Do sah Gwendolin an. »Merkst du, wer ihm das eingegeben?«

»Aha,« machte Gwendolin und tat den Jasminbusch ein wenig auseinander,

»schaut da nicht die Tante Veronika heraus?«

»Natürlich,« lachte Do.

»Und gleich neben ihr der Zigeuner,« sagte Jockele. »Wißt ihr: den

Kunstzigeuner hab' ich immer ein bißchen verächtlich angesehen -- auch

wenn er wirklich mal ein Genie war wie Henrik Tofte; die Gwendolin ist

ja ihr Lebtag viel zu besonnen dazu gewesen -- aber das Gottesgeschenk

der echten Zigeunerseele, das will ich mir wohl wahren! Denn es ist

eine Gnade, die ich vor anderen Menschen habe -- ich ganz allein. Ganz

richtig zu leben verstehen eigentlich nur die Zigeuner,« scherzte

er. »Aber zu solch einem Auserwählten hat's bei mir nicht gelangt.

Die Maljahre waren eine Hatz. Dabei wär' ich um mich selber gekommen

-- es war ein Irrtum aus lauter Sehnsucht! Na, und dann tat Do ihre

Segenshände auf und erschuf mich vollends zum Menschen. Da wurde der

Naturforscher aus mir -- es war wieder ein Irrtum aus Sehnsucht.

Aber er war heilsamer. Und nun kommt das letzte: dies letzte ist der

Dichter. Es ist die Sehnsucht, jeden Tag dem lieben Gott einmal mitten

hineinzusehen ins Herz! Wem anders könnte diese Sehnsucht Erfüllung

werden als dem Dichter? ... So ist ein gerader Weg von dem Findling

auf der Schwelle des Frühlingshauses am Walde über den Malmenschen mit

seiner Unrast, dann über den Naturforscher, der in das Räderwerk der

Schöpfung eindringt -- ein gerader Weg bis hin zum Dichter. Und es

ist ein gerader Weg von dem Herzen der Zigeunerin durch das Herz der

Tante Veronika über das Herz Dos an das Herz Gottes -- hinter dieses

Geheimnis bin ich heute gelangt. So. Und da habt ihr die viererlei

Gnaden meines Daseins! Aber die Zigeunerseele, das Herz Dos und Heidi

das Frühlingskind fahren wir mal ins Riesengebirge spazieren.«

Danach schlug sich Jockele in die Büsche gegen das Haus hin. Er

wollte wieder in sein Arbeitszimmer gehen. Auf der Straße flimmerte

die Sommerluft, die Frösche saßen am Teichrand und plumpten schon

längst nicht mehr ins Wasser, wenn Jockele vorüberschritt. Da tauchte

auf einmal ein Mensch über den Zaunlatten empor und warf ein paar

machtvolle Arme in die Luft ...

»Henrik Tofte!«

Dieser Name stürzte in den Mittagstraum unter den Bäumen wie ein Stück

Fels. Do sprang auf. Gwendolin duckte sich ein wenig, dann preßte sie

Heidi fest ans Herz und lief Do nach. Wahrhaftig! Im Torweg standen

sie: Henrik Tofte und Jockele. Und der Besitzer des »Instituts für

schwedische Heilgymnastik und Massage« in Rom schwenkte seinen echten

Panama, sah aus wie der liebe Gott, als er dreißig Jahre alt war und

noch den blonden Vollbart trug, und hatte sich zu diesem Besuch im

Märchenhaus einen nagelneuen Sommeranzug machen lassen.

Aber es war zu merken: auch ohne diese Nagelneuheit hätte er vollwertig

ausgesehen. Ein Mensch, um den die Mädchenaugen flogen wie Sommervögel,

war er schon immer. Selbst die rote Mütze des welschen Gepäckträgers

hatte dem wenig Eintrag getan.

Und nun war es Heidi das Frühlingskind, das den drei Erwachsenen über

das Herzbeben hinweghalf. Sie saß da auf Gwendolins Arm in ihrem

himmelblauen Kleidchen, streckte dem machtvollen Manne die Ärmchen

entgegen und jubelte ein helles Lachen um ihn. Das hatte sie vor einem

Fremden noch nie getan. Und sie machte das so reizend -- was ringsum

lebte, jauchzte mit. Da kriegte Tofte das himmelblaue Menschlein

zu packen, und es hing an seinem Herzen wie ein kleiner blauer

Schmetterling an einem Eichstamm und schlug vor lauter Sonnenfreude

mit den Flügeln. Es faßte ihm in den Nordlandbart und patschte ihm ins

Gesicht, und dem blonden Riesen liefen die Augen an vor einer Handvoll

Kleinkinderglück.

Gwendolin lockte Heidi und wollte ihn von ihr erlösen; Mama wandte ihre

süßesten Liebkosungen an, aber Heidi blieb für alle verloren. Sie hatte

ihre Ärmchen auf Toftes Achsel gelegt und sah aus, als wollte sie,

vereint mit ihm, ihr Jahrhundert in die Schranken fordern.

Dem Henrik Tofte gefiel dies holdselige Wunder ungemein. Ein bißchen

bänglich war ihm aber doch, und er fragte, ob er an dem Kleinen etwas

entzweimachen könnte ...

Das war wieder einmal so bärenmäßig lieb von ihm, daß er für die Damen

zu seiner vollen Siegergröße emporwuchs. Und beruhigt setzte er sich

mit Heidi in Bewegung nach dem Schattenplatz unter der Ulme, wo schon

die Wildrose die Hagebutten aufsteckte. Heidi aber blieb bei ihm, bis

sie sich müde staunte an seinen Übermaßen. Gegen seine sichere Brust

gelehnt, schlief sie ein. Da legte man sie in den Wagen und fuhr sie

ein bißchen seitab unter die Bäume; denn Henrik Toftes Stimme dröhnte

wie der Skjold.

Gwendolin war rasch einmal ins Haus gesprungen -- einer Erfrischung

wegen, die Fritz alsbald auftrug. Aber sie hatte ihm auch befohlen,

danach gleich zu Frau Kordula zu laufen -- Gwendolin brauchte durchaus

eine Seele, die sie von der elektrischen Spannung befreite. Ihre

Gedanken wirbelten durcheinander wie Herbstlaub, und in ihrer Not

verfiel sie auf Kordula. Unter dem Blätterfalle fand sie sich wieder

zur Ulme.

Sie fand Jockele und Do fröhlich und gefaßt. Da wollte sie nicht

zurückstehen. Henrik Tofte saß in himmelheller Aufgetanheit dabei,

rauchte eine Zigarette und erzählte.

Gwendolin sagte:

»Ich glaube, es kommt vor Abend ein Gewitter -- die Frösche hupfen.«

Dazu schwieg Do. Aber Jockele lachte die Gwendolin ahnungslos aus und

sagte, vor Witterungsverhältnissen ginge alle Frauenweisheit in die

Brüche.

»... ja,« fuhr Henrik Tofte fort, »so war Angelina Fabbro ein etwas

wunderliches Erlebnis: ich machte mit ein paar Leuten Heilgymnastik und

sie nahm das Geld dafür ein, kaufte sich Spitzen und Süßigkeiten. Aber

was wollen Sie: Angela Fabbro war eine Römerin! Da hab' ich mich von

ihr fortgemalt. Mit dem Frühling bin ich losgezogen: er und ich, wir

nahmen unser Malzeug untern Arm, einer so reich an Geld wie der andere,

und im Mai gelangten wir in die Bäder von Lucca. Dort setzte ich mich

instand, so gut es nach zwei Monaten meiner Wanderfahrt in welschem

Straßenstaube ging. Ich kam gerade zur rechten Zeit. Ich malte da ein

Fischermädchen am Strand -- vielleicht hatt' ich einen guten Tag,

vielleicht warf mir das Schicksal einen Dummen zu: eines Morgens stand

in der Bäderzeitung ein Aufsatz ›Henrik Tofte als Erzieher‹ ...«

Es trat eine Unterbrechung ein: stürmischer Beifall auf offener Szene;

denn »Tofte« und »Erzieher« waren Begriffe -- klafften da nicht Himmel

und Hölle dazwischen?

Nach einer Weile fuhr Tofte fort: »Es wäre ein neuer Stern am Himmel

Italien aufgegangen, eine unerhörte Begabung säße am Strande, ein

Porträtmaler, dessen machtvolle Kunst wert wäre, vorbildlich zu sein

für die Welschen« ... Tofte sprach mit den Worten der Zeitung. Weiter

aber führte er nichts zu seinem Ruhm an; und es war zu sehen: selbst

das kostete ihm einen Aufwand an Kraft; denn Henrik Tofte hatte nicht

zwei Vergrößerungsgläser im Kopfe, wenn er sich selbst betrachtete.

