Rolf Krake.«

»Was er nur mit dem Wege der tausend Jahre meint?« dachte Do. Sie

nahm das Buch und verschloß die Tür. Als sie ein Stück den Hügel

hinabgegangen war, blieb sie stehen und blickte hinüber nach dem

Rosenstrauch; der klemmte in einem Felsenspalt, nahe dem Fall. Es wuchs

graue Flechte an seinem alten Holz, und es war ein borstiges und rauhes

Ding. Aber in jedem Jahr trieb er noch Schosse zu seiner Verjüngung,

und so konnte er an diesem feuchten Standort schon älter geworden sein

als Nane Thord und konnte seine Wurzeln wohl so tief in den steinichten

Grund getrieben haben, daß sie aus dem Kessel der brodelnden Wasser

tranken. »Rolf Krake hat sich in das wilde Bergwasser gestürzt,« sagte

sie, und das Herz erschauerte ihr. Dann ruderte sie zur Insel. Aber

in der sinkenden Nacht fuhr Jockele mit zwei Booten an den Strand und

machte das eine dort fest und legte auch die Ruder hinein -- für Rolf

Krake, wenn er in der Nacht käme und den Schlüssel haben wollte. Dort

lag das Boot drei Wochen. Sie ließen in diesen drei Wochen alle Nacht

ein Licht im Blockhaus auf der Insel brennen, bis in den Tag. Aber Rolf

Krake sah es nicht, und er gebrauchte auch das Boot nicht.

Er hatte mitten in die Sonne getroffen. Es wurde nach jenem Tage nicht

mehr recht hell in Haus und Herzen. Auch Nane Thord hatte ihre Sorgen;

denn sie fühlte: die leiseren Stimmen um sie her hatten ein Geheimnis.

Die Wanderfreude von einst war nicht mehr da. Jockele arbeitete über

Tag in seinem Zimmer, Do und Hanna saßen im Saal und nähten, Gwendolin

war ganz gegen ihre Art versonnen. Und wenn sie sich einmal alle

zusammenfanden, dann mußte Nane Thord an die Schwalben denken, die

sich sammeln, um zu plaudern von dem großen Fluge, der Sonne nach.

Auch James King war traurig. Gerade in den letzten Tagen hatte er

einen Weg zu Rolf Krake gesehen -- es war durch das Gespensterboot

gekommen, und weil er wußte, der Einsame aus der Sägemühle las in den

Werken der Inder; vielleicht neigte er zu allerlei Geheimwissenschaft

und Spiritismus! Das alles lag auch im Wesen des blonden Briten. Aber

vorsichtig, wie er mit sich selber war, hatte er es vor den anderen

verborgen. Von der Tat Rolfs ahnte James auch jetzt nichts. Aber das

mußten sie ihm doch bekennen, daß sie dachten, der unglückliche Freund

wäre im Skjold ertrunken. Eine Stunde danach hatten sie die Gewißheit:

dies wäre nicht der Fall; denn Lona Steensgard hätte ihn gesehen auf

der Wanderung ins Gebirge. Dadurch wurde der Vorgang vom Skjold noch

finsterer. Und auch trostreicher wurde er nicht.

In jenen Tagen trat Kordula Gunkel in den kleinen Kreis. Sie war dunkel

wie ihr Name; und auch ihre Stimme klang, als hätte sie an diesem

Namen abgefärbt. Sie liebte die dunklen Farben in ihrer Kleidung

und war am frohesten in Schwarz, das sie mit halbverdeckten gelben

oder blauen Seidenbändern durchbrach. Fräulein Gunkel trug das Haar

kurzgeschnitten. Sie hatte lange, schmale, sehr weiße Hände, mit denen

sie sich die Locken lässig aus der Stirn zu streichen pflegte. Dann

konnte sie aussehen wie eine Heilige aus der Legende.

Aber eine Heilige war sie eigentlich nicht.

Sie bezog das Zimmer auf Krokengaard, in dem John Williams gewohnt

hatte, malte und komponierte Lieder zur Laute. Wenn ihre weiche

Frauenstimme in Dämmerungen tief und dunkel durch den Krakesaal klang

-- o ja, das war schön!

Und so war es kein Zufall, daß sie über Sommer in einem Waldhaus am

düsteren Songefjord gewohnt hatte. Es war auch kein Zufall, daß sie nun

hier war: Gwendolin kannte sie aus Weimar, wo Kordula Gunkel damals

an der Musikschule studiert hatte. Auch Jockele erinnerte sich ihrer

sehr wohl; aber sie hatte ihn damals besser gekannt als er sie, und sie

hatte zu denen gehört, die die »Erziehung zum Manne«, welche Do dem

Zigeuner Jockele angedeihen ließ, sonderbar fanden. Sie kannte diese

Geschichte nur vom Hörensagen. Nun gehörte das Jockelebuch zu ihrer

Reiseausrüstung -- denn eine Heilige war sie eigentlich nicht. Sie

wollte die Gelegenheit nicht zum zweiten Male versäumen, die berühmte

Do kennen zu lernen, die sich das Glück ihres Lebens baute nach ihrem

Gefallen. Aber das Licht dieser Frau Do brannte nun unter dem Schleier

einer sanften Trauer; und die Märzenklarheit ihrer Augen leuchtete um

kleine Wäsche.

Kordula Gunkel hatte sich das anders gedacht.

»Du bist zu spät gekommen,« sagte Gwendolin.

»Ich komme stets zu spät -- es scheint eine meiner Eigenarten zu sein,«

sagte Kordula. Sie wollte den Winter über in Rom leben oder auch für

immer. Aber Pläne für weithinaus machte sie nicht. Vielleicht war an

diesem Einfall Henrik Tofte schuld; denn Gwendolin redete mehr von ihm,

als ihr lieb war. »Tofte und ich, wir mögen uns gern leiden, aber wir

sind nicht füreinander geboren. Nein, nein. Mit dem gleichen Rechte

könnte man behaupten, du und das große Licht paßten zueinander.«

»Man kann das nie wissen,« sagte Kordula. Sie war so gemessen in

ihren Bewegungen und von so stilvoller Ruhe in ihrem Auftreten, aber

ihre Wirkung auf Gwendolin war ganz anders: Gwendolin wurde manchmal

heimlich lustig vor ihr. Doch ließ sie sich das nicht anmerken, auch

nicht nach dem deutsamen: »Man kann das nie wissen«. Sie wurde darüber

so vergnügt, daß sie nicht übel Lust hatte, mit Kordula an den Tiber

zu reisen. Aber -- dann wäre die Posse ja gar nicht zur Aufführung

gelangt! Nun, vielleicht ging es so: wenn man dem Henrik den Aufenthalt

Gwendolins in Rom verschwiege, bis der Vorhang über dem Spiel zwischen

ihm und Kordula gefallen war?

Gwendolin verwarf auch diesen Gedanken; denn eigentlich war er eine

Nichtswürdigkeit gegen die dunkle Kordula, und am Ende: man konnte doch

vielleicht nicht wissen ... Im Falle Tofte geriet ihr felsenfestes

Vertrauen zu sich selber immer ins Wanken. »Ach, Unsinn,« sagte sie und

lachte, »was will ich denn in Rom, was will ich in Italien? Sie haben

ja keine Luft dort! Sie haben bloß Äther. Es steht da jede Mauer und

jeder Baum so hart darin, daß man sich die Augen wund daran stößt.

Nein, ich kann in Italien nicht malen.«

Kordula sah das gern ein. Auch überzeugte sie sich weiter davon, daß

Henrik Tofte der interessanteste, genialste und schönste Mann war, der

sich denken ließ ...

Einmal nach dem Zwölf-Uhr-Frühstück ging Kordula mit James King zu

der Bank im Rohr. Es schien eine märchengoldene Septembersonne. Sie

sprachen davon, daß Sinsheimers in den nächsten Tagen nach Weimar, der

Doktor Krake und Hanna nach Bonn reisen wollten. Nane Thord hatte der

blonden Marit daraufhin schon den Dienst gekündigt.

Mit Gwendolin hatte James seine Partie verloren -- dabei war ihm

passiert, was man im Schachspiel den »Kälberstich« nennt. Es war

blamabel, es war durchaus blamabel. Deshalb liebte James King nun

die dunkle Kordula -- einesteils um die Scharte mit Gwendolin wieder

auszuwetzen und um den Freunden zu zeigen, was er könne; andernteils,

weil ihm vor der Einsamkeit des Winters graute; und zum dritten: weil

Kordula von dem Gedanken gelockt wurde, Nane Thord als Medium bei

spiritistischen Sitzungen zu benutzen. Nun, dazu gab es an den langen

Winterabenden auf dem Eiland im Fjord ja ausgiebig Gelegenheit. Er

erwog noch einmal die drei Gründe, dann erklärte er Kordula seine Liebe.

Kordula pflegte Lagen, wie diese, gemeinhin ernst zu nehmen, sehr

ernst. Sie zählte vierundzwanzig Jahre, mochte hohe blonde Jünglinge

gern sehen, na und schließlich -- reich war sie nicht, aber sie

brauchte sich für ein Leben, wie sie sich's dachte, auch nicht gerade

etwas zu versagen. Selbst der Weisheit war sie nicht abhold, daß

die Liebe mit der Ehe wüchse. Nur von der freien Liebe schwärmte

sie nicht mehr -- das lag für sie schon weit dahinten und war eine

Übergangsanschauung gewesen.

Den listigen James gereuten die umständlichen Vorbereitungen, die er

an Gwendolin verschwendet hatte. Deshalb sprang er diesmal gleich

mittenhinein in die Sache. Daß ihm die Worte ein bißchen im Munde lagen

wie gequellte Erdäpfel, das inkommodierte Kordula nicht weiter. Auch

seinen eigentümlichen Gebrauch des Wortes »lächerlich« kannte sie, und

sie wandelte es um zu der landläufigen Bedeutung. Und also sprach James

King:

»Well. Ich nehme die lächerliche Gelegenheit wahr, Sie auf den Reiz des

Wintersports aufmerksam zu machen -- er ist in der Umgebung des Fjords

von unausstaunbarem Zauber ...«

»Oh,« sagte Kordula, »im Winter bin ich ja in Rom.«

»Das ist aber kein guter Einfall. Ich habe die lächerliche Hoffnung,

daß Sie das aufgeben; denn ich habe noch kein Frauenhaar gesehen von

dem matten Glanze des ... des ... ~ebony~ ... Na, wie heißt doch gleich

das Holz, das von weit, weit hinter Hindostan herkommt?«

»Von weit, weit hinter Hindostan?« fragte Kordula. Es gehörte zu den

Eigentümlichkeiten Kings, mit dieser geographischen Bezeichnung eine

übergroße Ferne anzudeuten. »Ah, Sie meinen Ebenholz?«

»... des Ebenholzes!« rief er erlöst. »Und Sie haben Augen, schön wie

die Fjordnacht, Kordula Gunkel. Oh, ich liebe diese dunkle Schönheit

an Frauen. Ich denke es mir lächerlich, wenn wir zwei die nordischen

Nächte verleben könnten auf dieser einsamen Insel als Mann und Weib,

von keinem Menschen gestört in unserer Liebe. Und wenn Sie dann sängen,

wissen Sie, und draußen brauste der Sturm, und Ihre lächerlichen Hände

griffen dabei die Saiten der Laute ...«

Eine Heilige war Kordula nicht, ja, sie war so erfahren, daß sie

merkte: diese gefühlvolle Rede hatte sich der listige James in der

letzten Nacht auswendig gelernt. Sie hatte sogar an die Holzwand

klopfen wollen zwischen ihren Zimmern drüben auf Krokengaard; denn

James war bis weit über die Mitternacht auf ihrem Schlaf herumgestampft

in seinen geräumigen Bergsteigstiefeln.

Nun braucht heimliches Erlernen einer solchen Rolle nicht auf eine

Komödie der Liebe zu deuten -- o nein! Und Kordula war ein Mädchen:

sie trat also ihren Glauben, geliebt zu werden, niemals mutwillig

darnieder. Aber vor der gleichmütigen Semmelblondheit, die neben ihr

saß, konnte sie diesen Glauben nicht aufbringen. Deshalb lächelte

sie -- sie lächelte sogar ein bißchen impertinent, lächelte aus der

Genugtuung, daß diesmal nicht sie es war, die zu spät kam. Übrigens

war Gwendolin nicht ganz verschwiegen gewesen, hinsichtlich ihres

Erlebnisses mit dem listigen James. Also nahm Kordula Gunkel einen

Vorschuß auf ihre römische Liebe und sagte: »Es tut mir ehrlich leid,

mein Herr -- aber über mein Herz habe ich nicht mehr zu verfügen.«

»Schade,« sagte Mister James, »ich glaube, es wäre ein sehr netter

Winter geworden.«

Damit waren die letzten Früchte des lieblichen Sommers im Fjord

fallreif geworden. Oder: die Schwalben, die sich in der Mittagssonne

vor der Südwand des Inselhauses versammelten, konnten nun die große

Reise antreten. Nur Gwendolin erwog, ob sie vor den Frost der Julzeit

hinstehen wollte, um der gefrorenen Welt in Filzstiefeln, Pelzen und

Einsamkeit ihren flimmernden Zauber mit raschem Pinsel zu stehlen. Auch

dachte sie, sie könnte sich in diesen stillen Wochen auf mancherlei

Erkenntnisse ein wenig näher ansehen.

Zuerst entflogen Hanna und der Doktor Krake nach Bonn. Im letzten

Augenblick schloß sich ihnen Kordula mit der Laute an. Sie gab ihnen

bis Hamburg Geleite. Am anderen Tage reiste James King -- schach und

matt. Und als auch Do und Jockele ihre Koffer packten, die blonde Marit

mit geröteten Augen half, und Nane Thord mit bitterem Munde sagte,

nun könne sie sich ja schön mit Lars Thord unterhalten -- da sang der

Wind bei Gwendolin um alle Fenster ein Lied, das war sterbenstraurig.

Und weil Jockele und Do so dicht beieinander standen, warf Gwendolin

ihre Arme um beide und sagte: »Kinder, es geht nicht! Ich bin schon

über manch gefährlich finsteren Steg geschritten, aber über diesen

find' ich mich nicht hinweg. In eurem großen Haus am Horn werdet ihr

ein Kämmerlein für mich finden. Oder ich will dicht daneben in dem

Gartenhause wohnen, aus dem der Jockele den Flug in die Sonne getan hat

... Kinder, laßt mich mit euch ziehen!«

Ja, es war Herbst geworden. Auf den Wassern des Fjords schwamm das

Birkenlaub und war goldgelb. In der Schärenflur saßen die Nebelfrauen

und spannen. Es war Herbst.

Am anderen Tage fuhren sie nach Kiel, von da nach Weimar. Dort hatten

sie das schöne Haus am Horn Nummer 17 A gemietet, das in dem Garten

mit den herrlichen alten Bäumen sieht. Sommer und Winter träumen

ringsum traute Märchen, und die Wege sind von silbernem Sand. Dort

war der Jockele vorbeigerannt und hatte sich die Krawatte geknüpft

im Sturmschritt -- damals, als er mit der schlanken Felidora im

Puppenheim des Apfelgartens Geburtstag feierte und darüber ganz

vergaß, daß er des Morgens um acht Uhr vor dem Herrn Professor

Redslob die Einjährigenprüfung ablegen wollte ... Jawohl, dort war er

krawattenknüpfend vorbeigestürmt, und die Frau Stadtrat Meyer stand

in ihrem Wintergarten und sah ihn vorüberflitzen und dachte, der

Jockele hätte eine neue Methode erfunden, sich vom Leben zum Tode

zu bringen; denn daß sich einer im Zweimeterschritt aufhängt, war

ihr noch nicht vorgekommen. Nun, solche und ähnliche Dinge hatte der

Jockele in seiner »Mädchenzeit« angestellt. Aber er brauchte sein

Schuldbuch von damals nicht mit ängstlichen Augen zu durchblättern --

es stand kein Posten darin, deswillen er die Nachbarschaft aus seinen

Frühlingstagen hätte meiden müssen. Darum war es den Dreien nun auch so

heimatlich und tiefbeglückt um die Herzen, als sie durch die Dämmerung

des Septembertages im offenen Wagen ans Horn fuhren. Langsam, langsam

mußten die Pferde treten. Das gelbe Maßholderlaub raschelte um die

Hufe, das Ilmwehr rauschte, die Leutra plätscherte unter der Sphinx

hervor, hinter den Fenstern am Hange waren die Lichter angetan, und

alle Häuslein guckten so lieb mit den hellen Augen zu ihnen herunter

... »Na, Gott sei Dank, daß ihr endlich wieder im Lande seid!«

Am anderen Morgen stand der Herr Doktor Jakobus Sinsheimer schon im

werdenden Licht am Fenster und schaute über die Wipfel des Weimarer

Parks. Sein Glück konnte den Tag nicht erwarten. Er sah Goethes

Gartenhaus durch die herbstlaubigen Hecken lugen -- weiß Gott, dies

ehrwürdige Stück Literaturgeschichte zwinkerte ihm vergnügt zu! Es kam

ein Zug fröhlicher Gestalten klingelnd und doch traumhaft über Anger

und Hecken, alle bunt angetan; und es guckten blanke Augen hinter jedem

Baumstamm hervor. Alles, was ringsum war, kniff die Augen zusammen und

lachte. Da riß der Doktor Sinsheimer die Fenster auf, das Wunder zu

betrachten -- und auf einmal war er wieder der Jockele. Der hob Doris

Rinkhaus auf seine Arme und drehte sich mit ihr herum wie ein Kreisel

und machte holdrio hoho ... »Mensch, Mensch,« sagte die Do -- denn es

war noch ein bißchen morgenkühl um sie; aber innig festhalten an ihm

mußte sie sich doch, sonst hätte er sie zum Fenster hinausgewirbelt --

»Mensch, du bist ja lebensgefährlich, aber du bist doch nun etliche

Jahre älter geworden!« ...

