor

mir oder gleichzeitig mit mir Asien bereist haben, habe ich in meinem

Werke selten Bezug genommen, um auf dem mir zur Verfügung stehenden

Raume den Verlauf meiner eigenen Reise ausführlicher schildern zu

können.

Die absoluten Höhen hat Herr ~Dr.~ +Nils Ekholm+ ausgerechnet. Die

beigegebenen Karten können nur als vorläufige betrachtet werden. Mit

Benutzung meines großen Kartenmaterials hat Hauptmann +Byström+ sie in

sehr verdienstvoller Weise, die viele Mühe gekostet hat, ausgeführt.

Schwedische Künstler haben durch naturgetreue, wohlgelungene Bilder zum

Schmucke der Arbeit beigetragen. Allen diesen Herren sage ich meinen

herzlichen Dank für ihre Mitarbeit.

Meine Mutter ist mir eine unermüdliche Korrekturleserin gewesen; sie

hat meinen guten Namen vor vielen Schnitzern bewahrt!

Sven v. Hedin.

Inhalt des ersten Bandes.

Seite

+Vorwort+ VII-VIII

+Einleitung+ 1-7

+Erstes Kapitel.+ Über den ersten Paß des Kontinents 8-17

+Zweites Kapitel.+ Vorbereitungen zur Wüstenfahrt 18-24

+Drittes Kapitel.+ Die Schiffswerft in Lailik 25-35

+Viertes Kapitel.+ Zweitausend Kilometer auf dem Tarim 36-46

+Fünftes Kapitel.+ Der verzauberte Wald 47-58

+Sechstes Kapitel.+ Vierzig Kilometer zu Fuß 59-69

+Siebentes Kapitel.+ Friedliche Heiligengräber 70-80

+Achtes Kapitel.+ Der große, einsame Tarim 81-89

+Neuntes Kapitel.+ In schwindelnder Fahrt flußabwärts 90-100

+Zehntes Kapitel.+ Der Jumalak-darja auf dem Wege durch die

Sandwüste 101-111

+Elftes Kapitel.+ Im Kampf mit dem Treibeise 112-125

+Zwölftes Kapitel.+ Wir frieren fest und gehen ins

Winterquartier 126-138

+Dreizehntes Kapitel.+ Eine französische Visite 139-147

+Vierzehntes Kapitel.+ Ins Herz der Wüste Takla-makan 148-158

+Fünfzehntes Kapitel.+ Das endlose Wüstenmeer 159-173

+Sechzehntes Kapitel.+ Dreihundertvierzig Kilometer in

30 Grad Kälte 174-180

+Siebzehntes Kapitel.+ Zwischen vergessenen Gräbern und

ausgetrockneten Flußbetten 181-192

+Achtzehntes Kapitel.+ Die Ankunft der burjatischen Kosaken

in Turasallgan-ui 193-200

+Neunzehntes Kapitel.+ Der Kurruk-tag und der Kurruk-darja 201-213

+Zwanzigstes Kapitel.+ Das gelobte Land des wilden Kamels 214-224

+Einundzwanzigstes Kapitel.+ Der frühere See Lop-nor 225-236

+Zweiundzwanzigstes Kapitel.+ Fünfundzwanzig Tage im Kahn 237-251

+Dreiundzwanzigstes Kapitel.+ Gefährliche Wasserfahrten 252-265

+Vierundzwanzigstes Kapitel.+ Die letzte Reise der Fähre 266-277

+Fünfundzwanzigstes Kapitel.+ Poesie im innersten Asien 278-285

+Sechsundzwanzigstes Kapitel.+ Aufbruch nach Tibet 286-299

+Siebenundzwanzigstes Kapitel.+ Über den Tschimen-tag,

Ara-tag und Kalta-alagan nach dem oberen Kum-köll 300-313

+Achtundzwanzigstes Kapitel.+ Fünftausend Meter über dem Meere 314-329

+Neunundzwanzigstes Kapitel.+ Eine lange Seefahrt 330-343

+Dreißigstes Kapitel.+ Über stürmische Seen und himmelhohe

Berge 344-360

+Einunddreißigstes Kapitel.+ Aldats Tod 361-371

+Zweiunddreißigstes Kapitel.+ Ein trügerisches Feuer 372-380

+Dreiunddreißigstes Kapitel.+ Über sechs Pässe 381-396

Abbildungen.

Seite

Porträt des Verfassers (Titelbild)

