4. Die Zunge.

Die Zunge wird in ihrer Hauptmasse von quergestreiften Muskeln

gebildet, die, in Bündel und Fasern aufgelöst, sich vielfach

durchflechten und am größten Teil ihres Umfanges von einer Fortsetzung

der Mundschleimhaut überzogen werden. Die Verlaufsrichtung der

~Muskeln~ ist teils eine senkrecht aufsteigende (Mm. geniogloss.,

lingual. und hyogloss.), teils eine transversale (M. transversus

linguae), teils eine longitudinale (M. lingual. und styloglossus).

Indem die Muskelbündel sich (meist rechtwinklig) durchkreuzen, entsteht

ein zierliches, auf Durchschnitten sichtbares Flechtwerk. Eine mediale

Scheidewand, das ~Septum linguae~, trennt die Muskelmassen der Zunge

in eine rechte und eine linke Hälfte. Das Septum beginnt niedrig am

Zungenbeinkörper, erreicht seine größte Höhe in der Mitte der Zunge

und verliert sich nach vorn, allmählich wieder niedriger werdend;

es durchsetzt nicht die ganze Höhe der Zunge, sondern hört ca.

3 mm vom Zungenrücken entfernt auf. Das Septum besteht aus derben

Bindegewebsfasern.

Die ~Schleimhaut~ der Zunge besteht, wie diejenige der Mundhöhle,

aus Epithel und Tunica propria und wird durch eine Submucosa mit

der Unterlage verbunden. Die Schleimhaut ist durch ansehnliche

Entwicklung und komplizierte Gestaltung von Papillen ausgezeichnet.

Man unterscheidet drei Hauptformen von Papillen: 1. P. filiformes

(conicae), 2. P. fungiformes (clavatae), 3. P. vallatae

(circumvallatae). Unter diesen sind die P. filiformes mit ihren

verhornten Teilen vorzugsweise mechanisch wirksam; sie werden auch

als P. operariae bezeichnet. Die P. fungiformes und vallatae dagegen

haben ein zarteres Epithel und dienen durch besondere Einrichtungen

der Geschmacksfunktion; man faßt sie deshalb als P. gustatoriae

zusammen. Die P. fungiformes besitzen beim Erwachsenen allerdings nur

gelegentlich sogenannte Geschmacksknospen (s. Geschmacksorgan); beim

Neugeborenen, wo diese Papillenform auch zahlreicher vorhanden ist,

gehören Geschmacksknospen hier zu den regelmäßigen Einrichtungen.

Die ~Papillae filiformes~ (Fig. 223) sind zylindrische oder konische

Erhebungen der Tunica propria, deren oberes Ende 5-28 kleine sekundäre

Papillen trägt. Sie bestehen aus deutlich faserigem Bindegewebe, sowie

aus zahlreichen elastischen Fasern und werden von einer mächtigen Lage

geschichteten Plattenepithels überzogen, das nicht selten über den

sekundären Papillen eine Anzahl fadenförmiger, verhornter Fortsätze

bildet. Dabei nehmen die einzelnen Epithelzellen die Form spitzer

aufeinander getürmter Hüte an. Die P. filiformes sind in großer Menge

über die ganze Zungenoberfläche verbreitet; ihre Länge schwankt

zwischen 0,7-3,0 mm. Die ~Papillae fungiformes~ (Fig. 223) sind

kuglige, mit etwas eingeschnürtem Stiele der Tunica propria aufsitzende

Gebilde, deren ganze Oberfläche mit sekundären Papillen besetzt ist.

Sie bestehen aus einem deutlichen Flechtwerke von Bindegewebsbündeln,

die nur wenige elastische Fasern enthalten. Das sie überziehende

Epithel ist etwas dünner und an der Oberfläche nicht verhornt. Die

P. fungiformes sind, nicht so zahlreich wie die P. filiformes, über

die ganze Zungenoberfläche verbreitet und am Lebenden wegen ihrer

roten Farbe, die von den durch das dünne Epithel durchschimmernden

Blutgefäßen herrührt, meist leicht sichtbar. Ihre Höhe schwankt

zwischen 0,5-1,5 mm. Die oft sehr unregelmäßig ausgebildeten

~Papillae vallatae~ (Fig. 224) gleichen breiten, plattgedrückten

P. fungiformes und sind durch eine verschieden tiefe, kreisförmige

Furche von der übrigen Schleimhaut abgesetzt; den jenseits der Furche

liegenden Schleimhautteil bezeichnet man als Wall. Die Papille

besteht aus demselben Bindegewebe wie die P. fungiformes, enthält

aber beim Menschen nicht selten längs oder schräg verlaufende glatte

Muskelfasern, die übrigens auch im Wall, hier zirkulär angeordnet,

gefunden werden. Die Papillae vallatae besitzen nur auf der oberen,

nicht an der seitlichen Fläche, sekundäre Papillen. Im Epithel der

Seitenflächen der Papillae vallatae und zuweilen auch des Walles

liegen die Endapparate der Geschmacksnerven, die Geschmacksknospen

(s. Geschmacksorgan); im Wall finden sich zuweilen Solitärknötchen

(S. 189). Die P. vallatae kommen in beschränkter Zahl (8-15) nur am

hinteren Ende des Zungenrückens vor. Ihre Höhe beträgt 1-1,5 mm bei 1

bis 3 mm Breite.