Doch der Jockele hatte keine Zeit, darüber nachzudenken; denn als

ihm die weiße Do entschlüpft war, wippte einer draußen am Gartenzaun

entlang ... Erich Meyer -- mit y, aber nicht verwandt mit der Frau

Stadtrat Meyer ... Großer Gott, das war das einzige Erlebnis der

Weimarer Tage, das dem Jockele durch ein Loch in seinem Gedächtnis

gesickert war! Nicht im Traume war ihm Erich Meyer wieder eingefallen!

Und nun war der der erste, der aus dem glückhaften Schiff leibhaftig

an Jockeles neues Land stieg. Erich Meyer -- wie war denn das damals

gleich? Er nahm das Jockelebuch ... Nein, Erich Meyer hatte sich nicht

verändert: er wandelte mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße

Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und während diese Partie

seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn nach hinten

entschieden hatte, schwangen die langen stracken blonden Haare über dem

Rockkragen von links nach rechts. Er war Musikstudierender gewesen, von

durchschnittlichem Talente, und weil er dazu noch ein Herz von Gold

besaß, so war seine Begabung auch nach der rein menschlichen Seite

fast lebensgefährlich. Der blonde Erich hatte damals ein Stipendium

von dreihundert Mark bekommen, deshalb erwog er die Frage, ob er nicht

umsatteln und sich dem Bankfach widmen sollte ... Nun, Finanzminister

schien Erich Meyer inzwischen ja nicht geworden zu sein. Aber den

lieben weltfremden Idealisten mußte man sich wieder einmal bei Licht

betrachten!

Ach ja, was mußte man sich in diesen neuen Tagen in der alten Heimat

nicht alles betrachten: die Häuschen im Apfelgarten; den Zaun, wo der

Maler Jockele aus dem Tartarus den Berg der Seligkeiten gemacht und

hernach mit dem Grabscheit zertrümmert hatte! Es war seine letzte

Missetat in Farben gewesen. Man ging zu dem Kastanienstamm, in dessen

Rinde die Namen Do und Jo in schlichter, aber unlösbarer Verschlingung

geschnitten waren. Frühling nach Frühling hatte die tiefen Spuren der

Klinge fast zugezogen. Jede Seite des bunten Lebensbuches von damals

blätterten sie um. Aus jeder stieg's wie der Klang einer silbernen

Trompete und schmetterte ihnen in die Herzen -- Leben, o Leben! Liebe,

o Liebe! Jugend, o Jugend! Welch ein herrlicher frohgemuter Kampf war

das gewesen!

Es stand noch alles wie damals. Auch die alten Menschen standen noch.

Die Dame mit den kraushaarigen grauen Hunden begegnete ihnen -- vor

Zeiten waren es drei gewesen, jetzt waren's vier. Sie schlug noch immer

die grüne Stille tot mit ihrem brutalen Pfiff, und sie wogte noch immer

die gemütvolle Baumstraße lang wie ein neapolitanischer Schiffer; aber

ihre Strickmütze war blau. Nur eins war neu geworden: »Haus in der

Sonne« stand in schwarzer Schrift an der weißen Gartenpforte. Oben auf

dem First dieses Hauses in der Sonne war eine Leier. Vor der Tür stand

ein kleiner Junge mit einer roten Zipfelmütze und präsentierte seine

Holzflinte. Und es sang jemand zum Fenster heraus. Hoh! -- Wegen der

Leier und der dunklen Frauenstimme dachten sie an Kordula Gunkel, wie

sie nun römische Schlendertage hielt und doch auf dem Kriegspfade war

... Und das kleine Haus neben dem mit der Harfe stand wie damals auf

den Zehen, lugte rechts über die hohe Gartenmauer und duckte sich nach

vorn hinter grüne Hecken. Und die beiden glückseligen Menschen, die

darin wohnten, saßen in ihrem Fichtenwinkel und pfiffen noch immer ganz

leise auf die Welt. Das mußte doch sehr unterhaltsam sein!

Und richtig, auf dem Heimweg vor der Wildenbruchmauer wippte Erich

Meyer den Pfad entlang! Wie er Jockele und die leuchtende Do und die

gescheite Gwendolin erkannte, erging er sich in einer ehrfürchtigen

Verbeugung und trat hinab auf den Fahrdamm. Er hatte -- im Gegensatz

zu seinen Nachbarn in dem kleinen Hause -- ungeheueren Respekt vor der

Welt.

»Ah, sieh da, lieber Meyer! Wie steht's mit dem Finanzminister?« rief

Jockele und faßte ihn an beiden Händen.

»O,« sagte er, »es war ein Plan Hansens im Glück. Aufgegeben, verehrter

Herr Doktor! Was muß man nicht alles aufgeben in diesem Leben!«

»Na, und was machen Sie sonst, lieber Herr Meyer?« fragte Do.

»Musik, gnädige Frau, ungeheuer viel Musik. Ich gebe Unterricht und

wohne im Haus mit der Harfe -- das spricht sich bequemer, eigentlich

ist es ja wohl eine Leier.«

»Und die haben sie sich als Wahrzeichen dahinaufsetzen lassen?«

»O nein, nicht ich!«

Zwei Herren schritten grüßend an dem fröhlichen Trüpplein vorüber: ein

hochgewachsener junger Mann mit dunklem Vollbart und ernstem Gesicht

war der eine. Es war ihm anzusehen: er war ein Künstler, wußte zu

sinnen und wußte zu schweigen. Ein Licht ging an in seinen großen

braunen Augen, als er Gwendolin erkannte. »Sagen Sie, Herr Meyer, war

das nicht der Porträtmaler Schaffrath?« fragte Gwendolin mit leiser

Verstellung; denn es lockte sie, zu erfahren, was aus diesem tüchtigen

und strebsamen Menschen geworden wäre.

»Ja,« antwortete er, »der Schlachtenmaler. Er hat im Vorjahr ein

Panorama gemalt, in Dresden oder Leipzig -- ich weiß es nicht mehr. Es

heißt: er kann ungeheuer viel.«

»Und der ältere Herr, der bei ihm war?« fragte Jockele. -- »Ein

Gelehrter, der Professor Salzer.« -- »Wahrhaftig, er war's,« sagte

Jockele. »Ich habe ihn vor Jahren flüchtig kennengelernt und habe den

Wunsch, diese Bekanntschaft zu erneuern. Der Professor ist der Mann für

meine Frau,« setzte er scherzend hinzu. Und Meyer sagte: »Es wird nicht

lange dauern, dann ist Schaffrath auch Professor, an der Kunstschule,

und wohl gar Direktor.«

»Ich glaube, er hat sich einmal in meiner Jugend für mich

interessiert,« sagte Gwendolin zu Do.

Darüber mußte Do lachen. »Du +glaubst+? So etwas weiß man doch, wenn

man solch helle Augen hat.«

»O, bei Schaffrath weiß man das nie,« sagte Gwendolin. »Wenn ich mich

recht erinnere, hat man ihn damals nie in Gemeinschaft anderer gesehen,

er pflegte keine Freundschaften, und er war nie im Kaffee. Er hatte

auch keine Erlebnisse mit Frauen -- trotz der Weisheit Jockeles.«

»Vielleicht ist er die Ausnahme von der Regel,« sagte Jockele. »Aber

woher kam dir dann der Glaube, daß er sich für dich interessierte,

teuerste Gwendolin?«

»Nun, er ging nie ohne Gruß an mir vorüber,« sagte sie. »Ich weiß,

das ist damals von den Malmädchen und in der Stadt sehr beachtet und

bemutmaßt worden.«

Sie fanden, daß die Straße zu so bedeutenden Gesprächen nicht der

rechte Platz wäre. Deshalb reichte Gwendolin Herrn Meyer die Hand.

»In einigen Tagen hoffen wir auf Ihren nachbarlichen Besuch, lieber

Meyer,« sagte Jockele.

»O,« sagte der in ehrlicher Bescheidenheit und deutete an seinem

fadenscheinigen Rock hinab, »zuviel Ehre für einen armen Musikmeister.«

»Ach, dichten Sie keine Tragödien, Meyer,« sagte Gwendolin, »bei

Jockeles sieht man das Herz an.«

Erich Meyer war erschüttert. In seiner Dachkammer sank er auf den Stuhl

und dachte: vor ein paar Jahren war er mit diesem vornehmen Doktor

Sinsheimer durch den Park gezogen -- damals war der ein schlechter

Zigeuner gewesen ... »aber ein guter Musikant!« sagte Erich Meyer und

holte einen tiefen Seufzer aus seiner Brust.

Als sie nach Hause kamen, lag da ein Schreiben der Staatsanwaltschaft

in Hamburg an Frau Doktor Doris Sinsheimer. Es war nach der Insel

Nane Thords gerichtet gewesen und nachgesandt worden. Darin stand:

Es befindet sich in Hamburg seit drei Wochen ein junger Mann namens

Rolf Krake in Untersuchungshaft. Er hat sich der Polizei gestellt

und behauptet: »Ich habe meinen Bruder, den Doktor Woldemar Krake,

vor acht Tagen erschossen. Den Ort sage ich nicht: ich nehme an, die

Bluttat ist der Bevölkerung verschwiegen worden, die ich durch eine

Untersuchung an Ort und Stelle nicht beunruhigt sehen mag. Ich glaube

auch nicht, daß außer mir ein Mensch von dem Verbrechen weiß, da mein

Bruder im Augenblick seines Sterbens in eine unergründliche Tiefe

versunken sein dürfte. Man wird ihn vermissen, aber man nimmt wohl an:

er und ich haben sich heimlich von unserem damaligen Aufenthaltsort

entfernt -- ich weiß es nicht. Ob ich die Tat mit Überlegung und bei

vollem Bewußtsein vollbrachte, kann ich nicht genau sagen. Ich bin

mit der Absicht zu dem Tatorte gekommen, mich selbst zu töten. Es ist

wahrscheinlich, daß der Mord die Folge eines psychologischen Vorgangs

ist, den ich nicht in vollem Umfange zu erklären vermag.« Weiter stand

in dem Schreiben: Es stimmen alle Angaben Rolf Krakes über seine

Herkunft und seinen Bildungsgang. In Kiel, wo er zuletzt Student war,

ist er auf Reisen ins Ausland abgemeldet, ohne nähere Bezeichnung des

Aufenthaltsortes. Er hat Frau Doris Sinsheimer angegeben als diejenige,

welche den von ihm erwähnten »psychologischen Vorgang« mit größerer

Sicherheit darstellen könnte als er selbst. -- Do wurde aufgefordert,

aus dem Auslande zunächst einen schriftlichen Bericht an die Hamburger

Staatsanwaltschaft zu senden.

Die Erregung über diese Botschaft glich einer totalen Sonnenfinsternis:

sie brachte eine bleierne Schwere, die den Atem beengte, aber sie ging

rasch vorüber. Sie wich der freudigen Genugtuung, daß dem unglücklichen

Freund ein großer Dienst geleistet werden konnte.

»Wie hab' ich ihn gequält, damals, ehe ich dem Rätsel in ihm auf den

Grund kam: dem Weg des Hasses gegen sich selbst, in dem eine Stelle

ist, an der immer Woldemar Krake auftaucht und für ihn zum Träger des

Hasses wird ...«

»Sage: ein Blitzableiter an der höchsten Stelle des Hauses, der

den Funken auf sich zieht,« warf Jockele ein. Dann begab er sich

in sein Arbeitszimmer, schrieb einen langen Bericht und nahm darin

das eigentümliche Räderwerk dieser Seele auseinander und setzte es

kunstgerecht wieder zusammen. Es wurde darüber Abend, es wurde Nacht,

und es graute der andere Tag: es war ein Buch geworden, das Jockele

verfaßt hatte. Darin fand sich alles geschildert, was sich am Skjold

ereignet hatte, wie sie den Verletzten mit zwei Wunden gefunden, die

so leicht gewesen waren, daß nicht einmal alle des kleinen Kreises

Kenntnis von dem Vorfall erhielten. Es war die jetzige Wohnung

Woldemar Krakes angegeben; es war das Verhältnis Rolfs zu den Freunden

geschildert und die Eigenart seines wissenschaftlichen Interesses; es

waren Auszüge aus seinem Tagebuch beigefügt, und es wurde der Tatort

mit Anschaulichkeit gezeichnet, dessen Lage in Rolf Krake die Meinung

erweckt hatte, der Bruder wäre in den schäumenden Wassern versunken.

Über den seelischen Druck, unter dem Rolf seit den Tagen des Knaben

gelebt hatte, über die Ursachen und das Wachstum dieses Druckes

gelangte Jakobus zum Letzten und Schwersten: zu der Darstellung des

psychologischen Vorgangs im Augenblick der Tat -- Rolf sieht sich von

seinem Bruder verfolgt, wiewohl er es selbst ist, der sich verfolgt;

im Grunde hat er die Liebe zu Hanna von Fellner längst überwunden --

zuletzt vielleicht, weil er sich sagte: sie wird sich ja doch für den

Bruder entscheiden. Und dennoch benützt er diesen Verzicht als Vorwand

zu seinem Selbstmord: er richtet die Waffe gegen sein Herz. Als er

schon den Daumen um den Abzug krümmt, wird er von dem Bruder gestört.

Wiederum von diesem Bruder, der ihm, seiner Meinung nach, den Weg

zu Glück und Leben vermauert -- soll ihm von dem nun sogar der Weg

zum Sterben verwehrt sein? ... Undurchdringlich sinkt die Finsternis

des Hasses in ihn. Vier Kugeln sendet er nach dem Bruder und -- hat

eigentlich auf sich geschossen: das mörderische Blei galt dem eigenen

Spiegelbilde! Keine Eifersuchtstat, keine Rache, keine perverse Lust

an fremdem Blut, nichts von Mordgier, nichts von Gemeingefährlichkeit

-- sondern: ein »psychologischer Vorgang«, dessen Entschleierung die

Aufgabe des Seelenarztes ist ...

Im Oktober reiste Do mit ihrem Manne zur Verhandlung vor dem

Schwurgericht nach Hamburg. Woldemar hatte die Aussage verweigert, er

war nicht da. Die Begegnung mit seinem Bruder sollte vermieden werden.

Do wiederholte in ihrer klaren klugen Art, was sie von Rolf Krake wußte.

Die Volksrichter sprachen ihn frei.

Er verließ das Gerichtsgebäude mit Do und Jockele, war nicht fröhlich,

war nicht traurig, und sagte: »Die große Einsamkeit, die in diesen

Wochen um mich gewesen ist, war sehr wohltätig. Kommt, wir wollen unter

viele fremde Menschen gehen, wo es einsam ist. Und wir wollen nicht von

gestern reden, sondern von morgen.«

»Was wollen Sie denn morgen tun?« fragte Do.

»Ich will in den Hardanger Fjord reisen und auf Nane Thords Insel

wohnen,« sagte er.

Es wollte Abend werden. Oktoberabend. Der Sommer hauchte von

irgendwoher in die Dämmerung unter den Bäumen am Horn, und aus dem

gefallenen Laube dufteten Veilchen. Da gingen Do, Gwendolin und Jockele

mit verschränkten Armen auf den Wegen des alten Gartens. »Mir ist,

als wäre die Geschichte der Sturmschwalben noch nicht zu Ende,« sagte

Gwendolin. »Es ist da wohl noch ein langes merkwürdiges Kapitel, das

heißt ›Rolf Krake‹ ...«

»Und du wärest darauf gespannt?« fragte Do.

»Vielleicht war es nur eine Überleitung von mir,« gestand Gwendolin,

»es sind ja auch drei Sturmschwalben nach Rom verschlagen worden. Ich

denke mehr an die, als mir lieb ist. Ich habe merkwürdige Ahnungen.«

»Ahnungen!« sagte Jockele, »Henrik Tofte ist ein Mensch, an dem jede

Berechnung zerschellt und vor dem auch jede Ahnung in tiefe Finsternis

gerät.«

»Darum flattern die meinen wie Fledermäuse. Ich glaube, es geht ihm

nicht gut.«

»Natürlich wird es ihm nicht gut gehen. Pah, was gilt das ihm! Fällt

ihn heute der Teufel an, so stellt er ihn auf den Kopf, und es wird

morgen der liebe Gott daraus. Er mißt sein Schicksal immer so, daß nie

ein richtiges Unglück herauskommt. Na und schließlich: er weiß uns ja

zu finden.«

»Niemals!« sagte Gwendolin. Dann verscheuchten ihr Do und Jockele

die Fledermäuse und wurden alle drei lustig an Henrik Tofte, der

so lang war, daß er immer ganz vergnügt oben herausragte, wenn ihn

sein Schicksal gleich einmal in recht tiefes Wasser warf. »Er hilft

sich selbst,« sagte Jockele, »und Rolf Krake hilft sich auch selbst,

man muß ihn allein lassen -- lebensgefährlich ist das Leben nur für

Erich Meyer. Erich Meyer ist ein Mensch, der sich seit zehn Jahren

in einemfort aufrichtet. Aber er hat gleich eine Waffe zur Hand, mit

der er sich ebenso unausgesetzt niederschlägt: sein goldenes Herz.