»Nun, ich kannte weder den Aufsatz noch seinen Schreiber. Und als ich

davon erfuhr, dacht' ich: es ist ein Reklametrick der Bäderverwaltung

-- ähnlich wird sie es jedes Jahr machen. Fortan war ich umdrängt.

Was ich in Lucca gemalt hatte, verwandelte sich in ein paar Stunden

in Gold. Nach drei Wochen besaß ich siebentausend Lire. Vielleicht

hätt' ich siebzigtausend machen können. Aber die Luft von Lucca ist

gefährlicher als die von Rom, und das Malen ist eine verdammte Kunst.

Nach drei Wochen hatt' ich es satt. Ich wollte einfach nicht mehr,

nein, ich wollte nicht! Was kann man da machen? Es kam eine kleine

Modellgeschichte dazu, aus der ein großer Skandal wurde. Ich schwur

einen Eid, nie mehr im Leben einen Pinsel anzufassen, warf meinen

Malkasten ins Meer und verschwand. Diesmal per Bahn. Ich hatte gedacht:

reich sein wäre schön. Nun war ich reich, fünf Wochen lang unbändig

reich; denn ich kam mit annähernd dreitausend Lire nach München und

lebte meinem Freunde Johnny mal was vor. Johnny befleißigt sich nämlich

an der Isar der Bildhauerei; neuerdings modelliert er eine Giraffe; er

träumt aber von einem Löwen ... Und wie ich so im besten Leben bin, da

wählt sich das Schicksal den Rolf Krake aus! Er schreibt mir einen

Brief und fordert mich auf: Tofte, fahren Sie nach Weimar und malen Sie

Frau Do für mein Haus auf der Insel! Ich schrieb ihm: Lieber Krake, mit

dem Malen ist es vorbei. Aber hartnäckig wie das Schicksal ist, läßt

es ihn wieder auf mich los. Da ist der Brief -- Rolf Krake mag reden,

verehrungswürdige Frau Do! Er ist der Mund meines Schicksals, und dies

Schicksal spricht:

›Mit Ihrer Nachricht von dem jüngsten Eide, durch den Sie sich der

Malerei abgeschworen, teuerster Tofte, haben Sie den stärksten

Heiterkeitserfolg gehabt. Die Augen müßten Ihnen ja auslöschen, Genie,

wenn Sie Ihren Schwur halten wollten! Ich brauche das Bild der blonden

Frau Do in jedem Fall, und ich weiß, sie wird ihrem wunderlichen

Freunde von der Insel der Auferstehung diesen Wunsch nicht versagen.

Das Bild ist für die Nordwand im Krakesaal bestimmt. Ich habe dort

zwischen den beiden Mittelfenstern dunkelblauen Samt anschlagen lassen.

Es ist auch ein Vorhang aus dunkelblauem Samt angebracht worden, der in

schwerem Faltenwurfe über das Kunstwerk gezogen werden kann; denn kein

fremdes Auge soll dies Bild erschauen. Ich selbst aber will des Tages

eine Stunde davorsitzen, und dann soll der blaue Samt es mir nicht

verhüllen. Ich habe alle Götter abgesetzt, um die ich mich dereinst

bemüht habe. Aber zu jener blonden Frau Do kann ich noch beten.

Sie fragen nach mir. Ja, ich bin gesund wie je, wenn ich allein war.

Nur vor Menschen wurde ich krank; deshalb gehe ich nicht mehr zu ihnen

-- nie, nie, nie! Ich habe seit dem Tage meiner Rückkehr aus Hamburg

die Insel nicht mehr verlassen und werde sie nicht mehr verlassen. Ich

habe sie von Nane Thord erworben. Die soll hier wohnen bleiben bis an

ihr Ende. Das Mädchen Marit habe ich zurückgerufen -- wenn es einmal

käme, daß Nane Thord einer Pflege bedarf. Der große Anbau ist nun

mein Büchersaal. In Gwendolins Zimmer steht die Drechselbank, aber ich

brauche sie fast nie mehr, vielleicht im Winter. Ich benütze alle Räume

für mich. Nur in jenem, in dem Sie gelebt haben, teuerster Tofte, ist

alles unberührt geblieben. Oft, wenn ich an der verschlossenen Tür

vorübergehe, muß ich denken: es wartet dahinter auf Ihre Rückkehr. Ich

habe Marit Anweisung gegeben, daß Sie zu aller Zeit Zutritt zur Insel

haben. Der Schlüssel hängt im Turmzimmer am rechten Fensterpfosten.

Gleich nach meiner Ankunft im Herbst habe ich in Schiffen beste

Walderde auf die Insel bringen lassen. Ich habe diese Erde

ausgebreitet. Ich habe durch Maurer alle Rinnen in den Klippen

schließen lassen, durch die sie hinabrinnen könnte. Und ich habe

ein heizbares Glashaus gebaut, in dem ich die betörenden Wunder

der Orchideen züchte. Über Winter hatte ich mir den Plan für die

gärtnerischen Anlagen der Insel gemacht. Es war kurzweilig und schön;

denn ich war darauf bedacht, den landschaftlichen Reiz des Eilands zu

erhöhen und ihn einzustimmen in den vollen und heiteren Zusammenklang

der Umgebung. Nun treiben die Rosen, wo vordem das Strandgras klirrte.

Nun stehen die silbernen Säulen der Birken, wo vordem wilde Halme

schossen, und nun grünen die Fichten in verschwiegenen Gruppen, und die

Krüppelweiden machen Köpfe und werden in nicht zu langer Zeit Höhlen

in ihren Stämmen bilden, damit die bunten Mandarinenenten darin nisten

können, die ich bezogen habe. Sie sind sehr zutraulich geworden.

So treib' ich es, Meister Henrik! Des Morgens bad' ich im Fjord, auch

im Winter; denn ich fühle mich sehr wohl dabei. Die gärtnerische Anlage

ist so, daß ich stundenlang auf meiner kleinen Insel umherspazieren

kann und vom Strand aus in ein paar Jahren doch nicht gesehen zu werden

brauche, wenn ich nicht will. Nur den Himmel laß ich hereinschauen,

wo er mag. Ich glaube nicht, daß er einen Winkel in der Welt weiß,

der inniger ist als der meine, und ich glaube nicht, daß er je einen

Menschen sah, der glücklicher ist als ich‹.«

»Schlicht und wunderlich ist Rolf Krake,« sagte Do, »und doch ist zu

erkennen: er lebt ein glückseliges Leben.«

»Wollen Sie ihm seinen Wunsch erfüllen?« fragte Tofte.

»Ja,« sagte sie, »aber es ist gut, daß Sie uns den Brief mitgebracht

haben; sonst hätte ich mich wohl nicht entschließen können.«

»Warum denn nicht?« fragte Jockele befremdet.

»Du solltest das doch verstehen.«

»Nein.«

Do blickte hinab auf ihre weißen Hände und schwieg. Da rekelte sich

Heidi im Wagen, und Mama war froh, daß sie zu ihr eilen konnte.

Gwendolin aber sagte zu Jockele: »Erich Meyers und Salzers himmlische

Liebe haben für Do nichts Aufregendes; aber bei Rolf Krake -- es

ist ja der reine Götzendienst! Ich glaube, seit den Abschiedsworten

Krakes, die er damals in sein Tagebuch geschrieben, hat Do öfter an ihn

gedacht, als wir ahnen. Sie ist sehr froh gewesen, daß sie ihm damals

in Hamburg helfen konnte. Und sie ist auch in diesem Augenblick froh,

weil sie weiß: sie hat ihn zu sich selber zurückfinden lassen.«

Das Wort Gwendolins vom Götzendienst griff Henrik Tofte gleich auf;

denn Do kam mit Heidi zurück, und das Kleine lehnte sein goldenes

Köpfchen an Mamas Wange und hatte die Augen noch ganz voll blankem

Schlaf. So stand sie gerade vor dem Wildrosenbusch, der sich nun

hochsommerlich mit Hagebutten geschmückt hatte. Aber vor Toftes

Künstleraugen wuchs wieder das Wunder der rosa Blüte darüber. »Madonna

in Rosen,« rief Tofte. »So will ich Sie malen!«

Da dachten sie alle an Rolf Krakes Tagebuch, und was er von den wilden

Rosen hineingeschrieben hatte. -- Es war seltsam. Aber Henrik Tofte

wußte es nicht.

