Die Gefäßbahn, die das Herz mit den Kapillarsystemen verbindet,
steht in ihren einzelnen Teilen unter ganz verschiedener,
funktioneller Beanspruchung. Die Anfangsteile des Arteriensystems
werden von dem durch die Herzkontraktion in rasche Bewegung
versetzten Blute durchströmt; sie brauchen deshalb dem Blute
keinen neuen Impuls zu geben. Mit der Zunahme der Entfernung
vom Herzen verlangsamt sich die Blutbewegung immer mehr infolge
des Widerstandes, der durch die zunehmende Verengerung des
sich immer mehr verzweigenden Gefäßsystems entsteht. Die
sogenannten mittleren Arterien besitzen deshalb, in peripherer
Richtung zunehmend, Muskeln, so daß sie durch Kontraktionen die
Blutgeschwindigkeit aktiv regulieren können.
[Illustration: Fig. 104.
Stücke kleiner Arterien des Menschen. 240mal vergrößert. ¡i¡ Kerne
der T. intima, die Konturen der Zellen selbst sind nicht zu sehen.
¡m¡ T. media, an den quergestellten Kernen der glatten Muskelfasern
kenntlich; ¡a¡ Kerne der T. externa. ¡A¡ Arterie. Einstellung auf die
Oberfläche. ¡B¡ Arterie, Einstellung auf das Lumen. Man sieht bei ¡m'¡
die Muskulariskerne von dem einen Pole her, im optischen Querschnitte.
¡C¡ Kleine Arterie kurz vor dem Übergange in Kapillaren: die T. media
besteht hier nur aus vereinzelten Muskelzellen. Technik Nr. 72, S. 198.]
Die Widerstandsfähigkeit der Wandung muß umgekehrt in der
Nähe des Herzens am bedeutendsten sein, weil hier stoßweise
ein intensiver Druck auf die Innenwand der großen Gefäße
ausgeübt wird. Die Wand der sogenannten ~großen Arterien~
ist deshalb vorzugsweise aus Stützgewebe zusammengesetzt, in
dem die elastischen Substanzen vorherrschen; hierdurch wird
die pulsatorische Blutbewegung auch einheitlicher gestaltet;
die Herzkontraktion stößt das Blut in die Anfangsteile des
Arteriensystems, dessen elastische Wände dadurch ausgedehnt
werden; die langsame Wirkung der elastischen Kraft treibt dann
das Blut in gleichmäßigem Strome in die mittleren Arterien weiter.
[Illustration: Fig. 105.
Gefäßepithel (-endothel) einer Mesenterialarterie eines Kaninchens.
Flächenbild, die Kerne sind hier nicht zu sehen. 250mal vergrößert.
Technik Nr. 73, S. 198.]
Aus diesen verschiedenen Aufgaben erklärt sich der Bau der
Arterienwandung. Bei allen Arterien wird die Epithelschichte durch
außen anschließende Schichten ergänzt, deren Grundlage Stützgewebe ist,
in dem die verschieden starke Ausbildung von Differenzierungsprodukten
die Leistungsfähigkeit und das Aussehen der Wandung ebenso bestimmen,
wie die wechselnde Anteilnahme von glatter Muskulatur.
Für alle ~kleinen~[95] und ~mittleren~[95] Arterien ist die Ausstattung
mit glatten Muskeln, die stets quer zur Längsachse des Gefäßrohres
angeordnet sind, das hervorstechendste Merkmal (Fig. 104), in den
großen Arterien spielt die Muskulatur gegenüber dem elastischen
Bindegewebe eine viel geringere Rolle.
[Illustration: Fig. 106.
Stücke zweier Querschnitte durch die gleiche Arterie und Vena ulnaris
des Menschen. 50mal vergr. Der obere Querschnitt zeigt Färbung der
elastischen Fasern nach Technik C, S. 35. Der untere Querschnitt ist
nach Technik 18, S. 42 behandelt. Die Media der Vene zeigt nur links
unten eine regelmäßige dünne Ringmuskulatur; aber sowohl oben wie
rechts ist die Muskulatur in Ring- und Längslage geteilt.]
Für die Beziehungen der glatten Muskelzellen zum Bindegewebe der
Gefäßwand gilt das allgemein hierfür Gesagte (s. S. 121).
Durch die Bildung einer Ringmuskelschichte ergibt sich eine natürliche
Einteilung der Arterienwandung in drei Schichten, deren mittlere
(~Tunica media~) eben die Ringmuskelschichte ist. Die nach innen von
dieser liegende Schichte (~T. intima~) besitzt als deutlichstes Merkmal
das bei den Kapillaren schon besprochene Epithel (Endothel) (Fig. 105);
mit der Größenzunahme der Gefäßwand grenzt sich aber zwischen Epithel
und Muskelschichte eine deutliche Lage ab, die aus einem eigenartig
differenzierten Stützgewebe besteht, das nach der Media zu eine
starke elastische Membran (~T. elastica interna~) bildet. Die Intima,
die in sich noch Netze feiner elastischer Fasern sowie abgeplattete
Zellen einschließt, legt sich bei der Kontraktion der Gefäßwand in
Längsfalten, woraus sich die Schlängelung der T. elastica interna und
des Epithels auf Arterienquerschnitten leicht erklären läßt (Fig. 106,
107).
