»Lars Thord wird wieder etwas auf dem Herzen haben,« setzte Jockele mit
gut verhehltem Spotte hinzu.
»Ach nein,« antwortete Nane, »wenn Lars Thord kommt, so setzt er sich
auf die Klippe und angelt Karauschen. Deshalb bin ich auch nicht hinaus
gewesen in der Nacht. Es war mir unheimlich. Vor Lars Thord ist es mir
nicht unheimlich.«
»Wir müssen da mal aufpassen,« beruhigte sie Jockele.
»Ja, das müssen wir wohl,« sagte Nane Thord.
John Williams war seit ein paar Tagen verreist, nach London. --
Gwendolin wußte: am zweiten Morgen nach dem Überfall hatte er die Fahrt
angetreten.
In der Nacht, von der Nane Thord auf der Osterinsel erzählte, was
sie darin gesehen haben wollte, schlenderte Johnny vom Hydepark her
durch die Greenstreet seinem Gasthause zu. Es ist da an der Ecke ein
Kaffeehaus, in dem man zu allen Zeiten Deutsche trifft. Als Johnny im
Vorübergehen durch die große helle Scheibe blickte, stand er mit jähem
Ruck still, als wäre er gegen ein Hindernis gestoßen. Denn da drinnen
sah er einen hünenhaften Menschen sinnend hinter dem Stuhl eines
Schachspielers stehen ... Jawohl, es war Henrik Tofte!
Da ging Johnny hinein. Aber Tofte bemerkte ihn nicht. Es wurden in dem
Raume mehrere Partien ausgetragen, und es wurde kein Wort gesprochen.
Deshalb setzte sich John Williams an einen der kleinen Tische, die
hinter Henrik frei waren, bestellte sich ein Glas Tee, rauchte die
Pfeife und wartete. Wartete zwei Stunden, ohne daß er von dem »großen
Lichte« bemerkt wurde; denn Tofte war ganz vertieft in die Partie, der
er zuschaute. Während nun da und dort ein Spiel mit dem Siege ausging
oder remis wurde, erkannte Johnny: man spielte in diesem Kaffeehaus die
Partie um die Zehnpfundnote. Um so merkwürdiger war die Anwesenheit des
Malers. Zuletzt lief nur noch jene, bei der sich Henrik als Zuschauer
aufgestellt hatte. Da wurde der schwarze Turm geschlagen. »Ich gebe das
Spiel auf!« rief der Verlustträger seinem Partner zu, »Sie haben Ihre
zehn Pfund gewonnen.« -- »Geben Sie sich nicht verloren, Herr!« sagte
Henrik Tofte. »Doch? Nun, wenn Sie erlauben, spiele ich die Partie für
Sie zu Ende und -- wenn Sie mir im Gewinnfalle fünf Pfund abgeben.« --
»Mit Vergnügen, mein Herr,« sagte der Deutsche und schaute verwundert
an dem Riesen empor. Der setzte sich ans Brett und gewann mit dem
siebenten Zuge. Eine freudige Erregung unter den Anwesenden war die
Folge. Währenddessen schob Tofte die verdienten hundert Mark in die
Tasche.
»Nun darf ich Sie wohl auch zu dem famosen Spiel beglückwünschen,
Meister!« sagte in diesem Augenblick John Williams.
»Johnny!!«
»Ich bin's leibhaftig!«
»Kommen Sie, trinken wir eine Flasche Sekt!« sagte Tofte in alter
Gewohnheit, faßte seinen Schüler unter und verließ mit ihm das
Schachzimmer. Draußen in dem Erfrischungsraum, in sicherem Winkel,
setzten sie sich fest. »So treib' ich es seit einer Woche, mein lieber
Johnny,« erzählte das große Licht.
»Und haben sich dabei einen häßlichen Augenkatarrh geholt,« warf John
halb im Scherz, halb im Ernst ein.
»Weiß der Teufel,« entgegnete Tofte, »ist das schon so sichtbar? Im
Zirkus hat es angefangen. Es war ein Hundeleben, sag' ich Ihnen. Seit
fünf Wochen bin ich nun in London. Ich habe gemalt wie nie zuvor:
beim Schifferfeuer an der Themse, im Mondschein an der See und im
Hafen, bei lumpigem Tranlicht in Armeleutkneipen und im Staube der
Straßen. So an die vierzig Bilder. Bei dieser wilden Fahrt haben meine
Augen nachgegeben -- wie ein Pferd beim Rennen um den Goldpokal ...
Schicksal, Schicksal, Mister Johnny!«
»Vierzig Bilder!« rief Williams wie im Traume.
»Nu passen Sie auf,« sagte Tofte. »Einmal hab' ich einen Stoß davon
unter den Arm genommen, habe mir einen deutschen Matrosen als Dolmetsch
gedingt, und so bin ich zu Mister Watson gezogen. »Kaufen Sie mir
diese Bilder ab, Herr,« hab' ich zu ihm gesagt. »Well,« hat er gesagt,
»lassen Sie sehen.« Und »Ah« hat er gesagt, »was soll mir so etwas
nützen? Es ist nicht die Kunst, die ich brauche. Sehen Sie, dies hier
-- dies wird bei mir gesucht!« Dabei führt mich der Kerl vor Bilder,
die ich im Hardanger Fjord gemalt habe und die nun die Namen James King
und John Williams tragen!«