1. Das englische Faltboot auf dem Panggong-tso in Westtibet.

2. Islam Bai. 3. Brücke oberhalb Gultscha 8

4. Meine erste Karawane 9

5. Meine Kamelkarawane. 6. Rast in der Oase Nagara-tschalldi 16

7. Oase Nagara-tschalldi 17

8. Durch die Furt des Kisil-su 24

9. Nikolai Fedorowitsch Petrowskij. 10. Die Kosaken Sirkin und

Tschernoff 25

11. Ein Seiltänzer in Kaschgar 32

12. Aufbruch der ersten Karawane aus Kaschgar 33

13. Übergang über einen Kanalarm unterhalb Kaschgar 40

14. In der Wüste zwischen Terem und Lailik 41

15. Kurze Rast in der Wüste. 16. Das Zelt meiner Leute in Lailik.

17. Transport der Fähre nach dem rechten Flußufer 48

18. Bau der schwarzen Kajüte 49

19. Die Werft. 20. Tänzerinnen und Musikanten beim Abschiedsfest

in Lailik. 21. Frauen und Kinder unserer Bootsleute auf dem Wege

zur Fähre 56

22. Die Fähre aus dem Jarkent-darja 57

23. Der Verfasser an seinem Arbeitstisch an Bord der Fähre 64

24. Lager am Strand 65

25. Das Innere meines Zeltes auf der Fähre. 26. Hirtenhütte in

der Nähe des Masar-tag. 27. Kasim beim Fischfang 72

28. Unser Lager bei Kurruk-aßte 73

29. Kasim mit seinem Fang. 30. Eingeborene am Ufer des Tarim.

31. Begräbnisplatz am Sai-tag 80

32. Der Jarkent-darja am Sai-tag. 33. Falkner mit Jagdadler.

34. Die Fähre an der Mündung des Aksu-darja 81

35. Landung an der Mündung des Aksu-darja 88

36. Unser Nachtlager bei Ala Kunglei Busrugvar 89

37. Kähne auf dem mittelsten Tarim. 38. Der See

Koral-dungning-köll. 39. Der Jumalak-darja von Koral-dung

aus gesehen 96

40. Besuch des Beks von Schah-jar in Tschimen 97

41. Frühstücksrast auf dem Jumalak-darja. 42. Rekognoszierender

Kahn 104

43. Ördek und Palta als Lotsen 105

44. Drohender Schiffbruch 112

45. Kähne auf dem unteren Tarim. 46. Tokkus-kum. 47. Dorf

Al-kattik-tschekke 113

48. Treibeis auf dem unteren Tarim. 49. Blick vom rechten

Tarimufer flußaufwärts. 50. Die Fähre an der Mündung des

Ugen-darja 120

51. Begrüßung Parpi Bais und Islam Bais 121

52. Kleine gebundene Dünen bei Karaul. 53. Verlassene Hütten am

Seit-köll. 54. Unser Hauptquartier Tura-sallgan-ui 128

55. Winterquartier in Jangi-köll mit meinen Leuten 129

56. Zusammentreffen mit dem Franzosen Bonin 136

57. Bonin im Hauptquartier. 58. Parpi, Palta und Islam auf den

äußersten Dünen des Sandmeeres am Jangi-köll 137

59. Sandsturm in der Wüste 144

60. Abstieg über den steilen Abfall einer Sanddüne 145

61. Das endlose Wüstenmeer 152

62. Karawane auf dem Astin-joll. 63. Hirtenhütten in Schudang.

64. Das alte Bett des Tschertschen-darja 153

65. Eine alte Tograk am Tschertschen-darja. 66. Auf dem Eise

des Tschertschen-darja. 67. Am Ufer des Tschertschen-darja 160

68. Sattma in Araltschi. 69. Tränken der Pferde. 70. Schilfhütten

in Scheitlar 161

71. Meine Kosaken Tschernoff, Sirkin und Schagdur. 72. Meine

burjatischen Kosaken Tscherdon und Schagdur (mit tibetischer

Jagdbeute) 168

73. Basch-tograk. 74. Tamariskendickicht. 75. Der Teich bei

Kurbantschik 169

76. Tal zwischen Kurbantschik und Budschentu-bulak.

77. Tograk-bulak. 78. Ruine bei Jing-pen 176

79. Tschernoffs wildes Kamel. 80. Eines unserer zahmen Kamele 177

81. Eisschollen in der Oase Altimisch-bulak 184

82. Abdu Rehims Beute 185

83. Gebäude auf Tonsockeln. 84. Tschernoff und Abdu Rehim bei

einem Tora in der Wüste. 85. Aufrechtstehender Türpfosten 192

86. Der Platz von Ördeks Entdeckung. 87. Einige von Ördeks

Trophäen 193

88. Ein Tschappgan auf dem Kara-koschun. 89. Im Schilf

unterhalb Kum-tschappgan 200

90. Nordufer des Sees Kara-koschun 201

91. Transport der Kähne über Land 208

92. Hütten bei Jekken-öi. 93. Flußmessung bei Schirge-tschappgan.

94. Brücke über den Ilek 209

95. Unsere Kähne auf dem Ilek. 96. Pappeln am Ufer des Ilek.

97. Im Schilfe auf dem Suji-sarik-köll 216

98. Unsere Kähne bei einem Nachtlager. 99. Brücke bei Tikkenlik.

100. Der Kalmak-ottogo-Arm 217

101. Jugend am Ufer des Tarim. 102. Malenki und Maltschik.

103. Dünen auf dem rechten Tarimufer 224

104. Gewaltige Sanddünen am rechten Tarimufer 225

105. Sandsturm auf dem Beglik-köll 232

106. Die Fähre sitzt auf dem Tuwadaku-köll im Schilfe fest.

107. Frauen und Kinder in Tscheggelik-ui. 108. Stall in

Tscheggelik-ui 233

109. Die umgebaute Fähre 240

110. Der Bau der Pontonfähren. 111. Sattma in Abdall. 112. Die

Pontonfähren auf dem Wege nach Abdall 241

+Bunte Tafel+. In brennendem Schilfe. Von Ljungdahl 244

113. Tokta Ahun und seine Mutter. 114. Tamarisken bei

Tattlik-bulak 248

115. Frauen und Kinder der Loplik. 116. Das Gerüst meiner

Jurte 249

117. Hauptquartier bei Mandarlik (Blick talabwärts) 256

118. Lager bei Mandarlik (Blick talabwärts). 119. Landschaft

oberhalb von Mandarlik. 120. Hauptkamm des Tschimen-tag,

oberhalb von Mandarlik 257

121. Aufbruch ins tibetische Hochgebirge 264

122. Zwei gefangene Kulanfüllen. 123. Die Kulanfüllen von vorn

gesehen. 124. Ein Parallelkamm des Arka-tag, von Lager Nr. 19

aus gesehen. 125. Einige unserer Pferde im südlichen Quertale

(3. August 1900) 265

126. Aussicht vom Passe nach Ost zu Nord (3. August 1900) 272

127. Aussicht vom Passe nach Norden (3. August 1900) 273

128. Rast der Karawane während Tscherdons Rekognoszierung

(3. August 1900) 280

129. Auf der höchsten Bergkette der Erde 281

130. Allgemeines Trocknen an der Sonne 288

131. Gletschermassiv im Südwesten vom Lager Nr. 27 289

132. Aussicht nach Süden vom Lager Nr. 28 aus 296

133. Bugsierung eines Kamels über den Fluß. 134. Fester Boden

unter den Füßen. 135. Ein glücklich über den Fluß gebrachtes

Kamel 297

136. Salzsee bei Lager Nr. 35 (27. August 1900), Aussicht nach

Nordosten 304

137. Salzsee bei Lager Nr. 35 (27. August 1900), Aussicht nach

Südosten 305

138. Meine Jurte im Lager Nr. 35 (27. August 1900), Aussicht

nach Norden 312

139. Der Fischberg. 140. Der Fischberg vom See aus 313

141. Blick vom See aus nach Westen. 142. Blick vom See aus nach

Osten 320

143. In Todesgefahr 321

144. Lagerplatz im tibetischen Hochland. 145. Umbetten des

kranken Aldat. 146. Ein im Schlamm versinkendes Kamel 328

147. Turdu Bai auf einem Berge in der Nähe des Lagers Nr. 54 329

148. Tscherdons Yak 336

149. Ein erbeuteter Yak. 150. Ein junger Kulan. 151. Kopf und

Seitenfransen des Yaks 337

152. Blick nach Süden von Aldats Begräbnisplatz 344

153. Lager Nr. 60 in 5111 Meter Seehöhe 345

154. Unser Lager in Togri-sai am 8. Oktober. 155. Die

Kamelkarawane. 156. Das Illwe-tschimen-Gebirge aus dem

Tschimental 352

157. Obo beim Lager Nr. 71 im untern Togri-sai 353

158. Aus dem Hauptquartier in Temirlik 360

159. Das Hauptquartier bei Temirlik 361

160. Tscherdon und Schagdur mit ihrer Beute 368

161. Die Packpferde am Ufer des Ajag-kum-köll 369

162. Der Kalta-alagan von Süden (Lager am 15. und 16. November) 376

163. Der Kalta-alagan von Süden (Lager am 15. und 16. November) 377

164. Turdu Bai und Kutschuk mit dem zusammengelegten Faltboot 384

165. Der Verfasser im Faltboot auf dem Ajag-kum-köll 385

166. Islam Bai und Kutschuk stoßen vom Lande ab 392

167. Das nach dem Passe Gopur-alik hinaufführende Tal 393

Karten.

