Sein Ruhm war nicht über Nacht gekommen. Schon lange hatte er kleine
Ringe geschlagen auf dem stillen Wasser seines Lebens. Tofte verkaufte
ein Bild, wenn er Geld brauchte. Dann wurden die Leiter der großen und
staatlichen Sammlungen auf ihn aufmerksam. Er verkaufte. Aber er blieb
in der Stille seiner Werkstatt. Die Freunde vom Zigeunerbummel vergaßen
ihn; die Helden der Löwenballade wurden berühmt oder verkamen -- Tofte
wußte es kaum. Er hatte keine Zeit. Denn was er erkannte, maß er, und
es maß drei Jahre ... Drei Jahre?
»Wo ist Henrik Tofte, wißt ihr es nicht?« fragten die Leute vom
Märchenhaus Richard Schaffrath und seine Frau. »Nein.«
Die Ringe, die seine Würfe zogen, wurden größer. Immer mehr malte er
und staffelte seine Werke vor die Wände seiner Wohnung. Er trachtete
nicht nach Verkauf; denn er wußte: wenn er Geld hatte, mußte er dies
Geld umbringen -- und seine Frist maß drei Jahre!
Nach einigen Wochen erzählte eine Zeitung, Henrik Tofte wäre in Rom.
Eine andere wußte es besser: er wäre in einer einsamen Alpenklause
zwischen grünen Sommermatten, um seinen Augen Ruhe zu gönnen. Eine
dritte sagte gar: er hätte in jungen Jahren zu rasch gelebt und wäre in
einer Nervenheilanstalt. Eine vierte meinte, sie hätte den Stein der
Weisen gefunden: Henrik Tofte hätte die große Ausstellung im Münchener
Glaspalaste noch geordnet, die drei Säle füllte, und dann wäre er
geflohen vor den Bedrängnissen seines riesenwüchsigen Ruhms ...
Sie wußten es alle nicht. Henrik Tofte saß in der Augenklinik des
Doktors Pagenstecher in Wiesbaden. Saß in einem halbfinsteren Raume.
Trug einen grünen Schirm auf der Stirn. Und ward blind. Ganz langsam
fiel Finsternis in die hellen Brunnen seiner Augen. Ein Himmelswunder
war das Licht für sie gewesen. An diesem Himmelswunder hatten sie sich
zersehen. Noch war es nicht Nacht. Aber Henrik Tofte hatte gemalt bis
in die späte Dämmerung. Und nun saß er in dem halben Düster seiner
Krankenstube und sagte: »Doktor, warum fürchten Sie sich vor dem
letzten Worte? Wissen Sie nicht, daß mir mein Freund, das Schicksal,
dies letzte Wort schon im Garten des Märchenhauses von Weimar verraten
hat, zu dem Sie nun nicht den Mut aufbringen? Wissen Sie nicht, daß
in jenem Märchenhaus ein Vorhang von meinem ganzen rückwärtigen Leben
dahinsank und daß ich von Stund an in dies Leben blicken konnte, solang
ich es gelebt hatte, und daß ich erkannte: in meinen +Augen+ liegt
die Lösung des wunderlichen Rätsels, das Henrik Tofte heißt? O, ich
bin nicht traurig, Doktor! Es haben sich alle Wunder der Erde und des
Himmels in diesen hellen Brunnen gespiegelt in unerhörtem Glanze. Nun
steh' ich dort, wo die Millionen der anderen stehen -- was ist dabei
traurig zu sein? Drei Jahre, oder sagen Sie: an jedem Tag, an dem ich
malte, war ich begnadet wie keiner der Menschen. Soll ich nun traurig
sein? Ich habe mein Werk getan, und, weiß Gott, ich war ein frommer
und getreuer Knecht -- mögen's die Menschen glauben oder nicht! Warum
sitz' ich hier und lasse mir vorreden, ich sei krank?« Henrik Tofte war
aufgestanden; er riß den Schirm von der Stirn und schritt nach den
dunkelblauen Vorhängen der Fenster und riß sie zurück. »Noch find' ich
den Weg heim,« sagte er, »so lassen Sie mich gehen!«
In jenem Mai war das, in dem Heidi das Frühlingskind vier Jahre alt
wurde.
Er reiste nordwärts und reiste in der Nacht. Des Tages schlief er in
einem Gasthaus. Mit der Nacht zog er wieder aus. Am vierten Morgen
kam er in den Hardanger Fjord. Da scheute er das Licht nicht mehr.
An jener Haltestelle, wo der Arm nach Elde gegen Norden abzweigt,
kannte man ihn. Er erzählte den Schiffern, wie es mit ihm wäre, lieh
sich ein Boot, ließ sich hineingeleiten und ruderte auf den Wassern
des heimatlichen Landes gegen Morgen. Er kam an Eilanden vorüber, er
rief Schiffer an und fragte nach der Insel Rolf Krakes, wie weit es
noch wäre. Und als er den Folgefond scheinen sah, wenn er das Antlitz
gegen den Himmel bog, als könne nur so der volle Strom des Lichts in
seine Augen sinken, da lauschte er, ob ein Rauschen in der Luft wäre.
Denn jenen dumpfen Klang der Allmacht hatte er mit hinausgetragen über
die Alpen und in seinen Ohren wieder zurückgebracht an die Isar: das
Rauschen des Skjold.
So glitt er die Bahn der dunklen Wasser und kam vor die Roseninsel.
Es war die Zeit, in der sich die ersten Blüten erschlossen. Er sah sie
nicht mehr, aber aus der Schründe rauschte der Fall des Bergstroms, und
in der Luft hing der Atem der Rosen. Darum rief er Nane Thord. Er stand
im Boot und hatte die Hände um den Mund gelegt. »Nane Thord!« O, das
war nicht die Stimme des Schmerzes; denn an den Hängen lief der Ruf hin
als ein Jauchzen. »Nane Thord!«
Da trat sie aus dem Haus und baute mit der Hand ein Dächlein über ihre
staunenden Augen gegen die Nachmittagssonne, daß sie das Wunder besser
betrachten könne. Das merkte sie gleich: Henrik Toftes Ruf war voll von
Heimatglück -- es brach aus seinem Munde als ein Sturm. Aber wie er
sich in dem Boote zurechtsetzte, wie er nach den Rudern griff und so
langsam dem Klange von Nane Thords Stimme nachtrieb, das war tastend
und war, als ob er nicht mit den Augen, sondern mit den anderen Sinnen
sehe. Er bat sie, sie sollte herunterkommen auf die letzte Stufe und
sollte reden; denn er müßte sie hören. Dann sagte er, sie sollte das
Boot vollends heranziehen und an dem Pfosten festmachen und ihm die
Hand herüberreichen -- es fiele vom Tage nur ein mühseliger Schimmer in
seine Augen. Und doch war er froh, so froh! »Nane Thord,« rief er und
riß die alte Frau in seine Arme, »liebe Mutter Thord, wissen Sie auch,
daß Sie nun nicht sterben dürfen, weil ich Sie immer um mich haben muß?
