a) Hypophysis cerebri.
Das histologische Aussehen eines Teiles dieser Drüse würde
es gerechtfertigt erscheinen lassen, sie mit der Schilddrüse
und den Epithelkörperchen in eine Gruppe zu vereinigen; die
topographische Beziehung zum Gehirn, die die Hypophyse mit der
Epiphyse gemeinsam hat, veranlaßt uns, sie bei dem gegenwärtigen
unsicheren Stand der Gruppierung der innersekretorischen Organe
mit der Epiphyse zusammenzustellen.
In sehr früher Embryonalperiode streben zwei sackartige Anlagen
aus zwei ganz verschiedenen Mutterböden zueinander, um die
Hypophyse zu bilden. 1. Aus dem Dach der primitiven ektodermalen
Mundbucht entsteht die anfangs schlauchförmige Hypophysentasche,
die in der ausgebildeten Hypophyse zwei Anteilen entspricht:
einmal der Pars intermedia (oder infundibularis), die etwa die
Mitte des ganzen Organes einnimmt; dann dem Vorderlappen (Fig.
187).
2. Scharf abgesetzt von diesen beiden Teilen ist die mit
dem Infundibulum des Zwischenhirnes verbundene Anlage des
Hinterlappens, aus der außer dem Hinterlappen auch der Stiel der
Hypophyse entsteht (Fig. 187).
Von dem ursprünglichen Zusammenhang der oralen Hypophysenanlage
mit dem Munddach erhält sich in der Regel nur eine kleine,
wie der Vorderlappen gebaute, »Hypophysis pharyngea«;
diese liegt konstant an der Stelle, die der Ausmündung des
embryonal vorhandenen, nur selten dauernd erhaltenen, Can.
cranio-pharyngeus entsprechen würde.
Der ~Vorderlappen~ der Hypophyse ist nach dem Typus des Epithelkörpers
gebaut und enthält, eingebettet in lockeres, viele Blutgefäße und
Nerven tragendes Bindegewebe, solide, verzweigte Epithelzellenstränge,
die von sehr ungleichmäßigem Kaliber sind und vielfach miteinander
anastomosieren.
Die einzelnen Zellen bieten ein verschiedenartiges Aussehen
dar; die Tatsache, daß in den untersuchten Fällen die
Verteilung der Zellformen sehr verschieden war, läßt es denkbar
erscheinen, daß die drei gefundenen Zellarten nur verschiedenen
Funktionszuständen einer einzigen Zellart entsprechen.
Die häufigste Form, die ~Hauptzellen~, zeichnet sich durch ein
substanzarmes, wenig färbbares Zytoplasma aus, der Kern ist
groß und locker gebaut. Diese Zellen wandeln sich im Laufe der
Schwangerschaft unter lebhafter Vermehrung und Vergrößerung in
die sogenannten Schwangerschaftszellen um (Fig. 188).
Unter den anderen Zellen, die sich an einer stärkeren
Zytoplasmafärbbarkeit erkennen lassen, unterscheidet man
~azidophile~ und ~basophile~ Zellen; die ersteren (Fig.
188a), lebhaft eosinfärbbar, sollen sich vorzugsweise in den
hinteren Teilen des Vorderlappens finden; ihre Zahl ist bei
manchen Hypophysenerkrankungen, die mit einer Steigerung der
Hypophysenfunktion verbunden sind, vermehrt (Akromegalie z. B.,
siehe unten). Die basophilen Zellen sind weniger häufig, ihr
Zelleib färbt sich mit basischen Farbstoffen dunkel (Fig. 188b).
[Illustration: Fig. 187.
Medianschnitt durch die Hypophyse des Menschen. 9mal vergrößert.
Technik Nr. 114, S. 290.]
Der ~Pars intermedia~ (Zwischenlappen) sind verschiedene von Epithel
umsäumte Hohlräume eigentümlich, die von dem ursprünglichen Lumen
der oralen Hypophysenanlage abstammen. Beim Kind und zeitlebens bei
vielen Tieren ein einheitlicher, von flimmerndem Zylinderepithel
ausgekleideter Spalt an der Grenze von Vorder- und Hinterlappen, ist
dieser Hypophysenabschnitt beim erwachsenen Menschen von größeren
und kleineren, zum Teil miteinander anastomosierenden Hohlräumen
eingenommen. Diese (Fig. 188b) sind von verschieden hohen Epithelzellen
umsäumt und mit einem Sekret erfüllt, das nur teilweise dem Kolloid der
Schilddrüse ähnlich ist. Außer diesen größeren Hohlräumen kommen aber,
zum Teil bis in die Substanz des Vorderlappens hinein, auch kleinere
kuglige Bläschen vor, die den gleichen Bildungen in der Schilddrüse
außerordentlich ähnlich sehen.