Höhenprofil der Reiseroute.

Tarim und Wüste Takla-makan. Maßstab 1 : 2000000.

Osttibet. Maßstab 1 : 2000000. Nebenkarte: Faksimile eines

Originalblattes meiner Karte des Tarimflusses. Maßstab 1 : 35000.

Einleitung.

Am Johannistage des Jahres 1899, als der nordische Sommer in seiner

größten Schönheit prangte, brach ich zum vierten Male von Stockholm

nach dem Herzen von Asien auf, zu neuen Forschungen und Abenteuern im

fernen Osten. Die Schiffe im Hafen waren reich mit Flaggen geschmückt,

sie feierten das Johannisfest. Nur meine Eltern, Geschwister und

nächsten Freunde standen am Ufer, als der Dampfer „Uleåborg“ langsam

den Stockholmer Strom hinabglitt. Welche Schicksale und Entbehrungen

ich auch während der folgenden drei Wanderjahre zu erdulden gehabt, ich

habe keinen schwereren Tag erlebt als diesen ersten; denn eine weit

größere Entschlossenheit als nachher täglich erforderlich ist, gehört

dazu, sich von der Umgebung loszureißen, mit der man von Kindheit an

durch die heiligsten Bande des Lebens verknüpft ist.

Auf dieser Reise führte ich viel schwereres Gepäck mit als auf meinen

früheren; es wog nicht weniger als 1130 Kilogramm und war in 23 Kisten

verteilt, von denen die meisten eigens so angefertigt waren, daß sie

von einem Pferde bequem paarweise transportiert werden konnten. Meine

Ausrüstung war auch jetzt sehr vollständig. Damit der Leser einen

Begriff davon hat, wie man für eine Asienreise ausgerüstet sein muß,

will ich hier die wichtigsten Gegenstände aufzählen.

Um mit den +astronomischen Instrumenten+ zu beginnen, so benutzte

ich diesmal einen Universalreisetheodoliten und drei Chronometer.

Diese Instrumente sind unter allen Umständen die empfindlichsten und

erfordern die liebevollste Sorgfalt. Sie nahmen auf der Reise nicht den

geringsten Schaden und kamen unversehrt wieder heim.

An +topographischen Instrumenten+ war ich versehen mit:

Nivellierfernrohr mit Meßstangen und anderem Zubehör, Nivellierspiegel,

Bandmaßen, Kompassen, Diopterkompaß mit Prisma zur Ablesung der Winkel,

Meßtisch mit Stativ und Diopter.

Ich nahm auch zwei Strommesser mit, vorzügliche Apparate, die bei

unzähligen Gelegenheiten gebraucht wurden und sich auch beim Rudern für

Distanzmessungen erfolgreich verwenden ließen.

Die +meteorologische Ausrüstung+ bestand aus einem Hypsometer

mit 5 Kochthermometern, einem Aspirationspsychrometer, ein paar

Aktinometern, einem Anemometer, einem Regenmesser und einer großen

Anzahl gewöhnlicher Thermometer, Quellenthermometer, Maximum- und

Minimumthermometer, Thermometer zur Untersuchung der Bodentemperatur

usw. Das Kgl. Nautisch-Meteorologische Institut in Stockholm hatte

mir einen Tiefseethermometer überlassen. Einen Barographen und einen

Thermographen mit vierzehntägigem Gang hatte ich eigens herstellen

lassen. Diese selbstregistrierenden Apparate waren mir zur Kontrolle

von unschätzbarem Nutzen und arbeiteten vortrefflich. Ein großer

Vorteil war, daß ihre Glasgehäuse so dicht schlossen, daß weder

Sandstürme, noch atmosphärischer Staub ihren Gang im geringsten

beeinflußten.

Drei Aräometer ließen nichts zu wünschen übrig, als daß die Skalen den

sehr salzigen Seen Tibets hätten besser angepaßt sein müssen.

Nicht weniger als 58 Brillen hatte ich bestellt. Sehr wenige von ihnen

kamen wieder ganz nach Hause. Besonders die Schneebrillen, grau und

blau in verschiedenen Nuancen und mit ungeschliffenen Gläsern, fanden

bei meinen Karawanenleuten und anderen Eingeborenen reißenden Absatz.

Dieselben +Waffen+, die mich 1893-97 begleitet hatten, leisteten

mir auch jetzt Dienste. Ich hatte sie als Geschenk von dem Direktor

der Waffenfabrik zu Husqvarna erhalten, der jetzt so gütig war, mich

mit vier weiteren schwedischen Offiziersrevolvern und einer Menge

kleinerer Revolver, die hauptsächlich zu Geschenken an die Eingeborenen

bestimmt waren, sowie mit reichhaltiger Munition auszurüsten. Da die

vier Kosaken, die mir Seine Majestät der Zar auf die Reise mitgab, mit

den neuen russischen Magazingewehren versehen waren, besaßen wir ein

ziemlich starkes Arsenal, 10 Gewehre und wenigstens 20 Revolver.

Daneben wurden natürlich unzählige Sachen mitgenommen, die ich hier

nicht aufzählen kann. Ein paar verdienen jedoch besonders erwähnt zu

werden: ein zusammenlegbares Bett, das mir im Sommer die behaglichste

Ruhe verschaffte; im Winter und in Tibet schlief ich auf der Erde.

Mit großer Zufriedenheit denke ich auch an „~James’ Patent Folding

Boat~“ zurück (Abb. 1). Es bestand aus zwei Hälften, die beim

Gebrauche zusammengesetzt wurden und eine sehr leichte Last für

ein Pferd ausmachten; sogar ein Mann allein konnte es tragen. Sein

Zubehör bestand aus zwei Rudern mit Klammern, Mast und Segel und

zwei Rettungsbojen. Dieses kleine Fahrzeug war nicht nur von großem

Nutzen, sondern bereitete mir auch eine sehr angenehme Abwechslung

in der Einförmigkeit des Karawanenlebens. Dank ihm konnte ich in den

tibetischen Seen Lotungen vornehmen, was vorher nie geschehen war; auch

während der Flußreise leistete es mir große Dienste. Es erweiterte

mein Arbeitsfeld und trug mich über Seen, die ich sonst nur vom Ufer

aus hätte ansehen können. Einmal setzte dieses leichte, flinke Fahrzeug

die ganze Karawane über einen tibetischen Fluß, dessen Umgehung uns

großen Zeitverlust verursacht hätte.

