IV. Innersekretorische Organe.

Gemäß den obigen (S. 83) Ausführungen beschränken wir den

Begriff der Sekretion auf Vorgänge, die unter Anteilnahme

aktiver Arbeitsprozesse von seiten der Zellen zur Entstehung

von Substanzen führen, die für den Körper noch nutzbar gemacht

werden, dabei aber die Zellen verlassen.

Die Lehre von der ~inneren~ Sekretion faßt aber für gewöhnlich

den Begriff weiter und dehnt ihn auf alle Vorgänge aus, die eine

chemische oder physiko-chemische Korrelation unter verschiedenen

Systemen des Körpers herbeiführen, wobei es oft noch nicht

klargestellt ist, ob dabei das betreffende innersekretorische

Organ oder Gewebe eine Substanz (Sekret) produziert, die auf

dem Blut- oder Lymphwege andere Systeme beeinflußt, oder ob

die Wirkung des betreffenden Organs vielmehr darin zu suchen

ist, daß es bestimme Stoffe an sich reißt und zerstört. Dieser

letztere Vorgang wäre aber nicht als Sekretion in unserem Sinne

aufzufassen.

Angesichts der Tatsache, daß über die allgemeine Bedeutung

solcher Vorgänge noch keine feststehende Meinung vorhanden

ist, beschränken wir uns an dieser Stelle auf die Darstellung

derjenigen Gebilde, deren Hauptfunktion in einer durch den

Begriff »innere Sekretion« umschriebenen Beeinflussung des

Organismus zu suchen ist. Wir geben dabei zu, daß außer den hier

besprochenen Gebilden noch andere Organe zum Teil erwiesene

endokrine Funktionen besitzen (Keimdrüsen, Teile des Pankreas,

vielleicht auch Milz), die aber in diesen Fällen zu einer, von

uns als Hauptfunktion betrachteten, anderen Aufgabe hinzutreten.

Bei dem heutigen Stand unserer Kenntnisse ist es noch nicht

möglich, die hier zu besprechenden Gebilde nach ihrer Bedeutung

zu gruppieren, weshalb wir es vorziehen, diese Organe nach ihrem

entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhange geordnet zu besprechen.

Auffallend ist dabei die Produktivität des embryonalen

Kopfdarmes, dessen ventrale und lateralen Bildungsprodukte

(Gl. thyreoidea, Gl. parathyreoideae, Gl. thymus) wir auch

hinsichtlich ihrer späteren Lage zu einer Gruppe zusammenfassen,

wenngleich sie im Bau und in ihrer Funktion tiefgreifende

Unterschiede aufweisen.

Eine zweite Gruppe (Gl. hypophysis und Gl. epiphysis) haben die

Anteilnahme zerebraler Elemente an ihrem Aufbau gemeinsam; die

bedeutendste sekretorische Funktion entfaltet allerdings der

Rachenteil der Hypophyse, der sich frühzeitig vom Kopfdarmdache

abschnürt.

Die dritte Hauptgruppe endlich (die chromaffinen Organe),

deren Ausbreitung in der Tierreihe große Differenzen aufweist,

ist beim Menschen in Verbindung mit dem Interrenalorgan

(der Nebennierenrinde) als Gl. suprarenalis ein äußerst

wichtiges Organ; das chromaffine Gewebe (am reichlichsten

im Nebennierenmarke ausgebildet) leitet sich embryonal vom

sympathischen Nervensystem ab.

I.

a) Gl. Thyreoidea.

Die Schilddrüse entsteht im wesentlichen aus einer medianen

Wucherung der ventralen Schlundwand und bietet anfangs das

Bild einer tubulösen zusammengesetzten, netzförmigen Drüse;

ihr am Foramen coecum der Zunge mündender Ausführungsgang

(~Ductus thyreoglossus~) obliteriert jedoch schon frühzeitig in

embryonaler Zeit und bildet sich bis auf einzelne Reste zurück;

auch das Netz der Drüsenröhrchen, die anfangs nicht hohl sind,

zerschnürt sich in kurze Stücke. (Siehe auch S. 87).

