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Der Doktor Jakobus Sinsheimer -- lieber Gott, wer kennt den Doktor

Jakobus Sinsheimer nicht! Hat er nicht als »der Jockele« wegen seines

heftigen Betriebes mit den Mädchen die kleine Stadt Weimar in große

Aufregung versetzt? Der Jockele, der als Zigeunerbüblein von der guten

Tante Veronika auf der Schwelle des Hauses am Walde gefunden wurde!

Der Jockele, der sich hernach so kraftvoll hineinliebte ins Leben! Der

zuerst ein Maler werden wollte, und zu dem dann sein väterlicher Freund

Ernst Haeckel in Jena sagte: »Ein rechter Kerl geht nicht unter -- auch

ohne Matura; deutsche Hochschulprofessoren sind keine Philister, und

aus einem Zigeuner wird durch die kluge Sorge seiner alten Tante ein

gelehrter Doktor.«

In Bonn, wo er mit Doris Rinkhaus Hochzeit feierte, sprach er ein Wort

von grundlegender Bedeutung. Er sagte: »Mit Männern, in deren Leben

die Frauen nicht eine ungeheure Rolle spielen, hat es ein Aber.« Das

schmetterte er so über die Hochzeitsgesellschaft hin. Und die Welt

hielt davor den Atem an. Eine ältere Dame sagte sogar: »Ooh!«

Papa Rinkhaus, der Fabrikbesitzer, war ein gescheiter, eigenwilliger

und reicher Mann. Es kam ihm gar nicht darauf an, den Schwiegersohn

gleich an seinem Ehrentag ein bißchen in Reparatur zu nehmen. Seiner

väterlichen Würde war sowieso eine harte Probe zugemutet worden, weil

seine Tochter Doris ihre Herzensangelegenheit durchaus zu eigener

Sache gemacht hatte. Nun konnte er gleich anfangen, das Versäumte

nachzuholen; denn -- wie gesagt -- die Hochzeitsgäste hielten den Atem

an. Der Jockele, der aus dem Thüringer Walde gezogen worden wie Moses

aus dem Schilfe des Nil, schien ja mit recht netten Grundsätzen in die

Ehe zu treten! Oh!

Aber Xaverius Rinkhaus zerplatzte nicht gleich, wie das die ältere

Dame erwartet hatte. Nein, nein, er war auch ein vorsichtiger Mann und

fragte: »Wie meinen Sie das?« Es klang steil.

»Ganz anders, als Sie erwarten, meine Herrschaften,« sagte Jockele

mit Genugtuung. »Was mich betrifft, so werde ich mich in die Sonne

meiner Frau stehen, wie sich die Erde stellt in das Licht des

Frühlingshimmels.«

»Wie schön!« seufzte die ältere Dame bekehrt. Aber »Na na!« sagte

Fräulein Hanna von Fellner, die ein halbes Jahr mit einem Oberleutnant

verlobt gewesen war. Im Grunde war es ihr gar nicht unangenehm, daß man

es bei diesem deutsamen »Na na« nicht bewenden lassen wollte. Sie hatte

gegen die Liebesfähigkeit junger Männer ihre Bedenken -- zum mindesten

gegen die Ausdauer dieser Liebesfähigkeit. Und weil der Hochzeiter

Jockele so vergnügt um sie herschien, getraute sie sich, mit ihm eine

Lanze zu brechen. Oho!

»Lieber Doktor, Sie sind ja nur in die Enge getrieben worden. Sie

wollen Ihre junge Frau nicht ängstlich machen. Und Sie fürchten sich

vor dem gewappneten Heer, das um Sie lagert! Wetten wir, daß Sie vor

dem ehelichen Dasein alle Bangigkeit befallen hat, die die Männer nun

einmal davor aufbringen?«

Es war ein roter neunzehnjähriger Mädchenmund, der das daherredete,

wunderhübsch aufgeblüht und wissend -- aber nicht zu sehr. Und gar

nicht verkümmert in ungestillten Sehnsüchten.

Deshalb setzten namentlich die jungen Frauen der Tafelrunde gleich

alle Lichter heraus. Teufel auch -- wenn solche Weisheiten zwischen

angewelkten Lippen hervorgesickert wären, so hätte man sich verstohlen

mit den Füßen ein Zeichen gegeben und hätte gedacht: »Nun ja, die

Konzession hat sie nicht bekommen -- deshalb verschenkt sie nun den

Wermut der Liebe.« Aber auf Hanna von Fellner traf das nicht zu. Nein,

es traf nicht zu -- trotz der aufgetrennten Verlobung; denn erstens war

sie Dos ausgezeichnete Freundin, und zweitens war sie dieser aufrechten

und klaren Do leuchtendes Ebenbild. Wer die beiden nicht kannte, hielt

sie für Schwestern.

Der Hochzeiter Jockele hatte, wie man weiß, gerade sein Werk »Der

Kunsttrieb der Natur« vollendet. Deshalb hatte er den Kopf noch bis

oben voll von Wissenschaft über »die Entwicklung der Organismen aus

eigener Kraft durch die physikalische und chemische Energie der

lebendigen Substanz«. Er hätte also präziser antworten können, als er

es tat. Aber er wollte der lustig aufgewiegelten Hanna nicht gleich

Schach bieten, ließ sich in ein Gefecht mit ihr ein und wettete um eine

Mark: er hätte nicht halb so viel Angst vor dem ehelichen Dasein, als

sie ihm andichte.

Schon wegen der Wette um die Mark bekam er die Lacher auf seine Seite.

Für Hanna von Fellner dagegen wurde die Lage unbequem.

»Lassen Sie sich nicht aus dem Sattel werfen, Hannachen!« reizte Herr

Xaverius Rinkhaus.

Nun, der Jockele war ja seit drei Stunden verheiratet; und Hanna

gehörte zu seiner Frau -- sie gehörte also auch zu ihm. Deshalb durfte

sie das schon wagen. »Also,« trumpfte sie heraus, »meine Wette hab'

ich gewonnen: ein bißchen Angst haben Sie schon zugegeben! Sie sind

aber auch ein viel zu junger und interessanter Mann, als daß es Ihnen

nicht bange sein müßte vor der Hürde der Ehe. Wie lautet doch die

Weisheit junger Leute Ihres Schlages? Sie schupfen verstellungsfroh die

Schultern, lieber Doktor! So will ich Ihnen auf die Sprünge helfen. Sie

alle fürchten sich vor dem geordneten Leben ...«

»Stempeln Sie mit diesem kühnen Satze nicht jeden unverheirateten Mann

zu einem Zigeuner?«

Das sorglos gleitende Schiff Hannas war gegen eine Klippe gefahren.

»Nun, so will ich sagen: Junge Männer, wenn sie glauben, daß sie

richtig gehen, lieben die fröhliche Wildnis, und sie meinen, in der Ehe

verkümmern ihnen unentbehrliche Blüten des Lebens.«

Es war keine Erörterung für eine Hochzeitstafel; auch dann nicht,

wenn man schon bei den Knackmandeln war. Und doch geriet weder die

vortreffliche Stimmung noch einer der Gäste dabei in Gefahr. Nicht

einmal Hanna selbst. Aber sie war klug und wollte für diesmal nicht

recht behalten. Sie warf dem Jockele also noch rasch einige Perlen

aus der Kette ihrer Gedanken zu und rief: »Geben Sie acht, Doktor,

daß Ihnen keine davon fortkommt! Auf der Insel der Auferstehung oder

im Riesengebirge oder im Gartenhaus am Horn in Weimar wollen wir sie

wieder schön auf den Faden reihen.«

Die Insel der Auferstehung ist ein Eiland im Hardanger Fjord. Der

Name war von einem Kreise junger Menschen erfunden, die in jener

Zeit daselbst hausten. Eine Vereinigung von Künstlern, Träumern und

lebensfrohen Kämpfern, die sich »Sturmschwalben« nannten.

Hanna von Fellner hatte nach ihrem rückgängig gewordenen Verlöbnis zwei

Wochen auf dieser seligen Insel gelebt. Sie war von einer Freundin

dorthin gerufen worden, die die Düsseldorfer Akademie besuchte und

einen Sommer lang am Strande Norwegens malte. »Ich gehörte zu den

Träumern unter den Sturmschwalben,« sagte Hanna.

»Nun ja, damals!« lachte Jockele.

Und sie berichtete, wie herrlich, groß und einsam die Welt dort wäre.

Die Insel der Auferstehung sollte das erste Reiseziel des Doktors und

seiner jungen Frau sein. Hannas beredter Mund hatte viel zu reizvoll

von dem Fjord und den Sturmschwalben geplaudert. Dort im nordischen

Sunde auf dem Sonneneiland flog Jugend aus vielen Ländern zusammen.

Es gab keine gedruckten Vereinsgesetze, keinen Vorstand und keinen

Kassierer, keinen Monatsbeitrag und keinerlei andere Verpflichtungen.

Die Feste, der Ernst und der Frohmut, das Weilen und das Wandern waren

dort Eingebungen des Augenblicks.

Im Hochzeitstag am Rheine tauchte das Bild der Insel der Auferstehung

empor und ging unter in Tanz und Glück. Vor Mitternacht -- aber lange

nicht als die letzten -- verschwanden auch Jockele und Do. Danach

blieben sie einige Zeit verschollen. Das erste Lebenszeichen sandten

sie aus dem Blockhaus am Fjordstrand, in dem sie ihre Koffer, ihre

Daseinslust und ihre Neugier einstweilen verstaut hatten. Von Hanna

wußten sie: ein Gasthaus gab es auf der kleinen Insel nicht. Auch nach

ihrem Namen forschten sie bei den Fischern vergeblich. Selbst auf dem

Dampfboote, das sie durch den Fjord trug, hatte kein Mensch eine Ahnung

von dem Eilande der Auferstehung. Nur das Gehöft Krokengaard kannte

man. Das lag drüben am Fjordufer über der Sägemühle. Das hatte ihnen

Hanna als Ziel ihrer Fahrt genannt. Es schäumte nahe dabei in jähem

Sturz ein Bergfluß über Schründe und Zacken und zerschlug sich zu einem

Schleier von Staub.

Am anderen Morgen ergingen sich Do und Jockele am Strande vor dem

Plätschern der schimmernden Wasser. Da glitt ein Boot mit einem braunen

Segel herüber, und Nane Thord stieg heraus. Sie trug ein schwarzes

Wollgewand und eine weiße Haube.

Auf Nane Thord mit den stillen grauen Augen hatten sie gewartet. Das

war die Witwe des Fischers Lars Thord. Sie segelte bis tief in den

Herbst hinein an jedem Morgen von der Insel herüber. Mit dem geräumigen

Korb am Arm zog sie von Haus zu Haus. Auf Krokengaard erstand sie

Eier und Butter, beim Krämer geräucherten und rohen Lachs, Anschovis,

fetten Hering. Sie kaufte rote Rüben und Zwiebeln, Olivenöl, Essig

und Pfeffer; Knäckebröd mit Anis gewürzt; Sillsalat aus mariniertem

Hering; sie feilschte um Gammalost, den schärfsten alten Käse, für

den der Maler Henrik Tofte seinen letzten Pfennig anlegte, und ließ

sich die Flaschen füllen mit Pomerans und Finkelbränvin. Sie verstaute

in ihrem Korb Brot aus feinem Mehl und Gänsebrust und Kaviar ... Oh,

dem »Smörgasbord« von Nane Thord konnte kein Mensch nachsagen, daß

dieser kleine Vorspeisentisch nicht zu aller Zeit mit Umsicht und

Liebe gerüstet stünde! Was ein Smörgasbord eigentlich wäre, wußten die

beiden landfremden Hochzeitsmenschen noch gar nicht. Sie kamen sich

bei ihrer Strandwanderung ein wenig entwurzelt und sehnsüchtig vor;

denn sie waren an ihrem Reiseziel und waren es doch nicht. Sie hätten

hinüberrufen können zu der Insel der Auferstehung, und dennoch lag

die in dem dunkeln Wasser wie ein fernes, fernes Land. Es war, als

müßten sie erst die Schneegefilde vom Folgefond, die sich vor ihnen

in der Flut des Fjords spiegelten, überschreiten in langer, mühsamer

Wanderung, um hinzugelangen. Aber als Nane Thords Boot gegen den Strand

stieß, sprangen sie herzu wie Kinder, die ihre Mutter erwarten, und als

wäre das Schifflein das Spielzeug, das sie ihnen mitgebracht hatte.

Nane Thord aber wunderte sich an der leuchtenden jungen Frau Do

über die Maßen. »Es wachsen viele blonde und hohe Mädchen an diesem

Strande,« sagte sie, »aber so hell ist keine von uns.« Do sah aus wie

ein Maitag, der über die Zinnen der Berge blüht. Dann redeten sie von

Hanna und fanden sich darüber gleich gutbekannt zueinander.

Während Nane Thord ihren Einkäufen nachging, blieben die beiden im

Boot. Sie machten es los und glitten vor dem sachten Morgenwind

uferhin. Es dauerte zwei Stunden. Da lernten sie das Boot wenden und

die Leinwand in den Wind stellen. Sie wurden kecker und fuhren ein

wenig hinaus.

Es hatte sich nämlich ein Mensch zwischen dem Gesteine der Insel halb

aufgerichtet und schaute ihnen unverwandt zu. »Ich glaube, dieser

steinerne Gast ist Rolf Krake,« sagte Do.

»Ach so -- der Dichter, Träumer, Maler, Lautenschläger und Drechsler?«

fragte Jockele. Sie kannten seinen Namen und seine wunderliche Art von

Hanna. Die hatte ihnen sein Bild nicht ohne Teilnahme gezeichnet und

hatte gesagt, Rolf Krake wäre die einzige der Sturmschwalben, die Nane

Thord über den Winter hätte Gesellschaft leisten wollen. Das einsame

Eiland gehörte ihr, und außer ihr wohnte niemand dort.

Von Rolf Krake stammte der Name der Insel und der Vereinigung. Von ihm

rührte auch der Anbau aus Stämmen her, der dem kleinen Blockhause des

Fischers Thord im vorigen Jahr angefügt worden war.

Dieser Anbau hatte, wie das alte Haus, ein Rasendach, tief herabgezogen

und auf geschälte Birkenrinde gelegt. Aber während der Rasen auf

dem alten ganz von Moos und Flechten übersponnen war und nun in der

Morgensonne leuchtete wie dunkles Gold, blühte das neue wie ein

Frühlingsanger von Gänseblumen, blauem Gundermann, roten Taubnesseln

und Schaumkraut. »Man kann von den Dächern dieser Blockhäuser die ganze

norwegische Flora zusammenstellen,« sagte der Naturforscher Jockele.

Da sahen sie Nane Thord von der Sägemühle her wieder über das kurze

Gras des Vorlands herabschreiten. Sie arbeitete mit dem freien Arm

wie eine Windmühle mit ihren Flügeln; denn sie wollte sich den beiden

bemerkbar machen. Also fuhren sie hinüber. Nane Thord ergriff Steuer

und Segelleine. Und wie ein Renner, der sich wieder in sicheren Händen

weiß, eilte das Fahrzeug nun über den Fjord.

Der Mann zwischen den Steinen kroch hervor und machte das Boot fest.

Es war aber nicht Rolf Krake, sondern Henrik Tofte, der Maler, der

auf seinen alten Käse gewartet hatte. »Nane Thord hat mir den Tag

zerdonnert,« sagte er. »Wissen Sie, auf mich haben alte Käse die

Wirkung wie auf Ihren Dichter Schiller die faulen Äpfel. Eigentlich

wollte ich heute das Bild für Johnny fertigkriegen -- es ist nämlich

eine Sonnenstimmung aus dem frühen Tage ... Nun bin ich den Vormittag

über zu Stein geworden.« Dabei schob er einen halben Laib Brot aus der

Hand Nane Thords in die Tasche seines Malkittels, nahm den Steinnapf

mit dem Käse in Empfang und stieg wieder seinem vorigen Sitz in den

Zacken entgegen.

