1. Das Bindegewebe.

Die Grundsubstanz des Bindegewebes ist mehr oder weniger weich,

die Zellen sind spärlich. Man unterscheidet mehrere Arten: a) das

gallertartige Bindegewebe, b) das retikuläre und c) das fibrilläre

Bindegewebe.

a) Das ~gallertartige Bindegewebe~, Fig. 45, besteht aus einer großen

Menge ungeformter, »schleimhaltiger«, feine Bindegewebsbüschel

einschließender Grundsubstanz, die in den Maschen des Plasmodiums

liegt, und findet sich bei höheren Tieren nur im Nabelstrange der

Embryonen, ist dagegen bei vielen niederen Tieren sehr verbreitet[75].

b) Das ~retikuläre Bindegewebe~ bildet ein Schwammwerk, dessen Gerüst

im wesentlichen aus dem Plasmodium der »Retikulumzellen« besteht; diese

haben eine ganz ähnliche Anordnung wie das Plasmodium im Gallertgewebe.

Der Unterschied des letzteren gegen das retikuläre Gewebe besteht im

Verhalten der Interzellularsubstanz; in den Lücken des Plasmodiums

finden wir nur eine bewegliche Flüssigkeit (Lymphe), in der freie

Zellen liegen.

Wir können diese Lymphe als »flüssige Interzellularsubstanz« auffassen.

Ob an der Oberfläche des Plasmodiums noch festere Interzellularsubstanz

ausgebildet ist, darin gehen die Auffassungen auseinander; die das

plasmodiale Gerüst stützenden Fasern (Retikulinfasern), die den

kollagenen Fibrillen nahe stehen, werden teils als intraplasmatische

Bildungen, teils als solche der Interzellularsubstanz (also als

extraplasmatische) aufgefaßt (s. Fig. 46).

In besonderer Entfaltung findet sich das Gewebe in den Lymphknoten vor;

man bezeichnete diese früher oft als Lymphdrüsen, das retikuläre Gewebe

deshalb auch als adenoides[76] Gewebe. Diese Gewebsform ist aber nicht

auf die Lymphknoten beschränkt, sondern in ähnlicher Ausbildung in

vielen Schleimhäuten, besonders im Darmkanal zu finden.

In Lymphknoten (Milz und Knochenmark) spielen die Zellen des

retikulären Gewebes eine besonders wichtige Rolle durch die

Fähigkeit Fremdstoffe zu speichern (s. S. 93). Bei starker Zufuhr

von Fremdstoffen vermögen sich Zellen aus dem plasmodialen Gefüge

loszulösen; diese geraten dann in die Hohlräume und von da in die

Lymph- und Blutbahn, wo sie als »Bluthistiozyten« angetroffen werden

(s. a. S. 93).

[Illustration: Fig. 45.

Gallertiges Bindegewebe (Nabelstrang zur Zeit der Geburt, Mensch).

500mal verg. Technik Nr. 20, S. 116.]

[Illustration: Fig. 46.

Retikuläres Bindegewebe. Aus einem Schnitt durch einen Lymphknoten vom

Menschen; links freie Zellen (Lymphozyten) in den Hohlräumen, rechts

dieselben weggelassen. 500mal vergr. Technik Nr. 21, S. 117.]

c) Das ~fibrilläre~ Bindegewebe tritt in sehr verschiedener Gestalt und

Zusammensetzung auf.

Je nach der Differenzierungsweise der Interzellularsubstanz gewinnt es

ein ganz verschiedenes Aussehen. Wir unterscheiden:

¿a¿) das ~lockere~ (oder ~formlose~) Bindegewebe (Fig. 47), das überall

dort gefunden wird, wo eine ausgesprochene mechanische Beanspruchung

fehlt, dagegen die Stoffwechselfunktion (s. S. 98) stark entwickelt

ist. Hierdurch erscheint es morphologisch als Verbindungs- und

Ausfüllungsmasse zwischen benachbarten Geweben und Organen.

An Zellen finden wir in ihm die meisten Arten der oben

besprochenen vor: Fibroblasten, Fettzellen, ruhende Wanderzellen,

Mastzellen, verschiedene Formen von weißen Blutzellen, an manchen

Stellen Pigmentzellen.

[Illustration: Fig. 47.

Lockeres Bindegewebe. Ausgespanntes Häutchen vom Zwischenmuskelgewebe

(Kalb). Färbung der kollagenen, elastischen Fasern und der Mastzellen.

500mal vergr. Technik Nr. 22 S. 117.]

