Die ~Stäbchenstruktur~ gehört zu den Plastosomen (s. S. 59);
sie ist nach manchen Autoren starken funktionellen Schwankungen
unterworfen; andere Autoren betrachten aber die aufgefundenen
Unterschiede als Folgen einer ungleichmäßigen Technik, da die
Stäbchen gegen fixierende Reagentien sehr empfindlich sind. Die
Stäbchen (oft als auf Fäden aufgereihte Körnerreihen erscheinend)
beginnen etwas unterhalb des Bürstensaumes und reichen nur mit
ganz feinen Fäden bis an die Zellbasis, wobei sie den Zellkern
leicht bogenförmig umziehen.
Besonders zwischen Zellkern und Bürstensaum liegt stäbchenfreies
Zytoplasma (sogenanntes supranukleäres Zytoplasma) vor (Fig. 289),
das mannigfache, sehr wechselnde Einschlüsse enthält. Fett, Harnsäure,
Pigment usw. kann hier, bei größerer Menge auch in den übrigen Teilen
der Zelle, abgelagert werden.
[Illustration: Fig. 288.
Aus einem Schnitte durch eine Niere eines Hingerichteten. 240mal
vergrößert. Das den Glomerulus überkleidende Epithel (d. h. das innere
Blatt der Kapsel) ist nicht deutlich zu erkennen. Technik Nr. 150,
S. 390.]
[Illustration: Fig. 289.
Hauptstück aus der Niere einer Ratte. 750mal vergrößert. Technik
Nr. 150, S. 390.]
Die Ablagerung aller dieser Substanzen darf nicht als
Sekretionsvorgang betrachtet werden; vielmehr haben wir hier
eine typische ~Speicherung~ vor uns, wie besonders eine Analyse
der Ausscheidung saurer Farbstoffe gezeigt hat. Die Speicherung
(s. Fig. 28, S. 83) vollzieht sich während der Ausscheidung
und beschränkt sich auf die Hauptstückepithelien. Dadurch
ermöglichen »vitale Färbungen« der Nieren mit Trypanblau und
ähnlichen Farbstoffen eine isolierte Hervorhebung der Hauptstücke
(Fig. 290) in Isolationspräparaten und Schnittbildern. Welche
physiologische Bedeutung dem Speicherungsvermögen der Hauptstücke
zukommt, ist noch nicht klargestellt. Die ~gespeicherten
Substanzen~ können entweder vom Blute her aus einem
Sekretionsstrome stammen, oder aber durch Rückresorption in die
Epithelzellen gelangen. Den letzteren Modus müßte man annehmen,
wenn alle Harnbestandteile im Glomerulus abgesondert werden
(s. oben). Jedenfalls bringt die Bezeichnung »sekretorischer«
Abschnitt eine Ansicht über die Bedeutung des Hauptstückes zum
Ausdruck, die noch des Beweises entbehrt.
In der Richtung vom Glomerulus nach dem Übergang in die Henlesche
Schleife ändert sich bei allen Hauptstücken die Struktur gleichsinnig;
die Stäbchenstruktur ist in den glomerularen Schlingen am dichtesten
wird dann immer lockerer, je mehr man sich der Henleschen Schleife
nähert, um im letzten Abschnitt des Hauptstückes einer Anordnung
der plastosomalen Substanzen Platz zu machen, die den Namen
Stäbchenstruktur nicht mehr verdient; hier sind nur noch feine Körnchen
im Zytoplasma nachzuweisen.
Sehr schön kommt dieser funktionell offenbar wichtige Gesamtaufbau des
Hauptstückes in der Farbstoffspeicherung (Fig. 290) zum Ausdruck; diese
beginnt in der ersten Zeit der Ausscheidung am glomerularen Ende und
ist, wenn nach längerer Ausscheidungszeit das ganze Hauptstück beladen
ist, am gleichen Ende am stärksten ausgebildet. Alle Hauptstücke einer
Niere speichern in gleicher Zeit im Verhältnis zu ihrer Länge gleich
stark.
Bei gesteigerter Exkretion pflegt das sonst enge Lumen der
Hauptstücke bei gleichzeitiger Abflachung des Epithels weit zu
werden.
Im Querschnitt mißt das Hauptstück der menschlichen Niere
durchschnittlich 40-60 µ, in der Länge etwa 14 mm; doch bestehen
hier beträchtliche Längenunterschiede.
