Mikroskopische Anatomie und spezielle Technik.
Alle Tierkörper entstehen durch einen sehr komplizierten
Entwicklungsvorgang aus dem Ei, das ein in sich einheitliches
Gebilde darstellt; es bildet sich im Beginne der Entwicklung in
rascher Folge zu einem zusammengesetzten Gebilde um, dessen einzelne
Teile in vieler Beziehung das Aussehen des Eies nachahmen, sich nur
durch die mit dem Fortschreiten der Entwicklung abnehmende Größe
von diesem unterscheiden. Durch die Entwicklung ist also aus dem
zuerst einheitlichen Ei eine Vielheit von Einheiten geworden; diese
Einheiten nennen wir -- unabhängig von der Frage ihres Zusammenhanges
untereinander -- ~Zellen~ (aus der Eizelle sind also durch die ersten
Entwicklungsvorgänge zahlreiche unter sich gleiche Zellen entstanden).
Im Verlaufe der Entwicklung ordnen sich die Zellen zu ~Keimblättern~,
das sind Zellenkomplexe, die bei niederen Wirbeltieren eine Zeitlang in
einfacher Schicht angeordnet sind.
[Illustration: Fig. 2.
Schematischer Durchschnitt durch den Leib eines Wirbeltierembryo. Die
freien Seiten der Zellen sind durch dunklere Abtönung markiert.]
Wir nennen so angeordnete Zellenkomplexe Epithelien, d. h.
zusammenhängende Lagen von Zellen, welche äußere und innere
Flächen des Körpers bedecken; alle Zellen sind zu dieser Zeit
Epithelzellen, an denen man ~freie~, der Oberfläche zugekehrte
und ~basale~ Flächen unterscheiden kann (Fig. 2).
In dieser Entwicklungsstufe gleichen sich die Zellen nicht mehr völlig;
sie sind aus dem vorher ~indifferenten~ Zustand ~differenziert~ worden.
Sehr bald entstehen auch Zwischenräume zwischen den Epithelien und
werden mit Zellkomplexen angefüllt, deren Differenzierung nach
den verschiedensten Richtungen weiter fortschreitet. Komplexe von
gleichartig differenzierten Zellen bezeichnen wir als ~Gewebe~.
Wir unterscheiden vier Hauptgewebe: 1. Das Epithelgewebe, 2. das Gewebe
der Stützsubstanz, 3. das Muskelgewebe, 4. das Nervengewebe. Solange
diese Gewebe noch jung sind, bestehen sie ~nur~ aus gleichartigen
Elementen, nur aus Zellen; im Verlauf der Entwicklung aber wird
dieses Verhältnis in zweifacher Weise abgeändert. Erstens produzieren
die Zellen besondere Substanzen, welche, zwischen Zellen gelagert,
~Interzellularsubstanzen~ genannt werden. Dadurch wird indessen der
Charakter der Gewebe nicht wesentlich alteriert, die oben angegebene
Definition von »Gewebe« muß nur dahin erweitert werden, daß wir ein
Gewebe einen Komplex gleichartig differenzierter Zellen ~und ihrer
Abkömmlinge~ nennen. Eingreifender ist die zweite Abänderung, die darin
besteht, daß die Gewebe der einen Art in andere Gewebe eindringen; dies
ist nun in sehr verschiedenem Grade der Fall, am reinsten hat sich noch
das Epithelgewebe erhalten, ihm folgt das Stützgewebe. Muskelgewebe
aber und Nervengewebe sind im ausgebildeten Zustande mit anderen
Geweben so stark durchmischt, daß, wenn auch in ihnen die zu Muskeln,
bzw. zu Nerven differenzierten Elemente vorherrschen, von einem Gewebe
im Sinne der gegebenen Definition doch kaum mehr die Rede sein kann.
Aus diesem Grunde ist auch der Vorschlag gemacht worden, von
einer Einteilung in Gewebe Abstand zu nehmen und nur Elemente und
Organe zu unterscheiden.
Die Gewebe sind also unter sich nicht gleichwertig; am niedersten
stehen das Epithelgewebe und das Stützgewebe; beide, sowohl
hinsichtlich ihrer Gestalt, als auch ihrer Leistung voneinander
verschieden, kommen auch im Pflanzenreiche vor; wir können sie
deshalb als ~vegetative Gewebe~ zusammenfassen. Höher, sowohl in
morphologischer, wie in physiologischer Hinsicht, stehen das Muskel-
und das Nervengewebe, die, nur dem tierischen Körper zu eigen,
~animale~ Gewebe genannt werden.
Es wäre verfehlt, aus der Tatsache, daß die Gewebe von den
epithelialen Keimblättern abstammen, schließen zu wollen, daß
nach erfolgter Differenzierung der Hauptgewebe aus dem fertigen
Epithelgewebe etwa Stütz- oder Muskel- oder Nervengewebe
entstehen könne. Jedes Hauptgewebe liefert dann ~nur~
seinesgleichen.
Indem verschiedene Gewebe zum Aufbau eines Körpers von bestimmter
innerer Struktur und bestimmter äußerer Form zusammentreten, bilden sie
ein ~Organ~.
Die Erforschung der Zellen und der Gewebe fällt der Gewebelehre,
der ~Histologie~, anheim. Die Gewebelehre ist ein Teil der feineren
Anatomie, die nach dem Hilfsmittel, dessen sie sich zumeist bedient,
~mikroskopische Anatomie~ benannt wird; auch die Erforschung der
Organe, soweit dieselbe durch das Mikroskop vermittelt werden kann, ist
Aufgabe der mikroskopischen Anatomie.