Da sah er sie erstaunt an. »Ganz anders.«

Sie aber machte ihre Siegeraugen. Und er sagte: »So hast du mich nicht

mehr angesehen, seit -- ich glaube seit damals, als ich die Gwendolin

heiraten wollte.« Es war sehr lustig.

»Dann hast du wahrscheinlich in all den Jahren keine so vollendete

Dummheit in die Welt gesetzt, liebster Jo.«

»Vor den Siegeraugen hab' ich noch den gleichen Respekt wie damals,«

sagte er. Dann zog er sie aus ihrem Schreibsessel empor und führte sie

in den Garten, und sie spazierten Arm in Arm unter den schönen alten

Bäumen. Es war eine heimelige Stunde, leise und voll von dem warmen

Lichte des Mittags.

»Nichts als ein Brief,« sagte er, »aber du hast damit wieder einmal

einen Wegstein aufgerichtet für Rolf Krake -- und auch für uns. Der

Sommer im Fjord war der Reisesommer: es flimmerte fremde Sonne hinein.

Dann kam der Winter der Freunde oder der Gesellschaften. Im neuen

Frühling fühlte man so sachte vor nach sich selber. Und nun will alles

schön und klar werden ...«

»Nun haben wir unsere Insel,« sagte sie, und wieder blühten ihre

Siegeraugen. »Nun, es ist wohl die Art ernster Frauen, daß sie ihr

Leben früher anfangen, bewußt zu leben, früher als die Männer.

Vielleicht kommt das daher, daß sie die Grenzen ihres kleineren Reiches

besser übersehen.«

»Es ist bei uns Männern das heiße Begehren nach der Tat, oft nach einer

unerhörten Tat. Darüber stellen wir uns in Sturm und werden getrieben

und bilden uns ein, wir wären der Sturm selber. Es ist bei euch Frauen

einfacher.«

»Es ist gar nicht einfacher. Von den Frauen verstehst du noch immer

herzlich wenig, lieber Jockele -- trotz deiner umfangreichen Sammlung

von Erfahrungen,« setzte sie lächelnd hinzu. »Wir geraten in unserer

Mädchenzeit an Knaben, von denen wir uns vorreden, sie wären Männer.

Und wir werden spielerisch. Zuerst fangen wir an, uns mit äußerlichem

Kram zu behängen -- und von Stund an ist die Mehrzahl der jungen

Mädchen ruiniert fürs Leben. Aller Sinn für den wahrhaften Schmuck des

Daseins geht ihnen verloren. Aber der für den Jahrmarktströdel bleibt,

wächst, wuchert und verqueckt uns das Herz.«

»Ist dir das alles über dem Brief an Rolf Krake eingefallen?«

»Warum?«

»Du hast noch nie so hart geredet.«

»O ja,« sagte sie, »aber nicht oft, und du hast auch wohl nie mit

so willigen Ohren zugehört. Oder denkst du, ich wäre damals aus dem

reichen Hause meines Vaters in das Gartenhüttchen am Horn geflohen und

hätte mein Leben auf Biegen oder Brechen gestellt, wenn ich das nicht

gewußt hätte?«

Sie hatten ihre Arme fest ineinandergelegt und wanderten zurück bis

in jenen Tag, an dem sie einander im Apfelgarten zum ersten Male

begegnet waren. Und sahen ihr Leben an. Es stand vor ihnen wie in der

Kristallkugel der Buschgroßmutter.

Davon sprachen sie nun. Jockele kannte dies schöne Märchen von Tante

Veronika. Er hatte es lange, lange nicht mehr erzählt -- zuletzt wohl

droben im Hardanger Fjord am Herdfeuer. Da hatten sie alle zugehört,

und Gwendolin hatte gesagt: »Paßt auf, wir erleben es doch noch, daß

aus dem Naturforscher der Dichter wird.«

Durch das grüne Dämmerlicht unter den hohen Bäumen sah Jockele die

Bilder in der Kristallkugel aufgehen und merkte gar nicht, daß er

zu atmen vergaß -- genau wie damals, als ihn die Tante Veronika zum

ersten Male vor das Haus der Buschgroßmutter geführt hatte. Es war ein

Novemberabend gewesen, und der Bergwind lief ums Haus und sang. Als ihn

das Mädchen Mali dann zu Bett brachte, hatte er zu ihr gesagt: »Wenn

es wieder Frühling ist, wollen wir die Buschgroßmutter besuchen. Ich

nehme meinen Schirm und fort geht's!« -- »Na ja,« hatte ihn die Mali

vertröstet, »vielleicht im Frühling. Aber das Gebirge der Riesen ist

schwer zu besteigen, und die Riesen sind auch keine netten Leute.«

Dies Zwiegespräch hatte Mali der Tante Veronika berichtet; denn das

sollte sie. Und Fräulein Sinsheimer sagte: »Sooo! Dann müssen wir das

in den nächsten Tagen reparieren; denn fürchten darf er sich nicht.«

-- »Überhaupt diese Schauergeschichten ...,« warf Mali ein. »O, die

sind herrlich,« behauptete Tante Veronika. »Ich besitze gar nichts

Schöneres, was ich in den Jungen hineinspeichern könnte; aber ich habe

es wohl nicht richtig gemacht.« Und gleich am nächsten Abend erzählte

sie wieder. Das Mädchen Mali durfte zuhören, und es war so schauerlich,

daß sie ganz heimlich die Füße unter ihren Sitz zog, weil sie merkte:

die große Kreuzspinne spann sie ein, die sich die Buschgroßmutter als

Haustier hielt. Dem Zigeunerbuben aber legten sich die blanken Fäden

dieser Phantasien schimmernd um das Herz.

Wie viele Jahre waren seitdem vergangen! Und nun stand ein Mann vor der

Kristallkugel der Hexe im Baumgarten am Horn, sah die Bilder seines

Lebens darin und sagte: »Es ist gar kein Märchen!«

Nein, es war das Leben! Und der Sinn der Rede, daß es ein Aber habe mit

Männern, in deren Leben die Frauen nicht eine ungeheure Rolle spielen,

ging ihm erst auf in dieser Stunde. Vor anderthalb Jahren an der

Hochzeitstafel hatte er das so hinausgeschmettert aus seinem ungestümen

Herzen. Es war nicht darin gewachsen. Darum hatte er es auch in seiner

Art verstanden -- nicht so wie die ältere Dame, die »O« sagte, aber

auch nicht viel tiefer als die anderen. Freilich hatte er hinzugesetzt:

»Was mich betrifft, so werde ich mich in die Sonne meiner Frau stellen,

wie sich die Erde stellt in das Licht des Frühlingshimmels.« Nun ja,

das hatte einen ergebungsvollen Klang gehabt und war auch vorsatzfroh

gewesen. Aber man kennt das; und beides war nicht ungewöhnlich für

einen jungen Hochzeiter, dem das Zigeunertum nur so aus den Augen

blühte. Aber verstanden? Verstanden hatte er es nach seiner Kraft, und

etwa wie Hanna von Fellner, die daraufhin mit ihm wettete.