Liebe, treue Mutter Thord!«
»Heiliger Gott,« sagte sie, »was ist da geschehen?« Sie sah ihn an:
in seinen Augen waren die blauen Reifen der Iris noch blank wie
Sommerhimmel. Aber die Pupillen lagen nicht mehr darin wie funkelndes
Glas, in dem das große Strahlenmeer des Lichtes zusammenrinnt, sondern
sie lagen dort wie schwarzer Sammet, matt und still und ohne Glanz.
Sie waren auch größer als andere, die vor den ungedämmten Schein des
Sonnenmittags gestellt sind; und es sah aus, als hätten sie sich
geweitet in Sehnsucht, von dem Bilde der Heimatscholle so viel in sich
zu trinken, wie sie vermochten.
Er hatte Nane Thords Hand gefaßt und ließ sich von ihr die schmale
Treppe emporleiten. Da quollen Nane Thords Augen über in heißem Schmerz
und in mütterlichem Glück.
Rings um die Insel lief eine Mauer aus rankenden Rosen. Die war drei
Meter hoch und bildete am Kopfe der Stiege einen Torbogen, der schon
ganz erblüht war, weil er gegen Süden lag. Unter diesem Bogen hätte
Henrik Tofte sich ein wenig neigen müssen; denn das Tor aus Rosen war
nicht bestimmt für das Maß eines so hohen Mannes. Er aber löste seine
Hand aus der Hand der alten Frau, legte seine Arme über die Brust wie
ein Kreuz und beugte sich sehr tief. »Ich grüße mein schönes Grab,«
sagte er, »und ich grüße mein schönes neues Leben.«
Darüber trat Rolf Krake in einem Mantel aus roher gelber Seide in
die Tür des Hauses; denn die fremde Stimme hatte ihn gelockt. Henrik
Tofte streckte ihm beide Hände entgegen. »Das große Licht!« rief der
Einsiedler von der Roseninsel, »das große Licht nun in Wahrheit! Was
ist das für ein herrlicher Ruhm, den Sie heimbringen!« Denn er hatte in
den Zeitungen gelesen, wie der Klang des Namens Henrik Tofte durch alle
Länder lief.
»Lieber Bruder Krake,« sagte der Heimgekehrte, »das große Licht? Ich
komme mit zwei armen Fünklein in diesem Haupte, so winzig wie das
Verglimmen des Dochtes, auf dem gestern eine Flamme gestanden. Empfange
mich nicht wie einen Fremden, lieber Bruder; denn ich bin da, um mit
deinen Augen zu sehen.«
Dann setzten sie sich auf die Bank neben der Tür, an die sich Rolf
Krake bei der Nachricht gelehnt hatte. Es war ihm gewesen, als bräche
das Verhängnis über seine gesicherten Grenzen, und er fand kein Wort,
diesem Einsturz zu begegnen.
Aber es löste sich alle Dumpfheit des Augenblicks; denn Henrik Tofte
kam als ein fröhlicher Sieger. »Warum bist du so schweigsam, mein
Bruder?« fragte er. »Ist etwas weiser und gewaltiger im Himmel und auf
Erden als mein Schicksal? Dies Schicksal allein hat gewußt, was mit
mir war. Da hat es dir und mir den Weg zu dem Eilande gewiesen, und es
hat dich gesandt, daß du aus Fels und Klippe blühende Gärten schufst.
Und es hat durch deinen Mund zu mir geredet vor vier Jahren, daß du
hier auf mich wartest. Ich aber, habe ich den Becher meines Lebens im
Licht nicht ausgetrunken wie ein König? Ungeheuere Reichtümer habe ich
in diesem Leben aufgestapelt; ich habe errungen, was zu erringen war --
und viel mehr. Und sollte nicht fröhlich sein?«
Henrik Tofte berichtete über die letzten Jahre. Er begann bei der
Madonna in Rosen, und wie ihn die Erkenntnis der versickernden Brunnen
in seinem Haupte so tief getroffen hatte, daß er dachte, er hätte die
Sprache verloren und das Herz gefröre ihm in der Brust. Er berichtete
alles bis zur Pforte des Eilands und sagte, wie wunderbar es wäre, daß
Rolf Krake dafür vor Jahren den Namen der Auferstehungsinsel gefunden
hätte; denn beiden wäre nun hier ein neues Leben geschenkt.
Danach ging er an der Hand des Freundes durchs Haus. Die Räume lagen zu
ebener Erde, und die alten Gänge waren dem Heimgekehrten bald wieder
vertraut. Sie schritten in den Saal -- Henrik, Rolf Krake, Nane Thord
und die blonde Marit -- und es klang fremd und machte sie betroffen,
wenn Henrik sagte: »Ich sehe ...« »Ich sehe, daß es hier ganz anders
geworden ist: der Klang der Tritte und der Stimmen ist nicht mehr wie
früher.«
»Nein,« sagte Rolf Krake, »die Wände sind mit einem grauen Wollstoff
bespannt, und auch der Fußboden ist mit diesem weichen Überzuge belegt.
Hier zwischen den Fenstern hat die Madonna in Rosen ihren Platz
gefunden. Und rings an den Wänden sind auch die Regale mit den vielen
Büchern.«
Henrik betastete den blauen Sammetgrund, auf dem das Bild hing, und
betastete den schweren Vorhang und die Schnur, an dem sich jener zur
Seite ziehen ließ. Sie traten hinaus in den Garten. Die Wege waren
so breit, daß zwei Männer nebeneinander wandeln konnten, ohne an die
grünen Mauern zu streifen, zwischen denen sie dahinliefen. Die kleinen
Mandarinenenten schaukelten auf dem Wasser wie schwimmende Edelsteine,
in denen die Sonne spielt; oder sie flogen empor, richteten sich zum
Dreieckflug und stießen weit hinaus über den Fjord, bis man ihren Ruf
nicht mehr hören konnte.
Rolf Krake malte ihm jedes Bild, das sich an einer Wegbiegung für
seine Augen öffnete. Er wählte dazu Worte von weichem Klang und warmen
Farben, die nur dem zu Gebote standen, der dies ganze bunte Wunder
zwischen Berg und Wasser hingedichtet hatte in beglückter Einsamkeit.
