Vom Magen an gewinnt die Schleimhaut des Verdauungstraktus neue
Aufgaben. Nunmehr spielt die Schutzfunktion des Epithels eine
geringere Rolle, als die Aufgabe, den Stoffaustausch zwischen dem
Lumen und dem Körperbindegewebe nach Möglichkeit zu erleichtern:
das Epithel ist hier einschichtig. Gleichzeitig ist der
Drüsenapparat im Magen und im Anfangsteil des Dünndarms zusammen
mit den diesen Abschnitten beigeordneten großen Drüsen auf die
Absonderung spezifischer Verdauungssekrete eingestellt, während
die Schleimdrüsen im Ösophagus wesentlich nur der Gleitung der
Bissen dienen. Die mächtige, eigenartige Muskulatur des Magens
dient zudem der mechanischen Durchmengung der Speisen.
1. Die ~Schleimhaut~ des Magens ist durch ihre rötlichgraue Farbe von
der weißen Speiseröhrenschleimhaut scharf abgesetzt und zeigt auch am
nicht kontrahierten Magen (hauptsächlich am Pylorus) feine Furchen
und vertiefte Felder (Areolae gastricae), in welche die Magengrübchen
münden (Fig. 230). Epithel, das zahlreiche Drüsen bildet, Tunica
propria und Muscularis mucosa sind wieder die drei Bestandteile, die
die Schleimhaut zusammensetzen (Fig. 229).
Das ~Epithel~ ist einfaches Zylinderepithel, dessen Elemente Schleim
produzieren.
[Illustration: Fig. 229.
Senkrechter Schnitt quer durch die Magenwand des Menschen. 15mal
vergrößert. Die T. propria enthält so dicht nebeneinander stehende
Drüsen, daß ihr Gewebe nur am Grunde der Drüsen gegen die Muscularis
mucosae sichtbar ist. Technik Nr. 110, S. 289.]
Man kann an ihnen meist zwei Abschnitte unterscheiden,
einen oberen, hauptsächlich schleimigen, den Zentralkörper
einschließenden und einen unteren, zytoplasmatischen Abschnitt,
welch letzterer den ovalen oder runden oder selbst platten
Kern enthält. Die Ausdehnung des schleimigen Abschnittes (=
der Sekretsammelstelle) ist je nach dem Funktionsstadium sehr
verschieden.
Die ~Tunica propria~ besteht aus einer Mischung von fibrillärem
und retikulärem Bindegewebe, elastischen Fasern und aus einer sehr
wechselnden Menge von weißen Blutzellen, die, zuweilen in dichten
Haufen beisammenliegend, Solitärknötchen bilden.
Diese überschreiten zum Teil das Gebiet der Schleimhaut und
reichen bis in die Submukosa. Aber auch in den oberen Lagen
ist der Gehalt des Stützgewebes an freien Zellen, wenn auch
wechselnd, doch stets bedeutend; unter diesen fallen zahlreiche
Plasmazellen und azidophil granulierte Zellen, denen zwei kleine
chromatinreiche Kerne eigen sind, besonders auf (Fig. 43).
Die T. propria enthält so zahlreiche ~Drüsen~, das ihr Gewebe nur auf
schmale Scheidewände zwischen und eine dünne Schichte unter den Drüsen
beschränkt ist. Im Pylorusteile stehen die Drüsen weiter auseinander;
die dort ansehnlich entwickelte Tunica propria erhebt sich nicht selten
zu faden- oder blattförmigen Zotten.
Man unterscheidet zwei Arten von Magendrüsen; die eine Art ist
vorzugsweise im Körper und im Fundus des Magens gelegen, man nennt
sie ~Glandulae gastricae propriae~ (Magensaftdrüsen, Fundusdrüsen),
die andere Art ist nur auf die schmale Regio pylorica beschränkt,
diese Drüsen heißen ~Pylorusdrüsen~. Beide sind einfache oder
mehrfach (besonders die Pylorusdrüsen) geteilte Einzeldrüsen (s.
S. 88), welche allein oder zu mehreren in grubige Vertiefungen der
Schleimhautoberfläche, in die ~Magengrübchen~ (Foveolae gastricae)
münden; der in diese sich einsenkende Teil der Drüse wird ~Hals~,
der darauffolgende Teil ~Körper~, das blinde Ende ~Grund~ genannt
(Fig. 230). Jede Drüse besteht aus einer Membrana propria und aus
Drüsenzellen.
[Illustration: Fig. 230.
Magenschleimhaut halbschematisch; dem Bilde liegen Schnitte durch
die menschliche Magenschleimhaut und ein bei 150facher Vergrößerung
rekonstruiertes Modell (Frl. stud. med. ~Kaunhoven~ und Frl. stud. med.
~Stein~) der Grübchen zugrunde.]
Die ~Fundusdrüsen~, einfache oder verästelte, tubulöse Einzeldrüsen,
haben zweierlei Zellen: Hauptzellen und Belegzellen.
[Illustration: Fig. 231.
Querschnitt einer Fundusdrüse des Menschen. 240mal vergr. Technik Nr.
129, S. 360.]
