»Nun, ich war wohl um meinen Verstand gekommen,« sagte das große Licht,
»sonst hätt' ich zu ihm gesagt: ›Mein Herr, entweder sind Sie ein Esel,
oder Sie sind ein Verbrecher.‹ Aber ich sagte nur, ich glaubte, mit
dieser Kunst könnte es die meine auch aufnehmen ... Ausgelacht hat er
mich!«
»Und die Bilder?«
»O, die hab' ich aus alter Gewohnheit als Zahlungsmittel benützt. Für
eins hab' ich ein Roastbeef eingetauscht, für ein anderes eine Flasche
Kognak. Zwei hab' ich dem Dolmetscher gegeben. Den Rest hab' ich um
einen Pappenstiel verkauft, so unter der Hand, wissen Sie, beim Tandler
oder dem Antiquitätenhändler.«
»Wissen Sie noch einen von den Läden?«
»Wie soll ich?« rief er. »Sie, das Malen ist eine verdammte Kunst! Ich
glaube, ich geb's auf. Prosit! Und es lebe die nußbraune Gwendolin!«
Johnny erhob zwar sein Glas, aber das Gespräch leitete er hartnäckig
zurück zu Henrik Toftes Geschichte. »Sagen Sie, Meister, wie sind Sie
eigentlich auf die Idee mit dem Schachspiel gekommen?«
»Schicksal!« sagte Tofte. »Ich kenne jetzt drei Kaffeehäuser, in dem
Deutsche, Schweden oder Norweger die Partie um die Zehnpfundnote
spielen. Da geh' ich abwechselnd vor Anker, verfolge Zug auf Zug, und
auf dem toten Punkt springe ich ein. Immer geht das natürlich nicht,
wissen Sie. Aber dreimal ist es mir geglückt in dieser Woche -- sind
dreihundert Mark!« Er ließ noch eine Flasche Sekt kommen. »Ich spare
nämlich jetzt, sag' ich Ihnen. Und wenn ich zwölfhundert Mark habe,
schüttle ich den Staub Englands von den Füßen und gehe nach Rom.
Jawohl, nach Rom.«
»Malen?«
»Das heißt: wenn ich es bis dahin fertiggebracht habe, meinen Schwur zu
brechen, daß ich keinen Pinsel mehr anrühren wollte.«
»Aha,« sagte Johnny.
»Warum aha?«
»Weil Sie einer von denen sind, die -- wenn sie ohne Arme geboren
-- dennoch Maler geworden wären ... Sehen Sie, von mir kann ich das
nicht sagen.« John Williams hatte die Lider gesenkt und folgte mit den
Augen der Spitze seines kleinen Fingers, die allerhand Figuren auf der
Marmorplatte des Tisches beschrieb. Johnny war sehr nachdenklich.
»Haben Sie Ursache zur Reue?« fragte Tofte. »Haben Sie eine moralische
Anwandlung? Bedrängt Ihr Herz eine große Tat? Lieben Sie unglücklich?«
Er wartete aber nicht auf Antwort, sondern setzte hinzu: »Mit derlei
Ballast schlepp' ich mich überhaupt nicht.«
»Ich finde, daß wir uns vortrefflich ergänzen, Meister.«
»Diese Wahrnehmung gehört für mich schon der Vergangenheit an!« lachte
das »große Licht«. Dabei strahlte er, als wäre just er dazu ausersehen,
der Erde den Frühling zu bringen.
»Übrigens: was hat Sie jetzt nach London geführt?« fragte Tofte
unvermittelt.
»Ich bin auf dem Wege nach Glasgow. Je nun, man hat etliches zu
bestellen, wenn man der Heimat voraussichtlich für lange den Rücken
kehrt ...«
»Holla -- la -- la!« machte Tofte.
»Hm,« sagte Johnny und schaute nicht auf. »Ich muß loskommen von James
King. Er ist kein unebenes Talent. Ich auch nicht. Aber wir sind beide
nicht stark genug, um faul sein zu dürfen. Er ist ein Mensch, der seine
Freunde mit in den Abgrund reißt. Meister, ich werde nicht mehr in den
Hardanger Fjord zurückkehren. Ich möchte später einmal nach München.