Es kam der Sommer und wehte seinen Glanz um die Insel, und es war,
als wäre das blaue Tuch des Himmels offen darüber, und Rosen würden
hindurch geschüttet: weiß und gelb auf die Spitzbogen und Pfeiler eines
kleinen Tempels, der in der Mitte des Gartens stand -- rot und rosa auf
alle grünen Wände, daß sie aussahen, wie aus dem Purpur oder der Seide
des vergehenden Tages gewoben.
Henrik Tofte lernte dies alles sehen durch die Augen des Freundes, wie
er gesagt hatte.
Und in den einsamen Mann von der Insel, der nun im fünften Jahre mit
keinem Schritt aus der freiwilligen Haft gewichen war, wuchs dies
Erlebnis herrlicher hinein als er geahnt hatte. Damals aber, als
Tofte kam, hing sich Rolf Krakes erster Gedanke wie ein neues Glied
an jene Kette, mit der er vor langer Zeit gefesselt worden war. Er
wähnte nämlich, von nun an müßte er die schwere Last von einst wieder
aufnehmen, und er könnte, trotz allem, seinem dumpfen Geschicke nicht
entfliehen, ob er gleich wiche an das Ende der Erde. Er hätte sich
nun sein Leben so erlöst gestaltet -- da trete dieser unselige Fremde
hinein und zertrümmere das beste Teil ...
Aber es kam anders; denn es war der alte Rolf Krake gewesen, der
so zu ihm gesprochen -- jener alte, dem es immer gelungen war,
niederträchtig zwischen ihn und das Glück zu treten und zu sagen:
»Mann der Finsternis, was träumst du von einem sonnigen Leben?« Nun
aber war es ihm zur Gewißheit geworden: jener Frühlingstag, mit dem
Henrik Tofte kam, war seines Traumes Erfüllung geworden! In der
Madonna in Rosen hatte er sich ein Sinnbild der schönen und heiteren
Erde aufstellen wollen, die für ihn verschlossen war. Es war ein Bild
gewesen, ein Bild. Nun aber hatte er einen Menschen gewonnen, der
in Dankbarkeit und Freude um ihn war und der in ihm ebenfalls die
Erfüllung erkannte. Für diesen Menschen war er der Brunnen des Lichts
geworden in allerschöpfendem Sinne, denn er senkte mit seinen warmen
gütigen Dichterworten nicht nur das Bild der Erde so lebendig in ihn
hinein, daß es fast war, als tränken die erloschenen Sterne des Sehens
das Leben wie einst -- sondern er schenkte dem sinnenden Geiste des
Genossen auch das Licht seiner Klugheit und seiner Bücher; er schenkte
der dürstenden Seele die Träume der Weisen und Dichter und gab zugleich
die Deutung. Er hob die Hülle für den Blinden von einer Welt, an der
dieser in den Tagen des Lichts scheu und fremd vorübergestrichen war,
weil er meinte: die Armut und Unbildung seines Elternhauses wären
schuld daran, daß er diese fremden Gärten nie betreten dürfe.
So saßen sie in Zeiten, in denen der Regen über die Insel plätscherte,
im Büchersaal und wanderten doch im Geiste weite Wege der Wissenschaft
und wanderten durch ferne Länder: zwei Menschen, die gar nicht
voneinander konnten, wenn sie nicht elend werden wollten. Oder sie
saßen in lauen Sommernächten draußen unter den Rosen. Henrik nahm die
Gitarre und sang, und wie einst traten die Menschen drüben aus ihren
Häusern am Lande, schritten auf dem Uferweg und lauschten, wie schön
es war. Die blonde Marit und Nane Thord saßen dann bei den Männern am
Tisch und rasteten ihre Hände von der Arbeit des Tages.
Henrik Tofte schritt nun allein bis an die Kante der Flut an jenem
Ende, an dem die Mandarinenenten im Röhricht schliefen. Auch bei Nacht.
Er stieß an keine Ranke, er streifte an keinen Zweig. Und wenn er
des Abends in den Garten kam, so sprach er von dem leisen Lichte der
Mondsichel, die auf den Flutterwolken des Himmels schwamm, oder er
sprach von der Fülle des Glanzes der vollen Scheibe, als ob er sie sähe.
Des Morgens fuhren die Frauen noch immer hinüber und kauften ein. Oder
sie ließen sich an Speis' und Trank aus den Städten schicken, wonach
die Männer Lust hatten. Ehe Henrik Tofte gekommen, war es karger in
Keller und Küche gewesen; denn Rolf Krake hatte die Hälfte seines
kleinen Vermögens zur Ausstattung des Hauses und zum Aufbau der Insel
verwandt, die beide sehr schön geworden waren. Und er hatte durch drei
Jahre so viele Bücher angeschafft, daß Nane Thord das Geld dafür mit
schwerem und immer schwererem Herzen eingezahlt hatte.
An jenem Tag, an dem Henrik eintraf, hatte der gesagt: »Ungeheure
Reichtümer hab' ich in meinem Leben aufgestapelt« -- er meinte aber
nicht: an Geld. Daß er auch davon so viel besaß, um sich das Dasein
äußerst behaglich zu gestalten, wußte er damals noch nicht. Zuerst war
er eine Zeitlang verschollen gewesen. Nicht einmal der Leiter seiner
Ausstellung in München konnte ihn finden. Aber als es klar war, daß
die Insel im Fjord seine Heimat wäre für und für, sandte er Botschaft
hinaus -- nur daß er blind wäre, sagte er nicht. Es fand sich, daß bei
der Bayerischen Vereinsbank in München ein Betrag für ihn eingezahlt
war, der zweimalhunderttausend Mark überstieg. Das war der Erlös aus
seinen Bildern. Etliche große Gemälde waren noch im Glaspalast.
Als es gegen den Herbst ging, arbeitete er mit Rolf Krake im
Inselgarten. Er löste die Weidenbänder von den Rosen und bog die
Stämme an die Erde. Er schaufelte sie mit dem weichen Boden zu, gegen
die Kälte des Winters. Oder er legte das Deckreisig darüber, das in
Schiffen hergefahren worden war. Er grub die Erde, er tat alles, als
ob er sähe. Und so ging durch die freudige Siedelei keine Stunde mit
leeren Händen.
Der erste Schnee fiel.
Auf diese Zeit hatten sie gewartet. Da wollten sie für die Leute im
Märchenhause die Frage lösen: Wo ist Henrik Tofte?