Kordula kam. Still, blühend und mit forschenden Blicken. »Es ist gut,

daß ich dich nicht geheiratet habe,« sagte Tofte zu ihr, »und es ist

auch gut, daß +du+ mich nicht gewollt hast, Gwendolin.«

Kordula sagte: »Schön und begabt warst du immer, daß du nun aber auch

vernünftig geworden bist, ist neu.«

»Vernünftig?« fragte er. »Nun, wie man's nimmt! Ich bin in meinem Leben

einem einzigen Menschen begegnet, der annähernd so unvernünftig war wie

ich: Angelina Fabbro. Und just an ihr bin ich bis zu einem gewissen

Grade vernünftig geworden. Ich beschränke seitdem meine Dummheiten auf

ein Mindestmaß ...«

»... das bei Ihren machtvollen Maßstäben immerhin noch riesenwüchsig

sein wird,« sagte Gwendolin.

»Je nun,« machte Tofte, »zu einem Narren reicht's wohl noch! Und Narren

sollen nicht heiraten. Die Ehe ist die Kunst der Weisen. Nur diese

ziehen das Wunder einer Blüte daraus. Bei allen anderen kümmert sie.«

»Die Frösche hupfen nun nicht mehr,« sagte Gwendolin.

Das wußten sie alle: in der Kunst Henrik Toftes war der Mensch

nicht zu erkennen; denn diese Kunst war die Stete -- der Mann, der

dahinterstand, die Unstete. Der Mann huldigte Seiner Majestät dem

Augenblick.

Darum war es klug und doch unvorsichtig von Gwendolin, daß sie gesagt

hatte: »Die Frösche hupfen nun nicht mehr.« Als die Hochsommernacht

zwischen den alten Bäumen herniederhing und die Silberbrünnlein der

Sterne aus den blauen Gründen sickerten, war Gwendolin mit Henrik Tofte

noch einmal in den Garten gegangen, gleich nach dem Nachtmahl. Es kam

kein Gewitter, aber es wetterleuchtete doch ganz gefährlich.

»Hast du denn nicht gesagt, ich sollte sieben Jahre dienen um Rahel?«

Das klang, als fiele in der Ferne ein Berg um.

»Wohl,« sagte sie; dabei fand sie zum ersten Male die brüderliche

Anrede, aber er merkte es gar nicht; »hast du jemals daran gedacht?«

»Nein,« sagte er.

»Und bist nun gekommen, Rechenschaft von mir zu fordern -- von mir?«

»Nein,« sagte er. »Aber es wäre doch lieb und gut von dir gewesen, wenn

du dich für mich armen Menschen aufgehoben hättest.«

»Ah! Seit wann weißt du denn die Geschichte von deiner Armut?«

»Seit heute,« sagte er. »Damals, als ich der Kordula am Bahnhof in Rom

den Gepäckschein aus der Hand nahm, war ich ein Millionär -- seit heute

bin ich ein Bettelmann.«

»Du, das hört sich furchtbar tragisch an.«

»Es ist auch so, liebste Gwendolin -- es ist weiß Gott so! Sieh, ich

bin zum erstenmal in meinem Leben in einem solchen Haus. Dazu hab' ich

dreißig Jahre gebraucht. Dreißig Jahre lang bin ich auf den Schwellen

herumgestanden und habe immer gedacht: es gäbe keinen König auf der

Welt außer mir. Nun kam dies Heute und hat mich vor ein Leben geführt

voller Liebe, Wohlhabenheit, Ordnung, gesammelter Kraft, Sonne und was

weiß ich! Darum ist mir's vorhin bei Tisch so auf die Sprache gefallen:

ein Rausch von Andacht vor diesem Unerhörten ... und deshalb hab' ich

mich nun heimlich von den anderen fortgeschwiegen.«

»Ah pah, Räusche sind von kurzer Dauer,« sagte Gwendolin leichthin. »Du

siehst, es ist mit meinem Glauben an dich noch immer wie einst. Das

kommt daher, daß du nicht an dich selber glaubst.«

Da riß er sie an sein Herz und küßte sie -- dreimal -- siebenmal ...

»Siehst du,« sagte sie, »das ist alles, was du kannst: die Sekunde

kannst du überwältigen; aber dein großes und starkes Leben in deine

mächtigen Arme zwingen -- das kannst du nicht. Und willst du jetzt

wieder mit hineingehen? Was hätten wir zwei uns Neues zu sagen, das die

anderen nicht hören dürften?«

Da gingen sie. Cornelius saß am Flügel. Richard Schaffrath und

Professor Salzer waren zusammen schon seit dem Morgen auswärts. Do und

Jockele sahen Gwendolin und Henrik an, was sie draußen miteinander

geredet hatten: es blieb immer das gleiche zwischen ihnen für und für.

Und beide wollten auch gar nichts geheimhalten vor den Freunden.

Gwendolin sagte: »Es ist so, daß ich mich mit diesem gefühlvollen

Musikanten lieber verlobt hätte als mit dir; denn wären wir zwei

aneinander gefesselt gewesen -- wir hätten nach beiden Polen der Erde

gedrängt und hätten uns mittenauseinandergerissen.«

»Jetzt aber dränge ich nach zwei Menschen: nach Richard Schaffrath

und nach mir selber,« sagte Henrik. »Ich warte mit Ungeduld.« Darüber

füllte er sich sein Glas von neuem und ging damit in den Wintergarten.

Er setzte sich in den Rohrsessel, Do gegenüber. »Mich allein haben Sie

am Rande stehenlassen, liebste Frau Do,« sagte er zu ihr. Es klang

wehmütig.

Do wußte, wie es um solche Mollakkorde des Herzens bei Tofte stand. Sie

scherzte selten. Aber diesmal griff sie die Sache doch lustig auf und

sagte: »Wir Frauen haben mit den Männern unsere liebe Not. Die anderen

konnten sich nicht selber helfen: Jockele, weil er zu jung war, und die

übrigen, weil jeder einen sanften Sparren hatte -- wie unser Freund

Cornelius.«

»Nun, einen sanften Sparren ...«

»O nein,« unterbrach ihn Do, »der Ihre geht über unsere Kraft! Ein

Mensch wie Henrik Tofte hat auf sich selber zu stehen. Tofte, Sie sind

von hundert Frauen geliebt worden ... nein, nein, zu rechnen brauchen

Sie nicht! -- hat Sie eine repariert?«

»Jawohl,« sagte er.

»Nun, dann reisen Sie augenblicklich ab und fahren Sie zu ihr!«

»Ich bin schon da, sagte der Swinegel.« Tofte sprach es mit dunklem

Klang der Stimme. Er hatte die Finger durcheinandergeschoben und senkte

die Stirn. »Ich bin schon da.«

»Jockele,« rief Gwendolin, »komm doch mal in den Wintergarten! Vor fünf

Minuten hat mich das große Licht siebenmal geküßt, und jetzt erklärt er

deiner Frau seine ewige Liebe.«

»O,« lachte Jockele, »soll ich mich deswegen erst in Bewegung setzen?«

Aber Cornelius kam. Er rieb sich die Hände und schmunzelte. »Ich mag

derlei Dinge furchtbar gern sehen.«

»Na, Meyer?« fragte Henrik Tofte.

Da raffte sich Erich Meyer zusammen und sagte: »Mir scheint, die

Gassenbuben werfen Ihnen die Fenster ein. O, ich kenne das -- diese

Zeit hab' ich schon überwunden.« Dafür drückte ihm Gwendolin sein Glas

in die Hand und klang das ihre herzhaft dagegen.

Aber mit Henrik Tofte war es an diesem Abend doch anders. Zu anderen

Zeiten war er immer mit geschwungenem Becher hoch über der Freude

dahingeschwankt. Heute saß er fromm in dem goldenen Lichte Dos. Und

so oft ihm ein Stein ins Fenster flog, merkte er besinnlich auf.

Gwendolin sagte: »Es geschehen Zeichen und Wunder, Cornelius! Komm,

wir beide setzen uns zu Jockele und Kordula. Ich will euch eine schöne

Rede halten über das Thema Henrik Tofte.« Sie faßte ihn unter, und nun

gerieten sie im Besuchszimmer an dem »großen Licht« in Lust. Die beiden

im Wintergarten hörten zu. Zuletzt sagte Tofte: »Liebste Frau Do, darf

ich einen Monat in dem Märchenhause bleiben? Einen ganzen Monat?«

»Ja,« sagte sie, »Sie dürfen bleiben, solang es Ihnen Freude macht.«

Man ging auch an diesem Abend zur gewohnten Zeit schlafen. Halb elf

Uhr; längstens elf Uhr wurde es, wenn Gäste da waren. Es hatte sich

seit dem Winter manches geändert. Heidi verlangte früh am Tage nach

Mama -- so ward der Tag länger. Und Jockele fand sich in das Wirken

der neuen Zeit nur zäh und ungesammelt, wenn er die Mitternacht in

Gesellschaft vorübergewacht hatte. Aber von dem Geheimnisse seines

Schreibzimmers war nicht ein Zipflein gelüpft worden, trotz List und

tastender Neugier. Und Gwendolin hatte in vier Wochen Hochzeit. So

trugen die Tage für jeden ein gerüttelt Maß freudiger Mühen, die Abende

Sehnsucht nach Schlummer.

