Die Wandung der Kapillaren besteht aus einer ganz dünnen
Zytoplasmaschichte, in der in regelmäßigen Abständen stark abgeflachte,
länglich geformte Zellkerne eingelagert sind. Durch Methoden,
die Zellgrenzen darstellen, lassen sich auch in der Kapillarwand
Liniensysteme erzeugen, die längliche Felder um jeden Zellkern
abgrenzen. Die Gestalt dieser Felder läßt sich am besten mit einer
an jedem Ende zugespitzten Stahlfeder vergleichen. Auch hier sind
aber zwischen den so abgegrenzten Kapillarepithelzellen (sogenannte
Endothelzellen) feine zytoplasmatische Verbindungsbrücken nachgewiesen,
was also beweist, daß dieses Epithel seinen plasmodialen Zusammenhang
bewahrt hat.
Der plasmodiale Zusammenhang der Epithelzellen in den
Gefäßwänden ist deutlicher in den Kapillarwänden der Leber, der
Choriokapillaris des Auges und der Nierenglomeruli ausgesprochen,
an welchen Stellen keine Zellgrenzen nachgewiesen werden konnten.
Das Kapillarensystem der Leber und der Nierenglomeruli dient
nicht nur der allgemeinen Aufgabe der Kapillaren, die Gewebe mit
Stoffen zu versorgen, sondern liegt hier an den hauptsächlichen
Exkretionsorten des Körpers; möglicherweise steht die
Besonderheit, die in dieser, seiner Zusammensetzung nachgewiesen
wurde, mit der oben beschriebenen Sonderaufgabe im Zusammenhang;
wir wissen darüber nichts Sicheres.
Deutliche Lücken (»Stomata«) zwischen den einzelnen kernhaltigen
Teilen der plasmodialen Epithelschichte der Gefäßwand bestehen
in den gewöhnlichen Kapillaren nicht; wandern Zellen durch die
Kapillarwand aus dem Blute in das Gewebe und umgekehrt, so
durchbrechen sie die zytoplasmatische Lage vorübergehend; solche
Lücken schließen sich aber unmittelbar nach dem Durchtritt der
Zellen. An manchen Stellen jedoch, besonders in der Milz, werden
größere Lücken in der Gefäßwand ständig beobachtet, wobei dann
der plasmodiale Zusammenhang der Gefäßepithelzellen besonders
deutlich zum Ausdruck kommt. Hier ist eben für einen regen
Durchtritt von Zellen in beiden Richtungen dauernd gesorgt.
(Näheres siehe bei Milz, S. 189).
[Illustration: Fig. 102.
Flächenbild eines Stückchens des Omentum majus eines 7 Tage alten
Kaninchens. 240mal vergrößert. ¡c¡ Blutkapillaren, teilweise noch
Blutkörperchen enthaltend, ¡s¡ Sprosse einer Kapillare in eine freie,
solide Spitze auslaufend, ¡i¡ junge Kapillare, schon größtenteils hohl,
bei ¡s'¡ noch solid, ¡k¡ Kerne des Bauchfellepithels. Technik Nr. 70,
S. 197.]
Überall liegen die Kapillaren in lockerem Bindegewebe, dessen Gefüge
unmittelbar mit der Kapillarwand in Verbindung steht.
Diese Tatsache erklärt sich aus der Entwicklung der Gefäße,
die ebenso wie alle Stützgewebe aus dem embryonalen Plasmodium
hervorgehen. Über die Einzelheiten dieses Vorganges sind die
Meinungen noch sehr geteilt. Wir schließen uns der Meinung
derjenigen an, die den Hohlraum der Gefäße als einen besonders
geformten Teil der flüssig bleibenden Interzellularsubstanz
betrachten. Die ihn begrenzenden Teile des Schwammes rücken
zusammen und formieren unter Beseitigung der interzellularen
Lücken die erste Gefäßwand.
Ein Teil der Forscher will die erste Entstehung von Blutgefäßen
auf engbegrenzte Bezirke der Embryonalanlage beschränken, und
glaubt, daß die übrigen Gewebe durch Einwandern von Gefäßen aus
den Gefäßbildungszonen vaskularisiert werden. Die Mehrzahl der
Autoren hält aber die lokale Entstehung der ersten Gefäße in
allen Teilen des Körpers für erwiesen.
[Illustration: Fig. 103.
