V. Allgemeine Bemerkungen über Zellverbindungen.

Alle Gewebe bestehen aus Formbestandteilen, in denen wir Zytoplasma,

Zellkerne und Bildungsprodukte dieser Grundbestandteile aller lebenden

Materie wiederfinden. Man hat deshalb den Organismus der Metazoen als

einen Zellenstaat aufgefaßt, die Zelle als den Baustein bezeichnet,

der in unendlicher Variation im Aufbau aller Teile wiederkehrt und in

genetischer wie funktioneller Beziehung die Einheit darstellt, auf der

sich alles Leben aufbaut.

Diese Auffassung muß damit rechnen, daß in der Mehrzahl

der Fälle eine scharfe Begrenzung einzelner Zellen in den

Bestandteilen des Organismus nicht durchgeführt werden kann.

Wohl gibt es sogenannte freie Zellen (s. besonders das Blut),

aber die Mehrzahl der Zellen steht durch feinere Fortsätze mit

benachbarten in Verbindung; nur die gewöhnlichen Methoden, deren

wir uns bedienen, lassen oft solche Verbindungen nicht deutlich

hervortreten, so daß wir einen Zellkern mit einem ihn umgebenden

Zytoplasma als abgeschlossene Zelle ansehen auch dann, wenn das

Zytoplasma in Wirklichkeit durch eine Reihe von Strängen mit

benachbarten »Zellen« in Verbindung steht.

Wenn wir von einer Zusammensetzung der Gewebe aus Zellen sprechen, so

setzen wir dabei voraus, daß diese Zellen nicht räumlich voneinander

vollständig getrennte oder gar funktionell voneinander unabhängige

Gebilde sind. Es gehört vielmehr zur Bildung eines Gewebes, wie wir

heute wissen, gerade der Zusammenhang der Zellen untereinander, der nur

in bestimmten Fällen verloren geht.

Oft wird als die hauptsächliche Bedingung für den Zusammenhalt

der Zellen zu Geweben die Ausbildung von »Kittsubstanzen«,

also Interzellularsubstanzen betrachtet. Das ist aber

offenbar gerade bei denjenigen Geweben, bei denen Zellen

sehr dicht aneinandergeschlossen sind, nicht der Fall. Hier,

bei den Epithelien, werden die Zellen durch feine Fortsätze

aneinandergehalten, während wir die vermeintliche Kittsubstanz

als Spalten auffassen, in denen sich der zur Ernährung der Zellen

notwendige Gewebssaft bewegt.

Anders liegen in dieser Hinsicht die Dinge bei den sogenannten

Stützgeweben, wo Interzellularsubstanzen in verschiedenem Grade

für die Konsistenz des ganzen Gewebes charakteristisch sind. Auch

hier ist aber die Interzellularsubstanz nicht ein die zugehörigen

Zellen verbindender Kitt, sondern zum Teil völlig unabhängig von

den Zellen, eine für den Gesamtorganismus wichtige neue Bildung.

Demgemäß legen wir auf die zytoplasmatischen Zusammenhänge zwischen den

Zellen großen Wert, zumal wir von allen Geweben als Ausgangszustand

den Zellen~verband~ kennen. ~Primär~ miteinander in Verbindung

stehende Zellen bilden ein ~Plasmodium~[89]; dieser Zusammenhang ist

von der ersten Entwicklung aus der Eizelle her ableitbar; dabei können

im einzelnen die größten Unterschiede im Aussehen eines Plasmodiums

vorkommen. Bleibt nach einer Kernteilung die Zytoplasmateilung aus,

so entstehen große, vielkernige Zytoplasmagebilde (quergestreifte

Muskelfasern); findet eine Zytoplasmateilung statt, bleibt sie jedoch

unvollständig, so daß es zur Bildung von kürzeren oder längeren

Verbindungsfäden kommt, so haben wir den häufigsten Fall plasmodialer

Zusammenhänge.

Um den Formverschiedenheiten plasmodialer Gewebe gerecht zu

werden, könnte man die Weite der die Plasmodien durchsetzenden

Saftspalten zu einer Untereinteilung verwenden und unterscheiden:

1. Spaltenlose Plasmodien (Muskelfasern), 2. feinspaltige

Plasmodien (Epithel), 3. weitmaschige oder Schwammplasmodien

(Stützgewebe, Glia, Nervengewebe [?]).

Der Gegensatz zu dem Begriff Plasmodium ist die ~freie Zelle~, die

nach unserer Auffassung im Metazoenkörper ein sekundär erworbener

Zustand ist. Freie Zellen haben die Fähigkeit, sich in den flüssigen

Gewebesäften fortzubewegen. Am deutlichsten sind sie im Blute

ausgebildet. Alle freien Zellen haben sich sekundär aus Plasmodien

losgelöst.

Eine Loslösung einzelner Zellen kommt unter besonderen Reizen

auch dann vor, wenn wir im Normalzustand eines Gewebes nur den

plasmodialen Verband seiner Zellen finden. Solche Vorgänge kennen

wir z. B. vom Stützgewebe und der Glia im Nervensystem. Auch die

Abstoßung verbrauchter Epithelzellen, die dann durch neue ersetzt

werden, gehört hierher.