[Illustration: Fig. 290.
Das ganze Hauptstück eines Nierenkanälchens der Maus, isoliert,
nachdem das Tier längere Zeit Farbstoff ausgeschieden hatte. (Nach
~v. Möllendorff~ 1915.) Technik Nr. 151, S. 390.]
Die Epithelien aller anderen Abschnitte des Harnkanälchens sind
gegen das Lumen mit einem scharfen Abschluß versehen. Der Übergang
des Hauptstückes in den ~dünnen Teil der Henleschen Schleife~ ist
ziemlich scharf abgesetzt; das Kaliber vermindert sich auf 9-16 µ.
Die platten, hellen Epithelzellen sind mit oft gegen das sehr weite
Lumen vorspringenden Kernen versehen (Fig. 291, _{1}). Ihm folgt
unter schneller Zunahme des Kalibers der 23-28 µ »~dicke Abschnitt~«,
dessen Lumen relativ enger ist und der zwei in sich wieder verschieden
aussehende Anteile besitzt. Der erste ähnelt in der Stäbchenstruktur
des Zytoplasmas den Hauptstücken; doch fehlt ihm der Bürstensaum. Die
Epithelzellen des zweiten Anteiles, der an das Schaltstück angrenzt,
sind bei etwa gleicher Höhe heller (Fig. 285).
Die Übergangsstelle liegt ebenso wie der Übergang von den
trüberen zu den helleren Epithelzellen des dicken Abschnitts
im Bereich der Außenzone des Markes, und zwar in deren
»Außenstreifen«, welcher makroskopisch als ein rötlicher Streifen
an der frischen, als ein gelblicher Streifen an der in Salzsäure
gelegten Niere sichtbar ist. Als Innenstreifen der Außenzone
wäre dann die breite, bis zur Innenzone reichende Strecke zu
bezeichnen (vgl. Fig. 285).
Die gesamte Henlesche Schleife kann sehr lang sein und dann
weit papillenwärts reichen; dann liegt die Umbiegungsstelle
stets im dünnen Abschnitt. Bei den in der menschlichen Niere
vorwiegenden kurzen Schleifen ist der dünne Teil sehr kurz, die
Umbiegungsstelle liegt dann im dicken Abschnitt.
Die 39-44 µ dicken ~Schaltstücke~ sind beim erwachsenen Menschen
in ihrem letzten, in die Sammelröhrchen sich fortsetzenden
Abschnitt durch unregelmäßige Ausbuchtungen (Fig. 285, _{5}) und
-- an Salzsäuremazerationspräparaten -- durch ihre dunkle Farbe
charakterisiert, welche durch kleine, in den Epithelzellen befindliche
Kristalle bedingt wird. Das Schaltstück erreicht regelmäßig wieder den
zu ihm gehörigen Glomerulus, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft
Durchschnitte des Schaltstückes leicht nachzuweisen sind (Fig. 288).
[Illustration: Fig. 291.
Kanälchen eines Markstrahles. Aus einem Längsschnitte durch die Niere
eines Hingerichteten. 240mal vergrößert. Technik Nr. 150, S. 390.]
[Illustration: Fig. 292.
Aus einem Querschnitte der Marksubstanz der menschlichen Niere. 240mal
vergr. Der Schnitt ist durch die Basis der Papille geführt. 1. dünne,
2. dicke Abschnitte Henlescher Schleifen, 3. Sammelrohre, 4. mit
Blutzellen gefüllte Blutgefäße. Technik Nr. 150, S. 390.]
Die Epithelzellen der feinsten, 25 µ dicken ~Sammelröhrchen~ (man
hat sie auch »Verbindungsstücke« genannt) sind kubisch; die teils
hellen, teils dunkleren Epithelzellen der dickeren ~Sammelrohre~
und die der 200-300 µ dicken ~Ductus papillares~ sind einfache hohe
Zylinder, die an der Mündung der Ductus in ein die Oberfläche der
Nierenpapillenspitze überziehendes mehrreihiges Zylinderepithel
übergehen, das sich seinerseits allmählich in das Übergangsepithel der
Nierenkelche (S. 384) fortsetzt.
