Schematische Darstellung eines Neuron.]

Als ~Nerven»zelle«~ bezeichnet man gewöhnlich einen kernhaltigen Teil

der Nervensubstanz, einschließlich der unmittelbar anschließenden

Fortsätze (s. Fig. 83), als ~Nervenfasern~ dünn ausgezogene, kürzere

oder längere Teile. Mit jeder Nervenzelle ist eine Nervenfaser

untrennbar verbunden. Dem Zellbegriffe, wie wir ihn bei anderen

Geweben anwenden, entspricht im Nervengewebe das, was man als ~Neuron~

bezeichnet; ein Neuron umfaßt eine Nervenzelle mit sämtlichen ihr

verbundenen Fortsätzen.

Dazu gehören also: 1. der den Kern enthaltende Zelleib (Fig.

83), 2. dessen ~Neurit~ (Nervenfortsatz); dieser leitet Reize

nach anderen Nervenzellen oder an periphere Organe weiter; 3.

die ~Dendriten~[83]; diese Fortsätze nehmen Reize von anderen

Nervenzellen oder von der Peripherie auf. Die Neuriten sind

in der Regel länger und gehen in eine Nervenfaser über, deren

Achsenzylinder sie bilden; die Dendriten sind gewöhnlich sehr

viel kürzer und verästeln sich nahe am Zelleib (der Dendrit der

Spinalganglienzellen ist jedoch auch lang und geht wie ihr Neurit

in den Achsenzylinder einer Nervenfaser über).

Bei der Länge, die besonders die als Verlängerung eines Neuriten

zu denkende Nervenfaser erreichen kann, ist es in der Regel

unmöglich, ein Neuron in seiner Gesamtheit morphologisch

darzustellen. Zahlreiche physiologische und pathologische

Erfahrungen haben aber die Berechtigung des Neuronbegriffes als

einer Nerveneinheit bewiesen.

Wird z. B. der Zusammenhang zwischen Zelle und Faser

unterbrochen, so stirbt die Faser zellulifugalwärts von der

Unterbrechungsstelle an ab, eine Neubildung kann nur vom

Achsenzylinder des mit der Nervenzelle in Verbindung gebliebenen

Stumpfes aus erfolgen.

Trotz dieser scheinbaren Einheitlichkeit und Selbständigkeit

eines Neurons bestehen höchstwahrscheinlich doch zytoplasmatische

Verbindungen mit anderen Neuronen, auf denen die Fortleitung der

nervösen Erregung durch »Kontinuität« geschieht. Die Vorstellung,

daß die Neuronen völlig unabhängig voneinander sind, und daß die

Erregungsleitung jedesmal durch »Kontakt« von einem Neuron zum anderen

überspringt, ist sowohl morphologisch als physiologisch weniger gut

begründet.

A. Nervenzellen.

Die Nervenzellen (Ganglienzellen) finden sich in den Ganglien[84], in

Sinnesorganen, im Verlaufe sowohl zerebrospinaler als sympathischer

Nerven, hauptsächlich aber im Zentralnervensystem.

Sie sind von sehr wechselnder Größe (4-135 µ und darüber) und

von mannigfacher Gestalt. Es gibt kuglige und spindelförmige

Ganglienzellen; sehr häufig ist eine unregelmäßige Sternform, d. h.

das Zytoplasma sendet mehrere Fortsätze aus. Ganglienzellen mit

zwei Fortsätzen heißen ~bipolare~, solche mit mehreren Fortsätzen

~multipolare~ Ganglienzellen (Fig. 84); es gibt auch ~unipolare~

Ganglienzellen; solche finden sich im Sympathikus von Amphibien und

allgemein in der Riechschleimhaut; sie besitzen in der Tat nur einen

einzigen Fortsatz.

Die Nervenzellen der Spinalganglien dagegen sind nur scheinbar

unipolar; in entwicklungsgeschichtlichen Epochen bipolar,

werden sie dadurch unipolar, daß der die Ursprungsstelle beider

Fortsätze umfassende Teil der Zelle sich zu einem dünnen Stück

auszieht, von welchem alsdann unter stumpfem oder rechten Winkel

die divergierenden Fortsätze abbiegen (Fig. 84, _{1}, _{2}).

Solche Zellen werden Zellen mit T-förmigen (oder mit Y-förmigen)

Fasern genannt.

Apolare, also fortsatzlose Nervenzellen sind entweder

Jugendformen oder durch Abreißen der Fortsätze beim Isolieren

entstandene Kunstprodukte.