Daran dachten sie nun. Und sie wußten: Hanna hatte die Wette verloren!

Jockele war ein Mann geworden mit allen Erkenntnissen. Und es kam

eine Allgewalt über ihn -- da faßte er Do an den Hüften und hob sie

empor und schmetterte einen Jauchzer über sie. Als sie wieder auf der

Erde stand, preßte sie die Hände an die Schläfen, denn seine Wildheit

brauste ihr durch die Adern. Er aber sagte ganz fromm zu ihr: »Du liebe

Wundertäterin!«

Als es wieder Frühling wurde, ging Heidi im Rasen auf wie eine

Tulpe. Sie trippelte von einer Blume zur anderen und trank die

blühenden Wunder der Erde in ihre Augen. Jockele dachte: »Wenn sie

im nächsten Jahre kommen, kann ich ihr die schöne Geschichte von der

Buschgroßmutter erzählen.« Es war ein ungeduldiges Warten in ihm -- er

wollte auch sein Teil an der Kleinen haben. Und die verfallende Hütte

der Buschgroßmutter stand in seinem Herzen noch genau so, wie sie die

Tante Veronika darin aufgebaut hatte. Sogar der Waldkauz brütete noch

über dem Türpfosten, und kein Sturm, der in den Jahren durch Jockele

gebraust war, hatte das Spinnennetz zerrissen, das vor dem windschiefen

Fenster hing: die dicke Spinne mit dem blanken Kreuz auf dem Rücken

lauerte noch darin -- genau wie damals.

Ach, vieles, vieles, wovon sich die Erziehungsfreude der Tante

Veronika Wunder versprochen hatte, war verflogen -- dachte er. Aber

die verstaubteste, hübscheste und geheimnisvollste Hexenhütte, die

je ein Märchenmund gedichtet hatte, die war stehengeblieben. Und die

wollte Jockele seinem Frühlingskinde mitten hineinbauen ins Herz; denn

wie Papa sollte Heidi in jeder Woche einmal darin einziehen und ihr

Zauberglück finden, weil es so wunderschön war.

Um diese Zeit begann er, für Heidi zu dichten: kleine Blumen, kleine

Blätter, die er über sie warf und die sie mit ihrem jauchzenden

Herzlein fing. Dazwischen führte er sein Werk über die Flechten nun

doch zur Vollendung. Er reiste an die Hochmoore des Erzgebirges und

Bayerns; er durchwanderte die Schründe der Sächsischen Schweiz, wo die

Flechten um die Felsenzinnen blühen. Das Riesengebirge lag noch zu tief

in den Jahren, und er fühlte, wie er der Naturwissenschaft aus den

Händen wuchs. Alles drängte in ihm nach einem Abschluß; denn der hatte

noch gut Platz in der Zeit, in der der Dichter in ihm nicht ganz daheim

war.

Wie alle Dichter, so fing auch dieser mit sich selber an. »Die halben

kommen nie darüber hinaus,« sagte er zu Do; »ich aber will mich

weit dahinten lassen. Es soll nicht etwas Windiges werden, was ich

da schreibe, und nicht ein kärglicher Abklatsch des Daseins. Es ist

Schwachsinn, eine Dichtung über den Leisten des Lebens zu schlagen. Was

soll dann weiter daraus werden als ein Schusterwerk? Nein, der Dichter

muß sich den Weltplan vom lieben Gott dazu borgen. So etwa: ›Gib her,

ich werde jetzt einen Roman schreiben und will darin erschaffen, was

du mit der Welt mal vorgehabt hast; denn ich bin besser daran -- mir

können die Menschen mein Werk nicht verpatzen, wie sie es dir täglich

tun!‹ Wenn man von einem Romane nicht sagen kann: er ist ein schönes

Märchen, dann ist er in der Regel miserabel.«

Das war das erste und letzte, was Jockele über sein Dichten zu Do und

den anderen sagte, bis zu jener Wagenfahrt ins Riesengebirge. Aber das

merkten sie wohl, daß er der Ansicht war: ein vollkommenes Märchen

wäre die wahrhaftigste und wahrhafteste Dichtung, die sich ersinnen

ließe; denn es steht darin: alle Schöpferweisheit und Teufelslist,

alle Menschenklugheit und Torheit, alle Tücke und Liebe -- und das

eindringlichste und beredteste Weltbild ist fertig. »Laß dir nicht in

deinem Leben und Dichten herumwühlen von den Menschen!« sagte er.

»Mich deucht, das wäre ein gutes Nachtgebet,« sagte Salzer.

»Ja -- für alle; aber zumeist für die Dichter.«

So schwang sich aus den Frühlingswiesen des Lebens alles in die

Bahnen, auf denen es dereinst schön und kraftvoll zu den Höhen des

Daseins gelangen sollte. Aber stetig und unwandelbar in den wandelnden

Jahren blieben Dos und ihres Mannes Herz: das eine in seinem stillen

klaren Licht -- und war ein Segen für und für; das andere in seinem

weltseligen Zigeunertum: ewig unrastig und voll stolzer Träume, dabei

immer bedacht auf die ruhevolle Breite des Lebens -- und doch ohne

Sturm; stets voller Blüten und voll der fröhlichen Weisheit des Glücks.

»Es ist das Erbgut der Männer meines Volks,« sagte Jockele, »als Könige

der Pußta tragen sie den Himmel in den Augen, und von dem Golde der

Sterne -- den fliegenden Tropfen des großen Weltenozeans -- ist ein

Glanz in unsere Herzen gespritzt.«

Gwendolin lächelte über diese Worte dahin. »Es scheint, den

Pußtawanderer Adalbert Stifter trägst du stets auf der Brust.«

»Nein, mitten darin,« bekannte er.

Aber Gwendolins Rede war nicht mehr frei wie einst. In ihren Augen lag

nicht mehr die stürmende Fülle. Und in den Klang ihrer Stimme fand sich

die Wehmut.

In einer Juninacht saßen die drei Frauen und Jockele im Garten, unter

der Ulme, und tranken Erdbeerbowle. Der Mond kämpfte sich blutrot

hinter den Büschen herauf. Heuduft schwebte von den Parkwiesen hoch.