Die Bedeutung der Henleschen Schleifen, Schaltstücke und
Sammelrohre ist im einzelnen ebensowenig klargestellt wie
diejenige der Hauptstücke. Physiologische Versuche haben
nachgewiesen, daß im gesamten Nierenmarke, vermutlich durch
Wasserresorption, das Sekret der oberen Abschnitte eingedickt
wird. Welche Anteile der Harnkanälchen an dieser Wassersparung
besonders beteiligt sind, steht dahin.
Glomeruluskapsel und Harnkanälchen sind in ihrer ganzen Länge nach
außen vom Epithel mit einer strukturlosen ~Membrana propria~ überzogen,
welche am dünnen Schleifenabschnitt am dicksten ist, gegen die Ductus
papillares aber allmählich verschwindet.
Eine ganz besondere Rolle spielt in der Niere der
Blutgefäßbindegewebsapparat, was zum Teil in seiner Anordnung zum
Ausdruck kommt. Die Harnkanälchen werden von einer geringen Menge
lockeren Bindegewebes (»~interstitielles Bindegewebe~«) umhüllt,
welches an der Nierenoberfläche zu einer fibrösen, glatte Muskeln und,
im Alter sich mehrende, elastische Fasern enthaltenden Membran, der
~Tunica albuginea~, verdichtet ist. Das interstitielle Bindegewebe ist
verhältnismäßig arm an elastischen Fasern und bildet ein Blutgefäße und
Harnkanälchen einhüllendes zierliches Netz von Gitterfasern.
~Blutgefäße der Nieren.~ Die Arteria renalis teilt sich im Nierenhilus
in Äste, welche, nach Abgabe kleiner Zweige für die Capsula fibrosa,
die Tunica albuginea und für die Nierenkelche, sich im Umkreise der
Papillen als ~Arteriae interlobares~ in das Parenchym der Niere
(Fig. 285) einsenken und astlos bis zur Grenze zwischen Mark- und
Rindensubstanz vordringen. Hier verlaufen sie als ~Arteriae arciformes~
in peripherisch konvexem, sehr unregelmäßig gekrümmtem Bogen der
Grenze entlang. Von der konvexen Seite der Bogen sowie aus ihren
Endverästlungen entspringen in regelmäßigen Abständen peripherisch
verlaufende Äste, die ~Arteriae interlobulares~ (Fig. 285, 293), welche
nach den Seiten hin kleine Zweige abgeben, deren jeder einen Glomerulus
(Fig. 285) speist. Jede Art. interlobularis löst sich in Endäste auf,
die zum Teil in die Tunica albuginea gehen, zum Teil in die Kapillaren
der Rindensubstanz sich fortsetzen oder auch das Vas afferens eines
Glomerulus bilden.
Durch diese Anordnung der Arterienäste wird eine Versorgung des
Rindenkapillarnetzes mit Blut auch dann bis zu einem gewissen
Grade gewährleistet, wenn die Glomeruli durch Erkrankung
ausgeschaltet sind.
Jeder Glomerulus entsteht durch rasche Teilung einer Arterie in
eine Anzahl kleiner kapillarer Zweige, die alsbald wieder zu einem
aus der Mitte des Glomerulus herauskommenden (arteriellen) Gefäße
zusammentreten; man nennt dieses letztere das ~Vas efferens~ (Fig. 285,
293); es ist etwas schwächer als das den Glomerulus speisende Gefäß,
welches ~Vas afferens~ heißt (Fig. 285, 293).
Die Wandung der Kapillaren des Glomerulus soll aus einer
gemeinschaftlichen Zytoplasmamasse ohne Zellgrenzen bestehen.
Jeder Glomerulus ist ein arterielles Wundernetz, d. i. ein
Gefäßnetzwerk, welches den Verlauf eines Gefäßstammes ~plötzlich~
unterbricht. Es gibt auch venöse Wundernetze. Bei Hunden und
Katzen kommen in der Niere auch Wundernetze vor, die in keiner
Beziehung zu Harnkanälchen stehen, d. h. die von keiner »Kapsel«
umfaßt werden.
[Illustration: Fig. 293.
Stück eines Schnittes durch die Rinde einer injizierten Niere des
erwachsenen Menschen. 30mal vergrößert. Technik Nr. 152, S. 390.]
