2. Die Lymphknoten.

Die Lymphknoten haben, soviel wir wissen, eine doppelte Aufgabe: 1.

entnehmen sie der Lymphe eine Reihe von Substanzen, die die Lymphe

aus den Geweben mit sich führt und werden dadurch zu wichtigen

Schutzorganen des Körpers; 2. führen sie der Lymphe und dadurch

indirekt dem Blute Lymphozyten zu, die in den Lymphknoten in großen

Mengen produziert werden.

Der ersten Aufgabe werden die Lymphknoten dadurch gerecht,

daß die einheitliche Lymphbahn in ihnen zu einem feinporigen

Hohlraumsystem umgewandelt ist, das demjenigen eines Schwammes

gleicht. Vermöge der dadurch bewirkten Oberflächenentfaltung

werden in den die Wandung auskleidenden Epithel-(Endothel-)zellen

Mikronen[96] und Ultramikronen gespeichert, wovon die Befunde im

menschlichen Organismus zahlreiche Beispiele liefern: Kohlenstaub

in den Zellen bronchialer Lymphknoten, Farbspeicherung in den

Achsellymphknoten nach Tätowierung der Arme u. a. sind auf den

genannten Vorgang zurückzuführen.

Experimentell kann man durch subkutane Injektion suspendierter

(Tusche) oder kolloidal gelöster Farbstoffe die Ablagerung

derselben in den regionären Lymphknoten leicht verfolgen.

Die Lymphknoten stellen hiernach wichtige Schutzorgane dar,

was in der Anteilnahme der Lymphknoten an vielen Erkrankungen

(Entzündungen, bösartige Geschwülste u. a.) zum Ausdruck kommt.

Diese Erkrankungen können sich nur dann ausbreiten, wenn die

»Kampfkraft« der Lymphknoten Schritt für Schritt überwunden wird.

Die ~zweite~ Aufgabe, die Lymphozytenproduktion, teilen die

Lymphknoten mit allen anderen sogenannten lymphatischen

Organen, zu denen die Noduli lymphatici (s. S. 188), Anteile

der sogenannten Blutlymphknoten, die Milz und die Tonsillen zu

rechnen sind. Sie alle produzieren ~nur~ Lymphozyten, keine

Hämoleukozyten; manche Erkrankungen befallen das gesamte System

der lymphatischen Organe gemeinsam und stellen dieses dadurch in

Gegensatz zu den Produktionsstätten der Hämoleukozyten.

[Illustration: Fig. 112. Fig. 113.

Vier Stadien der Entwicklung der Lymphknoten des Menschen. Schematisch.

Erstes Stadium Fig. 113 links, zweites Fig. 112 rechts usw.]

Die ~Lymphknoten~ (schlechter Lymphoglandulae, Lymphdrüsen vgl. S. 99)

sind makroskopisch sichtbare Körper von meist rundlich ovaler oder

platter, bohnenförmiger Gestalt und sehr wechselnder Größe. An der

einen Seite haben sie meist eine narbige Einziehung, den ~Hilus~, an

welchem die abführenden Lymphgefäße (Vasa efferentia) liegen, während

die Vasa afferentia an verschiedenen Stellen eintreten.

[Illustration: Fig. 114.

Längsschnitt eines Halslymphknotens eines Hingerichteten. 12mal

vergrößert. Technik Nr. 78, S. 199.]

Ihr Bau wird verständlich durch die Betrachtung ihrer

Entwicklung, die in der zweiten Hälfte des Fetallebens

erfolgt. Der einzelne Lymphknoten ist anfänglich eine kompakte

blutgefäßreiche Masse, die aus retikulärem Gewebe (S. 98)

besteht und von einem Geflecht von Lymphgefäßen umsponnen wird.

Dieses Geflecht wird durch Vergrößerung und Konfluenz zu einem

»Randsinus«, während sich gleichzeitig aus dem umgebenden jungen

Bindegewebe eine Kapsel um das Ganze bildet (Fig. 112 rechts).

Jetzt dringen am Hilus, der Eintrittsstelle der Blutgefäße

zahlreiche, netzförmig verbundene Fortsätze des Randsinus,

die »Intermediärsinus« in die Zellmasse ein (Fig. 112 rechts

und weiter vorgeschritten 112 links), die dadurch in der Nähe

des Hilus in dünne »Markstränge«, entfernter vom Hilus in

kuglige »Sekundärknötchen« (Follikel) geteilt wird. Schließlich

erreichen die Intermediärsinus den Randsinus und öffnen sich

in diesen (Fig. 113 rechts). Die ganze kompakte Zellmasse ist

damit kanalisiert; die den Randsinus speisenden Lymphgefäße

werden zu Vasa afferentia, die am Hilus befindlichen Lymphgefäße

werden zu Vasa efferentia. Unterdessen sind von der Kapsel aus

Fortsätze »Trabekel« in den Randsinus (Fig. 112 rechts) und

weiter in die Intermediärsinus (Fig. 113) gewachsen. Das alle

Sinus auskleidende Epithel soll die Retikulumzellen (S. 98)

liefern, die im Lumen der Sinus ausgespannt sind und später

Bindegewebsfibrillen entwickeln können.