»Man darf es mit Herrn Tofte nicht verderben,« sagte Nane Thord

geheimnisvoll. »Er ist 'n Kerl wie 'n Eichbaum; er kann malen wie der

liebe Gott. Aber wenn er wild wird, geht er nieder wie eine Lawine.«

»Ein bißchen viel auf einmal,« lachte Do. »Hat ihn eigentlich Fräulein

von Fellner kennen gelernt?«

»Ah nein! Er ist doch erst mit den beiden Engländern James King und

John Williams im August gekommen.«

Dann schritten sie vom Landeplatz den schmalen Steig zwischen

Felsblöcken empor und traten in den neuen Teil des Blockhauses, den

sie den Krakesaal nannten. Es war ein einziger großer Raum mit zwei

Reihen niederer Fenster an den Längsseiten, mit weißen Vorhängen und

mit Blumen auf den Brettern. An der rückwärtigen Schmalseite lag eine

Feuerstelle. Ein Kupferkessel hing an einer Kette über glimmender

Torfglut. In der Mitte stand ein bedeutender runder Tisch. Dunkle

geräumige Stühle waren im Kreise darum geordnet. Und beim ersten

Fenster, vor der Staffelei, stand eine Malerin, die strich in heftiger

Versunkenheit die goldene Dämmernis aus ihrem Pinsel. Sie dachte wohl:

es ist Henrik Tofte, der mit der Fischerfrau hereinkommt. Deshalb

wandte sie sich nicht um. Aber als sie Nane Thords feiertägliche

Sprache hörte, wagte sie einen Blick aus ihrer Lichtfreude. Und ...

»Jockele! Do, goldene Do!«

»Gwendolin Vogelgesang!«

Es folgte ein ungeheurer Zusammensturz. Zuerst rissen sich Gwendolin

und Jockele an die Herzen. Dann warf Do ihre Arme um beide. So

jauchzten sie ihre Glückseligkeit von heißen Lippen und aus quellenden

Augen übereinander dahin. »Gwendolin, du ewiges Licht, du Zauberin!«

Und genau wie damals in der Stube der kleinen Wirtschaft im Webicht

bei Weimar, als die lange Gwendolin dem Jockele die Bilder zum »Armen

Heinrich« verkauft und ihm sein erstes selbstverdientes Geld in blauen

Scheinen gebracht hatte -- genau wie damals schossen diese ranken

jungen Menschen durcheinander wie Waldbäume und verflochten sich mit

Wurzeln und Ästen. Aber nun waren es ihrer drei. Und genau wie damals

stand eine Wirtsfrau zwischen Tür und Angel, kriegte die Verklärung

und schrieb unter das Bild in Lebensgröße »Ein Wiedersehen nach langen

Jahren«. Aber nun hieß die Wirtsfrau Nane Thord.

Großer Gott, wie klein ist deine Erde!

Henrik Tofte bekam durch das offene Fenster hinaus eine Ahnung der

Ereignisse. Sollte der Herr, der sich ihm als Doktor Sinsheimer

vorgestellt hatte, einer der vielen sein, die Gwendolin Vogelgesang

einmal schön gefunden hatten? Und einer von denen, die sie hernach

gehen hieß mit hochmütigem Munde -- »ich kenne diesen Menschen nicht«?

Henrik Tofte, der ährenblonde Skalde, schritt zweimal ums Haus, um sich

zu überzeugen, ob es dadrinnen einen Streit gäbe oder eine ausgelassene

Freude. Er entschied sich für die Freude und kam herein. »Tofte,

herrlicher Tofte, das ist doch der Jockele und seine Frau Do!« jubelte

Gwendolin.

»Ach soo!« brummte der Maler. Dann vollbrachte er eine fast

ehrfürchtige Verbeugung vor Do. Aber den Jockele nahm er in seine

beiden Hände ... »Herr, Herr --«

»So redet er sonst nur den lieben Gott an,« rief Gwendolin dazwischen.

»Herr, Herr, hätten Sie sich nicht mit einem falschen Namen eingeführt

drunten am Inselrande, so hätt' ich Sie auf meinen Armen in dies Haus

getragen. Ja, wenn Sie der Jockele sind, Sie Seligster unter den

Menschen! Sie kennen wir hier besser als uns selber. Na, und nun können

Sie ja mit Gwendolin und Ihrer blonden Frau wieder durch die Welt

ziehen wie auf dem Umschlagbilde des Buches ›Jockele und die Mädchen‹.

Ein gelbes Kleid und einen Wildrosenhut hat die lange Gwendolin nämlich

wieder ... Und jetzt, Mutter Thord, bringen Sie Sekt, viel Sekt! Hätten

Sie heut morgen alten Käse gehabt statt Quark, so wäre mein Bild jetzt

fertig, und Mister Johnny hätte mir eine Anzahlung gemacht, bis daß es

trocken ist. Nun aber schreiben Sie den Sekt so lange auf.«

»Geld hat er nie,« erklärte Gwendolin. »Und doch verdient er

schrecklich viel. Ich sag' euch: er kann malen ...«

»Wie ein Gott!« unterbrach sie Do.

»Nein, er kann malen, daß man sich schämt, neben ihm einen Pinsel

anzurühren. Geld hat er nie. Aber er ist der Schönste unter den

Menschen.« Dabei wandte sich Gwendolin ab, aber nicht, weil sie rot

wurde, sondern weil sie ihren Malkittel abstreifte und an den Haken

hängte. »Kommen Sie, Tofte,« sagte sie dann und zog ihm den Linnenrock

aus, »Sie gehen ja daher, als wären Sie von Stein.« Gwendolin hatte nun

wirklich das gelbe Kleid an und sah aus, als liefe sie gerade aus dem

Bilde vom Jockelebuch.

Marit, das Hausmädchen, hatte inzwischen das Smörgasbord hergerichtet;

und Jockele und Do erfuhren, was es damit für eine Bewandtnis hatte.

Dieser Vorspeisentisch stand an der anderen Schmalseite des Saales,

der Feuerstelle gegenüber, und wies, sauber zugeschnitten, alle

Herrlichkeiten auf, die Nane Thord an den Vormittagen drüben in der

Welt erhandelte. Es standen Teller dabei. Jeder nahm sich so viel und

wonach er Lust hatte.

Henrik Tofte hatte draußen gefrühstückt. Er beschied sich bei einem

Vortrunk Pomerans und Finkelbränvin. Dann saßen sie um den Tisch her.

Tofte konnte tagelang zugeschlossen sein wie die Memnonssäule; aber

heute klang er sein Glück in die Welt in ewigem Sonnenaufgang. »Herr,

Herr, ich habe Mortsrespekt vor Ihnen,« sagte er zu Jockele, »aber

dies erste volle Glas bring ich Ihrer herrlichen Frau! Frau Do, wissen

Sie, daß Sie einen finsteren Winter lang der hohe Stern dieses Hauses

gewesen sind?«

Da die Hauptmahlzeit erst des Abends um sieben Uhr genommen wurde,

hatte man Muße, alles zu erfahren, was man voneinander wissen wollte.

Jockele und Do würden auch Gelegenheit haben, alle Sturmschwalben

kennenzulernen, die in diesen Tagen im Hardanger Fjord wohnten, sagte

Gwendolin. »Sie fliegen nämlich herum, wo sie wollen -- auf, in die

Fjelds oder gar hin zu den Firnen, weit ins Land, zu den Wasserfällen

in die Schluchten, oder sie segeln den Fjord entlang. Nur zu Tisch

erscheinen sie des Abends alle mit Pünktlichkeit.«

Hanna von Fellner und Gwendolin kannten sich übrigens nicht. Auch hatte

sich seit Hannas kurzem Aufenthalte manches geändert; denn Henrik Tofte

und Gwendolin wohnten nun doch auf der Insel bei Nane Thord. Durch den

Anbau waren in dem Fischerhause zwei kleine Räume dafür frei geworden.

Neben dem Wiedersehen erstaunte Jockele am stärksten über das

Verhältnis Dos zu Gwendolin. Er mußte jenes Tages auf dem Ettersberge

bei Weimar gedenken, an dem sie Gwendolin malend im Walde getroffen

hatten. »Jakobus Sinsheimer,« hatte Do damals zu ihm gesagt, »diese

da ist Gwendolin Vogelgesang, eine Böhmin, und sehr jung. Die Männer

finden sie hübsch, und sie kann etwas.« So war das Bild Gwendolins

rasch und zutreffend von ihr gezeichnet worden. Aber zu einer

herzlichen Zuneigung war es zwischen den Mädchen nie gekommen. Und als

der Jockele in seinem jungen Unverstand an das heiße Abenteuer mit

Gwendolin geraten war, hatte ihn Do sogar mit eifersüchtigem Spott

überschüttet, und sie hatten einander den Frieden auf ein paar Wochen

gekündigt.

Nun, Gwendolin war im Hardanger Fjord noch genau so verführerisch

wie im Sommerwalde des Ettersberges. Ja sie war vielleicht noch

gewalttätiger geworden in ihrer Sieghaftigkeit und Sinnenfreude. Aber

Do brauchte sie heute nicht mehr zu fürchten. Und sie war auch inniger

und fraulicher -- natürlich nur, was ihr Herz anlangte; denn die

schlanke Biegsamkeit des Leibes und das ganze betörende Feuer ihrer

zwanzig Jahre schienen ihr unveränderliches Eigentum.

Den Samowar, den Gwendolin damals in einer Nebelnacht für Jockeles

kleines Heim gestiftet, hatten sie mitgebracht. Von ihm war nun die

Rede.

»Ach, der Teekessel!« jauchzte Henrik Tofte. »Das ist ja eine famose

Geschichte!«

»Die kennen Sie auch?« wunderte sich Do.

»Kunststück! Alles kennen wir -- als hätten wir's miterlebt!« gestand

der Maler. »Wir wissen sogar, daß Jungjockele in jener verbiesterten

Nacht zweimal den Namen Gwendolin Vogelgesang über die schöngemusterte

Teedecke losgelassen und gesagt hat, es kröchen nun zwei Schlangen auf

dem Tisch herum.«

Gott, wie lustig sich die Welt von damals jetzt ausnahm aus der

gesicherten Entfernung heraus!

So lag das Lebensbuch des Jockele aufgeschlagen zu tiefster

Vertraulichkeit für alle, die es sehen wollten. Und weil man auf der

Insel einen Winter lang wißbegierig darin gelesen hatte, leistete sich

der Jockele auch seinerseits gleich die vertrauliche Frage: »Henrik

Tofte, wollen Sie Gwendolin Vogelgesang heiraten?«

»Jawohl, was +mich+ anlangt,« sagte der. »Wir haben davon mehrfach

miteinander geredet. Aber mit der Gwendolin ist ja nichts anzufangen,

wenn sie nicht will.«

»Und -- sie -- will -- nicht?« forschte Jockele aus drohender

Versteinerung heraus.

»Will nicht!« bestätigte Tofte und zog die Schultern.

»Will nicht?« sagte Gwendolin. »So ist das nicht richtig! Nur -- ich

habe gelernt, mir diese Dinge zu überlegen. Man weiß, ich bin nicht

ohne Erlebnisse. Und immer mußte ich es sein, die zur Vernunft kam,

wenn es höchste Zeit wurde. Daher ist die Rede unter den Menschen:

die Gwendolin Vogelgesang verleugnet nach vier Wochen kaltherzig

jede Liebe ... Nicht wahr, Jockele?« fragte sie in Erinnerung an den

Zwetschengarten von Ettersburg.

»Es war das närrische Jungsein,« sagte Jockele.

»... das ich mein Lebtag nicht loswerden kann,« ergänzte Gwendolin.

»Aber ich bin höllisch klug geworden und auf der Hut vor mir selber.

Dürfte ich anders den Mut haben, mich -- als das einzige junge Mädchen

-- in den Ring der Männer zu wagen, die des Abends hier zu Tische

sitzen?«

Man merkte: dies Gespräch war die ganz persönliche Angelegenheit

Gwendolins und Henrik Toftes. Es brach jäh ab, als sich die Tür öffnete.

Rolf Krake kam herein.

Er ging ein wenig vornübergebeugt und sah aus, als wollte er dem

Geheimnis Gott auf den Grund kommen; und so, als wüßte er, daß es nur

noch eins gebe, das unergründlicher sei: nämlich er selbst. Aber das

wußte er nicht. Er hatte ein schmales, bartloses, scharfmodelliertes

Gesicht mit einer auffällig hohen Stirn. Darüber dünnes blondes

Haar, nach rückwärts gestrichen. Es schien zu wehen, so oft er in

innere Erregung geriet. Ein anderes Zeichen dafür gab es an diesem

besinnlichen, etwas übermächtigen Kopfe nicht. Denn die Augen lagen

ihm unter der kraftvollen Stirn -- grau und groß, und wer diese

Augen zum erstenmal sah, der dachte, es gebe auf der Welt keine, die

ruhevoller wären. Weit offen -- und dennoch Rätsel, die kein Mensch je

gelöst hat ... wenn man nicht sagen will, daß dies dem Schwurgerichte

gelungen sei, vor das Rolf Krake hernach gestellt wurde. Augen, wie

diese, hatte niemand. Nicht einmal Nane Thord. Denn die von Nane Thord

waren zwar auch grau, groß und ruhevoll, aber sie leuchteten jeden Tag

über einen Wunderglauben. Deshalb konnte Nane Thord zuzeiten in die

Welt schauen wie ein Kind, welches den lieben Gott sucht und meint,

er stehe hinter der nächsten Ecke und spiele mit ihm Verstecken. --

Seine Lippen waren schmal, aber nicht verkniffen; sondern dieser Mund

sah aus, als könnte er sich nur mit Rolf Krake unterhalten. Und doch

hatte Rolf Krake keinen Feind auf der Welt als sich selber. Aber er

war der Meinung: er selbst wäre sein bester Freund. In diesem Wahne

litt er sich an den Rand des Verderbens; denn sein bester und edelster

Freund war sein Bruder Woldemar. Der war aber noch niemals im Hardanger

Fjord gewesen; denn Rolf Krake hatte ihm, in seiner Einbildung von der

Feindschaft des Bruders, seinen Aufenthalt schon seit Jahr und Tag

verschwiegen. Nur manchmal, manchmal bekam er eine so heftige Sehnsucht

nach ihm, daß er Mister Johnnys Segelboot losmachte -- mitten in der

Nacht -- und den ganzen Fjord lang segelte -- mitten in der Nacht --

bis hinaus gegen den Bömmelsund, wo das Meer offen wird. Das tat er,

weil er auf diese Weise den großen und schnellen Dampfer erreichte,

der im Morgengrauen von Norden kommt und nach Kiel fährt. Von dort aus

reiste er seiner unheimlichen Sehnsucht nach, in einem fort bis Jena,

wo sein Bruder Woldemar studierte. Aber wenn er ihm dann die Hände

schüttelte, dachte Rolf Krake: »Es ist doch so -- dieser Mensch ist

mein schlimmster Feind.« Und in der nächsten oder in der folgenden

Nacht reiste er ohne Abschied wieder von ihm weg. -- Bei alledem hielt

kein Mensch seine Sinne sorglicher zusammen als Rolf Krake.

Was die Leute von ihm wußten, und wie sie sich das Geheimnis Rolf Krake

ausdeuteten -- das kannten Do und Jockele von Hanna. Es war vielerlei,

aber es war nicht viel. Und die Deutung war flach.

Rolf Krake dichtete und malte. Rolf Krake studierte dickleibige

theologische Schriften, aber mit gleichem Eifer Darwin, Büchner und

Haeckel. Er hatte zwar den Anbau zu Nane Thords Fischerhütte errichten

lassen, aber er wohnte in der Sägemühle am Eingange des Seitentales,

hinter welcher der Skjoldefoß sechzig Fuß hoch über die Steilwand

herabschießt. Es war dort so: der Wassersturz hing vor der Wand in der

Luft. Wenn der Wind von Norden dagegenstieß, wehte er wie ein Schleier;

denn der Felsen hatte oben eine Nase, die bei zehn Fuß hervorragte.

Über diese Nase brauste die Flut hernieder. Deshalb konnte Rolf Krake

zwischen der Bergwand und dem Falle stehen mit verschränkten Armen und

konnte -- hinter sich den Fels und vor sich die brüllende Allmacht des

Sturzes -- fürchterlich einsam sein.