Aber Henrik Tofte schlief nicht. Er saß an dem offenen Fenster, an

dem noch im Frühlinge die hohen Maßholder und Sterne über Kordula

aufgeblüht waren, ließ die Nacht um sein Herz wehen und erlebte das

große Wunder. Nicht so, als ob er die Rede vom Segen dieses Hauses

weitergedacht hätte, die er am Abend vor Gwendolin gehalten. Und

nicht so, als ob er sich den Weg zu den kommenden Tagen mit guten

und tüchtigen Vorsätzen gepflastert hätte, weil in der dunkelblauen

Hochnacht so schön Zeit dazu war, die Gedanken auf einen Müßiggang zu

schicken ...

Henrik Tofte stand am Anfang einer neuen hellen Straße und hub an zu

wandern -- ganz ohne Rausch und Plausch, ganz ohne Traum und Schaum und

ganz ohne Mahnung und Ahnung: es war das leibhaftige Wunder! Aber er

wußte es nicht. Wußte nichts von dem neuen Wege, schwur keinen Eid und

fühlte nicht, daß, der da saß vor der flimmernden Stille der Nacht, ein

Mann war, der ihm zeit seines Lebens noch nicht vor die Augen gekommen:

sondern er dachte: dieser Mann ist der blonde Skalde, Weber, Maler,

Heilgymnastiker, Anstreicher, Zirkusclown und Gepäckträger, den ein

verrückter Welscher sogar einmal für einen Erzieher gehalten hat ...

Die Einbildung, daß er sich in diesem Menschen zurechtfinden würde,

hatte er schon längst aufgegeben, und damit mühte er sich nicht mehr

ab. Stunden, wie diese -- dachte er -- hätte er schon tausendmal

erlebt. Also: es wäre mit ihm wieder einmal alles in schönster Ordnung,

und der kleine Gefühlsausbruch in Tugend und Reue, den er nach dem

Nachtmahle gehabt, wäre glücklich überstanden. So dachte er. Und er

gelobte nicht: »morgen oder übermorgen, oder wenn es paßt, werde ich

der Welt mal zeigen, was eigentlich hinter mir steckt -- hah!«

Von all dem keine Spur. Es war das leibhaftige Wunder. Henrik Tofte

wandelte rüstig auf der neuen hellen Straße und sah Do. Die kleine

Heidi legte ihr Köpflein mit dem gesponnenen Golde lieblich an ihre

Wange. Und hinter ihr stand breit und frühlingsoffen der Wildrosenbusch

und blühte und blühte. »Madonna in Rosen! So will ich dich malen -- in

dem kupferfarbigen Sommergewand und mit dem blauen Kinde!«

Wäre es nicht das leibhaftige Wunder gewesen, das in ihm wirkte, so

wäre er nun in den Garten gestürmt, mitten in der Nacht, oder in den

Park, und hätte nach dem Lichte des Morgens gerufen, um eine ungeheure

Tat zu tun. Aber wenn er den Morgen dann erspäht hätte, wäre er müde

gewesen, hätte sich hingelegt und geschlafen -- drei Tage, wenn's ihm

gerade so paßte.

Das alles tat er nicht. Er legte sich zu Bett. Und am Morgen fand er

sich pünktlich um acht Uhr an den Frühstückstisch, der so schmuck unter

der Ulme stand. Ein breiter Strom von Sonne stürzte von rechts herein.

Und Henrik Tofte sprach ruhevoll mit Jockele und Do über die Madonna in

Rosen, und daß er in diesem wundertätigen Frühlichte malen wollte.

»Dies Licht ist nur eine halbe Stunde,« sagte Do.

»So werde ich Sie viele Tage und immer nur eine halbe Stunde bitten,«

sagte er. »Wo ist Gwendolin?«

»Sie nimmt den Kaffee auf ihrem Zimmer. Früher ging sie dann malen,

und wir sahen sie über Tag nicht. Sie wissen ja, wie sie es treibt.

Nun aber hat sie freudige Sorgen und Pflichten, die alle in diesen

vier Wochen erfüllt sein müssen. Für heut abend bittet sie Richard

Schaffrath und den Professor zu uns.« Und Jockele sagte: »Über Tag

richten Sie sich ganz nach Ihren Wünschen, lieber Tofte -- wie wir

uns nach den unseren. Ich arbeite zwischen den Mahlzeiten auf meinem

Zimmer. Wir wollen da nicht aufeinander angewiesen sein, nicht wahr?«

Abends waren sie im Garten unter stillen bunten Lampen. Schaffrath,

Salzer und Tofte schritten hin und wieder in nachdenklichen Gesprächen

um den großen Rasenplatz. Von der Gewaltsart, in der ihnen der Norweger

vorgestellt worden, spürten sie nichts. Da wuchsen sie freimütig und

männlich zueinander. Gwendolin merkte es, und die anderen merkten es

auch: das Wunder war geschehen. Nur Tofte ging daran vorüber und war

ahnungslos wie ein Kind. »Du hast dich an ihm verzeichnet,« sagte

Schaffrath zu Gwendolin, »du hast uns einen Riesen mit einem Kindskopf

gemalt und einen Seher mit einer Schellenkappe -- und nun ist er ein

ganz gewöhnlicher und aufrechter Mensch.«

»Morgen werdet ihr ihn erkennen,« sagte Gwendolin.

Es vergingen Tage. Einmal wanderten Schaffrath, Meyer, der Professor

und Tofte nach Ettersburg, ein andermal nach Belvedere. Sie waren fast

an jedem Abend zusammen -- aber sie erkannten ihn nicht anders als in

den ersten Stunden.

»Was ist das mit dem großen Licht?« fragte Gwendolin.

»Ich weiß es nicht,« sagte Do.

Wenn es des Morgens die Zeit war, daß er malte, war er mit ihr und

Heidi allein im Garten. Es drängte sich niemand in diesem Haus um ein

wachsendes Werk. Am Ende der zweiten Woche fragte Do die Gwendolin:

»Hast du die Madonna gesehen?«

»Nein.«

Do blickte die Freundin aus ihren hochgemuten Augen an und sagte: »Dann

laß sie dir zeigen. Ich glaube, das Bild ist sehr schön.«

»Hast du mit ihm davon gesprochen, Do?«

»Nein. Du weißt, er wartet nicht auf ein Lob. Und was ich zu sagen

hätte, kam mir zu billig vor. Deshalb schwieg ich -- und weil es so

unerhört, weil es über jedes Maß ist.«

»Es kann sein,« sagte Gwendolin.

»Weißt du auch nicht, daß er sich über jedes Maß abmüht dabei,

Gwendolin?«

»O, Henrik Tofte quält sich nie!« sagte sie.

»Mir scheint, er weiß es selbst nicht. Aber er ist froh, daß das Licht

nur eine kurze halbe Stunde hält. Nur einmal sagte er, es läge wie

Spinnengewebe in seinen Augen.«

»So wird er sich an deinem Lichte geblendet haben,« scherzte Gwendolin.

»Ja, das sagte er.«

Am Anfange der vierten Woche ließ Henrik Tofte das Bild auf der

Staffelei im Garten stehen. »Nun -- darf man kommen?« fragte Gwendolin.

»Fertig?«

»Ja.«

Da legte sie seinen Arm in den ihren und führte ihn hin. Wie sie

davorstanden, war es, als schlüge Gwendolin Wurzeln; und die Augen

liefen ihr über. »Tofte, Tofte!« sagte sie und legte ihre Hände auf

seine Achsel und ihre Stirn an seine Brust. Dann sah sie ihn an und

sagte:

»Ich habe zweimal geweint, daß ich es weiß: einmal -- nun: ein andermal

... und jetzt! Du stehst ja selbst davor und möchtest weinen!«

»O nein,« sagte er, »es ist fromm und freudig, ja, und es macht mich

sehr glücklich.«

Dann wandten sie sich, und im Gehen sagte sie: »Ich habe recht gehabt:

so kann nur Henrik Tofte malen und der liebe Gott. Laß das Bild dort

stehen. Ich habe Richard und Salzer gebeten -- sie kommen vormittags.«

Und als sie gekommen waren, standen sie alle um die Madonna in Rosen.

