III. Muskelgewebe.

Die Muskelgewebe hängen dem Ursprung nach enge mit den Stützgeweben

zusammen. Für die übergroße Mehrzahl aller Muskeln ist nachgewiesen,

daß sie aus derselben plasmodialen Anlage stammen wie die Stützgewebe.

Nur die Binnenmuskeln des Auges und die den

Schweißdrüsenepithelien enge anliegenden Muskeln sondern sich

erst später von den Epithellagen, denen sie unmittelbar zugeteilt

bleiben.

Die Berechtigung, die hierher gehörigen Elemente zu einem besonderen

Gewebe zusammenzufassen, liegt einmal in ihrer ganz ~andersartigen

Fortentwicklung~, und dann in ihrer ~Funktion~.

Der Differenzierungsvorgang, der zur Bildung von Muskelelementen

führt, besteht vorwiegend in der Ausbildung neuer ~intraplasmatischer~

Strukturen, die in der Form von ~Fibrillen~ auftreten, wobei es

wiederum zweifelhaft ist, ob wir diese dem Protoplasma oder dem

Metaplasma (s. S. 57) zurechnen sollen. Tatsächlich scheint mit ihrer

Ausbildung die Funktion der Muskelelemente in engstem Zusammenhange zu

stehen.

Die Funktion aller Muskelelemente besteht in ihrer ausgesprochenen

~Formveränderlichkeit~. Diese ist gegenüber der allen Zellen mehr oder

weniger zukommenden Formveränderlichkeit erheblich gesteigert; vor

allem aber ist sie einseitig gerichtet.

Besonders bei den Amöben, dann aber auch bei vielen sogenannten

Wanderzellen (s. Blut) sehen wir die Formveränderlichkeit als

sogenannte amöboide Bewegung dadurch charakterisiert, daß an der

ganzen Oberfläche der Zellen Fortsätze (sogenannte Pseudopodien)

ausgestreckt werden können, denen dann der übrige Zellkörper

nachfolgen kann (s. Fig. 101). Diese Formveränderlichkeit führt

zur Fortbewegung und kann sich nach allen Richtungen auswirken.

Demgegenüber ist das Muskelelement durch seine Einordnung in das

Stützgewebe nur mehr zu Formveränderungen in ~einer~ Richtung

befähigt, die dann zur Verlängerung oder zur Verkürzung des

Elementes führen können. Daraus erklärt es sich wohl auch, daß

alle Muskelelemente eine langgestreckte Form besitzen, wobei die

Längsachse mit der Verkürzungsrichtung zusammenfällt.

Die Wirkung eines Muskelelementes ist also ohne die Verbindung mit dem

umliegenden Stützgewebe undenkbar; der Zusammenhang mit diesem ergibt

sich zudem aus der gemeinsamen Anlage.

Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen, mit Einschluss der mikroskopischen Technik · 第 90 / 286 题