II. Mitteldarm.

Duodenum, Jejunum und Ileum.

Während das Epithel der Magenschleimhaut mit den zahlreichen

Einsenkungen und Drüsen als Typus für die Ausgestaltung einer

Sekretionsfläche angesehen werden kann, ist im gesamten Dünndarm

eine ausgesprochene Resorptionsfläche ausgebildet: im Magen

möglichst umfangreiche Oberflächenbildung des Epithels nach dem

Blutgefäßbindegewebsapparat, im Dünndarm extreme Oberflächenentfaltung

nach dem Lumen.

Die Oberflächenvergrößerung wird erreicht 1. durch die Bildung

der ~Plicae circulares~ (~Kerkringi~), die in den oberen

Dünndarmabschnitten am deutlichsten sind und in einer Faltung der

gesamten Schleimhaut bestehen (Fig. 235); sie sind makroskopisch ohne

weiteres sichtbar, 2. dienen der Oberflächenvergrößerung des Epithels

die ~Villi intestinales~ (Zotten), makroskopisch eben noch wahrnehmbar.

Sie sind ein leicht erkennbares Formelement (Fig. 234), das die

Dünndarmschleimhaut auf den ersten Blick charakterisiert.

Mit dem Magen gemeinsam hat der Dünndarm die intraperitoneale Lage

und die Kontraktilität, so daß wir, durch eine ~Submukosa~ mit der

Schleimhaut verbunden, die Muskularis, als äußeren Abschluß endlich die

Serosa an ihm vorfinden (letzteres mit Ausnahme der extraperitoneal

gelagerten Abschnitte des Duodenums).

Feinerer Bau der Darmwand.

Das Oberflächenrelief der ~Schleimhaut~ wird von den Zotten und den

Krypten beherrscht; erstere sind Erhebungen des Epithels über, letztere

Einsenkungen des Epithels unter das Niveau der Oberfläche (Fig. 234).

Die ~Zotten~ sind ca. 1 mm hoch und besitzen eine unregelmäßige

Gestalt; diese kann zylindrisch sein (besonders häufig in den

unteren Dünndarmabschnitten), in dem oberen Teil, besonders

im Duodenum sind sie mehr blattförmig. Auch kommen sogenannte

Zwillings- und Drillingszotten (~M. Heidenhain~) vor, bei

denen auf einer umfänglicheren Erhebung der Tunica propria

mehrere kleinere Zotten aufsitzen. Auch besitzen die Zotten

eine ausgiebige Kontraktilität durch Muskelfasern in der Tunica

propria, wodurch die Gestalt erheblich beeinflußt wird. Gegen das

untere Dünndarmende zu nehmen die Zotten an Höhe und Häufigkeit

allmählich ab, am Ende des Ileum sind sie niedrig, stehen in

größeren Abständen und verschwinden schließlich gänzlich auf der

dem Dickdarm zugewendeten Fläche der Valvula coli.

[Illustration: Fig. 234.

Schleimhaut des menschlichen Dünndarms; nach einem bei 150facher

Vergrößerung hergestellten Modelle. (Herr stud. med. Baumann). Die

Schnittflächen sind halbschematisch ausgezeichnet (vgl. auch Fig. 230).]

Die Krypten sind vom Pylorus abwärts in der ganzen Länge des Darmes zu

finden. In der ursprünglichsten Form bestehen sie noch bei Fischen,

wo sie dadurch zustande kommen, daß der Länge des Darmes parallel

verlaufende Schleimhautfalten durch kleine Querfalten miteinander

verbunden werden. Senkrechte Durchschnitte dieser seichten Vertiefungen

geben das Bild eines kurzen, weiten Schlauches.