Als der Brief in Weimar eintraf, da war es, als träte Henrik Tofte
selber herein mit seinen erloschenen Augen -- so erschraken die
Freunde. Aber auch in ihnen löste sich die dumpfe Schwere der Stunde;
denn es klang aus jeder Zeile der Ruf: »Sollen wir nun nicht fröhlich
sein?« Ein Brief? Ach, es war ja kein Brief. Es war ein Buch, an dem
Rolf Krake die erste weiße Woche des Winters geschrieben hatte; es war
das Buch mit den Ereignissen von fünf Jahren. Nur Inseleinsamkeit, nur
Auferstehungsglück -- aber gerade deshalb gehörte ein Buch dazu.
An diesem Abende saßen sie im Wintergarten des Märchenhauses -- Do und
Jo, Schaffrath und Gwendolin, Kordula und Cornelius -- saßen um den
plätschernden Springbrunnen und lasen bis weit über die Mitternacht.
Am anderen Tage riefen sie Tante Veronika und Herrn Salzer. Aber der
Hügelmann kam allein, denn um die Tore des Waldes fuhr ein harter Wind
und säete Novemberschnee.
Herr Salzer, der einige Verbindungen mit großen Zeitungen besaß,
berichtete des Rätsels Lösung augenblicklich in die Welt. So jäh
fiel die Nachricht auch in ihn, daß er gleich am Pulte Jockeles ins
Schreiben geriet; »denn«, sagte er, »ich habe daheim mein Tintenfaß
noch in der Sommerfrische.« Und nun erfuhr man draußen, daß Henrik
Tofte nie mehr ein Bild malen würde. Damit leistete er dem blinden
Mann im Fjord einen großen Dienst, denn das Wenige, was noch von ihm
im Glaspalast hing, wuchs im Preise, wuchs, wuchs. Als es Henrik Tofte
erfuhr, fragte er allen Ernstes: ob er sich denn nicht schämen müßte,
dies sündhafte Geld anzunehmen für Dinge, die schon weit dahinten lägen
in dem vergangenen Leben! Er hatte seintag keine Wage gehabt für das
Gewicht des Goldes. Und nun, da andere für ihn rechneten, und da er
nicht einmal mehr in seine Tasche langte, um ein Tüblein Farbe oder
einen Apfel zu erstehen, nun war ihm auch der +Gedanke+ an das Geld
abhanden gekommen. Ja, solch ein König war er geworden!
Im Ausgange jenes Winters beendete Jakobus seinen Roman.
Aber wie er während der langen Zeit kaum einmal vor den Freunden von
den Gedanken gesprochen hatte, die ihn bewegten, so blieb es auch
jetzt. Märchen und Kinderverse für Heidi hatte er viele gedichtet,
und die kannten sie alle; denn er hatte auch Zeichnungen oder gar
bunte Bilder dazu gemacht, und das Kind hatte das meiste in seinem
Gedächtnisse behalten. Es erzählte Mama die schönen Geschichten, wenn
sie mit ihr im Garten saß. Oder es dichtete den Wintergarten in der
rauhen Jahreszeit schon selbst zu einem tiefen Wald und die Blumenbänke
zu dem Hexenhause der Buschgroßmutter.
So hatte Jakobus in den erblühenden Geist eine Fülle köstlichen Samens
gelegt, und es war zu sehen, wie herrlich dieser in dem Segen wuchs,
der ihn umschien. --
Ob Do, die Vertraute seines Herzens und seiner Pläne, von dem großen
Dichtwerke ihres Mannes mehr wußte als die Freunde, ließ sich von
diesen nicht erraten. Jedenfalls drang sie nie in ihn. Sie dachte, es
wäre wohl die rätselvolle Seele des Rolf Krake, die ihn beschäftigte,
oder das traurig-glückselige Los des blinden Königs Henrik Tofte,
das ihn zu dichterischer Gestaltung verlockt hätte. Sicher wußte sie
nur, daß auch sein eigenes Leben für ihn nun ein rechter Dichtertraum
geworden war; denn er sprach mit ihr in jener Zeit mehr davon als je.
Vor allem die Waldjahre von Ibenheim hatten sich für ihn schon mit dem
Funkelglanze der Phantasie umwoben. Oft schien es, als wisse er kaum
noch, was an ihnen gesehen oder Gesicht war; und seine Erzählungen
glichen der Wirklichkeit wie ein brennender Weihnachtsbaum einem
Tännlein im Walde.
Wenn er dann an den musikalischen Donnerstagen nach der Abendmahlzeit
berichtete, so erkannten sie alle, wie heimisch sein Herz in den Gärten
der Dichtung geworden war, und in wie tiefer Glückseligkeit es darin
blühte.
Aber das Geschriebene den Freunden vorzulesen, dazu brachten sie ihn
nicht. Fast sah es aus, als hätte er eine Scheu, sich ihnen auf den
neuen Bahnen zu offenbaren -- entweder weil die wissenschaftlichen
Werke noch hüben und drüben wuchsen, oder weil er sich selbst noch für
zu jung hielt, als Dichter etwas leidlich Vollendetes zu schaffen;
oder auch, weil er den Ereignissen nicht vorgreifen wollte, die sich im
Leben der Freunde vom Hardanger Fjord vor seinen Augen erfüllten.
So verschloß er dies Werk in sich, ganz gegen seine Art. Und als Salzer
eines Abends im Märchenhause zu Gast war und mit Gwendolin ihn um sein
Geheimnis bestürmte, entwischte er doch und sagte: »Es muß erst auf
der schönen Frühlingsfahrt ins Riesengebirge vor mir selber die Probe
bestehen.«
Ja, die Wagenfahrt über die hundert Meilen! Das war der Traum, der von
ihm durch Jahre geträumt war und der lieblicher wurde, je länger er
sich dahinspann.
Es waren dazu aber auch sehr umfassende Vorbereitungen nötig -- nicht
an jenen Dingen, die sie mitnehmen wollten in ihren Koffern. Die waren
an einem Tage geordnet. Sondern es war Klein Heidi, ohne die der
strahlende Vater durchaus nicht reisen wollte. Es war lustig anzusehen,
mit welchem Eifer er das kleine goldhaarige Menschenkind für die lange
Waldfahrt an Herz und Verstand ausrüstete.
Professor Salzer, der Herr nach der Mode, neckte ihn mit dieser Reise
weidlich; denn er begriff nicht, warum ein Mensch von so leuchtenden
Gaben mit dem Aufgebot aller Kraft in die Gebräuche des Mittelalters
zurücksegeln wollte. Herr Salzer konnte in solchen Augenblicken
wissenschaftliche Vorträge halten! Er hatte das mehrfach bewiesen --
auch damals, als Gwendolin in der Bedrängnis ihres Herzens auf dem
Bette lag und weinte und der Herr Richard Schaffrath den Werbebrief in
der Brusttasche trug. Das hatte Herrn Salzer Gelegenheit gegeben zu
einer Erörterung über den Begriff Tragikomödie und über einen lustigen
Einfall des Plautus ...