Er sagte, er wohne in der Sägemühle, weil er dort an seiner Drehbank

drechseln könne, ohne daß er mit seiner Liebhaberei jemandem auf die

Nerven falle. Aber es geschah auch deshalb, weil die Sägen, Räder und

aufgeregten Wasser lauter redeten als die vielen Stimmen, die in ihm

waren.

Nach alledem könnte man denken, Rolf Krake wäre feindselig gegen

seine Mitmenschen gewesen. Aber auch das traf nicht zu; ja es läßt

sich sagen, daß er von allen Sturmschwalben der Wohltemperierteste

und in seiner Art Liebenswürdigste war. Und der Rücksichtsvollste.

Das ließ sich schon daran erkennen: er hatte an diesem Vormittage den

Gesellschaftsrock angelegt. Es hatte sich in den Strandhäusern wohl

herumgesprochen, daß die schöne lichte Frau Do nach der Insel gesegelt

sei.

Do hatte mancherlei Aufträge von Hanna für ihn. Sie spazierte also im

Saale mit ihm hin und her. Henrik Tofte trank indessen sehr viel Sekt.

Darüber wurde er aber nicht lauter als sonst, und seine Augen verloren

nichts von ihrer stahlblauen Klarheit. Wenn er früh zu trinken begann,

trank er in der Regel bis in die Nacht, ohne daß seine Hünenkraft

erkennbar erschüttert wurde.

Dieser Vollnatur gab sich Jockele in heller Aufgetanheit hin. Es gab

an ihr nichts zu raten. Do aber wurde von Rolf Krakes rätselhaften

Dämmerungen aufs tiefste gefesselt. Sie dachte: weder Hanna noch

irgendeiner aus diesem Tal ahnt sich heran an seine Seele -- und Rolf

Krake stand in der Fülle des Lichts, das von ihr ausging, und vergaß

darüber die Welt und sich selber.

Nach einer Weile kamen Mister Johnny und Mister James. Beide in

großkarierten hellen Anzügen und in gelben Kalblederschuhen mit dicken

Sohlen. Beide in Sportmützen, beide gleich hochaufgeschossen und beide

gleich blond und tadellos in der Aufmachung. An dem Malzeug, das sie

bei der Tür ablegten, war zu sehen, daß sie Künstler waren oder werden

wollten. Zu dieser Zeit waren sie englische Staatsstipendiaten, die von

Henrik Tofte jedes Bild von der Staffelei weg erstanden, vorausgesetzt,

daß er es nicht mit seinem Namen zeichnete. Mit dem reichlichen Gelde,

das sie ihm dafür bezahlten, erwarben sie das Recht, die Bilder als

ihre eigenen auszugeben und als Belege ihres Fleißes und Könnens nach

England zu senden.

Dieser Brauch hatte sich aus ihrer Bequemlichkeit einerseits, aus dem

andauernden Geldbedarfe Henrik Toftes andererseits entwickelt. Beide

Teile fanden ihn angenehm. Aber es war eines der Wasser, die zwischen

Gwendolin und Tofte rannen, und über die Gwendolin nicht zu ihm kommen

konnte.

Ihre Shagpfeifen legten sie an diesem Tag auf dem kleinen Tische neben

dem Eingang ab.

»Es ist ein lächerlich schöner Morgen gewesen,« sagte James King, »ein

Morgen mit einer lächerlichen Fülle von Farben.«

Do und Rolf hatten sich wieder zu dem runden Tische gesetzt; und der

Doktor hatte Mühe, sich nicht ausgelassen zu wundern, weil Mister James

den Tag und seine Farbenfülle lächerlich fand.

»Sie malen also eine Nebelstimmung?« fragte er.

»Im Gegenteil,« behauptete James, »dieser lächerliche Reichtum von

Licht ist mir erwünscht.«

»Lächerlich ist das einzige schmückende Beiwort, dessen sich Mister

James bedient,« erklärte Henrik Tofte.

»Ah soo!«

»Treten Sie mit ihm in den Metzgerladen, so fragt er: Was kostet diese

lächerliche Wurst? Machen Sie mit ihm eine Hochtour, so redet er von

lächerlichen Gletschern und Schründen und von einer lächerlichen

Herrlichkeit in dem Augenblick, in dem er überwältigt vor der Welt

steht. Er hat die Bedeutung dieses Wortes zu eigenem Gebrauch

umgeprägt, und es ist für ihn zu einem Universalausdruck seines

uneingeschränkten Wohlgefallens geworden. -- Dies ist die einzige

nennenswerte Eigentümlichkeit an dem großen Künstler James King.«

Henrik Tofte allein durfte sich eine solche Erklärung erlauben.

Er trieb es mit den Menschen, wie er wollte; und man ertrug seine

Allmacht. Nur in Gwendolin war eine Kraft über ihn gekommen, vor der

diese Allmacht versagte.

Mister Johnny dagegen fürchtete den starken Henrik noch aus einem

anderen selbstsüchtigen Grunde: der Liebe zu Gwendolin. Nun ja, die

Bilder des Norwegers waren wohl zu allen Zeiten mit Geld zu erkaufen.

Und selbst, wenn Tofte der Wandertrieb überkäme, oder wenn er -- was

noch schlimmer war -- sich eines Tages von Gwendolin bereden ließe,

seine Lieferungen einzustellen: in einem nahen Augenblick würde er

doch an seinen leeren Geldbeutel fassen. Und dann konnte für Tofte

und seine beiden »Schüler« die Sache wieder von vorn anfangen. Aber

die lächerlich hübsche, die lächerlich gescheite und die lächerlich

mächtige Gwendolin hatte das Schicksal von James und Johnny in der

Hand, wenn es ihr einfiel, den genialen Henrik eines Tages zu heiraten!

Am einfachsten wäre es gewesen, Gwendolin hätte ihre Bilder mit

der gleichen stillschweigenden Abmachung dem James und dem Johnny

überlassen. Aber die hatte vortreffliche Beziehungen in Deutschland,

sie behielt keine fertige Tafel lange im Hause; und zweitens brauchte

sie lächerlich wenig Geld.

Heute morgen hatten James und Johnny droben auf dem Fjeld gelegen,

angeblich malenshalber, und hatten sich gesonnt. Dabei hatten sie

erwogen, daß sie das mühselige Werken mit Pinsel und Farbe aufgeben

und dennoch die berühmtesten Maler Englands werden könnten -- nämlich:

wenn der starke Henrik ihnen für ein paar Jahre sein Genie verkaufte.

Und wenn es nur das war, was er leichtherzig »Kitsch« nannte ... Seiner

Ansicht nach malte Henrik Tofte -- wenigstens in dieser Zeit und für

James und Johnny -- überhaupt nur Kitsch. Er prahlte nie mit seiner

Kunst. Aber Gwendolin versicherte den Sturmschwalben: was Henrik

eigentlich könne, das wisse kein Mensch, und auch er selbst nicht ...

Nun, die Gefahr, daß es die Menschen so bald erführen, war nicht groß;

denn was er aus seinem genialen Pinsel strich, das trug einstweilen

die Namen John Williams oder James King. Haha! Die beiden hatten in

London eine Ausstellung gehabt von »ihren« Bildern, waren daran zu

großem Ruhme gelangt und waren mit einem Schlage die gesuchtesten Maler

ihres Landes geworden. Davon erzählten sie natürlich im Fjord kein

Sterbenswörtchen; und es schien, als ob der geniale Henrik nicht einmal

die richtige Verachtung für sie aufbrächte.

Es war ein fabelhafter Bluff. Aber er war lächerlich ungefährlich,

solange James und Johnny das Meer zwischen sich und die gläubige Heimat

legten und -- solange diese Gwendolin Vogelgesang den schönen Pott

nicht in Scherben schlug. -- Da mußte etwas geschehen.

Jockele und Do, Henrik Tofte und Gwendolin verließen die erlebnisreiche

Tafelrunde schon gegen Mittag; denn Sinsheimers wollten ein Boot

kaufen. Die Lockungen des Fjords waren mit unwiderstehlicher Macht über

sie gekommen. Aber sie wollten auch nicht immer abhängig bleiben von

Nane Thords Fahrzeug, so oft ihnen der Sinn nach der Insel stehen würde.

Gwendolin mußte mit. Das entsprach dem Wunsche Henriks. Wenn er

sie nicht in seiner Nähe wußte, geriet er aus seiner »lächerlichen

Wurstigkeit« -- wie James King den Normalzustand Henriks in tiefer

Bewunderung nannte. Aber wenn er gar einmal nicht wußte, wo sie war,

wurde er unfähig zum Schaffen. Dann war ihm sein guter Stern vom

Himmel gefallen ... Die Leute wußten das von einem Ende des Fjords

bis zum anderen. Sie wußten: dieser Mann, auf den sich die Augen

aller richteten, weil er daherschritt wie ein Sieger, konnte Felsen

zerdrücken in seinen Händen, und er konnte vor Gwendolin beten. Aber

sie hörte ihn nicht. Es war das lauterste Verhältnis, das je zwischen

zwei Menschen bestand, und doch wurde zu Land und zu Wasser kaum eines

ohne das andere gesehen. Keines betrat die Stube des anderen, die ihnen

Nane Thord von ihrem einsamen Fischerhäuschen vermietet hatte. James

und Johnny konnten dieses Platzmangel wegen nicht auf dem Eilande

wohnen. Die beiden hausten drüben am Festland unter dem Dache der

alten Bolette Steensgard, die auch eine Fischerswitwe war. Sinsheimers

behalfen sich einstweilen im Gehöft Krokengaard mit zwei kleinen

Stuben, die nach dem Fjord hinauslagen. Und Rolf Krake sinnierte in der

Sägemühle. --

Der Wind, der am Morgen die Flut gekräuselt hatte, lag irgendwo

schlafen an sonnigem Hange. Deshalb mußten die Männer die Ruder

gebrauchen. Es war eine feine Fahrt; denn der Schiffbauer wohnte

zwei Stunden fjordabwärts. Darüber ließ sich Jockele von Henrik Tofte

vollends in der Behandlung solch eines Fahrzeugs einweihen. Do und

Gwendolin aber saßen in der Mitte gegen die rotgepolsterte Rückenlehne

-- Do ganz in Weiß, Gwendolin in Gelb -- und brachten den Menschen,

die sie vom Ufer aus sahen, den jauchzenden Glauben bei, daß nun der

Frühling in vollem Gange wäre.

»Jockele,« sagte Gwendolin, »es ist furchtbar nett und delikat von

euch, daß ihr vor der Mitwelt nicht ewig das Schauspiel der jungen

Hochzeiter aufführt.«

»Der Mensch kann schließlich nicht alles auf einmal tun,« sagte

Jockele. »Jetzt bin ich dabei, mir Quasen an die Hände zu rudern --

siehste nich?«

Und: »Was meinst du, Jo -- ist es nicht so herrlich und tatenreich

hier, daß wir bis in den Herbst bleiben müssen?« fragte Frau Doris.

»Ich habe allbereits den gleichen Wunsch,« sagte Jo. »Es ist gut, daß

ich meine Mikroskope eingepackt habe. Ich werde also versuchen, mein

Werk über ›die Flechten‹ dem Abschluß nahezubringen. Später -- etwa im

Riesengebirge -- will ich es vollenden. Und zweitens werde ich eine

›spezielle Naturgeschichte der europäischen Froschlurche‹ in Angriff

nehmen. Es ist da eine Lücke in der Literatur.«

»Die Sache mit den Fröschen ist etwas Neues,« warf Do überrascht ein.

»Ja. Der Gedanke dazu ist mir in diesem Boote gewachsen.«

»Indes werde ich mich mit der speziellen Naturgeschichte der

›Sturmschwalben‹ beschäftigen,« sagte Do mit bedeutendem Lächeln.

»Hm,« scherzte Jockele, »hm -- ich werde also darüber nachdenken, ob

sich eine so junge Frau dem praktischen Studium dieses Objektes ohne

Gefahr aussetzen darf.«

»Nun,« rief Gwendolin in fröhlichem Verstehen, »man könnte ja im

Notfalle dies gefährliche Studium durch eine jähe Abreise unterbrechen.«

Henrik Tofte wurde ganz still vor dem Glück, das mit ihm im Boote saß.

Er dachte, es ahnte niemand, welch ungeheure Erlebnisse diese liebliche

Fahrt in ihn warf.

Aber Gwendolin wußte es doch; denn Henrik Tofte war für sie nie

beredter als in seinem Schweigen. Sie sah heimlich zu ihm hinüber und

erkannte: das Glück dieser klaren und aufrechten Menschen nahm sein

liebes und unstetes Herz in beide Hände und hielt es tief hinein in

die Sonne. Und Henrik träumte das Märchen: es würde nie mehr ein Sturm

durch dies Herz laufen. Ach, es war ein wunderschöner Traum!

»Weißt du, Jo,« begann Do nach einer Weile, »es wäre wohl gut, wir

ließen uns zu unserem Vorhaben ein gemeinsames Laboratorium von drei

kleinen Zimmern auf der Insel errichten.« Darüber zog der Doktor die

Ruder ein, und Henrik Tofte trieb das Boot mit leisen Schlägen voran.

»Nun, einesteils zum Arbeiten, andernteils zu unserer Bequemlichkeit;

drittens als ein heimeliges Nest für ›Sturmschwalben‹, die nach uns

auf der Osterinsel hausen möchten und unser dabei freundlich gedenken

können; und viertens: wir verbessern damit der eifrigen Nane Thord ihre

wirtschaftliche Lage. Was meinen Sie zu diesem Plane, lieber Doktor

Jockele?« fragte Do.

Dem langen Henrik schauerte das Glück immer tiefer in sein grundgütiges

Herz. Er ließ die Ruder aus den Händen gleiten und vergaß zu atmen --

wie Lottchen, als es den ersten Christbaum sah.

Er dachte nicht daran, daß man ihn auf solchen weichen Regungen des

Gemüts ertappen könnte. Es focht ihn überhaupt nicht an, was man ihm

bei seinem eichbaummäßigen Wuchs als Schwäche aufrechnete. Pah -- in

diesem Hünenkörper flossen so viel Sanftmut und Gewaltart, so viel

Allmacht und Unmacht, so viel Genie und Hilflosigkeit ineinander -- der

Teufel mochte dies Wirrsal ausfitzen! Haha, der Teufel! Als ob der ein

Interesse daran gehabt hätte, dies wunderliche Stück Dasein, das man

Henrik Tofte nannte, anders zu machen! Just so, wie er war, war er ihm

herrlich verfallen. »Auf meinen Feingehalt kannst nur du mich läutern,

Gwendolin Vogelgesang!« hatte er an einem Winterabend zu ihr gesagt,

als sie miteinander bei der Feuerstelle gesessen und dem Schneesturme

gelauscht hatten.

Nun, die Gwendolin hatte schon vor vier Jahren felsensicher auf sich

selber gestanden -- damals, als Jung-Jockele an ihr in den purpurroten

Untergang geriet und am anderen Tage der Do gelobte: »Diese Gwendolin

werde ich heiraten; sie ist ein süßes und heißes Mädel ...«

Aber im Falle Henrik Tofte fehlte ihr das Vertrauen zu ihrer Kraft.

Jockele, der sich die Quasen unter der ungewohnten Tätigkeit nun

errungen hatte, stieg nach vorn und setzte sich den Damen gegenüber.

Sie besprachen den Plan. Do hatte die Sache ausgezeichnet bedacht. Der

kleine Neubau sollte an die Westseite der Fischerhütte kommen, dem

Krakesaal entgegengesetzt. Auf ein paar Stiegen sollte man von außen

hineingehen, aber man sollte durch Nane Thords Flur auch zum Saale

gelangen können. Und es sollte alles stilecht aus Blockholz errichtet

werden, und mit einem Rasendache.

Henrik Tofte ruderte sich darüber im Grunde genommen in tiefe

Zwiespältigkeit. Aber er dachte, dieser Tag wäre die Glückseligkeit

selber und wäre für ihn die Schwelle zu einem neuen Leben. Ja, solch

ein Mensch war er nun.

Es fehlte auf der Leiter der Affekte, die die guten und schlimmen

Mächte in ihn hineingestellt hatten, das Satansgeschenk des Neides.

