I. Histologie[38].

A. Die Eizelle.

Unter Zelle (Cytos[39], Cellula) versteht man ein räumlich begrenztes

Formelement, welches unter gewissen Bedingungen fähig ist, sich

zu ernähren, zu wachsen, sich fortzupflanzen und auf äußere Reize

zu reagieren. Wegen dieser Fähigkeiten führt die Zelle den Namen

»Elementarorganismus«.

Die ~Eizelle~, als Entstehungsform jedes tierischen Organismus, zeigt

die wichtigsten Eigenschaften jeder Zelle. Bevor die Eizelle ihrer

Bestimmung gerecht werden kann, liegt sie, von anderen Zellen umgeben,

im Eierstock (Ovarium; s. darüber unter Geschlechtsorgane). Frisch aus

einem reifen Ovarialfollikel isoliert (s. Techn. Nr. 1, S. 71) ist die

Eizelle der Säugetiere, auch des Menschen, ein kugliges Gebilde, von

0,06-0,25 mm Durchmesser. Die menschliche Eizelle besitzt gewöhnlich

einen Durchmesser von 0,25 mm; man kann sie also gut mit bloßem Auge

erkennen. Damit übertrifft sie die Mehrzahl der Körperzellen an Masse.

[Illustration: Fig. 3.

Eizelle aus einem Ovarialfollikel der Kuh. 250mal vergrößert. Technik

Nr. 1, S. 71.]

Die Eisubstanz ist im ganzen durchsichtig, aber nicht klar; sie enthält

in großer Zahl kleinere und umfangreichere, meist kuglige Einschlüsse,

die die Durchsichtigkeit stören (s. Fig. 3). Diese Einschlüsse werden

unter der Bezeichnung »Dotter« zusammengefaßt. Nur dicht unter der

Oberfläche und an einer bestimmten Stelle im Innern ist der Dotter

spärlicher zu finden.

Die Eizelle der Säugetiere ist von einer breiten glasklaren Hülle

umgeben, der ~Zona pellucida~[40].

Diese besitzt feine Porenkanäle, durch die Nährmaterial aus der

Umgebung der Eizelle eindringen kann.

Nicht ganz zentral in der eben erwähnten dotterärmeren Masse der

Eizelle liegt ein scharf begrenztes, hell durchscheinendes Bläschen,

früher als »Keimbläschen« bezeichnet (s. Fig. 3); es ist der ~Zellkern~

(Nucleus, Karyon[41]). In ihm tritt manchmal ein noch kleineres

Kügelchen etwas dunkler hervor, der ~Nucleolus~ (»Keimfleck«).

Der Zellkern ist in allen Eizellen und in fast allen Körperzellen

ein wichtiger Formbestandteil. Die gesamte übrige Zellmasse nennen

wir ~Zytoplasma~[42]. Dieses zeigt schon bei den Eizellen in seiner

Zusammensetzung eine große Mannigfaltigkeit, so daß es notwendig

ist, zunächst rein begrifflich mehrere Gruppen von zytoplasmatischen

Elementen zu sondern. In der Voraussetzung, daß die Lebenstätigkeit in

einer fortwährenden Assimilation und Dissimilation besteht, daß also

fortwährend Substanzen irgendwelcher Art auf- und abgebaut werden,

lassen sich Teile des Zytoplasmas unterscheiden, die aktiv an diesen

Vorgängen beteiligt sind, und solche, die entweder Objekt oder Produkt

dieser Vorgänge sind.

Die Gesamtheit der Inhaltsmassen, die aktiv, als dauernder Bestandteil

des Zytoplasmas an dem Lebensprozeß beteiligt sind, nennen wir

~Protoplasma~[43], die Gesamtheit der Objekte und Produkte des

Stoffwechsels soweit sie nur vorübergehend in der Zelle vorkommen,

bezeichnen wir als ~paraplasmatische Stoffe~[44]. Solche sind z. B.

alle deutlich die Rolle von Nahrungsstoffen spielenden Einschlüsse,

wie Eiweiß, Glykogen, Fette usw., ferner zur Ausscheidung bestimmte

Stoffwechselprodukte, die häufig längere Zeit im Zytoplasma angesammelt

werden.

Endlich sehen wir, daß durch die Tätigkeit des Protoplasmas gewisse

Substanzen im Zelleib oder an der Oberfläche der Zellen entstehen,

die wir dann nicht mehr eigentlich zum lebenden Teil des Zellkörpers

rechnen, wohl aber als Dauereinrichtung der Zelle eine wichtige Rolle

spielen sehen; solche Strukturen charakterisieren die mannigfaltigen

Zellformen, die wir im Lauf der nächsten Kapitel kennen lernen werden

in hohem Maße. Sie fassen wir in dem Begriffe ~Metaplasma~[45] zusammen.