[Illustration: Fig. 107.
Querschnitt einer Arterie der Submucosa des menschlichen Magens
mit vereinzelten Bündeln von Längsmuskeln in der Externa. 240mal
vergrößert. Technik wie Nr. 110, S. 289. Diese Methode läßt nichts von
den elastischen Fasern und von dem zwischen den Muskelfasern der Media
befindlichen Bindegewebe sehen.]
Der Dickenschwankung des Arterienrohres paßt sich das peripher von
der Muskelschichte liegende Bindegewebe an; kollagene wie elastische
Fasern verlaufen hier zumeist in der Längsrichtung des Gefäßrohres.
In vielen Fällen liegen in dem Bindegewebe dieser ~Tunica externa~
auch Muskelzellen, die in ihrem Verlaufe ebenfalls die Längsrichtung
bevorzugen. Die T. externa (auch Adventitia genannt) geht ohne scharfe
Grenze in das die Arterien tragende Bindegewebe über.
Man hat die Gefäßerweiterung auf eine Kontraktion der
Längsmuskeln in der T. externa, die Gefäßverengerung auf eine
Kontraktion der Ringmuskulatur zurückführen wollen. Das kann aber
nicht für alle Fälle zutreffen, weil Längsmuskeln nicht allen
Arterien zukommen.
An der inneren Grenze der Media kommen auch längsverlaufende
Muskelbündel vor; sie sind besonders in der A. subclavia stärker
entwickelt.
Bei den ~größeren~ unter den sogenannten ~mittleren~ Arterien nimmt
das Stützgewebe auch in der T. media einen immer größeren Raum ein,
wobei vor allem elastische Fasernetze und Membranen zwischen die
Muskelschichten abgelagert werden. Der Anteil beider Gewebe ist in den
einzelnen Arterien sehr verschieden.
So überwiegt in der A. coeliaca, femoralis und radialis das
Muskelgewebe, in der Carotis, Axillaris und Iliaca communis das
elastische Stützgewebe.
[Illustration: Fig. 108.
Stück eines Querschnittes der Brustaorta des Menschen. 80mal
vergrößert. Die Kerne der glatten Muskelfasern sind hier nicht zu
sehen. Technik Nr. 74, S. 198.]
Die T. externa ist ebenfalls dicker geworden. Stärkere elastische
Fasern befinden sich in besonders reichlicher Menge an der äußeren
Grenze der T. media und bilden an dieser Stelle bei vielen Arterien
eine eigene Lage, die als elastische Haut der Externa (T. elastica
externa) (Fig. 106) beschrieben worden ist.
Bei den Hirnarterien sind die elastischen Längsfasern der
Adventitia sehr gering entwickelt.
Bei den ~großen~ Arterien (Aorta, Pulmonalis) zeigt die Intima
kürzere, mehr der polygonalen Form sich nähernde Epithel- (Endothel-)
Zellen: dicht darunter liegen die schon bei den mittelstarken
Arterien vorkommenden, streifigen Bindesubstanzlagen, die auch hier
abgeplattete, sternförmige oder rundliche Zellen sowie elastische
Fasernetze einschließen. Diese Fasernetze sind um so dichter, je näher
sie der T. media liegen und gehen endlich in eine gefensterte Membran
über, welche der gefensterten, elastischen Innenhaut kleinerer und
mitteldicker Arterien entspricht. Die T. media der großen Arterien
ist durch reich entwickelte, die muskulösen Elemente an Menge
übertreffende, elastische Elemente charakterisiert. An Stelle dünner
Fasernetze finden sich hier entweder dichte Netze starker elastischer
Fasern oder gefensterte Häute, welche regelmäßig mit Schichten glatter
Muskelfasern abwechseln.
Die elastischen Häute finden sich schon bei den größeren
mitteldicken Arterien; besonders gut sind sie bei den Karotiden
ausgeprägt, die bezüglich ihres Baues den großen Arterien am
nächsten stehen.
Die elastischen Elemente haben wie die Muskelfasern einen zirkulären
Verlauf; schräg die Muskelschichten durchsetzende Fasern und
Häute stellen eine Verbindung aller elastischen Elemente der T.
media dar. Die Externa großer Arterien zeigt keine wesentlichen
Eigentümlichkeiten, sie unterscheidet sich nur wenig von derjenigen
mittelstarker Arterien. Eine elastische Haut der Externa fehlt. Glatte
Muskelfasern kommen an großen Arterien nur in der Externa von Tieren
vor.
Die hier getroffene Einteilung der Schichten der Arterienwand
entspricht dem bisherigen Gebrauche. Ein neuerer Vorschlag geht
dahin, als Intima einzig allein das Epithel-(Endothel-)rohr
zu betrachten, als Externa alles nach außen von der Elastica
externa, die selbst zur Media zu rechnen ist. Zwischen beiden
liegt die Media, deren Grenzlamellen Elastica externa und interna
darstellen. Die »streifigen Lagen« größerer Arterien sind zur
Media zu rechnen.