Die Interzellularsubstanz ist durch lockere Fügung und

mannigfachste Richtung ihrer kollagenen Bündel ausgezeichnet und

überall von meist feineren elastischen Fasernetzen durchzogen.

Da, wo lockeres Bindegewebe an Epithel stößt, kommt es nicht

selten zur Bildung gleichartig aussehender Häute, die als

~Grundmembranen~ (Basement membrane), als ~Membranae propriae~

und als ~Glashäute~ beschrieben werden. Sie sind zum Teil

Modifikationen des Bindegewebes, und bestehen dann aus einem

Filz feinster Fasern, zum Teil ein Produkt des Epithels (s.

Entwicklung der Glashaut des Haarbalges).

In dünner Lage flächenhaft ausgebreitet findet sich das lockere

Bindegewebe in den Mesenterien der Bauchhöhle, gegen die es durch

Plattenepithel (Endothel) abgeschlossen wird. Durch Lückenbildung

wird das Bindegewebe auf ein Netzwerk reduziert (Omentum, s. Fig.

48 und 22, S. 77).

¿b¿) Die ~geformten~ Bindegewebe treten überall da auf, wo gesteigerte

mechanische Beanspruchungen die Stützsubstanz treffen. Je nach der

Art dieser Reize kommt es zu verschiedenen, charakteristischen

Bildungsformen. Die interzellularen Differenzierungen überwiegen

an Masse stark die Zellen, die Saftströmung dürfte in gleichem

Maße erschwert sein; die Zahl der in diesen Geweben anzutreffenden

Wanderzellen ist entsprechend bedeutend geringer als im lockeren oder

gar im retikulären Bindegewebe.

Schon die Umhüllung größerer Bündel anderer, faseriger Gewebe

(Nerven, Muskeln) erfordert stärkere Lagen parallelfaseriger

Bindegewebe (Perineurium, Perimysium). Stärkere flächenhafte

Dehnungsreize, wie sie von den bei der Zusammenziehung sich

verdickenden Muskeln auf die oberflächlichen Bedeckungshäute

(~Faszien~) ausgeübt werden, bewirken oft eine Durchflechtung

starker sich kreuzender, kollagener Bündel.

An manchen Stellen der Haut (beim Menschen besonders an

Handfläche und Fußsohle) handelt es sich darum, eine gegen

Druck widerstandsfähige Bindegewebslage zu schaffen, wobei

eine stärkere Ausbildung der kollagenen Fibrillenbündel (bis

zur Stärke von 10 µ) und eine Durchflechtung derselben in den

verschiedenen Richtungen des Raumes erzeugt wird (Fig. 49). Das

kollagene Formelement überwiegt in diesen Geweben das elastische

bedeutend.

Wirkt ein Zug auf das Bindegewebe vorwiegend in einer Richtung,

so kommen parallelfaserige Bindegewebe zustande, wie sie bei

vielen Gelenkbändern vorliegen, in denen dann die Fibroblasten

bei reichlicher Fibrillenbildung zu länglichen Zellformen

mit spindeligen Zellkernen umgeformt erscheinen. Die enorme

Ausbildung kollagener Fibrillenbündel bedingt die starke

Widerstandsfähigkeit der Bänder gegen Zug und Zerreißung.

[Illustration: Fig. 48.

Geformtes Bindegewebe. Stückchen des Omentum majus eines Menschen.

60mal vergr. Technik Nr. 23, S. 118.]

Die extreme Einseitigkeit in der Ausbildung parallel angeordneter,

kollagener Fibrillenbündel, gleichzeitig gänzliche Einseitigkeit

starker Zugbeanspruchung charakterisiert das ~Sehnengewebe~.

Die Regelmäßigkeit des Sehnenaufbaues wird durch die

Zusammenfassung der Fibrillenbündel zu Primitivbündeln bewirkt;

zwischen diesen liegen spärliche Mengen lockeren Bindegewebes,

das die zur Ernährung notwendigen Blutgefäße führt. Elastische

Fasern, die hier sehr fein sind, kommen nur spärlich vor.

Die Sehnenzellen sind zu säulenartigen Reihen angeordnet (Fig.

