a) ~Embryonales Bindegewebe~: Weitmaschiges Plasmodium, weiche
strukturlose Interzellularsubstanz.
b) ~Gallertgewebe~: Weitmaschiges Plasmodium, gallertige
Interzellularsubstanz mit kollagenen Fibrillenbündeln.
c) ~Retikuläres Gewebe~: Plasmodial verbundene Zellen mit eingelagerten
Stützfibrillen; dazwischen Hohlräume, die mit freien Zellen (meist
Lymphozyten) angefüllt sind.
d) ~Lockeres Bindegewebe~: Außer den (plasmodial verbundenen)
Fibroblasten freie Zellen (ruhende Wanderzellen, Plasmazellen,
Mastzellen, Leukozyten), reichliche kollagene Fibrillenbündel,
elastische Fasern.
e) ~Fettgewebe~: Lockeres Bindegewebe mit eingelagerten Fettzellen (die
letzteren als inhaltlose Blasen mit wandständigen Kernen in allen in
Kanadabalsam eingebetteten Präparaten).
f) ~Pigmentgewebe~: Bindegewebe mit eingelagerten plasmodial
verbundenen Pigmentzellen.
g) ~Sehnengewebe~: Streng parallel geordnete
Bindegewebsfibrillenbündel, dazwischen zu Längsreihen gestellt die
Sehnenzellen mit ihren spindeligen Kernen.
h) ~Knorpelgewebe~: Zellen im Innern der scharf begrenzten
Knorpelhöhlen oval bis rundlich; Interzellularsubstanz hyalin oder mit
fibrillärer Einlagerung (kollagene oder elastische Fasern); auch in
dickeren Lagen gefäßfrei; Angrenzung an Gelenkhöhlen, an Bindegewebe
(Perichondrium) oder an Knochen.
i) ~Knochengewebe~: Zellen im Innern der scharf begrenzten
Knochenhöhlen, meist abgeplattet linsenförmig mit zahlreichen
Fortsätzen untereinander verbunden; Interzellularsubstanz lamellär
geschichtet, in dickeren Lagen von Blutgefäßen durchzogen. Angrenzung
stets an Bindegewebe (Periost).
III. ~Muskelgewebe~: Vorwiegen des Zytoplasmas, Interzellularsubstanzen
spielen keine Rolle.
a) ~Glatte Muskelzellen~: Spindelige Form, länglicher Kern in der Mitte
der Zellenlänge (beachte Querschnitt!), Zytoplasma schwach fibrillär
differenziert; einzeln oder zu Lagen oder Bündeln geordnet.
b) ~Herzmuskelgewebe~: Plasmodiale Zusammenschließung zu Fasern mit
seitlichen Verbindungen; auf dem Querschnitt je ein Kern in der
Fasermitte; deutliche fibrilläre Differenzierung des Zytoplasmas,
Querstreifung.
c) ~Skelettmuskelgewebe~: Jede Muskelfaser ist ein in sich
abgeschlossenes Plasmodium mit sehr vielen, meist wandständigen Kernen;
Bildung des Sarkolemms, extrem starke Fibrillenbildung im Zytoplasma,
sehr prägnante Querstreifung.
IV. ~Nervengewebe~: In Zentralorganen: Nervenzellen mit wechselnder
Gestalt (Fortsätze!), eventuell ~Nißl~-Körper, großer chromatinarmer
Kern mit einem Nukleolus; Nervenfasern mit und ohne Markscheide;
Gliaplasmodium mit kleineren, chromatinreicheren Kernen; Bindegewebe
nur in unmittelbarer Umgebung der Blutgefäße.
Peripher: Nervenzellen stets umgeben von Kapsel- (Glia-) Zellen,
einzeln oder zu Ganglien vereinigt; Nervenfasern einzeln oder (durch
Bindegewebe) zu Bündeln zusammengeschlossen; Achsenzylinder und
markloses oder markhaltiges Neurilemm (Kern des Neurilemms stets an der
Peripherie der Faser).