Beim erwachsenen Menschen besteht die Schilddrüse aus länglichrunden,

beiderseits blind endenden »Follikeln«, das sind Schläuche von sehr

verschiedenem (40-120 µ) Durchmesser, welche durch lockeres, mit

elastischen Fasern durchsetztes Bindegewebe zu Läppchen miteinander

verbunden werden. Eine Membrana propria fehlt. Die Follikel sind mit

einer einfachen Lage bald zylindrischer, bald kubischer, bald platter

Epithelzellen ausgekleidet, die beim Menschen Körnchen von Fett und

azidophiler Substanz enthalten; diese Körnchen faßt man als Vorstufen

des Sekretes auf. Das Lumen der Follikel ist mit einer homogenen,

zähen Masse, der ~kolloiden Substanz~, die jene Körnchen und Vakuolen

enthält, gefüllt. Die Vakuolen sind teils Kunstprodukte, teils

enthalten sie Fett oder Muzin.

Früher galt die kolloide Substanz für ein Charakteristikum der

Schilddrüse; seitdem aber dem Kolloid ähnliche Massen auch in

der Hypophyse (S. 282) gefunden worden sind, und da auch in den

Blut- und Lymphgefäßen des Halses das geronnene Blutplasma dem

Kolloid sehr ähnlich sehen kann, verliert dieses Merkmal seinen

diagnostischen Wert. Auch ist es noch nicht sicher, daß das

»Kolloid« als das spezifische Sekret aufzufassen ist. Auf welchen

Wegen das von der Schilddrüse gelieferte Sekret abfließt, ist

noch dunkel. Es ist beobachtet worden, daß an den Knotenpunkten

des Schlußleistennetzes die Kittsubstanz überall fehlt;

vielleicht handelt es sich hier um ein Auseinanderweichen der

Epithelzellen zum Zwecke des Sekretabflusses zu den Lymphwegen.

Möglicherweise wird das Sekret auch von den Blutgefäßen

aufgenommen.

Die sehr zahlreichen ~Blutgefäße~ lösen sich in ein die Schläuche

umspinnendes Netz von Kapillaren auf, welche dicht unter dem Epithel

liegen. Die kleinen Schilddrüsenarterien besitzen normalerweise

vorkommende Verdickungen der Intima und der Media, sogenannte

»Knospen«. Die ebenfalls zahlreichen ~Lymphgefäße~ bilden ein zwischen

den Schläuchen gelegenes Netzwerk. Die ~Nerven~ verlaufen mit den

Blutgefäßverzweigungen und bilden vorzugsweise diese, zum Teil auch die

Drüsenschläuche umspinnende Geflechte. Ein Eindringen von Endzweigen in

das Epithel ist nicht beobachtet.

[Illustration: Fig. 181.

Ein Läppchen aus einem feinen Durchschnitte der Schilddrüse eines

erwachsenen Menschen. 220mal vergrößert. Man beachte den verschiedenen

Durchmesser der Schläuche. Technik Nr. 111, S. 290.]

Der Mechanismus der Schilddrüsenwirkung ist noch nicht

aufgeklärt, wenngleich wir heute wissen, daß die Schilddrüse zu

den lebensnotwendigen Organen gehört. Umfangreiche Erkrankungen

dieses Organes rufen schwere Stoffwechselstörungen hervor,

die den ganzen Körper beeinflussen. Bei wachsenden Organismen

äußert sich der Mangel der Schilddrüsenfunktion z. B. in einem

mangelhaften Wachstum besonders der Röhrenknochen, mangelhafter

Ausbildung der Intelligenz usw. (Kretinismus). Zu lebhafte

Schilddrüsenfunktion macht sich in mannigfachen, schweren

Störungen des vegetativen Nervensystems geltend, die, mit anderen

Erscheinungen verknüpft, das Bild der Basedowschen Krankheit

hervorrufen. Alle diese und viele experimentelle Erfahrungen

sprechen dafür, daß normalerweise von der Schilddrüse eine

Substanz produziert wird, die im Haushalt des Körpers eine

wichtige, regulierende Funktion ausübt.

b) Glandulae parathyreoideae.

Die an der Rückfläche der seitlichen Schilddrüsenlappen

gelegenen, gewöhnlich in der Vierzahl vorhandenen

»Epithelkörperchen« stammen in ihren epithelialen Anteilen vom

Epithel der dritten und vierten Schlundtasche ab; sie besitzen

im allgemeinen keine Drüsenähnlichkeit mehr und sind im Bau wie

in der Funktion als von der Schilddrüse völlig verschiedene

Organe zu betrachten, wenngleich sie beim Menschen in innigster

Lagebeziehung mit jener stehen.

Die Epithelkörperchen bestehen aus Nestern und Strängen von

Epithelzellen (Fig. 182), die von spärlichem, Blutgefäße führendem

Bindegewebe umgeben werden; dieses Bindegewebe bildet an der Oberfläche

des Organes eine dünne Kapsel.