Ich wette, ehe er in die Dachkammer dieses Erholungsheims geraten

ist, hat er dreimal sein Bett verschenkt. Und den Stuhl, für den er

einmal das Geld besaß und verschenkte, den hat er sich bis heute nicht

angeschafft. Aus lauter Bescheidenheit geht er jetzt einen anderen Weg

zur Stadt, nur damit er nicht durch unsere Tür gerät. Do, liebste Do,

dieses Märchen mit dem Goldherzen könntest du zu einem vernünftigen

Ende dichten!«

»Nun, und du?« fragte Gwendolin. Da setzte Jockele ein geheimnisvolles

Gesicht auf. »Ha!« sagte er, »ich glaube, ich bin durch die Erlebnisse

des Sommers ein bißchen aus dem Sattel gekommen« -- er klopfte

Gwendolin sanft auf die Achsel -- »du, mir scheint, ich stehe wieder

einmal am Zaune des Tartarus, um auf den Berg der Seligkeiten zu

steigen! Seit ich mich schreibenderweise in die Rätselseele Rolf Krakes

vertieft habe, sind mir Flechten und Frösche eine etwas trockene

Materie geworden.«

Gwendolin schloß ihn in komischer Rührung in ihre Arme. »Hurra! Meine

Ahnungen! Meine Ahnungen!«

»Es ist wahrhaftig so,« sagte er, »das Beste hab' ich dem Hamburger

Gericht nämlich gar nicht aufschreiben können -- na, nennen wir es mal:

den Ertrag des spekulativen Denkens. Es sind seit jenen Tagen allerhand

Lockungen da, zum Beispiel Henrik Tofte. Seht, diesen Menschen möcht'

ich mal aufschreiben; den möcht' ich mal auf einem Haufen Papier zum

Bilde Gottes erschaffen, zu dem er sich selbst nie erschaffen kann!

Ich gehe seit einigen Tagen in einem wunderlichen Zustand umher: als

Gelehrter dacht' +ich+ -- jetzt denkt es in mir; als Gelehrter schrieb

+ich+ -- jetzt aber fängt es in mir an zu schreiben ...«

»Wie es in mir malt,« unterbrach ihn Gwendolin lachend.

»Ja, so wird es wohl sein.«

»Ich finde, es ist bei uns immer ungeheuer viel los,« sagte Do,

»Gesellschaften will er geben, dichten will er, Erich Meyern wollen wir

einrichten, die Tante Veronika soll kommen ...«

»Ach, Teufel,« machte Jockele, »da müssen wir das Dichten und den

ersten Gesellschaftsabend doch noch aufschieben! Aber bereiten werden

wir Haus und Herzen für beides; denn das mag Tante Veronika gern

leiden.«

Also gingen sie ans Werk und sannen ein Zimmer nach dem anderen, sannen

das ganze Haus in seiner Einrichtung um, wie es ihrem Wohlbefinden

und ihrem anderen Geschmack entsprach. Das hatte gleich in den ersten

Tagen geschehen sollen, aber die waren ja voll gewesen bis zum Rande.

Doch nun waren sie in Schwung, stellten einen großen Rumor an,

wirbelten zwischen dem Diener Fritz und einigen Handwerkern, wirbelten

zwischen der Köchin und dem Zimmermädchen herum und fanden das nach

den mannigfachen Erschütterungen der Gemüter äußerst beruhigend.

Zuletzt kamen der Wintergarten auf der einen und die Vorhalle mit dem

Treppenaufgange an der anderen Seite daran. Im Wintergarten hinter

den doppelten Scheiben wirkte Do. Sie schuf ein liebliches Wunder

aus Palmen, Grün und Blumen und dem Strahle des Springbrunnens, der

nun klingend über Kristall fiel. In der Vorhalle ließen Jockele und

Gwendolin schön geschnittene Säulen aus Lorbeer wachsen, und auf den

Trägern vor der Treppe glühte das Licht in Schalen aus buntgewürfeltem

Glas. Es war schön und heimelig -- beides.

Erich Meyer war der erste, der kam -- glücklich und unglücklich wie

stets im Leben. Vor dieser neuerschaffenen Welt verzagte ihm das Herz.

Zum Glück hatte Gwendolin seinen Schatten in der Dämmerung durch die

Gartenpforte huschen sehen; weil sie danach im Hause nichts von ihm

hörte, ward sie von einer Ahnung getrieben -- und wahrhaftig: da stand

Herr Meyer in der Vorhalle zwischen den Lorbeersäulen und den stillen

dunklen Bildern der Wände und den Glasschalen, die aussahen, als wären

sie mit leuchtenden Steinen gefüllt bis oben hin -- ja, da stand Erich

Meyer, hatte beide Hände auf sein goldenes Herz gepreßt und träumte, er

erlebe ein Märchen ... denn über den Hintergrund seiner Erinnerung zog

er selber mit Jockele dem Zigeuner.

»Na, Meyer!« sagte Gwendolin in ihrer lustigen Art.

»Ach, Fräulein Gwendolin, Fräulein Gwendolin ... kann ich denn da -- --«

»Natürlich können Sie! Kommen Sie nur.«

»Wie glücklich, daß ich gerade Sie hier treffe! Man ist doch gleich

viel mutiger.«

Dann saßen sie in dem Zimmer mit den braunen Ledersesseln -- Do, Jo,

Gwendolin und Erich Meyer -- und tranken Tee. Erich Meyer brauchte zwar

geraume Zeit, sich an dem Gedanken aufzurichten, daß diese lichten

frohen Menschen das Herz ansähen; dann aber beteuerte er: diese Stunde

wäre das tiefste Erlebnis in seinem Dasein. Das kam auch daher, weil

sie ihn alle drei gleich in Reparatur nahmen. »Wir wollen durchaus

einen richtigen jungen Mann aus Ihnen machen, Herr Meyer,« gestand

Gwendolin.

»O,« sagte er. Es klang dankbar und wehmütig.

Und Do dachte: die Zahl der Sturmschwalben unter den Menschen ist

nicht zu zählen -- der eine treibt's so, der andere anders -- aber

Sturmschwalben sind sie fast alle ... zu leicht zum Gleiten am Grund,

zum Fluge zu schwer, Sturmschwalben, wo nehmt ihr den Mut zum Leben her?

Gwendolin schoß Leuten gegenüber, wie Meyer, gern ein bißchen über das

Ziel. Sie konnte sich nicht helfen: sie fand ihn komisch. Und wenn sie

gleich jeden Satz mit »lieber Meyer« begann, so lag darin zwar ein

bißchen warmes Mitleid, aber der Spott schwamm oben darauf und deckte

das Mitgefühl zu.

Der Musikant war empfindsam, aber die Empfindlichkeit hatte er vor der

Welt verlernt; denn mit Spott begegneten ihm sogar Menschen, gegen die

er in jeder Beziehung ein bedeutendes Licht war. Wie eine Blume, die

im Schatten blüht, wandte er sich Do zu. Da merkte Gwendolin, daß sie

und auch Jockele in dieser Stunde nicht am rechten Platze wären, und

sie sagte: »Lieber Meyer, den Doktor und mich beurlauben Sie wohl für

heute; wir haben im Büchersaal noch alle Hände voll zu tun.« Damit

preßte ihn Gwendolin mit sanftem Druck in seinen Sitz zurück; denn der

arme Musikant schickte sich gleich in tiefer Betretenheit zur Flucht.

»Gnädige Frau, ist es wirklich wahr, daß ich gern bei Ihnen gesehen

bin?« fragte er, als er mit Do allein war.

»Ganz gewiß,« sagte sie in ihrer leuchtenden Art, »und nicht nur, weil

wir nebenan einen sehr schönen Blüthner stehen haben, für den wir drei

viel zu unmusikalisch sind.«

»O, wenn ich Ihnen mit meiner bescheidenen Begabung Freude machen

könnte ...«

»Ja, das können Sie,« lächelte Do. »Was meinen Sie zu einem kleinen

musikalischen Tee, immer an Donnerstagen von Fünf bis halb Sieben?«

Es fiel ein Sonnenregen über Erich Meyers Herz. Dann saß er draußen an

dem Blüthner, nur für zwei dankbare flüchtige Minuten -- da regnete es

immer weiter, und es war zu sehen und zu hören, welch selige Erquickung

diesen armen Menschen segnete. Er dachte, er wäre zu schlecht, der

schlanken lichten Frau die Hand zum Abschiede zu bieten. Da reichte sie

ihm alle beide und sonnte ihre Güte noch einmal über den Rausch seines

Glückes. Und dann stand draußen in der Vorhalle der Diener Fritz und

öffnete ihm die Haustür und hatte eine herrlich weiße Krawatte vor --

»So lange haben Sie auf mich gewartet?«

»O nein,« lächelte Fritz und machte eine tiefe Verbeugung vor dem armen

Musikanten. Der aber flog auf breiten Flügeln davon und flog in den

abenddunklen Park, in dem die Herbstnebel schwammen. Wunder Gottes,

Wunder Gottes, es wurde immer heller um ihn. Juhu! --

Wieder nach ein paar Tagen waren Haus und Herzen fertig. Da kam Tante

Veronika aus Ibenheim am Walde. Aber diesmal kam sie im Wagen, und Do,

Jockele und Gwendolin hatten sie am Bahnhof erwartet. Sie ging noch

immer an dem gleichen gelben Krückstock, und sie trug noch immer einen

Kapotthut mit veilchenfarbenen Bindebändern und trug die cremefarbenen

Handschuh. Und sie hatte den Umhang mit sanft flimmerndem Jett über den

Achseln, hatte noch die klaren Augen, und die weichen Wellen des Haars

um Stirn und Schläfen, und sie sah noch immer so schmuck und fein aus,

als hätte sie der liebe Gott aus seinen Sonntagshänden gerade erst auf

die Erde gesetzt. Ihre Seele tat einen Rundblick aus den blankgeputzten

Fensterlein unter der Stirn und erkannte: es ist alles gut. Aber

Do mußte ihr schon im Wagen gegenüber sitzen; denn die Do war ihres

Glückes Erfüllung. Und ihr mußte sie immer einmal aus dem heimeligsten

Winkel ihres Herzens zublinzeln; das hieß: »Wir zwei, wir haben ihn aus

dem Walde gezogen.«

So kamen sie heim. Erich Meyer war ein Fremdling in diesem Hause

gewesen -- Tante Veronika paßte allenthalben: wie eine blühende Pflanze

auf den Geburtstagstisch oder an das helle Fenster. Aber als sie durch

die schönen ruhevollen Zimmer geschritten war, in der die Jugend einer

anderen Zeit mit so viel Klugheit und Hingebung gewaltet hatte, da war

ihr doch: der liebe Gott stünde an der letzten Türe, lachte sie aus

seinen Himmelsaugen an und reichte ihr einen schönen Strauß aus gelben

Rosen, die sie vor allen liebte; und sie machte ihm einen respektvollen

Knicks. Dann aber preßte sie Do gleich ihr liebes gerührtes Gesicht ans

Herz --: »O, laßt mich nur weinen; gäbe es denn ein reineres Glück, als

in Freude zu weinen über seine Kinder?«

So waren sie durch innige und frohe Stunden beieinander, diese

drei Menschen, von denen Henrik Tofte gesagt haben würde: »Es ist

unheimlich, an ihnen der Besinnlichkeit des Schicksal nachzuspüren, das

man gemeinhin gedankenlos nennt.«

Daran dachten sie und belustigten sich über die Maßen, denn es lag

auf dem weiten klaren Wege, von der Schwelle des Zigeunerfindlings

an bis zu dieser Stunde, nichts, als was von tüchtigem und klugem

Menschenwillen an seine Stelle geleitet worden war.

Tante Veronika blieb drei Tage, blieb genau so lange, daß sie sagen

konnte: »Nun hab ich auch diesem Abschnitt eures Lebens kennengelernt,

und es ist mir, als wäre ich stets um euch gewesen.« Gleich an dem

Abend, an dem sie wieder in ihrem Ibenheimer Stübchen saß, geleitete

Mali den Herrn Peter Squenz herein, den früheren Gemeindevorsteher, der

nun ein sehr alter Mann geworden war; denn Herr Peter Squenz verlebte

seine Ruhejahre in dem »Wunder«, das an dem kleinen Zigeunerjungen

geschah. Er sagte, es wäre unausstaunlich -- hätte er denn sonst seine

schwarze Schirmmütze in der Hand behalten, während er mit dem Doktor

Sinsheimer gesprochen, als sie damals alle nach Bonn reisten? Tante

Veronika und Herr Peter Squenz waren gute Freunde geworden, o ja, aber

vor seinem Wunderglauben funkelte sich die alte Dame in einen lustigen

Spott.

Doch Herr Peter Squenz war nicht der einzige, der sich an dem Märchen

ergötzte, das sich da durch die nüchterne Gegenwart lebte. Es waren

noch die hundert Leute um ihn her, die der Tante Veronika vor etlichen

zwanzig Jahren hatten weismachen wollen: wenn der kleine Zigeuner erst

mal ein großer Zigeuner geworden, dann würde er im Walde von Ibenheim

ein Räubergeschäft aufmachen!

Und da war auch noch das Zinzilein im Forsthause weit draußen vorm

Berge der Frau Venus. Das Zinzilein hatte dem Jockele an seinem ersten

Lebenstage das samtige Fellchen auf seinem Kopfe gebürstet und den

kleinen Menschen im Puppenwagen spazierenfahren wollen. Nun war eine

blonde hüftenfeste Frau Försterin daraus geworden, die selber ein

ganzes Haus voll lebendiger Puppen hatte. Daneben hätschelte sie die

liebe Frage: ob der Jockele mit seiner lichten Frau Do wohl einmal

leibhaftig in ihr sehnsüchtiges Herz scheinen würde? O, das gäbe für

dies Herz und seine Waldeinsamkeit einen großen Tag!

Und da waren noch andere, die mit ihren Gedanken die hochgemuten

Menschen suchten, die sich unter den alten Bäumen am Horn so wegsicher

vorwärtslebten ins Leben; denn Jockeles »Mädchenzeit« kannten sie

nun alle. Und in ihrer Geschäftigkeit dichteten sie das kleine rote

Jockelebuch auf eigene Faust weiter zu einem dickleibigen Lexikon;

denn sie wußten ganz genau: es wäre ihnen in dem kleinen Buche

aus triftigen Gründen manches verschwiegen worden, und just das

wäre das Interessanteste. Was darüber hinaus passierte, wollten

sie nun auch wissen; denn sie meinten, das wäre genau so bunt und

springlebendig und schmeckte so nach Champagner wie die Geschichten

aus dem Pflaumenwinkel. Deshalb war der Stufensteig, der vom Horn an

Goethes Gartenhaus vorüber hinabführt in den Park, seit dem Tage ein

heftig gesuchter Spaziergang für die Weimaraner, an dem es ruchbar

wurde, Sinsheimers wären wieder im Lande. Die Gymnasiasten, die am

Zaune vorübergingen, hinter dem der Jockele dem geheimnisvollen

Augenaufschlag seiner Dichterseele zuschaute, erzählten sich von ihm

und sagten: »Es ist eine großartige Sache!« Und damit fanden sie genau

die gleichen Worte, die dem Zinzilein vor dreiundzwanzig Jahren aus

seinem kleinen Munde gestolpert waren, als es dem Herrn Peter Squenz

berichten sollte: droben bei der Tante Veronika wäre ein kleiner

Jockele angekommen.

Etliche von diesen vielen waren in der sehr freundlichen Lage, die

Geschichte mitzuerleben, die sie »Jockele und seine Frau« nannten,

schon lange bevor sie aufgeschrieben wurde. Es war aber nicht ganz

leicht, in diese freundliche Lage zu kommen. Man durfte nun nicht mehr

durch die Türen fahren wie vor ein paar Jahren im Pflaumenwinkel --

nein, denn schon die eiserne Gartenpforte war verschlossen. Das deutete

weder auf einsiedlerische noch auf menschenfeindliche Neigungen,

sondern es hing mit jenem Augenaufschlag der Dichterseele zusammen. Das

schien ein äußerst geheimnisreicher Vorgang zu sein. Ja.

Hinwiederum gab es Abende, da strömte das Licht in goldenen Strömen

bei Sinsheimers aus allen Fenstern, da sausten die Wagen durch die

herbststille Baumstraße, da kamen elegante Herren und funkelnde Damen;

denn es war bei Sinsheimers angeregt, klug, heimelig, und es blühte da

eine Art, die sich nicht nachmachen ließ, weil sie außerhalb dieses

Hauses eben nicht wuchs. Das war das Werk Dos. Und die blonde Frau Do

war der helle Stern, der in jenen Tagen über dem Herzen Deutschland

aufging. Sie war leuchtend, innig und schön. Aber verführerisch schön

war Gwendolin. So standen sie nebeneinander: fröhliche Geistigkeit

die eine, beseelte Sinnenfreude die andere. Die eine sonnig von Augen

und Antlitz wie Märzhimmel -- und sie konnte auch so kühl sein,

wenn sie merkte, sie begegnete leerer Neugier --, die andere bald

von träumerischer Melancholie, bald ein lachendes leichtgeschürztes

Mädchen. Die eine liebte die geistreiche Unterhaltung, die andere

wich einem galanten Flirt nicht aus; aber auch wo sie nur schelmische

Zuschauerin war, begegnete sie sich mit Do und Jockele in dem Wunsch,

einen Kreis erlesener Freunde um sich zu sammeln. Der blonde Graf

Metting nannte das: »Frau Dos graziöse Kunst geistiger Geselligkeit.«

Aber als wüßte er, daß er diesen Forderungen nicht allenthalben

standhalten konnte, war er besorgt, sich durch seine frohe Laune

unentbehrlich zu machen. Er war es auch, der für Gwendolin den Namen

»Herzogin von Urbino« erfand. Die war die Freundin jener Isabella

d'Este, die man in den Salons der Renaissance »+la prima donna del

mondo+« genannt hatte. Und so machte Graf Metting in diesem Namen auch

vor Frau Do eine ritterliche Verbeugung, mochte er nun für Gwendolin

ganz passen oder nicht -- was lag ihm daran? Da legte die neue Herzogin

von Urbino den Finger längs der Nase -- von der träumerischen

Melancholie, die sie aus dem Fjord mitgebracht hatte, war dabei nichts

zu merken -- und taufte ihn Fra Mariano. »Man ist hier unheimlich

gescheit,« sagte Metting, »denn man ist noch gescheiter als ich!« Damit

rettete er für sich die Lage, und Gwendolin erklärte ihm: erstens wäre

Fra Mariano der bestgelaunte und schlagfertigste Gesell am Hofe Leos

des Zehnten gewesen, und zweitens hätte er niemals Damengesellschaft

gesucht ... also passe dieser Name für ihn in jeder Hinsicht.