Die +photographische Ausrüstung+ erwies sich in jeder Hinsicht

als vortrefflich. Dieselbe Watson-Camera, die fast ein Jahr im

Flugsande der Wüste Takla-makan begraben gelegen, begleitete mich

auch jetzt. Außerdem hatte ich eine kleine Veraskopcamera, ein ganz

vorzügliches Instrument, einen Kodak Junior und einen Daylightkodak

von Eastman. Es spielte keine Rolle, daß letzterer meinen Erwartungen

nicht entsprach, da die drei anderen während der ganzen Reise

vortrefflich funktionierten. Die Linsen waren die vorzüglichsten,

die zu haben waren; als Glasplatten, die die schwerste Nummer meines

Gepäcks ausmachten, benutzte ich Edwards „Antihalo“. Mit allem, was

zum Entwickeln, Fixieren und Kopieren gehört, war ich ebenfalls

ausgestattet und den größten Teil der aufgenommenen Platten (etwa 2500)

entwickelte ich im Laufe der Reise selbst. Nur 700 Platten waren bei

der Heimkehr noch nicht entwickelt. Sie wurden immer in verlöteten

Blechkasten verwahrt. Allerdings kostete das Entwickeln der Bilder

Zeit, aber ich fand, daß die Arbeit in hohem Grade an Interesse gewann,

denn es versteht sich von selbst, daß es ein angenehmes Gefühl der

Sicherheit gibt, wenn man weiß, daß die Platten gelingen und die

Apparate dicht sind. Übrigens muß sich die Expositionszeit nach den

Lichtverhältnissen richten, die in Ostturkestan und in Tibet sehr

verschiedenartig sind. Da ich eine so vollständige photographische

Ausrüstung hatte, kam ich selten dazu, Zeichnungen zu machen, und hatte

auch selten Zeit dazu; meist sind ja auch Photographien infolge ihrer

absoluten Treue wertvoller.

Hier sei auch erwähnt, daß eine Menge Kleinigkeiten, wie Messer,

Dolche, Ketten, Uhren, Kompasse, Spieldosen usw. mitgenommen

wurden, die zu Geschenken an die Eingeborenen bestimmt waren. Ein

Eskilstuna-Messer erster Güte wird im innersten Asien weit höher

geschätzt als ein viel wertvolleres Geldgeschenk. In vielen Fällen sind

derartige Kleinigkeiten besser als Scheidemünze und selbstverständlich

billiger.

Papier zum Kartenzeichnen, Tage- und Notizbücher, Schreibmaterial,

Tintenpulver und dergleichen hatten ebenfalls ein achtunggebietendes

Gewicht, aber ich bedurfte dieser Sachen für eine Karte von 1149

Blättern und für ein Tagebuch von 4500 Seiten!

Zur Verwahrung und Beförderung der empfindlicheren Sachen hatte ich

sechs Koffer von Korbgeflecht mit wasserdichtem Futteral bestellt. Sie

waren leicht und sehr stark und nahmen keinen Schaden, während Holz-

oder Eisenkisten gründlich beschädigt wurden. Ferner wurde mir eine

dauerhafte Kiste mit 300 Glasröhren für naturgeschichtliche Präparate

geliefert.

Die +Proviantfrage+ wurde außerordentlich befriedigend gelöst.

Alle Waren (acht Kisten) hielten sich vorzüglich; besonders delikat

waren die Schildkröten-, Kaiser- und Ochsenschwanzsuppe, die, fertig

in Dosen, nur gewärmt zu werden brauchten. Um eine Schaf- oder

Antilopenfleischsuppe schmackhaft und kräftig zu machen, war Liebigs

Fleischextrakt unschätzbar und sehr praktisch, da er sich leicht

mitnehmen ließ.

Alles war für eine Reise von zwei Jahren berechnet und reichte daher

nicht aus. Aber bis in die Lop-nor-Gegend stand ich von Zeit zu Zeit

mit Europa in Verbindung und konnte somit im Sommer 1901 Verstärkung

erhalten, nicht nur an photographischem Material und Konserven, sondern

auch für meine Kasse.

Meine +Bibliothek+ war nicht groß; sie bestand aus: Bibel,

Gesangbuch und einem Büchlein mit dem Titel „Parole für den Tag“, das

ein Band zwischen mir und den Meinen in der Heimat bildete, ferner aus

Supans „Grundzüge der physischen Erdkunde“, Geikies „~The great Ice

Age~“ und Hanns „Handbuch der Klimatologie“, Kerns „Der Buddhismus

und seine Geschichte in Indien“, Rhys Davids „~Buddhism~“,

ein paar wissenschaftlichen Nachschlagebüchern, sowie aus Odhners

schwedischer Geschichte und ein paar Werken schwedischer Dichtkunst.

Alle Karten, welche Reisende über das innerste Asien veröffentlicht

hatten, wurden in einer besonderen Mappe verwahrt. Ich konnte demnach

ihre Routen sorgfältig vermeiden und Gegenden aufsuchen, wo ich der

erste war.

Ein so bedeutendes Gepäck 5300 Kilometer weit auf der Eisenbahn als

Passagiergut mitzunehmen, hätte natürlich große Kosten verursacht. Mich

aber kostete es nicht eine Kopeke. Seine Majestät der Zar hatte meinem

Reiseplane großes Interesse entgegengebracht und mir für Rußland freie

Reise und für mein Gepäck Fracht- und Zollfreiheit bewilligt.

In Petersburg genoß ich vom 26.-30. Juni 1899 wieder die

Gastfreundschaft unseres Gesandten Reuterskiöld. Wie leid tat es mir,

als ich eine Woche später von seinem plötzlichen Hinscheiden hörte!

Unserem neuen Gesandten in Rußland, dem Grafen Aug. Gyldenstolpe, bin

ich für die große Bereitwilligkeit, mit der er sich sowohl damals als

auch während der drei folgenden Jahre meiner Interessen liebevoll

angenommen hat, größten Dank schuldig. Er hatte die Güte, es so

einzurichten, daß ich, außer der freigebigen Unterstützung, die ich von

meinem Freunde Emanuel Nobel erhalten hatte, auch das ganze Reisegeld

auf bequeme Weise in Taschkent erheben konnte. In Petersburg hatte

ich auch die Freude, täglich mit meinem alten Wohltäter und Freunde,

dem berühmten Polarforscher Professor Freiherrn A. von Nordenskiöld

zusammenzutreffen. Zu tiefer Trauer für alle, die ihn liebten und

bewunderten, und zu unersetzlichem Verluste für die Wissenschaft und

unser Vaterland wurde auch er während der Zeit, in der ich fern von der

Heimat weilte, dahingerafft.

