Sämtliche Nervenfasern sind Fortsätze von Nervenzellen; man bezeichnet
aber als Nervenfasern nur die langen Fortsätze der Nervenzellen.
Viele Nervenzellen haben dementsprechend nur eine ihnen
zugehörige Nervenfaser; dies sind z. B. die meisten im zentralen
Nervensystem gelegenen Zellen des multipolaren Typus. Andere,
wie z. B. die Zellen der Spinalganglien haben zwei zugehörige
Nervenfasern, von denen die eine aus der Peripherie eine Erregung
nach der Zelle, die andere die Erregung aus der Zelle in das
zentrale Nervensystem überleitet (s. auch S. 139).
Die Länge der Nervensubstanzstrecke, die wir als Nervenfaser
bezeichnen, richtet sich nach der Entfernung zwischen dem Sitz der
zugehörigen Nervenzelle und der Endaufsplitterung. Die Nervenfasern,
die Teile des Fußes mit dem Rückenmarke zu verbinden haben, erreichen
etwa die Länge eines Meters.
Alle Nervenfasern sind in ihrer ganzen Ausdehnung von Neuroglia
begleitet, die die nervöse Substanz umscheidet und vom Bindegewebe
isoliert.
Die so gebildeten Hüllen sind sehr verschieden kompliziert gebaut,
auch bieten sie ein verschiedenartiges Aussehen dar, je nachdem
sie innerhalb des zentralen Nervensystems oder außerhalb desselben
verlaufen. In dieser Hinsicht kommen alle Möglichkeiten vor. Die
Nervenfasern können ganz oder teilweise im zentralen, ganz oder
teilweise im peripheren Nervensystem verlaufen. Im zentralen
Nervensystem bildet die Gesamtmasse der Fasern die sogenannte weiße
Substanz. Von einer Nervenfaser, die sowohl dem zentralen wie dem
peripheren Nervensystem angehört, bezeichnen wir das zentrale
Stück ebenso wie eine ganz im Zentralnervensystem verbleibende
Nervenfaser als ~zentrale Nervenfaser~, dagegen den das Zentralorgan
überschreitenden Abschnitt als ~periphere Nervenfaser~. Die peripheren
Nervenfasern sammeln sich zu den peripheren Nerven (s. Organe des
Nervensystems).
Die ~nervöse Substanz~ bildet in der Nervenfaser den ~Achsenzylinder~;
eine weiche, sehr wasserreiche Substanz, das sogenannte ~Neuroplasma~
(Axoplasma), in dem feinste ~Fibrillen~ verlaufen (s. Fig. 83 und
94). Das Axoplasma der Nervenfaser enthält, wie das Zytoplasma der
Nervenzelle, Neurosomen.
Die Fibrillen bilden nach den einen Autoren langgestreckte Netze,
nach anderen sind derartige Bilder auf Überschneidungen der
Fibrillen zurückzuführen.
Während wir bei den meisten Nervenzellen am Bau und der
Verzweigungsart der Fortsätze die Leitungsrichtung (d. h.
Dendriten und Neuriten) unterscheiden können, ist dies bei
dem Achsenzylinder der Nervenfasern nicht möglich. Wir können
sensible und motorische Nerven morphologisch nicht unterscheiden.
In nicht sehr gut fixierten Präparaten schrumpft der
Achsenzylinder zu einem dünnen Strange zusammen, so daß er durch
eine relativ weite Spalte von der ihn umgebenden Hülle getrennt
scheint (das kommt besonders oft bei Querschnitten durch Nerven
zur Beobachtung).
Der Achsenzylinder ist die unmittelbare Fortsetzung eines Neuriten
(bei den Spinalganglienzellen auch des Dendriten) von Nervenzellen und
endigt im zentralen Nervensystem in sehr verschiedener Weise in der
Umgebung anderer Ganglienzellen, in der Peripherie in noch gesteigerter
Mannigfaltigkeit als sensible oder motorische Nervenendigung (s. Organe
des Nervensystems) an den Endorganen.
In diese Endigungen setzen sich sowohl das Neuroplasma wie die
Fibrillen fort.
Während sich also bezüglich der nervösen Substanz ein Unterschied
zwischen peripherer und zentraler Nervenfaser nicht feststellen läßt,
zeigt sich die ~gliöse Substanz~ in beiden Fällen morphologisch, aber
nicht prinzipiell verschieden. Der Achsenzylinder der ~zentralen~
Nervenfaser ist in das Zytoplasma des allgemeinen Gliaplasmodiums
eingebettet, in das er in frühen Entwicklungsstadien eingewandert ist.