Das Vas efferens des Glomerulus mündet in das Kapillarnetz ein, welches
im Bereiche der Markstrahlen gestreckte Maschen, im Bereiche der
gewundenen Harnkanälchen runde Maschen bildet, und in das auch die
oben erwähnten anderen Zweige des Art. interlobularis einmünden. Die
Ableitung des Blutes aus dem Kapillarnetz übernehmen Venen, ~Venae
interlobulares~ (Fig. 285, 293), welche dicht neben den Arteriae
interlobulares liegen und, auch im weiteren Verlaufe sich an der Seite
der Arterien haltend, in die Venae arciformes münden; diese letzteren
nehmen auch kleine Venen auf, die aus dem Zusammenfluß der in den
tieferen Rindenpartien befindlichen Kapillaren entstehen. Die Venen
der äußersten Rinde vereinigen sich zu sternförmig gestellten Wurzeln,
~Venae stellatae~ (Verheynii), welche mit den Venae interlobulares
zusammenhängen. Die vorstehend beschriebene Gefäßausbreitung ist
lediglich in der Rindensubstanz und in den Markstrahlen gelegen;
die Marksubstanz bezieht ihr Blut: 1. durch Ausläufer aus den
Rindenkapillaren (Fig. 285, a) und 2. durch die ~Arteriolae rectae~,
welche teils direkt aus zentralverlaufenden Ästchen der Art. arciformes
(Fig. 285, b) oder der Art. interlobulares (c) oder aus den Vasa
efferentia der tiefstgelegenen, bei Tieren relativ größeren Glomeruli
(d) kommen. Die Venen der Marksubstanz wurzeln in einem weitmaschigen,
die Ductus papillares umspinnenden Netze und münden in die Venae
arciformes. Die Vena renalis und ihre Verzweigungen sind klappenlos.
Direkte Verbindungen zwischen Arterie und Vene kommen sowohl in der
Tunica albuginea als auch im Innern der Niere vor.
Die ~Lymphgefäße~ sammeln sich aus einem in der Rinde befindlichen
Netze geschlossener Kapillaren (ein gleiches Netz scheint auch im
Marke vorhanden zu sein); die daraus entspringenden Stämmchen laufen
mit den Blutgefäßen, ohne adventitielle Lymphräume (S. 179) zu bilden,
und treten am Hilus aus. Außer diesen tiefen Lymphgefäßen gibt es noch
zwei oberflächliche Kapillarnetze, eines in der Capsula adiposa, eines
in der Capsula fibrosa (letzteres steht mit dem Rindenkapillarnetz in
Verbindung). Die daraus entstehenden Stämmchen münden in benachbarte
Lymphknoten.
Die Niere ist außerordentlich reich mit Nerven versehen. Die
teilweise markhaltigen ~Nerven~ verlaufen entweder mit den Blut- und
Lymphgefäßen in der bindegewebigen Hülle der Niere, oder sie bilden
ein mit sympathischen Nervenzellen untermischtes Geflecht im Hilus,
an dessen Herstellung sowohl die das Nierenbecken versorgenden Äste,
wie auch die die Blutgefäße begleitenden Nerven teilnehmen. Im Innern
der Niere bilden die Nerven Geflechte, welche die Arterien bis zu
den Nierenkörperchen umstricken (Fig. 294). Auch die Wandungen der
Venen und der Kapillaren sind von Nerven umsponnen, von denen feine
Äste abzweigen, welche an den geraden und besonders an den gewundenen
Harnkanälchen epi- und hypolemmale (S. 269) Geflechte bilden, von denen
feine, interepithelial endigende Nervenfäden ausgehen.
[Illustration: Fig. 294.
Schnitt durch die Niere einer Maus. 240mal vergrößert. Technik Nr. 153,
S. 390.]
Die ableitenden Harnwege.
~Nierenkelche~, ~Nierenbecken~, ~Ureter~ und ~Blase~ haben einige
gemeinsame Merkmale, die voraus besprochen werden sollen: das Epithel
und den Muskelgehalt ihrer Wandung.
Das ~Epithel~ (als »Übergangsepithel« bezeichnet) vermag sich den
wechselnden Füllungszuständen anzupassen, besitzt aber außerdem die
größere Widerstandsfähigkeit (hier wohl gegen die reizende Wirkung des
Harnes) eines geschichteten Epithels. Das Epithel kontrahierter oder
nur mäßig gefüllter Harnblasen erscheint auf senkrechten Schnitten
(Fig. 295a) einem geschichteten Pflasterepithel ähnlich, nur mit dem
Unterschiede, daß die Zellen der oberflächlichen Schicht zylindrische
oder kubische Elemente oder auch dicke Platten sind.