Dafür war bei den Übermaßen seiner sonstigen Gaben offenbar kein Platz

mehr gewesen. Und nicht vergeblich hatte für ihn das Doppelgestirn Do

und Jo lange Winternächte hindurch im Haus auf der Insel geschienen --

das hatte die berechnende Sorge Gwendolins getan. Nun fand er in diesen

beiden alles, was ihm zu wünschen blieb.

Er fing das Wünschen auf dieser Bootfahrt überhaupt zum erstenmal

an. Denn was er bis zur Stunde an anderen Menschen wahrgenommen, das

besaß er selber in Hülle und Fülle. Sogar Geld, so viel er wollte.

Früher hatte er sich auch darum den Teufel gekümmert. Aber seit ihm

das Schicksal James und Johnny gesandt -- eine Berliner Sturmschwalbe

hatte sie in scharfem Spotte »die beiden Jötter« genannt -- seitdem

hatte er auch davon mehr, als nötig war. Er brauchte nur den Pinsel in

sein Genie zu tunken und -- er vermöchte in einem Jahre die gesamte

Kulturwelt mit Begeisterung für ihn zu übermalen, behauptete Gwendolin.

Und die mußte das wissen. Sie war ihm eine strenge Richterin. Aber er

fühlte dazu -- als ein richtiges Genie -- nicht das Bedürfnis. Na,

und wenn schon! Was hätte denn das alles zu sagen gehabt gegen die

Taten des einzigen Menschen Jockele? Was denn? Dieser Jockele hatte

sich geboren werden lassen in eine Sommernacht mitten im thüringischen

Bergwald. Dann hatte er sich von der Zigeunerin, die seine Mutter war,

auf die Schwelle der gütigsten, sehnsüchtigsten und weisesten Tante

Veronika legen lassen. Diese Tante setzte sich von Stund' an mit all

ihrer Weisheit und ihrem Gelde für ihn ein. Und so früh es nur anging,

nahm ihn das Schicksal auf wie einen goldenen Ball und warf ihn schönen

oder klugen Mädchen zu, die ihn mit geschickten Händen fingen. Als

die letzte hatte sich dies Schicksal Doris Rinkhaus aufgehoben. Die

war ausgemachtermaßen so etwas wie die Krone unter den Frauen. Ja.

War es denn anders möglich, als daß bei solch einem Lebenswandel der

Zigeunerbub in ein paar Jahren sogar ein Doktor hieß? Und daß er nun

-- acht Tage nach seiner Hochzeit mit der gescheitesten Frau der Welt

-- im Boote den Hardanger Fjord entlangglitt und mit Do die Wohltaten

erwog, die sie ihm und den Sturmschwalben angedeihen lassen wollte?

Wenn diese beiden morgen nach Ägypten und in ein paar Tagen nach

Hinterindien fahren wollten, so fuhren sie -- das Schicksal würde nicht

das mindeste dagegen einwenden.

Jawohl, Rührung und Freude weinte das lange Genie über diesen

Erwägungen an die Ränder seiner Augen. So sah es nun in Henrik Tofte

aus! In jeden Gedanken drängte sich der Begriff des Schicksals.

Schicksal war das einzige Ding, vor dem der Riese auf der Osterinsel

Respekt hatte -- das heißt: wenn man Gwendolin Vogelgesang abrechnete.

Schicksal -- damit ließ sich doch noch etwas anfangen! Aber bloß mit

Genie? Pah! -- Henrik Tofte war ein Fatalist.

Das Leben der Sturmschwalben, die in jenem Frühling auf der Insel im

Hardanger Fjord zusammengeflogen waren, war äußerlich wohl sehr arm an

Ereignissen. Es war von der Art, welche Menschen aus dem Durchschnitt

»gräßlich langweilig« finden. Wie es denn die einzige Eigentümlichkeit

solcher Durchschnittsleute ist, jede Stunde fad und abgegriffen zu

machen, in die sie treten. Von dieser Gattung kamen auch etliche.

Sie flogen herzu, weil sie sich draußen in den Ländern hatten davon

erzählen lassen. Genau so, wie Do und Jo durch Hanna von Fellner von

der gastlichen Stätte erfahren hatten und neugierig geworden waren.

Und da diese Wandervögel nicht fanden, was sie erwarteten, zogen sie

rasch wieder fort. Für die anderen aber war jeder Tag eine schöne

schimmernde Schale, voll bis zum Rande.

Der Anbau, in dem Sinsheimers nisten wollten, wurde gleich in Angriff

genommen. Er bekam, wegen der gefälligen Silhouette, auch noch ein

Zimmer als Oberstock, das sich turmartig über denen zu ebener Erde

erhob. Der Mai stand in goldener Fülle über der Welt. Die Stämme,

die schon behauen bereitlagen, mußten nur auf die gegebenen Maße

zugeschnitten werden. So war der Bau ein Werk von Tagen.

Do und Jockele, Henrik Tofte und Gwendolin und Krake waren um diese

Zeit zu einer Mal- und Studienfahrt auf die Berge gezogen. Sie

hatten sich für zwei Wochen ausgerüstet und wollten nordwärts bis

zu dem großartig düsteren Songefjord. Nur James und Johnny waren

daheimgeblieben, saßen im Krakesaal, blätterten in Zeitschriften

und rauchten aus ihren Shagpfeifen. Draußen lag eine sehr finstere

Neumondnacht.

»Meinst du, daß Gwendolin und Tofte heute zurückkommen?« fragte James.

Johnny zog die Uhr. »Es ist noch eine Stunde bis Mitternacht,« sagte

er. »Ich glaube, wir fahren hinüber. Warum wartest du?«

»Weil Nane Thord noch nicht schlafengegangen ist und wohl auch wartet.

Ich habe sie vor zwei Minuten hinausgehen hören.«

Da schritten sie durch die neue Tür in den Anbau, der schon überdacht

war. Aber die Fenster waren noch nicht eingehängt. Sie sahen da und

dort noch einen goldenen Stab Licht in dem schwarzen Wasser stehen wie

Laternenträger. Die Flut flüsterte im Gestein.

»Nein, es ist ein Mensch,« sagte Johnny und lehnte sich auf den

Fensterstock und hielt den Atem an.

Der Laden vor Nane Thords Stübchen war geschlossen. Es war aber ein

Herz in jeden Flügel gesägt, so daß zwei Bündel Licht von Nanes Lampe

in die Finsternis fielen. Die lagen nun draußen auf der Klippe wie zwei

Augen. Und dazwischen stand eine Stranddistel oder eine kleine Birke

oder sonst ein Gewächs, das von dem Schein ein wenig abbekam, ebenso

wie der Zackenrand des Ufergesteins. Man konnte sich zwischen Traum und

Wachen wohl ein wunderliches Bild von dieser Erscheinung machen.

James und Johnny rührten sich nicht. Aber so sehr sich ihre Augen nun

an die Dunkelheit gewöhnt hatten, so konnten sie doch nichts weiter

entdecken als das reglose Scheinen, das gespenstisch gewesen wäre, wenn

sie nicht beide gewußt hätten, woher es kam.

Nane Thord sahen sie nicht. Weil sie aber gehört hatten, daß sie

hinausgegangen war, erkannten sie ihre Stimme. Sie sagte: »Du kannst

sehr ruhig schlafen, Lars Thord. Warum willst du nun in der Nacht hier

sitzen und angeln? Mir scheint, du nimmst dir diese Arbeit nur zu einem

Vorwande; denn das wissen wir wohl auch, daß sie dort keine Fische

essen, wo du nun bist. Es war schon bei deiner Erdenzeit so: immer,

wenn du Blockholz schichten oder eine Axt schlagen hörtest, mußtest

du hin und sehen, was sie da treiben. Du darfst aber ruhig schlafen,

Lars Thord. Es geschieht deinem kleinen Hause nichts. Oder willst du

mir sagen, daß wir seltsamen Besuch erhalten? Du bist nun schon zum

drittenmale da -- zuletzt war es, ehe Rolf Krake kam. Das ist, weil du

dir einbildest, man könnte nicht ohne dich fertig werden, Lars Thord.

Du mußt das aber nicht meinen. Es ist nun schon die vierte Nacht, daß

ich den Schlaf nicht finden kann, weil ich dich um das Haus streichen

höre ...«

James und Johnny vernahmen schlürfende Schritte; und als sie wieder in

den Saal traten, stand Nane Thord am Tisch und schaute sie aus ihren

großen grauen Augen an. »Ich wunderte mich, daß Sie weggegangen sein

sollten -- und hätten doch das Licht brennen lassen?« sagte sie.

»Kommen Sie eben von draußen?« fragte Mister Johnny mit erzwungener

Ruhe.

Da strich sich Nane Thord mit der Hand über die Stirn. »Ja -- ich bin

wohl einmal hinaus gewesen,« sagte sie in ihrer trockenen nordischen

Art.

So hatte Gwendolin nun doch richtig gesehen: Nane Thord hatte ihren

Wunderschlaf und ihre nächtlichen Erlebnisse! Und als James und Johnny

wieder allein waren, wußten sie: sie würde sich jetzt zu Bett legen zu

einem tiefen, traumlosen Schlafe.

Johnny war über all dem stark aus dem Gleichgange gekommen. Aber

Mister James rieb sich die Hände und rief: »Welch eine lächerliche

Komödie!« Er meinte damit: die Komödie wäre großartig und gefiele

ihm ausgezeichnet; denn sie hatte ihn auf einen leuchtenden Einfall

gebracht. Er trug nämlich seit einer Woche den Brief eines Londoner

Kunsthändlers Watson in seiner Tasche, der an ihn und John Williams

gerichtet war und ihnen den Besuch des Herrn Watson ankündigte. Aber

diesen Brief hatte er seinem Freund Johnny verschwiegen; denn er hatte

geglaubt, Johnny würde an der Malfahrt der anderen teilnehmen -- der

Besuch des Händlers wäre ihm also nicht von Nutzen gewesen. Nun aber

lag nur noch eine halbe Nacht zwischen ihm und der Gefahr, und in

höchster Not sprang er mit Hilfe von Nane Thords Schlafwandel gleich

mitten hinein in die Verwicklung.

»Sie hat recht mit dem seltsamen Besuche,« begann er, »da, lies!«

»Warum hast du die Sache hinhängen lassen?« fragte Johnny mißvergnügt.

»Ich wollte dir einen Ärger ersparen,« sagte James. »Henrik Tofte hat

ein halb Dutzend Skizzen in seiner Kammer -- das ist alles. Was sollen

wir damit beginnen? Ich habe auf Rettung gesonnen, aber es ist mir

nichts eingefallen.«

Es war eine verzweifelte Sache. Und wenn Henrik und Gwendolin gar

als Verlobte von der Bergfahrt zurückkehrten, dann konnte es nicht

mehr lange dauern mit den Staatsstipendien und dem leicht erworbenen

Künstlerruhme! Eine Art Rettung gab es freilich noch. Aber die war

bescheiden genug. Henrik hatte nämlich drüben in Krokengaard ein Bild

hängen -- dort hatte er im vorigen Sommer gewohnt und damit einen

Teil seiner Rechnung beglichen. Aus dem gleichen Grunde hing eine

Fjordlandschaft Toftes in dem Gasthause, in dem er seine Mahlzeiten

genommen. Nun, beide ließen sich wohl ohne ein großes Aufgebot von

Silberkronen erstehen; und beide waren zum Glück nicht mit dem Namen

ihres Schöpfers gezeichnet: man brauchte nach langen Jahren nicht zu

wissen, wer einst sein Schlafgeld auf diese Weise bezahlt hatte. Aber

der Händler wollte einen Abschluß auf die Gesamtproduktion der beiden

Jötter für eine bestimmte Frist machen und hatte eine reichliche

Anzahlung in Aussicht gestellt. Er dachte wohl daran, die Ateliers der

beiden neuen Sterne am britischen Kunsthimmel einfach auszukaufen. Sie

aber hatten nichts als hartgekrustete Farben auf ihren Paletten ...

Je nun, die Nacht war lang genug, einen listigen Plan zu schmieden.

Um Sonnenaufgang fuhr Johnny im Boot, die beiden Bilder zu erstehen.

James ließ indessen von dem Mädchen Marit die Kammer Toftes in

Ordnung bringen, suchte darin zusammen, was als Bild oder Skizze

gelten konnte, und als Johnny triumphierend zurückkehrte, stellte er

die Fjordlandschaft auf die Staffelei und überzog sie mit Firnis. So

wollten sie die Kammer Toftes als ihr Atelier vorstellen -- lieber

Gott, zu einem besseren langte es einstweilen eben nicht. Und übrigens

malten sie stets in freiem Lichte. Ja. Johnny aber getraute sich nicht,

den verbrecherischen Gleichmut des Mister James aufzubringen. Er wollte

sagen: ein dänischer Kunstfreund habe ihn just einen Tag vor Empfang

des Briefes ausverkauft.

So erwarteten sie den Mann aus London. Und Mister Watson kam. Kein

anderer als Henrik Tofte ruderte ihn zur Insel der Auferstehung. Er und

Gwendolin, die mit im Boote war, verstanden zwar kein Wort Englisch

und Watson kein Wort Norwegisch oder Deutsch. Aber an der Haltestelle

des Dampfers hatte man sie zueinandergeführt. Und Gwendolin, die

Ahnungsreiche, hatte dem kindlichen Gemüte Toftes auseinandergesetzt,

um was es sich dabei handelte; denn Herr Watson hatte ihnen die Namen

James King und John Williams als den jüngsten Stolz Britanniens genannt.

Und in der Tat: man fand die beiden in heißem Bemühen in Toftes

Kämmerlein. James war angetan mit Henriks Malkittel und gerade dabei,

den letzten Strich Firnis auf das »neue« Bild zu setzen, dem er bereits

seinen Namen verliehen hatte. Johnny aber rieb Farben für künftige

Wunder.

Das ging dem guten Tofte nun doch über die Hutschnur! Er verfiel also

in ein so männliches Schimpfen, daß Mister Watson wie angedonnert

dastand; denn das merkte er wohl: Liebenswürdigkeiten klingen anders,

selbst in einer der unmöglichen Sprachen außerhalb Englands.

Der erfinderische James aber besann sich augenblicklich auf eine kühne

Geschichte: dieser lange Mensch, der sich Henrik Tofte nenne, wäre ein

Neiding. Er ärgere sich, wenn James und Johnny ihre Bilder verkauften.

Und zu alledem hätte das Mädchen Marit in seiner Abwesenheit eine

fürchterliche Dummheit gemacht ...

Das leuchtete Herrn Watson auch vollkommen ein; denn draußen im Flur

lehnte die zerbrochene Marit und bangte vor dem Zorne Toftes, weil sie

den Einbruch in sein Gemach nicht verhindert hatte.

Zuletzt waren es doch nur diese Tränen, die den starken Henrik ins

Poltern gebracht hatten. Das Weinen anderer wendete ihm nun einmal

das Herz um. Und zu einem Lawinensturz kam es diesmal nicht; denn

dieser Gewaltmensch hätte nicht Henrik Tofte zu heißen brauchen, um

die lustige Seite der lächerlich frechen Komödie dennoch genialisch

zu finden, die die »Jötter« in seiner Stube aufführten. Er begann

also, auf sanfteren Saiten zu spielen, und sagte: »Wenn es nicht ein

Kunsthändler wäre, den ihr da foppt, so ließe ich jetzt den Vorhang

erbarmungslos über eurer Gaunerposse heruntergehen.«

»Was sagt er?« fragte Mister Watson.

»Oh, er sagt: unseren Ruhm verdienten wir ja, aber zu beneiden blieben

wir trotzalledem. Er selbst hätte doch auch eine Ahnung vom Malen --

nur eine Ahnung vom Geschäft hätte er nicht.«

Da schupfte Mister Watson hochmütig die Schultern: »~He's no

Englishman.~«

Danach kamen für Henrik Tofte Tage voll Finsternis: Gwendolin

verachtete ihn. Sie tat nicht nur so; sie setzte sich nicht in den

Schmollwinkel wie eine gekränkte Liebste; sie wich ihm nicht einmal

aus, sondern redete sogar mit ihm, aber alle Herzlichkeit und Teilnahme

für ihn war verweht. Das dauerte bis zur Einweihung des Neubaus.

Da waren alle im Saale versammelt, und es gab ein Fest, wie es nur

Künstlerjugend feiern kann, die zuletzt doch ein Reich regiert, in dem

die Sonne nicht untergeht. Für diesen Abend hatte Henrik Tofte eine

Überraschung vorbereitet ...