In diesem Zustande finden wir ihn beim Neugeborenen und auf kurze
Strecken (bei kurzen Neuriten, am Ursprunge aus den Zellen) beim
Erwachsenen.
Solche zentrale Nervenfasern hat man bisher vielfach als »nackt«
bezeichnet, weil man die Gliaumhüllung nicht zur Nervenfaser
rechnete. Da aber (s. u.) die ~Schwann~sche Scheide der
peripheren Nervenfaser nichts anderes ist als eine Gliahülle,
so ist die Bezeichnung jener nur scheinbar hüllenlosen, in
Wirklichkeit aber überall von Glia umgebenen Faserstrecken im
Zentralorgan als »nackt« irreführend.
Die gliöse Hülle macht sich in der zentralen Faser erst deutlich
bemerkbar, wenn, was bei fast allen längeren zentralen Nervenfasern
der Fall ist, in ihr rings um den Achsenzylinder herum eine Masse
eingelagert ist, die als ~Nervenmark~ (Myelin) bezeichnet wird. Diese
Einlagerung kann verschieden stark ausgebildet sein, im allgemeinen
besitzen aber die längsten Achsenzylinder auch den breitesten
Markmantel, den man auch als besondere ~Markscheide~ zu bezeichnen
pflegt.
Ebenso wie bei den zentralen unterscheiden wir auch unter den
~peripheren~ Nervenfasern marklose und markhaltige; auch hier hängt die
Zusammensetzung der Hülle von dem Zustande der gliösen Substanz ab, die
wir als ~Neurilemm~[86] (~Schwann~sche Scheide) bezeichnen.
Bei der ~marklosen~ peripheren Nervenfaser bildet das Neurilemm eine
dünne Scheide um den Achsenzylinder, wobei die zytoplasmatische
Substanz nur in der Umgebung des länglichen platten Zellkernes
deutlich erkennbar ist, während gegen das (im Gegensatz zur zentralen
Nervenfaser jede einzelne periphere Nervenfaser umgebende) Bindegewebe
eine strukturlose Hülle den Abschluß sichert. Diese Hülle darf mit den
Gliagrenzhäuten im Zentralnervensystem verglichen werden.
Die Zytoplasmaansammlung um den platten Kern wird auch als
~Schwannsche Zelle~ bezeichnet; diese Zellen stehen aber
untereinander in plasmodialem Zusammenhange.
In der ~markhaltigen~ peripheren Nervenfaser ist es wiederum das gliöse
Gewebe, das durch seinen Markgehalt die kompliziertere Zusammensetzung
der Hülle hervorruft. Man unterscheidet dann an der peripheren
Nervenfaser 1. Neurilemm, 2. Markscheide; besser und einfacher wäre es,
von einem markhaltigen Neurilemm zu sprechen. Der den Zellkern führende
Zytoplasmarest der Hüllzelle liegt dem Myelin stets außen an. Der
membranige Abschluß gegen das Bindegewebe ist ebenso ausgebildet wie
bei der marklosen Faser.
Wenn man die markhaltigen, in der weißen Substanz des zentralen
Nervensystems verlaufenden Nervenfasern als »markhaltig, aber
ohne Neurilemm« bezeichnet, so hat dies keine durchgreifende
Bedeutung. Die zentrale Glia bildet offenbar nur deswegen keine
geschlossenen Scheiden um jede Nervenfaser, weil im zentralen
Nervensystem der Abschluß gegen das Bindegewebe durch die
Gliagrenzhäute gebildet wird (s. S. 142).
[Illustration: Fig. 93.
Zupfpräparat des N. sympath. vom Kaninchen. 280mal vergr. Technik
Nr. 56, S. 149.]
Der feinere Bau der markhaltigen Hülle erklärt sich aus der Entwicklung
der Nervenfasern.
Nach der heute wohl allgemein angenommenen Ansicht entstehen
die Nervenfasern durch Auswachsen aus den Nervenzellen; dieser
Vorgang beginnt schon in sehr früher embryonaler Zeit, wo die
relativ einfache Zusammensetzung des Embryonalkörpers und
seine geringe Größe es bewirkt, daß auch die der Peripherie
zustrebenden Nervenfasern den Weg zu den zu innervierenden
Geweben leicht finden.