Gwendolin hatte nun einen ruhevollen Rahmen in altgoldener Tönung

darum gelegt. Und alle sahen: es war ohnegleichen. Ohnegleichen in

seiner Lebensfülle. Ohnegleichen in den warmen Schwingungen der Farben.

Kein Farbenrausch, der die atmende Schönheit der Natur erstickte.

Ohnegleichen in der schmuckhaften Anordnung. »Ein kostbarer Edelstein,«

sagte Richard Schaffrath aus einer tiefen Künstlerandacht heraus, »vom

Lichte des Gottes durchtränkt -- es ist ohnegleichen, ist ohnegleichen.«

Henrik Tofte löste sich hernach aus dem Ringe der Freunde und ging in

sein Zimmer. Er dachte daran, daß die Zeit seiner Abreise nun nahe wäre.

Mit dem Lobe der Freunde war es, wie wenn ein Mann einen Becher füllt

mit edelstem Weine, den er lange Jahre hindurch in seinem Keller

aufbewahrt hat für einen Tag, der recht herrlich und königlich über

alle seine Art hinauswächst. Und dies Lob dauerte auch genau so lange,

wie jener Becher braucht, um einmal die Runde zu machen. Dann war

es vorbei. Henrik Tofte hatte diese Menschen nicht zum ersten Male

vor die Schätze geführt, die verschwenderisch in ihn geworfen waren.

Man wußte: solches Verschwendertum ist eine Schöpferlaune. Aber es

wiederholt sich darin die Geschichte vom Distelfinken, dem der liebe

Gott aus jeder Farbschale den Rest auftupfte. Er verstaut an Gaben in

einen einzigen, was in seiner Werkstatt herumliegt und ihm gerade in

die Hände fällt. Und der Mensch, der also angefüllt ist, mag zuschauen,

wie er damit fertig wird. »Ja, so ist der liebe Gott mit Henrik Tofte

zu Werke gegangen,« sagte Gwendolin. »Es ist auch viel Sturm in ihn

hineingepackt, und das große Licht blakt nun in diesem Sturme.« Jockele

schupfte die Schultern: »Was wollt ihr? Es geht in dem reichsten Kopf

und Herzen eine ganze Bibliothek von Dichtungen zu Grabe, die nie

erschienen sind -- hat ein Dichter gesagt -- und selbst der liebe Gott

kann nicht jedem Tag ein Gesicht geben: es hat eben nicht jeder eins.«

-- »Ja,« sagte Schaffrath, »so ist es wohl. Aber das sollt ihr wissen:

ich habe vor keinem Bilde die Schauer der Allmacht empfunden wie vor

diesem.« Sie sahen immer nach der Madonna hin, während sie so redeten.

Und Gwendolin sagte: »Ich mag dir diesmal nicht zustimmen, Jo; denn

ich weiß, Henrik Tofte hätte die Kraft, jedem Tag ein Gesicht zu geben,

wenn er nur wollte!«

Da hatte sie einen schweren Stand und kam sich vor wie ein kleiner

Vogel, der in einen Flug Falken geraten ist. Aber sie wehrte sich

mit Frauenhartnäckigkeit und sagte: »Ihr werdet mich doch nicht

unterkriegen mit euren scharfen Schnäbeln! Es wäre besser, ihr fragtet:

was ist es, das dem Henrik hier in eurem Hause diese Gnade schenkte?«

»Ho,« sagte der kluge Professor Salzer, »jetzt kommen wir dem Geheimnis

auf die Spur! Es ist der Segen der schönen Frau Do; es ist der Segen

des Vorbilds, das er sich diesmal wählte ...«

So rieten sie sich heiße Augen und Herzen. Sie errieten vieles, aber

zum Kerne des Rätsels gelangten sie nicht; denn der Tag, der das letzte

Licht brachte, war ein Tag tiefster Finsternis. Und dieser Tag war noch

nicht gekommen.

Henrik Tofte kümmerte das alles nicht. Er kümmerte sich auch nicht

um sich selber. Und er konnte nicht begreifen, daß die Menschen

sich um ihn stritten. Heute hatte er Lust, in einem offenen Wagen

hinauszufahren in die Wälder. Also rief er aus dem Fenster, ob sie

dabei sein wollten. Und dann bestellte er für nach Tisch drei Wagen aus

der Stadt. Die Madonna in Rosen schien über dem neuen Plan in ihm schon

in ewiges Vergessen gesunken zu sein; Gwendolin mußte Sorge tragen, daß

das Bild ins Haus kam und gefahrlos trocknete.

Daß Henrik von einer Sehnsucht nach der grünen Stille der Wälder und

den sanften Farben der Erde in diesen späten Sommertagen geleitet

wurde, daran dachte er nicht. Er »beschloß« die Fahrt -- das war seine

Erklärung. Die stillen Stimmen, die sie ihm geboten, vernahm er nicht.

Das waren in diesem Falle seine Augen. Und in diesen hellen Brunnen,

die das Wunder des Lichts auf all seinen Glanz und seine Geheimnisse

durchspürten, lag zuletzt das Rätsel begriffen, das Henrik Tofte hieß.

Aber er wußte es nicht. Niemand wußte es. Deshalb hatte er zu Frau Do

gelacht über das Spinnengewebe, das in diese Augen fiele.

Nun hatte er vier Wochen gemalt -- durch dreißig Jahre hatte er sich

nicht zu einem solchen Aufgebot an Kraft zwingen können. Er hatte vier

Wochen gemalt, und nun sahen seine Augen die Welt wie die Augen eines

Kindes, das fürwitzig ins Gesicht der Sonne geschaut hat: es hing für

sie ein leiser grauer Schleier um alle Dinge. Der war unendlich fein,

aber er war da. Und Henrik Tofte wußte es nicht; denn so war es für ihn

gewesen, solange er denken konnte. Es war eine Selbstverständlichkeit

-- wie es für die Sterne eine Selbstverständlichkeit ist, daß sie nicht

in ihrem Glanze sind, wenn sie der Himmel nicht mehr braucht.

Einmal im Hardangerfjord, ein einziges Mal, hatte er daran gerührt.

Das war, als ihm Gwendolin vorwarf: »Faulheit bei einem gewöhnlichen

Menschen ist ein Laster -- aber bei Ihnen, Tofte, ist sie eine

Gotteslästerung.«

Da hatte er gesagt: »Diese Faulheit liegt in meinen Augen -- nur wenn

ich alle Wunder mit ihnen erringe, die im Lichte sind, dann will ich

malen. Ihr anderen, die ihr blind geboren seid, mögt das halten, wie

ihr wollt. +Mir+ sind die Augen an manchem Tag ausgegangen -- je nun:

die Sonne geht dem lieben Gott ja auch mal für ein paar Wochen aus!«

Da sagte Gwendolin: »Mit so schönen Worten deckt Henrik Tofte seine

Faulheit zu.« Weiter fiel dem feinhörigen Mädchen dabei nichts ein.

Nach Mittag fuhren sie in die Welt. Auch Kordula und Erich Meyer

waren dabei, und es war noch Platz in jedem Wagen für ihre Freude.

Jockele, Do und Tofte saßen zusammen. In allen drei Wagen sprach man

von Henrik oder von der Madonna. Das Bild war ein Erlebnis. Aber im

vorderen, in dem Henrik saß, redete man auch von seiner Abreise und

von seiner Wiederkehr; die eine sollte morgen geschehen, die andere

in ein oder zwei Jahren. So fuhren sie durch die Ettersburger Wälder

und am Abend über Tiefurt heim. Für Gwendolin und Schaffrath gab es

an diesem Tage noch andere wichtige Dinge zu reden; denn übermorgen

hatten sie Hochzeit. Es war gar nicht zu verkennen: Tofte wollte diesem

Tag ausweichen. Gwendolin fand das seltsam, die anderen nicht. Aber er

hatte es so eilig, daß ihm Do die Sorge um die Madonna abnahm -- sie

wollte dafür tun, daß sie in Rolf Krakes Hände käme, wenn die Zeit da

war.

Am anderen Tage schied Henrik aus dem Haus am Horn und ging wieder

nach München. Er mietete sich ein Atelier in Altschwabing -- das gab

eine Aufregung unter den Malern, die er kannte. Mister Johnny, der nun

wieder sein Nachbar war, hatte die Giraffe vollendet. »Ein dusterer

Einfall,« sagte Tofte.