[Illustration: Fig. 182.

Aus einem Schnitt durch eine Gl. parathyreoïdea des Menschen. 520mal

vergrößert. Technik Nr. 112, S. 290.]

Unter den Epithelzellen finden sich vereinzelt oder gruppenweise

sogenannte oxyphile (d. h. eosinfärbbare) Zellen, wahrscheinlich

bestimmte Funktions- oder Degenerationsphasen der »Hauptzellen«,

die selbst durch ein sehr substanzarmes Zytoplasma ausgezeichnet

sind.

Gelegentlich umschließen auch die Epithelzellen der

Parathyreoideae kleine, mit einer kolloidähnlichen Masse

erfüllte, Hohlräume; dies Verhalten hat, neben anderen Befunden

die heute nur mehr wenig vertretene Ansicht entstehen lassen,

daß die Epithelkörperchen nur andere Funktionsstadien des

Schilddrüsengewebes seien. Gegen diese Ansicht spricht einmal die

andersartige Entstehung, dann das histologische Verhalten, vor

allem aber die Funktion.

Die Entfernung der Epithelkörperchen, die heute bei allen

umfänglicheren Schilddrüsenoperationen vermieden wird, verursacht

schwere Krämpfe (Tetanie).

c) Thymus.

Der Thymus entsteht paarig aus dem Epithel der 3. Viszeralspalte als

eine anfänglich hohle, später solide Ausstülpung, die, von ihrem

Mutterboden sich abschnürend, verästelte Sprossen, Läppchen treibt.

Schon im 4. Fetalmonat ist der Thymus ein gelappter Körper, der von

lockerem, fibrillärem Bindegewebe, dem Träger der größeren Blut- und

Lymphgefäße, umgeben wird. Durchschnitte von Thymusläppchen zeigen

eine dunklere ~Rindensubstanz~ (Fig. 183), welche aus einem durch

sternförmige Epithelzellen gebildeten Netz besteht, in dessen Maschen

viele, sehr zytoplasmaarme Lymphozyten liegen.

Die Lymphozyten werden von manchen Autoren für umgewandelte

Epithelzellen gehalten; doch sprechen alle neueren

Forschungsergebnisse für die oben dargestellte, von den meisten

Autoren heute geteilte Ansicht. Trotzdem ist der Thymus nicht zu

den echten lymphatischen Organen zu zählen, da ihm ein wichtiges

Merkmal derselben, die Keimzentren, fehlt; auch ist das den

Lymphozyten als Aufenthalt dienende Retikulum nicht ein dem

retikulären Gewebe der Lymphknoten entsprechendes Gewebe, sondern

epithelialer Herkunft.

Die zentrale Partie des Thymus, die ~Marksubstanz~, ist heller,

nicht immer scharf von der Rinde getrennt und besteht zum Teil aus

ähnlichen Zellen wie die Rinde, zum Teil aus größeren, entweder

einzelnen sternförmigen, oder in Gruppen beisammenliegenden, typischen

Epithelzellen. Beide Substanzen werden frühzeitig von Blutgefäßen

durchwachsen, in deren Begleitung zarte Züge von Bindegewebe und

Leukozyten -- auch eosinophile Zellen (S. 95) befinden sich unter

diesen -- eindringen. Etwa im 5. Fetalmonat entstehen in der

Marksubstanz die »~Hassal~schen Körperchen«, Gruppen konzentrisch

zusammengeballter Epithelzellen, von denen die zentralsten

chromatinarme Kerne (Zeichen baldigen Absterbens) enthalten. Die

Körperchen sind anfangs klein (10-12 µ) und nur in geringer Anzahl

vorhanden, nehmen aber rasch an Größe zu (- 180 µ), während immerzu

neue entstehen, so daß das Thymusmark des Neugeborenen sehr viele

~Hassal~sche Körperchen verschiedenster Größe enthält (Fig. 185).

[Illustration: Fig. 183.

Stück eines Schnittes durch den Thymus eines 5monatigen menschl. Fetus.

50mal vergrößert. Technik Nr. 113, S. 290.]

[Illustration: Fig. 184.

~Hassal~sche Körperchen aus einem Thymusschnitt von einem 23jährigen

Hingerichteten. 360mal vergrößert. Technik Nr. 113, S. 290.]

[Illustration: Fig. 185.

Stück eines Schnittes durch den Thymus eines neugeborenen Menschen.

50mal vergrößert. Technik Nr. 113, S. 290.]