Mit den Neuriten wandern auch Gliabestandteile aus und werden
zu den Hüllzellen der Nervenfasern. Aus ihnen bilden sich bei
marklosen Nervenfasern das Neurilemm (~Schwann~sche Scheide), bei
markhaltigen Nervenfasern ein markhaltiges Neurilemm dadurch, daß
die Gliazellen in ihrem Zytoplasma, angeblich unter Mitwirkung
von Plastosomen, Myelin bilden.
Jeder Bezirk der Hülle, zu dem ein Gliakern gehört, bildet einen,
von den benachbarten Teilen der Nervenfaser deutlich abgegrenzten
Abschnitt. Die Grenze wird durch die sogenannten Schnürringe
(~Ranvier~) gebildet (Fig. 94, 95, 96); an diesen Stellen fehlt
rings um den Achsenzylinder das Myelin, während die zytoplasmatische
Gliasubstanz auch hier eine Grenze nach dem Bindegewebe bildet und
gleichzeitig die Verbindung mit dem nächsten Segment herstellt. Wenn
man auch die gliöse Hülle zwischen zwei Schnürringen als eine Einheit
betrachten kann, so ist es doch wieder bemerkenswert, daß diese
Einheiten nicht unabhängig voneinander sind, sondern in plasmodialem
Zusammenhange stehen.
[Illustration: Fig. 94.
Stück einer markhaltigen Nervenfaser, schematisch. Lage der
»Schwannschen Zelle«, des Myelins, ~Ranvier~sche Einschnürung.]
Die zentrale Faser besitzt keine ~Ranvier~schen Einschnürungen,
doch sind auch hier Bildungen beschrieben worden, die denselben
vielleicht analog sind (gliöse Schnürringe).
An den Stellen der ~Ranvier~schen Einschnürungen dringt
Silbernitrat besonders leicht in das Axoplasma ein und wird durch
Reduktion zu metallischem Silber niedergeschlagen, wodurch sich
kreuzförmige Figuren bilden (Fig. 95). Man nimmt an, daß auch
Nahrungssubstanzen an diesen Stellen leichter eindringen können
als in den markhaltigen Teilen der Nervenfaser.
Das ~Myelin~ steht in manchen Eigenschaften dem Fett nahe und wird
deshalb zu den lipoiden Substanzen gerechnet. Durch seine starke
Lichtbrechung erscheinen markhaltige Nervenfasern im frischen Präparate
als vollkommen gleichartige, mattglänzende, zylindrische Fäden.
Das im Leben ganz homogene Mark erfährt im Absterben, auch beim
Zusatz verschiedener Reagenzien, eine teilweise Umwandlung;
anfangs wird die Nervenfaser doppelt konturiert, später gestaltet
sich das Mark zu eigentümlich kuglig zusammengeballten Massen
(Fig. 96, 10).
Entfernt man durch Reagenzien das Myelin aus der Nervenhülle,
so bleibt häufig eine schwammartige Gerüstsubstanz in der Hülle
zurück, die vorher nicht sichtbar war, das ~Neurokeratingerüst~.
Dieses wird von manchen Autoren als eine zytoplasmatische
Stützsubstanz, von anderen als Kunstprodukt angesehen.
[Illustration: Fig. 95.
Markhaltige Nervenfaser des Frosches mit Höllensteinlösung behandelt.
560mal vergrößert. Technik Nr. 61, S. 150.]
Sowohl an frischen als in bestimmter Weise fixierten markhaltigen
Nervenfasern erkennt man, daß der Markmantel auch zwischen
zwei Schnürringen nicht einheitlich ist, sondern in etwas
unregelmäßigen Abschnitten durch schräge trichterartige Spalten
(~Lantermann~sche Einkerbungen) in (»zylindrokonische«) Segmente
geteilt wird (Fig. 95). Diese Gebilde werden von vielen Autoren
als Kunstprodukte betrachtet, die sehr rasch auch im frischen
Präparate auftreten; es ist aber wichtig, darauf hinzuweisen,
daß sie nur an peripheren nicht auch an zentralen markhaltigen
Nervenfasern beobachtet werden.
[Illustration: Fig. 96.
Markhaltige Nervenfasern aus dem N. ischiadicus des Frosches. 280mal
vergr. 1. Normaler, 2. geschrumpfter, 3. geschlängelter Achsenzylinder.
4. Stelle eines Schnürringes. 5. Neurilemm mit Kern. Technik Nr. 54,
S. 149. 6, 7, 8 und 9 frische Markscheiden, 10. durch Absterben
veränderte Markscheide. ¡r¡ Schnürring, ¡l¡ Lantermannsche Einkerbungen,
¡i¡ zylindrokonisches Segment. Technik Nr. 57 u. 58, S. 149.]
