Das Nervengewebe ist in seiner Gesamtheit als Abkömmling des Epithels
zu betrachten (s. S. 82). Die Absonderung des Bildungsmaterials
für dieses hochdifferenzierte Gewebe fällt in eine sehr frühe
Embryonalperiode. Es entsteht aus dem äußeren Keimblatt.
In der frühen Abgrenzung des Bildungsmaterials innerhalb
der Keimanlage gleicht das Nervengewebe dem in ganz anderer
Richtung hochdifferenzierten Skelettmuskelgewebe. Über die
wichtigsten Bildungsstufen des Nervengewebes (Medullarplatte,
-rinne, -rohr, Ganglienleiste usw.) vgl. die Lehrbücher der
Entwicklungsgeschichte.
Reizaufnahme, -weiterleitung und -übertragung, die wichtigsten Aufgaben
des Nervengewebes, sind bei einfachst gebauten, sogenannten einzelligen
Organismen, Eigenschaften der ganzen Zelle, die allerdings durch
mannigfache Sondereinrichtungen besonders dafür ausgestattet sein kann.
Bei Metazoen ist stets die die äußere Körperoberfläche bildende
Substanz der Ausgangsort für die Bildung eines spezifisch
differenzierten Nervengewebes.
Die gesteigerte Reizbarkeit, als Folge der Ausbildung besonders
gut auf Reize ansprechender Organzellen, bewirkte wohl eine
Versenkung des Nervengewebes unter die Oberfläche in eine
geschütztere Lage; die Vergrößerung und die Komplizierung im
Aufbau des Organismus machte eine erhebliche Ausdehnung des
reizleitenden Systems notwendig.
So finden wir endlich den Wirbeltierorganismus allenthalben von
einer Substanz durchzogen, die gegenüber allen anderen Geweben durch
eine außerordentlich gesteigerte Reizbarkeit, deren Wesensart wir
nicht kennen, ausgezeichnet ist. Diese Nervensubstanz ermöglicht die
Verknüpfung der örtlich und substantiell differenten Teile des Körpers
zu einem Organismus. Die hierdurch gegebene, regulatorische Funktion
wird verständlich, wenn wir sehen, daß die nervöse Substanz in fast
allen Geweben und Gebieten des Körpers ~Aufnahmeapparate~ für Reize
besitzt.
Diese sogenannten sensiblen und sensorischen Nervenendigungen
werden, wie alle speziellen Einrichtungen, später besprochen.
Auf dem Wege von längeren oder kürzerer Bahnen nervöser Substanz,
einem Teil der sogenannten ~Nervenfasern~, werden die Reize den
nervösen ~Zentren~ zugeführt, die wir in den verschiedensten Regionen
des Rumpfes antreffen (~periphere Ganglien~), in erster Linie aber
als ~Rückenmark~ und ~Gehirn~ kennen. Hier gegebene, hochkomplizierte
Einrichtungen müssen als Hauptorte der regulierenden Funktion der
Nervensubstanz betrachtet werden.
Von diesen Zentren aus ziehen besondere (zentrifugal funktionierende)
Leitungsbahnen, ein anderer Teil der Nervenfasern, in alle
Körperregionen; an den Enden dieser Nervenfasern (besonders an Muskeln,
Drüsen) werden die Impulse zu den mannigfachsten Verrichtungen des
Körpers gegeben.
Die enorme Reizbarkeit der gesamten Nervensubstanz mag es mit
sich bringen, daß sie in allen Teilen von einem nur ihr eigenen
~Hüllmaterial~, der ~Neuroglia~[82], umgeben ist. Diese ist eine
zwischen das Bindegewebe und die nervöse Substanz eingeschaltete Hülle,
die vermutlich ungeeignete Reize vom Nervenzytoplasma abhält und
besonders den Stoffwechsel der Nervensubstanz reguliert.
Wie die eigentliche, nervöse Substanz und die Neuroglia
in inniger Gemeinschaft zentrale wie periphere Teile des
Nervensystems aufbauen, so entstammen beide aus der gemeinsamen
Bildungsformation, der Neuralplatte. In dem aus dieser
entstehenden Neuralrohr bilden die zunächst indifferenten
Epithelzellen den Ausgang für ~Neuroblasten~ und ~Glioblasten~.
(Inwieweit Neuroblasten und Glioblasten primär plasmodiale
Zusammenhänge besitzen, muß noch genauer bestimmt werden.)
Die fertige Glia ist ein alle gröberen und feineren Teile der
nervösen Substanz einschließendes, schwammartiges Plasmodium;
ob die aus den Neuroblasten hervorgehende, eigentliche nervöse
Substanz in getrennte Zellgebiete gesondert ist, oder ob
auch sie ein plasmodiales Gefüge darstellt, ist noch nicht
entschieden. Die letztgenannte Möglichkeit hat aber die größere
Wahrscheinlichkeit für sich.
[Illustration: Fig. 83.