Es ist durch sorgfältige Untersuchungen nachgewiesen worden,
daß in Wirklichkeit nur zwei Schichten vorliegen, deren Formen
je nach der Füllung der Blase außerordentlich wechseln. Bei
~leerer~, stark kontrahierter Blase sind die Zellen der
oberflächlichen Schicht auf Schnitten kubisch, zylindrisch, an
ihrer Unterfläche oft mit Vertiefungen und Fortsätzen versehen,
an welche die Zellen der tieferen Schicht ansetzen. Diese
letzteren sind schlanke, in der Umgebung des Kernes oft dickere
Zellen; der meist einfache Kern liegt bald am oberen, bald am
unteren Ende, bald in der Mitte der Zelle. Dadurch wird auf
Schnitten das täuschende Bild eines mehrschichtigen Epithels
hervorgerufen. Bei ~stark~ gefüllter Blase (Fig. 295b) sind die
oberflächlichen Zellen ganz abgeplattet; die tiefen Zellen sind
jetzt niedrig, kubisch, ihre querovalen Kerne liegen in ~einer~
Reihe. Zwischen diesen beiden Extremen bestehen alle Übergänge.
[Illustration: Fig. 295¡a¡. Fig. 295¡b¡.
Epithel der Harnblase (sogenanntes Übergangsepithel) bei kontrahierter
(¡a¡) und bei gedehnter (¡b¡) Blasenwand. 500mal vergrößert. Technik
Nr. 110, S. 289.]
Mit dem Nachweis, daß das Blasenepithel in Wirklichkeit
zweischichtig ist, findet die schon früher bekannte Tatsache, daß
die Schlußleisten nicht nur an der Oberfläche, sondern auch in
der Tiefe Netze bilden, eine befriedigende Erklärung: das kommt
eben nur bei kontrahierter Blase vor; an der gespannten Blase
liegt das Netz an der Oberfläche.
In den Epithelzellen, besonders in jenen der oberflächlichen
Schicht, lassen sich oft Körnchen nachweisen, die möglicherweise
Sekretvorstufen sind. Die Zellen der oberflächlichen Schicht
sind außerdem durch dunklere Färbung ihres Zytoplasmas, durch
einen zeitweise vorhandenen Kutikularsaum (Fig. 295), sowie durch
den häufigen Besitz mehrerer, durch Amitose (Fig. 17, S. 69)
entstandener Kerne ausgezeichnet.
In den oberflächlichen Schichten der Tunica propria der Blase (auch
des unteren Nierenbecken- und oberen Ureterabschnittes) finden sich
runde oder längliche Körper: Sprossen des Oberflächenepithels, zum
Teil ohne Lumen, Zäpfchen, zum Teil hohl, Krypten, deren Lumen
Sekret, eine kolloide Substanz, enthält. Diese Bildungen sind die
ersten Entwicklungsstadien von Drüsen, die jedoch spät, erst bei
Erwachsenen, aus dem Grunde der Krypten hervorsprossen und verästelte,
mit Zylinderepithel ausgekleidete Schläuche sind. Solche echten Drüsen
finden sich nur in der Harnblase, und zwar am Fundus, am Trigonum und
am Urethraanfang, woselbst sie alle Übergänge zu wohlentwickelten
Prostatadrüsen (S. 402) zeigen.
[Illustration: Fig. 296.
Querschnitt durch den menschlichen Ureter. 18mal vergrößert. Technik
Nr. 110, S. 289.]
Das zweite wichtige Merkmal der ableitenden Harnwege ist die ~glatte
Muskulatur~, die eine Kontraktilität dieses ganzen Hohlraumsystems
bewirkt; hierdurch wird der Abfluß des Harnes befördert. Die Anordnung
der zu Bündeln zusammengelagerten Muskulatur ist aber nicht so
regelmäßig wie beim Darm; vielmehr durchflechten sich die Bündel,
zwischen denen reichlich Bindegewebe liegt, in komplizierter Weise.
Trotzdem läßt sich eine Schichtung an manchen Teilen (besonders Ureter)
nachweisen.