Das Zytoplasma der Nervenzelle, besonders kompliziert gebaut,

umschließt einen sehr charakteristischen, bläschenförmigen, bei den

größeren Formen auffallend chromatinarmen ~Kern~, der ein ansehnliches

Kernkörperchen einschließt. Die Teilungsfähigkeit der Nervenzellen geht

in frühen Wachstumsperioden offenbar verloren; Zentralkörperchen sind

auch nur in jugendlichen Formen nachgewiesen. Offenbar gehen hier hoher

Differenzierungsgrad und Vermehrungsunfähigkeit parallel.

Nach Verletzungen, denen Nervenzellen zum Opfer gefallen sind,

werden bei allen höheren Wirbeltieren keine Nervenzellen

neugebildet; vielmehr fällt die Funktion der betreffenden

Nervenzellen dauernd aus, wenn sie nicht, was in bestimmten

Fällen vorkommt, von anderen übernommen wird.

Nach neuesten Untersuchungen werden bei verschiedenen Säugetieren

mitotische Vermehrungen junger Ganglienzellen nur wenige Wochen

nach der Geburt noch angetroffen. Bilder, die an eine amitotische

Teilung denken lassen, finden sich auch später noch.

[Illustration: Fig. 84.

Verschiedene Formen von Nervenzellen. 236mal vergrößert. 1. Vom

Spinalganglion eines 6tägigen Hühnerembryo, 2. eines Kalbes. Technik

Nr. 99. 3. Vom Menschen, Neurit abgerissen. Technik Nr. 50. 4. Aus dem

menschlichen Rückenmark. Technik Nr. 51, S. 148.]

Unter den Strukturen des ~Zytoplasmas~ (auch Neuroplasma genannt)

sind praktisch am wichtigsten die sogenannten ~Nißlschen Körperchen~

(»basisch färbbare Substanzen«, Tigroid). Dies sind streng auf das

Zytoplasma beschränkte, mit gewissen Farbstoffen darstellbare bald

rundliche, bald eckige Körnerschollen, bald Spindeln oder Streifen

(Fig. 85). Treffen irgendwelche Reize die Nervenzelle, so sind sie

es zuerst, an deren Anordnung man Veränderungen erkennt; hierbei

ist allerdings eine ganz exakte Beachtung der ~Nißl~schen Methodik

erforderlich.

Am charakteristischsten ist die Anordnung der ~Nißl~schen

Körperchen in den motorischen Nervenzellen (z. B. im Vorderhorn

des Rückenmarkes, Fig. 85); das Bild, welches hier die gefärbten

Zellen darbieten, hat zur Bezeichnung Tigroid (= tigerähnlich)

geführt, welche dann in mißverständlicher Weise auch auf die

~Nißl~-Körper anderer Nervenzellen übertragen wurde, welche diese

Anordnung nicht besitzen (z. B. Spinalganglienzellen, die meisten

Rindenzellen).

Die Natur und die funktionelle Bedeutung der ~Nißl~schen Körper

ist noch nicht geklärt. An der Reizleitung selbst sind sie

offenbar nicht unmittelbar beteiligt; wahrscheinlich sind die

~Nißl~-Körper hochwertige Nahrungssubstanzen, also paraplastische

Stoffe, die bei starker Inanspruchnahme der Zellen verbraucht

werden. Dafür spricht, daß sie bei Überanstrengung, bei vielen

Erkrankungen, auch im höheren Alter Veränderungen bis zum

völligen Schwunde zeigen.

Nach neueren Angaben sollen Plastosomen an der Bildung der

~Nißl~schen Körper teilnehmen; nach anderen Autoren sollen diese

Substanzen aus dem Zellkerne stammen und bei der Chromatinarmut

der Zellkerne eine Art »Zytochromatin« darstellen.

[Illustration: Fig. 85.

Motorische Nervenzelle des Rückenmarks (Vorderhorn) eines Kindes.

430mal vergr. Technik Nr. 52, S. 148.]

[Illustration: Fig. 86.

Nervenzelle aus einem Schnitt durch das Rückenmark eines jungen Hundes.

Präp. von Ramon y Cajal. 600mal vergr. Technik nach 9, S. 38.]

Auch in Nervenzellen finden sich außerdem mannigfache andere körnige

Einschlüsse. Unter ihnen scheinen ~Plastosomen~, die hier auch als

~Neurosomen~ bezeichnet werden, eine (noch nicht geklärte) Rolle zu

spielen.

In vielen Ganglienzellen entstehen oder werden abgelagert: ~Pigmente~.