Bei den Säugetieren sind die Krypten tiefer, ihr Lumen ist

enger; dicht nebeneinander gereiht erscheinen sie unter dem

Bilde einfacher, tubulöser Drüsen. Als solche könnten sie aber

nur betrachtet werden, wenn ihre epitheliale Auskleidung ein

spezifisches Sekret lieferte, was nicht erwiesen ist. Beim

Menschen und bei Nagern finden sich im Grunde der Krypten kleine

Gruppen körnchenhaltiger Zellen (Panethsche Zellen), die als

spezifische Epithelzellen aufzufassen sind (Fig. 236). Daraus

ergibt sich jedoch keineswegs die Berechtigung, alle Darmkrypten

als Drüsen zu betrachten, denn die Panethschen Zellen fehlen

nicht nur den Fleischfressern gänzlich, sondern sie sind selbst

beim Menschen nur im Ileum ausnahmslos zu finden, fehlen dagegen

in den Krypten des Duodenum wie des Processus vermiformis

vielfach und in denen des Dickdarms des Erwachsenen völlig.

Aber selbst die Anwesenheit der Panethschen Zellen in den

Ileumkrypten gibt uns kein Recht, die ~ganze Krypte~ als Drüse zu

bezeichnen; nur ihr blindes Ende ist einer Drüse vergleichbar,

der ganze große, darüber gelegene Abschnitt ist dasselbe, was im

Bereich des Magens das Magengrübchen ist. Trotzdem ist der Name

~Darmdrüsen~ (Lieberkühn) beibehalten worden.

[Illustration: Fig. 235.

Senkrechter Längsschnitt durch das Jejunum des erwachsenen Menschen.

16mal vergrößert. Die rechte Falte trägt zwei kleine, nicht in die

Submukosa herabreichende Solitärknötchen, von denen das linke ein

Keimzentrum × zeigt. An vielen Zotten hat sich das Epithel vom

bindegewebigen Zottenkörper etwas abgehoben, so daß ein heller Raum

zwischen beiden besteht × ×. Die einzelnen, mit den Zotten nicht

zusammenhängenden Körper (besonders zahlreich links neben »Plica

circularis«) sind Stücke von Zotten, die gebogen waren und deshalb

nicht in ihrer ganzen Länge durchschnitten sind. Technik Nr. 131,

S. 362.]

Die ~Krypten~ des Mitteldarmes sind 0,1-0,3 mm lang. Ihr blindes Ende

reicht bis zur Muscularis mucosae.

In vereinzelten Fällen erstrecken sie sich bis in die Submukosa

hinein; sie liegen dann stets in einem Lymphknötchen. Derartige

tiefe Krypten sind besonders bei der Katze zu sehen.

Das ~Epithel~, welches die ganze freie Oberfläche der Schleimhaut

überzieht, die Zotten umhüllt und sich auch in die Tiefe der Krypte

einsenkt, ist ein einschichtiges Zylinderepithel (Fig. 23), dessen

Elemente in ausgebildetem Zustande ein körniges Zytoplasma, einen meist

ovalen im basalen Drittel der Zelle liegenden Kern und eine Membran (?)

besitzen. Die freie Oberfläche trägt einen für die Darmepithelzelle

charakteristischen, bald homogenen, bald feinstreifigen Kutikularsaum

(vgl. S. 80).

Das Epithel nimmt sicher einen regen Anteil an den

Resorptionsvorgängen; nur sind wir über den morphologischen

Vorgang der Resorption nicht aufgeklärt. Nach reichlicher

Fettfütterung enthält das Zytoplasma Fettropfen, die während

der Resorption gespeichert werden. Ob dabei und während der

Resorption anderer Stoffe die Plastosomen beteiligt sind, ist

zweifelhaft. Der Kutikularsaum dürfte als Schutz gegen das

Eindringen gröberer Partikel zu gelten haben (vgl. S. 80).

Durch die Fixation zieht sich gewöhnlich das Zottenstroma aus

dem Epithelschlauch basalwärts etwas zurück, so daß größere oder

kleinere Spalten zwischen Bindegewebe und Epithel entstehen

(»Grünhagensche Räume«); von manchen Autoren werden sie als

normale Spalträume betrachtet, wogegen aber die Ergebnisse am

Dünndarm vieler Tiere sprechen.

[Illustration: Fig. 236.