Protoplasma und Metaplasma also sind dauernde Zellbestandteile, während

das Paraplasma als Objekt und Produkt der Zelltätigkeit eine dem

Wechsel unterworfene Einrichtung darstellt.

Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Zellenforschung,

aufgefundene Strukturelemente in eine dieser drei begrifflich

unterschiedenen Gruppen einzuordnen. Hierin gehen deshalb die Meinungen

oft sehr stark auseinander.

Im Zytoplasma der Eizelle finden wir folgende ~paraplasmatischen~

Stoffe:

a) die ~Dotterkörner~. Ihre Menge bestimmt bei den verschiedenen

Tierarten im wesentlichen die Größe der Eizellen; so beruht die

Größe des Vogeleies auf der sehr starken Dotteransammlung im

Zytoplasma, während das kleine Säugetierei sehr dotterarm ist. Das

Vogelei muß Nahrung für die ganze Bebrütungszeit in sich enthalten,

der Säugetierkeim findet im mütterlichen Uterus sehr bald eine

Nahrungsquelle und kann so der starken Dotterbelastung des Zytoplasmas

entraten. Die Dotterkörner sind demnach Objekte des Stoffwechsels und

als solche paraplasmatisch.

Sie bestehen aus einem Eisen und Phosphor enthaltenden

komplizierten Eiweißlipoidgemisch und sind oft mit bestimmten

Farben ausgestattet. In der frischen Säugetiereizelle erscheinen

sie als ziemlich stark lichtbrechende, verschieden große

rundliche Körper. Bei Amphibieneiern formen sie sich zu größeren,

sog. Dotterplättchen (s. Fig. 4), beim Vogelei nehmen sie

Tropfenform an.

b) ~Fett.~ Dieses ist meist in der Form feinster Tröpfchen im

Zytoplasma verteilt, und zeichnet sich durch bestimmte Reaktionen aus

(s. b. Fettgewebe, S. 71).

Als ein Beispiel ~metaplasmatischer~ Bildungen sind die

~Pigmentkörnchen~ zu betrachten, die der Säugetiereizelle zwar fehlen,

aber bei solchen Tierformen sehr verbreitet sind, deren Eier sich

freilebend im Wasser entwickeln. Sie sammeln sich z. B. beim Froschei

vorzugsweise an der Oberfläche des Zytoplasmas an (s. Fig. 4) und

sind hier als Schutz gegen zu starke Lichtwirkungen zu betrachten

(s. a. unter Pigment, S. 103). Die Pigmentkörnchen sind sicher durch

die Tätigkeit des Protoplasmas entstanden, besitzen aber kaum eine

selbständige Stoffwechseltätigkeit; anderseits sind sie aber eine für

die Zelle notwendige Einrichtung überall dort, wo sie angetroffen

werden, also ein nicht lebender Baubestandteil, daher seine Einordnung

bei dem Begriff Metaplasma.

[Illustration: Fig. 4.

Aus einem Durchschnitt durch ein Froschei. 500mal vergrößert. Nächst

der Eioberfläche dichte Lagerung der hier dunkel gezeichneten

Pigmentkörnchen (metaplasmatische Bildungen). Die (paraplasmatischen)

Dotterplättchen füllen den größten Raum im Zytoplasma aus. Technik

Nr. 2, S. 71. Nahe der Eioberfläche scheinen Pigmentkörnchen auch in

den Dotterplättchen zu liegen, in Wirklichkeit liegen sie auf deren

Oberfläche, also in dem zwischen den Dotterplättchen vorhandenen

Zytoplasma.]

Falls die Zona pellucida (s. o.) von der Eizelle gebildet wird (sie

könnte auch von den bei der Eizellenentwicklung dicht anliegenden

Follikelzellen geformt sein), so muß sie dem Metaplasma zugerechnet

werden.