Zur Diagnostik der ~Gewebe~ in einem Schnitte benutze man ~starke~
Systeme, um sich von der Lage des Zellkernes im Zytoplasma, von der
Abtrennung des Zytoplasmas von Interzellularsubstanzen, von fibrillären
Strukturen und deren Lagebeziehung zum Zytoplasma usw. zu überzeugen.
Die Diagnose des ~Organes~ dagegen geschieht am besten mit
~schwachen~ Systemen, damit die Übersicht über die charakteristische
Zusammenordnung der Gewebe gewonnen werden kann.
In vielen Fällen entstehen diagnostische Irrtümer durch Nichtbeachtung
der relativen ~Größe~ der Gewebestrukturen. In Fig. 97 sind eine Reihe
von verschiedenen Bauelementen des menschlichen Körpers bei gleicher
(ca. 250facher) Vergrößerung zusammengestellt.
[Illustration: Fig. 97.
Übersichtliche Zusammenstellung einiger Zellformen und Zellgrößen
beim Menschen im gleichen Maßstabe von 250 : 1 (halbschematisch) (aus
~Gegenbaur-Fuerbringer~, Anatomie des Menschen).
1¡a¡, 1¡b¡ Leukozyten; 2 rote Blutkörperchen (Erythrozyten), ¡a¡
von der Fläche, ¡b¡ von der Kante (im optischen Querschnitt), zu
acht zusammenklebend; 3 Blutplättchen. -- 4 Riesenzelle (unnatürlich
schematisiert). -- 5 Eizelle; 6 Samenfaden (Spermium). -- 7
Plattenepithel; 8 polyedrisches Epithel mit Interzellularbrücken;
9, 10 kürzere und längere zylindrische Epithelzellen (10 mit
Ersatzzellen); 11 Leberzellen. -- 12 Spindelzellen (Gallertgewebe);
13 Retikulumzellen; 14 Fettzellen; 15 Knorpelzellen; 16 Knochenzellen.
-- 17 Glatte Muskelzellen; 18 Kurzes Stück einer quergestreiften
Muskelfaser. -- 19 Große motorische Ganglienzelle aus der
Lendenschwellung des Rückenmarkes; 20 kleine Pyramidenzelle aus der
Großhirnrinde; 21 sympathische Ganglienzelle; 22 kurzes Stück einer
markhaltigen Nervenfaser.]
Die ~faserigen Strukturen~ des Körpers bieten der Erkennung oft
Schwierigkeiten. Zuerst suche man festzustellen, ob die faserigen
Strukturen zytoplasmatisch sind, d. h. Zellenbau (Zytoplasma,
Zellkerne) besitzen, oder ob sie außerhalb von Zellen liegen. Im
letzteren Falle kann die Diagnose nur zwischen bindegewebigen (lockeres
Bindegewebe, elastisches Bindegewebe, Sehnengewebe) und Nervenfasern
schwanken; die letzteren erkennt man, wenn sie markhaltig sind, an der
konzentrischen Anordnung von markhaltiger Hülle und Achsenzylinder,
denen außen die Kerne des Neurilemms anliegen; marklose Nervenfasern
sind in nicht ganz einwandfrei fixierten Präparaten zunächst nicht
leicht von Bindegewebe zu unterscheiden; der parallelfaserige Bau,
die im Gegensatz zum parallelfaserigen Bindegewebe relativ lockere
Anordnung der meist wellig verlaufenden Achsenzylinder, der relative
Reichtum an länglichen Zellkernen ermöglichen trotzdem die Erkennung.
Liegen die Kerne innerhalb der Fasern, so gehören die Strukturen
zu den zytoplasmatischen Geweben; es kann nur glatte, Herz- oder
Skelettmuskulatur in Frage kommen; man beachte bezüglich der glatten
Muskulatur, deren Unterscheidung von Bindegewebsbündeln dem Anfänger
erfahrungsgemäß Schwierigkeiten bereitet, daß auf Querschnitten
nicht in jeder Muskelzelle ein Zellkern getroffen sein kann, da der
Zellkern nur im mittleren, gleichzeitig dicksten Teil der zugespitzten
Fasern liegt. Sorgfältige Betrachtung des Präparates schützt hier vor
Fehldiagnosen.