Freie Zellen können nach ihrer Loslösung entweder noch wichtige

Aufgaben erfüllen, wie wir das besonders vom Blute her kennen, oder sie

gehen rasch nach ihrer Ablösung aus dem plasmodialen Verbande zugrunde.

In einer Reihe von Geweben ist der Nachweis erbracht, daß die

Zellen in der Regel zu einem Plasmodium verbunden sind; so

im Epithelgewebe, unter den Stützgeweben beim embryonalen,

gallertigen, retikulären Bindegewebe und dem Knochengewebe,

während dieser Nachweis für das lockere Bindegewebe, sowie für

das Sehnengewebe noch aussteht. Ebenso ist es zweifelhaft, ob

die glatten Muskelzellen plasmodial verbunden sind, während

ein solcher Zusammenhang für das Herzmuskel- und in bestimmter

Weise auch für das Skelettmuskelgewebe unzweifelhaft ist. Das

Gliagewebe ist ein typisches Plasmodium, für das Nervengewebe ist

der plasmodiale Verband wahrscheinlich.

Die in den meisten Geweben durchgeführte Einteilung in Zellen ist

also unvollständig und nicht in dem Sinne zu verstehen, daß dadurch

vollständig selbständige Einzelindividuen geschaffen werden.

Es erscheint vielmehr berechtigt, anzunehmen, daß der mit den

Lebensvorgängen einhergehende Stoffwechsel eine Oberflächenvergrößerung

notwendig macht; diese ist in der vielfältigen Einteilung

zytoplasmatischer Massen gegeben. Jeder Zellkern bildet dann mit dem

ihn umgebenden Zytoplasma ein Stoffwechselzentrum, das von Gewebssaft

reichlich umspült ist.

Hierbei erklärt es sich auch, daß oft zwei- und mehrkernige

»Zellen« vorkommen. Gewöhnlich steht die Größe der vorhandenen

Kernsubstanz und die zugehörige Zytoplasmamenge in einem

bestimmten Verhältnis zueinander (Kern-Plasma-Relation).

Die Zelle spielt also weniger die Rolle einer selbständigen

Lebenseinheit, eines Bauelementes, als daß sie einem Kernbereich

der die Gewebe aufbauenden zytoplasmatischen Substanz entspricht.

Unter den verschiedensten Umständen können die Grenzen zwischen

vorher getrennten (wenn auch plasmodial verbundenen) Zellen sekundär

verschwinden; dann werden eine größere Reihe von vorher abgetrennten

Kernbereichen zu größeren Zytoplasmaklumpen vereinigt, in denen dann

zahlreiche Kerne darin liegen. Solche Bildungen bezeichnen wir als

~Synzytium~. Diese sind also gegenüber Plasmodien nur dadurch zu

unterscheiden, daß ihnen eine Stufe vorausging, in der die einzelnen

Kernbereiche als selbständige Stoffwechselzentra anzusehen waren.

Als Synzytien in diesem Sinne bezeichnen wir z. B. die

Osteoklasten (siehe Knochenentwicklung), das Synzytium des

Trophoblastes in der Plazenta, ferner zahlreiche besonders unter

pathologischen Bedingungen auftretende Bildungen.

Welches die Ursachen für die Bildung von Synzytien sind, übersehen wir

nicht.

Die ursprüngliche, genetische Zusammengehörigkeit der verschiedenen

Gewebearten kommt vielfach in der innigen Verbindung zum Ausdruck,

in der auch im ausgebildeten Zustande die Bestandteile verschiedener

Gewebe miteinander stehen. Teils sind es Interzellularsubstanzen, teils

zytoplasmatische Zusammenhänge, die den Zusammenhalt gewährleisten.

Zwei Beispiele: Im System des Bewegungsapparates stehen folgende

Gewebearten in untrennbar fester Verbindung miteinander: die

Muskelfaser mit der Sehne, diese durch das Bindegewebe des

Periostes mit dem Knochen; die Muskelfaser steht endlich mit der

Endigung des sie innervierenden Nerven in inniger Verbindung.

Viele Epithelzellen stehen zwar nur durch interzellulare

Bildungen mit dem Bindegewebe in Verbindung, bei anderen sind

aber plasmodiale Verbindungen mit Bindegewebszellen nachgewiesen.

Die innige Verbindung der einzelnen Gewebe untereinander, das

Charakteristische der hierdurch ermöglichten Leistungen ist bei der

Besprechung der einzelnen Gewebearten schon teilweise betont worden,

zum Teil kommt es bei der Schilderung der Organzusammensetzung zum

Ausdruck.

Definitionen und Winke zur Erkennung von Geweben.

Die nachfolgenden, den Bedürfnissen des Anfängers dienenden

Sätze sollen die Diagnose in Schnittpräparaten erleichtern,

die nach einer der üblichen Methoden (Kern- und einfache

Zytoplasmafärbung) gefärbt sind.

I. ~Epithelgewebe~: Lage an einer freien Oberfläche, basale Begrenzung

durch Bindegewebe, relativer Kernreichtum.

~Drüsengewebe~: Zytoplasmareiche, zu Kugeln, Röhren, Strängen

oder Säcken mit oder ohne Lumen angeordnete Epithelien.

Bindegewebe spärlich, aber gefäßreich.

Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen, mit Einschluss der mikroskopischen Technik · 第 99 / 286 题