»Noch dusterer scheint mir Ihr Vorhaben,« lachte Johnny, »wozu in aller

Welt brauchen Sie einen Malraum?«

»Arbeiten will ich.«

»Haben Sie das in Weimar gelernt? Und ist aus dem Bild etwas geworden?«

»In ein paar Jahren will ich es mir darauf ansehen. Bis dahin hab' ich

zu tun -- es ist die höchste Zeit.«

Mister Johnny wunderte sich selten; aber Tofte sprach diesmal so, als

gäb' es kein Ausweichen vor sich selber. Zu anderen Zeiten hätte das

anders geklungen. »Ich modelliere jetzt einen Löwen,« sagte Johnny.

Dann führte er Henrik hinaus in den Garten. Dort stand ein Käfig, wie

ihn die Leute aus den Tierbuden von Jahrmarkt zu Jahrmarkt senden,

und ein leibhaftiger Löwe saß darin ... Nun ja, auch Mister Johnny

hatte seinen sanften Sparren. »Ich habe ihn von einem Menageriebesitzer

gemietet bis zum Oktoberfest,« sagte er. »Und gleich morgen wollen Sie

anfangen zu arbeiten? Ach, kommen Sie doch heute mit mir nach Dachau!

Morgen mittag sind wir wieder daheim, und Sie haben bis zum Abend noch

Zeit zur Übersiedlung.«

Aber Tofte schlug es ihm ab; er hatte einen Einfall, der wog ihm heute

so viel wie eine Tonne Gold; gerade heute; denn gänzlich hatte er den

alten Henrik in Weimar nicht umgebracht. Er redete aber nicht davon.

Abends, als Johnny schon längst weggefahren war, erschien Henrik mit

einigen Freunden und einem Löwenkäfig im Garten von Altschwabing. Sie

ließen den Löwen aus dem einen Käfig in den anderen spazieren und

entführten ihn so im Dunkel der Nacht. Am anderen Vormittage, kurz

vor der Heimkehr Johnnys, kam Tofte noch einmal und markierte in dem

geschorenen Rasen eine Löwenfährte. Er wurde damit fertig, und es war

nun sehr gut zu sehen, wie das Tier ausgebrochen und über den Rasen

gestapft war, wie es vor dem Zaun zum Sprung angesetzt und den Sand mit

den Klauen geschlagen hatte, ehe es in den Englischen Garten entwich.

Nicht lange, so sprang Mister Johnny die Stiege im Nachbarhause

zu Toftes Malraum in langen Sätzen empor. Er riß die Tür auf und

berichtete, der Löwe wäre ihm davongelaufen.

»Unmöglich!«

Dann eilten sie miteinander hinab und sahen die Spuren im Gras und im

Sande der Wege. »Ha!« stöhnte Mister Johnny.

»Man wird Ihnen einen Schabernack gespielt haben,« sagte Tofte.

»Denken Sie denn, ich kenne die Löwenfährte nicht?« schrie Johnny.

»Halten Sie mich für einen Dummkopf?«

»Im allgemeinen nicht.«

»Und meinen Sie, ich hätte nicht einmal das bei meinen afrikanischen

Jagderlebnissen gelernt?« Dabei führte er Toften noch einmal auf der

Spur durch den Garten. »Er hat sich keinen Augenblick besonnen -- auf

dem kürzesten Weg ist die Bestie entronnen.«

»Zu dichten brauchen Sie deshalb nicht -- sondern Sie müssen sofort die

Polizei benachrichtigen,« sagte Henrik; »mir schwant ein fürchterliches

Unglück.«

Johnny enteilte. Er warf sich in ein Auto und fuhr zum nächsten

Polizeiamt. Dort wußte man nichts von dem Ausbruch eines Löwen. »Nun

ja. Vielleicht ist es erst vor einer Viertelstunde geschehen; denn die

Fährte war frisch.« Heimlich erwog Johnny, ob er nicht auch ausbrechen

und nach England entweichen sollte auf Nimmerwiedersehen. Finsternis

fiel über ihn bei dem Gedanken an das Unglück, das da drohte, und bei

dem Gedanken an die Rechenschaft, die man von ihm fordern könnte.

In rauchendem Wagen kehrte er nach Hause zurück. Es fiel ihm nichts

dabei ein, daß er Tofte in seinem Atelier fand und daß dieser sagte:

»Ich habe alle Polizeireviere Münchens und die Ortschaften über den

Englischen Garten hin angerufen und geboten, das Vieh zu erschießen, wo

es sich sehen läßt.«

»Machen Sie, was Sie wollen!« brüllte Johnny, »ich reiße aus.«

Das hatte Tofte geahnt.

Und keine fünf Minuten vergingen, da rasselte der Wecker des

Fernsprechers ...

»Hier John Williams.«

»Hier Stationsvorsteher von Pasing. Es steht ein Löwe auf der Strecke

kurz vor Pasing, der Zug kann nicht einfahren -- ist das vielleicht Ihr

Löwe?«

»Ach wo! Wie kommen Sie darauf?«

»Ein Reisender sagt, Sie hätten Ihren Löwen als vermißt bei der Polizei

gemeldet.«

»Fällt mir ja gar nicht ein!«

»Um so besser. So werden wir ihn erschießen.«

Johnny erbleichte. »Um Gottes willen ... Nicht erschießen! Ja, ja, es

ist mein Löwe! Er ist es -- mit größter Wahrscheinlichkeit. Aber nicht

erschießen -- der Spaß würde mich zehntausend Mark kosten!«

»Gut. Wir wollen also sehen, was sich tun läßt. Schluß.«

Tofte hatte das Kursbuch einstweilen in seiner Brusttasche geborgen, in

dem Johnny zuvor hastig geblättert hatte. »Der erste Akt!« sagte Johnny

zerknirscht und hing den Hörer an. Dann warf er die tausend Dinge

herum, die er auf den Tisch gestapelt hatte, warf sie in die Koffer,

warf sie wieder heraus und suchte das Fahrbuch und wußte es kaum.

Wieder rief das Telephon ...

»Hier Erholungsheim Waldhaus.«

»Wer?«

»Wald -- haus, eine halbe Stunde hinter Pasing. Es steht hier ein Löwe

vor der Gartentüre ... Ist das vielleicht Ihr Löwe?«

»Wie kann ich das wissen?« brüllte Johnny.

»Wie, bitte?«

»Lauter, lauter!« mahnte Tofte.

»Teufel,« knirschte Johnny, »Teufel!«

»Nein, ein Lö -- we, ein Lö -- we! Wir müssen ihn erschießen, wenn Sie

nicht augenblicklich Abhilfe schaffen.«

Mit triefender Stirn sank Mister Johnny in den Stuhl. »Wollen Sie nicht

in einem Auto nachfahren?« rief Tofte.

»Zum Donnerwetter, was soll ich denn dabei tun?«

Und wieder gellte der Wecker, jäh, jäh und schüttete einen Haufen

Entsetzen aus ...

»Hallo! Hier Hotel ›Zur Post‹ in Garmisch. Eben ist ein Löwe in unseren

Speisesaal eingebrochen. Ist das vielleicht Ihr Löwe?«

»Herr -- gott!« stöhnte Johnny.

»Nein, ein Löwe ...«

»Was?«

»Ein Lö -- we!«

Der Hörer klirrte an den Haken. Mister Johnny preßte die Hände vor die

Ohren und irrte mit seinem Entsetzen durch den Raum. Dann schlug er

die Koffer zu, verschloß sie und zerrte sie zur Tür. »Es nützt Ihnen

nichts,« sagte Tofte, »längstens in der Halle des Bahnhofs hat man Sie

gehascht. Merken Sie denn nicht, daß Sie der Mann des Tages sind?«

Das Telephon!

Noch einmal wankte Johnny hinzu ...

»Hallo! Hier Berghaus Zugspitze.«

»Wer?«

»Berghaus Zugspitze -- dreitausend Meter über dem Meere.«

»Was gibt's?«

»Es ist hier ein Löwe zugelaufen. Wir haben die Bestie eingekäfigt. Ist

das vielleicht Ihr Löwe?«

»Ja,« gestand John Williams. Seine Kräfte gingen zu Ende. Aber Erlösung

träufelte in sein Herz wie Mairegen.