Ich werde den Leser nicht mit einer Beschreibung der Fahrt durch

Rußland und Westasien ermüden. Dem Plane dieses Buches gemäß muß ich

an bekannten Orten vorübereilen und den Leser so schnell wie möglich

nach dem eigentlichen Schauplatze neuer Erfahrungen und geographischer

Entdeckungen führen. Während der letzten Zeit, bevor ich Stockholm

verließ, hatte ich angestrengt gearbeitet, und es war daher eine wahre

Erholung, sich in dem bequemen Abteil ausstrecken zu können, ungestört

durch Korrekturen, Telephon und Zeitungen und Tausende von Bagatellen,

die in einem zivilisierten Staate unsere Zeit und unsere Gedanken in

Anspruch nehmen. Es war schön, Träumen und Plänen freien Lauf lassen zu

können und zu fühlen, daß man sich mit jeder Minute dem Ziele näherte.

Die Fahrt ging über +Moskau+, +Woronesch+ und +Rostow+

am majestätischen Don und weiter nach +Wladikawkas+, denselben

Weg, den ich bei meiner ersten Reise 1885 zurückgelegt hatte. Von

da führte der Weg über das langweilige +Petrowsk+ und über die

weite Fläche des Kaspischen Meeres nach +Krasnowodsk+, einem der

trübseligsten Orte, die man sich denken kann.

Kriegsminister General Kuropatkin hatte die große Freundlichkeit

gehabt, telegraphisch in +Krasnowodsk+ Befehl zu erteilen, daß

mir zur Reise nach Andischan ein ganzer Eisenbahnwagen zur Verfügung

gestellt werde. In diesen wurde all mein Gepäck verstaut, und ich

selbst hatte es so bequem wie in einem Hotel. Da mein Wagen der letzte

im Zuge war, konnte ich von seiner hinteren Plattform aus den Blick

über die öde Landschaft schweifen lassen. Ich hatte die Schlüssel zum

Wagen und war von den übrigen Leuten im Zuge vollkommen isoliert.

Daher konnte ich bei der drückenden Hitze so leicht gekleidet als nur

denkbar umhergehen und mich ab und zu im Toilettezimmer an einer Dusche

erfrischen.

Am 7. Juli verließen wir nachmittags 5 Uhr die Küste des Kaspischen

Meeres, rollten in den asiatischen Kontinent und verloren uns in

der öden Steppe. Um Mitternacht fiel die Temperatur, die mittags in

Krasnowodsk 37 Grad im Schatten betragen hatte, auf 28 Grad, und die

Lebensgeister, die in der Hitze eingeschlummert waren, wachten wieder

auf. Am Nachmittag des 8. Juli erreichten wir +Aschabad+, wo ich

Oberst Svinhufvud traf, den ich von meiner vorigen Reise her kannte und

der hier Bahnhofsinspektor war.

Ich muß eine kleine Episode von meinem neuen Zusammentreffen mit diesem

sympathischen, heiteren Finnen einschalten. Ich bat ihn, nach Merw

Auftrag zu geben, daß mein Wagen dort vom Zuge abgekoppelt und bei der

ersten Gelegenheit an einen nach Kuschk bestimmten Zug angehängt werde.

Auf der Reise durch Transkaspien war ich nämlich auf den Gedanken

gekommen: warum sollte ich mir nicht das berühmte Kuschk und die Grenze

gegen Herat ansehen, da auf meiner Fahrkarte doch klar und deutlich

geschrieben stand: „Mit allerhöchster Erlaubnis wird ~Dr.~ Sven

Hedin freie Reise und freie Gepäckbeförderung auf allen russischen

Bahnen in Europa und Asien bewilligt“!

Oberst Svinhufvud lächelte freundlich, nahm aus seinem Taschenbuch ein

Telegramm vom Kriegsministerium und las. „Im Falle, daß ~Dr.~ Sven

Hedin beabsichtigt, sich nach Kuschk zu begeben, teilen Sie ihm mit,

daß dieser Weg allen Reisenden verschlossen ist.“

Damit war die Sache entschieden. In meinem Herzen dachte ich, daß das

russische Kriegsministerium sehr klug handelt, wenn es einen Punkt, der

in strategischer Hinsicht von großer Bedeutung ist, so scharf bewacht.

Ich erfuhr auch, daß diese Seitenbahn nicht einmal Russen offen steht;

nur Militärpersonen, die nach der Festung Kuschk kommandiert sind,

dürfen sie benutzen.

Am 9. Juli, um 2½ Uhr morgens, waren wir in +Merw+, von wo die neue

Bahnlinie südwärts nach Kuschk abgeht. In der Oase +Tschar-dschui+

mit ihrer lebhaften Station war die Ankunft unseres Zuges das große

Ereignis des Tages. Gleich hinter der Station +Amu-darja+ rollte der

Zug auf der gewaltigen Holzbrücke über den gleichnamigen Fluß, was

volle 26 Minuten dauerte. Als ich 1902 zurückkehrte, war die neue

Eisenbrücke fertig.

Nach kurzer Fahrt war ich in +Samarkand+ mit seinem reichen

Vegetationsgebiete, das ich am Morgen des 10. Juli verließ. Hinter

+Dschisak+ hatten wir die einförmige, ebene Steppe zu kreuzen.

Die Stationen heißen nach Generalen, die in der Geschichte des Landes

eine Rolle gespielt haben, Tschernajewa, Wrewskaja usw. Schließlich

rollt der Zug über den Sir-darja, und man ist in +Taschkent+, der

Hauptstadt Turkestans, mit ihrem großen, lebhaften Bahnhofe, dessen

Bedeutung noch größer wird, wenn in ein paar Jahren die Bahnstrecke

Orenburg-Taschkent fertig ist.

Nach einem Besuche beim Generalgouverneur und bei alten Freunden und

nachdem ich im Observatorium meine Chronometer verglichen hatte,

verließ ich am Abend des 12. Juli Taschkent wieder.

Hinter Tschernajewa fährt der Zug das Ferganatal hinauf. Im Süden

zeigte sich die turkestanische Bergkette, die bald in den Alai mit

seinen schneebedeckten Kämmen und Gipfeln übergeht. In Dörfern oder wo

Wege die Bahnstrecke kreuzen, haben sich manchmal Sarten versammelt;

sie haben sich noch nicht ganz mit der seltsamen, schnellen „Maschina“,

die auf dem „Temir-joll“ (Eisenbahn) dahinsaust, befreundet. Um 9 Uhr

erreichten wir +Andischan+, den Endpunkt der zentralasiatischen

Eisenbahn.

Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, war es mir eine große Freude,

meinen alten treuen Diener +Islam Bai+ (Abb. 2) dastehen zu sehen,

ebenso ruhig und sicher wie sonst; im blauen Chalate mit der von König

Oskar von Schweden verliehenen goldenen Medaille auf der Brust. Er war

sich gleich geblieben, sah gesund und kräftig aus, war aber freilich

älter geworden, und sein Bart war ergraut; er selbst meinte, er sei

ein Greis geworden. Ich begrüßte ihn herzlich; dann unterhielten wir

uns drei Stunden lang, teils über seine vier Monate lange Heimreise

von Urga im Jahre 1897, teils über die bevorstehende Reise. Islam

erfaßte meine Pläne mit dem lebhaftesten Interesse. Es war mir eine

Beruhigung, ihm jetzt das ganze Gepäck anvertrauen zu können, das

er auf Arben (Wagen) nach Osch führte. Von diesem Tage an wurde er

wieder mein Karawan-baschi (Karawanenführer); er kannte von früher her

genau meine Reisegewohnheiten und Wünsche und besorgte alles, was zur

Karawanenausrüstung gehörte. -- Armer Islam Bai! -- Mit den schönsten

Hoffnungen traten wir zusammen jene lange Reise an, die für ihn auf so

beklagenswerte, unglückliche Weise enden sollte!