Gefäßverzweigung im Omentum maius eines Kaninchens; Zusammenhang der
Kapillaren mit Arterien und Venen. 30mal vergrößert. Technik Nr. 71,
S. 198.]
Im postembryonalen Leben vollzieht sich allerdings, soviel wir
wissen, die Entwicklung neuer Kapillaren stets im Zusammenhange
mit schon vorhandenen Kapillaren. Von der Wand einer schon
fertigen Kapillare erhebt sich eine konische Zytoplasmamasse,
die mit breiter Basis der Kapillare aufsitzt und mit fein
zulaufender Spitze frei endigt. Solche noch blind endende
Kapillarsprossen können schon frühzeitig hohl werden; Blutzellen,
die dahineingeraten, gehen zugrunde, weil sie von der Zirkulation
und vom Gaswechsel ausgeschlossen sind, und zerfallen in kleine
Fragmente, welche irrtümlicherweise als Hämatoblasten erklärt
worden sind. Sie haben mit den wahren Erythroblasten (S. 160)
nichts zu tun. Im weiteren Verlaufe der Entwicklung vereinigt
sich diese Spitze mit einem anderen, ihr entgegenkommenden
Ausläufer, der auf gleiche Weise an einer anderen Stelle der
Kapillarwand entstanden ist. Diese anfangs solide Bildung wird
von der Kapillarwand aus hohl und die Wände des so entstandenen
Rohres differenzieren sich zu Epithel- (Endothel-)zellen.
In neuer Zeit mehren sich allerdings die Stimmen, die auch,
besonders bei Vorgängen entzündlicher Wundheilung, Kapillaren
frei aus dem Bildungsgewebe (plasmodialen Charakters) entstehen
lassen wollen.
An vielen Stellen ist nachgewiesen, daß die Kapillaren einmal enger ein
andermal weiter sind (die engsten Kapillaren lassen gerade noch ein
Blutkörperchen durch). Man hat die Kapillarwandung daher als kontraktil
bezeichnet; das würde auch erklären, daß alle Kapillaren unter dem
Einflusse des Nervensystems stehen. Überall werden die Kapillaren von
marklosen Nervenfasern umsponnen.
Ob die neuerdings aufgestellte Behauptung, daß auch die
Kapillaren noch von einzelnen verästelten Muskelfasern umfaßt
werden, richtig ist, muß weiteren Untersuchungen vorbehalten
werden.
Außerdem ist die dünne Kapillarwand aber sicher einer passiven Dehnung
fähig, wenn die Blutzufuhr vermehrt wird. Die Blutzufuhr regelt sich
je nach dem Stoffverbrauch in den verschiedenen Geweben und Organen.
Besonders auch unter dem Einfluß von lokalen Reizzuständen (Entzündung)
sehen wir die Blutfülle und damit die Weite der Kapillaren mächtig
zunehmen.
Die Anordnung der Kapillaren richtet sich ganz nach dem
durchschnittlichen Stoffwechselbedürfnis der Körperregionen. Die
Kapillaren teilen sich ohne Kaliberverminderung und bilden durch
Anastomosen mit Nachbarkapillaren Netze (Fig. 103), deren Maschenweite
sehr wechselnd ist. Die engmaschigsten Netze finden sich in
sezernierenden und resorbierenden Organen (z. B. Leber, Darm, Lunge);
weitmaschige Netze kommen vor z. B. in Muskeln, serösen Häuten, in den
Sinnesorganen. Umgekehrt verhält sich das Kaliber des Kapillarlumens;
die weitesten Kapillaren finden sich in der Leber, die engsten in der
Retina und in den Muskeln.
Alle Kapillarsysteme des menschlichen Körpers sind zwischen größere
Gefäßbahnen geschaltet, deren eine das Blut in das Kapillarsystem
hineinleitet, während eine andere in gleichem Maße Blut abfließen läßt
(s. Fig. 103). Zuführende Bahnen sind in den meisten Fällen Arterien,
in wenigen Fällen Venen; letztere sind in der Regel Bahnen, in denen
das Blut aus dem Kapillarsystem zum Herzen hinfließt.
Arterien führen das Blut vom Herzen fort, Venen in das Herz
hinein. Die wichtigsten Abweichungen von dem allgemeinen
Verhalten der Kapillarsysteme zu Arterien und Venen finden sich
1. in der Leber, deren Kapillaren zum größeren Teil von der
Pfortader, zum kleineren von der Leberarterie gespeist werden,
und 2. in der Niere, wo zwei Kapillarsysteme hintereinander
geschaltet sind, die durch eine kleine Arterie miteinander
verbunden werden (arterielle Wundernetze, s. unter Niere).
Das ~Glomus caroticum~ (»~Karotisdrüse~«) besteht im wesentlichen
aus Blutgefäßen. Die engmaschigen Kapillaren sind sehr ungleich
weit und von zahlreichen chromaffinen (siehe sympath. Ganglien)
Zellen umgeben, außerdem enthält das Glomus fibrillares
Bindegewebe, einzelne Ganglienzellen und ansehnliche Mengen
markhaltiger und markloser Nervenfasern. Das ~Glomus coccygeum~
(»~Steißdrüse~«) ist eine arterio-venöse Anastomose; seine
Kapillaren sind von einer mehrfachen Schicht epithelähnlicher
Zellen umgeben. Der Sympathikus ist am Aufbau der Steißdrüse
nicht beteiligt. Chromaffine Zellen fehlen. Die Bedeutung beider
Gebilde ist unbekannt.