An den Nierenpapillen bilden Muskelfasern zirkuläre Züge, die
den Harn aus den Papillen herausdrücken können. An Nierenbecken
und Ureter kann man eine innere Längslage und eine äußere,
zirkuläre Lage glatter Muskelfasern unterscheiden, welch
letzterer in der unteren Hälfte des Ureter noch längsverlaufende
Muskelzüge aufliegen. Das in der Harnblasenwand verlaufende,
sogenannte »Wandstück« des Ureter besitzt nur Längsmuskeln, die
nicht mit den Muskeln der Harnblase zusammenhängen, sondern
frei in der Tunica propria der Blasenschleimhaut enden. Ihre
von den Harnblasenmuskeln unabhängige Kontraktion öffnet die
Ureterenmündung.
An der Blase besteht die Muskelschichte ebenfalls aus einer inneren
und äußeren Längslage, welche eine Ringlage zwischen sich fassen. Die
Lagen sind derart miteinander verflochten, daß eine strenge Abgrenzung
derselben nicht möglich ist. Am Blasengrunde verstärkt sich die innere
Längsmuskellage; die Ringmuskelschicht bildet um den Anfang der
Harnröhre den nicht immer deutlichen M. sphincter vesicae internus.
Der Gesamtaufbau der Wandung läßt die allgemeinen Charaktere
erkennen: Die ~Schleimhaut~, deren Tunica propria aus
faserreichem Bindegewebe besteht, enthält auch Lympho- und
Leukozyten, in der Blasenwandung sogar Solitärknötchen. Da eine
Muscularis mucosae fehlt, ist mikroskopisch keine scharfe Grenze
zur ~Submucosa~ zu erkennen. Die ~Muskelhaut~ (s. oben) ist außen
von einer ~Faserhaut~ umschlossen, die, aus lockerem Bindegewebe
bestehend, die Verbindung mit der Umgebung herstellt und an
den intraperitonealen Flächen dieses Systems von Serosaepithel
überkleidet ist.
[Illustration: Fig. 297.
Schnitt durch den Fundus der Harnblase eines erwachsenen Menschen.
48mal vergrößert. Technik Nr. 110, S. 289.]
~Blut~- und ~Lymphgefäße~ finden sich besonders reichlich
in der Schleimhaut; die direkt unter dem Epithel gelegenen
Blutkapillaren ragen zuweilen sogar etwas gegen das Epithel
vor und imponieren, besonders im Nierenbecken, so als
»intraepitheliale Blutgefäße«.
Der hinteren, unteren Blasenwandung sind zahlreiche zu Gruppen
angeordnete Ganglienzellen eingelagert; besonders häufig sind sie
an der Einmündungsstelle der Ureteren zu finden. Man kann diese
Ganglien den automatischen Zentren der Darmwandung vergleichen.
Die Ganglienzellen zeigen den multipolaren Typus der sympathischen
Ganglienzellen. Von ihnen gehen motorische Zweige an die Muskelfasern.
Außerdem gehen von buschartigen Endigungen in der Tunica propria
sensible Nervenfasern aus.
Die ~Harnröhre des Weibes~ besteht aus Schleimhaut und einer mächtigen
Muskelhaut. Die Tunica propria mucosae wird durch ein feinfaseriges,
mit Zellen reich untermischtes Bindegewebe hergestellt, das sich an der
Oberfläche zu zahlreichen, an der äußeren Harnröhrenmündung besonders
wohl entwickelten Papillen erhebt. Das Epithel ist individuell
verschieden, entweder geschichtetes Plattenepithel oder häufiger
einschichtiges Zylinderepithel, verästelte, tubulöse Einzeldrüsen
sind nur in geringer Anzahl vorhanden. Kleine Gruppen solcher finden
sich an der Harnröhrenmündung; sie werden »periurethrale« Drüsen
genannt. Die Muskelhaut besteht aus einer inneren Längs- und einer
äußeren Kreislage glatter Muskelfasern, zwischen denen ein mit vielen
elastischen Fasern vermischtes, derbes Bindegewebe sich ausbreitet. Die
Schleimhaut ist reich an venösen Blutgefäßen, deren Netze sich bis in
die Längsmuskelschicht hinein erstrecken; dadurch wird eine dem Corpus
cavernosum der männlichen Harnröhre ähnliche Bildung, das ~Corpus
spongiosum~, hergestellt.
