IV. Nervengewebe.

Das Nervengewebe ist in seiner Gesamtheit als Abkömmling des Epithels

zu betrachten (s. S. 82). Die Absonderung des Bildungsmaterials

für dieses hochdifferenzierte Gewebe fällt in eine sehr frühe

Embryonalperiode. Es entsteht aus dem äußeren Keimblatt.

In der frühen Abgrenzung des Bildungsmaterials innerhalb

der Keimanlage gleicht das Nervengewebe dem in ganz anderer

Richtung hochdifferenzierten Skelettmuskelgewebe. Über die

wichtigsten Bildungsstufen des Nervengewebes (Medullarplatte,

-rinne, -rohr, Ganglienleiste usw.) vgl. die Lehrbücher der

Entwicklungsgeschichte.

Reizaufnahme, -weiterleitung und -übertragung, die wichtigsten Aufgaben

des Nervengewebes, sind bei einfachst gebauten, sogenannten einzelligen

Organismen, Eigenschaften der ganzen Zelle, die allerdings durch

mannigfache Sondereinrichtungen besonders dafür ausgestattet sein kann.

Bei Metazoen ist stets die die äußere Körperoberfläche bildende

Substanz der Ausgangsort für die Bildung eines spezifisch

differenzierten Nervengewebes.

Die gesteigerte Reizbarkeit, als Folge der Ausbildung besonders

gut auf Reize ansprechender Organzellen, bewirkte wohl eine

Versenkung des Nervengewebes unter die Oberfläche in eine

geschütztere Lage; die Vergrößerung und die Komplizierung im

Aufbau des Organismus machte eine erhebliche Ausdehnung des

reizleitenden Systems notwendig.

So finden wir endlich den Wirbeltierorganismus allenthalben von

einer Substanz durchzogen, die gegenüber allen anderen Geweben durch

eine außerordentlich gesteigerte Reizbarkeit, deren Wesensart wir

nicht kennen, ausgezeichnet ist. Diese Nervensubstanz ermöglicht die

Verknüpfung der örtlich und substantiell differenten Teile des Körpers

zu einem Organismus. Die hierdurch gegebene, regulatorische Funktion

wird verständlich, wenn wir sehen, daß die nervöse Substanz in fast

allen Geweben und Gebieten des Körpers ~Aufnahmeapparate~ für Reize

besitzt.

Diese sogenannten sensiblen und sensorischen Nervenendigungen

werden, wie alle speziellen Einrichtungen, später besprochen.

Auf dem Wege von längeren oder kürzerer Bahnen nervöser Substanz,

einem Teil der sogenannten ~Nervenfasern~, werden die Reize den

nervösen ~Zentren~ zugeführt, die wir in den verschiedensten Regionen

des Rumpfes antreffen (~periphere Ganglien~), in erster Linie aber

als ~Rückenmark~ und ~Gehirn~ kennen. Hier gegebene, hochkomplizierte

Einrichtungen müssen als Hauptorte der regulierenden Funktion der

Nervensubstanz betrachtet werden.

Von diesen Zentren aus ziehen besondere (zentrifugal funktionierende)

Leitungsbahnen, ein anderer Teil der Nervenfasern, in alle

Körperregionen; an den Enden dieser Nervenfasern (besonders an Muskeln,

Drüsen) werden die Impulse zu den mannigfachsten Verrichtungen des

Körpers gegeben.

Die enorme Reizbarkeit der gesamten Nervensubstanz mag es mit

sich bringen, daß sie in allen Teilen von einem nur ihr eigenen

~Hüllmaterial~, der ~Neuroglia~[82], umgeben ist. Diese ist eine

zwischen das Bindegewebe und die nervöse Substanz eingeschaltete Hülle,

die vermutlich ungeeignete Reize vom Nervenzytoplasma abhält und

besonders den Stoffwechsel der Nervensubstanz reguliert.

Wie die eigentliche, nervöse Substanz und die Neuroglia

in inniger Gemeinschaft zentrale wie periphere Teile des

Nervensystems aufbauen, so entstammen beide aus der gemeinsamen

Bildungsformation, der Neuralplatte. In dem aus dieser

entstehenden Neuralrohr bilden die zunächst indifferenten

Epithelzellen den Ausgang für ~Neuroblasten~ und ~Glioblasten~.

(Inwieweit Neuroblasten und Glioblasten primär plasmodiale

Zusammenhänge besitzen, muß noch genauer bestimmt werden.)

Die fertige Glia ist ein alle gröberen und feineren Teile der

nervösen Substanz einschließendes, schwammartiges Plasmodium;

ob die aus den Neuroblasten hervorgehende, eigentliche nervöse

Substanz in getrennte Zellgebiete gesondert ist, oder ob

auch sie ein plasmodiales Gefüge darstellt, ist noch nicht

entschieden. Die letztgenannte Möglichkeit hat aber die größere

Wahrscheinlichkeit für sich.

[Illustration: Fig. 83.

Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen, mit Einschluss der mikroskopischen Technik · 第 96 / 286 题