Was meinen Sie dazu, wenn ich vorerst mit Ihnen nach Rom ginge?«
»Hurra!«
»Ich bin von Haus aus nicht ohne Mittel,« fuhr John fort, »ich werde
deshalb auf den Rest meines Stipendiums verzichten ...«
»Sie sind wohl wild geworden?«
»O, es ist nicht mehr viel. Und ich werde mich der Bildhauerei widmen.«
Er lächelte. »Wir dürften für die Folge also noch enger zusammenstehen,
aber die Firma ›Tofte, King und William‹ ist aufgelöst -- der
Gesellschafter Williams ist ausgeschieden.«
Henrik Tofte schwenkte das Glas. »Sturmschwalben auf dem Fluge zum
Süden!« Er hatte Dos Naturgeschichte der Sturmschwalben nicht mit
erlebt.
Auf dem Hauptbahnhof in Hamburg standen an einem Augustmorgen Do,
Gwendolin und Hanna, Jockele und Rolf Krake. Sie warteten auf die
Ankunft des Zuges, der ihnen den vor wenigen Tagen fertig gewordenen
~Dr. phil.~ Woldemar Krake bringen sollte. Der Sommer des Fjords war
an ihnen hängengeblieben, und namentlich den Damen war anzusehen,
daß sie geradewegs aus des Herrgotts Malkasten kamen. Es war ein
Bild von betörendem Reiz, wie die drei auf dem Bahnsteige wandelten:
die Wildrose Gwendolin in der Mitte, natürlich in sanftem Gelb, Do
in Weiß und Hanna in der Farbe des Morgenhimmels, wenn der hell um
die Schneegefilde des Folgefonds weht. Es war die springlebendige
Lieblichkeit, vor der der Herzschlag der Männer sieben Sekunden lang
aussetzt, und nach der sich die Augen der Frauen in neidlos stiller
Beglücktheit wenden. Selbst inmitten des losgelassenen Lebens auf einem
Bahnhof.
Da schnitt auf einmal einer quer über die schaukelnden Wogen des bunten
Sommergetriebes hinweg. In der Hand des hochgereckten linken Armes, der
wie ein Mastbaum ragte, schwenkte er einen Rucksack, schmetterte einen
jodelnden Ruf, trieb wie ein Schiff übers Meer vor dem Sturm seiner
Freude und riß die Schwertlilien aus dem Hardanger Fjord alle drei auf
einmal an sein Herz: Henrik Tofte auf dem Wege nach Rom!
Weiß Gott, jeder Tag im Leben des »großen Lichtes« sorgte für eine
Stunde, die den Schicksalsglauben immer fester in ihn hineinhämmerte!
-- Vor einer Minute hatte er gejauchzt »Nach Rom! Nach Rom!« nun aber
war alles, was er vorgehabt hatte, in seiner himmellangen Freude
ertrunken, und schon drehte er das Steuer gegen den Wartesaal, um dies
Wiedersehen mit ungeheurer Hingabe zu feiern.
Sein Freund Johnny stand indessen hinter der rückwärtigen Scheibe des
letzten Wagens im ~D~-Zug und merkte wohl, daß er und die Reise für den
jubelnden Henrik ein verwehender Traum geworden waren. Johnny hatte
sich aus einer vorgefaßten Meinung gegen Gwendolin nicht sehen lassen
wollen; darüber hinaus aber hatte er das Geld für Toftes Fahrkarte --
und zwar bis nach Rom -- ausgelegt. Im Zuge wollten sie abrechnen ...
Johnny schwang sich also aus dem Wagen und eilte dem Festzuge Toftes
nach. So gelangte er in die Lage, sich noch ein Auge voll Gwendolin zu
nehmen, riß das große Licht vom Himmel der Seligen herab und hinter
sich drein -- Türen schlugen, Fertigrufe erschollen, die Lokomotive
tat einen erlösten Atemzug, Henrik Tofte streckte seine Arme aus dem
Fenster, Gwendolin blühte ihr Hochsommerglück über das Eisengeländer
noch einmal zu ihm hin -- vorbei!