Abneigung gegen Damengesellschaft -- es war kostbar! Und bei dem »Fra

Mariano« blieb es.

So war auch der Scherz artig und funkelnd. Und dennoch: Fra Mariano

hatte seine liebe Not; da war nämlich noch der Schlachtenmaler Richard

Schaffrath, ein stolzer ritterlicher junger Mann mit dunklem Vollbart

und nachdenklichen Augen. Wie Frau Do war er kein Freund lärmender

Feste. Er war in sich gekehrt, in allen Dingen das Gegenstück zu

dem Grafen Metting. Anderswo spielte er gern den philosophischen

Eckensteher; in diesem Hause gab's dazu keine Gelegenheit. Man

beachtete ihn hier sehr, und er erschien allen in gleicher Weise

anziehend. Und da war drittens noch Henrik Tofte -- er war zwar nicht

leibhaftig anwesend, aber: die Welt ist eine Nußschale; und so dauerte

es gar nicht lange, da hatte Fra Mariano das große Licht entdeckt,

das im Lande der Mitternachtssonne um das größere Gwendolins gekreist

hatte. Natürlich war daran Kordula Gunkel schuld, die ihre Berichte von

römischen Schlendertagen an Weimarer Freundinnen sandte.

Der Schlachtenmaler aber nannte Gwendolin »Flämmlein«; zuerst nur in

den Erwägungen, die er wegen ihrer Wildrosenschönheit mit sich selber

anstellte; dann auch vor den anderen.

So war jedes Zusammensein farbig und abwechslungsreich, und Frau

Do bildete die reizvolle Vermittlung zwischen den Menschen von

verschiedenster Art, die sich in ihrem Hause fanden.

Als im Februar -- in Rücksicht auf das große Frühsommerereignis

-- die Gesellschaftsabende aufhörten, war die Welt für viele um

ihren lieblichsten Glanz gekommen. »Was machen wir nun?« fragte Fra

Mariano Gwendolin verzweifelt, als er ihr im Park begegnete. -- »Wir

arbeiten und halten Einkehr,« sagte sie; denn sie wußte, das waren

zwei Dinge, mit denen sich Graf Metting sein Lebtag nicht gern befaßt

hatte. Er gehörte auch nicht zu jenen, die an den Donnerstagen zu dem

musikalischem Tee geladen waren. Dazu versammelten sich nur wenige,

nur die Intimen des Hauses. Vor allen: der Literaturprofessor Salzer,

ein älterer Herr mit grauem Vollbart und einer Hornbrille mit großen

Rundgläsern. Er galt als Sonderling. Von ihm stammte das Wort: »Um

von den Menschen dieser Zeit als Sonderling verrufen zu werden, dazu

gehört weiter nichts als Natürlichkeit.« Er hatte viele tüchtige

literarische Werke verfaßt, um die sich sein Zeitalter nicht kümmerte.

Nur ein einziges Mal hatte er die nähere Umwelt in Erregung versetzt.

Wenn er arbeitete -- und das tat er in der Regel -- war er nämlich

sehr empfindlich gegen jedes Geräusch. Er hatte in allen bewohnbaren

Einsamkeiten in und vor der Stadt sein Nest gebaut, aber stets war für

ihn etwas zu wünschen geblieben, was er sich unmöglich versagen konnte.

Vor allem liebte er des Tags einmal eine reich besetzte und vornehm

ausgestattete Tafel; dazu ein Glas erlesenen Weins, den er aber nur bei

der Mahlzeit trank. Er war ein wohlhabender Mann, und dennoch drohte an

der Wohnungsfrage das Glück seines einspännigen Lebens zu zerschellen.

Endlich machte er im Turme der Hofkirche zwei Stübchen ausfindig. Er

mußte dahin einhundertneununddreißig Stufen emporklettern. Doch --

das verschlug ihm nichts. Mit Hilfe der Großherzogin errang er die

Wohnung im Turm, lebte seit Jahren hoch über allem Dasein und pries

sich als den Glücklichsten der Menschen. Wahrscheinlich hatte er

recht. Frau Do war seine himmlische Liebe. Man sah ihn an Donnerstagen

immer zur gleichen Minute über die Sternbrücke schreiten, wo er in den

kleinen Steig nach dem Horn einbog, und immer hatte er einen Strauß

der schönsten Blumen in der Hand; denn Frau Do war seine himmlische

Liebe! Vielleicht war es die einzige Herzensangelegenheit, mit der er

sich in seinem Leben befaßt hatte. Und gerade damit stand er nun nicht

allein. Aber das war damals noch nicht zu ahnen. Im Haus am Horn hieß

er der Kürze halber »die Würze des Lebens«. Man verschwieg ihm das

ebensowenig, wie er aus seiner himmlischen Liebe ein Hehl machte. Sein

Name Salzer spielte dabei nur die Rolle des Zufalls; denn man hörte,

sann und freute sich an ihm die kargste Stunde in helles Licht. Ohne

den Professor war das Haus am Horn nicht mehr zu denken. Er kam, wenn

er wollte, und war blank wie die Tante Veronika. So war er auch nach

dieser Seite hin ein einziger seiner Art.

Außer ihm waren der Schlachtenmaler Richard Schaffrath und der Musikant

Erich Meyer da. An Schaffrath schätzte er die gesammelte Kraft, an

Erich Meyer die Bescheidenheit und Entwicklungsfähigkeit; denn Meyer

-- oho, wie war dieses Blümlein Wegwart über Winter aufgeblüht! Die

Wandlung ging so weit, daß er selbst den klingenden Namen Meyer

verloren hatte. Er hieß nun Cornelius, Peter Cornelius. Das hatte der

Professor erfunden. Erich Meyer mit dem stracken Blondhaar und dem

gut modellierten Profil sah auch geradeso aus wie der Komponist des

»Barbiers von Bagdad«. Auch seine Kunst ging auf den gleichen Bahnen.

So flogen die zwei Stunden der Donnerstage rasch und tiefbeseelt

vorüber und blieben freudig ersehnt von allen. Es wurde dabei vom

gesamten schöngeistigen Erleben der Welt gesprochen; und es lag auch

ganz in der Art dieser Menschen, von ihren eigenen Wegen zu reden. Nur

über Jockeles aufgehendes Lebensziel wurde geschwiegen. Davon wußten

für lange, lange bloß Do und Gwendolin. Aber der Same, den Do in jener

jungen Zeit ahnungslos ausgestreut hatte, in der dem Jockele das Hirn

brauste vor den Fragen: »was wissen Sie von Goethe, Schiller, Wieland,

Wildenbruch?« dieser Same hatte ohn' Unterlaß gekeimt und Wurzel

gefaßt. Das erkannten sie nun und wußten: damals war er gesäet worden,

als Do dem Zigeuner Jockele die deutsche Literatur an einem Bindfädlein

zum Fenster im Pflaumenwinkel herabgelassen hatte! Und vor dieser

Erkenntnis legte der Doktor eines Abends seiner Frau den Arm um den

Nacken und sagte zu ihr: »Was hab' ich denn nun, das mir nicht von dir

gekommen wäre, du mein lieber Segen?«

Es wuchs vieles aus den sicheren Händen Dos -- von Jockele gar nicht

zu reden; denn der war sozusagen der nächste dazu. Bei dem sanften

Erich war es zum mindesten kein Wunder, daß in ihrer schönen Sonne aus

der Raupe ein Schmetterling, aus dem Meyer ein Cornelius wurde. In die

vorweihnachtlichen Gesellschaften aber hatte er sich nur getraut, wenn

ihm Do unweigerlich erklärte, daß er unabkömmlich sei. Das lag teils

an seiner Außenseitigkeit, teils an seiner Außenseite. Deshalb gab

ihm Do die Erklärung im Wintergarten, wo sie beide allein waren. Und

eines Tages bekam er vom ersten Schneider der Stadt einen Brief; darin

wurde er gebeten, sich Maß nehmen zu lassen zu zwei neuen Anzügen. Doch

diese Einkleidung mußte mit einem großen Aufgebot von List vorgenommen

werden: es wären Rester, erzählte ihm der Schneider. Das versöhnte den

bescheidensten der Musikanten, langte aber nicht. Da mußte weiter

gelogen werden: der Schneider habe ihn einmal Klavier spielen hören

und darüber den Entschluß gefaßt. Das rührte den armen Menschen so,

daß er den nächsten Donnerstag nicht erwartete, sondern gleich am

Sonnabend aus dem Himmel seines Glücks in Dos Wintergarten fiel und

es ihr als ein tiefes Geheimnis offenbarte. Do freute sich mit ihm.

Und da sie gerade um die Pflanzen beschäftigt war, gelang ihr auch das

nötige Aufgebot von Ahnungslosigkeit. »Nun passen Sie nicht mehr in die

schiefe Dachkammer, Cornelius,« sagte sie.

»O, ich träume von einem Haus zum Alleinbewohnen,« scherzte er.

»Und ich von einem Stutzflügel für Sie,« sagte Do.

Da sank Cornelius in den Rohrstuhl ...

»Nun ja, ich denke, Sie wollen eine Oper komponieren?«

»Das tu ich ja schon, teure gnädige Frau! In meiner Kammer schreib

ich's auf und am anderen Morgen geh' ich in den Erlkönig ...«

»In den Erlkönig?«

»Ja. Das ist ein Gasthaus da drüben in der Nähe der Ilm, da haben sie

ein Klavier ...«

So fand sich nun dieser Erich Meyer mit dem Leben ab!

»Und Ihre Villa?« fragte Do.

»Ach, da ist doch das kleine Dienerhaus im Apfelgarten, wissen Sie,

wo Jockele mit der Husch den armen Heinrich aufgeführt hat und mit

Felidora Geburtstag feierte« -- Cornelius war wirklich sehr lustig --

»und wohin Fräulein Gwendolin den Teekessel geschickt hat ... gnädige

Frau, gnädige Frau,« sagte er mit geheimnisreichem Gesicht, »ich

glaube, in dem kleinen Haus steht ein großes Sprungbrett ins Leben!«

Ein paar Tage später zog Peter Cornelius in den Apfelgarten; denn Do

machte ihm weis, das Wohnen dort wäre nicht nur nicht teurer als in der

Dachkammer, sondern es kostete gar nichts. Es gehörte auch dazu wieder

List; denn Meyer durfte es anders nicht erfahren. Dahinein kam auch der

Stutzflügel aus Bonn, an dem Do im Flügelkleide geübt hatte. Erichs

Glück war vollkommen. Er las um diese Zeit häufig und sehr nachdenklich

den »Ring des Polykrates«.

Auf einmal ward er drei Tage nicht in der Welt gesehen, obwohl er doch

nun ein vornehmer Herr geworden war. Er erklärte sich diese drei Tage

lang für den unglücklichsten Narren und hätte sich am liebsten sein

undankbares Herz ausgerissen. Warum denn? Ach, er hatte da neulich

im Wintergarten der Frau Do alle blutjungen Streiche an den Fingern

hergezählt, die dem Jockele in dem kleinen Hause gelungen waren! Und

das hatte dieser Erich Meyer fertiggebracht in dem Augenblick, in dem

ihm Do den Stutzflügel verhieß! Nun kam er sich vor wie --

Auf einmal donnerte es heftig an die braune Tür. Fra Mariano trat

herein. »Sie, Cornelius, was wissen Sie denn von Gwendolin und Richard

Schaffrath?«

»Hm. Eigentlich weiter nichts, als daß sie gewissermaßen mit Henrik

Tofte verlobt ist.«

Diese Antwort war zusammenfassend. Sie wirkte wie Öl aufs Feuer. »Die

Gwendolin hat sich wohl unsichtbar gemacht, was?«

»Es ist nicht ihre Art,« sagte Meyer. Graf Metting hatte ihn immer ein

wenig verspottet. Warum fand er sich nun in das kleine Haus? Er kam zu

keiner glücklichen Stunde. Erich Meyer war aufgewühlt bis auf den Grund.

»Ich -- nun ich habe die Absicht, mich mit Fräulein Gwendolin zu

verloben,« sagte Fra Mariano.

»Wär' es nicht besser, Sie sagten ihr das selber?«

»Dazu brauche ich Sie natürlich nicht,« fuhr ihn Metting an, »aber Sie

können doch zum Beispiel hier mal vierhändig spielen.«

»Na, davon hätten Sie auch nicht sehr viel.«

»Aber wenn ich dazu käme, teuerster Meyer, und Sie hätten gerade zum

Beispiel eine Klavierstunde in der Stadt zu geben nach dem Spiel zu

vier Händen ...«

»Ach, fällt mir ja gar nicht ein! Ich geh' überhaupt nicht mehr aus dem

Hause, verstehen Sie wohl?«

»Nein,« sagte Metting und griff nach seinem Hut, »Frau Do geht nicht

mehr aus dem Hause, Gwendolin geht nicht mehr aus dem Hause, Jockele

nicht und Erich Meyer auch nicht -- zum Donnerwetter, wollen Sie denn

alle Kinder kriegen?« Fra Mariano schlug die Tür hart ins Schloß und

stapfte zwischen Tag und Dunkel die Kastanienallee entlang.

Er hatte dreimal vergeblich bei Doktor Sinsheimer vorgesprochen. Nun

ging er zum vierten Male hin. Da wurde er von Jockele mit weitoffener

Fröhlichkeit empfangen: sie wären über köstlichem Schaffen, Gwendolin

male den Vorfrühling von allen Seiten, seit vierzehn Tagen wäre sie in

Ibenheim bei Tante Veronika ...

Nein, es war kein Schatten Falschheit in diesem Lichte, das aus Jockele

schien. Aber eine halbe Stunde später kam Gwendolin aus Ibenheim, und

Fra Mariano fuhr gleich am nächsten Morgen hin. Fünf Tage später traf

ein Brief von Tante Veronika ein; darin stand: es wäre seit einigen

Tagen ein feiner junger Mann ums Haus gestreift, heute habe er sich ein

Herz gefaßt und nach Gwendolin gefragt ... er heiße Graf Metting.

Es war eine Pflicht, die die aufmerksame Tante Veronika erfüllte.

Jockele und Do lasen diesen Brief mit großer Heiterkeit und schickten

ihn durch Fritz hinauf zu Gwendolin. Als die aus ihrem Zimmer

herunterkam, waren Professor Salzer und Erich Meyer schon da. Meyer

berichtete von seinem Zusammenstoß mit Fra Mariano. Deshalb waren sie

so ausgelassen lustig. Gwendolin aber hatte ihre melancholische Stunde.

Sie lachte nicht, sondern sah Do mit ernsten Augen an und fragte:

»Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«

Der Winter mit seiner feinen Geselligkeit hatte in ihr einen mächtigen

Wandel vollbracht. Wenn sie allein war und nachdenklich und wohl auch

ein bißchen traurig, sah sie nun der Herzogin von Urbino viel ähnlicher

als dem Flämmlein. Dies andere Leben hatte ihr wohlgetan. Sie sehnte

sich mit heißem Herzen aus ihrem sorglosen »Junggesellentume« heraus.

Da stand Dos und Jockeles großes Glück, da stand die lautere, geregelte

und kluge Art dieses Hauses, da war ... es waren da tausend Dinge, die

ließen ihr nun keine Ruhe.

Es war von ihnen nicht mehr über Herzensangelegenheiten gesprochen

worden seit jenem Tage im Fjord, der sich so grauenvoll über ihre

Sonnenseelen gelegt hatte. Mit keinem Worte. Do liebte es nicht, bei

jeder Gelegenheit Verbindungen zu erwägen. Sie hatte in solchen Dingen

auch keinen Rat gewünscht, sondern hatte das mit ihrem Herzen und ihrer

Klugheit ausgemacht. Und damals, auf dem Uferwege am Skjold, hatte

sie mit Nachdruck ein Punktum dahintergesetzt, indem sie zu Gwendolin

sagte: »Ich weiß kein Mädchen, das umworben ist wie du. Aber du kommst

nicht dazu, deinem Herzen eine Aufgabe zu stellen.«

»Ich werde mich daraufhin einmal ansehen,« hatte Gwendolin geantwortet

und: »Die Ehe ist eine verdammte Kunst.« Nun sagte sie: »Ich wäre euch

dankbar, wenn wir heute statt des musikalischen Tees einen Familienrat

hielten.« Sie setzte sich in den Ledersessel und dachte, sie hätte ein

gefaßtes Herz. »Ich sehe, daß ihr auf meine Kosten vergnügt seid.«

»Auf Kosten Fra Marianos,« sagte Jockele. Professor Salzer lächelte so

in sich hinein; er hatte für Graf Metting nie viel übrig gehabt.

»Das kommt auf eins heraus. Wie steht es mit mir? Es steht so: Ehemals

habe ich meine Freiheit und Selbständigkeit sehr hoch bewertet -- etwa

wie ein reicher Mann seine Millionen; denn ich habe zu mir gesagt:

dafür erstehe ich mir die halbe Welt. Dann kamt ihr und ließet mich

mit euch ziehen. Ich bat euch damals halb wehmütig, halb lustig: eine

schiefe Kammer werdet ihr in eurem großen Hause für Gwendolin, die

Heimatlose, haben. Nun aber weiß ich: ich war in jener Stunde zum

erstenmal ahnungslos. Ihr seid so lieb zu mir gewesen, und ihr habt

das Leben angepackt mit euren guten und reichen Herzen, wie es mir

nicht im Traume eingefallen wäre -- das Leben und mich selbst. Und nun

steh' ich vor euch mit leeren Händen und habe nachdenkliche Stunden. O,

manchmal bin ich sehr traurig: darf das denn so weitergehen aus einem

Jahr ins andere?« Da merkten sie, daß sich Gwendolins Herz auflehnte

gegen sich selber und daß ihre Stimme zitterte. »Ach nein, liebe Do,

spare dir deine Worte! Wie es in euch aussieht, das weiß ich. Aber

jetzt kommt's wieder einmal auf mich an -- endlich!« rief sie. »Mein

Reichtum von einst -- meine Freiheit -- ist vertan. Ich mag ihn nicht

wiedererwerben. Ihr habt mich ein Leben gelehrt, das ist schöner

und beseelter ... Ich bin kein Kindskopf. Deshalb hab ich mir nicht

geschworen: dies Leben mach' ich euch in allen Stücken nach; aber ich

habe mir gelobt: in meiner Art will ich euch ähnlich werden. Nun kommt

Graf Metting und sagt, er liebt mich. Ist das nicht der Augenblick, in

dem ich meinem Herzen die Aufgabe zu stellen habe? Liebe Schwester Do,

was soll ich denn nun tun?«

Nach Gwendolins langer Rede mußte diese Frage kommen. Sie war peinlich

-- nichts als »ungeheuer interessant« war sie nur für Cornelius. Da

meldete der Diener Herrn Richard Schaffrath, den Schlachtenmaler. Der

hatte wichtigen Atelierbesuch gehabt ...