Vor der Hochwaldfahrt in der Kutsche schnitt ihm Jockele den Faden
seiner Rede aber kurzerhand ab. Er behauptete: der Herr Salzer wäre gar
nicht der einzige, der eine solche Reise für hervorragend hirnverbrannt
und altmodisch hielte. Aber sie wären alle auf falschen Wegen; denn
die Jockelereise wäre das neueste und wäre so neumodisch, daß sie für
diese Zeit überhaupt noch um reichlich fünf Jahrzehnte verfrüht wäre!
Erstens müßte das Automobil für Vergnügungsreisen überwunden werden.
Nun, das würde in einer kleinen Frist Tatsache geworden sein. Es könnte
doch kein vernünftiger Mensch meinen, daß eine Fixfahrt zwischen Staub,
Stank und Sturm zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehöre.
Hm. Herr Salzer konnte dagegen nicht viel vorbringen. Er hatte sich
dies Vergnügen einige Male geleistet. Aber als er mit einer mächtigen
Panne sieben Stunden im Regen auf dem Thüringer Walde gelegen hatte,
fern von jeder menschlichen Siedlung, hatte das Automobil als
Lustfahrzeug wesentlich für ihn eingebüßt. Nach dem Automobil käme die
Flugmaschine. Auch darin würde man spazierenfahren -- natürlich. Aber
so um 1940 herum -- ermaß Jakobus -- würde das friedliche Zweigespann
mit behaglichem Polstersitz zu den Gepflogenheiten aller jener Menschen
gehören, die es verstünden, in weisem Behagen wohlhabend zu sein. Zu
solch einer neumodischen Sache gehörten freilich vier Dinge, sagte
Jakobus: Zeit, Gemüt, Weisheit und Geld. Da diese vier Brüder aber
nicht leicht in einem Wagen zusammenzubringen wären, bespöttelten die
Menschen mit Zeit und Geld das »vorsintflutliche Vehikel«. Jockele
aber hielt es mit dieser »Dichterkutsche« und sagte, schon der Gedanke
an solch eine Reise beselige ihn wie die Maiensonne die Felder. Wenn
er dichte, brauche er sich nur vorzustellen, er schaukele in einem
weichen Wagen hinter zwei trabenden Pferden durch einen Bergwald ...
Natürlich bemerkte Herr Salzer: schade, daß er das nicht früher gewußt
hätte. Das Dichten wäre danach eine sehr einfache Sache, und er hätte
wohl selber --
So spottete man weidlich. Aber es war nicht unzeitgemäß; denn das
Märchenhaus ward getauft in jenen Jahren, in denen das Leben, das man
darin führte, vor der Welt rar war wie Erdbeeren im Winter.
Das konnte selbst der neumodische Herr Salzer nicht von der Hand
weisen. Und Jockele blieb der Sieger im Kampf.
Herr Salzer kam immer ein bißchen nachdenklich aus dem Märchenhaus vor
die Tore des Waldes. Diesmal aber hatte er so viel erlebt, daß er der
Tante Veronika gelobte, er wolle ein besserer Mensch werden, und er
hätte das unfehlbare Rezept dazu gefunden.
Ob er es ihr nicht verraten wollte, fragte Fräulein Sinsheimer.
»O,« sagte er, »man knetet Gemüt, Geld, Zeit und Weisheit gut
durcheinander und bäckt sie in einer Dichterkutsche bei mäßiger Sonne.«
»Ach,« lächelte Tante Veronika, »das hab' ich schon längst gewußt; denn
danach hab' ich den Jakobus für sein Dasein zurechtgemacht.«
Fast die ganze nächste Woche hindurch erzählte Herr Salzer von Heidi
dem Frühlingskind. Es wäre ganz unbeschreiblich, welch ein liebes
herziges Wunder solch ein kleines Mädel ist ...
Und in diesem Fall erlitt der alte Herr keine Abfuhr; denn Heidi war
in der Sonne des Märchenhauses gewachsen wie ein schöner Frühlingstag
im Herzen des lieben Gottes. Ihretwegen war die Wagenfahrt solange
hinausgeschoben worden; Heidi sollte aufgeschlossen und mit der
beseligenden Gabe vor die Welt treten, sich an allem zu wundern; denn
es gibt nichts Kurzweiligeres im Leben, als sich zu wundern.
Eine Woche danach jubelten Himmel und Erde. Da ging die Sache los.
Hinter dem Wagen war eine Gepäckraufe angelegt für einen einzigen
Koffer. Weiteres Gepäck war an bestimmte Haltestellen auf dem Reiseweg
vorausgesandt. An diesen Stellen wurden alle verbrauchten Stücke
aus dem Koffer ausgewechselt und liefen von dort ab zurück in die
Heimat. So wurde die Reise selbst zu einer breiten Behaglichkeit --
man denke: die Reise selbst! Aus der Last wurde eine Lust, aus der
Hatz ein fröhliches Rasten, fast ununterbrochen in stilldurchsonnten
Bergforsten. Regnete es einmal, so ward der Wagen zu einem heimeligen
Stübchen, an dessen Fenstern die Tropfen spielten. Hatte man Lust
zu wandern, so ließ man die Pferde des Weges trotten, schlug sich
hinüber auf einen freundlichen Pfad im Hochwald, und Klein Heidi
konnte den Frühling in beiden Fäusten halten. Ward sie über Tag müde,
so schlief sich's daheim in ihrem Bettchen nicht halb so schön wie
in den sanft dahingleitenden Polstern, über die sich die blaue Seide
des Himmels deckte. Und wenn der Abend dämmerte, kam man zu dem im
vorhinein bestimmten Gasthause. Da standen die Zimmer blank und
gerüstet, da wartete ein Mahl, und da wartete die Genugtuung über den
herrlich hinabgeblühten Reisetag; denn es wickelt sich auf der ganzen
Welt nichts behaglicher und mit schönerer Pünktlichkeit ab als die
wohlbedachte Fahrt in solch einer Dichterkutsche.
Das ist ein Ding, von dem die fixe Zeit und das jappende Menschenherz
seit anderthalbhundert Jahren die Wissenschaft verloren haben.