Auch diese treten in der Form verschieden großer rundlicher

Einschlüsse auf. Dunkle Pigmente, sogenannte Melanine, finden sich

nur in bestimmten Zelltypen (Subst. nigra, Locus coeruleus), während

ein gelbliches Pigment, das eine Reihe von Fettreaktionen gibt und

daher als Lipoid aufzufassen ist, mit zunehmendem Alter in fast allen

Ganglienzellen angetroffen wird. Man bezeichnet dies letztere Pigment

auch als Abnutzungspigment.

Als besonders wichtig werden von vielen Forschern die sogenannten

~Neurofibrillen~ angesehen, die in der Tat ein Formelement sind, das

nicht nur den Nervenzellen, sondern anscheinend sämtlichen Teilen der

nervösen Substanz zukommt.

Die Neurofibrillen entstehen, unter Anteilnahme von Plastosomen,

in den Ganglienzellen zuerst; von hier aus schreitet ihre Bildung

peripherwärts in die Fortsätze fort.

Die Fibrillen (Fig. 86) bilden in den Fortsätzen nach Ansicht mancher

Autoren sehr langgestreckte Netze, nach anderen Autoren handelt es sich

dabei nicht um Fibrillenanastomosen, sondern um Überschneidungen; auch

im Zellkörper durchkreuzen sich die Fibrillen in den verschiedensten

Richtungen, wobei sie bei manchen Nervenzelltypen am Kern ein dichtes

Gitter bilden. Die Fibrillen können bald in Bündel geordnet von ~einem~

Fortsatz kommen, die Zelle einfach durchsetzen und sich teilend in

mehreren anderen Fortsätzen austreten, bald umgekehrt aus verschiedenen

Fortsätzen sich sammelnd in ~einem~ Fortsatz die Zelle verlassen.

[Illustration: Fig. 87.

Spinalganglienzelle einer erwachsenen Katze. 430mal vergr. Technik Nr.

53. S. 149.]

Man hat die Fibrillen als diejenige Struktur betrachtet, in

der die nervöse Erregung fortgeleitet wird; glaubhafter ist

die Annahme, daß wir in den Fibrillen einen hochwichtigen

Stützapparat vor uns sehen müssen, daß die nervöse Erregung

dagegen in dem wohl flüssig gebliebenen Protoplasma (im engeren

Sinne, s. S. 57) abläuft.

Umstritten, teilweise als Kunstprodukte gedeutet, sind

mannigfache andere Strukturen des Ganglienzellenzytoplasmas,

unter denen die sogenannten ~Holmgren~schen Kanälchen (Fig.

87) (Trophospongium) und der Apparato reticolare interno (Fig.

88) hervorgehoben werden sollen. Die ersteren wurden als

Ernährungsbahnen für den großen Zelleib der Ganglienzellen

betrachtet; der Apparato reticolare interno wird auch inneres

~Golgi~-Netz genannt; er hat nichts zu tun mit dem äußeren

~Golgi~-Netz, das der Nervenzellenoberfläche aufliegt und das von

den einen Autoren als gliöses Gebilde, von den anderen als ein

Apparat für die Reizübertragung angesehen wird.

[Illustration: Fig. 88.

Spinalganglienzelle eines Kaninchens. 1000mal vergr. Technik Nr. 54,

S. 149.]

Die Fortsätze der Nervenzellen sind von zweierlei Art. Man

unterscheidet -- am besten an multipolaren Nervenzellen --: 1. Einen

Fortsatz, den ~Neurit~ (Fig. 89); der einzige seiner Art wächst

er aus der ursprünglich rundlichen Nervenzelle zuerst hervor und

ist durch sein helles, glattrandiges Aussehen charakterisiert;

er leitet zellulifugal. 2. Viele Fortsätze, die ~Dendriten~

(Zytoplasmafortsätze), Fig. 83; sie wachsen später aus den

Nervenzellen hervor, sind dicker, körnig oder feinstreifig; sie leiten

zellulipetal. Die Dendriten teilen sich wiederholt und können so ein

außerordentlich reiches Astwerk bilden, dessen feinste Zweige alle

frei enden (Fig. 89); dadurch erfährt der Zellkörper eine enorme

Oberflächenvergrößerung, welche einerseits die Ernährungsfähigkeit,

andererseits die Empfänglichkeit des Zellkörpers für Nervenreize --

diese werden durch anliegende Endverästelungen von Neuriten ausgeübt

-- erhöht. Die verschiedenen Fortsätze der Nervenzellen lassen sich

im ~Nißl~-Bild daran erkennen, daß in den Dendriten ~Nißl~-Körper

vorhanden sind, während sie dem Neuriten und der Stelle des Zelleibes

(Ursprungskegel), von der der Neurit entspringt, fehlen.