Offenbar derselbe Vorgang, dem wir bei der Entwicklung
begegnet sind, wiederholt sich bei der ~Regeneration~ eines
peripheren Nerven. Nur vom zentralen, d. h. mit der Nervenzelle
zusammenhängenden Stumpf einer durchtrennten Nervenfaser kann ein
neuer Achsenzylinder verwachsen. Im peripheren Stumpf geht der
Achsenzylinder in seiner ganzen Länge zugrunde, die gliöse Hülle
bleibt dagegen wie auch bei ähnlichen Vorgängen im Zentralorgan
(s. S. 142) erhalten; die ~Schwann~schen Zellen wuchern,
beteiligen sich zuerst am Abbau der Zerfallsmassen und legen sich
dann zu Zellbändern zusammen, in welche nun vom zentralen Stumpf
aus der junge Achsenzylinder eindringt und in dieser Leitbahn bis
zur Endaufsplitterung verwächst. Durch Aufnahme von Myelin bilden
die ~Schwann~schen Zellen endlich eine neue markhaltige Hülle.
Über die Bedeutung der Markbildung für die Funktion der Nervenfasern
wissen wir wenig. In vielen Fällen ist beobachtet, daß bestimmte
Nervenfasern erst funktionsreif werden, wenn die Hülle markhaltig
wird (sogenannte Markreifung). Es darf angenommen werden, daß die
Markbildung einen erhöhten Schutz für das reizleitende Zytoplasma
gegen die Einwirkung reizauslösender Substanzen aus dem Säftestrom des
Bindegewebes darstellt.
Über die Beziehungen der zentralen und peripheren Teile des
Nervensystems zum Bindegewebe und zum Blutkreislauf s. bei Organe des
Nervensystems.
~Technik.~
Nr. 50. ~Ganglienzellen~, frisch. Man zerzupfe ein Stückchen des
Ganglion Gasseri in einem Tropfen Kochsalzlösung und färbe unter
dem Deckglas (S. 47) 2 Minuten mit Pikrokarmin. Die Fortsätze der
Zellen reißen meist ab (Fig. 84, _{3}).
Ebenso kann man Ganglienzellen der Groß- und Kleinhirnrinde
erhalten, nur gehen ebenfalls die Fortsätze leicht verloren.
Nr. 51. ~Multipolare Ganglienzellen des Rückenmarkes.~ Man
befreie frisches Rückenmark mit der Schere so gut als möglich
von der weißen Substanz und lege den grauen Rest in 1-2 cm
langen Stücken in eine sehr verdünnte Chromsäurelösung (1 ccm
der 0,5%igen Lösung [S. 5] zu 50 ccm destilliertes Wasser). Nach
ca. 1-1/2-8 Tagen (die Zeit wechselt sehr je nach der äußeren
Temperatur) ist das Rückenmark zu einer weißen Masse mazeriert,
die mit einem Spatel vorsichtig auf 10-20 Stunden in 20 ccm
neutrale Karminlösung[87] gebracht wird. Dann wird die Masse
in ca. 50 ccm destilliertes Wasser übertragen, um einen Teil
der Farbe auszuwaschen und nach ca. 5 Minuten in dünner Schicht
auf einem trockenen Objektträger mit Nadeln ausgebreitet. Man
kann jetzt schon bei einiger Übung die Ganglienzellen an ihren
lebhaft rot gefärbten Kernen unterscheiden, vom Zellkörper und
den Fortsätzen ist noch nichts zu sehen. Nun lasse man die
Schicht vollständig trocknen und bedecke sie dann direkt mit
einem Deckglase, an dessen Unterseite ein Tropfen Xylolbalsam
aufgehängt ist (Fig. 84, _{4}).
Nr. 52. ~Nißl-Körper.~ Man fixiert Stücke von Gehirn oder
Rückenmark in reichlich bemessenem 96%igem Alkohol (die Präparate
auf Watte legen), den man am ersten Tage einmal, dann alle 2 Tage
wechselt. Einbetten nach 4-5 Tagen in Zelloidin (s. S. 23).
Färbung: 1. Aq. dest.
2. 0,1%ige wässerige Toluidinblaulösung 1/2-1 Stunde
3. Aq. dest. 15 Minuten.
4. Alk. 70%ig.
5. Alk. 96%ig, hier so lange differenzieren,
bis keine Farbwolken mehr abgehen.
6. kurz Alk. absol.