Da erhob Gwendolin ihr Glas gegen den Mond und sagte: »Noch eine halbe

Stunde, du lieber Nachtgesell, dann hast du gesiegt in deinem dumpfen

Kampfe gegen den Dunst der Tiefe! Wo bleibe aber ich?«

»Unbegreiflich,« sagte Kordula, »wer hätte gedacht, daß eine Zeit käme,

in der du zag würdest vor dem Leben? Du!«

»Es wundert mich gar nicht,« sagte Do, »Gwendolin ist eine von jenen,

die mit siebzehn Jahren heiraten müssen. Es ist nun nicht leicht, ihr

Mann zu sein.«

»Ihr habt beide gut reden,« sagte Gwendolin bitter, »du und Kordula.«

»Halt,« gebot Jockele, »ich arbeite nur noch nebenher in Flechten,

Menschenherzen sind mir wertvoller, und Do sagt, von Frauen hätte ich

keine Ahnung. Aber vielleicht von der Ehe?«

»Erst recht nicht,« behauptete Gwendolin, »denn du bist eines jener

Hätschelkinder des Schicksals: laufe nur mit weit offenen Händen durchs

Leben -- es fällt immer etwas Herrliches hinein!«

Nun, Jockele war diese Rede von den Menschen gewöhnt; sie wächst wild

um alle Zäune. Ernst nahm er sie nicht. Da sie nun aber von Gwendolin

kam, wurde er steil und blies zur Schlacht. »Du, seit wann bist du

ungerecht?«

»Ich habe wohl schon an meinem Verstande gelitten,« bekannte sie.

»Du bist auch ungerecht gegen dich selber,« sagte er, »denn Kämpfer

sind wir alle beide -- nicht so: ›Mensch sein, heißt Kämpfer

sein‹ ... sondern: wir zwei haben unser Lebtag weit weg gestanden

vom Durchschnitt -- auch mit unserem Kampfe. Weiß Gott, es war

ein steinichter Weg in den Tartarus und von da auf den Berg der

Seligkeiten! Dann hab' ich den Berg mit dem Grabscheit zerhauen; dann

hab' ich -- na, ich hab' etliches fertiggebracht in meinem Leben. Aber

freilich: an den Laden hab' ich mich dazu nicht gelegt, und der Welt

in die Ohren geschrien hab' ich's nicht: ›Seht mal her, solch ein Kerl

bin ich nun!‹ Zuletzt -- das darf man wohl sagen: das Leben hat es

gut gemeint mit mir. Aber etwa deswegen, weil ich ihm ein lammfrommer

Zuschauer gewesen wäre?«

»War das bei mir anders?« fragte Gwendolin. Die Wehmut war weg. Es

klang herausfordernd, es klang unzufrieden.

»Nein. Salzer hat einmal gesagt: ›Die Gwendolin Vogelgesang ist

der weibliche Jakobus Sinsheimer.‹ Recht hat er. Aber nun, da du

davorstehst, dir das Ehrendoktorat fürs Leben zu erwerben, liebe

Gwendolin, nun kneifst du.«

Gwendolin lachte bitter und jäh auf.

»Ach papperlapapp!« rief Jockele. »Mit einem Munde voll Hohn schnellst

du mir diesmal nicht aus den Händen!«

»Du hast ja keine Ahnung von der Ehe,« sagte Gwendolin.

»Nun, so ist mir das Talent, für und in Do zu leben, wahrscheinlich

im Bergwald eingeboren worden,« sagte er ärgerlich. »Nein, liebste

Gwendolin, ich habe mich gehörig in diese Sonne finden müssen! Und

das will ich dir auch verraten: sie war im Vorfrühlinge mitunter eklig

frostig -- man konnte sich das Herz daran erfrieren bei all dem hellen

Scheinen. -- Warum hast du Erich Meyer nicht geheiratet?«

»Er ist mir zu sacht.«

»Warum hast du mich nicht genommen?«

»Du warst mir damals zu jung.«

»Mir war er nicht zu jung,« sagte Do sehr ernsthaft.

»Warum hast du Toften gehen heißen?«

»Er springt immer hin und her zwischen Himmel und Hölle.«

»Und James King und John Williams?«

»~They are Englishmen.~«

»Und den Grafen Metting?«

»Den hätt' ich beinahe genommen.«

»Wenn ich nicht dazwischengekommen wäre,« sagte Do.

»Und wenn er kein Windhund gewesen wäre,« ergänzte Jockele. »Wie sagte

Gwendolin Vogelgesang? ›Die Ehe ist eine verdammte Kunst.‹ Meine Finger

langen nicht mehr zu, dir herzuzählen, was du an jedem auszusetzen

hattest. Du hättest auch zu keinem gepaßt.«

»Na also!«

»Aber Richard Schaffrath ...«

»Es scheint, den hab' ich mir vorbehalten, meiner Dummheit die Krone

damit aufzusetzen. O!«

Im Märchenhause wußte man seit langem, daß die Herzen dieser beiden

hochgemuten Menschen Miene machten, in Trotz und Selbstherrlichkeit

Wege zu laufen, die sie voneinander fortführten. Es fehlte in diesem

Hause nicht an Verständnis für die Art beider: die Schuld lag bei

Gwendolin, und sie lag bei Schaffrath. Der war nun Professor geworden.

Er war nicht frei von rücksichtslosem Ehrgeiz, aber er hatte nichts

von einem Streber. Es war eine gesunde und männliche Kraft. Er stand

fest auf sich selber, wie Gwendolin auch; und beide hatten den Sinn zur

opferwilligen Zweisamkeit der Ehe darüber ein wenig verkümmern lassen.

Nun, so etwas wächst in jedem Garten. Aber seit einiger Zeit fanden sie

beide: es wüchse bloß bei ihnen. »Er ist ein Starrkopf und Egoist,«

sagte Gwendolin. »Und sie ist unweiblich und rechthaberisch,« sagte

Schaffrath.

So war es zwischen ihnen über Winter geworden. Gwendolin war in den

vergangenen vierzehn Tagen in Ibenheim gewesen. Dann war sie ins

Forsthaus am Hörselberg gewandert, hatte wütig darauflos gemalt und

zwischendurch dem Zinzilein ihr Leid geklagt -- nicht kleinmütig, und

wohl auch nicht mit vergiftetem Munde. Aber von dem »brutalen Egoismus

der Männer« war doch mehrfach die Rede gewesen. Die Tante Veronika

mischte sich ein für allemal nicht in derlei Dinge. Sie sagte: »Davon

versteh' ich wohl nicht genug.«

Das Spiel stand bei den Freunden im Märchenhause, zu denen auch in

diesem Falle Kordula und Erich Meyer und Professor Salzer gehörten, für

Gwendolin und Schaffrath so, daß man Fehler gegen Fehler aufrechnete.