50) und die langgestreckten Zellkörper, die einen spindeligen

Kern enthalten, liegen dicht von der fibrillär differenzierten

Interzellularsubstanz umschlossen, so daß der Zelleib in der

Längsrichtung meist eingefurcht wird. Dadurch bekommen die

Sehnenzellen die Form eines zentral gelegenen Stabes, von dem

nach drei oder vier Seiten dünne blattartige Anhänge abgehen

(sogenannte Flügelzellen). In der Fortsetzung dieser peripheren

Zellabschnitte ist die Interzellularsubstanz von Spalten

durchsetzt, so daß die Orte, an denen die Zellen liegen, auf dem

Sehnenquerschnitt durch solche Spalten miteinander in Verbindung

stehen (Fig. 51). Ob die Zellen selbst ein zusammenhängendes

Plasmodium bilden, ist nicht sicher.

[Illustration: Fig. 49.

Verfilztes Bindegewebe. Schnitt durch die Lederhaut der Handfläche.

500mal vergr. Technik Nr. 24, S. 118.]

[Illustration: Fig. 50.

Sehnenbündel mit Sehnenzellen des Menschen. 560mal vergrößert. Technik

Nr. 25, S. 118.]

Geformtes Bindegewebe kann aber auch bei extremer Ausbildung

elastischer Substanz vorkommen. Hierdurch wird bei einseitigem Zuge

die Möglichkeit einer Dehnung zugelassen, der dann beim Nachlassen des

Zuges die Wiederherstellung der ursprünglichen Länge folgt. Solche

Gewebe bezeichnen wir als ~elastische Bänder~ (Nackenband, Ligg. flava).

Die elastische Substanz bildet in ihnen parallel gerichtete,

aber vielfach untereinander zusammenhängende dicke elastische

Fasern (Fig. 52), an denen man eine etwas dichtere

Oberflächenschicht darstellen kann. Diese Fasern liegen in

der spärlichen Interzellularsubstanz, in der auch kollagene

Fibrillen in geringem Grade ausgebildet sind (Fig. 53). Die

Zellen, umschlossen von der Interzellularsubstanz, zeigen den

gewöhnlichen Typus der Fibroblasten; Wanderzellen werden nur

spärlich angetroffen.

Als besonders spezialisierte Abarten des lockeren Bindegewebes

betrachten wir endlich das Pigmentgewebe und das Fettgewebe.

Das ~Pigmentgewebe~ ist ein lockeres Bindegewebe, bei dem ein Teil

der Fibroblasten Pigment enthält. Dieses erfüllt das Zytoplasma in

unzähligen feinen rundlichen oder stabförmigen Körnchen, die entweder

eine mehr gelbliche oder dunkelbraune Farbe besitzen.

[Illustration: Fig. 51.

Querschnitt durch ein Sehnenbündel (Rattenschwanz). [Nach einem

Präparat von ~M. Heidenhain~.] 500mal vergr. Technik Nr. 26, S. 118.]

[Illustration: Fig. 52.

Sehr dicke elastische Fasern (¡f¡) aus dem Nackenband des Rindes,

¡b¡ Bindegewebsbündel. 560mal vergr. Technik Nr. 27, S. 118.]

[Illustration: Fig. 53.

Querschnitt durch das Nackenband des Rindes. Elastische Fasern dunkel.

500mal vergr. Technik Nr. 28, S. 118.]

Solche Pigmentzellen kommen beim Menschen nur in einzelnen

Stellen der Haut und im Auge vor; bei vielen, besonders niederen

Tieren sind sie dagegen sehr verbreitet und spielen hier durch

ihre besondere Ausbildung vielfach eine große Rolle als Schutz

gegen Wärme und Belichtung, zur Erzeugung auffallender Farben

usw. Hier wird in besonders ausgeprägten Fällen die allen Zellen

zukommende Formveränderlichkeit zu einer wichtigen Eigenschaft:

durch Aussenden von Fortsätzen können die Pigmentkörnchen in

eine dünnere Lage ausgebreitet werden, durch Zusammenballung

der Zelle wird dagegen eine dichte Körnchenlagerung ganz andere

Lichteinwirkungen zulassen.

Die Entstehung der Pigmentkörnchen kann offenbar mit den

verschiedensten Prozessen in Zusammenhang gebracht werden; in

vielen Fällen handelt es sich um einen Farbstoff, der aus dem

Hämoglobin der Blutkörperchen durch Zersetzung entsteht und von

den Bindegewebszellen gespeichert wird (hämatogenes Pigment).

Andere Pigmente (Melanine, Luteïne) mögen autochthon durch

fermentative Tätigkeit der Zellen selbst entstehen. Ontogenetisch

wird die Pigmentbildung von manchen Forschern mit den Plastosomen

in Verbindung gebracht.

Nicht jede Pigmentzelle ist eine Bindegewebszelle, es gibt auch

pigmentierte Epithelzellen, z. B. im Auge.