7. Xylol.
Da ein längerer Aufenthalt in Xylol der Färbung schädlich ist,
muß man möglichst schnell in Xylolbalsam (§ 10, 3, S. 45)
konservieren.
Nr. 53. ~Trophospongium-Kanälchen~ der Ganglienzellen.
Spinalganglien der Katze fixiere man mit Sublimat-Pikrinsäure
(S. 16). Die ~feinen~ Mikrotomschnitte werden mit Heidenhains
Eisenhämatoxylin gefärbt (S. 40) und sind mit Immersionslinsen zu
betrachten (Fig. 87).
Nr. 54. Zur Darstellung des »Apparato reticulare« lege man
kleine Objekte (zwei, drei Spinalganglien) von frisch getöteten
Kaninchen oder Meerschweinchen in 3 ccm einer 2%igen Lösung von
Osmiumsäure. Das ins Dunkle gestellte Glas muß öfter geschüttelt,
die Flüssigkeit nach 4 Tagen gewechselt werden. Nach 8-12 Tagen
werden die Stückchen gewässert (11, S. 17), schnell ~gehärtet~
(siehe S. 18) und mit dem Mikrotom in feine (5-7 µ dicke)
Schnitte zerlegt. Suchen bei starker Vergrößerung (Fig. 88).
Nr. 55. Holzers Gliamethode, s. Zeitschrift für die ges. Neurol.
und Psychiatrie Bd. LXIX. S. 354-363.
Nr. 56. ~Marklose Nervenfasern.~ N. vagus eines Kaninchens
wird trocken (Nr. 57) zerzupft, dann mit einigen Tropfen einer
1/2%igen Osmiumlösung bedeckt; nach 5-10 Minuten sind die
markhaltigen Nerven geschwärzt (man überzeuge sich davon bei
schwacher Vergrößerung). Nun lasse man die Osmiumlösung ablaufen
und bringe statt deren einige Tropfen destillierten Wassers
darauf, das nach 5 Minuten durch neues Wasser ersetzt wird. Nach
abermals 5 Minuten gieße man das Wasser ab, setze einige Tropfen
Pikrokarmin auf das Präparat, bedecke es mit einem Deckglase
und bringe es auf 24-48 Stunden in die feuchte Kammer; dann
verdränge man das Pikrokarmin durch angesäuertes Glyzerin[88] (S.
48). Bei starker Vergrößerung sieht man die markhaltigen Nerven
blauschwarz, die marklosen sind blaßgrau, fein längsgestreift.
Noch zahlreichere marklose Nervenfasern liefert die gleiche
Behandlung des Sympathikus. Nur ist dieser Nerv etwas schwerer
aufzufinden. Es empfiehlt sich, das große Zungenbeinhorn, sowie
den Nerv. hypoglossus zu durchschneiden und auf die andere Seite
zu drängen; hinter dem N. vagus findet man den Sympathikus, der
an seinem 3-4 mm großen länglichovalen, gelblich durchscheinenden
Ganglion cervicale supremum erkennbar ist. Zerzupft man das dicht
unter dem Ganglion befindliche Stück, so erhält man die meist
zweikernigen Ganglienzellen; es ist sehr schwer, letztere so
zu isolieren, daß die von ihnen ausgehenden Fortsätze deutlich
sichtbar werden.
Nr. 57. ~Frische markhaltige Nervenfasern.~ Man lege den N.
ischiadicus eines eben getöteten Frosches bloß, schneide
denselben unten in der Kniekehle und ca. 1 cm höher oben mit
einer feinen Schere durch und zerzupfe auf dem trockenen
Objektträger ohne Zusatz, bei »halber Eintrocknung«. Indem man
am ~unteren~ Ende des Nerven die Nadel ansetzt, spannt sich beim
Auseinanderziehen ein glänzendes Häutchen zwischen den etwa zur
Hälfte der Länge auseinandergezogenen Nervenbündeln, das nun mit
einem Tropfen Kochsalzlösung oder mit Osmiumlösung nach Technik
Nr. 56 und einem Deckglase bedeckt wird. Das Häutchen enthält
zahlreiche, genügend isolierte Nervenfasern. Die Manipulation
muß sehr schnell (in ca. 15 Sekunden) vorgenommen werden, damit
die Nervenfasern nicht eintrocknen. Man halte sich nicht mit dem
Isolieren in einzelne Bündel auf. Resultat Fig. 95, _{6}, _{7},
_{8}, _{9}.