Atelierbesuch? Ja. Nur: wie dieser Atelierbesuch ausgesehen hatte, das

war nicht zu ahnen; denn der Maler, der nach fast den gleichen Maßen

erbaut war wie Henrik Tofte, kam wirklich recht besuchsmäßig daher,

feierlich und ungewöhnlich vorschriftsmäßig in Anzug und Behaben. Und

so war seiner Aufmachung nicht anzusehen, daß er daheim im Malraum

zwei Stunden lang einen Kampf ausgefochten hatte mit einem Menschen,

der genau so groß und kräftig war wie er, der über genau einen so

cholerischen Zorn verfügte wie er, und der gar noch Richard Schaffrath

hieß! Nun kam dieser Herr so geruhig und blank gebürstet daher und

sah aus, als wäre noch niemals ein Sturm durch ihn gefahren. Aber bis

vor einer halben Stunde hatte er auf seinen Gegner einen heißen Zorn

niedergehen lassen -- just als hieße dieser Graf Metting und hätte

einen Eid geschworen, dem Maler Schaffrath bei der schönen, schlanken,

heißen und klugen Gwendolin den Rang abzulaufen. »Siehst du, das kommt

nun von deiner wortkargen Art! Jetzt hat sich der Windhund ihr ans Herz

geschmeichelt ...« und so weiter -- aber solche häßlichen Gedanken

waren ihm nicht mehr anzumerken. Sondern er trat mit einer sehr

höflichen Verbeugung zu Frau Do und rettete sich die Verzeihung für

sein Zuspätkommen. Gwendolin aber wartete noch auf Dos Antwort. Und so

schlug sie in ihrer bangen Ungeduld eine Brücke ... »Wir spielen heut

ein anderes Instrument, Herr Schaffrath,« sagte sie, »aber Sie dürfen

zuhören.«

»Ah, ein neues Instrument?« -- »Ja ... meine verstimmte Seele,« sagte

sie, »sie ist erstaunlich in Unordnung geraten ... Nun, liebe Schwester

Do?«

»Du sollst deine Beziehungen zu Metting abbrechen; denn in diesem

Falle wäre die Aufgabe, die du deinem Herzen zu stellen hättest, zu

groß. Gwendolin, du stehst mit deinen herrlichen Gaben viel zu weit

fort von ihm, und du würdest in diesem blitzenden, aber flachen Wasser

verdürsten.«

Gwendolin schwieg. Sie schwiegen alle. Und sie sahen, es hing eine

verräterische Träne an ihrer dunklen Wimper.

»Do, ich wußte: so mußtest du antworten. Und dennoch hab' ich dich

gefragt. Soll ich dir nun an den Fingern herzählen, was ich damit

aufgebe?«

»Nein,« sagte Do, »das wissen wir. Aber ich will dir nennen, was du dir

ersparst: die trostlose Mühe, die Kunst einer solchen Ehe zu erlernen.

Fürchte dich davor, Gwendolin, fürchte dich vor der Reue ohne Ende!«

Da ging Gwendolin in ihre Zimmer und warf sich auf ihr Bett und weinte.

Die anderen saßen im Wintergarten noch lange beisammen. Schaffrath war

noch schweigsamer als sonst. Jockele allein schupfte die Schultern. Er

konnte zum erstenmal nicht ganz mit Do übereinstimmen. »Nun, es ist

ja nicht das letzte Wort,« sagte sie, »Gwendolin wird ihre freudige

Klarheit wiederfinden und mit sich selbst zu Rate gehen.«

»Ja,« sagte Jockele, »und es ist gut so. Es kommt mir vor, als

entschieden wir ein bißchen selbstherrlich -- schließlich: Fra Mariano

bewirbt sich doch nicht um jeden von uns, sondern um Gwendolin.«

Danach ging Do zu ihr. Cornelius blieb am Flügel und träumte

wunderliche Fantasien. Jakobus, Salzer und Schaffrath begaben sich

in das Rauchzimmer. Der Doktor schickte seine Gedanken den blauen

Ringen nach. »Die Sache ist qualvoller für uns als Sie denken, lieber

Schaffrath,« sagte er. »Und was halten Sie davon, Professor?«

»Je nun, es überfällt Sie ja nicht,« antwortete er. Es war nicht ohne

Spott.

»Eigentlich nicht,« sagte Jockele, »wir haben es gefürchtet. Aber Do

will es durchaus nicht zum äußersten kommen lassen. Wenn Metting erst

um Gwendolin wirbt, wird sie ihn nicht abweisen -- verlassen Sie sich

darauf, und dann ist das Unglück fertig! Es ist nicht zu glauben, wie

erstaunlich die Unordnung ist, in die sie geraten. Bedenken Sie doch:

dies kluge und aufrechte Mädel!«

Hm. Es war wirklich eine höchst unangenehme Geschichte.

Schaffrath konnte sehr undurchsichtig sein; er war es heute doppelt.

Jockele ärgerte sich darüber und sagte: »Richard Schaffrath, Sie sehen

aus wie ein Bräutigam auf dem Wege von der Kirchtür zum Altar.«

»Wie sieht denn der aus?«

»Versteinert.«

Der Professor prüfte ihn daraufhin. Seit die Herren unter sich waren,

zuckte es ihm unausgesetzt um die Lippen wie Spott und Schadenfreude

... »Und Sie, Professor,« sagte Jockele, »Sie sehen aus, als sezierten

Sie ein Drama von Maeterlinck.«

»O nein,« sagte er, »mein Vergnügen ist viel größer.«

»Es wäre besser, Sie machten sich um uns ein bißchen nützlich,«

scherzte Jockele, aber er sprach nicht ohne Bitterkeit. Der

Schlachtenmaler schritt indes auf dem Teppich hin und her wie ein Löwe

im Käfig. Der Lösung seiner schwierigen Frage kam er nicht näher. Und

die Augen Salzers liefen funkelnd hinter ihm drein. Endlich lehnte

der Professor sich in seinen Stuhl zurück, faltete die Hände über der

Uhrkette und verfiel in ein ungeheueres Lachen. Jockele stand hilflos

am Tisch, Salzer lachte in einemfort, und Schaffrath tat, als wäre

dieser Ausbruch des Vergnügens eine Selbstverständlichkeit: er kümmerte

sich nicht darum.

»Zum Teufel,« rief Jockele, »was soll denn das heißen?«

»Großartig, ach großartig! Es ist eine Komödie! Doktor, muten Sie

mir denn zu, daß ich in einer Komödie sitze wie ein Ölgötze? Der

Schlachtenmaler, hurrjeh, der Schlachtenmaler hat nämlich den Brief im

Sack, mit dem er sich um Gwendolin bewirbt! Hahahahaha.«

»Und das nennen Sie Komödie?« platzte Jockele heraus. »Herr, das ist

eine Tragikomödie!«

»Gibt es nicht,« sagte der Professor. »Eine Geschichte endet mit

unglücklichem Ausgang und ist eine Tragödie. Oder sie endet mit

vergnüglichem Ausgang, dann ist sie eine Komödie. Oder wollen Sie etwa

den Mut aufbringen, einen Stoff zu gleicher Zeit aus einem ernsten und

aus einem lustigen Gesichtswinkel zu betrachten? Bedenken Sie doch bloß

den Unsinn: ein heiteres Trauerspiel, oder ein trauriges Lustspiel! Mit

der Bezeichnung Tragikomödie hat Plautus ursprünglich einen Scherz ...«

»Himmeldonnerwetter!« schrie der Doktor, »ist denn die Welt aus den

Fugen? Und was gehen uns augenblicklich Plautussen seine Witze an?«

»Dieses aber ist eine Komödie,« dozierte der Professor weiter; »denn

warum? Ich betrachte sie aus dem vergnügten Gesichtswinkel des Weisen

mit der himmlischen Liebe.« Salzer hatte heimlich auf den Klingelknopf

gedrückt, der Diener trat herein. »Fritz, bringen Sie eine Flasche

Johannisberger Schloßberg 1878,« befahl der Professor. Und Richard

Schaffrath ging hin und her, als ginge ihn alles Lebendige nichts an.

Dann aber setzte ihn Salzer neben sich an den Tisch, und sie tranken

Johannisberger Schloßberg. Da fand der Schlachtenmaler seine Sprache

wieder, und mit Gwendolins Worten sagte er: »Liebe Schwester Do, was

soll ich denn nun tun?«

»Mir scheint allerdings, als wäre das eine Sache für Frauen,« sagte

Jockele ratlos.

»Je,« wunderte sich der Professor, »als Sie noch ›Jockele und die

Mädchen‹ spielten, sind Sie nach allem, was man weiß, beherzter

gewesen.«

»Ja,« bekannte Jockele und verfärbte sich in blutrotem Erinnern, »aber

die Gwendolin kann einen mörderlich aufsitzen lassen!«

Darüber fiel der Schlachtenmaler vollends ins Dasein zurück. »Es ist

eine peinliche Sache.«

»Ach wo!« sagte der Professor, »sehen Sie, meine Herren, so denk' ich

mir das Spiel zwischen schönen Mädchen immer; denn an einem schönen

Mädchen hängen die Augen vieler; und die schönen Mädel -- na, ich

weiß nicht, ob die nur immer so geradeaus gucken! Wissen Sie, was

ich machen würde? Ich riefe den Diener Fritz und ließe der Gwendolin

mein Bewerbungsschreiben um die freigewordene Wohnung augenblicklich

überbringen.«

»Ich aber werde den Diener Fritz rufen und augenblicklich meine Koffer

packen lassen,« sagte Jockele.

»Doktor,« gebot Salzer, »machen Sie keine Späße!«

»Wollen Sie die Gwendolin denn ganz zerreißen?«

»Nun, es ist eine Gewaltkur,« sagte der Professor. »Vor reichlich drei

Wochen haben wir uns die Sache in meiner Turmstube ausgedacht. Aber

-- ist denn der steinerne Ritter Schaffrath zu einem Worte zu bewegen

gewesen?«

»Die Würze des Lebens ist in solchen Dingen ahnungslos wie der

Sommerhimmel,« sagte Schaffrath.

»Warum sind Sie denn dann zu mir gekommen? Und was hab' ich Ihnen

gesagt? Schämen Sie sich, Schaffrath, so ein großer, schöner, tüchtiger

Mensch ...«

»Als ob's bei den Mädchen darauf ankäme!« lächelte Schaffrath bitter,

»hieß es nicht, Gwendolin hätte sich versprochen mit Henrik Tofte? Hieß

es nicht, sie wäre heimlich verlobt mit dem Grafen Metting? Wollen Sie

mich denn vor Gwendolin und der Welt zum Narren machen, indem Sie --«

»... mich auf das zwiefach verhürdete Schäflein loslassen!« vollendete

der Professor die Rede des Schlachtenmalers. Er konnte sich nicht

helfen -- für ihn war dieser Zusammenstoß der Ereignisse ein Quell

erschütternder Heiterkeit. »Ich begreife nicht, warum Sie nicht lachen,

meine Herren! So helfen Sie mir doch -- lachen wir, daß die Wände

wackeln und in den Gemächern der Damen --«

»Hab' ich nicht gesagt: die Würze des Lebens ist ahnungslos wie der

Sommerhimmel?« fragte Schaffrath. Darüber bekam Jockele das Laufen und

stampfte nun seinerseits über den Teppich. Er rang mit beidem: mit dem

Lachen und mit der Verzweiflung. Salzer aber begann ein Examen. »Ist

Gwendolin verlobt?«

»Nein.«

»Ist sie verliebt?«

»Nein.«

»Würde sie den Grafen Metting heiraten?«

»Wahrscheinlich.«

»Würde sie Henrik Toften nehmen, wenn er heute um sie anhielte?«

»Möglich.«

»Na also,« wandte sich Salzer an Richard Schaffrath, »was steht Ihnen

denn im Wege? Ein Vielleicht und ein Möglich! Und vor diesen beiden

windigen Gespenstern fürchten Sie sich, Sie Ritter ohne Furcht und

Tadel?«

»Eigentlich hat er recht,« erwog Jockele. »Aber, liebster Schaffrath,

warum haben Sie denn den langen Winter vor ihr gestanden, als hätten

sie ein neunmal gepanzertes Herz?«

»Es ist eine Eigentümlichkeit von mir,« sagte Schaffrath.

»Und Sie, Professor, hätten Sie sich nicht für Ihren Freund in die

Schranken werfen können?«

»Na, ich bitt' Sie, ich habe doch kein Heiratsbureau!« schrie Salzer in

heller Entrüstung.

So sprangen sie rings um den toten Punkt und bekamen das Wirbeln, aber

vom Flecke kamen sie nicht.

»Hier muß etwas geschehen,« sagte der Professor. »Ich übernehme die

Verantwortung!« Er drückte mit fester Hand auf die Klingel und nahm den

Brief vom Tisch ...

»Ich betrete dies Haus drei Wochen nicht mehr!« rief Schaffrath.

Aber Salzer befahl: »Fritz, bringen Sie diesen Brief zu Fräulein

Gwendolin Vogelgesang. Sagen Sie: eine Antwort würde vor Ablauf

von drei Wochen nicht erwartet.« Fritz wiederholte den Befehl und

verschwand. Salzer und Schaffrath verschwanden auch. »Wollen Sie mich

nicht mitnehmen?« fragte Jockele. -- »Kommen Sie!«

So schritten sie hinaus in den stürmischen Abend. Peter Cornelius aber

saß am Flügel und vergaß Zeit und Ewigkeit. Halb zehn Uhr spielte er

immer noch. Da ging Do hinein zu ihm und sagte: »Möchten Sie nicht mit

uns zur Nacht essen? Es ist zwar schon reichlich über die Stunde, und

wir sind ganz allein ...«

Erich Meyer tat einen harten Fall auf die Erde -- was aber nicht

wörtlich zu nehmen ist -- und erwachte aus tiefen Träumen; denn er

erfuhr, daß die Herren mittlerweile im Rauchzimmer ein Gelage gehalten

hätten und abhanden gekommen wären, und daß er seit länger als drei

Stunden am Klavier gesessen.

Gwendolin war auch im Speisezimmer. »Sehen Sie, lieber Meyer, das ist

Ihre Art, das Leben zu verpassen,« sagte sie mit einem fröhlichen und

einem traurigen Auge. »Ich glaube, an diesem Punkt begegnen wir uns.

Man wird darüber leicht zu einer komischen Figur, lieber Meyer.«

»Wohl, wohl,« sagte er, »aber das ist mir ganz egal. Ob der Mensch

glücklich ist, darauf kommt's an! Und darin nehm' ich es mit ihnen

allen auf, seit ich mein Landhaus besitze und meinen Stutzflügel.«

»O,« machte Gwendolin, »so ist auch das ins Wasser gefallen! Ich dachte

schon: wenn Sie noch solch ein Ritter von der traurigen Gestalt wären,

könnten wir zwei uns heiraten.«

»Ja, +wenn+ ich es wäre!« scherzte Cornelius, »aber jetzt bin ich ein

feiner Herr.«

»Und ich? Ich wandele mich allgemach zu einem Narren,« sagte Gwendolin

bitter, »aber wofür ist denn Fasching? Freilich, die Herren haben sich

einen sehr schlimmen Spaß mit mir erlaubt. Doch warum beklag' ich mich

darüber?« Cornelius sah Do an, und er sah Gwendolin an. Und weil die

merkte, Meyer war schuldlos, so begann sie zu erzählen in herzhaftem

Spott gegen sich selbst ... »Nun, wenn ich mich selber nicht mehr

verhöhnen könnte, stünde es noch schlimmer mit mir.«

Aber Erich Meyer saß fast andächtig dabei.

»Und da lachen Sie nicht, Cornelius?«

»Nein,« sagte er, »denn ich warte auf die Geschichte von dem schlimmen

Spaß.«

»Mensch, die hab' ich Ihnen ja soeben haarklein erzählt!«

»Ach so,« staunte Meyer, »und das nennen Sie Spaß?« Do begann zu

begreifen. »Ein Spaß ist das ganz und gar nicht, Fräulein Gwendolin;

denn der Brief Schaffraths ist schon seit drei Wochen geschrieben,

nämlich: der Schlachtenmaler liebt Sie bis zur Selbstverlorenheit.«

Und Peter Cornelius setzte neckisch hinzu: »Sehen Sie, darum hab' ich

vorhin Ihrer freundlichen Aufforderung, Sie zu heiraten, nicht gleich

Folge geleistet.«

Es kam nun eine Stille -- die Uhrenpendel hörte man darin schlagen und

die Herzen. Do aber legte die Gabel fort und faltete ihre beiden Hände

im Schoße ... »Sturmschwalben, Sturmschwalben, wo nehmt ihr den Mut

zum Leben her?« Die Uhren tickten wieder und die Herzen. Gwendolin war

aufgestanden und hinter Frau Dos Stuhl getreten. Sie neigte die Stirn

auf Dos Schulter und umfaßte sie und sagte: »Ist es nicht gräßlich

mit mir, Do? Die erste tiefe Liebe, die mir begegnet, halt' ich für

einen schlimmen Spaß ... Ist es nicht gräßlich?« Und Gwendolin weinte

bitterlich.