Das ~Fettgewebe~ ist ebenfalls nur eine Abart des lockeren

Bindegewebes, da die Ausbildung von vereinzelten Fettzellen überall

in dieser Gewebsform vorkommt. Auch wissen wir, daß bei starker

Fettbildung im Körper auch an solchen Stellen des Bindegewebes ein

Überwiegen der Fettzellen gefunden wird, wo wir sie normalerweise nur

vereinzelt vorfinden.

[Illustration: Fig. 54.

Pigmentgewebe im Corpus ciliare des Auges (Kaninchen). Die

Pigmentzellen haben den plasmodialen Zusammenhang bewahrt. 500mal

vergr. Technik Nr. 29, S. 118.]

[Illustration: Fig. 55.

Stückchen Fettgewebe aus einem Schnitt der menschlichen Kopfhaut, etwa

240mal vergr. Technik Nr. 31, S. 119.]

Die Fettsubstanzen sind Glyzerinester hochwertiger Fettsäuren,

zum Teil auch fettsaure Salze. Histologisch ist Fett gut

zu charakterisieren: 1. frisch durch seine eigenartige

Lichtbrechung, 2. nach Osmiumbehandlung durch die Schwärzung

(welche nicht ganz spezifisch ist), 3. nach Formolfixation

unter Vermeidung fettlösender Agentien (Alkohol, Äther,

Chloroform, Xylol) durch Färbung mit Sudan III, Scharlach R.

u. a. sogenannten, indifferenten Farbstoffen. (Genaueres s. in

Lehrbüchern der Mikrotechnik.)

An Fettzellen bildet das Zytoplasma nur einen schmalen, an der

Peripherie gelegenen Saum, während der größte Teil der Zelle von

einem großen Fettropfen eingenommen wird. Peripher befindet sich auch

der stark abgeplattete Kern, der in gut ausgebildeten, nicht aber in

atrophischen Fettzellen regelmäßig ein oder mehrere scharf umschriebene

Fettröpfchen enthält (Fig. 55). Häufig ist der Zytoplasmasaum so

dünn, daß er nicht mehr zu sehen ist. Anhäufungen von Fettzellen

geben Veranlassung zur Bildung einer von zahlreichen Blutgefäßen,

Lymphgefäßen und Nerven durchzogenen Formation, des ~Fettgewebes~, das

in physiologischer Beziehung (Stoffwechsel) eine sehr wichtige Rolle

spielt.

Das Fettgewebe ist nach dieser Darstellung eine Modifikation

des ausgebildeten Bindegewebes, besitzt aber eigene, embryonale

Bildungsstätten und entwickelt sich durch Bildung anfangs

zahlreicher, kleiner Tröpfchen aus großen, zytoplasmareichen

Bindegewebszellen (~Steatoblasten~)[77]. An denjenigen

Körperstellen, an denen sich ~regelmäßig~ Fettgewebe findet,

unterscheiden sich die jungen, mehr kugligen, kleine

Fettröpfchen enthaltenden Fettzellen von den anderen, platten

Bindegewebszellen. Die Zellen des Fettgewebes würden sich

also von den Fett enthaltenden Bindegewebszellen dadurch

unterscheiden, daß sie ~differenzierte~ Gebilde darstellen, die,

auch wenn sie ihr Fett verloren hätten, keine Bindegewebszellen

mehr werden könnten, ebensowenig wie eine vom Mesoderm stammende

glatte Muskelzelle je zu einer Bindegewebszelle wird.

Bei hohen Graden von Abmagerung findet man in einzelnen Fettzellen

das Fett bis auf kleine Tröpfchen verschwunden; ein blasses, mit

schleimiger Flüssigkeit vermengtes Zytoplasma ist an dessen Stelle

getreten, die Zelle ist nicht mehr kugelrund, sondern platt geworden.

Man nennt solche Zellen ~seröse Fettzellen~ (Fig. 56). In vielen

Fettzellen treten nach dem Tode oft kuglige Haufen nadelförmiger

Kristalle, sogenannte ~Margarinkristalle~ auf.

[Illustration: Fig. 56.

Seröse Fettzellen aus der Achselhöhle eines hochgradig abgemagerten

Individuums. 240mal vergr. ¡k¡ Kern, ¡f¡ Fettröpfchen,

¡c¡ Blutkapillaren, ¡b¡ Bindegewebsbündel. Technik Nr. 30, S. 118.]

Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen, mit Einschluss der mikroskopischen Technik · 第 87 / 286 题