Erstes Kapitel.

Über den ersten Paß des Kontinents.

In +Osch+ verlebte ich zwei sehr angenehme Wochen bei Oberst

Saizeff, meinem vortrefflichen Freunde aus Pamir, und im Kreise

seiner liebenswürdigen Familie. Er war jetzt Ujäsdnij natschalnik

(Distriktschef) über den Distrikt Osch, der 175000 Einwohner zählt,

während seine Hauptstadt von 35000 Sarten, 150 Russen und 800 Mann

Garnison bewohnt ist. Die einzige Unbequemlichkeit während meines

Aufenthalts in Osch war eine heftige Augenentzündung. Doch ich verlor

nicht viel durch diesen unfreiwilligen Arrest, denn Islam Bai ordnete

unterdessen das Gepäck, stellte die Karawane zusammen, mietete Diener,

ließ zwei Zelte anfertigen und besorgte die notwendigen Einkäufe.

Einmal besuchten Saizeff und ich Islam in seinem Heim, einer einfachen,

ärmlichen Lehmhütte in der Sartenstadt, wo er auf eigenem Grund und

Boden mit seiner Frau und fünf Kindern wohnte, unter die ich Goldmünzen

und andere Geschenke verteilte, um sie über die bevorstehende Trennung

von dem Gatten und Vater zu trösten. Auf der vorigen Reise hatte Islam

monatlich 25 Rubel erhalten; jetzt wurde sein Lohn auf 40 erhöht, was

für einen Asiaten, der überdies ganz freie Station hat, eine bedeutende

Summe ist. Der Lohn des ersten Jahres wurde als Vorschuß Oberst Saizeff

eingehändigt, der davon monatlich 10 Rubel an Islams Familie auszahlte.

[Illustration: 1. Das englische Faltboot auf dem Panggong-tso in

Westtibet. (S. 2.)]

[Illustration: 2. Islam Bai. (S. 7.)]

[Illustration: 3. Brücke oberhalb Gultscha. (S. 10.)]

[Illustration: 4. Meine erste Karawane. (S. 10.)]

Als ich mich ganz wiederhergestellt fühlte und alles bereit war, wurde

die Abreise auf den 31. Juli 1899 festgesetzt. Die Karawane brach

frühmorgens auf und lagerte im Dorfe +Madi+. Nach einem glänzenden

Diner bei Oberst Saizeff verließ ich nachmittags Osch, begleitet

von meinen Wirten und verschiedenen jungen Damen und Offizieren. In

einem Haine bei Madi waren die Zelte aufgestellt, und der Min-baschi

der Gegend hatte eine geräumige Jurte (Zelt) mit Stühlen und Tischen

hergerichtet, die unter den Delikatessen des Dastarchans (Imbiß)

beinahe brachen. In der Dämmerung kehrten meine russischen Freunde nach

Osch zurück. Erst jetzt war ich von der Zivilisation abgeschnitten

und fühlte, daß ich mich wieder auf der Reise befand. Als abends 9 Uhr

die erste Reihe meteorologischer Ablesungen gemacht wurde, war ich

wieder im alten Gleise und gedachte der 1001 Nächte, die ich vor nicht

langer Zeit unter ähnlichen Verhältnissen im Herzen des großen, öden

Asiens verlebt hatte! Jetzt aber bewohnte ich ein prächtiges Zelt aus

doppeltem, wasserdichtem Segeltuch, das mit Teppichen geschmückt und

mit dem Feldbett und meinen Instrumentkisten möbliert war. Gesund und

herrlich war es, wieder im Freien im Zelte zu wohnen, vor mir ganz

Asien und eine Welt von Hoffnungen auf neue, wichtige Entdeckungen!

Islam hatte zwei nette junge Hunde, die wirklich hübsch zu werden

versprachen, angeschafft; der eine, ein Hühnerhund, hieß Dowlet

(Reichtum), der andere, ein asiatischer Wilder von gemischtem Blute,

hörte auf den Namen Jolldasch (Reisegefährte). Sie wurden an mein Zelt

angebunden, um allmählich daran gewöhnt zu werden, daß sie dessen

treue Wächter sein müßten, was nicht viele Tage dauerte. Ich hatte

diese Hunde so lieb, daß mir später ihr Verlust den tiefsten Schmerz

bereitete.

Die Karawane bestand aus Islam Bai als Führer, Kader Ahun und Musa,

Dschigiten (Kuriere) aus Osch, die für 15 Rubel monatlich angeworben

waren, und vier Karakeschen (Pferdewärtern), welche die 26 Pferde

begleiteten, die ich für 8 Rubel pro Stück für die ganze Wegstrecke bis

Kaschgar (450 Kilometer) gemietet hatte. Die Leute hatten zwei Zelte,

um welche das Gepäck ganze Bastionen bildete. Die ersten Tagereisen,

soweit die neuangelegte Fahrstraße reicht, zog ich es vor, im Wagen zu

fahren.

Am Morgen des 1. August dauerte es ziemlich lange Zeit, bis die

Karawane marschfertig war. Es handelte sich darum, die Kisten und

sonstigen Lasten genau abzuwägen, so daß sie paarweise gleiches Gewicht

hatten und bequem auf dem Packsattel des Pferdes lagen.

Gleich hinter Madi wird die Landschaft durch die ersten Aule

(Zeltdörfer) von Ferganakirgisen inmitten großer Herden von Schafen,

Ziegen, Rindern, Kamelen und Pferden belebt. Besonders die Frauen

mit ihren roten Gewändern, ihren Schmucksachen und hohen, weißen

Kopfbedeckungen erregen Aufmerksamkeit. In +Bir-bulak+ mit seinen

russischen Häusern und Aulen machten wir den ersten Halt.

Die nächste Tagereise führte uns über den kleinen Paß

+Tschiger-tschig+. Kirgisische Reiter griffen in lange, an der Deichsel

befestigte Seilschlingen vor den Pferden meines Phaethons, und munter

ging es die Paßhöhe hinauf. Aber die Fahrt abwärts, wo es viel steiler

ist und der Weg in unzähligen Zickzackkrümmungen hinläuft, ist recht

waghalsig. Würde nicht das eine Hinterrad gebremst, so würde der Wagen

schneller hinabrollen, als es für den Fahrenden gut wäre.