Aber in jener Nacht unter der Ulme verlor Gwendolin die Partie. Man

rückte auf der ganzen Linie geschlossen gegen sie an. Daran war das

harte Wort von der Dummheit schuld, mit der sie ihr Leben gekrönt hätte.

Do sagte: »Wenn man nicht wüßte, daß du jetzt gallig und ungerecht

bist, so würde man dich von nun ab zu jener kläglichen Sorte von Frauen

rechnen, die immer auf dem Sprung ins Elternhaus sind, wenn ihnen in

der Ehe mal eine Katze über den Weg läuft. Du solltest dich schämen,

dieser jammervollen Art nahezurücken.«

Gwendolin war betroffen. Die hohe Stehlampe mit dem pfirsichroten

Schirme machte diese Betroffenheit offenbar. Und Kordula sagte: »Mit

meinem Mann habe ich wohl wenig Mühe ...«

»Nun ja, dieser Athlet des Herzens,« warf Gwendolin aufgewiegelt hin,

»der paßt sich in dich wie der Kern in die Aprikose.«

Kordula griff dies Bild auf. »Ja, wenn die Aprikose fertig ist!« Dann

sagte sie: »Es war auch für mich nicht so einfach, und es gab viel

Falten und Knitter auszubügeln. Das gehört nun eben zur Ehe. Warum ist

sie ein Vertrag auf Gegenseitigkeit?«

Darauf sagte Do: »Was könntest du denn dagegen haben, wenn er dich

einfach für die Hauswirtschaft forderte?«

»Gilt nicht!« höhnte Gwendolin, »daß ich dazu nicht tauge, wußten wir

im vorhinein.«

»Du sollst dir aber nicht einbilden, du könntest nun mit dem Malkasten

unterm Arm in die Welt ziehen, so oft dir's paßt, und brauchtest zwei

Wochen nicht heimzukommen aus Trotz und Kindsköpfigkeit, und könntest

im Walde herumzigeunern und warten, ob er dich sucht. Wenn ich dein

Mann wäre, liebe Gwendolin, ich würde sehr viel herzhafter mit dir

reden.«

Gwendolin entschuldigte ihre Waldfahrt. »Na, das war doch bloß mal eine

kleine Flucht zu mir selber.«

So standen sie mit spitzen Sinnen gegeneinander bis Mitternacht.

Schwere Weisheiten förderten sie nicht zutage, aber wahr war's doch,

was sie sagten. Gwendolin hatte einmal vorgehabt, der blonden Do in dem

Verhältnisse zu ihrem Mann ähnlich zu werden. Und nun war +das+ daraus

geworden!

Sie wäre in ihrer Hartmütigkeit am liebsten bis in den neuen Tag im

Baumwinkel sitzengeblieben. Aber Kordula nahm ihren Arm, und von der

Straße aus sahen sie noch Licht in Richards Zimmer. »Ich bringe dich

nach Hause,« sagte Gwendolin. Da gingen sie ganz langsam unter den

Sommerbäumen dahin. Das Mondsilber sickerte über sie. »Hast du denn

gewußt, daß du so trotzköpfig bist?« fragte Kordula.

»Eigentlich -- nein. Hartnäckig war ich stets, aber ich hatte dazu

niemanden als mich.«

»Dann würde ich mir auch fürderhin an mir selber den Kopf einrennen,«

spottete Kordula, »du hast dich ja damals ganz gut dabei gestanden.

Warum suchst du dir nun deinen Mann dazu aus?«

Gwendolin lachte. Aber nur mit einem Auge; denn sie mußte an Salzers

Wort denken: »Er ist ja wohl der nächste dazu.«

Endlich kamen sie doch vor das Häuschen in Oberweimar, und Gwendolin

mußte mit sich nach Hause wandern. Sie schritt mitten auf der

mondhellen Parkstraße von Oberweimar her, kam an Goethes Gartenhause

vorüber und stieg die Stufen beim Euphrosyne-Denkmal herauf, die

zwischen dem Märchenhaus und Schaffraths Wohnung ins Horn münden. Von

den Türmen der Stadt rief es ein Uhr. Richards späte Lampe brannte noch

immer.

Es war eine schmerzliche Niederlage, die Gwendolin in dieser Nacht

erlitten hatte. Ihr Herz, dies funkelnde, lichtselige Künstlerherz, war

angelaufen wie ein Morgenfenster von der Oktoberkälte.

Am Kopfe des Stufenweges lehnte sie sich gegen das Geländer. Der

Schatten einer Ohreule zog über den Mond. Gwendolin suchte nach einem

Licht im Märchenhaus. Es war keins mehr da. Und die Lampe, die in

Richards Zimmer wachte, war so peinlich beredt! »Warum könnt ihr beide

nicht schlafen?« fragte sie, und: »Stehst du nun nicht da draußen

unter den Sommerbäumen wie eine Abenteurerin?« Jetzt fingen auch die

stillen Fenster des Märchenhauses an zu reden. Es war ein heimliches

Flüstern vom Glück ... Man konnte neidisch werden. Sogar aus den Tiefen

der Nacht heraus betörte die Sonne von dort her das Herz! Waren denn

Frau Do und Jockele nicht auch aus dem Edelstahle, der stets wieder zu

seiner blanken Geradheit zurückschnellte, wenn man ihn bog? Zu allem

war Do noch zwei Jahre älter als ihr Mann -- und es ging doch? War

nun dort die Weisheit, von der Henrik Tofte gesagt hatte: sie allein

brächte das Wunder einer Blüte zur Entfaltung? Aber im Zwielicht des

Durchschnitts oder des Narrentums kümmere dies Wunder? ...

Es war eine heilsame Einkehr, die Gwendolin der blonden Do dankte. Dann

ging sie den Gartenweg zwischen den Hecken entlang und trat in ihr

Haus. Als sie im ersten Stock am Zimmer ihres Mannes vorüberkam, blieb

sie nicht stehen; sie ging auch mit ihrem herausfordernden Schritt und

legte den Hut ab und das Schultertuch. Aber dann kam sie doch zurück,

trat in Richards Zimmer und setzte sich in den Lehnstuhl, der gleich

links neben der Tür stand. Eigentlich wollte sie etwas sagen. Aber nun

ging das nicht. Das Wort vertrocknete ihr auf den Lippen. Und man kann

sich doch auch das Herz nicht zerbrechen wegen eines Wortes. Also!

Schaffrath saß am Schreibtisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt.