Drei Darmkrypten aus Schnitten des Ileum, die beiden großen vom

Menschen, die kleine von der Maus. 390mal vergrößert. Die linke Krypte

aus einem mit Zenkerscher Flüssigkeit fixiertem Präparat, die beiden

rechten nach Technik Nr. 131, S. 362.]

Die Regeneration des Epithels findet nur in den Darmkrypten statt, wo

(durch mitotische Teilung) fortwährend neue Zellen gebildet werden,

welche zum Ersatz der auf der freien Schleimhautoberfläche zugrunde

gehenden Epithelzellen allmählich in die Höhe rücken. Es finden sich

somit die jüngsten Generationen von Epithelzellen in den Krypten,

die ältesten auf der freien Schleimhautfläche, im Dünndarm auf den

Zottenspitzen. Im Darmepithel finden sich in sehr wechselnden Mengen

~Becherzellen~; dieselben haben eine rundlich ovale, nicht selten

kelchglasähnliche Form, ihr oberer, der Darmoberfläche zugekehrter

Teil wird in verschieden großer Ausdehnung von dem zu Schleim

umgewandelten Zytoplasma eingenommen, der Kern mit dem übrigen

Zytoplasma liegt an der Basis der Zelle; ein Kutikularsaum fehlt den

Becherzellen; an dessen Stelle befindet sich eine scharfbegrenzte,

kreisförmige Öffnung (Fig. 238), durch welche der Schleim auf die

Darmoberfläche sich ergießt. Die Becherzellen sind aus gewöhnlichen

Darmepithelzellen hervorgegangen; unter geeigneten Umständen kann jede

junge Darmepithelzelle zu einer Becherzelle werden, indem sie Schleim

produziert.

Im Beginne dieser Umwandlung entstehen an dem dem Lumen

zugekehrten Zellende sogenannte Prämuzinkörnchen, zwischen

denen nur noch zarte Zytoplasmawände stehen bleiben. Mit der

Vergrößerung dieser »Sekretsammelstelle« bekommt die Zelle

ihre bauchige Form. Gleichzeitig gehen am Kerne spezifische

Veränderungen vor sich, die in einer Formänderung und Verdichtung

der färbbaren Substanz bestehen. Nun öffnet sich das periphere

Zellende und die Körnchen strömen, eingehüllt in glasig

umgewandeltes Zytoplasma aus der Zelle aus und verbreiten sich

über die Oberfläche des Epithels (Fig. 237). Nach Versiegen

dieser Sekretion schrumpft der Zellrest zu einer sogenannten

schmalen Zelle zusammen, wobei es zweifelhaft ist, ob diese dem

Untergange geweiht ist, oder ob sie von neuem mit der Sekretion

beginnen oder endlich sich in eine gewöhnliche Zylinderzelle

zurückverwandeln kann (sogenannten Stiftzellen Fig. 30, S. 84.).

Die gewöhnlich mit Zenkerscher Flüssigkeit oder ähnlichen Mitteln

fixierten Präparate zeigen die Körnchen nicht; diese sind aber in

überlebenden Präparaten und nach Formol-Alkoholfixation oft sehr

schön zu beobachten (Fig. 237).

[Illustration: Fig. 237.

Becherzelle mit Prämuzingranulis; aus dem Dünndarm einer weißen Maus.

750mal vergrößert. Technik Nr. 131, S. 362. (Eisenhämatoxylin.)]

Die einzelnen Stadien der Sekretion liegen in gesetzmäßiger

Reihenfolge, und zwar so, daß die älteren Stadien stets höher, den

Zottenspitzen näher (Fig. 238) gelegen sind, als die jüngsten Stadien,

die in den Darmdrüsen gefunden werden.

Zwischen den Epithelzellen findet man in verschiedenen Mengen

einwandernde H. Leuko- und Lymphozyten, welche aus der unterliegenden

Tunica propria stammen.