Nr. 58. ~Veränderungen der Markscheide.~ Man lasse zu Präparat
Nr. 57 einen Tropfen Wasser vom Rande des Deckglases zufließen.
Schon nach einer Minute tritt die Bildung der Marktropfen ein
(Fig. 95, _{10}).
Nr. 59. ~Achsenzylinder.~ Trocken zerzupfen (wie Nr. 57) und --
ohne Benutzung des Wärmeschrankes -- färben mit Methylenblau
(S. 36); zuerst färben sich die Schnürringe, die oft so dunkel
werden, daß man den Achsenzylinder dort nicht erkennen kann (Fig.
95, _{4}). Viele Achsenzylinder schrumpfen rasch und verschieben
sich in der Markscheide (_{2}), andere ziehen sich zu stark
geschlängelten Bändern zusammen (_{3}).
Nr. 60. ~Darstellung der Achsenzylinder mit karminsaurem
Natron.~ Man lege den Nervus ischiadicus eines frisch getöteten
Kaninchens, ~ohne ihn zu berühren~, bloß; dann wird ein
Streichhölzchen parallel der Längsachse unter den Nerven
geschoben, der Nerv vermittels Ligaturen an das obere und untere
Ende des Stäbchens befestigt; dann erst wird der Nerv jenseits
der Ligaturen durchschnitten und endlich mit dem Hölzchen
eingelegt
a) in 100 ccm Müllersche Flüssigkeit (s. S. 15) 4 Wochen,
dann werden die Ligaturen durchschnitten, ein
0,5-1 cm langes Stückchen abgeschnitten und in
feine Bündel (nicht in Fasern) zerzupft.
Die Bündel kommen
b) direkt in karminsaures Natron (S. 9) 4-5 Tage,
werden dann
c) in 80%igem Alkohol abgespült 5 Minuten,
dann
d) in absolutem Alkohol gehärtet (S. 17). Dann werden die Bündel
in Karbolxylol fein zerzupft und in Xylolbalsam konserviert.
Die Schnürringe sind nicht so deutlich wie am frischen und am
Osmiumpräparat, sondern nur als feine Querlinien zu erkennen. Die
etwas geschrumpften Achsenzylinder und die Kerne sind schön rot
gefärbt. Nicht selten verschiebt sich der Achsenzylinder, so daß
die bikonische Anschwellung nicht mehr am Schnürringe, sondern
darüber oder darunter liegt.
Nr. 61. ~Schnürring, Achsenzylinder.~ Vorbereitung: 10 ccm der
1%igen Lösung von Argent. nitr. sind zu 20 ccm destilliertem
Wasser zu gießen. Nun töte man einen Frosch, eröffne durch
einen Kreuzschnitt die Bauchhöhle, präpariere sämtliche
Eingeweide heraus, so daß die an der Seite der Wirbelsäule
herabsteigenden Nerven sichtbar werden. Dann spüle man durch
Aufgießen destillierten Wassers die Bauchhöhle aus und gieße,
nachdem das Wasser abgelaufen ist, etwa 1/3 der Höllensteinlösung
auf die Nerven. Nach 2 Minuten schneide man die feinen Nerven
vorsichtig heraus und lege sie auf ca. 1/2 Stunde in den Rest
der Höllensteinlösung. Ins Dunkle stellen! Dann übertrage man
die Nerven in ca. 10 ccm destilliertes Wasser, wo sie 1-24
Stunden verweilen können. Betrachtet man alsdann den Nerven in
einem Tropfen Wasser, so erkennt man bei schwacher Vergrößerung
die aus platten Zellen bestehenden Häutchen (s. »zerebrospinale
Nerven«) und zahlreiche Pigmentzellen; oft liegt noch ein
Blutgefäß dem Nerven an. Nun zerzupfe man den Nerven, bedecke
ihn dann mit einem Deckglase und setze an den Rand desselben
einen kleinen Tropfen dünnen Glyzerins. Untersucht man bei
starker Vergrößerung, so wird man im Anfang wenig von gefärbten
Schnürringen und Achsenzylindern sehen, läßt man aber das
Präparat einige Stunden im Tageslichte liegen (im Sonnenlichte
nur wenige Minuten), so tritt die Schwärzung der genannten
Teile ein. Dem Ungeübten wird es im Anfang schwer fallen, die
bikonischen Anschwellungen, die durch das Zerzupfen oft weit vom
Schnürringe vorgeschoben worden sind, zu erkennen; bei einiger
Übung sieht man leicht Bilder, wie sie Fig. 96 zeigt.