Die kleine Lampe mit dem roten Schirme stand links vor ihm. Und

wenn man ihn so von rückwärts betrachtete, war er in das rote Licht

gemeißelt wie ein Riese aus schwarzem Gestein. Eigentlich wollte er

etwas sagen. Aber es ging nicht. Man kann sich doch das Herz nicht

zerbrechen wegen eines Wortes.

So saßen sie eine Weile. Die Zeit lief zwischen ihnen dahin --

mit jedem Pendelschlag der Standuhr tat sie einen Schritt -- ein

unsichtbares Gespenst. Einmal zog Gwendolin den Atem ein; es war,

als fiel ein Tropfen auf eine heiße Herdplatte. Da stand Schaffrath

auf, hob die Lampe hoch und leuchtete damit gegen die trotzige

verführerische Frau. Sie sah ihn mit versteinten Augen an.

»Es ist mit dir immer das gleiche,« sagte er und stellte die Lampe

auf den Schreibtisch. Dann schritt er hin und her, und sein Gang ward

heftiger, wie eines Mannes, der gegen den Sturm läuft. Und dann barst

die gefesselte Stille, und seine machtvolle Stimme gewitterte dahin

über beide. »Bilde dir nicht ein, daß das sieben Jahre zu tragen wäre!

Es ist ein klägliches Leben, und es geht darüber alles in die Brüche:

unsere Freundschaften, unser Ruf, unser Werk und wir selber. Vier

Wochen war es ein Schäferspiel, vier Wochen war es eine Komödie, seit

vier Monaten ist es ein Trutzspiel, und nun wird gleich eine Tragödie

daraus. -- Wo bist du heute abend gewesen?« Sie schwieg. »Es ist gut,

daß du dich scheust, es zu gestehen! Das heißt, Sinsheimers wissen

längst, wie es um uns steht. Sie haben es seit vier Monaten gewußt.

Aber sie sind still gewesen aus Mitleid. Aus Mitleid! Verstehst du, was

das sagen will?«

Über diesem Worte wand sich Gwendolin in ihrem Stuhl. »Nicht aus

Mitleid! Ich glaube, es ist noch ärger. Vielleicht ist es auch schon

Verachtung. Sie sagen: es fehlt uns an gutem Willen.«

»Dir!« schrie er.

»Natürlich,« höhnte sie, »immer mir!«

Da rückte er seinen Schreibsessel in die Mitte des Zimmers und

schaltete das Deckenlicht ein und warf sich in den Stuhl. Gwendolin

aber war aufgesprungen und lief vor der Türwand hin und her.

»Es liegt doch an dir, Richard! Hast du in den letzten vier Monaten

einmal um mich geworben wie jetzt?«

»Werben nennst du das?«

Nun mußte sie doch ein wenig lachen. »Jawohl -- werben! Vier Monate

hast du gebraucht zu diesem erlösenden Wetter! ... Es hätte sich wohl

auch anders denken lassen. Aber es war doch mal ein Losbruch, es war

ein Zerdonnern dieser grauenhaften Verschlossenheit. Du hast dann

alle Fenster an dir verhängt, und es ist mir nicht gegeben, da einen

Einschlupf zu suchen. Ich habe mit mir selber genug zu tun.«

»Es ist so meine Art,« sagte er. »Ich brauche vier Wochen, ich brauch'

ein Vierteljahr lang mit keinem Menschen zu reden, weder von Leid noch

von Liebe.«

»So rede wenigstens mit deiner Frau. Aber du sitzt dann im Haus und

im Leben als ein steinerner Gast. Es ist zum Verzweifeln. Und am Ende

versteinere ich auch.«

»Jawohl, an deinem schlimmen und trotzigen Willen!«

»Nein, Richard, nein, ich bin ein Weib und bin gewöhnt, umworben zu

werden im Guten und Bösen. Meinetwegen donnere durch die Tage; das ist

mir ganz egal ... oder: es ist mir lieber, als wenn du dich zumauerst

mit dieser wortlosen Kargheit. Damit weiß ich nichts anzufangen. Und

dann lauf' ich fort und mach' es wie in der anderen Zeit, in der ich

glücklich gewesen bin mit mir selber und hell und aufgetan ...«

Da lief sie hinaus. Es sah aus, als wollte sie nun den Hut nehmen und

das rettende Malzeug und hinfliehen in die Nacht. Aber das tat sie

nicht; sondern sie ging mit ihren heißen und trockenen Augen in das

Schlafzimmer. Sie hatte ihm alles gesagt, was ihr Herz in dieser jähen

Stunde hergeben mochte. Es war nicht über ihre Kraft gegangen, wie

damals im Märchenhaus, als sie sich ausweinend über das Bett warf, aber

sie dachte: was sie ihm gesagt hätte, wäre viel mehr gewesen, als sie

sich je zugemutet hätte.

So war nun dies lichte klingende Herz: es mußte durchaus umworben

werden, wenn es blühen sollte. Und so war es mit ihm gewesen seit den

frühesten Mädchentagen. Zehn Jahre hatte sie es so mit diesem Herzen

gehalten; denn es war eine große Gefahr für sie. Viele Mädchen haben

solche Herzen und nehmen sie nicht in acht und kommen darüber von sich

selber und von allem tapferen Willen für ein gutes und züchtiges Leben.

Vor Gott und der Welt hatte sich Gwendolin nicht gefürchtet, seit sie

sich verstand; aber vor ihrem Herzen war ihr bange gewesen. Nun war

das so geworden; und als ihr Mann wartete, daß sie es ihm wie einen

goldenen Ball zuwerfen sollte, konnte sie es nicht; denn dies Spiel

hatte sie dereinst mit aller Kraft und Selbstzucht verlernen müssen.

»Vielleicht hätten wir mit der Aussprache von gestern abend nicht so

lange warten sollen,« sagte Jockele am anderen Morgen zu seiner Frau.

»Wir sind viel zu nachsichtig mit ihnen gewesen,« sagte sie, »wir

haben uns in diese Angelegenheiten gar nicht zu mischen -- darum

haben wir auch nicht zu lange gewartet. Ich weiß recht wohl, woran

sie beide leiden. Deshalb weiß ich auch, wir hätten uns auf derlei

Auseinandersetzungen gar nicht einlassen sollen. Aber dazu haben wir

ein Recht -- ich will zu ihr sagen: Ihr zwei haltet es miteinander wie

ihr es für gut findet; in unser Haus könnt ihr jedoch nur kommen, wenn

ihr in dies Haus paßt.«

»Es ist wieder mal eklig kalt,« spottete Jockele.