Die ~Tunica propria~ bildet die Körper der Zotten und füllt die Räume

zwischen den Darmdrüsen aus, an deren blindem Ende sie sich in dünner

Lage sammelt. Sie besteht vorwiegend aus retikulärem und fibrillärem,

mit elastischen Fasern untermischtem Bindegewebe, das sehr wechselnde

Mengen von Lymphozyten, Plasmazellen und eosinophilen Zellen enthält.

[Illustration: Fig. 238.

Längsschnitt durch die Zottenspitze eines jungen Hundes, 360mal

vergrößert. Die Becherzellen enthalten um so weniger Schleim (blau

gefärbt), je näher sie der Zottenspitze liegen. Das Lumen des zentralen

Zottenraumes ist nur oben an seinem blinden Ende vom Schnitt getroffen,

unten ist nur dessen Wand, welcher glatte Muskelfasern anliegen,

angeschnitten. Technik Nr. 131 (Schleimfärbung), S. 362.]

[Illustration: Fig. 239.

Senkrechter Längsschnitt des Duodenum eines Hingerichteten. 16mal

vergr. Technik Nr. 132, S. 362.]

Die ~Muscularis mucosae~ besteht aus einer inneren, zirkulären und

einer äußeren, longitudinalen Lage glatter Muskelfasern. Senkrecht von

ihr aufsteigende Fasern reichen bis nahe zur Spitze der Zotte; ihre

Kontraktion bewirkt eine Verkürzung der Zotte[109]. Die elastischen

Fasern nehmen von der Mitte des Duodenum gegen das Ileum zu an Menge ab

und verhalten sich im übrigen wie in der Muskelhaut (s. unten).

Die ~Submukosa~ besteht aus lockerem, fibrillärem Bindegewebe mit

spärlicheren, elastischen Fasern; sie enthält im Gebiete des Duodenum

zusammengesetzte, 0,2-3,4 mm große Drüsen, die ~Duodenaldrüsen~

(Brunner). Nicht alle Duodenaldrüsenkörper liegen ausschließlich in der

Submukosa, man findet nicht selten Teile, gegen das Ende des Duodenum

sogar ganze Duodenaldrüsenkörper im Bereich der Tunica propria. Bei der

Katze findet man häufig sich rückbildende Duodenaldrüsen. Die genannten

Drüsen liegen beim Menschen dichtgedrängt am Sphincter pylori, nehmen

aber nach abwärts an Menge ab. Reichlicher finden sie sich wieder in

der Nähe der Gallengangmündung; gegen das Ende des Duodenum sind sie

völlig verschwunden. Ihr mit einfachem Zylinderepithel ausgekleideter

Ausführungsgang durchbricht die Muscularis mucosae und mündet

entweder in den Grund von Darmkrypten oder parallel mit letzteren in

der Tunica propria verlaufend an der Darminnenfläche. Zylindrische,

den Pylorusdrüsenzellen ähnelnde, von diesen aber besonders bei

Neugeborenen zu unterscheidende Drüsenzellen und eine strukturlose

Membrana propria bilden die Wandung der Endstücke.

[Illustration: Fig. 240.

Aus einem Durchschnitt durch das Duodenum eines Hingerichteten. 240mal

vergrößert. Es ist nur die untere Hälfte der Tun. propria und die obere

Hälfte der Submukosa gezeichnet. Ein großer Teil der Duodenaldrüsen

liegt hier über der Musc. mucosae. Technik Nr. 132, S. 362.]

Zuweilen findet man beim Menschen einzelne in ihrer groben Körnung den

Panethschen Zellen (S. 328) gleichende Drüsenzellen.

Die ~Muskelhaut~ des Darmes besteht aus einer inneren, stärkeren,

zirkulären und einer äußeren, schwächeren, longitudinalen Schicht

glatter Muskelfasern. Zahlreiche elastische Fasern liegen nicht nur an

der äußeren und inneren Oberfläche beider Muskelschichten, sondern auch

in den Schichten selbst. Ihre Menge steht in direktem Verhältnis zur

Dicke der Muskulatur.

~Serosa~ s. Bauchfell (S. 356).

Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen, mit Einschluss der mikroskopischen Technik · 第 140 / 286 题