Das klare Wasser des Baches Ile-su rauscht herrlich zwischen Steinen

und Büschen dahin und bildet oft schäumende Kaskaden. Das Tal öffnet

sich, vor uns zeigt sich +Gultscha+ mit seinen leicht zu zählenden

russischen Häusern, dem Fort mit einer Sotnja (100 Mann), den Kasernen,

der letzten Telegraphenstation und dem Basare, umgeben von schlanken

Pappeln. Der kleine Ort liegt am rechten Ufer des Kurschab- oder

Gultscha-darja, der ziemlich wasserreich ist, obgleich die Tiefe 80

Zentimeter nicht übersteigt.

Der am rechten Ufer des Gultscha-darja weiterführende Weg ist

vortrefflich, obgleich er bergauf und bergab geht; er wird aber auch

jährlich sorgfältig unterhalten und muß jeden Frühling ausgebessert

werden, weil er, namentlich an den Pässen, durch Lawinen und durch die

Schneeschmelze zerstört wird. Die Brücken sind aus Holz und befinden

sich an schmalen Stellen, bei denen eine einzige Spannung genügt (Abb.

3). Welch ein Unterschied gegen die schlechten, schwankenden Stege, die

für die Bedürfnisse der Kirgisen genügten und die ich während meines

früheren Besuches kennen lernte. Seitdem hat der Weg strategische

Bedeutung erhalten; er geht durch das Alaital nach Bordoba (Bor-teppe)

und von da über den Kisil-art und Ak-baital nach Pamirskij Post. Man

kann jetzt den ganzen Weg fahren und Proviant, Bauholz usw. auf Karren

nach den Ufern des Murgab bringen; selbst mit Artillerie kann man nun

das öde Gebiet von Pamir durchkreuzen. An mehreren Stellen, wie Bordoba

und Kara-kul, hat man steinerne Stationsgebäude erbaut. Sie liegen im

Terrain so maskiert, daß man ahnungslos daran vorbeireiten würde, wenn

man ihre Lage nicht kennte. Sie enthalten heizbare Zimmer mit Proviant

usw., wo Reisende und Dschigiten im Winter oder bei Schneestürmen eine

erwünschte Freistatt finden sollen. Die kleinen Herbergen und Hütten,

in denen ich im Februar 1894 übernachtete, waren eingegangen.

Hier und da steht noch eine Pappel (Terek). Der Artscha (Wacholder)

beginnt an den Abhängen aufzutreten. Wir sehen viele, gar nicht

scheue Rebhühner. Bei Kisil-kurgan (rote Festung) steht ein kleines

Lehmfort, wo die Kirgisen uns Tee vorsetzten. Ein wenig davon entfernt

rastete ich im Schatten eines herrlichen Pappelhains, um die Karawane

zu erwarten, und erfreute mich im Wagen des schönsten Schlafes, den

ich seit langem genossen. Er war mir auch nötig, denn des bewegten

nächtlichen Lebens und des Lagerlärms war ich noch ungewohnt. Doch

nach einer Stunde weckten mich Rufe und Pfiffe: unsere stattliche

Karawane marschierte vorbei (Abb. 4, 5). An der Spitze ritt ein Mann

auf einem Esel und führte die drei Pferde, welche meine kostbaren

Instrumentkisten trugen. Die übrige Karawane ist in drei Abteilungen

geteilt, jede von einem Dschigiten überwacht, während einige Männer

zu Fuß gehen, um die Lasten, die herunterrutschen oder nicht im

Gleichgewicht sind, zurechtzurücken. Kader Ahun reitet hinterdrein;

ihn begleitet ein neuangeschaffter, noch angebundener Karawanenhund.

Fröhlich klingen die Glocken und geben ein gellendes Echo. Der lange

Zug verschwindet hinter einem Hügel, taucht wieder auf und entschwindet

wieder meinen Blicken, indem er langsam einen steilen Hang hinabzieht.

Aber bald hole ich ihn ein.

Der Weg wird steiniger und zieht sich große Strecken lang auf der Höhe

steil abfallender Schuttkegel und Geröllhügel hin, deren Basis vom

Flusse bespült wird. Wo Nebentäler einmünden, öffnen sich malerische

Perspektiven in das Gebirge hinein. Immer noch kommen Pappeln und

Sträucher vor, die Steigung nimmt ein wenig zu, immer häufiger

zeigen sich Stromschnellen, und immer lauter rauscht der Fluß. Bei

der Talweitung +Kulenke-tokai+ sieht man am rechten Flußufer

einen sehr schönen Pappelhain, wo die Kirgisen freundlicherweise eine

Jurte für uns aufgeschlagen hatten, da sich hier gerade keine Nomaden

befanden, in deren Zelten wir hätten rasten können. Ich zog jedoch vor,

die Ankunft der Karawane abzuwarten, um in meinem eigenen „Hause“ zu

wohnen.

An diesem Punkte brachten wir den ersten Ruhetag der Reise zu. Es

war ein herrlicher stiller Platz, denn die Pferde waren nach Jeilaus

(Weideplätzen) in der Nachbarschaft gebracht worden. Der Himmel war

trüb, die Temperatur angenehm. Abwechselnd wehte es talaufwärts und

talabwärts, und wie eine Einweihungshymne klang es, wenn der Wind in

den Kronen der dicht belaubten Bäume rauschte. Man konnte träumen und

diesen wohlbekannten Lauten lauschen, die an so manche Ereignisse

von früheren Reisen erinnerten. Ich sah in Gedanken den kommenden

Jahren entgegen, in deren Schoße so viele seltsame Ereignisse und

Abenteuer, so viele harte Schicksale und Entbehrungen, Verluste, Siege

und Entdeckungen schlummern sollten! Noch hatte ich das Gefühl der

Einsamkeit nicht völlig überwunden, aber die Zeit stählt das Gemüt, und

der Mechanismus des Karawanenlebens geht bald seinen vorgeschriebenen

Gang. Der Unterschied gegen die zwei vorhergehenden Jahre war recht

schroff. Nach dem Aufenthalte im Weltgetümmel und in zivilisierten

Verhältnissen war es ein seltsames Gefühl, wieder fort und vergessen

zu sein, von der eigenen Sehnsucht verurteilt, im innersten Asien zu

verschwinden. Noch am Abend sang es melancholisch in den Pappeln,

und in dem unermüdlichen Rauschen des Flusses glaubte ich die alte,

wohlbekannte Mahnung zur Geduld, die schließlich zum sicheren Siege

führe, wiederzuhören. Jetzt erschien das Ziel noch fern und dunkel,

aber jeder Tag würde mich ihm einen Schritt näher führen, und kein

Tag würde ohne neue Erfahrungen und Forschungsgewinne vergehen. Still

und verlassen lag das Biwak da; kein Rauch deutete auf Feuer, keine

Menschen zeigten sich, denn meine Leute gaben sich in der Jurte dem

Schlafe hin, nur der Fluß und der Wind störten die feierliche Stille.