Im übrigen suche man niemals nach dem ersten flüchtigen Eindruck zu
entscheiden, sondern begründe jede Gewebsdiagnose nach sorgfältiger
Beachtung der Strukturen eingehend. Vor allem muß dringend davor
gewarnt werden, Strukturen einzig nach dem Farbton zu bestimmen, den
sie in den Präparaten angenommen haben; die Färbung ist zwar ein
wichtiges, fast unentbehrliches Hilfsmittel der Histologie, hat aber
keinen selbständigen diagnostischen Wert.
Fußnoten:
[38] Von ¿ho histos¿, das Gewebe.
[39] ¿to kytos¿, der Hohlraum.
[40] »Durchsichtige Schichte«.
[41] Von ¿to karyon¿, die Nuß, der Kern in Steinfrüchten.
[42] Von ¿to kytos¿ und ¿to plasma¿, das Gestaltete, speziell der Leib,
der Körper.
[43] Von ¿ho prôtos¿, der erste, im Sinne der Ursprünglichkeit des
Daseins dieser Substanz.
[44] Von ¿para¿, daneben, dazwischen.
[45] Von ¿meta¿, nach = später gebildete Substanz; über diese
Unterscheidung verschiedener Zellbestandteile und andere
Bezeichnungsweisen s. bei Bottazzi, Das Zytoplasma und die Körpersäfte,
in Handb. d. vergl. Physiol. von Winterstein, Bd. I.
[46] Von ¿plassein¿ = bilden, ¿to sôma¿ = Körper: Bildungskörper.
[47] Von ¿ho mitos¿ = der Faden, ¿ho chondros¿ = das Korn: Fadenkörner.
[48] »Körnchenkörperchen«.
[49] »Körnerfäden«.
[50] Von ¿ho bios¿ = das Leben, ¿hê blastê¿ = der Keim: Lebenskeime.
[51] Von ¿to plasma¿ = der Bildungsstoff, im Sinne von
Zytoplasmakörnchen.
[52] S. vor allem ~L. Rhumbler~, Ergebn. d. Physiol. 1914.
[53] ¿to chrôma¿ = die Farbe: nicht färbbar (mit ¿a¿ privativum).
[54] Von linum = der Faden.
[55] ¿ho pyrên¿ = der Kern, ¿amphi¿: rings herum: Kernmembran;
Amphipyrenin = der die Kernmembran zusammensetzende Stoff.
[56] Siehe hierüber und über andere Fragen des Zellkernbaues besonders
~M. Heidenhain~, Plasma und Zelle. 1907. Bd. I.
[57] Von ¿ho mitos¿, der Faden, weil bei diesem Vorgange im Kerne Fäden
sichtbar sind.
[58] Von ¿kenein¿, bewegen.
[59] Von ¿ho blastos¿, der Keim und ¿to meros¿, der Teil. Wir
behalten den Zellbegriff hier bei, obwohl es nicht sicher ist, daß
die Blastomeren vollkommen voneinander getrennt sind (s. darüber am
Schlusse der Gewebelehre).
[60] Von ¿pyknos¿, dicht. Zerfallende Kerne heißen »fragmentiert«.
[61] Von ¿epi¿, auf, und ¿hê thêlê¿, die Brustwarze, da man diese Form
der Zellzusammenlagerung zuerst an dieser Stelle erkannte; später auf
alle derartig zusammengesetzten Bedeckungsschichten übertragen.
[62] Von ¿stereos¿, starr, und cilia, die feinen Haare, urspr.
Augenwimpern.
[63] Von flagellum, die Geißel.