Es ist fraglich, ob sich das Epithel (Endothel) überall erhält;

wenn es (bei der Bildung der Retikulumzellen) verbraucht wird,

dann haben die Sinus ihre geschlossene Wand verloren und die

durch die Vasa afferentia einströmende Lymphe wird nicht nur

durch die Sinus in die Vasa efferentia abgeführt, sondern

durchtränkt auch die Maschen des adenoiden Gewebes. Man könnte

dann sagen, daß in den Lymphknoten die Lymphbahn wandungslos,

nicht mehr geschlossen, sondern »offen«, »unterbrochen« sei. Das

gleiche müßte dann auch für die Blutlymphknoten und für die Milz

gelten, nur mit dem Unterschied, daß bei diesen die Blutbahn die

offene ist.

Die ~Entstehungsorte~ der ~Lymphozyten~ nehmen bei allen Lymphknoten

einen breiten Raum ein; sie bilden ein lymphozytenreiches Gewebe,

das gewöhnlich an der Oberfläche des Lymphknotens besonders

reichlich vorkommt, so daß man diesen Teil als »Rinde« dem »Marke«

gegenüberstellt. Hier findet die hauptsächliche Lymphozytenbildung

statt. Sehr zahlreich treffen wir hier heller aussehende, fast

kugelige sogenannte ~Keimzentren~ (Fig. 114), die zytoplasmareiche

Zellen, die Lymphoblasten, enthalten. Aus diesen entstehen durch

mitotische Teilungen Lymphozyten. Rings um die Keimzentren liegen

massenhaft Lymphozyten konzentrisch geschichtet; die Keimzentren mit

ihrer Umgebung bezeichnet man als Sekundärknötchen; sie sind das

charakteristische Element aller lymphatischen Organe.

Im Innern der Keimzentren sind häufig sogenannte tingible Körper

(Fig. 115A) anzutreffen; es sind Reste von degenerierenden

Zellen. Wie häufig an Stellen lebhafter Zellvermehrung so gehen

auch hier zahlreiche Zellen zugrunde.

Weniger lebhaft ist die Lymphozytenproduktion in den sogenannten

Marksträngen der Lymphknoten, die von den Sekundärknötchen aus sich

schwammartig durch den ganzen Lymphknoten erstrecken.

Die Grundlage von Rinden- und Marksubstanz ist retikuläres

Gewebe. Außer Lymphoblasten und Lymphozyten findet man in seinen

Maschenräumen vereinzelt Plasmazellen, eosinophile und Mastzellen

(s. S. 94), endlich Lymphozyten, die keinen runden, sondern

einen gelappten Kern besitzen und deswegen als »leukozytoide

Lymphozyten« bezeichnet werden (!). Echte gelapptkernige

Leukozyten finden sich meist innerhalb der Blutgefäße.

Dieses gesamte lymphozytenproduzierende Gewebe ist allseitig von

~Lymphräumen~ umgeben, die ihrerseits wieder von dem Bindegewebsgerüst

der Trabekel gestützt werden. Die ~Sinus~ werden, wohl nicht überall,

von einer einfachen Lage platter Zellen ausgekleidet, welche sowohl

der Oberfläche der Sekundärknötchen und Markstränge, wie auch der

Oberfläche der Trabekel anliegen; mit ihnen steht auch das überall die

Sinus durchsetzende und das lymphatische Gewebe tragende retikuläre

Gewebe in Verbindung. Die Sinus sind keine einfachen, sondern

schwammartig gebaute Hohlräume, deren Wandung ebenso wie die das Lumen

durchsetzenden Stränge Zellen und Stützfasern enthält (s. S. 99 und

Fig. 45).

[Illustration: Fig. 115.

¡A¡ Stück eines Schnittes durch einen submaxillaren Lymphknoten eines

Hingerichteten. 560mal vergrößert. Technik Nr. 78, S. 199. ¡B¡ aus

demselben Schnitt und dem gleichen Keimzentrum, nur von einer anderen

Stelle. ¡C¡ Stück eines Schnittes desselben Lymphknotens. Retikulum

eines Sekundärknötchens. 560mal vergrößert. Technik 11, S. 39.]

Die Lymphe ergießt sich von den Vasa afferentia durch die

Kapsel in den ~Randsinus~; von ihm aus gelangt sie durch die

~Intermediärsinus~ in die Sinus der Markregion, die endlich

in das ~Vas efferens~ überleiten. So setzt sich auch die

Epithelauskleidung von den Vasa afferentia auf den Randsinus, von

den Marksinus auf das Vas efferens fort. Über die Kontinuität der

Epithelauskleidung innerhalb des Lymphknoten selbst s. S. 185.

Die Kapsel besteht aus Bindegewebe, das kollagene und elastische

Fasern einschließt, die in wechselnder, mit dem Alter zunehmender

Menge, vorhanden sind, ferner aus glatten Muskelfasern, welche

in den großen Lymphknoten des Rindes zu großen Zügen vereint

sind. Die ebenso gebauten ~Trabekel~ schieben sich zwischen

Sekundärknötchen und Markstränge, berühren dieselben aber nicht,

sondern sind von ihnen durch die Lymphsinus getrennt.