Schwierig ist zurzeit besonders die Beurteilung einer anderen

Art von Einschlüssen des Zytoplasmas, die unter der Bezeichnung

~Plastosomen~[46] als regelmäßige Inhaltskörper der Eizelle wie der

meisten Körperzellen erkannt sind. Sie lassen sich in der unfixierten

Eizelle nicht erkennen, dagegen mit besonderen Färbemethoden aus der

Fülle andersartiger Zelleinschlüsse hervorheben (Fig. 5). Während

einige Forscher diese Plastosomen als einen wesentlichen formbildenden,

also protoplasmatischen Bestandteil des Zytoplasmas bezeichnen,

werden sie von anderen als hauptsächlich aus Eiweiß bestehende, also

paraplastische Reservestoffe aufgefaßt, auf deren Kosten sich im

Zytoplasma die verschiedensten Einschlüsse bilden können. Wenn wir auch

der letzteren Ansicht den Vorzug geben, so verkennen wir nicht, daß

diese Substanzen von besonderer Bedeutung für viele Bildungsvorgänge im

Zellkörper sind, und werden deshalb auf sie bei vielen Gelegenheiten

hinweisen müssen. Ihre Form ist sehr wechselnd, bald treten sie

als Körner, bald als Fäden auf, endlich können sie aus Körnern

zusammengesetzte Ketten bilden.

[Illustration: Fig. 5.

Schnitt durch ein Wurmei (Filaria papillosa) nach ~Meves~ (1915). Sehr

stark vergrößert. Feinkörnige Plastosomen (schwarz). Im Kern nur der

Nucleolus gefärbt. Technik Nr. 3, S. 72.]

Die hier als Plastosomen bezeichneten Gebilde sind morphologisch

identisch mit den Mitochondrien[47], Chondriosomen[48],

Chondriomiten[49] (~Benda~, ~Meves~, ~Duesberg~) zum Teil mit

der Filarmasse (~Flemming~), den Bioblasten[50] (~Altmann~),

den Plasmosomen[51] (~Arnold~). Ihre morphologische Darstellung

beruht teilweise auf Untersuchungen an überlebenden Zellen,

teilweise auf komplizierten Färbemethoden, mit denen es

gelingt, sie in überzeugender Weise sichtbar zu machen. Ihre

physiologische und histogenetische Bedeutung ist noch lebhaft

umstritten. Wegen Einzelheiten sei besonders verwiesen auf

~Duesberg~ (Ergebn. d. Anat. u. Entwicklungsgesch. Bd. XX) und

~A. Meyer~, Analyse der Zelle, Jena 1920, der sie als Allinante

bezeichnet.

Außer diesen ziemlich gleichmäßig im Zytoplasma verteilten

Inhaltskörpern kommt in noch wachsenden Eizellen ein eigenartiger

Substanzkomplex vor, den man als ~Balbiani~schen Dotterkern bezeichnet;

in ihm müssen wir die Überreste einer bei den meisten Zellen sehr

wichtigen Einrichtung erkennen, die wir als Zentralapparat bei den

Teilungsvorgängen genauer besprechen werden.

[Illustration: Fig. 6.

Schema der Zelle. Im oberen Quadranten links ist eine schaumige,

nebenan rechts eine fädige Struktur des Protoplasmas eingezeichnet. Die

Figur soll die häufiger vorkommenden Zellstrukturen rein schematisch

erläutern.]