Die Hauptzellen sind hellere, kubische oder kurzzylindrische
Zellen, deren körniges Zytoplasma einen kugligen Kern umgibt;
sie sind sehr zart und vergänglich. Die Belegzellen sind meist
bedeutend größer, dunkler, von rundlich eckiger Gestalt;
ihr feinkörniges Zytoplasma umgibt einen etwas größeren,
rundlichen, oft doppelten Kern. Die Belegzellen sind besonders
durch die Fähigkeit, sich mit Anilinfarben intensiv zu färben,
ausgezeichnet. Die Verteilung beider Zellenarten ist keine
gleichmäßige; die Hauptzellen bilden die Hauptmasse der
Drüsenschläuche, die Belegzellen sind unregelmäßig verteilt;
in besonders reichlicher Menge finden sie sich in Hals und
Körper. Hier liegen sie in einer Reihe mit den Hauptzellen;
gegen den Drüsengrund zu jedoch sind die Belegzellen aus der
Reihe der Hauptzellen gegen die Peripherie gedrängt, ohne
indessen vom Lumen ganz abgerückt zu sein, denn ein kurzer
einfacher oder mehrfacher vom Lumen ausgehender Seitenkanal (ein
zwischenzelliges Sekretkanälchen) reicht zwischen den Hauptzellen
bis zur Belegzelle (Fig. 231). Mit Hilfe der Reaktion Golgis,
welche auch Sekrete schwärzt, erkennt man am leichtesten, daß
die Seitenkanälchen mit einem Büschel oder mit einem korbartigen
Netzwerk binnenzelliger Sekretkanälchen zusammenhängen, das in
jeder Belegzelle sich ausbreitet (Fig. 32 und Fig. 232). Den
Hauptzellen fehlen binnenzellige Sekretkanälchen, dagegen finden
sich hier kurze zwischenzellige Sekretkanälchen.
[Illustration: Fig. 232.
Stück eines Schnittes durch die Fundusschleimhaut eines Hingerichteten.
230mal vergrößert. 3 Stücke von Fundusdrüsen mit geschwärzten
Sekretgängen. Technik Nr. 120, S. 358.]
Die in oft tiefe Magengrübchen mündenden ~Pylorusdrüsen~ (Fig. 233)
sind verästelte Einzeldrüsen; sie haben fast durchaus zylindrische, mit
rundlichem, der Zellbasis nahegerücktem Kern versehene Zellen, welche
in der intermediären Zone (d. i. die Grenzzone zwischen Pylorus- und
Fundusschleimhaut) so sehr den Hauptzellen gleichen, daß sie mit diesen
verglichen worden sind. Es läßt sich indessen an mit Müllerformol
fixierten und mit polychromem Methylenblau gefärbten Präparaten
nachweisen, daß beide Zellarten verschieden sind. In den Pylorusdrüsen
finden sich nur kurze, zwischenzellige Sekretkanälchen.
[Illustration: Fig. 233.
Senkrechter Schnitt durch die menschliche Pylorusschleimhaut. 70mal
vergr. Technik Nr. 110, S. 289.]
Die Entwicklung des Sekrets ist sowohl bei Haupt- wie bei
Belegzellen an die Bildung von Granula geknüpft (S. 84). Im
Zustande der Verdauung sind die Hauptzellen sowohl wie die
Pylorusdrüsenzellen dunkler, der Kern letzterer ist mehr
in die Mitte der Zelle gerückt; die Sekretkanälchen der
Belegzellen sind praller gefüllt, breiter; letztere zeigen nach
reichlichen Mahlzeiten häufig Vakuolen, welche durch rasche,
reichliche Bildung des Sekretes, das nicht schnell genug durch
die gewöhnlichen Sekretkanälchen abfließen kann, entstanden
sind. Nach 24stündigem Hungern fand man bei Hunden und Katzen
einen Teil der Belegzellen ohne binnenzellige Sekretkanälchen,
was für ihre Unbeständigkeit spricht. Im Bereich der Kardia
wie des Pylorus finden sich kleine Schleimhautinseln, die in
ihrem feineren Bau oder wenigstens in ihrem Epithel vollkommen
demjenigen des Dünndarms gleichen.
Die ~Muscularis mucosae~ besteht aus zwei oder drei in verschiedener
Richtung sich deckenden Lagen glatter Muskelfasern, von denen einzelne
Züge in wechselnder Menge sich abzweigen, um in senkrechter oder
schräger Richtung zwischen den Drüsenschläuchen emporzusteigen (Fig.
230). Ihre Kontraktion soll zu dem als »État mamellonné« bekannten
Zustand führen, der nichts mit den oben (S. 322) beschriebenen Furchen
der Schleimhaut zu tun hat. Diese Muskelzüge nehmen gegen den Pylorus
an Mächtigkeit zu und bilden an der Pylorusgrenzzone förmliche Gitter.
Zahlreiche, feine elastische Fasern liegen zwischen den Muskelfasern.
Die ~Submukosa~ besteht aus lockeren Bindegewebsbündeln, (zuweilen)
kleinen Anhäufungen von Fettzellen und elastischen Fasern, die an
Kardia und Fundus spärlich, im Pylorus dagegen reichlich sind.
~Muskelhaut.~ Nur am Pylorusteile lassen sich zwei deutlich gesonderte
Schichten, eine starke innere Ringschicht und eine schwächere
äußere Längsschicht glatter Muskelfasern, unterscheiden; in den
anderen Regionen des Magens wird der Verlauf durch Übertreten
der Muskelschichten des Ösophagus auf den Magen, sowie durch die
im Verlaufe der Entwicklung erfolgende Drehung des Magens sehr
kompliziert; Durchschnitte ergeben dann in allen möglichen Richtungen
getroffene Faserbündel (Fig. 229). (Siehe weiter in den Lehrbüchern der
makroskopischen Anatomie.)
Die elastischen Fasern sind in der Muskelhaut reichlich entwickelt in
der Kardia, wo sie wohl in Ermanglung eines eigenen Sphinkter den Tonus
der Muskulatur wesentlich unterstützen; spärlich dagegen im Pylorus.
~Serosa~ s. Bauchfell (S. 356).
Gefäße und Nerven s. S. 337 und ff.