Wäre diese Geschichte nicht wahr, sondern ein Roman, so würde es nun

weiter heißen: »Drei Wochen später wurde die Verlobung mit großer

Pracht gefeiert.« Dem war aber nicht so; denn als man Verlobung

feierte, war man nur selbdritt beieinander: Gwendolin und Richard und

eine zeitlose Frühlingsnacht, die lag so schmeichelnd, veilchenduftig

und sammetschwarz über dem Weimarer Park, daß sie James King kurz und

bündig »lächerlich« genannt hätte. Und wenn etwa einer nachträglich

kommt und erzählt: es wäre bei Sinsheimers im Haus am Horn gewesen,

und es hätte eine große Aufmachung von Licht, Kuchen, Wein und Musik

gegeben, so ist das einfach nicht wahr. Sondern: wenn man von Goethes

Gartenhause den Wiesenweg nach der Ilm geht und an der Ilm links

weiter, so kommt man nach zweihundert Schritten an einen Wildapfelbaum

mit tief herabhängenden Ästen. Unter dem Apfelbaume steht eine Bank.

Auf dieser Bank war es. Und es gab weder Kuchen noch Wein noch große

Festmusik, bloß Lieder ohne Worte und Süßigkeiten ... Ferner: es war

auch gar nicht drei Wochen später; denn Richard Schaffrath war ja schon

beim nächsten musikalischen Tee wieder bei Sinsheimers, es war da sehr

fein, und ein Narr wäre gewesen, wer behauptet hätte: am Donnerstag

zuvor hätte Gwendolin Frau Do ihren heißen Schmerz auf die Achsel

geweint und hätte gesagt: mit ihr wäre es gräßlich. Nein, nein. Die

Geschichte unter dem Apfelbaum geschah in Wahrheit am darauffolgenden

Samstag, abends von neun bis elf Uhr; und zwischen dort und jenem

Donnerstag im Leid lagen zweimal die hundertneununddreißig Stufen

der Weimarer Hofkirche am alten Friedhof, die Gwendolin zu dem Herrn

Professor Salzer emporgestiegen war. Daraus ist zu ersehen, daß es

sich für sie um einen ernsten und wichtigen Fall handelte; denn weder

wegen James King noch wegen Mister Johnny, noch wegen Henrik Tofte

hatte sie einen Fuß gerührt -- des Jockele und des Unbekannten aus

dem Ettersburger Zwetschengarten gar nicht zu gedenken! Fra Mariano

aber stand in der Mitte zwischen Richard Schaffrath und der langen

Reihe, von der ihr jeder den Jungfernkranz winden lassen wollte; denn

wegen Fra Mariano war sie wenigstens in ihre Zimmer gestiegen, und Fra

Mariano muß hier erwähnt werden, weil er schon auf dem Weg unter den

Wildapfelbaum war und zu dem Fest als ungeladener Gast kam ... Aber

es war sehr finster im Park, und es sind viele Bänke dort; nach der

richtigen mußte er erst eine Weile suchen. Er war noch an kein Vorhaben

mit gleicher Unentwegtheit herangetreten; denn er wollte diesen

Porträtmaler auf frischer Tat ertappen.

Es ist auch nicht bei der Wahrheit geblieben, wenn man wissen

will: Gwendolin wäre in tiefer Zerknirschung und mit vom Weinen

geröteten Augen unter dem Apfelbaum erschienen; denn zweimal

hundertneununddreißig Turmstufen sind so lang wie zweimal

hundertneununddreißig Jahre. Und Gwendolin, die weitoffene und

gescheite Gwendolin, war viel zu ehrlich, als daß sie aus ihrem Herzen

eine Mördergrube gemacht hätte. Weitoffen, klar und gescheit stieg sie

gleich am Freitag früh nach dem verweinten Donnerstag zu Salzer, dem

Turmwart, und sagte: »Ich wollte nur sehen, ob Sie über Nacht wieder

herzugekommen sind.«

»O ja,« sagte der Professor, »Jockele, Schaffrath und ich haben bis

gegen morgen im Turm einen respektablen Trunk getan. Aber: wollten Sie

wirklich nur nachsehen, ob --?«

»Sie sind sehr neugierig,« sagte Gwendolin.

»Das kommt daher, weil ich für den Brief die Verantwortung übernommen

habe.«

»Es war tapfer von Ihnen,« lobte sie, »mit den jungen Leuten hat man

seine liebe Not.«

»Ja,« sagte der Professor.

»Morgen komm' ich noch einmal,« sagte Gwendolin, »ich möchte da Richard

Schaffrath hier sehen. Übernehmen Sie die Verantwortung?«

»Ja,« sagte der Professor.

Am Samstag kam sie erst gegen Abend. Schaffrath aber hatte schon seit

dem frühen Vormittag auf sie gewartet. »Sie müßten Engelein heißen,«

sagte der Professor zu ihm. Es war Schaffrath sehr bange; denn er

dachte: »Dies fixe wackere Mädchen wird meine Vorsicht als Feigheit

ansehen.« Aber das tat sie nicht; sondern sie sagte sehr milde: »Nun,

ich hätte es mit der Gwendolin wahrscheinlich anders gemacht. Wußten

Sie denn nicht, daß ich in einer großen Gefahr schwebte?«

»Nein,« sagte er, »Sie konnten es auch für ein großes Glück halten.«

Sie war ans Fenster getreten. Es lag über den Dächern ein feiner

grauer Nebel. Nur die Firste und Schornsteine guckten oben darüber

heraus, und am Himmel gingen verheißungsfroh die ersten Sterne an. »Der

Frühlingsmantel, den sich die Erde umlegt! Kommen Sie, wir wandern

zusammen hinab ins Tal!«

»Nein, auf einen hohen Berg.«

Da gingen sie miteinander. Und nach einer Stunde kamen sie unter den

Wildapfelbaum. Ein ganz dünner Streif Mond lag nun auf der Ilm als ein

silberner Kahn. Darüber fiel Gwendolin James Kings Gespensterschiff

ein, und sie erzählte dem Manne, der nun neben ihr saß, alle

Liebschaften, die sie gehabt hatte in den acht Jahren, seit ihrem

fünfzehnten, und wie sie umworben worden -- von lange vor Jockele bis

zu dem Grafen Metting. »In fast allen Fällen konnte ich gar nichts

dafür -- bloß die zwei Sachen in Ettersburg, die stehen auch mit auf

meiner Rechnung. Aber du mußt nun alles wissen; mein Herz sagt einfach:

es ist so in der Ordnung! Ach du, mein Herz ist ein so natürliche

ungefaltetes Ding -- rein zum Bangewerden! Wird dir nun bange davor?«

»Nein,« sagte er und wunderte sich, daß sie auch für das Erlebnis mit

Henrik Tofte die Verantwortung ablehnte. Aber er redete nicht davon.

Da zog Fra Mariano des Weges. Er hatte sich in seinen Sommerüberzieher

verkrochen und den Kragen hochgeschlagen und trug den Gehstock steil in

der Rocktasche. Weil er am Apfelbaum so kecklich vor sich hinhüstelte,

sagte Gwendolin: »Wenn Sie Lust haben, sich ein wenig zu uns zu setzen,

Graf Metting -- es steht Ihnen ganz und gar nichts im Wege.«

Es war zu merken: die da sprach, war die alte Gwendolin. Von ihr

hat einer gesagt: sie hätte Stunden, in denen sie den lieben Gott

besiegen könnte. Ja, so war das mit ihr. Metting hatte vorgehabt, den

Überraschten zu spielen und beide zur Rechenschaft zu ziehen, aber

»zu spielen« brauchte er nun nicht; denn das hier war keine Komödie

-- das war das Leben selber und forderte ihn auf den Plan. Und davor

stand er, und wußte nicht, was er sagen sollte. Er setzte sich auf die

Bank, rechts neben Gwendolin, und verkroch sich noch tiefer in seinen

Überrock.

»Nun?« fragte sie, »was halten Sie von diesem Tatbestande, Graf?«

»Eins der vielen Abenteuer der Herzogin von Urbino,« sagte er sehr

zugeknöpft. Er hätte sagen können, was er wollte -- sie faßte ihn

sofort am Schopfe und beutelte ihn ... was wiederum nicht wörtlich zu

nehmen ist.

»Ich weiß im Augenblick nicht, ob die Herzogin von Urbino Abenteuer

suchte in dem Sinne, in dem Sie das meinen, lieber Graf. Aber das sag'

ich Ihnen: durch die Ungewißheit ihres Schicksal ist jede Frau von

ihrem sechzehnten Lebensjahr ab eine Abenteurerin ...«

»Ha, es wäre schlimm!« unterbrach sie Metting.

»... nicht in ihren Taten, sondern in ihren Träumen! Sie läßt ihre

Träume vom Leben ausfliegen wie Noah den Raben oder die Taube aus dem

Kasten: sie finden nicht, da ihr Fuß ruhen kann. Aber einer bringt den

Ölzweig. Und danach ist es gemeinhin vorbei mit dem abenteuerlichen

Flug über den wogenden Wassern. Sehen Sie, so mein' ich das.«

»Nicht übel,« sagte er, »und recht spitzfindig ausgedacht. Nun, Frauen

sind um eine Entschuldigung niemals verlegen.«

»Männer auch nicht,« sagte sie. »Aber ich habe gar nicht das Bedürfnis,

mich vor Ihnen zu entschuldigen; sondern die Dinge liegen einfach so:

in dem Augenblick, in dem auch mein +Herz+ in die Lage kam, zu wählen

zwischen Richard Schaffrath und dem Grafen Metting, entschied ich mich

für Richard. Wir haben uns in der vorigen Stunde verlobt.«

»Hoh!«

»Ja. Die Liebe ist ein Geist; sie kann nicht reden, eh' ihr nicht ein

Wort oder Zeichen gegeben wird. Die Liebe ist ein Geist; aber dieser

Geist wird erlöst, wenn er weiß, man verlangt nach ihm.«

»Nun, ich habe Ihnen Zeichen genug gegeben, Gwendolin.«

»Aber als der andere die Sprache fand, blieb mir keine Wahl: mein Herz

flog ihm in Seligkeit nach.«

»Hm. Dann wäre wohl meine Aufgabe unter diesem Baum erfüllt?«

»Ich glaube es,« sagte Gwendolin.

»Gute Nacht.«

Fra Mariano versickerte in der Finsternis.

Von den Türmen schlug es Elf, als Richard und Gwendolin unter den hohen

Birken des Philosophenwegs hervortraten und nach dem Horn einbogen. Sie

hatten keine Eile und sprachen leise. Auf der Höhe des Goethegartens

sahen sie: bei Sinsheimers war noch das ganze Haus hell. Da wunderten

sie sich. Es rasselte auch ein Wagen durch die Stille der Straße davon.

Sollte Fra Mariano --?

Als Schaffrath sie verlassen und Gwendolin hineinkam, fragte sie den

Diener. »Herr Meyer ist da«, sagte der, »und eine Dame: Fräulein

Kordula Gunkel aus Rom. Fräulein Gunkel hat sich durch ein Telegramm

angemeldet und ist vor kaum fünf Minuten angelangt.« Man hörte durch

die Türen lachen, und Gwendolin funkelte in die erste Freude des

Wiedersehens.

»Lieber Meyer, wissen Sie, daß die dunkle Kordula eminent musikalisch

ist?«

»Ja,« sagte er, »Sie selbst haben es mir erzählt, aus der Geschichte

der Sturmschwalben.«

»Und wißt ihr, Kinder, daß ich mich verlobt habe?«

Da rissen sie Gwendolin der Reihe nach an ihr Herz -- zuerst Jockele.

»Er tut das immer sehr ausgiebig,« sagte Do. »Ja,« erklärte Cornelius,

»man kann da mittlerweile eine Partie Schach spielen oder Beethovens

Neunte.« Dann kamen Do und Fräulein Gunkel an die Reihe. »Na, lieber

Meyer?« jauchzte Gwendolin. Und weil er beschaulich am Flügel lehnte

und Miene machte zu einem sanften Handkusse, griff sie ihn auf und

wirbelte ihn ein paarmal herum. »Die Liebe ist ein Geist -- sie muß

durch ein Zeichen erlöst werden!« rief sie. Cornelius ward von diesem

Überfall reichlich betört; und als sie ihn wieder freigegeben hatte,

war er blutrot geworden und gestand: »Jetzt hab' ich den ersten Kuß von

einer Dame bekommen! ... Sie auch?« wandte er sich an Jockele.

»Ich -- --? -- Ja, natürlich.«

Darüber gerieten sie noch mehr in Lustigkeit. Erich Meyer aber hatte

einen großen Tag und durfte hinausgehen und Wein kommen lassen, ganz

nach seiner Wahl. Da entschied er sich für Sekt; denn Sekt hatte er in

diesem Hause zum ersten Male getrunken, und Sekt stand obenan in der

Reihe seiner unvergeßlichen Erlebnisse. Dann sanken sie in die braunen

Ledersessel, und es war herzhaft und aufgetan wie in der Mädchenzeit.

Die Standuhr schlug die Mitternacht. Da horchten sie hin; denn es

war ein schöner, weicher Klang und voller Andacht. »So ist es, wenn

Kordula Gunkel zur Laute singt,« sagte Gwendolin und dachte an die

Abende im Fjord. Sie dachte auch an Henrik Tofte; aber sie wollte nicht

nach ihm fragen. War die dunkle Kordula damals nicht mit heimlichen

Hoffnungen nach Rom gezogen? »Jede Frau ist eine Abenteurerin von

ihrem sechzehnten Jahr ab.« Der Gedanke, den Gwendolin vor zwei Stunden

dem Grafen Metting gegenüber ausgesprochen hatte, stand nun neben den

vielen Lichtern, die in dieser Nacht ihre Seele hell machten, und sie

fragte: »Kordula, warum bist du heute in unser Haus gekommen?«

»Daran ist dein glückseliger Brief schuld, Gwendolin.«

»Du, den hab' ich doch in der Woche vor Weihnachten geschrieben!«

»Jawohl,« sagte Kordula, »und es fehlte nicht viel, ich wäre gleich

damals zu euch gekommen. Er war ein Stern in tiefer Finsternis. Ich

habe nicht wieder geschrieben -- nun ja, ich habe gewartet, bis ich

meiner Sehnsucht nachfahren könnte ...«

»Na, und Tofte?« fragte Jockele, »ist denn der nicht das große Licht in

der Finsternis geworden?«

»Ja und nein,« sagte Kordula. »Ich war schon seit langem wandermüde,

aber jetzt bin ich's doppelt. Gwendolin hat mir so strahlend vom Leben

in diesem Haus erzählt, und das hübscheste war der Abschnitt ›Jockele

und seine Frau‹. Seht, ich komm' auch aus einem solchen Hause! Als

meine Eltern kurz hintereinander starben, wurde ich mit dem Haus

abgefunden, mein Bruder empfing bares Geld, er ist Arzt in Bingen,

und ich saß nun in Göttingen, und es kam mir vor, als wollte mich das

Leben dort sitzen lassen. Da verkaufte ich meine steinerne Einsamkeit,

kam nach Weimar und wurde Kordula mit der Laute. So lebt' ich mich

zwei Jahre durchs Dasein. Ich ging an den düsteren Songefjord und ließ

die traumhafte Herrlichkeit an meiner Seele abfärben. Als ich zu euch

in den Hardanger Fjord geriet, da hatt' ich Heißhunger nach Sonne.

Gwendolin hatte mir geschrieben: ›Wo Jockele und Do sind, da ist die

Sonne.‹ Die Insel der Auferstehung lockte mich, dort wollt' ich mein

Ostern feiern. Und als ich eintraf, hatte Rolf Krake die Kugel in

die Sonne geschossen. Ich kam zu spät -- aber ich kam zu rechter Zeit

nach Rom. Da fand ich Henrik Tofte. Er hatte einige Wochen mit Mister

Johnny in dem deutschen Gasthause ›Zur Post‹ zu Mittag gegessen. Mister

Johnny war noch dort, aber es hatte Auseinandersetzungen zwischen

beiden gegeben, und nun begegneten sie einander mit stummem Gruß, und

Henrik speiste nicht mehr in der Post. Er speiste überhaupt nicht mehr

-- so schien's. Künstler, die ihn kannten, erzählten, er triebe sich

in kleinen italienischen Weinhäusern herum; und einer wollte wissen:

Henrik Tofte wäre Gepäckträger, und wenn ich ihn suchte -- draußen am

Bahnhofe könnt' ich ihn treffen. ›Großer Gott,‹ sagte ich, ›dieser

Henrik Tofte ist ja aber ein Genie!‹ Da lachte man mich aus -- Genies

gäb's auf dem heißen Pflaster Roms massenhaft, aber die meisten bekämen

das Fieber ... Ich ließ also meine Reisetasche im Handgepäckschalter

niederlegen, und tags darauf ging ich vor der Ankunft des Berliner

~D~-Zugs zum Bahnhofe. Den Längsten unter den Gepäckträgern ersah ich

mir. Er war blond und reckenhaft wie ein Skalde und trug die rote

Mütze der Facchini. ›Wie heißen Sie?‹ fragte ich ihn auf norwegisch.

Da zuckte er zusammen und schlug die Augen nieder. ›Tofte.‹ -- ›So

besorgen Sie mir die Tasche auf diesen Gepäckschein nach Via Gregoriana

Nummer 5.‹ Auf meinem Zimmer in der Gregoriana hab' ich dann versucht,

ihn instandzusetzen. Kinder, diese Geschichte hättet ihr erleben

sollen! Eine Wohnung hatte er nicht. Aber Angelina Fabbro, die Witwe

eines Postschaffners, bei der ich wohnte, hatte eine große Küche. Sie

war sehr einsam, sehr faul und sagte, sie trauerte sich um ihren Emilio

einen grauen Kopf. Angelina Fabbro ist sechsunddreißig Jahre ... Nun:

Kordula Gunkel stattete Henrik Toften aus, bis er wieder manierlich

war an seinem langen Leibe. Schön und manierlich; aber Angelina liebte

ihn, und er liebte sie. Sie ist rund an allen Enden, sie ist zierlich,

und sie hat das Herz einer Römerin. Und Angelinas Küche ist groß, kühl

und heimelig, wenn die grünen Sparrenläden vor den Fenstern liegen.