»Ach nein,« sagte sie, »du hältst dein Herz nur immer in den Händen

wie ein großes Licht und möchtest alle Finsternis der Welt damit hell

machen. Trösten und Ehen flicken, liebster Jo, das sind zwei Dinge, mit

denen schwer hantieren ist. Ich traue mir weder das eine zu noch das

andere. Wenn du ihnen Moral predigen willst, so ist das deine Sache.

Für mich gibt es in diesem Falle nur einen Weg: ich lasse in meine

lichte Burg keine Narrheit von draußen hereinbrechen.«

Dagegen gab es kein Eifern. Und es war wohl auch in der Ordnung; denn

die Moral hatte den beiden im Nachbarhause der Herr Professor Salzer

schon zur Genüge gepaukt. Aber er hatte es aufgegeben. Nun hatte

Schaffrath das Empfinden: es gehen über unserer Ehe zuerst unsere

Freundschaften in die Brüche. Und daraus folgerte er: man gab die

Schuld beiden, sonst hätte man sich ja auf seine oder auf die Seite

Gwendolins schlagen können. -- Vor allem aber hatte Herr Salzer ihnen

gegenüber einen schweren Stand; denn beide sagten zu ihm: »Sie mögen ja

ein ganz guter Literarhistoriker sein, aber von einer Ehe verstehen Sie

nicht das geringste.« Da hatte er's.

Schaffrath aber und auch Gwendolin wurden sehr nachdenklich an sich

selber.

Um Herrn Salzer war es mit einem Male recht einsam geworden,

schauerlich spätherbstlich, mitten im Sommer. Sein Turm gefiel ihm

nicht mehr halb so gut. Das vornehme Mahl, das er im »Erbprinzen« zu

halten pflegte, erfüllte alle Ansprüche des Feinschmeckers -- aber es

mundete ihm nicht mehr recht. Mit der Literatur war das auch solch eine

Sache -- man brauchte dazu nicht unbedingt auf einem Turme zu wohnen.

Kurz: Herr Salzer hatte einmal wieder das dringende Bedürfnis, sein

Glück aufzubügeln. Er kleidete sich unerhört vornehm. Er kaufte sich

einen grauen Zylinderhut wie der Stadtrat Schniedewind. Er trug Schuhe

mit einem Einsatz vom Stoffe seiner Kleider -- nun, einen Zigeuner

oder gelehrten Tropf hatte man seinem äußeren Menschen nie angesehen.

Und so furchtbar wichtig vermochte er diesen selbst nicht zu nehmen,

nicht einmal jetzt; darum merkte er nach acht Tagen: auch das war kein

Heilmittel für das geheimnisvolle Leiden. Er verfiel sogar auf den

verrückten Gedanken, es wäre das Alter. Achtundfünfzig! Lieber Himmel,

vor einem halben Jahre war er noch ein leibhaftiger Jüngling gewesen an

seinem Herzen! Und nun wollte dies Herz über Nacht misepeterig geworden

sein? Aber dennoch -- er rüstete sich mit der Ergebung des wahrhaft

Weisen und bildete sich drei Tage lang ein, er wäre ein alter Mann.

Und merkwürdig: die einhundertneununddreißig Stufen im Turm waren auf

einmal erstaunlich schwer zu steigen. Am dritten Tage pustete er sich

schon hörbar empor und rechnete aus: in vier Wochen könnte er sich

die Welt überhaupt nur noch aus der Herrgottsperspektive betrachten.

Peinlich, höchst peinlich! Und gerade jetzt hatte er Lust, mal durch

einen Wald zu spazieren, den Gehstock zwischen den Fingern zu drehen

wie ein Windrädchen und dabei vergnügt vor sich hin zu trudeln »Freut

euch des Lebens«!

»Das Alter muß ich mir wieder abgewöhnen,« sagte er, »es ist unlustig.

Ich muß mir überhaupt mein ganzes bisheriges Leben abgewöhnen. Zum

Beispiel wäre es doch gar nicht übel ...«

Er dachte an den schönen Buchenwald bei Ibenheim. Dort hinauf brauchte

man keine hundertneununddreißig Stufen zu klettern ...

Nein, übel wäre das ganz und gar nicht! Aber wenn man in das Haus der

Tante Veronika ziehen wollte, so, so für immer, da mußte man zunächst

mit Tante Veronika darüber reden. Das war schon wieder ein Stein des

Anstoßes, gleich am Anfange des neuen Wegs. Seit jenen Septembertagen

war er viermal zu Gast im Frühlingshause gewesen. Zuerst hatte er

gesagt: es wäre der schöne Buchenwald, der ihn lockte, und die Stille

auf dem Hügel, und die Champagnerluft, die so in die Lungen prickelte.

Und später hatte er gemeint: es wäre doch ein herrliches Vergnügen,

das Erwachen des Jahres so gleichsam aus der Hand des Weltenschöpfers

heraus zu genießen. Und zuletzt? Da hatte er die Tante Veronika ganz

vergnügt angeguckt: »Warum haben wir uns nicht ein Dutzend Jahre früher

kennengelernt?«

Natürlich, die Tante Veronika verstand das vollkommen richtig, aber in

ein silbernes Mädchenlachen verfiel sie doch; denn Tante Veronika war

nun Siebzig!

Nein, nein, an Hochzeit dachte Herr Salzer nicht. Aber die blanken

Augen taten ihm wohl wie der Mai; und wenn die leisen weißen Hände

einmal etwas an ihm zurechtzurücken hatten, hielt er sehr stille --

ganz gegen seine Art. Es war so feiertäglich um diese klare alte Dame

-- es war mit einem Worte: außerordentlich.

Darum packte er seine Koffer und fuhr nach Ibenheim. »Hallo! Sie

müssen mich mal in die Kur nehmen, liebste Tante Veronika,« sagte er

und schüttelte ihr die Hände, als wollt' er mit ihr zum Tanz antreten,

»jawohl, in die Kur; denn sonst steh' ich für nichts!«

Nach einer halben Stunde kam er aus dem Gaststübchen wieder herunter.

Die eine Ledertasche hatte er dem Mädchen Mali anvertraut. Es waren

darin Schildkrötensuppen in Büchsen, Kaviar, Spickaal, allerhand

Pasteten, gezuckerte Früchte ... es war eine Sammlung, die dem

Herrn Salzer Ehre machte. »Es ist aber noch nicht alles,« sagte er

geheimnisvoll, »das hab' ich nur so im Abreisen aufgerafft. Der

Wein kommt aus dem ›Erbprinzen‹ und kommt von Krehan, eine ganze

Kiste,« flüsterte er und sah das alte Mädchen dabei an ... tja,

der Herr Salzer! Und ein Kochbuch hatte er ihr auch mitgebracht.