So kamen sie in die Waldstille des Fichtelgebirges. Sie kamen am
fünften Tage zwischen Keilberg und Fichtelberg auf die Kammstraße
des hohen Erzgebirges, und die Rösser traten auf der breiten Bahn
in Sonne und Bergwind. Wieder fünf Tage -- da durchquerte man das
Elbsandsteingebirge mit seinen zerklüfteten Felsen und setzte bei
Herrnskretschen über den Strom. Man gelangte ins Zittauergebirge, ins
Isergebirge, ins Riesengebirge. Sie kamen am Hohen Rad vorbei und
sahen die Elbquellen. Sie standen auf der Schneekoppe und kamen durch
finstere Forsten, in denen die Fichten so wohlbetagt sind, daß sie
ihre Bärte auf der Erde schleppen. Sie strichen vorüber an der »Kanzel
Rübezahls« bei der Schneegrubenbaude; und weiter ging es die Kammstraße
lang nach dem Zackenfall. Ihre Herzen wurden Säle, und diese Säle
füllten sich mit schönen lichten Bildern, vor deren jedem man ruhen
konnte, wie Rolf Krake ruhte vor der Madonna in Rosen. Sie rasteten
noch einmal zur Nacht in dem Städtchen Freiheit, wie es vorausbestimmt
war -- es war nur eine halbe Stunde von ihrem Reiseziel Johannisbad
entfernt. Aber sie rasteten und gelangten ins Johannisbad so sauber,
so froh, so erdselig, als wenn sie sich daheim im Märchengarten nach
süßestem Schlummer an den funkelnden Frühstückstisch setzten. Und
Johannisbad war in den Bergwald gefallen wie das Bild eines Sterns in
einen dunkelgrünen See.
Ja, so war diese Fahrt in der Dichterkutsche.
Sie dauerte fast den lieben fröhlichen Mai hindurch. Aber es war der
köstlichste Frühling, und war so köstlich, daß kein Dichtertraum
hinreicht, dieses Erleben zu schildern.
Sie hätten in ihrem Reisewagen auch in der halben Zeit am Ziele sein
können, ohne die Pferde zu wechseln. Aber Jockeles Zigeunerherz hatte
sich vorgesetzt, drei Monate also durch die Welt zu gleiten, den
Frühling erblühen und vergehen, den Sommer heraufkommen und reifen
zu sehen geradeswegs aus der Hand Gottes und in langsamen bunten
Bildern ...
Die Menschen, die von dieser Reise lesen, meinen: so etwas wäre nicht
auszuhalten; in solch einer Dichterkutsche müßte man ja vor Langeweile
sterben! Aber: sst, lieber Leser und geliebte Leserin -- wie furchtbar
altmodisch ist solch eine Anrede wieder mal mitten in der Erzählung,
gelt? -- sst, sag' du das nicht, lieber Leser! Denn du möchtest doch
zum mindesten jenen Menschen ähnlich werden, die mit den vornehmen
Herrschaften Zeit, Geld, Gemüt und Weisheit durchs Leben fahren;
aber solche Menschen haben nie Langeweile -- Langeweile haben nur
Dummköpfe ...
Es war Ende Mai geworden. Aber die Tage im Wagen waren nun doch rasch
vergangen; denn Klein Heidi riet an Gott und der Welt herum und tat,
als müßte sie alle Rätsel des Daseins lösen. Sie wollte wissen, wie
lang die Wälder wären, und was hinter dem blauen Tuche des Himmels ist,
und wie die Wege über den Sternen aussehen, und ob der liebe Gott auch
eine Dichterkutsche hätte, und ob die kleinen Engel mit den Sternen
Fußball spielten oder Wurfball, und ob sie auch so schöne Musik machen
könnten wie die Kurmusikanten von Johannisbad, und ob Rübezahl auf der
Kanzel bei der Schneegrube Sonntags eine Predigt hielt, und ob dann die
Riesen kämen und ihm zuhörten ...
Manchmal mußte Do diese Fragen beantworten, und manchmal Jockele. Und
es kam dabei heraus, daß Eltern furchtbar gescheite Leute sein müssen,
wenn sie solch ein kleines Menschenwunder nicht heißhungrig vom Tisch
ihrer Weisheit aufstehen lassen mögen.
Aber sie standen beide ihren Mann. Frau Do kam dabei meist mit ihrem
natürlichen Verstand aus -- der Herr Doktor aber mußte eine geradezu
unnatürliche Findigkeit aufbieten.
Es gelang ihm betörend. Auch Mama hörte da gleich mit zu; und Heidi
lehnte mit weitoffenen Augen zwischen Väterchens Knien und konnte gar
nicht erwarten, bis die wunderschönen Weisheiten wohlbedachte Worte
waren. Sie verstand alles herrlich, so herrlich, daß sie behauptete,
Papa könnte ebensogut der liebe Gott sein und die Welt regieren. Dabei
fiel ihr ein, wie das eigentlich gemacht würde, dies Regieren?
Man kann sich vorstellen, daß ein findiger Verlag auf den Einfall
käme, ein hundertbändiges Lexikon herauszugeben, in dem immer nur vom
Weltregieren die Rede wäre, und an dem die zehntausend besten Gelehrten
der Welt hundert Jahre zu arbeiten hätten -- Jockele aber mußte diese
Aufgabe in einem halben Nachmittage lösen! Es gelang; doch stand er
hernach tief erschüttert und sagte: seine mündliche Doktorprüfung wäre
dagegen ein Kinderspiel gewesen.
Schon allein daraus ist zu erkennen: langweilig ist es in einer
Dichterkutsche keineswegs.
Aber Klein Heidi war nur ein Teil der Reisegesellschaft und
Reiseaufgaben, wenn auch der lieblichste; denn da war noch das Werk
über die Flechten; da war der Roman; da war wiederum Heidi, das
Märchenkind; da waren der Hügelmann und die Hügelfrau, die im Geist an
der Fahrt teilnehmen wollten; da waren ferner der Herr und die Frau
Professor Schaffrath, Kordula und Erich Meyer, der blinde König und
sein Freund Rolf Krake, die immerfort in der Auferstehung begriffen
waren -- kurz: wenn die Reise nicht so lang gewesen, wäre es gar nicht
gegangen.
Vier Stunden der Tagesfahrt brauchte Heidi allein zur Vervollkommnung
der Wertschätzung ihres Papas. Wenn er ihr zwanzig Märchen erzählt
hatte, wollte sie wissen, ob es tausend gäbe, und ob er sie nun alle
erzählt hätte, und er sollte doch gleich noch mal von vorne anfangen,
und bei jedem neuen wollte sie einen Knoten in die Schnur ihres
Nastuchtäschleins knüpfen, damit kein Irrtum entstehe ...