In dieser Küche schliefen sie, in dieser Küche liebten sie einander

und waren faul, wie man nur in Rom faul sein kann. Angelina Fabbro

vermietet ihre Zimmer, hat ein kleines Witwengeld und führt ein gutes

Regiment im Hause. Als ich mir über dies alles klar war, zog ich

aus ...«

»Römische Schlendertage!« sagte Jockele. »Die Geschichte ist zu Ende.«

Er klang sein Glas gegen das Glas Kordulas, und seine Stimme war von

frohem Klang; denn es war zu sehen: Kordula Gunkel erzählte nicht aus

schmerzlichem Verzicht. »Die Geschichte ist zu Ende!«

»Nein, ich möchte sagen: sie geht erst los.«

»Sekt, Sekt, Cornelius!« mahnte Gwendolin, »Herrgott, Sie sind sich ja

abhanden gekommen!«

»Ich finde so was furchtbar interessant, Fräulein Gwendolin« -- das war

Erich Meyers Erwachen -- »denken Sie mal: Rom, Angelina Fabbro, rund an

allen Ecken ...« Cornelius merkte den lustigen Streich gar nicht, den

ihm die gespitzten Lippen spielten ... »wenn ich daran denke ... nun:

eigentlich dumm scheint Henrik Tofte nicht zu sein. Und diese famose

Geschichte geht noch weiter, Fräulein Kordula?« Erich Meyer rieb sich

die Hände. Dann goß er Kordula das Glas voll Sekt, ihr ganz allein. »Er

will verhüten, daß dir die Lippen trocken werden,« bemerkte Gwendolin.

Ach ja, Cornelius war zum Ergötzen! Denn nun sprang er hinaus an den

Flügel und griff leise, gebrochene Akkorde, wie aus einer Harfe, ehe

das erwartete Lied ertönt ... Und Kordula Gunkel sprach:

»Ich kann nicht sagen, daß ich darüber traurig geworden wäre. O nein,

Henrik Tofte ist nicht ein Mensch, vor dem man so leicht traurig werden

kann -- höchstens ein bißchen wehmütig wird einem ums Herz, wenn man

sieht, wie diese Fülle glänzender Gaben in den Staub fällt ...«

Gwendolin sprang ihr mitten hinein in die Rede: »Das macht, man kann

keinen Glauben an ihn aufbringen, nicht einmal den Glauben daran, daß

seine unerhörten Gaben im Staube liegen bleiben könnten.«

»Ja, so ist es wohl mit ihm,« sagte Kordula, »denn als ich damals in

Rom hinaus zum Bahnhofe ging und dachte: ›Nun sollst du diesen schönen

und bedeutenden Menschen an der Ecke stehen sehen als einen Paria des

Lebens,‹ da war mir, als hätte der Blitz in mein Herz geschlagen. Aber

hernach? Es war eine fast gleichgültige Begegnung und war kaum anders,

als wenn ich den Dienstmann Nummer 17 einen Weg schickte.«

Gwendolin hatte noch keinem Erzähler mit tieferer Hingabe gelauscht. Es

war ihr -- und so war es auch Do und Jockele -- als reiche ihr nun das

Leben die Bestätigung ihrer Klugheit von einst. Und sie sagte: »Das ist

der Schadenersatz, den das ›Schicksal‹ dem Henrik gewährt für das, was

es ihm vorenthält: man kann kein Mitleid mit ihm haben! Deshalb ist es

ihm versagt, andere unglücklich an ihm zu machen. In dem Augenblick,

in dem er auch das noch fertigbringt, wird er zum ersten Male an sich

selber unglücklich sein.«

»Du kennst ihn sehr gut,« sagte Kordula; »denn als ich aus der

Gregoriana fortgezogen war und in der Via Parma wohnte, war es mir, als

wär' ich einem finsteren Verhängnis entronnen: ich war seit dem Tode

meiner Eltern nicht mehr frohherzig gewesen, nun aber war ich's wieder.

Es war zwar ein wunderliches Vergnügen, dem ich mich hingab, aber es

war doch eins: ich baute mir in Gedanken das Leben Henrik Toftes aus

den Stücken zusammen, die von ihm in der Welt herumlagen. Kinder,

was wurde da für eine barocke Unmöglichkeit daraus! Alle Narrheit

und Weisheit, alles Licht und alle Finsternis, aller Ernst und alle

Kindsköpfigkeit, die je aus den Gedanken des großen Weltenbaumeisters

hervorgegangen sind, hat er in diesen Überschwung hineingepaßt, der

nun Henrik Tofte heißt! ... Neugierig ging ich nach ein paar Wochen

durch die Gregoriana -- da war drunten am Torstein des Hauses Nummer

5 ein Schild in vier Sprachen angebracht: ›Institut für schwedische

Heilgymnastik und Massage von Henrik Tofte.‹« ...

Die Standuhr schlug Eins. Sie schlug in die verblüffte Stille, die

genau so lang war wie der Uhrenschlag. Dann brach das Lachen los.

Frau Do aber ging hinaus und kam nicht wieder.

So drängte sich das Leben mit Ungestüm im Haus am Horn. »Das Dasein

hat um Jockele und Frau Do ein ganz anderes Gesicht wie um andere,«

bemerkte Cornelius mit einem Aufgebot von Wichtigkeit. Sie saßen in

dieser Frühlingsnacht, bis der Morgen heimlich an die Fenster klopfte,

und waren doch nur vier junge Menschen, die sich nicht einmal von

anregendem Trunke locken ließen. Dann verfielen sie in ein lustiges

Raten, woher das käme. »Es ist die Nachbarschaft Goethes,« sagte

Jockele, und er hielt eine schöne Rede. Daran war zu merken, daß er vor

der peinlichen Frage: »Was wissen Sie von Goethe?« längst nicht mehr

zag zu sein brauchte. »Wer in Weimar lebt, hat die Pflicht, in jeder

Woche einmal nachdenklich daran zu werden, daß Weimar das Herz der Welt

ist -- diese Erkenntnis wirkt auf die Seele wie ein Sonnenbad auf den

Körper.«

»Alle Sinne werden wach, wenn man in das Reich der Frau Do tritt,«

sagte Cornelius -- »was ich bin und habe, dank' ich ihr allein,« setzte

er hinzu. Er hatte leuchtende Augen. Und Kordula Gunkel war auf die

Schwelle des Musikzimmers getreten und ließ ihre Blicke wandern. Es

hingen da schöne und wuchtige Gemälde an den Wänden: der Folgefond,

wie er sich spiegelte in den dunklen Wassern des Hardangerfjords --

von Henrik Tofte. Es war ein königliches Bild. Es hing an der Wand im

Speisezimmer der Skjoldefoß mit der Sägemühle -- auch von Henrik Tofte.

Groß und gewaltig in Farben und Auffassung. Es waren da Bilder von

Gwendolin aus den Schären und Holmen; dann die Insel der Auferstehung,

und der Anger im Walde von Ettersburg, den sie damals gemalt hatte,

als Jockele vor ihr erkennen wollte, wie viel weniger er könnte. Und

über den Flügel hin, als das einzige an dieser Wand, war ein Kopf

Beethovens, gemalt von Richard Schaffrath -- stark und tiefbeseelt

hingestrichen, ward er zu einem Erlebnis.

O ja, es atmeten in diesem Hause Tat, Kraft und Wille zu Leben

und Schönheit. Und Kordula Gunkel hatte nun fünf Jahre an sich

vorüberstreichen sehen, fünf Jahre voller Dinge, die außer ihr lagen

wie ein Film. Das Herz war ihr müde daran geworden und das Auge

flimmrig. Darum lehnte nun Kordula an dem Pfosten der Tür und sagte:

»Es ist schön und wunderbar -- es ist ein Märchen.« Gwendolin aber

schenkte die Reste des Sekts aus den Flaschen in ihr Glas und setzte

sich samt dem Glas mit dem schäumenden Mützlein an die Spitze eines

Zuges; denn die anderen marschierten hinter ihr drein und legten

einander die Hände auf die Hüften. So schritten sie hinaus in das

Zwielicht des Vorgartens. Die Luft war weich und voller Verheißungen;

die Tulpen stiegen aus dem Rasen. So kamen sie bis vor den Erker mit

dem grünen Kupferdach, der aus der Stirnseite des Hauses springt.

Und Gwendolin hob das Glas und rief: »Schön und wunderbar bist du, du

Reich der goldenen Do! Wunderbar bist du und schön wie ein Märchen, du

Märchenhaus!« Und sie warf das Glas gegen den Stein, daß es jauchzend

zersprang.

Da hatte das Haus den Namen, den es seit jener Stunde in der Stadt

trägt und im Reiche und darüber hinaus; denn wo Do und Jockele regieren

als König und Königin, das weiß die Welt.

Aber der irrt sich, der da meint: nun wäre die Geschichte alle, und

Frau Do hätte doch nicht ganz recht gehabt, als sie sagte: es wäre

bei ihnen immer schrecklich viel los; denn eine Woche danach -- der

Frühling brannte zeitlos gerade sein Eröffnungsfeuerwerk ab -- hurra!

da hatten sie im Märchenhaus ein kleines Mädchen. Das kleine Ding hatte

es nicht erwarten können! Kunststück -- wenn in der Welt an jedem Baum

ein grüner Zettel angeschlagen ist: »Heute Einzug Sr. Kgl. Hoheit des

Frühlings!« und wenn die bunten Fähnlein um alle Steine wehen und über

dem Rasen flattern -- ha, Kunststück! Und so war sie denn gekommen.

Gwendolin, die als die einzige dabei war -- denn Jockele rasselte in

einem gefährlich fixen Auto durch die Stadt, und sein überfallenes Herz

schrie um Hilfe -- die Allerwelts-Gwendolin sagte hernach: »Du hättest

dich gar nicht zu eilen brauchen, die Erbprinzessin sprang so vergnügt

in die Welt -- es fehlte bloß noch, daß sie heidi! rief.« Damit gab

sie auch Dos Kindlein den Namen -- in diesem Falle warf sie aber kein

Sektglas nach ihm. Sondern das war ein lustiger Zufall; und es lag in

diesem Namen ein so köstliches Befreien von der Überrumplung, die sich

die kleine Heidi geleistet hatte. -- Eine ähnliche Sache hatte sie sich

auch für späterhin vorbehalten, als sie die Buschgroßmutter besuchen

ging ... Das war ein sehr aufregendes Unternehmen.

So war Heidi das Frühlingskind das wichtigste Ereignis seit der Taufe

des Märchenhauses. Die ruhevolle Kordula Gunkel erklärte: »Es ist nicht

nur ungeheuer viel los bei euch, nein, die Tage schießen in Kopfstürzen

über eure Stiegen.« Und damit hatte sie recht. Um so mehr wunderte sie

sich, daß von einem Jahrmarktsrummel in diesem Hause beim besten Willen

nicht geredet werden konnte; denn es wohnte besinnliche und gesammelte

Freude am Dasein darin; und die ist immer leise -- zum Unterschiede vom

Haus mit der Harfe, wo man zu den Fenstern heraussang, und wo der Knabe

mit der roten Zipfelmütze sogar an einem Wintertage mit verbürgten 17

Grad Kälte vorm Gartentore an seinen Liedern in die Luft kletterte.

Der ganze römische Winter war für Kordula nicht so voller Ereignisse

gewesen wie die erste Woche im Märchenhaus: Gwendolin verlobte sich;

Jockele arbeitete mit geheimnisvoller Hingabe an seinem Werk über

die Flechten -- so hieß es. Dann aber stellte sich's heraus: er

hatte einen Roman begonnen. Man riet sich über dem Titel und über

seinem Stoff leuchtende Augen und Herzen und riet daneben. An den

Abenden fehlte zwar die Märchenkönigin Do; aber Cornelius, Schaffrath

und der Professor Salzer waren dreimal da, und man sprach von der

Nachbarschaft. Es gab für die Leute im Märchenhause nur einen Nachbar:

Goethe. Man brauchte ja bloß zum Fenster hinauszulugen, da blinzelte

das heimelige Schindeldach durch Busch und Hecken ... An einem dieser

Abende war auch Erika Flucht da; denn auf den Spuren der endgültigen

Fassung des »Faust«, die Goethe im benachbarten Gartenhang vergraben

haben sollte, erschien mit jedem jungen Jahr, sobald die ersten Lerchen

schwirrten, dies Mädchen schön und wunderbar. Kordula wußte aus dem

Jockelebuch, was es damit für eine Bewandtnis hatte. Und Fräulein

Flucht war noch immer nett und so überzeugt von ihrer literarischen

Sendung wie vor Jahren. Die kluge Do aber blieb diesmal für sie

verschollen. Dagegen fand Erika Flucht in Salzer einen geistvollen

und launigen Zweifler. An ihrer Unentwegtheit änderte das nichts.

Aber die Menschen im Märchenhause waren so, daß auch das Mädchen aus

der Fremde ein Ereignis unverkümmerter Freude blieb. -- Dann wachten

die grünen Wasserfrösche auf, die Jockele noch am letzten sonnigen

Herbsttag in Belvedere gefangen und in seinem Gartenteich angesiedelt

hatte. Alle Bewohner und Freunde des Hauses versammelten sich dazu.

Nur Jockele war nicht mehr so bei der Sache wie am Karauschenteich

in Norwegen -- nun ja, es gab in dieser Woche für ihn mancherlei

Ablenkung. Aber es half ihm nichts: der ansehnliche Stoß Papier, den er

den Froschlurchen zuliebe vollgeschrieben hatte in naturforscherischem

Bemühen, durfte nicht unter den Tisch fallen. So nahm er Messungen

über den Ernährungszustand des grünen Teichvolks vor: es war genau so

dick in den fünfmonatigen Winterschlaf gegangen! Er fütterte sie mit

Regenwürmern, sogar kleine Molche ließ er sie vertilgen; und als sie

am dritten Tage Jockeles Schritt auf dem Gartensand hörten, hüpften

sie ihm entgegen und nahmen die Würmer aus seiner Hand. Nicht zu

glauben -- und dennoch eine Entdeckung rührender Intelligenz der grünen

Teichmänner, von der die gesamte Literatur keine Ahnung hatte! Jockele

war davon so überrascht, daß er die wonnevollen Frühlingsmittage dieser

Woche in forschendem Spiel am kleinen Gartenteich verbrachte. Darüber

mußte der Rausch des Dichtens in die Einsamkeit der Nächte verlegt

werden. Und es hätte niemand so leicht davon erfahren, hätte nicht

Kordula Gunkel das Geheimnis erspäht ...

Dies alles fiel in die Woche vor Heidis Sprung in die Welt -- der

Gwendolin und ihres Schlachtenmalers gar nicht zu gedenken! Zu

allem: Kordula Gunkel war mit ihren Freuden seit ihrem Auftauchen im

Märchenhause keineswegs bloß neben die anderen gestellt -- nein, nein,

die fünf Jahre waren für sie vorbei, die ihr Augen und Herz flimmrig

gemacht hatten, weil sie immer nur zugucken durfte!

Daran war Erich Meyer schuld. Auch an dem Hausschlüssel, den die

dunkele Kordula besaß. Jockele hatte ihr verständnisvoll seinen eigenen

gegeben. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß der blonde Erich mit

Eintritt der Dunkelheit von einer Schaffenslust befallen wurde, die er

am Tage nicht ahnen ließ ... Das kann hier nicht verschwiegen werden,

verwahrt sich aber im vorhinein gegen jede lästerliche Deutung; denn

im Grunde genommen war diese Eigentümlichkeit Meyers im Märchenhause

längst bekannt.

Auf Katersteigen ging er nicht, o nein, er komponierte. Schon vor

Jahren, als er noch im Brückenhause wohnte, wo das Ilmwehr über seine

Einsamkeiten rauschte, hatte er des Nachts schöpferische Bedrängnisse.

Doch in jener Zeit wußte er sich nicht zu deuten, was nach Leben in

ihm rang. Da mutmaßte er, und er kam auf wunderliche Gedanken. Aber

dann später, im Haus mit der Harfe, wenn die drei Jungen, die neben

seiner Kammer schliefen, sich des Abends ausgetobt hatten, da hörte

er schöne lockende Saiten tönen über das Herz der Nacht hinweg. Als

ihm dies zum ersten Male geschah, dachte er, es wäre die Leier auf dem

Dache, an der sich der Sommerwind im Wandern vorübergriff. Da schrieb

er auf Notenpapier, was durch seine Seele zog. Und am Morgen dachte er,

er hätte geträumt. Aber das mit Noten bedichtete Blatt auf dem Tische

belehrte ihn anders.

Seit er im Häuschen im Apfelgarten wohnte, und seit er den Flügel

besaß, wußte er: die Nacht war für ihn die schöpferische Zeit. Danach

richtete er fortan sein Leben: er komponierte an seiner Märchenoper;

oder in einem goldenen Meer von Tönen badete er sich durch Mitternächte

die Seele rein von dem Staube, der sich über den Klavierstunden am Tage

darauf gelagert hatte. Unterricht gab er nur noch nachmittags -- auch

das dankte er Do und dem Märchenhaus.

Und zuletzt dankte er diesem Hause auch Kordula Gunkel. Ja, es war

Himmel um ihn, Himmel, wohin er griff! Nicht die Laute war es gewesen,

die ihn bestrickt, sondern er hatte noch nie ein Mädchen gesehen, das

den Kranz ihres schwarzen Haars so fromm um die weiße Stirne trug. Er

hatte noch nie eine so weiche dunkle Frauenstimme gehört, die sich

ins Herz schmeichelte wie diese und die so warm zu ihm sprach. Gleich

am ersten Abend, als Kordula auf der Schwelle stand und einkehrfroh

war, da hatte er an die heilige Cäcilie gedacht. Nun, eigentlich eine

Heilige war Kordula Gunkel nicht. Aber auch das fand Erich Meyer

wunderwunderschön an ihr.