Kurz nach Mitternacht fiel Regen, der lustig auf die Zeltleinwand

trommelte. Es klang gemütlich und führte gegen Morgen eine ziemlich

fühlbare Abkühlung herbei. Die unerwartete Dusche brachte Leben ins

Lager, und die Leute waren sofort auf den Beinen, um das draußen

stehende Gepäck unter Dach zu bringen.

Gleich hinter dem Lager überschreiten wir ein paarmal den Fluß und

halten uns dann meistens auf dem rechten Ufer. Bei +Sufi-kurgan+

läßt man links das Terektal liegen, das nach dem Passe Terek-davan

hinaufführt, über den ein näherer, aber schwerer passierbarer Weg

nach Kaschgar geht. Oberhalb dieses Tales ist die Wassermenge des

Hauptflusses geringer, doch wird das Tal wieder breit, und sein

gleichmäßig abfallender Boden hebt sich grau ab gegen die roten

Terrassen von Sand, Geröll und Ton, welche das Bett zwischen ihren

lotrechten Wänden einschließen. Dann passieren wir am linken Ufer einen

kleinen, sanften Bergrücken auf dem Passe +Kisil-beles+, wo wir

im Schatten massiger Artschas rasten. Es ist recht frisch, es geht ein

lebhafter Wind, und auf den Bergkämmen fällt leichter Regen. Das Lager

dieses Tages wurde in dem offenen Tale +Bosuga+ aufgeschlagen. Wie

gestern legten wir 39 Werst zurück; noch sind Werstpfähle längs des

Weges angebracht.

Meine Hündchen Dowlet und Jolldasch waren klassische Wesen; sie waren

erst ein paar Monate alt und konnten so weite Strecken noch nicht

laufen. Wir hatten sie daher in einem Weidenkorbe hinten an meinem

Wagen festgebunden. Anfangs waren sie über diese Art zu reisen so

erstaunt, daß sie sich ganz still verhielten; bald aber hatten sie sich

daran gewöhnt, und Dowlet, der den besten Platz haben wollte, hielt

Jolldasch im Zaume und schalt ihn aus, wenn er nicht gehorchte; der

Ärmste winselte beständig ganz jämmerlich. Wenn sie im Lager aus ihrem

Gefängnis herausgelassen wurden, waren sie überselig und liefen wie die

besten Freunde miteinander, aller Beißereien im Korbe vergessend. Schon

jetzt fühlten sie sich im Lager heimisch und schliefen nachts neben

meinem Bette. Sie hielten recht gute Wacht und bellten wie toll bei dem

geringsten verdächtigen Geräusch. Ihre Mahlzeiten nahmen sie stets bei

mir ein und entwickelten dabei einen beängstigenden Appetit.

Die Nacht auf den 6. August war recht kalt, und die Minimaltemperatur

fiel auf 1 Grad unter Null. Ich mußte Pelz, Filzdecken und Mütze

auspacken Die Luftverdünnung dagegen belästigte mich nicht im

geringsten, doch merkte man an der sich bei anstrengenden Bewegungen

einstellenden Atemnot, daß hier das herrschte, was die Eingeborenen

„Tutek“ nennen, das Gefühl, welches man auf Hochpässen empfindet. Der

Weg folgt dem Talldikbache aufwärts, manchmal im Bachbette selbst, das

man verläßt, um die Abhänge hinaufzuklettern. Nachdem wir verschiedene

Nebentäler passiert, beginnt der eigentliche Anstieg, der nicht sehr

steil ist, da der Weg in zahllosen Zickzackwindungen angelegt ist. Das

Gestein ist schwarzer, stark gefalteter Schiefer. Auf der Höhe des

+Talldikpasses+ steht ein mit einem Geländer umgebener Pfahl;

zwei gußeiserne Tafeln an demselben verkünden, daß der Paß 11800 Fuß

(3617 Meter) hoch ist, 88 Werst von Gultscha liegt und daß der Weg

angelegt worden ist, als A. B. Wrewskij Generalgouverneur und N. J.

Korolkoff Gouverneur waren. Die Wegarbeiten begannen am 24. April

1893 und endeten am 1. Juli desselben Jahres unter Leitung des Majors

Grombtschewskij. Auf der anderen Seite, nach dem Alaitale zu, ist der

Abstieg weniger steil. Kein einziger Wacholder überschreitet den Paß;

auf der Alaiseite sind die Abhänge ganz unbewaldet.

Am oberen Sarik-tasch verabschiedete ich meinen Arabatschi (Kutscher)

und gab ihm ein anständiges Trinkgeld und einen Dolch; er hatte sich

gut geführt und den Wagen wohlbehalten bis ins Alaital gebracht. Von

jetzt an ritt ich und weihte einen ungarischen Feldsattel aus Budapest

ein. Bald sind wir im eigentlichen +Sarik-tasch+, wo das Paßtal

des Talldik in das große, breite Alaital einmündet; dann biegen wir

nach Osten ab, die letzten Werstpfähle hinter uns zurücklassend. Im

Süden dehnt sich das großartige Gebirgssystem des Transalai aus; die

gewaltigen Bergriesen stehen in kreideweißem, hellblauschimmerndem

Schneegewande da, und die meisten der höchsten Gipfel sind

wolkenumkränzt. Besonders im Westen sind die Wolken zahlreich, und der

Pik Kauffmann ist daher unseren Blicken verborgen. Das Alaital ist

breit, offen und reich an Weiden, auf denen hier und dort zahlreiche

große Agile (Hürden) mit gewaltigen Herden zu sehen sind. Im Osten wird

das Tal von Bergen versperrt, über welche der flache Paß Tong-burun

führt, der die Wasserscheide und die östliche Schwelle des Alaitales

bildet. Alle Augenblicke kreuzen wir flache Ausläufer vom Alai, die

sich nach Süden nach dem Zentrum des Tales hinziehen; ein solcher ist

der Katta-sarik-tasch. Hinter diesem überschreiten wir den Fluß Schalwa

mit einem großen, steinigen Bett, aber wenig Wasser. Vom Transalai

mündet hier das ebenso steinige Tal Mäschallä. Diese Talwege und Flüsse

vereinigen sich nach und nach, nehmen mehrere andere auf und bilden

allmählich ein Haupttal, dessen Fluß +Kisil-su+ heißt.

Unser Rasttag in +Äilämä+, wo wir auf dem Wege nach Kaschgar die

beste Weide für die Pferde finden sollten, war gerade nicht angenehm,

denn es regnete in Strömen und der Herbst der Ferganaberge hatte

sichtlich schon seinen Einzug gehalten; doch wir mußten uns damit

trösten, daß man es bei solchem Wetter unter Dach besser hat als im

Sattel.

Im Herzen von Asien. Erster Band. · 第 1 / 42 段