Die ~Harnröhre des Mannes~ (besser der »~männliche Sinus
urogenitalis~«) besteht, wie die des Weibes, aus Schleimhaut und
Muskelhaut; jedoch gestaltet sich in den einzelnen Bezirken ihr Bau
verschieden. In der Pars prostatica ist das Epithel ähnlich dem
der Harnblase; es geht in der Pars membranacea allmählich in ein
mehrreihiges Zylinderepithel über, welches sich in der Pars cavernosa
zu einem einschichtigen Zylinderepithel umgestaltet und distal von der
Mündungsstelle der Gland. bulbourethrales wieder in ein mehrreihiges
Zylinderepithel übergeht. In allen diesen Bezirken kann das Epithel
Gruppen von Becherzellen enthalten. Von der Fossa navicularis an ist
das Epithel geschichtetes Plattenepithel. Inseln solchen Epithels
kommen auch im Zylinderepithel des vorderen Abschnittes der Pars
cavernosa vor. Die an elastischen Fasern reiche Tunica propria trägt
hauptsächlich in der Fossa navicularis wohl entwickelte Papillen.
Verästelte Einzeldrüsen, ~Gland. urethrales~ (Litrii) finden sich
vereinzelt in der Pars cavernosa (Fig. 309). Zwischen diesen
Drüsen und den von einem einfachen Zylinderepithel ausgekleideten
Schleimhautbuchten (»Lakunen«) bestehen Übergänge.
Als »~paraurethrale Gänge~« bezeichnet man abnorme, den Lakunen
im Bau gleichende Gänge, die statt in die Urethra neben dem
Orificium urethrae externum münden. Zum Teil handelt es sich auch
um Einstülpungen der äußeren Haut, mit der sie dann im Bau völlig
übereinstimmen.
Die Muskelhaut besteht in der Pars prostatica innen aus einer glatten
Längs- und außen aus einer ebensolchen Ringfaserschicht. Beide sind
noch in der Pars membranacea gut ausgebildet, hören aber in der Pars
cavernosa allmählich auf, indem zuerst die im Bulbus urethrae noch
ansehnliche Ringfaserlage ganz verschwindet; in den vorderen Partien
der Pars cavernosa finden sich nur einige, schräg- und längsverlaufende
Bündel. Die Schleimhaut der männlichen Harnröhre ist reich an
Blutgefäßen (s. Corp. cavernos. urethrae S. 405). Die Lymphgefäße
liegen unter den Blutgefäßen. Die Nerven bilden mit Nervenzellen
untermischte Geflechte; die daraus entspringenden marklosen Fasern
enden teils frei, teils (in der Pars prostatica und membranacea) in
besonderen Endapparaten (vgl. S. 268).
[Illustration: Fig. 298.
Harnkanälchen eines 4 Wochen alten Kaninchens isoliert. 30mal vergr.
¡a¡ Nierenkörperchen, ¡b¡ Hauptstück, ¡c¡ Henlesche Schleife,
proximaler, ¡d¡ distaler Abschnitt, ~f~ Sammelrohre, ~g~ Ductus
papillaris.]
~Technik.~
Nr. 149. ~Harnkanälchen isoliert.~ Am besten eignen sich Nieren
von Maus oder Kaninchen. Die Niere wird halbiert, a die eine
Hälfte zur frischen Untersuchung zurückgestellt, b) die andere in
ca. 30 ccm reine Salzsäure (von 1,124 spez. Gewicht) eingelegt.
a) Erbsengroße Stückchen werden in einem Tropfen der 1%igen
Kochsalzlösung zerzupft; man sieht bei schwacher Vergrößerung
die roten Glomeruli, die gewundenen und geraden Harnkanälchen;
die Tubul. contorti sind dunkel, körnig, die anderen Abteilungen
heller. Bei starker Vergrößerung sieht man deutlich die Kerne
der hellen Abschnitte der Harnkanälchen, die Zellgrenzen sind
am besten in den Sammelrohren erkennbar. In den Hauptstücken
sieht man nur die feine Strichelung der Basen der Epithelzellen;
Zellgrenzen und Kerne dagegen sind nicht sichtbar.