Jockele, Do und Gwendolin waren nämlich wieder einmal vier Tage

auswärts gewesen. Mit Rucksack, Pickel und Nagelschuhen waren sie den

Flechten nachgeklettert bis an die Ränder des Folgefondgletschers; denn

den Doktor drängte es zu Forschungsreisen dorthin, wo das Geschlecht

der Flechten noch den einzigen Pflanzenschmuck liefert an verschmähten

und gefrorenen Hochlandzinnen; oder dorthin, wo im glühenden

Sonnenbrande jedes andere Pflänzchen verdorrend stirbt. Hundert Arten

von Strauch- und Laubflechten hatte er vorher eingetragen. Nun kämpfte

er an den letzten Steilhängen der Erde um Krustenflechten, die oft so

innig mit ihrer Unterlage verschmolzen waren, daß er sie nur durch

Auflösung des Gesteins mit Säuren befreien konnte. So führte er Do und

Gwendolin vor ungeahnte Geheimnisse.

Als sie heimkehrten, war Henrik Tofte verschwunden. Mit ihm Nane Thord.

Aber in einem Winkel des Krakesaales war ein Webstuhl aufgeschlagen,

und ringsherum sah es aus wie in einer Armeleutstube. Die blonde Marit

lief umher mit wissenden Augen; an der Bedeutung des Winkels mit dem

Webstuhle schwieg sie sich vorbei.

Abends jedoch, als alle schon um den runden Tisch saßen, tat sich die

Tür auf, und Henrik Tofte kam herein als ein Mann von fünfzig Jahren.

Nane Thord aber war sein Weib geworden. Und die beiden hatten sieben

Kinder, fünf Buben und zwei Mädel. Der älteste mit seinen sechzehn

Jahren stellte den Henrik Tofte dar ... Das Spiel begann. Es hieß »Der

verlorene Sohn«.

Zuerst sprach der wirkliche Henrik einen Vorspruch in machtvoll

gestaltenden harten Versen: er wäre der Weber Skule Tofte, der mit

seiner Familie aus dem Aardal käme, wo ihnen alles verbrannt wäre --

deshalb wollten sie hier in dem Winkel mit dem Webstuhl ihr Leben der

Armut von vorn anfangen. Darauf setzte sich der alte Skule Tofte an den

Stuhl, und das Webeschifflein begann seine Arbeit ...

Das Spiel stellte jenen Tag aus dem Leben des Henrik Tofte dar, an dem

er gegen Abend ausgezogen war aus der Kümmerlichkeit der väterlichen

Mietstube, um sich sein Brot als Anstreicher zu verdienen.

Es war ein Spiel, und es wuchs zu einem gewaltigen Erlebnis. Es war

in zwei Stunden von Henrik Tofte herausgeschrieben aus einem Jahre

seiner Vergangenheit. Und es war durch vier Tage gelernt worden von

Weberkindern und Nane Thord, die sich dabei nicht in eine fremde Welt

hineinzudenken brauchten. Und es waren harte und schmucklose Worte, die

sie sprachen. Vater Skule Tofte aber war ein Philosoph im Weberkittel,

der es sich angelegen sein ließ, dem langen Sohne Henrik die Lehre von

der Allmacht des Schicksals ohne Mitleid ins Herz zu hämmern:

Das sollst du nicht vergessen: Armut stand

Gevatterin, als dich das Leben fand.

Mit Plack und Sorge salzt es uns das Brot,

Und was es draufstreicht, schmeckt nach Schweiß und Not.

Das Schicksal spinnt in weiße Seide ein,

Die's heimlich hätschelt, sanft wie Mondenschein.

Der Graben ist dein Grab; Staub ist dein Lohn:

Du bist des lieben Gotts verlorener Sohn.

So sah die Tröstung aus, die Skule Tofte seinem Ältesten Henrik mit auf

den Weg gab.

Da es aber doch ein Spiel sein sollte, was man hier trieb, war es von

dem Dichter nicht uneben erdacht, daß er am Ende die Schauspieler um

einen Tisch gesetzt hatte, während die Mutter in einem Schrank nach

Brot suchte und sprach:

Das Fach fast leer -- wie ist das Herz mir schwer!

Wo nehm' ich morgen nur Kartoffeln her?

Und gleich rief das jüngste Töchterlein das Schlußwort:

Es kommt die Nacht, die keine Not bedrängt,

Weil da der Himmel ganz voll Talern hängt;

Leicht fällt den lieben Gott im Traum was an,

Wie er aus Steinen Semmeln machen kann.

Das war für die Zuschauer der gegebene Augenblick zum Mitspielen: im

Nu war den Webersleuten der Tisch gedeckt, und auch der lange Henrik

durfte umkehren und den Lohn für seine Mühe in Empfang nehmen. Henrik

Tofte aber, der richtige, wollte auch nicht zu kurz kommen. Erst

überzeugte er sich von der versöhnlichen Stimmung Gwendolins, dann

trank er ein Glas Sekt.

So hatte der Abend mit einer ernsten Rückschau begonnen. Vor allem

waren James und Johnny an dem Aktus nachdenklich geworden; denn ihnen

war die Herkunft ihres jugendlichen Meisters noch ganz unbekannt

gewesen.

»Oh, er hat kein Staatsstipendium gehabt!« flüsterte Johnny Gwendolin

in reuevoller Einkehr zu.

Da sagte Gwendolin nicht ohne Härte: »Aber er hat ein Stipendium von

Gott: sein Genie. Wendet er es etwa besser an als Sie das Ihre?«

Doch -- das hörte niemand; denn die vollen Gläser klangen aneinander,

und Henrik Tofte klimperte zum Überfluß auf der Gitarre, die er

einstweilen unter den linken Arm geklemmt hatte. Es war ihm ein Lied

eingefallen, das er nun singen wollte. Jawohl, auch singen konnte er --

furchtbar komisch und mit wunderlichen Gebärden. Wie die Bänkelsänger

singen auf den Jahrmärkten vor einer bemalten Leinwand. Er aber hatte

diese Leinwand nicht und deutete doch mit dem spanischen Rohre, als ob

sie da wäre. Mit der Zunge ahmte er das Klatschen des Stockes gegen die

Bilder nach und malte sie mit seinen Worten, grausig und volksmäßig.

Oder er sang edle alte Balladen. Seine Stimme konnte dabei klingen wie

geschlagene Glocken oder wie die See, die vor dem Sturmwind in Klippen

zerschellt ...

War es nicht so, als hätte der liebe Gott alle Stipendien, die er für

diese Zeit zu vergeben gehabt, in einem Schöpferrausch an diesen einen

verschwendet? ...

Wenn er annahm, daß man in seiner Abwesenheit von ihm gesprochen hatte,

ärgerte er sich. Aber nicht, weil er fürchtete, man verlästere ihn.

Sondern er sagte: »Ich bin ein Mensch, der sich nicht auskennt in sich

selber. Lobt oder lästert ihr mich, wenn ich nicht dabei bin, so nützt

mir das nichts. Also ist es besser, ihr schmäht mich oder huldigt mir

ins Angesicht. Ich mache es euch ja so leicht und sage nie ein Wort

dazu, wenn es mich angeht.«

Als er eine schöne und machtvolle Ballade über Harald Harfager gesungen

hatte, waren alle ganz in der Gewalt seiner stolzen Begabung, die er

gar nicht achtete, weil er nur in die Luft zu greifen brauchte wie ein

Zauberkünstler, der ringsum Wunder fängt.

Da fragte der nachdenkliche Rolf Krake: »Sagen Sie, Tofte, sind Sie

eigentlich ein verbummeltes Genie?«

Henrik schlug ein paar Akkorde aus den Saiten und schaute sich im

Kreise um. Es sollte jemand an seiner Statt antworten, weil er sich

selber dazu nicht wichtig genug nahm. An Gwendolin blieben seine Augen

hängen.

»Ach nein,« sagte sie, »verbummelt ist er nicht. Und er wird auch

nie dahin kommen. So oft er an die Dürftigkeit streift -- was er so

Dürftigkeit nennt -- wird er etwas ganz Großes aus sich herausschlagen.«

»Warum heiraten Sie ihn dann nicht?« fragte Rolf Krake.

»Weil ich zu fleißig bin,« sagte sie gefaßt. »Er würde dann nie in die

tiefe Not geraten, vor der er sich fürchten muß. Eine kleine Malerin

kann aber nicht sich und diesen Riesen und am Ende eine Familie

erhalten mit ihrer Kunst. Trotz allem: ich mag ihn furchtbar gern

leiden. Sehen Sie, das ist die Tragik meines Lebens. Aber ich werde

daran nicht zugrundegehen.«

»Plumm plumm,« machte Toftes Gitarre. Er hatte sich an den Tisch

gesetzt und folgte diesem Gespräche mit großer Aufmerksamkeit. Sie

redeten von ihm, als wäre er gar nicht da.

»Liebe Gwendolin,« begann Rolf Krake wieder, »wäre es nicht die Aufgabe

einer Frau, dieses Genie für immer in ihre Macht zu bringen, damit es

ranke und blühe nach ihren Gedanken?«

»Man könnte das meinen,« entgegnete Gwendolin. »Aber dann kennt man

Henrik Tofte flach. Auf die Dauer erkennt er nur einen einzigen

Herrscher an über die Riesenmaße seiner Begabung; und dieser König ist

der Augenblick.«

Es war ein Uhr geworden. Tofte hatte sich schon über Gebühr von

dem Gericht über sich selbst fesseln lassen. Er hatte für die

Mitternacht Leute auf die Insel bestellt, die an Drähten hunderte von

Papierlaternen aufhingen ... So kommandierte er die Welt. Wohin er kam,

regierte er und dachte doch nicht daran. Aber sich selbst konnte er

kein anderes Gesetz schreiben als das von der rasenden Unbeständigkeit

des Willens. Nur so vermochte er sich zu ertragen. »Meine Freunde,«

sagte er nun, »die Nacht ist lieb und heiß wie Gwendolin, und sie ist

schwer vom Dufte der Rosen, des Weins und der Berge ...«

»Plumm plumm!« Und Henrik Tofte sang das Lied vom Rattenfänger. Da

mußten sie alle hinterdrein und zogen hinaus in die liebe heiße

Sommernacht, wo die blonde Marit einen Tisch unter vielen stillen

Lampen gedeckt hatte. Und weit drüben am Ufer standen die Menschen und

sahen die Ranken der blühenden Lichter in der weichatmenden Nacht und

in den weichatmenden Wassern und lauschten dem Sänger. Dann zischten

von den Rändern des Fjords die goldenen Schlangen eines Feuerwerks

empor -- oh, Henrik Tofte hatte heute »viel« Geld eingenommen von James

und Johnny! Und Henrik Tofte stand nun auf dem Dache. Stand dort mit

einem wallenden Barte und in einem langen wehenden Mantel, wie ein

Geist, der aus dem Berge gestiegen, und sang zu geschlagenen Saiten. Es

war immer so: seiner Kraft schienen keine Grenzen gezogen -- je mehr

er von ihr forderte, desto mehr gab sie. Er hatte nie so übermächtig

gesungen wie an den Säumen dieser Mitternacht. Es war ein Lied der

Liebe. Er huldigte damit Gwendolin. Und so klang es aus:

Hell hauchte der Glanz des Nebelfalls

In silbernes Herbstgespinn.

Die weiße Hand strich der Stute den Hals

Und sagt' ihr doch nicht, wohin.

Am Waldbach perlte der Erlenbaum,

In den Runsen rauschte das Wehr;

Sie ritt vorüber, sie ritt im Traum,

Und das Glück ritt nebenher.

Heim ritt sie. Um die Hufe klang

Der klingende Abendtau.

Und wie sie aus dem Sattel sprang

Da jauchzte die selige Frau.

Die bunten Lampen begannen zu verlöschen. Noch verabredete man für den

Vormittag eine Lustfahrt in bekränzten Booten nach der Fjordstadt

Elde, um die sich die Berge türmen und der Sommer blühte. Ein großer

Zeltzirkus hatte dort Einzug gehalten. Dann geleitete man Do und

Jockele wie ein Brautpaar zur Schwelle ihrer Kammer, in der sie zum

ersten Male schliefen. Aber Henrik Tofte fand, das Fest wäre noch lange

nicht zu Ende. Er ruderte Rolf Krake, James und Johnny hinüber ans

Land. Und als er allein in Boot und Nacht war, streifte er darin um die

Insel. Das Glück Jockeles und seiner Frau machte sein Herz sehnsüchtig

-- er wußte nicht wie. Er glitt ein Stück hinaus in die Flut und

verwandte kein Auge von dem einzigen Fenster, das noch hell war auf dem

Eilande. Es war das Gwendolins. Dann trieb er das Boot an den Rand der

Klippe, kletterte empor im Gestein und rief leise Gwendolins Namen.

»Komm zu mir!« bat er.

Da dachte sie: es ist nicht ungefährlich. Aber sie ging doch. Es

war fast, als hätte sie auf ihn gewartet. Darum war sie ungeheuer

gewappnet. Und die Nacht war spät; es hauchte schon der Tag an die

Zinnen des Gletschers.

Henrik legte seinen Arm in den ihren und zog sie ganz fest an sich.

So schritten sie nach der Spitze des Eilands, die am weitesten von

den Häusern entfernt lag. Es stand dort eine Bank ins Strandrohr

geschmiegt, und große moosige Felsblöcke lagen darum her.

»Wußtest du, daß ich dich rufen würde?« fragte er froh.

»Ich dachte es,« sagte sie; »denn ich weiß: in Nächten, wie in dieser,

nehmen Sie sich nicht erst die Zeit zum Schlafen. Warum sagen Sie

übrigens »du« zu mir?«

»Ich habe das beschlossen,« sagte er.

In der Nähe der Bank fing sein Schritt auf einmal an zu zögern. Aber

sie hüllte sich fester in das graue Schultertuch und sagte: »Kommen Sie

nur. Es muß doch einmal klar werden zwischen uns -- für die nächste

Zeit.«

Da hob er sie zärtlich über das Wässerlein, das einen Schuh breit

quer vor der Bank lag. Dann krochen sie zwischen die hohen Halme wie

Rohrhühner.

»Es war fein heute,« begann Gwendolin. »Sie waren wieder einmal einfach

vollkommen; denn Sie waren nie unmäßig, wie das Ihre Art ist: unmäßig

groß, unmäßig durstig, unmäßig grob und unmäßig sentimental. Deshalb

bin ich jetzt auch gekommen.«

Er warf seine Arme um sie, daß sie hörte, wie ihr die Gelenke knackten.

»Es ist dir doch nicht ernst gewesen mit dem, was du heut abend zu Rolf

Krake gesagt hast?«

»Ich schwöre es Ihnen,« sagte sie. »Und wenn Sie mich jetzt küssen,

dann lauf' ich nicht etwa weg -- oh nein! Aber das sag' ich Ihnen: Sie

machen mich damit nur häßlich und aufgewiegelt. Ich habe gelernt, viel

zu fest auf mir selber zu stehen, lieber Henrik Tofte, und mit einem

Aufgebot Ihrer Kraft erobern Sie die Festung nicht.«

Gwendolin wußte genau, wie sie der Gefahr zu begegnen hatte, die sie in

diesem Mann umlauerte. Ihr heißes jähes Herz hatte ihr in der anderen

Zeit schon manchen Streich gespielt.

»Erkennst du denn nicht, daß du der einzige Mensch bist, der mich in

Ketten legt?« fragte er.

»Sieben Tage, mein Freund!« lachte sie. »Oder siebenmal sieben Tage.

Aber es müßten siebenmal sieben Jahre sein.«

»Das ist lange,« seufzte er.

»Billiger bin ich nicht zu haben,« sagte sie.

»Und wenn ich dir einen Vertrag unterschreibe mit meinem Blut auf

siebenmal sieben Jahre?«

»Wie dem Herrn der Hölle, dem Sie verfallen sind,« lachte sie.

