Die Muskelgewebe hängen dem Ursprung nach enge mit den Stützgeweben
zusammen. Für die übergroße Mehrzahl aller Muskeln ist nachgewiesen,
daß sie aus derselben plasmodialen Anlage stammen wie die Stützgewebe.
Nur die Binnenmuskeln des Auges und die den
Schweißdrüsenepithelien enge anliegenden Muskeln sondern sich
erst später von den Epithellagen, denen sie unmittelbar zugeteilt
bleiben.
Die Berechtigung, die hierher gehörigen Elemente zu einem besonderen
Gewebe zusammenzufassen, liegt einmal in ihrer ganz ~andersartigen
Fortentwicklung~, und dann in ihrer ~Funktion~.
Der Differenzierungsvorgang, der zur Bildung von Muskelelementen
führt, besteht vorwiegend in der Ausbildung neuer ~intraplasmatischer~
Strukturen, die in der Form von ~Fibrillen~ auftreten, wobei es
wiederum zweifelhaft ist, ob wir diese dem Protoplasma oder dem
Metaplasma (s. S. 57) zurechnen sollen. Tatsächlich scheint mit ihrer
Ausbildung die Funktion der Muskelelemente in engstem Zusammenhange zu
stehen.
Die Funktion aller Muskelelemente besteht in ihrer ausgesprochenen
~Formveränderlichkeit~. Diese ist gegenüber der allen Zellen mehr oder
weniger zukommenden Formveränderlichkeit erheblich gesteigert; vor
allem aber ist sie einseitig gerichtet.
Besonders bei den Amöben, dann aber auch bei vielen sogenannten
Wanderzellen (s. Blut) sehen wir die Formveränderlichkeit als
sogenannte amöboide Bewegung dadurch charakterisiert, daß an der
ganzen Oberfläche der Zellen Fortsätze (sogenannte Pseudopodien)
ausgestreckt werden können, denen dann der übrige Zellkörper
nachfolgen kann (s. Fig. 101). Diese Formveränderlichkeit führt
zur Fortbewegung und kann sich nach allen Richtungen auswirken.
Demgegenüber ist das Muskelelement durch seine Einordnung in das
Stützgewebe nur mehr zu Formveränderungen in ~einer~ Richtung
befähigt, die dann zur Verlängerung oder zur Verkürzung des
Elementes führen können. Daraus erklärt es sich wohl auch, daß
alle Muskelelemente eine langgestreckte Form besitzen, wobei die
Längsachse mit der Verkürzungsrichtung zusammenfällt.
Die Wirkung eines Muskelelementes ist also ohne die Verbindung mit dem
umliegenden Stützgewebe undenkbar; der Zusammenhang mit diesem ergibt
sich zudem aus der gemeinsamen Anlage.