Kordula merkte schon am dritten Tage, wie das mit ihm stand. Alle

merkten es. Bloß: Erich Meyer wußte nicht, wie er so etwas machen

sollte ...

Einmal ging Kordula mit Gwendolin im Garten spazieren. Sie sprachen von

Erich, und Gwendolin war von einer bedeutenden Lustigkeit -- natürlich

ganz heimlich. Da fanden sie Jo am Froschteich.

»Er ist bei der Dressur,« sagte Kordula.

»Jockele,« rief Gwendolin, »du mußt der Kordula deinen Hausschlüssel

geben!«

Kordula war entrüstet. »Willst du mich hier etwa in ein verdächtiges

Licht setzen? Und meinst du, daß ich Meyern damit pfeifen soll?« sagte

sie leise zu Gwendolin.

»Ja,« sagte die -- »so ähnlich; die Liebe ist ein Geist; sie lernt erst

reden, wenn du ihr ein Zeichen gibst.«

Es ist nicht festgestellt worden, ob die gefährliche Gwendolin dem

Jockele eine Andeutung gemacht hat -- der Hausschlüssel lag gleich

danach auf dem Tisch in Kordulas Zimmer.

Es war zwischen den Mädchen nicht mehr von dieser Sache gesprochen

worden. Aber Kordula dachte darüber nach. Gwendolins Weisheit von der

Abenteurerin fiel ihr ein -- die Gwendolin war doch ein mortsgescheites

Mädel!

In der Dämmerung saß Kordula am geöffneten Fenster und ließ die

hohen Maßholder und die ersten Sterne sacht über sich aufblühen. Es

knirschten Tritte im Wegsand unter den alten Bäumen. Da steckte Kordula

Gunkel den Hausschlüssel in die Tasche, nahm ein Schultertuch und ging

ein bißchen in den Garten.

»Sieh da, Herr Meyer! Gehen Sie oft hier ums Märchenhaus spazieren?«

»O nein. Ich dachte, vielleicht träfe ich Jo oder Gwendolin oder sonst

einen lieben Menschen. Man hat sich schon so daran gewöhnt. Früher hab'

ich nach niemandem Sehnsucht gehabt.«

Kordula blickte ringsum und sah die Kastanien des alten Schießstands.

»Sagen Sie, Herr Meyer, was ist denn eigentlich da oben? Es ist da eine

Reihe so schöner Kastanien.«

»O,« sagte Meyer, »man kann von da aus recht gut in mein ›Landhaus‹

gelangen, wenn man nämlich durch die Schlüpfe im Zaune geht, wissen Sie

-- wo Minchen Herzlieb aus dem Jockelebuch den blühenden Mandelzweig

zwischen den Zinseln hindurchgesteckt hat, und wo die Kastanie steht,

in die Jockele damals seine Liebe eingeschnitten.«

»Aha,« sagte Kordula, »wollen Sie mich da nicht einmal hinführen?«

»Wenn es Ihnen nicht zu dunkel wird, Fräulein Kordula?«

»Ach Unsinn!«

Da wanderten sie miteinander ein Stück das Horn entlang und bogen dann

rechts in den Pfad zwischen den Gärten, der unter die Kastanien des

alten Schießstandes führt. Es war nun schon recht finster geworden

unter dem tiefhängenden Frühlingslaube. Kordula stieß an einen Stein.

»Es sind wohl gar Stiegen in diesem Wege?«

»Ja,« sagte Meyer, »wenn Sie erlauben, könnte ich Sie vielleicht

führen?«

»Wenigstens über diese holperige Stelle.«

»O, holperig sind hier alle Stellen,« sagte er.

»Und finster ist es.«

»Für mich kann es gar nicht finster genug sein, Fräulein Kordula,

ich lebe dann eine Art gesteigertes Dasein, und es fällt mir darüber

furchtbar viel ein.«

»Ja? Ich habe gehört, Sie machen Ihre besten Sachen im Finstern, Herr

Meyer.«

»Jawohl,« sagte er; »denn erstens spart man dabei Licht. Na, und

überhaupt ...«

Sie gingen den ganzen Schießstand lang. Sie kamen auf einen Feldrain.

Sie kamen in das Kastanienwäldchen. Und sie kamen nach Oberweimar. Da

fand Kordula, daß es sehr weit wäre, bis zu Meyers Gartenhaus. »Ach,«

sagte er, »da sind wir ja gleich anfangs vorbeigekommen! Doch -- es war

so schön ... Ich habe ja noch nie das Glück gehabt, eine junge Dame zu

führen, Fräulein Kordula.«

Da lachte sie. »Mein Gott, ich wollte aber Ihr Häuschen sehen! Und Sie

sagten doch, in der Nacht fielen Ihnen immer die schönsten Dinge ein?«

»Erstaunlich schöne Dinge, Fräulein Kordula ...«

Bis dahin war es ein bißchen dürftig zwischen ihnen gewesen; denn

Erich Meyer berührte die Erde nur mit den Fußspitzen. Kordula Gunkel

dachte: »Was ist er für ein lieber unbeholfener Träumer! Er fällt immer

tiefer hinein in den Himmel. Ich glaube, wenn ich ihn nicht festhalte,

verläuft er sich hinter seinem Glücke her.« Darüber fiel es ihr auch

ein: der Hausschlüssel wäre der Gwendolin wohl nun ein Sinnbild gewesen

und Erich Meyer wüßte vor lauter Freude wirklich nicht, wie man so

etwas mache.

Aber solch ein Unterricht ist furchtbar schwierig ...

»Es ist himmlisch, Fräulein Kordula.«

»Woran merken Sie denn das?«

»Es sind mir herrliche Dinge eingefallen auf diesem Wege.«

»Sie sind sehr selbstsüchtig, Herr Meyer -- nun ja, weil Sie all die

schönen Sachen für sich behalten!«

»Es läßt sich gar nicht in Worten ausdrücken, Fräulein Kordula.«

»In Tönen etwa?« begann sie zu raten.

»In Tönen?« fragte er erstaunt. »Na ja, da ginge es auch. Aber daran

dachte ich nicht. Ich dachte überhaupt nicht an Musik ...«

»Herrgott noch mal!« begehrte sie auf.

»Wie, bitte?«

»Lieber Cornelius, ich glaube, Sie müssen sich gewöhnen, die Welt

herzhafter anzufassen.«

»Ja, das muß ich wohl. Aber ich habe nun mal so leise Hände, und ich

habe doch ein so furchtbar heißes Herz. Sie ahnen gar nicht, Fräulein

Kordula, was dies Herz alles anstellen möchte!«

»Ach, ahnen,« sagte sie, »natürlich ahn' ich es!«

Darüber waren sie durch die Finsternis wieder zur Wildenbruchbank

gelangt, die auf dem Kopfe des alten Schießstands steht. Sie wußten

beide die Verse auswendig, die Wildenbruch dafür gedichtet hatte

und die in die Lehne eingegraben sind. »Weimar hat so viele Gaben

ausgestreut, dir zur Rast ein Plätzchen, Wandrer, schenkt es heut.«

Meyer sprach diese Verse in lockendem Tone vor sich hin.

»Jawohl,« sagte Kordula, »hier wollen wir uns niedersetzen. Und nun

erzählen Sie mir mal ohne Scheu, was Ihr berüchtigtes Herz eigentlich

möchte; denn wenn Sie Ihr ganzes Leben betreiben, wie die Wünsche

dieses Abends, so werden Sie daran unselig. Wie ist denn das so mit

Ihnen gekommen?«

Da war es, als täte er einen tiefen Griff in sein Herz und sagte: »Wenn

die Menschen sich dereinst nicht mehr einbilden, daß sie das Recht

besitzen, in dem Leben der anderen herumzuwühlen wie in ihrem eigenen,

dann geht das Seligsein schon auf Erden los.« Er holte das weither.

Aber er legte damit den Schlüssel zu seinem Wesen zum erstenmal in

die Hand eines Menschen. Selbst Do gegenüber hatte er das nicht

gewagt. »Ja, so ist es mit mir -- die Menschen sind von jeher um mich

herumgelaufen wie Gassenbuben: jeder hat eins der kleinen Fenster an

mir eingeworfen. Und ehe ich zu Sinsheimers kommen durfte, hab' ich

wohl ausgesehen wie das Haus eines Lumpenmanns. Sie haben alle in

meinem Leben herumgewühlt wie in einem lächerlichen Dinge. Deshalb ist

es so mit mir geworden. Erst durch Frau Do hab' ich Lust bekommen, dies

Haus des Lumpenmannes wieder ein wenig sonntäglich aufzuputzen. Und

nun möcht' ich es so schön haben, daß es auch Ihnen gefällt, Fräulein

Kordula. Meinen Sie, daß das ginge?«

So darf sich die Wildenbruchbank am Horn rühmen, die wunderlichste

Liebeserklärung gehört zu haben, die je losgelassen worden ist.

Kordula Gunkel war nicht schwerhörig. Sie sagte: »Wissen Sie was,

lieber Cornelius? Wir werden die Sache miteinander versuchen ... denn

das war es doch wohl, was ich ahnen sollte?«

»Ja, liebe Kordula, das war es.«

»Sie meinen, wir sollen uns heiraten, und dann ...«

»Dann, Kordula -- Kordula!«

Sie zogen nun die blaue Sammetdecke der Nacht ein wenig fester um sich

zusammen ...

»Es ist alles gar nicht so furchtbar schwer, du, gelt?« lachte Kordula.

»Ja, nun ist es sehr süß und sehr einfach. -- Komm,« sagte er nach

einer Weile, »ich zeige dir jetzt mein kleines Haus.«

Da gingen sie den Wall entlang in der holdseligen Finsternis und

glitten durch die Schlüpfe im Zaun.

Es war recht jämmerlich in dem Häuschen. Aber Erich Meyer fand es

herrlich. Es war viel jämmerlicher als in jenen Tagen, in denen Jockele

dort gewohnt hatte. Was darin stand, hatte Meyer des Abends von Do

herübergetragen. Der Stutzflügel füllte das Vorderzimmer, daß fast kein

Platz mehr blieb. Aber mit einiger Mühe gelangte man zwischen Wand und

Flügel hindurch in den Schlafraum. Da war neben dem Bett auch nur ein

schmaler Gang, in dem aller möglicher Kram aufgestapelt lag. Erich

Meyer hatte die kärgliche Stehlampe angebrannt und leuchtete an den

Dingen verliebt herum.

So sah das Leben Erich Meyers aus. Es war ein Haufen Gerümpel, und

mitten darin stand der glänzende kleine Flügel. Aber es war zu merken:

eines Tages würde auch er untergegangen sein in den Dingen, die sich um

ihn sammelten. Der Flügel stellte Meyers Herz dar, und das ganze kleine

Haus Erich Meyers Leben.

Und doch wurde Kordula Gunkel sehr vergnügt an allem, was sie sah.

Genau so hatte es ihr Gwendolin schon erzählt. Fünf Jahre lang hatte

sie vor ihrem Leben gestanden, wie viele Mädchen, und hatte dies Leben

gefragt: »Was soll ich denn nun tun?« Und dies Leben hatte vor ihr

gestanden und die Schultern gezogen. Aber in dieser Nacht sagte es zu

ihr: »Weißt du nun, was du tun sollst, Kordula Gunkel? Du bist vor

einem halben Jahre nach Rom gefahren und hattest den Mut, etwas viel

Schwereres zu vollbringen. Weißt du nun, was du tun sollst?«

Ja, sie wußte es. »Du,« sagte sie, »da müssen wir gleich beginnen,

alles fest in die Hand zu nehmen.« Sie rückte den Stuhl neben den

Klaviersessel Meyers, und sie fingen an zu rechnen und Pläne zu machen,

und Kordula preßte die Pflugschar zur ersten Furche in das verqueckte

Land.

Es war so, wie wenn ein Mann einen Acker gekauft hat, auf dem seit

Menschengedenken Sommer und Winter wachsen und ruhen ließen, was Wind

und Sonne an gutem und wildem Samen in die Scholle geworfen haben nach

ihrer Wahl.

Und am Ende der Woche, in der dies alles geschah, kam Heidi das

Frühlingskind.

Kein Wunder, daß Gwendolin und Kordula in der Pflege um Do

wetteiferten. Sie wechselten in den Tag- und Nachtwachen ab, und

sie wußten nun alle drei, daß sie von dieser Woche noch zärtlicher

aneinandergekettet worden und daß ihr Leben auf einmal ein ganz anderes

Gesicht bekommen hatte. Die Herzen der Mädchen hatten heimgefunden und

sahen eine schöne lichte Straße, von der sie nun sagten: hier müssen

wir wandern. Und die gütige und weise Frau Do, die sich seit der

Mitte des Winters in beseligtem Erwarten ein wenig zur Seite gestellt

hatte, fühlte nun wieder inniger mit den Mädchen. So waren sie sich

in vollerem Glücke nähergerückt. Es gab neue Pflichten im Hause für

Kordula und Gwendolin, Pflichten, die sie heimlich ersehnt hatten, um

Do und Jockele ihre Dankbarkeit zu bezeigen. Und über allem schwebte

die fröhliche und doch wehmütige Zuversicht: in ein paar Wochen wäre

dies neue Leben schon wieder von einem noch neueren verdrängt. Danach

würden sie zusammenkommen als drei junge Frauen, jung und glückselig

und voller Erfüllungen und Geheimnisse ...

So lief die Zeit. Es war anders geworden in allen Dingen, seit Heidi

das Frühlingskind Einzug gehalten hatte. Aber ein liebes heimeliges

Märchen blieb's, ja, es war noch lieber und heimeliger als zuvor. Do

fand das richtige Wort dafür und sagte:

»Es ist ein Sommer der gekrönten Sorgen. Wißt ihr noch, wie wir damals

im Blockhaus auf der Osterinsel schon einmal an Hochzeit und kleinen

Ausstattungen bauten? Es ist jetzt viel schöner. Es ist jetzt so, wie

ich mir dachte, daß es sein müßte -- wir sind jetzt erst alle drei

daheim,« setzte sie in ihrer goldenen Innigkeit hinzu.

Darüber wurden Sommer, Leben und Menschen immer fertiger und schöner.

Zuerst hielten Meyers Hochzeit. Es war im Juni. Sie mieteten das kleine

Haus am Park, das vor Oberweimar an das Birkenwäldchen hingelehnt

ist. Man muß nur immer die breite Straße weiter gehen, die an Goethes

Gartenhause vorüberführt -- da ist es dann das erste linker Hand. Auch

wenn man abends vorbeigeht, erkennt man es gleich: hinter zwei Fenstern

des Oberstockwerks brennt eine grüne, hinter den zwei anderen eine rote

Lampe. Bei der roten sitzt Erich Meyer und verdichtet sein junges Glück

in Tönen. Kordula ist eine kluge, ruhsame und frohbewußte Frau. Deshalb

steht Erich Meyer in voller Blüte. Er ist nun Lehrer für Komposition

und Klavier an der Musikschule.

Na, und Schaffraths? Die warteten noch auf das Haus, das in dieser Zeit

als Nummer 15 am Horn gebaut wurde. Sie wollten sich alle nahe bleiben

und auch in der Nachbarschaft Goethes, damit die grüne leuchtende

Parkstille ihnen durch Fenster und Herzen schiene und dazu die freudige

Blüte des Lebens, die im Märchenhause gedieh.

So lebten sie bis tief in den Sommer hinein, und doch hatten die Tage

schnellere Flügel als je zuvor. Wie sich einer an den anderen reihte in

sommerlicher Helligkeit, waren Gwendolin und Do mit der kleinen Heidi

schon von morgens an unter den Bäumen des Gartens, oder sie saßen auf

dem Platze mit dem weichen geschorenen Rasen. Es war für jede Stunde

des Tages eine Stelle gewählt, an der es ganz besonders herrlich war.

Jockele war nur mittags oder abends in ihrer Gesellschaft. Die

Monographie über die Froschlurche hatte er nun fertig und einem

Verleger übergeben. An dem Werk über die Flechten arbeitete er in

dieser Zeit nicht; es brauchte dazu noch weiterer Forschungen.

So saßen sie auch einmal nach Tisch im Garten zusammen: Do, Jo und

Gwendolin, die die kleine Heidi auf dem Schoße hatte. Da planten sie

die »Flechtenreise«, die recht breit und besonnen sein sollte wie

ihr Leben. Jockele wollte nämlich mit Do und seiner Tochter in einem

Kutschwagen in das Fichtelgebirge reisen, dann die Kammstraße des

Erzgebirges entlang fahren, an den Hochmooren zwischen Böhmen und

Sachsen dahin, und so immerfort nach Osten bis in das Riesengebirge.

Sie dachten, es könne ein ganzer Sommer über jener Wagenfahrt

dahingehen; aber in dieser Zeit fingen sie die Reise in ihren

fröhlichen Gedanken schon an. Sie sprachen davon, was sie mitnehmen

müßten, wiewohl es bis dahin noch vier oder fünf Jahre dauern würde,

und sie malten sich aus, wie sie zu dritt ganz langsam durch die

Herrlichkeit der Bergwälder rollen wollten. Das wäre dann eine sehr

neumodische Art zu reisen; und eine neumodische Art, wieder zu dem

Genuß einer Reise zu gelangen und nicht nur zum Behagen am Ziele. »Es

gehört Zeit dazu,« sagte Jockele, »es gehört auch Zeit zum Leben. Die

Menschen haben diese fröhliche Muße verloren, aber ich will sie für

euch und mich erringen, selbst auf die Gefahr hin, vor der Welt ein

Narr zu heißen.«

Jockele und seine Frau · 第 13 / 24 题