»Nun?«

»Dann glaub' ich Ihnen doch nicht, Henrik Tofte; denn ich glaube nur an

mich und an meine Liebe. Und diese Liebe hat zu Ihnen nicht die Kraft

des Vertrauens für einen Vertrag auf Lebenszeit.«

»Und das ist dein letztes Wort, du liebste Gwendolin?«

»Nein,« sagte sie. »So +dienen+ Sie um Rahel! Meinetwegen sieben Jahre.

Es kann auch kürzer sein. Es braucht nur bis zu dem Tage zu sein, an

dem wir beide wissen: wir können zu einer Zweieinigkeit gelangen wie

Jockele und Do. Ich habe viel Leidenschaft und Liebe erfahren in meinem

Leben, Henrik Tofte -- aber ich danke mir auf den Knien, daß ich daran

nicht zur Närrin geworden bin wie Tausende. Oh, wir Mädchen tragen

unser Herz in den Händen, und wenn ein Mann Blumen darüber wirft,

bilden wir uns gleich ein, sie blühen ewig. Sehen Sie Do und Jockele

an, mein Freund! Die haben sich errungen durch Jahre. Diese herrliche

Do hat ihren Mann dem Leben abgekämpft in einem verschwiegenen

Kampfe. Und er ahnte es nicht; sie selbst nicht -- niemand ahnte es.

So selbstlos war der Kampf; und doch war er nicht minder schwer.

Darum: reden Sie von diesen beiden nicht als von Hätschelkindern des

Schicksals! Es gibt unter den Menschen keine, die sich ihr Glück

köstlicher erzwungen haben als sie.« Jawohl, das Wort vom Schicksal

hatte sich ihm schon auf die Lippen gedrängt. Da scheuchte es Gwendolin

fort. »Gute Nacht, Henrik Tofte! Vielleicht gelangen auch wir über den

Sonnensteg in das schöne ferne Land. Gute Nacht!«

Die Gletscherspitzen leuchteten nun in einem wundervollen Rot. Und auch

die Worte Gwendolins waren voll von Verheißung gewesen für einen neuen

Tag. Sie waren gewesen wie nie zuvor. Dennoch sah Henrik Tofte aus,

als schrumpften seine mächtigen Glieder vor der Helligkeit ihrer Rede

zusammen.

So hockte er im Schilfrohr und war ohne Hoffnung. Gwendolin hatte just

das Werk für den neuen Herkules ausgesucht, das er unmöglich bewältigen

konnte. Sie hatte seinen Gott, das Schicksal, gelästert und vom Sockel

geworfen; sie hatte allen fröhlichen Glauben in ihm vernichtet; sie

hatte seinen herrlichen Freibrief fürs Leben in tausend Stücke gerissen

und in das Röhricht verstreut. »So +dienen+ Sie um Rahel!«

Es brach ein Lachen gewaltigen Schmerzes aus seiner Brust. Dann hob

er den gestürzten Gott wieder an seine Stelle. -- O diese Narren!

Warum mochten sie nicht an das einige Schicksal glauben, das die Welt

regiert? War es denn nicht Schicksal, daß die drei Menschen, die Henrik

Tofte am meisten liebte von allen, ihm den Weg zum Glück verwehrten?

Gleich am ersten Mittag, an dem sie den Fjord entlang gerudert waren,

waren seine Augen finster geworden über dem Blick in die Sonne Dos und

Jockeles. »Nun,« tröstete er sich damals, »sie sind Hochzeiter!« Aber

seither war alles Flittergold von ihrer Ehe abgefallen, und ein schönes

klares Leuchten war geblieben, das sah aus, als wär' es für Zeit und

Ewigkeit. Vor diese beiden Menschen führte ihn Gwendolin und sagte:

»Sieh hin -- getraust du dir das auch? Was wäre es, wenn wir einen

Bund schlössen, und er könnte nicht sein wie dieser? Was wäre es, wenn

wir zueinanderliefen in einem kindsköpfigen Rausche, wie zwei aus der

Herde? Und flickten an unserer Gemeinsamkeit herum, stächen die Löcher

mühselig zusammen und schafften damit doch nichts weiter, als daß das

Ding ganz morsch würde? Und zuletzt ließen wir's gehen und kümmerten

uns nicht mehr um die getrennten Nähte, weil sie ja doch nicht halten!

Henrik Tofte, was wäre das?«

Jawohl, es war eine ungeheuer freventliche Weltanschauung, die die

Gwendolin da zum besten gegeben hatte! Bildete sie sich denn nicht

ein, sie wäre der liebe Gott selber und könnte sich mit ihrer eigenen

Kunstfertigkeit das Leben zimmern?

Darüber nahm er Stück für Stück der umherliegenden Fetzen auf und paßte

sie mit Sorgfalt aneinander. So baute er den richtigen Henrik Tofte

wieder zusammen. Zwar, die Risse konnte er nicht ungesehen machen. Aber

er war froh, daß es ihm leidlich gelungen war, und kroch aus dem Rohre;

denn er hörte das Fischerboot mit den Kindern inselwärts plätschern,

die die Kränze und Ranken brachten.

Als die Fahrzeuge bunt und fröhlich geschmückt waren, trat er in den

Saal, wo ihn die Sturmschwalben mit Jubel empfingen. Da jubelte er sich

zwischen sie hin. Aber er dachte, seit dieser Nacht wäre er hier nicht

mehr daheim. Es war ein wunderlicher Zustand. So, als wäre er nun von

dem Schicksal an eine Wegscheide gesetzt.

Indessen bereiteten sich die anderen schon zur Fahrt. Gwendolin und Do

blühten wie der junge Tag: Hanna von Fellner hatte geschrieben, sie

wäre auf dem Wege nach dem Hardanger Fjord und hätte sich Do und ihrem

Mann in Sehnsucht schon dreimal an die Herzen gestürzt; nachmittags

käme sie mit dem Dampfer fjordaufwärts, und sie erwarte, daß an der

Haltestelle alle Flaggen gehißt wären.

Deshalb war die Insel in so funkelndem Betriebe. Sogar Rolf Krake,

der zu noch seltsameren Göttern betete als Gwendolin, schnalzte schon

drunten auf dem Ufersande herum.

Daher kam es, daß Henrik Tofte bald allein am runden Tische saß und

merkwürdige Gedanken in den Morgenkaffee hineinrührte. Es war ihm ums

Herz, als geschähe alles zum letzten Male, was er in den vertrauten

Räumen tat. Aber endlich stand er mit feuchten Augen vom Tisch auf, um

hinabzugehen zu den anderen.

An der Schwelle traf er Nane Thord. Die hatte zur Feier des Tages eine

blinksaubere Haube angetan. Sie wollte hinübersegeln an den Strand,

einkaufen. Da bekam Toftes Herz die Dankbarkeit: er nahm Nane Thord auf

den Arm wie ein dreijähriges Mägdlein und trug sie hinab in sein Boot

und sagte, sie müßte mit nach Elde in den Zirkus. Als sie merkte, daß

es ihm ernst damit war, trieben die Boote schon mit gefüllten Segeln

vor dem Winde -- bunt wie fünf Sommerblumen, die dem Himmel aus den

Händen gefallen waren. Und Henrik Tofte sang ein Scheidelied. Es klang,

als würde er nie mehr einen Fuß auf das Eiland setzen.

Wo sich jener kurze Arm vom Hardanger Fjord nach Norden abzweigt, an

dessen Ende die Fischerstadt Elde liegt, ist auch die Haltestelle des

Dampfers. Dort machten sie ihre Boote fest, Hanna zu erwarten. Aber

Henrik Tofte war ruhelos. Er reffte vor dem Eldefjord zwar das Segel;

denn der Fjord ist nach Süden offen, und die Uferberge legen sich darum

wie zwei Arme, die alle Sonne für ihn einfangen. Aber der Wind aus

Morgen streicht an seinen Toren vorbei. Deshalb legte Tofte dort die

Ruder ein und sagte: »Nane Thord will die Rundholmen besuchen, ihre

Tochter, die auf Gaeslinggaard wohnt. Ich fahre also mit ihr voraus.«

Aber als die anderen Boote zwei Stunden danach an Gaeslinggaard

vorüberkamen, lief Nane Thord aus dem Hofe und machte die Windmühle:

Henrik Tofte hatte sie noch nicht wieder abgeholt.

Da stieg Nane Thord in Gwendolins Seelenverkäufer und nahm ihr die

Ruder aus den Händen und forschte auf der Weiterfahrt an dem Mädchen

herum, was es mit Henrik Tofte wäre.

Die zugeflogene Hanna saß in lauter Wiedersehensfreude im Boote von Do

und Jockele. Rolf Krake aber fuhr mit diesem auf gleicher Höhe und ihm

so dicht zur Seite, daß Do sehen konnte: er schien wie die Sonne.

In Elde war ein großes Leben. Die Fischer lehnten in ihren

Sonntagskleidern breit und rauchend an den Steinen. Die Blockhäuser

hatten helle Augen. Und die bunten blonden Mädchen und jungen Frauen

wanderten Arm in Arm am Strande und hatten alle Fenster offen.

Aber Henrik Tofte, den man sonst schon von weitem über allem Volk

dahinsegeln sah, war nicht da. Nur sein Boot hatten sie im Hafen

gesehen.

Im Zirkus saßen sie dann in der ersten Reihe, gleich neben den Borten

des geharkten Sandes. Die Holzbänke füllten sich bis auf den letzten

Platz und bis unter das Zeltdach hinan, das leis im Sonnenwinde

flappte. Ein sehr kleiner Clown im weißen Linnenanzuge mit faustgroßen

schwarzen Wollknöpfen ließ es sich angelegen sein, die Menge schon

vor Beginn der Reitkünste und Akrobatenstücke neugierig zu machen.

Dabei diente ihm seine zuckerhutförmige Filzmütze als Sitzgelegenheit

und Schlafgemach: so bedeutend war diese Mütze, und so gering war das

Männlein.

Aber Henrik Tofte war nicht da -- es war zum Lustigwerden.

Endlich kam er -- da war es zum Weinen.

Er trug die Drahtseiltänzerin Miß Millie auf der freien Hand herein

und schwang sie auf das gespannte Seil. Er hatte das Kleid eines

Hanswurstes an, genau wie der Zwerg, hatte eine weiße Riesenfilzmütze

wie dieser, hatte sich das Gesicht gepudert und die Nasenspitze und

jede Wange mit einem schwarzen Tupfe geziert. Mit der Mütze reichte

er beinahe bis an das Zeltdach. Seine Einkleidung aber war ohne

Wissen des kleinen Mitclowns vor sich gegangen. Deshalb staunte ihn

keiner gewaltiger an als dieser. Er fand sich aber rasch in die Lage

und stellte ihn den Zuschauern vor als seinen großen Bruder. Weil

er immerzu schwätzte, und Miß Millie doch endlich ihre Kunststücke

vorführen wollte, nahm der neue Clown ihm den Zuckerhut ab, klemmte ihn

hinter ein Seil unterm Dache und steckte das Männlein einstweilen in

seine Hosentasche ...

Es war überwältigend, und der Erfolg der Eröffnungsvorstellung war

schon mit dieser Improvisation gerettet.

Der Kleine, den man nun in der Tasche der Pluderhose herumkrauchen

sah, drohte die Hauptnummer der Seiltänzerin in Gefahr zu bringen;

denn natürlich guckte er alsbald heraus wie aus einem Fenster. Es

war so hinreißend, daß Henrik Tofte eine Zeit mit ihm aus der Arena

verschwinden mußte, was dadurch glaubhaft gemacht wurde, daß ein

Nachtwächter mit Spieß und Laterne kam und den geharkten Sand nach

dem großen Bruder des kleinen Mannes ableuchtete. Als er ihn endlich

gefunden hatte, verhaftete er ihn.

Als »letzte Nummer« aber trat Henrik Tofte wieder auf. Und zwar als

Schnellmaler. Natürlich hatte er den Kleinen immer noch im Hosensack

und tat, als hätte er das ganz vergessen. Damit ihn die geschwollene

Tasche nicht beim Malen störe, entledigte er sich ihres Inhalts. Er zog

ganze Steine bunter Kreiden hervor, eine Tabakspfeife und zwei Beutel

-- in dem vollen war Tabak, in dem leeren kein Geld. Danach holte er

die Rollen seines Malpapiers hervor und zuletzt den kleinen Mann, über

dessen Vorhandensein er natürlich äußerst verblüfft war. Deshalb ließ

er ihn an seinem freien Arm herumkrabbeln wie einen Käfer.

Danach lief der Kleine nach einem Rahmengestell. Daran hefteten sie

das Zeichenpapier. Der große Bruder begann sein Werk. Zuerst zeichnete

er Gwendolin Vogelgesang -- eins, zwei, drei ... und schon war sie

fertig. Jedermann sah, daß sie es war. Er überreichte ihr das Bild mit

komischer Eleganz. Er zeichnete schöne Mädchen und alte Fischer, wie

sie da umhersaßen. Und zuletzt brachte der Kleine einen Riesenrahmen

geschleppt, den stellte er vor dem Eingange der Sandbahn auf und rief:

»Ha, du bist ein großer Maler, mein Bruder -- du bist ein so großer

Maler, daß ich deine Hosentasche als Schlafstelle gemietet habe! Aber

du kannst nicht das große Meer malen.«

»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte.

»Das ganze Meer? Mit dem Sturme? Und mit Schiffen in Not? Und alles auf

dies kleine Papier? Ha!«

»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte und begann zu malen. Die Fläche maß

zehn Geviertmeter. Er sprang um das Papier, als wäre er aus Gummi: bald

kroch er in sich zusammen, bald schnellte er empor, als hätte er eine

Feder aus Stahl im Leibe. Und aus seinen bunten Kreiden schuf er das

Meer. Wozu der liebe Gott einen Tag gebraucht hatte -- oder tausend

Jahre ... Henrik Tofte machte das in sieben Minuten. Und der kleine

Bruder saß auf dem Sand und heulte den Sturmwind darüber.

»Fertig!« schrie der Kleine.

Henrik Tofte aber lief an die andere Seite der Arena, als wolle er sich

die Sache aus der Ferne betrachten -- da! Mit ungeheuerem Anlauf flog

er über den Sand, mit einem Gewaltschwung sprang er mitten hinein in

das gemalte Meer. Und blieb verschwunden.

»Oh,« sagte der Kleine -- »jetzt ist er ertrunken!«

Die Menge tobte. Aber Henrik Tofte kam nicht mehr.

Drei Minuten später schaukelte der »Seelenverkäufer« mit Gwendolin und

Nane Thord aus dem Hafen von Elde. Die anderen suchten nach Henrik

Tofte bis gegen Abend. Sie fanden ihn nicht.

Da zogen sie mit raschen Ruderschlägen Gwendolin nach. »Was nützt es

uns, wenn wir uns um ihn sorgen oder uns grämen?« fragte sie. »Auf dies

Herz kann man nun einmal keine Häuser bauen -- und er selbst getraut

sich das am wenigsten.«

Hanna von Fellner wohnte nun im Turm -- es war ein lustiger Name für

den kleinen Aufbau, auf dessen Dache der Sommerrasen schon wieder

blühte.

»Eure Tage in diesem abwendigen Weltwinkel sind ewig bewegt wie die

hohe See,« sagte Hanna.

»Es ist in der Tat so,« bestätigte Do, »wir haben genau die gleiche

Wahrnehmung gemacht: als wir nach unserer Ankunft kaum zwei Stunden am

runden Tische gesessen hatten, war uns, wir wären durch die Erlebnisse

aufgeregter Wochen gewirbelt.«

Seit Henrik Toftes Verschwinden war fast ein Monat verstrichen. Der

Wanderzirkus war längst fortgezogen.

Einmal segelten die von der Insel nach Elde, um über den Freund etwas

zu erfahren. Da hörten sie viele widersprechende Meinungen über

das Reiseziel der Truppe -- es lag offenbar eine Verabredung vor,

die Neugier irrezuführen. Henrik Tofte wollte seine Spur für die

Sturmschwalben verwischt sehen. Nur das eine ward ihnen zur Gewißheit:

sein Boot hatte er in Elde verkauft. Daraus war zu schließen, daß er

sich nicht mit der Absicht einer baldigen Rückkehr trug.

»Er will dich durch dies Mittel reuig und gefüge machen,« sagte Hanna

zu Gwendolin. »Ich denke, in ein paar Tagen geht das große Licht uns

wieder auf.«

Über das »große Licht« lachten sie. Und damit war ein Name für Henrik

Tofte gefunden, der nun unter ihnen blieb, wie das freundliche und

sorgende Gedenken, das sie ihm bewahrten.