[Illustration: Fig. 188a. Fig. 188b.
Teilbilder aus der menschlichen Hypophyse: a) aus dem Vorderlappen,
b) von der Grenze des Vorder-, Zwischen- und Hinterlappens. a 500,
b 350mal vergrößert. Technik Nr. 114, S. 290.]
Die Grenze des Zwischenlappens gegen Vorder- und Hinterlappen
ist nicht vollständig scharf; besonders im Gebiet des
Hypophysenstieles ist es nicht leicht, eine Grenze zwischen
Vorder- und Zwischenlappensubstanz zu ziehen; dies Verhalten
hängt wohl mit der genetischen Zusammengehörigkeit dieser beiden
Abschnitte zusammen. Gelegentlich finden sich im Gebiet des
Zwischenlappens kleinere oder größere Lymphzellansammlungen.
Der ~Hinterlappen~ (Neurohypophyse) besteht größtenteils aus Glia;
Nervenzellen sind in ihm nicht sicher nachgewiesen worden. Die Glia ist
von Bindegewebssträngen, die Blutgefäße mit sich führen, durchsetzt.
Besonders charakteristisch ist die intra- und extrazelluläre Ablagerung
eines gelben Pigments, das mit dem Alter zunimmt.
Die Hypophyse ist ein lebenswichtiges Organ; ihre Entfernung
führt in kurzer Zeit zum Tode. Sie steht in funktioneller
Wechselbeziehung zu der Schilddrüse und zu den Keimdrüsen, deren
beider Wegnahme unter lebhafter Vermehrung der eosinophilen
Zellen zu einer starken Vergrößerung der Hypophyse führt. Gewisse
Erkrankungen (vor allem die Akromegalie, deren sichtbarste
Erscheinungen in einem Wachstum der vorstehenden Teile des
Gesichtes, der Hände und Füße und in einer Herabsetzung der
Genitalfunktion bestehen) werden auf eine Überfunktion der
Hypophyse zurückgeführt. Dabei sind es hauptsächlich der Vorder-
und Zwischenlappen, auf deren Erkrankung die Störungen beruhen.
Über die Bedeutung des Hinterlappens sind wir nicht so gut
unterrichtet.
Welche Abflußwege das anzunehmende Hypophysensekret benutzt, um
seine Wirkungen zu entfalten, ist ebensowenig klargestellt, wie
dies bei anderen innersekretorischen Organen der Fall ist.
b) Epiphysis.
Die Epiphysis (~Corpus pineale~, Zirbel) ist aus einer Falte der
primitiven Hirnwand hervorgegangen.
Sie bietet in allen Teilen ein ziemlich gleichartiges Aussehen
dar; außer Neuroglia und einem Bindegewebsgerüst finden sich dicht
beieinanderliegend, im Alter allmählich an Zahl vermindert, rundliche
Gruppen von Zellen, die nur wenig anscheinend substanzarmes Zytoplasma
und einen großen Kern besitzen.
[Illustration: Fig. 189.
Hirnsand aus der Zirbel einer 70jähr. Frau. 50mal vergr. Technik
Nr. 115, S. 290.]
In der Zirbel sowie in den Telae chorioideae finden wir fast
regelmäßig ~Hirnsand~, ~Acervulus cerebri~ 5 µ bis 1 mm große,
rundliche oder tropfsteinähnliche Konkretionen, die frisch eine
unebene, maulbeerartige Oberfläche (Fig. 189) zeigen, während
an in Glyzerin oder in Balsam konservierten Präparaten eine
deutliche konzentrische Schichtung sichtbar wird. Sie bestehen
aus einer organischen Grundlage und kohlensaurem Kalk nebst
phosphorsaurer Magnesia und sind zuweilen von einer dicken
bindegewebigen Hülle umgeben.
In der Zirbel des Rindes sind quergestreifte Muskelfasern
gefunden worden, woraus auf einen Einfluß der Epiphyse auf die
Verteilung des Liquors geschlossen worden ist.
Über die Bedeutung der Epiphyse sind wir noch mangelhaft
unterrichtet; auch sie scheint aber in die Stoffwechselvorgänge
regulierend einzugreifen. Gewisse Einflüsse auf die Entwicklung
der Keimdrüsen werden der Epiphyse auf Grund von Beobachtungen an
Menschen und Tieren zugeschrieben.