In Schnitten durch die Niere findet man die einzelnen Abschnitte der
Harnkanälchen auf ganz gestimmte Bezirke beschränkt. Die gewunden
verlaufenden Abschnitte (pars contorta des Hauptstückes und das
Schaltstück) sowie die Glomeruli bilden die ~Rindensubstanz~ (auch
Labyrinth genannt). Im ~Marke~ verlaufen, wenn wir die sogenannten
~Markstrahlen~ des Rindengebietes dazu rechnen, alle gestreckt
verlaufenden Abschnitte der Harnkanälchen (Fig. 286).
Dabei finden wir in den ~Markstrahlen~ (Fig. 290) die sehr
verschieden lange pars recta der Hauptstücke, die dicken,
rindenwärts ziehenden Teile der Henleschen Schleifen und die
Anfangsteile des Sammelrohrsystems; in der ~Außenzone~ (Fig.
285) des Markes kommen zu den genannten Teilen noch die dünnen,
papillenwärts ziehenden Teile der Henleschen Schleifen hinzu,
Hauptstückanteile sind nur mehr in den äußeren Teilen der
Außenzone anzutreffen; in der ~Innenzone~ des Markes endlich
treffen wir zumeist nur noch dünne Anteile der Henleschen
Schleifen und die papillenwärts immer weiter werdenden
Durchschnitte durch das Sammelrohrsystem an.
[Illustration: Fig. 285.
Schema des Verlaufes der Harnkanälchen und der Blutgefäße der
menschlichen Niere. Die Kanälchen sind im Verhältnis zur Höhe des
Nierendurchschnittes viel zu groß gezeichnet.
1 Glomerulus, 2-2 Hauptstück (pars contorta), 2a Hauptstück (pars
recta), 3-3 dünner Teil der, 4-4 dicker Teil der ~Henle~schen
Schleife, 5-5 Schaltstück, 6-6 Sammelröhrchen, 7-7 Sammelrohr, 8
Ductus papillaris. Jedes Hauptstück bildet eine stets mit dem Scheitel
peripheriewärts gestellte Arkade (¡A¡), dieselbe wird jedoch durch
Windungen erster (¡B¡) und zweiter (¡C¡) Ordnung undeutlich, ¡a¡, ¡b¡,
¡c¡, ¡d¡ s. Text S. 383.]
Im Bau sind besonders die Glomeruli und die Hauptstücke auffallend;
ihnen wird deshalb gewöhnlich die Hauptrolle bei der Harnbereitung
zugeschrieben.
[Illustration: Fig. 286.
Stück eines Schnittes der menschlichen Niere in der Richtung von
der Rinde gegen das Mark geführt. 25mal vergrößert. Bei × ist ein
Nierenkörperchen herausgefallen. Technik Nr. 150, S. 390.]
Die ~Glomeruli~ bieten die innigste Vereinigung des die
auszuscheidenden Substanzen enthaltenden Blutes mit der
Epitheloberfläche dar. Der Glomerulus 0,13-0,22 mm groß, besteht aus
einem kugligen Blutgefäßplexus, der in das sackförmig erweiterte,
blinde Anfangsstück des Harnkanälchens, die ~Glomeruluskapsel~
(Bowman), derart eingestülpt ist, daß er von der Kapsel größtenteils
umfaßt wird. Die Einstülpung ist etwa so, wie im großen das Herz in
den Herzbeutel eingestülpt ist. Demnach können wir an der Kapsel zwei
Blätter unterscheiden, ein inneres (quasi viszerales), dem Glomerulus
dicht anliegendes -- es besteht bei jungen Tieren aus kubischen, später
sich immer mehr abplattenden, plasmodial (S. 152) verbundenen Zellen
-- und ein äußeres (quasi parietales) Blatt, welches aus platten,
polygonalen Zellen aufgebaut wird (Fig. 287).
Es ist bis jetzt noch nicht gelungen, das sonst in allen
Abteilungen der Harnkanälchen befindliche Schlußleistennetz (S.
79) hier nachzuweisen.
Die außerordentliche Entfaltung der Blutgefäßoberfläche (s.
unten) legt es nahe, in die Glomeruli den Hauptexkretionsort zu
verlegen. Nach der Ansicht der Mehrzahl der Forscher liefert
jedoch der Glomerulus nur Wasser und einige Salze, während die
Ausscheidung der sogenannten festen Harnbestandteile in die
Hauptstücke verlegt wird. Die Möglichkeit ist aber nicht von der
Hand zu weisen, daß alle Harnbestandteile in verdünnter Lösung
aus dem Blute durch die Glomeruluskapsel durchtreten; man müßte
dann den Hauptstücken eine andere Aufgabe zuweisen (s. unten).
Das Epithel der ~Hauptstücke~ ist die Fortsetzung des parietalen
Glomeruluskapselepithels (Fig. 288), unterscheidet sich aber von diesem
durch die eigenartige Zusammensetzung seiner Zellen. Deren Form ist
kubisch (Fig. 289), ihr Zytoplasma in frischen Präparaten trübe durch
den Einschluß vieler körniger und fädiger Gebilde. Die Hauptmerkmale
dieser Zellen -- beide deutlich nur durch Spezialmethoden darstellbar
-- sind der luminale Abschluß durch den sogenannten Bürstensaum und die
Stäbchenstruktur des Zytoplasmas.
Der ~Bürstensaum~ ist ein meist ziemlich breiter das Lumen begrenzender
Zytoplasmaabschnitt, der, schwer fixierbar, offenbar auch funktionellen
Schwankungen unterliegt. Oft erscheint er feinstreifig und ist dann
der ähnlichen Oberflächenbegrenzung in dem sogenannten Synzytium der
Plazenta (s. Fig. 322, S. 420) vergleichbar. In den üblichen Präparaten
sieht man an seiner Stelle oft nur eine fetzig begrenzte, luminale
Oberfläche. Sehr häufig wölben sich hier kuglige Blasen aus den Zellen
in das Lumen vor (× auf Fig. 288), die von den einen als Sekret, von
den anderen wohl mit mehr Recht als Kunstprodukte betrachtet werden.
[Illustration: Fig. 287.