Alle bisher besprochenen Gebilde und der Zellkern werden von einer

Grundmasse zusammengefaßt, die wir für die wesentlichen aktiven

Leistungen des Zelleibes verantwortlich machen. Diese Masse ist das

~Protoplasma~ (auch Bildungsplasma genannt). Seine Zusammensetzung

ist noch in tiefes Dunkel gehüllt. Es ist eine alkalisch reagierende,

weiche zähflüssige Substanz, die in Wasser unlöslich, leicht

quellungsfähig, hauptsächlich aus Eiweißkörpern, viel Wasser und

Salzen besteht und einen besonderen N-haltigen Körper, das ~Plastin~

enthält. In den primitiven Zellen, zu denen wir vor allem die

Eizellen und die Zellen aus den jüngsten Entwicklungsstufen der

Organismen rechnen, ist eine Struktur in diesem Bildungsplasma nicht

zu erkennen. Experimentelle Untersuchungen[52] haben nachgewiesen,

daß dies primitive Protoplasma alle wesentlichen Eigenschaften einer

emulsionsartigen Flüssigkeit besitzt, was das Bestehen festerer

Strukturen ausschließt. In Eizellen läßt sich z. B. der Inhalt

vollständig durcheinandermischen, ohne daß die wichtigste Eigenschaft,

die Formbildung, wesentlich gestört würde. Wie wir in jeder Emulsion

mindestens zwei Phasen unterscheiden, das Lösungsmittel und die

tropfig gestaltete emulgierte Phase, so wird eine ähnliche, wenn

auch viel kompliziertere Zusammensetzung auch für das Protoplasma

anzunehmen sein. Erst durch eine lokale Konzentrationserhöhung wird

es zu einer teilweise festeren Konsistenz des Protoplasmas und

damit zur Bildung ultramikroskopischer und mikroskopisch sichtbarer

Strukturen kommen, die wir somit als eine sekundäre Umbildung aus dem

primitiven Zustand betrachten. Hierher gehört die Schaumstruktur des

Protoplasmas, die ~Buetschli~ an vielen Objekten nachgewiesen hat,

hierher die Filarstrukturen ~Flemmings~ und viele später zu erwähnende

morphologische Differenzierungen im Zellinnern. Alle diese Bildungen

sind den primitiven Zellen wahrscheinlich fremd, gehören also nicht zu

den unbedingt notwendigen Eigenschaften des aktiven Protoplasmas.

Daß in dieser morphologisch kaum faßbaren Substanz die wichtigsten

Lebensvorgänge ablaufen, lehrt einmal ihr konstantes Vorkommen

gegenüber dem sehr wechselnden Verhalten aller oben charakterisierten

Einschlüsse. Die Protoplasmagrundmasse und der Zellkern sind es auch,

die sich gegen eindringende Giftstoffe am längsten wehren.

Davon kann man sich an vielen lebenden Zellen mit Hilfe von

basischen Farbstoffen leicht überzeugen; Neutralrot z. B. wird

von sehr vielen lebenden Zellen sehr schnell aufgenommen, läßt

aber die Protoplasmagrundmasse und den Zellkern ungefärbt,

solange die Zelle lebt. Der Farbstoff wird dann nur an

paraplasmatische Bestandteile des Zytoplasmas (Vakuolen, Granula)

verankert. Erst mit dem Zelltode färben sich auch Grundmasse des

Protoplasmas und Zellkern.

Eine der wesentlichen Eigenschaften des Protoplasmas liegt

in seiner Veränderlichkeit, die bei der Entstehung von

~Differenzierungsprodukten~ zum Ausdruck kommt. Die Mannigfaltigkeit

der Zellstrukturen, der wir in den nächsten Kapiteln begegnen werden,

ist davon ein beredtes Zeugnis. Diese Veränderlichkeit beruht z. T.

auf Quellungs- und Entquellungsvorgängen; hierdurch können fädige

und wabige Gerüststrukturen gebildet werden. Durch Aussonderung

bestimmter Stoffe aus der Grundmasse mögen viele körnige und tropfige

Zellgebilde (Vakuolen, Granula) entstanden sein. Vielfach handelt es

sich bei solchen Einschlüssen auch um Substanzen, die, von der Umgebung

der Zelle aufgenommen, sich nicht der Grundmasse des Protoplasmas

beimischen, sondern an besonderen Orten gespeichert werden. So kommt

es, daß von den mannigfachen Strukturelementen des Zytoplasmas nur von

wenigen mit Sicherheit gesagt werden kann, ob sie als Differenzierungen

des Protoplasmas oder als paraplasmatische Stoffe zu bezeichnen sind.

Durch die meisten Fixationsmittel wird das Protoplasma gefällt,

so daß hierdurch an Stelle des homogenen Bildes, das das

unfixierte Eizellenprotoplasma darbietet, körnige, fädige

Gerinnsel erkennbar werden. So kommt es oft durch die angewandte

Methodik zur Entstehung von künstlich hervorgerufenen Strukturen,

die mit der lebendigen Struktur nicht gleichgesetzt werden dürfen.

Der gleichen Schwierigkeit wie beim Zytoplasma begegnen wir in der

Deutung der Strukturen des ~Zellkernes~. In der unfixierten Eizelle der

Säugetiere erkennen wir in günstigen Fällen nur die scharfe Begrenzung

gegen das Zytoplasma, die durch die ~Kernmembran~ bewirkt wird, und ein

etwas stärker lichtbrechendes Körperchen, den ~Keimfleck~ (Nukleolus).

Fixierte Kerne ergeben, daß der Kerninhalt eine große Mannigfaltigkeit

substantiell und funktionell verschiedener Gebilde enthält. Am

deutlichsten werden die heute unterschiedenen Formbestandteile bei der

Anwendung von Farbstoffen auf fixierte Zellkerne. Danach unterscheidet

man:

1. den ~Kernsaft~, d. i. die strukturlos erscheinende Grundmasse

des Zellkernes, die sich am schwersten mit Farbstoffen belädt;

Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen, mit Einschluss der mikroskopischen Technik · 第 63 / 286 题