So lief das weiter. Und so ging die Fahrt herum. Rübezahl und Papa
traten für die Kleine allgemach an die Stelle des lieben Gottes.
Abends schrieb Jockele manchmal noch einen Brief in den Hardanger
Fjord, ans Horn oder an die beiden Alten im Frühlingshause; denn
eigentlich müde wurde man ja von diesem neumodischen Reisen nicht,
sondern nur ungeheuer wohlig und ausgeruht. Was daher kam: man hatte
sich ganz voller Himmel und Hochwald geatmet.
Da passierte etwas. Es passierte etwas ganz Unerhörtes.
Als die Dichterkutsche hinter Oberwiesenthal auf die Kammstraße des
Erzgebirges rollte -- das war also am fünften Tage nach der Ausreise --
bekam Herr Salzer das Fieber.
Einen Tag lang trug er es schweratmend mit sich herum. Am nächsten
Morgen fand es sich: auch die Tante Veronika war angesteckt worden.
Salzer, der sogar einen grauen Zylinderhut riskiert hatte, wollte unter
keinen Umständen hinter der Zeit dreinhinken. Er stellte also fest, daß
ihre Krankheit das Reisefieber wäre. Das ließe sich nur heilen, wenn
sie schnurstracks einen Wagen nähmen und hinterdrein führen.
Weiß Gott, die Sache wurde gemacht!
Als die Dichterkutsche ins Isergebirge einbog, setzten sich die
Rösser vor der zweiten in Ibenheim am Walde in Bewegung. Tante
Veronika diesmal in einem neuen grauseidenen Umhang, den ihr Herr
Salzer gestiftet hatte, in einem silbergrauen Kapotthütchen mit
veilchenfarbenen Bindebändern und mit dem gelben Krückstock. Und Herr
Salzer im grauen Zylinderhut. Es war außerordentlich.
Den Reiseweg wußten sie auswendig; denn so an die drei Jahre hatte
Jockele den gelehrten Freund daran in Begeisterung gehüllt. Also.
Natürlich hatten die Drei in der ersten Dichterkutsche von der zweiten
keine Ahnung. Sie fuhren dahin, als wäre die ihrige ganz allein auf der
Welt. Die Alten hatten es ein bißchen eiliger, und auch sie fanden die
Reise kurzweilig. »Herrlich, herrlich!« sagte Herr Salzer und rollte
seine Augen auf dem grünen Tuche der Matten und Bergwälder und auf dem
blauen des Himmels herum, als wären sie ein paar blanke Billardkugeln.
Herrlich! Herrlich!
So langten sie auf dem gleichen Wege in Johannisbad bei Freiheit im
Riesengebirge an. Es war ein großes Ereignis. Alle zweihundertzwanzig
Einwohner des Ortes nahmen daran teil.
»Heidi! Heidi, die Großmama ist gekommen!«
Ja, lieber Gott, wo ist denn das Kind? Es flatterte doch so aufgetan um
die Mittagsmusik am Kurbrunnen!
»Heidi! Heidi!«
Kein Mensch wußte, wo Heidi war. Aber ängstlich war man gar nicht; denn
das kleine Fräulein im blauen Röckchen lächelte alle Finsternis der
Erde hell.
Tante Veronika brauchte ein Viertelstündchen Mittagsschlaf. Und da es
gerade ihre Zeit war, geleitete Frau Do sie auf ihr Zimmer und sagte,
sie solle nur recht hübsch sorglos schlafen.
Als Do wieder herunterkam, war Heidi immer noch nicht da. Ein kleines
Mädel sagte: »O, die Heidi ist vor einer Viertelstunde in den Wald
gelaufen, dort beim hohen Steig hinan. Sie hat im Sommergrase gestanden
und hat mit den Schmetterlingen geredet.«
In den Wald gelaufen? Na!
»Jo,« sagte Do, »ich werde nun doch ein bißchen ängstlich.«
»Ach lieber gar -- das gescheite Mädel.«
»Ich kenne das,« sagte Do. »Sie redet mit Schmetterlingen und Vögeln
und mit blitzenden Bächlein; sie versteht ja all diese Sprachen von
ihrem Papa her ...«
Keine drei Minuten vergingen, so hatte der Herr Salzer seinen
grauen Zylinder aufgestülpt, griff in der Hast nach Tante Veronikas
Krückstock, der da am Tisch im Kurgarten lehnte, und hüpfte hinter Do
und Jo den hohen Steig entlang gegen den Waldrand.
Es schwammen Schmetterlinge in der Mittagssonne -- Heidi nicht.
Es sangen Drosseln, es sangen Grasmücken -- Heidi nicht.
Es plauderte ein Bächlein zwischen den Blütenköpfen dahin -- Heidi
nicht.
»Heidi! Heid -- di! Heiei -- diih!«
Ja, vor einer kleinen Erdenfrist war die Heidi dort gewesen! Man konnte
noch die Füßchen im Grase sehen. Aber da kam ein Schwalbenschwanz am
Waldrande daher gesegelt -- es war, als schwämme er auf der Kurmusik,
die man ganz traumhaft bis hier herauf hören konnte.
»Wo fliegst du denn hin?« fragte Heidi den Sommervogel in dem schönen
gelben Kleidchen mit den schwarzen Streifen und blauen Tupfen darauf.
Der Schmetterling sagte nichts, bog in den Wald und winkte so mit den
Flügeln. Da ging Heidi ein bißchen hinterdrein.
Auf einmal -- da zog ein Trauermantel um einen silbernen Birkenstamm.
Der hatte ein Röckchen aus dunkelbraunem Sammet an, funkelnagelneu, und
mit hellgelben Borten.
»Ei, du bist ein kleines Mädchen wie ich,« sagte das himmelblaue
Menschenkind; »denn die Buben bei den Trauermänteln tragen Kleider aus
schwarzem Sammet. Darf ich mitkommen?«
Der Trauermantel winkte mit den Flügeln und flog über den Bach.
Plötzlich konnte das Bächlein reden und sagte: »Guten Tag, Heidi
Sinsheimer. Komm, spring ein bißchen mit mir den Berg hinunter. Wir
laufen zur Buschgroßmutter!«
»Meinst du auch, daß ich mich wieder heimfinde von solch einer langen
Reise? Du mußt doch bedenken, daß ich noch ein recht kleiner Mensch
bin.«
»Haha,« lachte das Bächlein, »nichts leichter als das! Du brauchst nur
immer an meinem Ufer zurückzulaufen, bis du zu der weißen Birke kommst;
von dort führt das Pfädlein aus dem Walde.«
Ein Stückchen ging Heidi mit. Das Bächlein plätscherte so herrlich um
die Steine. Da sangen sie ein Lied miteinander, und Heidi pflückte im
Wandern und Singen ein Händchen voll Vergißmeinnicht. Und da sie an
einen Mooshang gelangte, setzte sie sich hin und wollte ein Kränzlein
winden ... winden ... la ... la ... l ...