Um diese Zeit ist der Thymus zu einem stattlichen Körper

herangewachsen, der durch stärkere Züge mit elastischen Fasern

untermengten Bindegewebes in 4-11 mm große Läppchen geteilt wird, die

wieder durch feinere Bindegewebszüge in kleinere, 1 qmm große Läppchen

getrennt werden und durch die Marksubstanz, die sich streckenweise

später zu einem immer dünner werdenden Strang, dem »~Markstrang~«

auszieht, miteinander in Verbindung stehen (Fig. 186). Der feinere

Bau des Thymus des Neugeborenen zeigt in der Rindensubstanz das

gleiche Bild wie früher; die epithelialen Teile bilden vorwiegend

das Retikulum; sie werden an der Grenze der Marksubstanz zu größeren

Elementen, die das Material zu den Hassalschen Körperchen liefern,

die auch nach der Geburt noch an Zahl und Größe (- 0,3 mm) zunehmen

und nun deutliche Spuren inneren Zerfalles (zugrunde gehende Kerne,

kernlose Schüppchen, eindringende Lymphozyten) zeigen. Als zweiter

Hauptbestandteil kommen, in der Rinde zahlreicher als im Mark, die

eingewanderten Lymphozyten hinzu, die sich besonders in der Rinde

lebhaft vermehren. Teilweise bilden sie sich auch zu Plasmazellen (s.

S. 95) um. Da das Mark viel weniger Mitosen enthält -- sie fehlen

völlig in den Hassalschen Körperchen -- als die Rinde, so darf man

annehmen, daß die Rinde des Thymus die Produktions-, das Mark die

Wachstums- und Degenerationszone der Thymussubstanz darstellt.

[Illustration: Fig. 186.

Querschnitt durch ein Thymusstück eines 1-3/4jährigen Kindes. 21mal

vergrößert. Technik Nr. 113, S. 290.]

Die zu sehr wechselnden Zeiten einsetzende »Rückbildung« des Thymus

besteht zum Teil darin, daß in dem interlobulären Bindegewebe

sich ansehnliche Mengen von Fettgewebe bilden, wodurch die

Läppchen auseinandergesprengt werden. Dadurch geht der Thymus als

zusammenhängender Körper verloren; von den isolierten Läppchen verfällt

ein Teil der Rückbildung, sie verschwinden schließlich völlig, d. h.

sie werden zu größeren, den Markzellen gleichen Elementen, während das

Mark selbst weiterem Untergang und der Abfuhr durch weiße Blutzellen

entgegen geht. Ein anderer Teil der Läppchen aber erhält sich bis ins

hohe Alter; dabei kann sich die peripherste Schicht der Rindensubstanz

zu einer einfachen oder mehrfachen Lage typischer Epithelzellen

umgestalten.

Die ~Arterien~ verlaufen zwischen Rinde und Mark und speisen

Kapillaren, die größtenteils in der Rinde, zum kleineren Teile im Marke

gelegen sind. Die daraus sich sammelnden ~Venen~ verlaufen teils im

Mark, teils münden sie in große, zwischen den Läppchen verlaufende

Venenstämmchen. Die vielen ~Lymphgefäße~ sammeln sich aus weiten,

dicht an der Oberfläche der Läppchen gelegenen Lymphräumen zu großen,

im interlobulären Bindegewebe gelegenen Stämmchen, die weiterhin als

klappenführende Gefäße neben den größeren Blutgefäßen hinziehen.

Die ~Nerven~ enden im wesentlichen an den Blutgefäßen, nur äußerst

spärliche Fäserchen dringen frei endend in das Mark.

Die Aufgabe des Thymus im Organismus ist noch nicht völlig

geklärt; jedenfalls ist die Drüse in der Zeit bis zur beginnenden

Altersinvolution bei der Regulierung des Knochenwachstums, der

Entwicklung der Keimdrüsen und der Regulation der Funktionen des

Nervensystems stark beteiligt. In diesen Beziehungen machen sich

bei Tieren die schwersten Störungen geltend, wenn der Thymus

entfernt wird; doch sind zum Teil bei verschiedenen Tierarten

die Ergebnisse solcher Versuche noch nicht eindeutig. Vor allem

wissen wir noch nicht, ob die Bedeutung des Thymus in der

Produktion eines spezifischen Sekretes besteht oder darin, daß

giftige Stoffwechselprodukte im Thymus gebunden und zerstört

werden.

Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen, mit Einschluss der mikroskopischen Technik · 第 123 / 286 题