»Sind Sie noch da? Wir fordern Sie auf, Ihr Eigentumsrecht ...«

»Was?«

»Ihr Eigentumsrecht geltend zu machen und das Tier spätestens morgen

abzuholen!«

»Dem Himmel sei Dank,« sagte Mister Johnny, »das Leben wird mir in

dieser Stunde zum zweiten Male geschenkt.«

»Das kann ich mir wohl denken,« begann Tofte nachdenklich. Es wollte

ihm scheinen, als hätte das Spiel seinen Höhepunkt wohl für die

Freunde, nicht aber für Mister Johnny bereits überschritten. Das ging

eigentlich gegen den Plan. »Je nun, die Welt ist nicht reich an Humor,

und wo er einmal wächst, soll man ihn nicht in der Blüte knicken,«

sagte er zu sich. Daß es mit der Geographie Johnnys mangelhaft bestellt

war, das wußte man -- o, Mister Johnny war ein Brite! Und so war es für

ihn durchaus kein Wunder, daß der Löwe die Strecke Pasing, Garmisch,

Zugspitze im Fluge weniger Minuten durchmessen. Die Freunde hatten ihre

Rolle ausgezeichnet gespielt, und dem Johnny war über der raschen Folge

der Ereignisse wirklich nicht der leiseste Verdacht aufgestiegen ...

Oder doch? Und suchte er nun schweigend die Fäden zu entwirren? Sann

er darüber nach, wie die Lage für ihn zu retten wäre? Tofte wollte zur

Klarheit gelangen. »Hm,« unterbrach er die Stille, »schleierhaft bleibt

mir bei alledem, was das Vieh eigentlich auf der Zugspitze zu suchen

hat?«

»Das ist mir ganz egal,« polterte Johnny los, »im Atlas klettern die

Löwen auch auf die Berge! Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen darüber

zu unterhalten, verstehen Sie? Die Frage ist jetzt: wie kriegen wir ihn

herunter.«

»Nun, das ist doch sehr einfach: Sie telefonieren nach einem

Rollfuhrwerk, lassen den leeren Käfig zur Bahn bringen, geben ihn als

Passagiergut auf, und wenn es Mühe machen sollte, ihn auf den Gipfel

der Zugspitze zu bringen -- nun, so kann man die Bestie vielleicht

droben in ein Drahtgeflecht einnähen, anseilen und herunterlassen ...

O, das läßt sich dann schon machen.«

»So!« brüllte Johnny, »und das nennen Sie einfach?«

Tofte zog die Achseln. »Tja -- der kürzeste Weg zum Ziele! Das ist

stets der relativ einfachste ...«

Auf einmal erklangen Männerstimmen -- von drüben aus den Fenstern

des Ateliers im Nachbarhause. Es waren die Maler, die an dem Scherze

beteiligt waren und zuerst in Toftes Malraum die Gegend erkunden

wollten. Tofte sah aus dem Fenster und rief hinüber: »Mister Johnny hat

mir den ganzen Tag zerdonnert. Der Löwe ist los!«

»Der Löwe?«

Da eilten sie alle herüber, stießen ihre Arme und ihre entsetzten

Stimmen in die Luft, und Johnny forderte sie auf, mit ihm die Zugspitze

zu besteigen, um den Ausreißer im Triumphe heimzuführen. Aber sie

lehnten ab. Tofte schützte Arbeit vor, die anderen vier fanden die

Sache zwar eigenartig, aber auch gefährlich.

Es nahm nun alles seinen ordnungsmäßigen Verlauf: das Rollfuhrwerk kam,

der Käfig wurde aufgeladen, Mister Johnny ließ seine gepackten Koffer

im Atelier, reiste dem Käfig nach und -- ward nicht mehr gesehen.

Die Koffer forderte er einige Tage später nach Glasgow -- woraus

zu schließen war, daß er die Zugspitze erklommen und dort sein

»Eigentumsrecht an dem Löwen geltend gemacht« hatte ... Nein, wieder

kam er nicht -- aber sein Ruhm hält in München noch für hundert Jahre.

In diesen Tagen war es, daß Professor Salzer die Tante Veronika

entdeckte. Er war auf einer Septemberwanderung im Thüringerwald.

Damit hielt er es schon immer; denn dies Fahren in bunten Blättern

und Träumen war für sein gesammeltes und weises Herz die Erfüllung

des Jahres. Und vor allem der letzte Sommer hatte ihm Veranlassung

gegeben zum Nachdenken über sich selbst. Ganz leise war die Jugend um

ihn her in ihren Frühling geflogen -- Kordula, Cornelius, Gwendolin,

Schaffrath, selbst Do und Jockele! Gott ja, sie waren ihm nicht

abhanden gekommen. Aber ihr Leben hatte einen neuen kraftvollen Schoß

getrieben, und Salzer war ein wenig aus dem Kurs gefallen. Nicht so,

als wäre man seiner müde geworden, o nein. Er fand nur: es wäre für ihn

in der Ordnung, ein bißchen zur Seite zu rücken. Manchmal, wenn er so

droben über den Dächern zwischen Einsamkeit und aufglimmenden Sternen

gesessen hatte, pochte es leis an sein Herz. »Herein!« Es war das

Glück. »Herr Professor, ich wollte nur fragen, ob wir zwei uns im Leben

vielleicht doch nicht so vollkommen eingerichtet haben, wie wir die

Jahre her dachten.« -- »Je nun,« sagte er und strich die Asche seiner

Importe ab, »im allgemeinen doch wohl ... trotz alledem! Etwas zu

wünschen bleibt ja immer. Sollten wir es nicht genau so weiter treiben?«

Aber am nächsten Morgen, während das neue Licht einen herrlichen Kampf

mit den Nebeln ausfocht, fuhr auch Salzer in seinen Frühling, fuhr

stracks zu Tante Veronika. Er kam vor das Häuschen am Buchenschlag wie

die Sonne selber; denn er hatte am Abend zuvor herausbekommen, daß

auch die weise Frau vom Walde über den neuen Schossen, die das Jahr im

Märchenhause getrieben hatte, ein wenig zur Seite gerückt war. Und Frau

Do sollte ihn nicht umsonst die »Würze des Lebens« genannt haben!

Tante Veronika war gerade im Gärtlein und schnitt mit der kleinen

Rosenschere ein bißchen am verblühenden Jahre herum. Sie hatte ein

violettes Morgenhäubchen auf den schneeweißen Haaren. Da stiegen auf

einmal zwei blanke Augen über den Zinseln des Zaunes hervor und darüber

der hellgraue Künstlerhut, der stets aussah, als wär' er erst am

Morgen aus dem Hutladen bezogen worden. Es gab eine große Freude; die

sah zuletzt aus wie eine Malve, die vom Scheitel bis zur Sohle und

ringsherum mit schönen rosa Blüten bedeckt ist; denn der Professor

wackelte an dem Zauntürlein ... Und als Tante Veronika drinnen den

Riegel zurückschob, feierten die beiden Leutchen das Wiedersehen so

herzfröhlich -- es konnte kein Mensch glauben, sie wären einander in

ihrem langen Leben nur ein einziges Mal auf fünf Minuten begegnet!

Natürlich lugte das Mädchen Mali im Eckzimmer gleich ein bißchen

durch den Vorhang -- was es da draußen für einen Spektakel gäbe. Und

wie sie Herrn Salzer erkannte, der damals im Märchenhaus auch an

ihr vorübergestrichen war, und wie die Frühsonne so um die beiden

herumjauchzte, dachte sie: »Die Weisen aus dem Morgenlande!« So war

nun das Mädchen Mali! Die Malve wuchs indes immer weiter, und zuletzt

ward ein richtiges Feuerwerk daraus; denn der Professor wollte zwei bis

drei Wochen im Frühlingshause zu Gast sein -- der erste Herr, der darin

»Logierbesuch« war, wenn man das Zigeunerbüblein nicht rechnete. Man

denke!

Die Mali lief im Haus herum, als wäre sie frisch geölt, und flitzte

über die Stiegen wie siebzehn Jahre. Und die Glocke über der Haustür

läutete in einemfort, geriet außer Atem und mußte abgestellt werden;

denn die Leute im Dorfe hätten ja gedacht, bei Fräulein Sinsheimer wär'

Feuer ausgekommen.

Die Mali rückte gleich das ganze Häuschen in die neue Sonne. Nach

ein paar Stunden funkelte es bis ins Herz hinein. Nicht etwa, als

ob sie nun alle Winkel ausgestaubt hatte -- ach nein, Winkel gab's

hier nicht für solch beschauliches graues Dasein; sondern es war eine

lichte Gelegenheit, alle Fenster aufzustoßen an den beiden alten

Frauenherzen, und der Himmel fanfarte hinein mit schmetternden

Trompeten; denn auch der Tante Veronika war anzusehen, wie glückselig

sie war.