Auf einmal guckte ein liebes kleines Gesicht über den Spiegel des
Baches heraus. Das sah genau aus wie Heidis Gesicht, das sie vorhin
darin gesehen hatte, und hatte so goldene Härchen und so zwei Augen
voller Frühling.
»Heidi,« sagte das Kleine, das da über den Bachrand guckte, »paß auf,
jetzt kommt gleich der Elfenzug durch den Wald!«
Und schon ging es los. Es war eine sehr merkwürdige Geschichte; denn es
kam mitten auf der silbernen Straße des Bächleins daher: hundert Elfen,
oder tausend, oder eine Million -- das wußte Heidi nicht so genau. Aber
es waren lauter Elfen in herrlichen bunten Kleidchen. Hohe Stengel
rosaroten Fingerhuts schwangen die ersten und klingelten damit, daß die
Luft wackelte. Dunkelrotes Löwenmaul trugen die anderen und Mohnblumen,
und dann kam ein schöner junger Elfenjunge mit braunen Locken, der
spielte auf einer Hirtenflöte, wie sie jener Knabe beim Schneebruche
geblasen hatte. Danach marschierten sie alle im Takt und marschierten
hinüber auf die Waldwiese, die an dem Berghange lag. Viele winkten dem
kleinen Mädchen am anderen Ufer: »Heidi! Heidi, komm mit! Weißt du denn
nicht, daß Herr Rübezahl heute Hochzeit hält?«
»Ah,« sagte Heidi, »das trifft sich ja großartig! Natürlich komm' ich
da mit. Aber ein bißchen will ich noch warten und dem langen Zuge
zugucken -- es sind ja eine Million.«
Es kamen immer mehr, und sie schritten im Takte der Pfeife. In der
Mitte des Zuges ging ein schönes weißes Pferd, und darauf saß ein
wunderschönes Jungfräulein. Das war die Braut. Sie hatte ein seegrünes
Schleierkleid an, und das Haar fiel ihr über die Schultern wie
gesponnenes Mondlicht.
Ein Mann führte das Pferd am Zügel über alle Fährnisse. Der hatte einen
so großen Bart, daß er ihm bis auf die Bergschuhe hinabfiel. Und in der
Hand hatte er einen mäßigen Fichtenstamm als Spazierstock.
»Ist das der Herr Rübezahl?« fragte Heidi.
»Natürlich! Und du bist wohl gar ein richtiges Menschenkind, weil du
den König der Berge nicht kennst?«
»O,« sagte Heidi, »kennen tu ich ihn schon. Ich kenn' ihn sogar sehr
gut. Aber, nicht wahr -- wenn man einem Bergkönig zum ersten Male
begegnet --«
»Komm mit, komm mit!« sagten die Elfen, und warfen ihr Blumen herüber;
die sprangen dem kleinen Mädchen an die Nase oder auf die Stirn und
waren kühl wie Morgentau.
Dann ging sie mit und ging richtig im Takte der Pfeife, die nun
von ganz fern über den Hügel herüberklang. Sie lief auch rasch
einmal zu dem weißen Pferd und warf der schönen jungen Elfenbraut
ihre Vergißmeinnicht in den Schoß. Da nickte die sehr lieblich und
königlich. Und Heidi machte ihr einen feinen Knicks.
Nach einer Weile kamen sie auf eine kleine Wiese im Walde. Dort stand
ein Himmelbett aus blauer Seide, und oben auf dem Himmel saßen zwölf
Engel und wackelten mit den Flügeln.
Auf einmal erklang eine mächtige Stimme. Nämlich: der Herr Rübezahl
hielt eine Rede ...
Es war aber gar nicht der Herr Rübezahl, sondern es war der Herr
Professor Salzer, der hatte den gelben Krückstock in die Erde gestochen
und den grauen Stoffzylinder daraufgestülpt, wischte sich den Schweiß
von der Stirn und sagte: »Na, Heidi, was ist dir denn eigentlich
eingefallen?«
Und neben ihm standen Papa und Mama und eine große Menge Menschen aus
Johannisbad, dazu die halbe Kurmusik; denn als es ruchbar geworden, daß
Heidi weg wäre, die der Liebling aller war, kriegten sie das Suchen und
stürzten gegen den Wald, als wäre dort ein Luftschiff niedergegangen
und sie müßten es besehen.
Und nun tat Heidi die Augen auf und sagte: »O, jetzt seid ihr gerade zu
spät gekommen! Nämlich, der Herr Rübezahl hat heute Hochzeit und eben
ist der ganze Zug hier vorübergeschritten.«
Eigentlich wollte Mama ein bißchen schelten. Aber nun ging das nicht.
Es gab nur Küsse, und der Großpapa Salzer hatte ihr noch etwas sehr
Schönes mitgebracht.
Ein Glück war, daß Fräulein Sinsheimer die ganze Aufregung verschlafen
hatte.
Einmal im August, als schon die Linden tief drinnen im Astwerk die
ersten goldenen Blätter aufsteckten, war der ganze Freundeskreis
wieder im Märchenhause versammelt. Auch die Tante Veronika war mit aus
Ibenheim gekommen. Sie hatten die fröhliche Heimkehr gefeiert, und Herr
Salzer war Festredner gewesen. Zwei Stunden war ihm Frist gesteckt
worden dafür -- das war lange. Aber es ist zu bedenken, daß er über die
Erlebnisse zweier Dichterkutschen und über Rübezahls Hochzeit und die
schöne Elfenbraut im seegrünen Schleierkleide und über ein Himmelbett
mit zwölf Engeln zu berichten hatte ...
Es war schön. Es war atemberaubend schön. Es war so springlebendig, daß
sie meinten, sie machten die Reise in dieser Nacht noch einmal. Aber
nun waren es vier Dichterkutschen.
Als Herr Salzer fertig war, waren sie noch lange nicht müde, und
Gwendolin bat: »So, Jockele, und nun lies uns deinen Roman.«
»Das nächste Mal,« sagte er, »es ist ja gleich Mitternacht.«
Da schlugen die Uhren.
Im Verlag +Ullstein & Co, Berlin+, erschien ferner in der Sammlung der
Ullstein-Bücher von