Jockele war tief betrübt über den zwar nicht ruhmlosen, aber unwürdigen

Abgang, den sich Tofte gesichert hatte. »Vielleicht hätte ich mich mehr

um ihn kümmern sollen,« sagte er.

»Nein,« sagte Gwendolin, »denn dann hätte ich gegen euch beide kämpfen

müssen und wäre wohl besiegt worden. Möchtest du, daß es so gekommen

wäre?«

Jo zog die Achseln: »Es ist eine zu ungewöhnliche Sache gewesen mit

euch. Und Do und ich, wir haben uns gesagt: wir wollen uns da nicht

hineinmischen. Du hast so klare Augen, Gwendolin, und du hast ein so

aufrechtes Herz -- einem Menschen, der nicht aus eigener Klugheit

erwägen kann, was er wagen darf, wird auch durch den Rat anderer nicht

geholfen. Aber es wäre mir doch leid um das große Licht, wenn er sich

selbst aus den Händen fiele.«

Den tiefsten Eingriff bewirkte Toftes Flucht in das Leben der »Glasgow

Boys« James und Johnny. Auch dieser Name stammte von der erfinderischen

Hanna. Doch brachte sie ihn der Kürze halber nur zur Anwendung, wenn

sie von beiden sprach. Meinte sie nur James, so nannte sie ihn den

»Karauschenteich« -- nach einem Wasser auf dem Fjeld, zu dem sie mit

Jakobus Sinsheimer um diese Zeit manchmal auszog. Es war wegen der

grünen Wasserfrösche. Der Karauschenteich war ein Tümpel wunderlich

verhaltenen Lebens. Algen wuchsen drin; Moosinseln trieben auf seinem

Spiegel; er wimmelte von Molchen, Fröschen und Wasserkäfern; und

es standen ein paar würdige Karauschen in der Nacht seiner Gründe,

die hatten sich bereits Mooshauben angeschafft. Es konnte kein

Blick recht erspähen, was in diesem Auge zwischen den Bergen sein

verschwiegenes Dasein pflog -- genau so ging es dem forschenden Blicke

Hannas vor Mister James King; da erfand sie für ihn den Namen: der

Karauschenteich. Aber weder das eine noch das andere Kosewort hatte

seine Ursache in einer besonderen Hochachtung Hannas vor James und

Johnny. Doch -- sie unterschätzte die beiden; und Jockele mußte sie

eines Tages belehren, daß die »Glasgow Boys« ihre Staatsstipendien

keineswegs zur Pflege ihrer Talentlosigkeit empfangen hätten. Sondern

die Dinge lagen so: Henrik Tofte war im Vergleich zu ihnen allerdings

ein Genie -- aber das war er gegenüber jedem anderen Malmenschen auch.

Und da hatte die Gelegenheit Diebe gemacht: James und Johnny waren

seine Schüler, sie kopierten ihn, sie übernahmen seine Malweise, und

über allem war dann der große Bluff zustande gekommen: aus einer

weitgehenden Bequemlichkeit und Leichtherzigkeit auf beiden Seiten.

Nun saßen James und Johnny am Rande des Verderbens. Oder sie mußten

sich den Ruhm, den sie im Traum errungen hatten, erwerben, um ihn zu

besitzen.

Johnny hatte dazu die ernstliche Absicht. Er ging also ans Werk; aber

er schleppte Lasten. Zu allem erfuhr er von dem Kunsthändler Watson,

daß nach seinen Bildern eine noch größere Nachfrage wäre als nach denen

von James King ... Das war eine neue unfaßbare Überraschung; denn

Henrik Tofte hatte für Johnny nicht etwas Ausgezeichneteres gemalt als

für James. Einige Tage später stellte es sich heraus, daß dies auf die

Meinung Watsons zurückzuführen war: weil Johnny ihn damals angelogen

hatte, ein dänischer Kunstfreund habe seinen gesamten Bestand an

Bildern ausgekauft, war Herrn Watson das Licht aufgegangen, John

Williams wäre der stärkere von den beiden »Jöttern«.

So kam es, daß Johnny für die Leute auf der Insel nahezu unsichtbar

ward. Es hieß, er feiere seine Auferstehung in der Romantik der Berge.

Mister James dagegen hatte nach dem Vorbilde seines entschwundenen

Meisters ein weit größeres Vertrauen zu seinem guten Stern als zu

seiner Arbeit und Mühe. Ganz im geheimen erwog er, ob es nicht ratsamer

sei, die sonnige Hanna von Fellner und ihre Wohlhabenheit sich gewogen

zu machen -- trotz dem »Karauschenteich«. Diesen Traum träumte er bald

aus und zog der Leuchte Gwendolins nach. Aber auch das war ein Irrlicht.

Do hatte sich über allem mit heißem Eifer in das Studium der

norwegischen Sprache gestürzt. Eines Tages fand sie bei Ibsen das

Gedicht von der »Sturmschwalbe«. Dabei hatte sie eine Offenbarung. Sie

übersetzte es in ihrer klaren Einfühlungskraft und ihrer freien Art:

Draußen, wo sich den Klippen die Wildsee vermählt,

Wohnt die Sturmschwalbe. Ein Seemann hat mir erzählt:

Sie schneidet den Schaum der Wogen, ein geflügeltes Schiff,

Sie tritt das brandende Meer und zerschellt nicht am Riff.

Mit den Wellen sinkt sie, mit den Wellen steigt sie zur Höh',

Mit der Stille schweigt sie, und sie schreit mit der kreischenden Bö.

Sie fliegt nicht, sie schwimmt nicht: wo Himmel und See sich mischt,

Geht ihre Fahrt, zwischen Sonne und wogendem Gischt.

Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer --

Sturmschwalbe, wo nahmst du den Mut zum Leben her?

Do wollte weder aus dem Gedichte noch aus der Offenbarung, die sie

davor gehabt hatte, ein Geheimnis machen. Sie kannte nun die Leute alle

bis auf die letzten Kammern ihrer Herzen, die sich die Sturmschwalben

nannten. Rolf Krake hatte mit jenem Namen ihren stolzen Flug zu den

Höhen des Lebens kennzeichnen wollen, zu denen nur seltene Menschen den

Aufschwung probieren. Er war ihm eingefallen in beglückter jugendlicher

Überhebung und in einer Stunde, in der er die Maße zu sich und der Erde

wohl einmal nicht bei der Hand hatte. Aber nun wußte Do: Rolf Krake war

auch mit der Naturgeschichte der Sturmschwalbe nicht vertraut gewesen,

sonst hätte er zu erhabenem Sinnbild nicht dies Geschöpf gewählt,

das, nach alter Seemannsmär, weder fliegen noch schwimmen kann,

sondern in ewigem Wechsel bald das eine versucht, bald das andere,

und sein Element doch niemals findet. »Sturmvögel« hatte Rolf Krake

sagen wollen; denn in dem Namen sollte das Symbol des Kampfes einer

hochgemuten Jugend mit den Stürmen des Lebens aufgestellt werden.

Nun sprachen sie darüber. Es war abends an dem runden Tisch im Saal. Do

dachte zwar, daß ihm das aus mangelnder Naturgeschichte passiert wäre

-- aber: es konnte auch aus überlegen spottender Erkenntnis gewesen

sein.

»Nein,« gestand er, »es ist eine Dummheit gewesen ... Je nun,

vielleicht war es das Gescheiteste, was mir je eingefallen ist; denn

wir alle -- mit Ausnahme von Jakobus und Doris -- sind wir nicht die

leibhaftigen Sturmschwalben der Seemannsmär? Zu leicht zum Gleiten am

Grund, zum Fluge zu schwer?«

Sie saßen bis gegen Mitternacht. Und weil sie sich voreinander nicht

versteckten, war dies Gespräch für alle voller Erkenntnis und Gewinn.

Am anderen Tage war Jockele mit Hanna schon vor Sonnenaufgang zum

Karauschenteiche hinan auf das Fjeld gewandert. Die neuesten Werke über

die Froschlurche stimmten seltsamerweise darin überein, daß der grüne

Wasserfrosch ein Schattentier wäre -- etwa wie die Kröte. Der Doktor

aber hatte beobachtet, daß gerade dieser mit der Sonne an den Teichrand

stieg und mit ihr um den Saum des Wassers wanderte, immer ängstlich

darauf bedacht, in der vollen Bestrahlung zu sitzen. Auch anderen

Irrtümern der neuesten Forschung war er auf der Spur. Sie betrafen alle

die Lebensweise der Frösche und nicht die Kenntnisse, die man sich in

den zoologischen Instituten der Hochschulen aneignen kann.

Johnny und Gwendolin waren ebenfalls schon mit dem Malzeug

fjordaufwärts gefahren. Do hatte eine Bergwanderung mit Rolf Krake vor.

So blieb James allein daheim. Aber auch er ward von Nane Thord kaum

gesehen; denn er steckte den Tag über mit seinem Boote im Rohr am Ende

der Insel und strich Schilf und Ruder mit Zinkfarbe an, die in der

Nacht leuchtet. Dabei setzte er ein sehr geheimnisvolles Gesicht auf.

Es wurde wieder einmal ein ereignisvoller Tag.

Droben am Karauschenteiche, dem Auge der Bergheide, saßen Jockele und

Hanna. Sie hatten nun das brüderliche Du füreinander erfunden, und

Hanna nannte ihn im fröhlichen Sonnenrausch ihrer Hochwelteinsamkeit

den »Mann mit den drei Frauen«.

»Na, hör mal!« sagte Jockele in lustiger Entrüstung.

»Es ist dennoch so! Du machst es der Gwendolin und mir furchtbar

schwer, dich nicht über Gebühr liebzuhaben.«

»Das könnt ihr halten wie ihr wollt,« sagte Jockele.

Da legte sie ihm den Arm um den Nacken und drei schwesterliche Küsse

auf den Mund. »Ist das nicht über Gebühr, mein Herr?«

»Ach Unsinn,« sagte er.

»Nun, so soll Do entscheiden!« antwortete sie ein bißchen ärgerlich;

denn sie hatte aus den rückwärtigen Tagen die Überzeugung gewonnen:

ihre Wette von der Hochzeitstafel würde für sie verloren. Da fiel es

auch dem Jockele wieder ein, daß er damals in überschießender Lust

dagegen gesetzt hatte. »Du hast Angst um deine Mark,« spottete er.

Da lachte sie: »Ach nein -- um die Richtigkeit meiner Ansicht! Entweder

hab' ich damals Unsinn geredet oder -- Jakobus Sinsheimer ist eine

Ausnahme von der Regel.«

»Nach so kurzer Zeit läßt sich das noch nicht mit Sicherheit

feststellen,« scherzte er. »Wir müssen wohl warten bis zu meinem Tode.«

»Du hast fürchterliche Angst um deine Mark!« vergalt sie ihm nun. Sie

küßte ihn in jähem Übermute noch dreimal und sagte: »So, nun hast du

deine Wette verloren! Es ist rein zum Verzweifeln.«

»Ich finde: weder das eine noch das andere,« sagte er.

»Nun, wir werden ja hören, was Do dazu meint.«

Dann sprachen sie über Liebe und Ehe und auch von den Erlebnissen,

die er in seiner jungen Zeit mit Gwendolin gehabt hatte. Es war Hanna

furchtbar interessant, wiewohl Do und Gwendolin ihr das alles schon

einmal erzählt hatten. »Wenn ich Do wäre, so litte ich nicht, daß

Gwendolin und Hanna Fellner die gleiche Luft mit dir atmeten.«

»Ja, so halten es die Menschen,« sagte er, »weil sie einander nicht

vertrauen bis zum nächsten Busche -- und weil sie ihre Liebe nicht reif

werden lassen vor der Hochzeit.«

Dann schlich er wieder einmal auf den Zehen um den Karauschenteich. »Es

sind annähernd dreihundert grüne Wasserfrösche da!«

Hanna betrieb inzwischen ein nachdenkliches Spiel mit Heidehalmen.

Sooft er an ihr vorüber kam, warf er ihr ein kluges und schönes

Wort von der Ehe hin oder von der Liebe. Das fing sie wie eine

seltene Blume und schmückte sich das Herz damit -- das wirbelige

törichte Herz, das einst gemeint hatte: es hätte die Liebe nach allen

Himmelsrichtungen erprobt. --

Wie es indessen um Gwendolin und den langen Mister Johnny aussah? Auf

der Fahrt den Fjord hinauf war es morgendlich kühl in dem kleinen

Schiffe. Als sie dann an ein sehr schönes Naturtheater kamen, auf dem

sich die Kulissen sommerbunt und kühn durcheinanderschoben, sagte

Gwendolin: »Sie, lassen Sie mich heraus -- das muß ich malen!« Sie

war noch genau so wie damals in der wilden Jockele-Zeit: vor einer

romantischen Aufführung der Natur konnte sie nicht vorübergehen. Das

strich sie dann keck und aufgeblüht aus ihrem jauchzenden Herzen, und

es wurde ein ungeheueres Farbenerlebnis daraus.

Sie hatte sich seit dem Tage, da ihr der Freund verlorengegangen war,

nicht gewandelt. Nein, Gwendolin Vogelgesang war nicht von der Art

jener, die die Tür unbedacht ins Schloß werfen und dann davorstehen

mit Reu' und »Hätt' ich doch«. O, die Entgleisung Henriks war ihr

nicht gleichgültig -- ihr am wenigsten. Aber sie hatte von allen die

kräftigste Überlegenheit gegen das Leben.

Nachdem sie ihre Staffelei aufgestellt hatte, verfiel sie gleich mit

Allgewalt ins Malen. Sie war dabei so rasch, daß sie nie zweimal zu

einem Motive ging; denn sie kopierte nicht die Natur, sondern sie schuf

das künstlerische Erlebnis, das sie davor hatte, in Form und Farbe.

Ja, so war es um ihre Kunst; es wandelte sich auch darin nichts. Viele

verstanden sie nicht, aber viele beglückte sie. Es kümmerte sie nicht,

was sie damit für eine Wirkung erzielte.

Ob John Williams weiter fjordaufwärts gerudert war, oder ob er irgendwo

hinter einer Kulisse steckt und sich in seiner veristischen Manier

abmühte, wußte sie in ihrem himmlischen Untergange nicht. Er aber hatte

zur Genüge erfahren: Gwendolin konnte jemandem Palette und Pinsel ins

Gesicht werfen, dem es beikam, ihre Eingebungen zu stören. Sie mußte

allein sein mit dem Gott, der in ihr schuf.

Wenn Johnny an diesem Tag nicht vorgehabt hätte, auf sie zu warten, so

hätte er sie am Morgen nicht mit in sein Boot genommen.

Der Wandel der Lichter und Schatten, der um Mittag eintrat, verurteilte

ihn zur Untätigkeit. Da legte er sich auf das kurze Gras eines Hügels

und guckte in die spiegelnden Wasser. Bergkuppen standen darin,

silberstämmige Birken, finstere Föhren, die sich an Zacken klammerten;

und die flimmernden Eisströme vom Folgefond. Und alles blühte hinein

in die seligen Himmel der Tiefe. Den »Malkasten des Herrgotts« hatte

Gwendolin den Fjord genannt.

Johnny hatte seinen Platz so gewählt, daß er Gwendolins Wildrosenhut

sehen konnte, wenn er sich ein wenig aufreckte. Diese Gelegenheit nahm

er viel öfter wahr, als er dachte. Er sah sich an dem Zauberspiegel der

Flut müde, aber an Gwendolin nicht. Nun ja -- Henrik Toftes Abreise mit

unbekanntem Aufenthalt war ein harter Schlag für ihn gewesen. Aber die

Sache hatte doch auch ihre gute Seite ...

Der lange Johnny hatte nie in seinem Leben eine so kurzweilige

Sonnenruhe gehalten wie an diesem Tage. Ohne Pinsel und Farbe malte er

sich ein Bild. Das stellte den listigen James dar in dem Augenblick,

in dem er erkannte: die heiße nußbraune Gwendolin hatte John Williams

unwiderstehlich gefunden. -- Es war sehr unterhaltsam. Ja. Und

deshalb lugte Mister Johnny immer durch den Spalt zwischen den beiden

Birkenstämmen.