b) Nach ca. 2 Stunden (genauere Vorschriften lassen sich
hier nicht angeben; oft muß der Aufenthalt in der Säure, wie
im Wasser erheblich [bis zu 20 Stunden und mehr] verlängert
werden) wird die rot aussehende Nierenhälfte in eine Schale
mit ca. 50 ccm destillierten Wassers gebracht, woselbst sie
rasch schmutzig grau wird, mit schmieriger Oberfläche. Wasser
wechseln! Nach wenigen Minuten kann man mit Nadeln kleine Stücke
ablösen, die sich leicht in Wasser auf dem Objektträger in
Kanälchen auflösen lassen. Will man Harnkanälchen in größerem
Zusammenhange erhalten, so übertrage man ein ca. 2 ccm großes
Nierenstückchen in ein Uhrschälchen, in welches man ein großes
Deckglas und so viel destilliertes Wasser gebracht hat, daß
dieses das Deckgläschen oben überspielt. Nun sucht man mit
Nadeln die Kanälchen zu isolieren. Ist die Isolation gelungen
-- man kann sich davon mit Lupe oder schwacher Vergrößerung
überzeugen -- so saugt man vorsichtig mit einer Pipette oder mit
Filtrierpapier das Wasser aus dem Uhrschälchen und zuletzt vom
Deckgläschen, nimmt dieses heraus, reinigt dessen freie Fläche
und setzt es mit den anhaftenden Harnkanälchen leise auf einen
Objektträger, auf welchen man vorher einen Tropfen verdünnten
Glyzerins gebracht hat. Man kann nachher mit Pikrokarmin unter
dem Deckglase färben (S. 47), (Fig. 298).
Nr. 150. ~Rinden- und Marksubstanz.~ Nach Nr. 110, S. 289
fixierte Nieren betrachte man auf dicken und dünnen Schnitten,
die Mark- und Rindensubstanz enthalten. Zweckmäßig sind
Querschnitte in verschiedenen Höhen einer Papille zum Studium der
Markkanälchen (Fig. 292). Die sehr zarten Bürstenbesätze (Fig.
289) sind nur bei sehr feinen Schnitten zu sehen. Sie sind oft
abgefallen. Zu ihrer Darstellung bedarf es besonderer Methoden
(vgl. Sauer, Arch. f. mikros. Anatomie Bd. 46, S. 116).
~Markstrahlen~ und ~Henl~esche ~Schleifen~ sind besonders schön
an gefärbten, senkrechten Schnitten von Nieren junger Tiere zu
sehen.
Nr. 151. ~Farbstoffspeicherung in der Niere.~ Die Niere einer
nach Nr. 13, S. 90 behandelten weißen Maus isoliere man nach Nr.
149; der Farbstoff bleibt so lange in den Zellen enthalten, daß
man sehr schöne Bilder von seiner typischen Anordnung erhält.
Nr. 152. ~Nierengefäße.~ Man kann eine Niere isoliert injizieren
(S. 43), und 4 Wochen in ca. 300 ccm Müllerscher Flüssigkeit
fixieren (Weiterbehandlung Nr. 6, S. 15). Makroskopisch sind die
Flächenansichten der Venae stellatae zu beobachten. Einbettung in
Paraffin. Ungefärbte, dicke Längs- und Querschnitte sind mit Lupe
(s. S. 39) und schwachen Vergrößerungen zu studieren (Fig. 293).
Nr. 153. ~Nerven der Niere.~ Kleine Stückchen sind nach Golgis
Methode (S. 35) (3-6 Tage Aufenthalt in der osmiobichromischen
Mischung) zu behandeln. Resultat Fig. 294.
Nr. 154. ~Epithelzellen des Nierenbeckens, des Ureters und der
Blase.~ Von jedem dieser Teile ist ein ca. 1 qcm großes Stückchen
(Ureter aufschneiden) in ca. 30 ccm ~Ranvier~schen Alkohol
einzulegen. Isolation und Färbung mit Pikrokarmin (S. 47).
Konservieren in verdünntem, angesäuertem Glyzerin (S. 48).
Nr. 155. ~Weibliche Harnröhre.~ Man schneide ein ca. 2 cm langes
Stück der weiblichen Harnröhre zusammen mit der anhängenden
vorderen Vaginalwand aus und behandle es wie Nr. 110, S. 289.
Nr. 156. ~Männliche Harnröhre.~ 1-2 cm lange Stücke der Pars
prostatica, Pars membranacea, Pars cavernosa und der Fossa
navicularis behandeln wie Nr. 110, S. 289. Man verwechsle
Querschnitte der Lacunae urethrales (Morgagni) (d. s.
blinde Ausbuchtungen der Harnröhrenschleimhaut) nicht mit
Drüsendurchschnitten.