Damit sie das aber nicht übelnähme, überreichte er ihr dazu ein

Hausstandsportemonnaie, natürlich gefüllt. »Sehen Sie, das da, in

dieser Abteilung, ist ganz allein für Sie.« Es war gut und reichlich

... tja, der Herr Salzer!

Die Tante Veronika geriet an dem neuen Mietsherrn in herzenshelles

Vergnügen. Und der Herr Professor merkte ihr an, wie es ihr ums

Herz war. »Hähähä,« lachte er, »ich weiß alles: die Schwelle des

Frühlingshauses ästimieren Sie als die reinste Fundgrube für Buben --

erst war es ein kleiner, nun ist es ein alter Junge, den Ihnen der Wind

hergeweht hat, hähähä.«

Aber -- und das ist die Hauptsache -- die beiden Leutchen

erschmunzelten sich darüber eine blühende Daseinsfreude. Das ist ein

rares Gewächs auf den höchsten Höhen des Lebens, und es gibt keins,

das köstlicher wäre. So schlossen sie einen Vertrag, der kaum zwischen

ihnen besprochen und der jedenfalls nie geschrieben wurde: sie wollten

sich gegenseitig in unwandelbarer Glückseligkeit hinauspflegen aus

den grünen Gärten der Erde in die blauen Weiten des Himmels. Fräulein

Sinsheimer dachte, nun würde sie das Häuschen am Walde nicht mehr

verlassen, bis sie die Sternenreise anträte, die auch fröhlich werden

sollte; denn an frohmütiger Weisheit schüttete das Leben in ihr Herz,

was nur hineingehen wollte. Aber einmal zog sie doch noch hinüber

ins Märchenhaus. Das war aber viel später. Ach ja, die Funkelwiesen,

auf denen die Engel spazieren, mußten lange warten, ehe man im

Frühlingshause die Wanderschuhe schnürte ...

Nach Weimar geriet der Herr Salzer hauptsächlich nur, wenn es galt,

Küche, Keller und Vorratskammer von neuem auszurüsten. Dies Werk

betrieb er fortan mit großem Eifer und ausgezeichnetem Feinsinn. Tante

Veronika schalt immer ein bißchen über den sündhaften Aufwand, den

er mit sich machte, nannte ihn einen Verschwender und behauptete, sie

helfe ihm diese vornehmen Sachen nur essen, weil sie für ihn allein

unbekömmlich wären. Aber schlimm war das nicht gemeint; denn beim

Auspacken waren sie immer zu dritt und hüpften um die Herrlichkeiten

herum wie Kinder um den Weihnachtsbaum. Es muß auch verraten werden,

daß Fräulein Sinsheimer in dieser Zeit ein ganz kleines venezianisches

Glas besaß. Das war nicht geräumiger als ein Daumen. Daraus half sie

ihrem Freunde mittags und abends einen Fingerhut voll Wein trinken,

oder gar Sekt. Sie fand, es bekäme ihr ausgezeichnet, und sie schlief

danach wie eine Tulpe im Winter.

Ja, so trieben sie es. Es war eine Herrlichkeit. Und der Herr Salzer?

So oft es Frühling wurde in der Welt, spazierte er an den Waldrand,

kippte daselbst sein Tintenfaß um und tat ein Gelöbnis, daß es

vor dem ersten November nicht wieder gefüllt würde; denn er hatte

herausgefunden, Literaturgeschichte im Sommer säure das Herz an.

»Und zu dieser Entdeckung haben Sie sechzig Jahre gebraucht?« spottete

Tante Veronika.

»Hm,« machte er. Aber gleich war er wieder vergnügt; denn er hatte auch

herausbekommen, daß er an Frau Do und ihrem Jockele recht eigentlich

zum Leben genesen wäre. Und doch, von wem sonst hatten jene beiden es

gelernt als von Tante Veronika? Also war Fräulein Sinsheimer für ihn

der Brunnen aller Freude! Die Sache war in schönster Ordnung, und die

Tage flossen in Heiterkeit dahin. Aber einmal kam ein Ereignis voll

herrlicher Allgewalt -- das hieß Henrik Tofte. Es kam nicht in eigener

Person, wie man nach dem Ausdruck »Allgewalt« schließen könnte, sondern

es kam in Gestalt von Zeitungsberichten, und kam aus dem Märchenhaus.

Aber es wirkte, als stürmte der nordisch blonde Skalde selber ins

Häuschen und wuchtete die oberen Türpfosten heraus, weil sie zu niedrig

waren für sein Hünenmaß ...

Es war in jenem März, in dem Heidi das Frühlingskind vier Jahr alt

wurde.

Bis dahin war Henrik Tofte für Do und Jo verschollen gewesen. Das hing

auch damit zusammen, daß er Tinte und Feder für minderwertige Werkzeuge

hielt. Zwei Jahre lang hatte es ausgesehen, als wäre er gestorben.

Zwei Jahre? Ach, noch länger, als Richard Schaffrath brauchte, seine

schlanke Frau Professorin in gründliche Reparatur zu nehmen. Aber

nun war sie wundervoll ausgeputzt, und beide gingen ausgezeichnet.

Schaffrath hatte reden gelernt und werben, wie sie es gern hatte. Und

sie warf ihm ihr funkelhelles Herz zu, wie er es gern wollte. Aber

eigentlich in Weimar war das nicht so geworden, sondern in Dresden.

Dort hatten sie bei Arnold eine Ausstellung ihrer Bilder, die sie zu

bewundertem Erfolge führte. Beide. Und von der Elbe zogen sie heim als

Hochzeitsreisende und standen in voller Blüte. So blieb das nun.

»Und Henrik Tofte?« fragte man im Märchenhause, »habt ihr nichts von

Henrik Tofte gehört?«

»Nein.«

»Ach, Henrik Tofte!« lächelte Kordula Meyer. Merkwürdig -- seitdem

das Institut für schwedische Heilgymnastik und Massage in Rom zu

verblüffender Tatsache geworden war, seitdem konnte Kordula den Namen

Henrik Tofte nicht aussprechen ohne elektrische Zuckungen. Etwa so, als

ob sie sagte: »Kladderadatsch.«

Zwei Jahre gingen dahin, beinahe drei -- Zeit genug, sich mit dem

Gedanken vertraut zu machen: »Henrik Tofte ist versickert im Staube der

großen Stadt.«

»Sturmschwalbe du!« sagte Frau Do voller Wehmut. Es war ihr um diese

Fülle von Kraft doch leid.