Um die gleiche Stunde befand sich sein Freund James in nicht minder

heftiger Kurzweil. Einesteils hockte er in seinem Boot im Sommerrohr

und strich mit einem großen Pinsel Zinkfarbe an die äußeren Bordwände.

Anderenteils malte er sich ein Bild. Das stellte den listigen Johnny

dar in dem Augenblick, in dem er erkannte: die heiße, nußbraune

Gwendolin hatte James King unwiderstehlich gefunden. -- Es war sehr

unterhaltsam. Denn: wo in aller Welt war ein Mensch auf die köstliche

Idee verfallen, mit Hilfe eines Gespensterschiffes seiner Angebeteten

eine nächtliche Aufwartung zu machen? Seiner Angebeteten? Nun, auf eine

so romantische Gemütsverfassung zielte der Ehrgeiz eines richtigen

Glasgowboys im Grunde genommen nicht. Aber etliches hatte er doch

den Deutschen und Norwegern abgeguckt; und er war nicht umsonst der

Schüler Henrik Toftes gewesen. So war seiner Weisheit letzter Schluß:

mit einigem romantischen Behaben mußte der Gwendolin wohl beizukommen

sein. Denn erstens würde ihr dabei das Herz erschauern: es war ja

bekannt, daß auch Nane Thord nächtliche Zusammenkünfte mit ihrem

Verstorbenen hatte. Zweitens: Gwendolin, deren Licht stets bis über die

Mitternacht hinaus durch das Fenster schien, lebte in so später Stunde

ein gesteigertes Leben: sie würde an Henrik Tofte denken, der in der

Geisterzeit sehnsüchtig um die Insel strich ... Und drittens berechnete

James das Einkommen, das sich aus Gwendolins Fleiß und Talent schlagen

ließe.

Mister Johnny, weit, weit draußen vorm Zauberspiegel, stellte die

gleiche Berechnung an. Im übrigen aber: auf die Hilfe der vierten

Dimension verließ er sich nicht. Er wartete, bis Gwendolin so gegen

drei Uhr ihre Brote auspackte, dann schritt er unternehmungsfroh die

Hügellehne zu ihr hinan.

»Fertig!« sagte sie und biß in die Schinkenstulle, »ich schließe, daß

es spät geworden ist, denn ich habe einen Mortshunger.«

»Well,« sagte Mister Johnny, »und ich habe Ihnen drei Eier aufgehoben.«

»Famos! Geben Sie her!«

Das ließ sich sehr hübsch und nüchtern an und stimmte mit der Rechnung

Johnnys Punkt für Punkt. Er setzte sich zu ihren Füßen in das blühende

Gras und half ihr bei der Betrachtung des Bildes. Sie kniff das linke

Auge zu: »Da rechts, in den Firnenschnee, muß noch ein kobaltblaues

Licht -- der Firn ist um sieben Grad Celsius zu warm,« sagte sie,

sprang auf und strich die fehlende Kälte auf das Bild.

Über allem schien es dem langen Johnny: Gwendolin würde ihm nach dem

Mahle nicht die nötige Muße zu seinem Vorhaben lassen.

»Sie, sind die Eier hart?«

»Hm,« sagte er. -- Es war nun doch ungeheuer schwierig. Gwendolin

ballerte am Stein schon das zweite Solei auf. »Wie weit sind Sie

gekommen?« fragte sie zwischendurch.

»Ah,« sagte er gefaßt, »bis zu dem Entschlusse, den Ruhm im Stiche zu

lassen, der mir in meinem Vaterlande so unverdient zugefallen ist.«

»Und wie gedenken Sie das fertigzubringen?« forschte sie in belustigter

Neugier.

»Ich will für einige Zeit mit Ihnen nach Deutschland gehen. Es wäre mir

am liebsten ... ich meine: was sagen Sie dazu, wenn wir uns einander

nahe blieben, so ganz nahe ... wenn wir gewissermaßen einen eigenen

Herd gründeten?«

Gwendolin biß in das Ei. »Wir -- zwei? ... Mensch, hat Ihnen denn die

Sonne das Hirn geröstet?«

Johnny schnellte mit einem Satze von dem blühenden Rasen zu seiner

ganzen Länge empor -- es war zu vermuten, er hätte sich auf eine

Giftschlange gesetzt. Gwendolin zuckte zusammen: er sah aus, als wollte

er sich nun auf sie stürzen. Aber sein Herz war von einer unfaßbar

versöhnlichen Stimmung. »Ich danke,« sagte er. »Es ist nicht nötig, daß

Sie noch stärker gewappnet aus sich heraustreten; an einem Kampf bis

zum sogenannten bitteren Ende liegt mir nicht das geringste.«

»Sie sind wohl nicht ganz glücklich in der Wahl des deutschen Ausdrucks

gewesen, so daß ich Sie mißverstehen mußte?« fragte sie.

Aber Mister Johnnys Herz war von rassereinstem Gleichmut -- er ergriff

nicht einmal dies rettende Seil. »Ach nein,« sagte er, »sondern mir

scheint, ich bin nicht sehr geschickt zu Werke gegangen. Nun, so teil'

ich das Schicksal mit Henrik Tofte, mit Jakobus, mit dem Mann aus dem

deutschen Zwetschengarten und mit den anderen, die vor mir kamen und

nach mir kommen.« Das kollerte er aus seinem breiten Britenmunde hervor

wie eine Reihe Kegelkugeln. Sie gingen alle daneben.

Auf der Bootfahrt, die dreizehn Kilometer lang war, unterhielten sie

sich noch über den Vorfall. Es war die vergnügteste Überraschung

gewesen in Gwendolins Leben. Darum flatterte ihr Herz nun auch wie ein

kleiner Wimpel im lustigen Sommerwind.

Unterwegs sahen sie Do und Rolf Krake. Die beiden spazierten die schöne

Uferstraße lang und befanden sich offenbar in einem angelegentlichen

Gespräche. Die Bergfahrt war also kurz gewesen; denn sie hatten sich

schon umgekleidet. Do hatte den roten Sonnenschirm über die Achsel

gelegt, als dürfe sie kein Wort von der Geschichte verlieren, die

ihr Begleiter im weißen Strandanzuge berichtete. Darum hielten sie

sich auch vor dem vorübergleitenden Boote nur für die Länge eines

Freundesgrußes auf.

»Nun ja,« sagte Do im Weitergehen, »ich habe nicht umsonst an Ihnen

herumgeforscht seit der Stunde, in der wir uns kennen lernten. Wenn ich

nun gleichwohl anfange, Sie zu verstehen: das verzwickteste Kapitel

Mensch, der mir je vorgekommen ist, bleiben Sie für mich trotzdem.«

»Darauf kommt es mir weniger an,« sagte Rolf Krake. »Getrauen Sie sich

nun, meine Frage von heute vormittag zu beantworten?«

»Ob Hanna von Fellner mit Ihnen glücklich werden könnte? Nein, das zu

entscheiden getraue ich mir nicht. Ich möchte Sie aber nicht mutlos

machen, Rolf Krake, und nicht feindseliger gegen sich selbst. Es eilt

ja damit auch nicht so sehr.«

»O, es eilt doch,« sagte er. »Wenn mein Bruder Woldemar kommt, so wird

er sich in Hanna verlieben.« Do sah ihn befremdet an. »Weiß Gott, er

wird sich in sie verlieben,« setzte er mit Nachdruck hinzu.

Darüber ward sie ganz besinnlich und sagte: »Nun, eigentlich müßten

Sie ja recht haben. Was wir über Ihr Verhältnis zu diesem Woldemar

wissen, ist doch mächtig sonderbar. Ich kann das nicht verstehen --

nein, ich kann es nicht! Das liegt auch daran, daß Sie alle Fäden Ihrer

Jugendgeschichte an einer gewissen Stelle unvermutet abschneiden. Sie

sagten: als Knaben wären Sie beide keine Ausnahmenaturen gewesen. Aber

Sie, Rolf, dachten schon damals über leichtsinnige Streiche nach, die

Sie gemeinsam begingen. Woldemar dagegen nahm sich und das Leben wie

ein Junge. Die Mutter verstand Rolf nicht. Sie hält den nachdenklichen

Knaben für ein Kind mit verstocktem Herzen -- und setzt ihn zurück.

Darüber wird Rolf zu einem Grübler: er sieht in sich einen Menschen

voller Fehler, die ihm dereinst den Weg ins Leben vermauern werden. Und

er mag sich nicht mehr leiden. Er überträgt dieses Gefühl allgemach auf

den Bruder Woldemar. Sie sind Studenten in Bonn. Da tritt Hanna von

Fellner zum ersten Male zwischen sie. Aber sie verlieren sie wieder.

Der eine studiert dann in Jena weiter, der andere in Kiel -- möglichst

entfernt voneinander ...«

So ließ Do die Geschichte Rolf Krakes im Wandern noch einmal an ihnen

vorüberziehen. Dabei knüpfte sie die Fäden just an der Stelle scheinbar

absichtslos wieder zusammen, an der er sie zu zerreißen pflegte. Es

war ganz offenbar: das tat er deshalb, weil er von da ab sich in sich

selber nicht mehr zurechtfand.

Sie aber wollte ihn von sich selber erlösen. Daher mußte er über

diese Stelle hinwegkommen. Sie sah: es war der verwickeltste Prozeß

eines innersten Gefühlslebens, den Rolf Krake sich selbst nicht klar

aufzeigen konnte, geschweige denn einem anderen. Aber so viel Licht,

als in das Geheimnis dieser verschnörkelten Seele zu werfen war, wollte

sie für ihre Erkenntnis doch erringen -- nicht allein, weil sie dies

verschleierte Bild lockte, sondern -- wie es häufig geschieht, daß

feinfühlige Frauen sich von Ahnungen leiten lassen: weil sie dachte,

sie könnte dem wunderlichen Freunde mit dieser Erkenntnis einmal von

Nutzen sein.

Erst in der sinkenden Nacht kamen sie nach Hause. Do saß danach mit

ihrem Manne noch lange wach. Sie sprachen von Rolf Krake.

»Es ist so mit ihm,« sagte Do, »als Kind hat er gelernt, sich zu

hassen. Dieser Haß blieb ihm und wuchs in dem Jüngling weiter ...«

»Aber, ich bitte dich, Do, wie ist denn so etwas möglich? Es kann sich

ein Mensch über sich ärgern, oder es kann ein Mensch das Vertrauen zu

sich selber verlieren -- aber er kann sich doch nicht durch eine Reihe

von Jahren unausgesetzt hassen! Das wäre für ihn einfach nicht zu

ertragen und müßte ja zum Selbstmord führen!«

»Ganz richtig,« sagte Do, »und das ist auch die Stelle, an der der

Schlüssel zu dem Rätsel vergraben liegt: die Eigenliebe Rolf Krakes

hieß ihn, den Haß gegen sich selbst auf sein Ebenbild zu übertragen

-- auf seinen Bruder Woldemar! Alles, was er an sich selber nicht

leiden mag, das kommt ihm im Bruder doppelt und dreifach und peinigend

verzerrt zum Bewußtsein. Er sehnt sich nach ihm, er reist in dieser

brüderlichen Sehnsucht sogar über viele Meilen zu ihm -- aber dann ist

es, als begegne er seinem Bilde, und der Haß gegen dies Bild ist ihm

geläufiger; denn die Selbstliebe dämmt ihn nicht ein.«

»Ich werde ihn in der kommenden Zeit mitnehmen an den Karauschenteich,«

sagte Jakobus. »Du und Hanna, ihr sollt mehr um ihn sein als bisher.

Während ich arbeite, lustiert ihr euch in der blühenden Heide.«

Am anderen Morgen zogen sie zusammen aus. Auch in den folgenden Tagen.

Rolf Krake war gerne dabei. Aber die funkelnde Helligkeit, mit der er

Hanna damals am Eldetag umleuchtet hatte, war nicht mehr in ihm.

Darüber ward das Verhältnis der beiden zueinander freier, erlöster.

Von Stund' an konnten sie in der hohen Sommerwelt miteinander spielen

wie Kinder, die sich heute bis zur Ausgelassenheit aneinander freuen

und sich morgen vergessen. »Ich habe mich immer ein bißchen vor Ihnen

gefürchtet, Rolf Krake,« sagte Hanna. »Nun haben Sie den Plan der

Verlobung ja aufgegeben. Das ist vernünftig. Kommen Sie, geben Sie mir

Ihre Hände -- von jetzt ab sagen wir ›du‹ zueinander. Und nun geben

Sie mir auch einen brüderlichen Kuß!«

Jockele lachte. »Hanna küßt immer erst fröhlich drauflos, wenn die

Gefahr vorüber ist; dann aber mit Vorliebe. Ich kenne das.«

»Du, du!« drohte das aufgeblühte Mädchen. »Nimm dich vor mir in acht!

Dich möcht' ich doch gerade erst in Gefahr +bringen+ -- es ist aber

furchtbar schwer.«

»Ach nein,« scherzte Do.

»Das sagt sie heute, heute so leicht hin,« rief Jockele und warf

seiner Frau einen lustigen Blick zu. Da sah ihn die frohe blonde Do an

und wurde rot bis hinab in den Ausschnitt ihres Sommerkleides; denn

es fiel ihr ein: sie hatte einmal im Moose des Buchwaldes im fernen

Thüringerlande gelegen, hatte ihr Gesicht mit dem Hute bedeckt, um den

die Ranke aus kleinen Blumen geschlungen war, und hatte gedacht: »Am

Rhein sind die jungen Studenten in Schwärmen um mich geflogen -- dieser

Jockele aber hat seine Augen noch nicht ein einziges Mal vor mich

hingestellt, damit sie zu mir sagten: ›Do, Do, du bist auch hübsch, und

du gefällst mir doch eigentlich sehr‹ ... Die Mädchen prickeln um seine

vollen Sinne wie Sekt in einem neugefüllten Glase. Warum prickelt er

nicht um mich? Und wenn er gar einmal schäumte, wie vor Gwendolin --

man würde sich ja wohl helfen können ... Und wenn nicht? -- Na ...«

Ja, so war das damals gewesen. Und vor diesem Gedanken aus dem

Thüringerwalde wurde die frohe blonde Frau auf dem nordischen Fjeld

glückselig rot bis hinab in den Ausschnitt ihres Sommerkleides. Aus der

gesicherten Entfernung sah sich das alles nun furchtbar lustig an ...

Aber damals?

So blühte sich die Jugend dieser Menschen durch den Glanz, der sie

einwob. Und Rolf Krake fand sich für seine Art fröhlich und aufgetan

zu ihren Sonnenseelen. »Es wäre wunderschön gewesen, wenn wir uns fürs

Leben gefunden hätten,« sagte er zu Hanna; »aber ganz so wie Do bist du

nun doch nicht ... Na, es ist auch so, wie es ist, wunderschön,« sagte

er in sanfter Bescheidung. »Und dein Kuß hat mir sehr wohlgetan.«

»Da hast du noch einen, du wunderlicher Heiliger! Du kannst mitunter

einen bekommen -- aber sauber, weißt du, und in Ehren! Ich glaube, man

kann dich damit aus deinem dunklen Wasser ziehen ...«

»Rettungsringe!« lachte Jockele.

»Es ist ein feiner Einfall,« bestätigte Rolf Krake. »Mir scheint, ich

werde bei euch noch ein ganz vernünftiger Mensch.«

»Das scheint mir auch so,« sagte Hanna, »nun, da du mich nicht mehr um

jeden Preis heiraten willst, ist das Spiel für dich schon zur Hälfte

gewonnen.«

So waren die Tage auf dem Fjeld lustig und hell bis ins Herz.

Einmal des Morgens, als man auf der Osterinsel wieder zum Aufbruch

rüstete, trat Nane Thord herein und sagte: »Es ist in der Nacht ein

Boot um die Insel gefahren. Es sah aus, als wär' es aus Glas. Und es

schien wie ein erleuchtetes Fenster in der Nacht. Es hatte auch zwei

leuchtende Ruder in den Halftern. Aber es war kein Fährmann dabei.«

Nane Thord machte ihre großen, grauen Augen.

Jockele und seine Frau · 第 9 / 24 题