[64] Plasmosomen (nicht Plastosomen) sind nach ~J. Arnold~ feinste
Zytoplasmagranula, an denen die verschiedensten Substanzen (Fett,
Glykogen, Farbstoffe) gespeichert werden können.
[65] Von ¿ho meros¿, der Teil und ¿krinein¿, abscheiden.
[66] Von ¿holos¿, ganz.
[67] Von alveus = bauchiger Schlauch.
[68] Ich folge hier den Einwendungen ~M. Heidenhains~ (1921) gegen die
vielfach übliche ungenaue Nomenklatur, die den Unterschied zwischen
Alveolus und Acinus nicht beachtet.
[69] Als ~Plasmodium~ bezeichnet man eine vielkernige Zytoplasmamasse,
die aus einer einkernigen hervorgegangen ist; durch sekundäre
Zellverschmelzung entstandene vielkernige Formen heißen ~Synzytium~.
Leider werden aber die Namen oft auch in anderem Sinne gebraucht (s. am
Schluß der Gewebelehre).
[70] Von ¿to klasma¿ = das Bruchstück: ~Ranvier~ hatte an einem Teil
dieser Zellen beobachtet, daß sie Teile des Zelleibes abschnüren
können; ob dies eine Eigenschaft aller »Ruhenden Wanderzellen« ist, ist
nicht sicher.
[71] Der Name »Mastzellen« rührt von der irrigen Auffassung her, daß
sie zur Ernährung des Körpers in Beziehung stehen.
[72] Von ¿phagein¿, fressen, Freßzellen.
[73] Von ¿hê kolla¿, der Leim = leimgebend.
[74] Das am häufigsten vorkommende weiche Stützgewebe bietet sich
deshalb oft als »welliges oder lockeres Bindegewebe« dar.
[75] Über den von manchen Autoren hierher gerechneten Glaskörper s. bei
Auge.
[76] Von ¿ho adên¿, die Drüse.
[77] ¿stear¿, ¿steatos¿ = Fett.
[78] ¿to lemma¿ = die Rinde, die Schale.
[79] S. Die Lehrbücher der Physiologie und die Handbücher der
Gewebelehre (bes. ~M. Heidenhain~, Plasma und Zelle).
[80] Dahin gehören besonders die auf lebenswarme Organe angewendete
Zenkersche Flüssigkeit (S. 16).
[81] Es muß noch ungelöstes Kali am Boden des Gefäßes liegen bleiben.
[82] Von ¿hi glia¿, der Leim, der Kitt, Neuroglia, also Nervenkitt.
[83] Von ¿to dendron¿, der Baum, weil viele Dendriten sich in der Nähe
des Zelleibes rasch verästeln.
[84] Von ¿to ghanglion¿, der Knoten; als solche bezeichnet man die
außerhalb der nervösen Zentralorgane anzutreffenden Zusammenhäufungen
von Nervenzellen.
[85] Von ¿to ependyma¿ = das Oberkleid.
[86] Von ¿to lemma¿ = die Schale, s. a. Sarkolemm beim
Skelettmuskelgewebe.
[87] 1 g Karmin kalt gelöst in 50 ccm destilliertem Wasser und 5 ccm
Liq. ammon. caust. Die tiefkirschrote Flüssigkeit bleibt so lange offen
stehen, bis sie nicht mehr ammoniakalisch riecht (ca. 3 Tage). Dann
Filtrieren. Sehr lange haltbar trotz des sich bald entwickelnden, üblen
Geruchs.
[88] Man kann auch nach vollendeter Färbung nochmals zerzupfen, was
wegen der deutlicheren Sichtbarkeit der Elemente jetzt leichter ist.
[89] Ich halte gegenüber der heute üblichen, gänzlich verwirrten
Nomenklatur an der Bezeichnungsweise fest, die von ~Haeckel~ eingeführt
und von ~Bonnet~ und anderen älteren Histologen benutzt wurde. Was hier
als Plasmodium bezeichnet wird, nennen heute fälschlicherweise viele
Autoren Synzytium.