Der hier geschilderte Bau der Lymphknoten ist aber insofern schwierig

zu erkennen, als mancherlei Komplikationen sich vorfinden. Diese

Komplikationen bestehen darin, 1. daß benachbarte Sekundärknötchen

oft miteinander verschmelzen, 2. daß sich die Markstränge miteinander

zu einem groben Netzwerke verbinden, 3. daß ebenso die Trabekel ein

zusammenhängendes Netzwerk bilden, 4. daß das Netz der Markstränge und

das der Trabekel ineinander greifen (Fig. 115, Orientierungsfigur),

5. daß die Lymphsinus mit Lymphozyten gefüllt sind, welche erst durch

besondere Methoden entfernt werden müssen. Auf diese Weise bilden

Sekundärknötchen, Markstränge und die Lymphozyten der Lymphsinus eine

weiche Substanz, die »Pulpa« (Parenchym der Lymphknoten) genannt worden

ist.

Die ~Blutgefäße~ der Lymphknoten treten teils an verschiedenen Stellen

der Oberfläche, größtenteils aber am Hilus ein. Die von der Oberfläche

eintretenden feinen Blutgefäße verteilen sich in der Kapsel und in

den gröberen Trabekeln, in deren Achse sie verlaufen. Die am Hilus

eintretende, größere Arterie teilt sich in mehrere Äste, die daselbst

von reichlicher entwickeltem Bindegewebe umgeben sind. Die Äste

verlaufen zum geringeren Teile in den Trabekeln weiter, zum größeren

Teile gelangen sie, die Lymphsinus durchsetzend, in die Markstränge

und von da in die Sekundärknötchen; an beiden Stellen lösen sich die

Blutgefäße in ein wohlentwickeltes Kapillarnetz auf, welches die zur

Bildung der Lymphozyten nötige Sauerstoffmenge liefert. Die Venen

treten am Hilus aus.

Die in die Achse der Sekundärknötchen eintretenden Arterien lösen

sich in gestreckte, nicht miteinander anastomosierende Kapillaren

auf, welche in ein am Rande des Knötchens gelegenes Maschenwerk

venöser Kapillaren übergehen, aus dem stärkere Venen entspringen.

Es liegen hier zum Teil ganz ähnliche Verhältnisse vor, wie bei

der Milz.

Die spärlichen ~Nerven~ der Lymphknoten sind teils markhaltige, teils

marklose Faserbündel, die im wesentlichen reich verästelte Geflechte um

die Blutgefäße bilden; auch in der Kapsel und in den Trabekeln, nicht

aber in den Knötchen sind Nerven gefunden worden.

Blutlymphknoten

(= Hämolymphdrüsen; rote Lymphdrüsen).

Als solche bezeichnet man den echten Lymphknoten im Bau sehr

ähnliche Organe, die sich dadurch unterscheiden, daß die den

Sinus echter Lymphknoten entsprechenden Räume Blut enthalten

(»Bluträume«). Die Blutgefäße verhalten sich (beim Schaf) gleich

denen der Milz; es finden sich auch Unterbrechungen der Blutbahn

(vgl. S. 192), so daß die Blutzellen frei in das Retikulum

des adenoiden Gewebes und von da in die Bluträume gelangen

können. Die Abfuhr erfolgt durch Vermittlung der Venenlakunen

(siehe Milz). Lymphgefäße fehlen in ausgeprägten Fällen (z. B.

beim Schaf), sind jedoch in anderen vorhanden. Eine Bildung

von Erythrozyten findet in den Blutlymphknoten nicht statt; im

Gegenteil, es gehen solche daselbst zugrunde. Beweis hierfür ist

die Anwesenheit von zerfallenden Erythrozyten, von Phagozyten,

die Erythrozyten (oder Trümmer solcher) und Pigmentschollen

enthalten.

Die Blutlymphknoten erzeugen wie die echten Lymphknoten,

mit denen sie durch mannigfache Übergänge verbunden sind,

Lymphozyten, die durch die Venen abgeführt werden. Über ihr

Vorkommen s. Technik Nr. 81, S. 200.

Neuerdings werden sie als Degenerationsformen echter Lymphknoten

aufgefaßt. Am häufigsten werden solche Blutlymphknoten in der

hinteren Bauchwand aufgefunden.

[Illustration: Fig. 116. Fig. 117.

Stück eines Schnittes durch die Ebendaher. 240mal vergrößert.

Marksubstanz eines Lymphknotens des

Rindes. In der oberen Hälfte sind die

Trabekel und Markstränge der Länge,

in der unteren Hälfte der Quere nach

durchschnitten. Beide bilden ein

zusammenhängendes Netzwerk. In den

Lymphsinus sieht man die feinen Fasern

des retikulären Bindegewebes, welches

zum Teil noch Leukozyten enthält;

Zeichnung bei wechselnder

Tubuseinstellung. 50mal vergrößert.

Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen, mit Einschluss der mikroskopischen Technik · 第 110 / 286 题