»Nun, am Ende wäre durch Rolf Krake etwas zu erfahren?«

Aber Rolf Krake hatte nicht einmal auf den Brief Dos geantwortet, den

sie damals mit der Madonna in Rosen gesandt hatte. Er hatte nicht das

Bedürfnis gehabt, herüberzurufen in die Welt der Menschen, und nicht

das Bedürfnis, vom Märchenhause zu hören. Verstürmt -- verschollen.

Einmal -- einmal waren zwei Schülerinnen Richard Schaffraths nach

Norwegen gereist. Sie waren an den Hardanger Fjord gekommen und hatten

die Insel der Auferstehung gesucht und gefunden. Sie waren im Boot

um das Eiland gesegelt. Es hatte in Rosen gestanden, in Rosen. Eine

Wolke von rosa und roten Blüten hatte darübergeweht, Mauern von Rosen

waren rings um die Inselkanten gezogen, die Dächer des Blockhauses

hatten ausgesehen wie Frühlingswiesen -- aber nur der liebe Gott

hatte hineinzuschauen vermocht, Menschen nicht. Die beiden Malerinnen

hatten versucht, vorn an der Stiege zu landen. Da stand es in den

Stein gemeißelt: das Anlegen von Booten und das Betreten des Eilands

wäre verboten! Nane Thord war herausgekommen und die blonde Marit. Sie

hatten beide fremdartig gelächelt: Herr Krake? O nein, Herr Krake wäre

für niemanden zu sprechen.

Und dann waren die Mädchen wieder nach Weimar gekommen. Einen

Sommerabend lang erzählten sie unter der Ulme von der Roseninsel im

Hardanger Fjord, und wie sie mit den spiegelnden Wassern so schön und

zauberisch und traumhaft gewesen wäre. Man hätte zu atmen vergessen,

solange man um dies blühende Wunder glitt ...

Das war das letzte. Auch Rolf Krake war für seine Freunde verschollen.

»Nun, einmal werden wir ihn zum Leben erwecken,« sagte Jockele. »Ich

weiß eine blonde Frau, die ihn errufen kann.«

»Vielleicht,« lächelte Do, »aber die blonde Frau will nicht! Ach, dies

kluge einsame Herz versteht keiner besser als sie! -- Rolf Krake ist

gar nicht einsam,« sagte sie nach einer Weile, »für ihn ist das die

Fülle des Lebens. Warum soll ich ihn aus seinem Rosengrab erwecken?«

Und Henrik Tofte?

Nun, der Herr Salzer verstand es schon, eine Zeitung zu lesen! Er saß

an dem Fenster nach dem Garten hinaus, vor dem die »fliegenden Herzen«

im Lenzwind schaukelten, und rückte die Hornbrille wiederholt sehr

bedeutend. Tante Veronika saß an ihrem Nähfenster und hörte ihm zu:

Henrik Tofte war nun nicht mehr das Genie, das dem lieben Gott aus

der Hand gefallen, ehe es ganz fertig geworden war -- war nicht mehr

das Genie, in das von allen Gaben des Lichts und der Finsternis ein

wahllos Übermaß hineingepackt worden war, nein: Henrik Tofte war der

größte Maler des Jahrhunderts! Es stand da: seine Kunst wäre seherhafte

Physiognomik, und er wäre ein aufrichtender und ausgleichender

Deuter aller Dinge. Er war nicht Impressionist, nicht Kubist, nicht

Pleinairist -- es war nicht Raum für diesen Gewaltstrom zwischen Ufern,

in denen sich die Wässerlein vom Berge recht hübsch ausschäumten oder

zwischen denen sie recht wacker funkelten -- sondern: seine Kunst

wäre das vertiefende Gleichgewicht zwischen Form und Farbe, stand da

zu lesen, und Henrik Tofte hätte sein Genie an den Alten gestärkt;

in München zum ersten Male hätte er mit Eifer studiert -- was man so

nennt -- und die skulpturale Abrundung seiner Figuren, das feinste

Farbengefühl für die lebendige Masse und für die warmen Schwingungen

der körperlichen Oberfläche -- all das wäre in dieser Vollkommenheit

vor Henrik Tofte ein schöner Malertraum gewesen; in ihm aber wäre es

Erfüllung geworden ...

Das war die kleine Auslese aus dem dicken Stoß Zeitungen. Herr Salzer

gab sie der Tante Veronika zum besten. Bei manchen der randgefüllten

Sätze konnten sie sich viel denken, bei manchem weniger -- was kam

zuletzt darauf an? Das aber wußten sie beide: Henrik Tofte war ein

ungeheures Ereignis geworden -- ungeheuer, wie die Manierlosigkeit

seiner Schöpfungen. Riesenflächen von Leinwand hatte er bemalt mit

Leben. Und wer seine Bilder sah, der mußte empfinden: der das gemacht,

hatte die Kraft, Chronik und Spiegel seiner Zeit zu sein.

Das war umfassend. Und danach stellten sich die beiden Alten am

Buchenwalde vor, wie das aussähe: Chronik und Spiegel seiner Zeit.

»Na, da muß er ja reinweg einen ganzen Himmel bemalt haben,« sagte

Tante Veronika in ihrer bedachtsam-lustigen Art. Und sie gab damit

des berühmten Mannes berühmtem Werke gleich die nötige Ausdehnung an

Fläche. Herr Salzer hinwiederum sorgte für den Gehalt der Bilder. So

betrachteten sie das Ereignis in ihrem Häuschen am Walde aus der Ferne;

denn man hatte aus der kleinen Stube einen Rundblick über die Welt --

nicht zu sagen! Sie redeten von Henrik Tofte und seinem Leben; denn

auch von diesem Leben stand in den Zeitungen: von dem Drama, das er

einst selber gedichtet hatte; von seinen Eltern, die arme Webersleute

gewesen; von seiner Lehrzeit als Anstreicher; von seinem Zwischenspiel

als Zirkusclown; und von seinem Erlebnis mit King, Williams und Watson.

Jawohl, Watson -- und das war ein feines Kapitel! Sie redeten von der

Löwenballade und von der Zugspitzpartie des Mister Johnny und vom alten

Käse ... es war nichts unwichtig auf der Bahn dieser neuen Sonne. Und

sie redeten von der Frage: wo sie augenblicklich kreise. Die Zeitungen

wußten es nicht und rieten.

Danach schrieb Herr Salzer den Ertrag seiner Kunstbetrachtung mit

Veronika in einem langen Brief an die Leute vom Märchenhaus. Und

darunter schrieben sie: »Der Hügelmann und die Hügelfrau.« Und diese

Namen verblieben den beiden Menschen für den fröhlichen Rest ihres

Lebens.

Jockele und seine Frau · 第 15 / 24 题