Den ganzen Nachmittag saßen die alten Herrschaften in dem Eckzimmer,

durch dessen Scheiben damals das Zinzilein nach dem Herrn Prinz

geschaut hatte, weil sie ahnte, daß sie nun eine Prinzessin würde --

saßen dort nach Tisch vor den Meißener Schälchen beim Kaffee, und

saßen dort beim Tee, als schon die Sonne ihr Königskleid über den

Wipfeln des Waldes raffte. Das Leben aber fügte in diesen klaren und

köstlichen Herbsttagen dem leuchtenden Sommerschlößlein, das den Namen

Veronika Sinsheimer führte, den Schlußstein ein. Um diese Zeit wurde es

fertig. Ja, es hatte lange gebraucht dazu, aber nun war es auch etwas

prachtvoll Schönes geworden und war ausgerüstet mit allen Kleinodien,

die auf dem Wege vom Auszug aus dem Himmel bis zur Heimkehr in ein

Menschenherz gelegt werden können. Zuerst hatte es fast so ausgesehen,

als wollte dies Leben dem Fräulein Sinsheimer seine Kargheit zeigen und

ein Weiblein aus ihr machen, wie sie da und dort an den Rändern stehen.

Nun hatte sie Kinder gehabt und hatte Enkel, ihr Herz hatte alles Glück

der Welt hundertfältig gespiegelt, und nun hatte sie auch den weisen

und fröhlichen Freund, der neben den herrlichen Blüten ihres Geistes

und Herzens bestehen konnte.

Deshalb trugen die Stunden im Frühlingshaus Festkleider. Die gläsernen

Schränke und die Mahagonimöbel funkelten so, wenn Tante Veronika mit

ihrem Freunde vor den Meißener Tassen saß ... »Ja, ja,« sagte der alte

Herr, »mit dem Jockele sind wir noch nicht am Ende! Ich glaube, da

kommt noch einmal etwas zutage, das keinem von uns im Traum eingefallen

ist. Er hat sich dazu so herrlich auf sich selber gestellt, und uns --

läßt er nicht einmal durch das Schlüsselloch gucken.«

Tante Veronika spielte mit ihren Händen auf dem Rande des Tischleins

wohl ein schönes leises Lied. Und ihr Gegenüber, der Herr Salzer,

führte sie an seiner sicheren Freundeshand den Weg der Wunder: aus dem

Herzen der Zigeunerin durch das Herz der Tante Veronika ans Herz der

Frau Do zum Herzen des lieben Gottes ...

Es war ein feines besinnliches Hinschauen.

Dann redeten sie von weiser Frauenliebe und von dem Segen, der in ihr

ist. Von dem Fluche sprachen sie nicht; denn Fluch wächst nur aus

Leidenschaft. Liebe aber ist Weisheit ohn' Unterlaß und Einschränkung;

denn das Weiseste, was es gibt, ist der Verstand Gottes; und dieser ist

Liebe.

So war der Herr Professor Salzer dem Märchenhaus in jenen Tagen

abhandengekommen. Niemand fand eine Spur von ihm. Auch Jockele nicht

-- wiewohl er siebenmal die hundertneununddreißig Turmstufen emporzog.

Cornelius komponierte die Märchenoper und war weg. Gwendolin feierte

Hochzeit und war auch weg. Henrik Tofte? Ganz richtig -- zu ihm

gehörte das Fragezeichen. Schreiben tat er nicht. Tinte und Feder

waren für ihn sein Lebtag Dinge gewesen, die er scheute wie Gift.

Seine »Korrespondenz« hatte er sogar einen Winter lang von Nane Thord

besorgen lassen. Und das einzige Mal, wo er nachweislich geschrieben --

damals, als er unter die Dichter gegangen -- hatte er das Manuskript

vor den Augen der Menschen verborgen. Er sagte: ums Leben könnte er

sich auch bringen mit Pinsel und Farbe.

Da packte Frau Do mit dem Diener Fritz die »Madonna in Rosen« in

eine flache Kiste und schickte sie an Rolf Krake. Natürlich durfte

Fritz nicht sagen, was er dabei dachte -- aber auch für Do war es ein

wehmütig Beginnen. Dann setzte sie sich hin und schrieb an Rolf Krake

einen klugen und frohen Brief ...

Lieber Einsiedler!

Ihr Verlangen war seltsam. Aber wir dachten: Sie wollen einen

Menschen um sich haben, über den Sie Ihre weisen und närrischen

Gedanken hinausschicken können ins Leben, in das Sie nicht

einmal mehr zu Gaste kommen mögen. Sie haben sich einen neuen

Garten Eden geschaffen und fordern eine Gehilfin. Da ist sie!

Gwendolin sagt: »Geschaffen von den Händen Gottes ...«

Sie haben sich nun an einen Platz gestellt, an dem für die

Menschen das Narrentum angeht. Wir im Märchenhaus aber sagen:

das Narrentum hört dort auf. Jeder soll es treiben, wie es sein

Glück fordert; denn auf der Welt gehört nichts inniger zusammen

als Leben und Glück. Vielleicht werden die Menschen nun Ihre

Insel die »Narreninsel« nennen und sagen: »Es lebt dort einer

mit einem Bilde!« Und sie wähnen, Sie wären der einzige.

Die so reden, haben es zwar nicht zu dem Kleinod einer Insel

gebracht, aber zu Millionen leben sie sich an ihrem Dasein

vorüber und leben -- einem Bilde! Meist einem, von dem sie

nicht einmal eine klare Vorstellung haben. So kümmern sie sich

ihre Straße dahin und kümmern sich ins Grab; aber den frohen

Einsamen auf einer Insel nennen sie den Narren.

Sehen Sie, so verstehen wir im Märchenhause den Brief, den Sie

an Henrik Tofte geschrieben haben. Er hat ihn uns gelassen

als Gastgeschenk. Wir lesen ihn oft und halten unsere Herzen

in sein warmes stilles Licht. Erkennen Sie nun: es war ein

Traum vom Leben, der Ihnen eingab, das Eiland die »Insel

der Auferstehung« zu taufen? Ein lieblicheres Ostern --

wer könnte sich vermessen, es zu feiern? Die Menschen sind

Schiffer auf dem Ozean. Nach ihrer Insel steuern sie alle:

der eine nennt sie die Insel der Auferstehung, der andere

nennt sie Märchenhaus -- -- ihrer sieben gelangen in den

Hafen, dreihundert Millionen treiben daran vorüber. »Die Insel

finden!« stiller Freund, das ist die Weisheit, das ist die

Kraft! Und nun messen Sie Ihr »Narrentum« an diesem Leitsatze

des Lebens und sagen Sie getrost: »Es sei wie es sei -- meinen

Himmel hab' ich mir errungen!«

Ich sage nicht: wenn Sie einmal Lust haben, in die Welt

zu fahren, so kommen Sie zu uns! Nein, schlagen Sie Ihre

Wurzeln frohgemut in Einsamkeit und Tiefe, und stehen Sie

unerschütterlich auf Ihrem Gelöbnis. Aber wenn Sie einmal

herüberzureden wünschen in die Welt der Menschen, so fragen

Sie -- mein Mann und ich werden Ihnen von dieser Welt so viel

erzählen, wie Sie hören wollen.

Frau Do.

Nichts als ein Brief! Und in den ersten Worten nicht einmal ganz frei

und nicht ohne die Sorge des Weibes, das eines anderen ist. Aber nur

in den ersten Worten. Die sollten dem Robinson sagen: »Siehe, so ist

mein Bild gemeint! Und weil wir es so meinten, hast du es mit Freuden

bekommen.« Aber dann war alle Befangenheit von ihr abgefallen. Sie

erinnerte ihn nicht pharisäisch an die große Dummheit seines Lebens und

sagte: »Das werden Sie nicht wieder tun« -- sondern sie krönte seinen

Sieg. Und sie sagte ihm: »Es gibt von alters her auf Erden sieben

Weise; sie sterben nicht aus; darum ist ihr Sinnbild zu den Gestirnen

des Himmels erhoben. Es sind nicht Sterne erster Größe, aber siehe, du

bist einer dieser glückseligen Sieben. Freue dich!«

Von sich selber sprach sie kein Wort. Aber sie ließ ihn ahnen: dein

Leben ist nun klug und klar, und es ist ein Leben der Fülle -- trotz

alledem! Es ist ein Sinnbild für die dreihundert Millionen Toren,

die jeden einen Narren heißen, der nicht die Schellenkappe trägt wie

sie ...

Jockele war zu ihr an den Schreibtisch getreten; das Fenster stand

offen, die kleine Heidi lag drunten im Garten in ihrem Wagen und

schlief.

Nun sprachen sie von Rolf Krake aus ihren hochgemuten Herzen. Do

lächelte und sagte: »Haben wir es denn anders gemacht als er?«

Jockele und seine Frau · 第 14 / 24 题