~Papilla foliata~ wird eine jederseits am hinteren Seitenrande

der Zunge gelegene Gruppe von querparallelen Schleimhautfalten

genannt, die durch mehr oder weniger tiefe Gräben voneinander

getrennt und durch ihren Reichtum an Geschmacksknospen

ausgezeichnet sind. Die P. foliata ist besonders beim Kaninchen

entwickelt, beim Menschen aber verschiedentlich (von vorn

anfangend) zurückgebildet, wobei die serösen Drüsen schwinden

und dafür Fett und nicht selten adenoides Gewebe auftritt. Am

lateralen Rande der Zungenwurzel finden sich die ~Papillae

lenticulares~, den Pap. fungiformes ähnelnde, aber mehr

abgeplattete Gebilde, deren Tunica propria viele weiße Blutzellen

enthält.

[Illustration: Fig. 223.

Längsschnitt der Zungenschleimhaut des Menschen. 25mal vergrößert.

× Mazeriertes Epithel (Leichenerscheinung). Technik Nr. 126, S. 359.]

Die ~Submukosa~ ist an der Spitze und an dem Rücken der Zunge fest

und derb (»~Fascia linguae~«) und innig mit den unterliegenden Teilen

verbunden.

[Illustration: Fig. 224.

Senkrechter Schnitt durch eine Papilla vallata des Menschen. 25mal

vergr. Technik Nr. 126, S. 359.]

[Illustration: Fig. 225.

Senkrechter Schnitt durch die Mitte eines Zungenbalges des erwachsenen

Menschen. 25mal vergr. Technik Nr. 126, S. 359.]

~Zungenbälge~ (Folliculi linguales). Eine besondere Beschaffenheit

gewinnt die Schleimhaut der Zungenwurzel von den P. vallatae an

bis zum Kehldeckel durch die Entwicklung der Zungenbälge. Das sind

kuglige, 1-4 mm große Anhäufungen adenoiden Gewebes, die, in der

obersten Schichte der T. propria gelegen, makroskopisch leicht

wahrnehmbare Erhabenheiten bilden. In der Mitte derselben sieht

man eine punktförmige Öffnung, den Eingang in die enge, tiefe

~Balghöhle~, welche von einer Fortsetzung des geschichteten Epithels

der Mundschleimhaut ausgekleidet wird. Rings um dieses Epithel

liegt lymphathisches Gewebe, welches eine verschieden große Anzahl

von Knötchen mit Keimzentren (S. 185) enthält und scharf gegen das

fibrilläre Bindegewebe der Tunica propria abgegrenzt ist; dieses ordnet

sich bei gut ausgeprägten Bälgen in kreisförmigen Faserzügen um das

adenoide Gewebe und bildet so die ~Faserhülle~ (Fig. 225).

[Illustration: Fig. 226.

Aus einem feinen Schnitt durch einen Zungenbalg des erwachsenen

Menschen. 420mal vergrößert. Links ist das Epithel frei von

Lymphozyten, rechts wandern viele Lymphozyten durch. Dadurch wird das

Epithel gesprengt, man sieht größere und kleinere Reste von Epithel

zwischen den breiten, durch die Lymphozyten gebahnten Straßen. Technik

Nr. 126, S. 359.]

Unter normalen Verhältnissen wandern fortwährend zahlreiche

weiße Blutzellen des adenoiden Gewebes durch das Epithel in die

Balghöhle und gelangen von da in die Mundhöhle, in deren Sekret

sie als »~Schleim~- und ~Speichelkörperchen~« leicht gefunden

werden. Das ~Epithel~ wird dabei oft ~vorübergehend~ in großer

Ausdehnung zerrissen (Fig. 226) oder ist derart mit Lymphozyten

infiltriert, daß seine Grenze gegen die Tunica propria nicht mehr

mit Sicherheit nachgewiesen werden kann.

~Drüsen.~ Drei Arten offener Drüsen (S. 85) sind in der

Zungenschleimhaut und in den oberflächlichen Schichten der

Zungenmuskulatur gelegen. Die ~serösen~ Drüsen finden sich nur in

der Gegend der Papillae vallatae und foliatae (s. S. 314), die

~Schleim~drüsen in der Zungenwurzel, entlang der Zungenränder und in

einem Felde vor der medianen Pap. vallata, die ~gemischte~ Glandula

lingualis anterior (Nuhn) in der Zungenspitze, an deren Unterfläche sie

mit mehreren Ausführungsgängen mündet. (Bezüglich des feineren Baues

dieser Drüsen vergleiche Kap. Drüsen der Mundhöhle.)

Die ~Blutgefäße~ der Zungenschleimhaut bilden der Fläche nach

ausgebreitete Netze, von welchen Zweige in sämtliche Papillen bis in

die sekundären Papillen hinein sich erstrecken. An der Zungenwurzel

durchbohren kleine Arterien die Faserhülle der Zungenbälge und

lösen sich in Kapillaren auf, welche bis ins Innere der Knötchen

hineinreichen. Die Blutgefäße der Drüsen bilden ein die Endstücke

umspinnendes Kapillarnetz.

Die ~Lymphgefäße~ der Zunge sind in zwei Netzen angeordnet: ein

tieferes, aus gröberen Gefäßen bestehendes, und ein oberflächliches

Netzwerk, welch letzteres Lymphgefäße der Papillen aufnimmt. Sehr

reichlich sind die Lymphgefäße der Zungenwurzel entwickelt, welche an

den Zungenbälgen ein die Knötchen umspinnendes Netz bilden.

Die ~Nerven~ der Zungenschleimhaut (N. glossopharyngeus und N.

lingualis) enthalten Ganglienzellen, die sich vereinzelt in den

Papillae vallatae und im Wall, in Gruppen (sogenannten ~Remak~sches

Hemiganglion) fast unter jeder umwallten Papille finden (Fig. 224); die

Nervenenden verhalten sich teils wie die der übrigen Mundschleimhaut,

teils treten sie zu den Geschmacksknospen in enge Beziehung (s.

Geschmacksorgan).

Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen, mit Einschluss der mikroskopischen Technik · 第 135 / 286 题