[Illustration: Fig. 89.

Nervenzelle (»Purkinjesche Zelle«) aus einem Schnitt durch die

menschliche Kleinhirnrinde. 180mal vergrößert. Technik Nr. 99, c.]

Bei bipolaren Ganglienzellen, deren beide Fortsätze

zu Achsenzylindern markhaltiger Nervenfasern werden

(Spinalganglienzellen von niederen Wirbeltieren und Embryonen),

entspricht der zentrale, gegen das Zentralnervensystem

verlaufende Fortsatz dem Neuriten, der peripherische Fortsatz

aber einem Dendriten. Diese Auffassung wird auch gestützt durch

die Beobachtung, daß bei den bipolaren Zellen des N. cochlearis

der peripherische Fortsatz ganz nach Art eines Dendriten sich

entwickelt und erst später die Charaktere einer Nervenfaser

annimmt. Demgemäß entspricht auch der peripherische Fortsatz

einer T-Zelle einem lang ausgezogenen Dendriten; dieser Fortsatz

leitet ja auch zellulipetal.

Nach dem Verhalten des Neuriten kann man zwei Typen von Ganglienzellen

unterscheiden.

1. ~Deiters~scher Typus, Zellen mit langem Neurit, der zum

Achsenzylinder einer markhaltigen Nervenfaser wird und nach langem, oft

viele Zentimeter betragendem Verlaufe in feinster Verästelung endet.

Während eines Verlaufes gibt ein solcher Neurit eine Anzahl

feiner, sich weiter verzweigender Seitenästchen (»Kollateralen«,

»Paraxonen«) ab; gar nicht selten kommt auch eine Teilung in zwei

gleiche Neurite vor (siehe Rückenmark »Plurifunikuläre Zellen«).

2. ~Golgi~scher Typus, Zellen mit kurzem Neurit, der sich schon in der

Nähe der Zelle unter fortwährender Teilung in ein nervöses Astwerk

auflöst (Fig. 90).

[Illustration: Fig. 90.

Zwei Nervenzellen 200mal vergrößert. ¡A¡ Aus einem Schnitt durch das

Rückenmark eines 6monatigen menschlichen Embryo. ¡B¡ Aus einem Schnitt

durch das Gehirn einer Katze. Technik Nr. 8 u. 99, a.]

B. Neuroglia.

Früher ausschließlich als Stützgewebe des zentralen Nervensystems

angesehen, umhüllt gliöses Gewebe auch peripher gelegene Nervenzellen

und -fasern allenthalben. Im ~zentralen~ Nervensystem ist die Neuroglia

ein äußerst fein verzweigtes Plasmodium (Fig. 91), das mit zahlreichen

Zellkernen versehen ist. An den kernhaltigen Orten treffen sich

zahlreiche Balken des Gliaplasmodiums, so daß in geeigneten Präparaten

reich verzweigte Zellen die Elemente der Neuroglia zu bilden scheinen.

Unter dem Einfluß der Silberimprägnationsmethode von ~Golgi~

(s. S. 36) betrachtete man die Glia als ein aus solchen, nicht

miteinander in Verbindung stehenden Zellen zusammengesetztes

Gewebe. Man unterscheidet an ~Golgi~-Präparaten (Fig. 92) a)

~Kurzstrahler~, mit kürzeren stark verästelten Fortsätzen;

sie kommen vorzugsweise an Orten vor, wo viele Ganglienzellen

zusammenliegen (graue Substanz); b) ~Langstrahler~, die häufigere

Form, von deren kleinem Zellkörper außer kurzen auch viele

längere, wenig verästelte Fortsätze ausgehen. Die letzteren

finden sich hauptsächlich dort, wo viele Nervenfasern beisammen

liegen (weiße Substanz).

[Illustration: Fig. 91.

Neuroglia an der Oberfläche des Großhirns. Zytoplasmatisches Plasmodium

mit Kernen und Fasern. (Nach einem Präparat von Dr. Spatz. ~Holzers~

Gliafärbungsmethode.) 500mal vergrößert. Technik Nr. 55, S. 149.]

[Illustration: Fig. 92.

Gliazellen aus dem Rückenmark. 280mal vergrößert. Technik Nr. 8.

S. 36.]

In zytoplasmatischen Strängen (nach anderen Autoren auch außerhalb von

diesen) verlaufen äußerst feine ~Fibrillen~ (Fig. 91), die offenbar zur

Stützung des plasmodialen Gewebes dienen.

Ebenfalls infolge einer einseitigen Methodik (~Weigert~sche

Gliafärbung) nahm man zunächst an, daß die Fibrillen unabhängig

vom Zytoplasma der Gliazellen, also in einer Art von

Interzellularsubstanz verliefen.

Die Gliafibrillen zeigen in verschiedenen Teilen des

Zentralorgans bemerkenswerte Unterschiede sowohl bezüglich ihrer

Anordnung als ihrer Reichhaltigkeit.

Die Neuroglia ist für das Nervengewebe als Stütz- und Ernährungsgewebe

von höchster Bedeutung; man könnte auch daran denken, daß sie die

in den Nerven- und Dendritenfortsätzen verlaufenden Leitungsbahnen

isoliere. Der Abschluß der Nervenzellen von der direkten Berührung mit

dem erst in einem späteren Entwicklungsstadium von außen ins nervöse

Gewebe eindringenden Gefäßbindegewebsapparat wird durch Verdichtungen

des Gliazytoplasmas an den Gefäß- bzw. Bindegewebsoberflächen

gewährleistet. Hier bilden gliöse Grenzmembranen allenthalben eine

scharfe Abgrenzung, Grenzscheiden, die aber vielleicht auch dem

Stoffaustausch dienen.

Die wichtige Rolle, die das Gliaplasmodium für den Stoffwechsel

des Nervengewebes spielt, kommt schon normalerweise, besonders

in der Zeit der Markbildung (s. S. 144) darin zum Ausdruck,

daß besonders stark beanspruchte Teile des Plasmodiums

unter Aufspeicherung von Stoffwechselprodukten sich aus dem

plasmodialen Verbande loslösen; man bezeichnet diese dann

auftretenden freien Zellformen als »Körnchenzellen«. Unter

pathologischen Reizzuständen treten diese Formen zahlreicher

auf. Dieser Loslösungsprozeß ist mit ähnlichen Vorgängen im

Bindegewebe (ruhende Wanderzellen, s. S. 93 und Retikulumzellen

s. S. 99) in Parallele zu stellen.

Auch sonst spielt die Glia in der Pathobiologie des Nervengewebes

eine große Rolle; bei vielen Schädigungen des Nervengewebes wird

nämlich der empfindlichere, eigentlich nervöse Gewebsbestandteil

zur Degeneration gebracht, während die Glia erhalten bleibt,

ja sogar zu wuchern beginnt, wobei sie anscheinend bei der

Beseitigung der nutzlos gewordenen, nervösen Substanz intensiv

beteiligt ist. Als Endprodukt entsteht ein dichtes, von

zahlreichen Fibrillen durchsetztes Narbengewebe (Glianarbe).

Ganglienzellen, die außerhalb des Zentralnervensystems liegen,

werden von besonderen Kapseln umschlossen, deren gliöse Natur sehr

wahrscheinlich ist. Die Kapselzellen (also periphere Gliazellen) liegen

der Ganglienzelle unmittelbar an und grenzen nach außen an eine dem

Bindegewebe angrenzende membranartige Hülle (Fig. 87).

Wie die peripheren Ganglienzellen, so entstammen auch die zu

den Kapselzellen werdenden Gliabestandteile aus der gemeinsamen

Anlage des Nervensystems, aus der sie nach der Peripherie

auswandern. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse auch bei den

Nervenfasern und deren gliösen Bestandteilen.

Von der Neuroglia zu unterscheiden sind endlich die

~Ependymzellen~[85]; dies sind die Reste des ursprünglichen,

indifferenten Mutterbodens, aus welchem während der ersten

Entwicklungsstufen Glio- und Neuroblasten entstanden sind. Sie

kleiden die Ventrikelhohlräume des Gehirns und den Zentralkanal des

Rückenmarkes aus; ihre dem Lumen zugekehrte Oberfläche ist in der

Jugend mit Härchen besetzt, ihr zylindrischer Körper läuft in einen

langen Fortsatz aus (Fig. 92).

In einem bestimmten Stadium der embryonalen Entwicklung, indem

es bereits zur Glio- und Neuroblastenbildung gekommen ist,

bilden die Ependymzellen mit ihren hier noch bis zur Peripherie

reichenden Fortsätzen ein später bis auf gewisse Reste (Septum

posterius des Rückenmarks) verschwindendes Gerüst.

Bei Amphibien sollen auch noch bei Erwachsenen nach Verletzungen

von den Ependymzellen sowohl Glia als Nervenzellen neu gebildet

werden können.

Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen, mit Einschluss der mikroskopischen Technik · 第 97 / 286 题