Vorbei war's, ehe sie recht erkannten, was ihnen da begegnet war.
Henrik Tofte aber sank in seinen Ecksitz und ließ den Rausch eines
Kusses über seine Seele perlen wie schäumenden Wein über die dürstende
Zunge. Diesen Kuß hatte er sich von Gwendolins Lippen genommen in der
jähen Sekunde des Abschieds und in wildausbrechendem Glück. Nun schwieg
er. Schweigend hob er die Finger zum Schwur und deutete auf seinen
Mund. Das sollte heißen: »Ich werde fortan als stummer Mann durch meine
Tage ziehen; denn ich darf den Kuß nicht zertrümmern, der mir auf den
Lippen blüht.«
So sahen die Schwüre des »großen Lichts« aus. Keine wußte das besser
als Gwendolin. Darum reiste Henrik Tofte nun in das neue Leben und --
sie war nicht dabei.
Doch, es gibt keinen Fleck Erde, über dem sich die schwarzen und die
roten Fäden hastiger durcheinanderwerfen zu dem närrischen Gewebe des
Lebens als über jener Stelle, auf der die Fünf von der Osterinsel dem
wunderlichen Gesicht noch lustig und betroffen nachstarrten, das sie
soeben gehabt hatten -- und schon pustete der erwartete Zug in die
Halle. Deshalb lösten sich Rolf Krake und Hanna von den anderen ...
Hanna, die Gwendolin und Do noch gerade von hinnen funkeln sahen; und
Rolf in ehrlichem besinnlichem Frohsinn vor dem Bruder.
Und dann brachten sie ihn, den Doktor Woldemar Krake, der sein Herz
voll heißer Liebestatkraft dem sausenden ~D~-Zug hatte voranfliegen
lassen! Der andere hatte überwunden. Aber Do dachte auch jetzt: sie
können wohl Stunden haben, in denen der eine sich mit dem anderen
verwechselt.
Da war das gleiche schmale, bartlose, scharf modellierte Gesicht mit
der auffällig hohen Stirn. Darüber dünnes blondes Haar, nach rückwärts
gestrichen -- es wehte bei Rolf Krake vor jedem Sturme der Seele. Und
die Augen lagen unter der kraftvollen Stirn, grau und groß, wie Nane
Thords Augen, die das Wundern so gut verstanden. Woldemar ging auch ein
wenig vornübergebeugt, genau wie Rolf. Er sah nicht geschmeidig aus;
aber es stand der Jugend beider gut und vornehm. Es war fast so, als
käme das Übergewicht der Besinnlichkeit in dieser Haltung zum Ausdruck.
Die gleichen Kräfte des Geistes hatten sich die Krakestirnen geformt;
die gleichen Kräfte des Gemüts stimmten sich diese Stimmen und Seelen.
Aber der eine ging gern mit der Stunde, ob sie laut war oder leise. Der
andere verhielt sich ihr zu aller Zeit.
In Hamburg machten sie sich einen vergnügten Tag, und es war ihnen wohl
anzumerken, daß ihnen die Buntheit der großen Stadt nach der Ruhe ihres
heimeligen Winkels im Fjord zu einem genußhaften Erleben wurde. Abends
waren sie in St. Pauli. Als sie lange nach Mitternacht in ihr Gasthaus
am Alsterbassin kamen, sagte Do:
»Mir ist, als müßte ich mich nun zum Trocknen auf die Leine hängen;
denn wir sind immerfort durch bunte klingelnde Gewässer gehüpft, ich
habe mich vollgeplätschert bis zu den Scheiteln.«
»O,« sagte Woldemar Krake, »wenn Sie gerade aus dem Examen kämen,
klänge Ihnen das kecke Lied vom Brettl wie Engelsang, und die Spritzer
aus flachen Wässern würden Ihnen zu einem Bade der Wiedergeburt. Es war
ein feiner Tag. Gute Nacht.«
Danach schliefen sie einen fixen Schlaf; denn des Morgens halb fünf
Uhr mußten sie schon auf dem Dampfer sein. Als sie hinkamen, hatten
sie noch alle Nerven voll Klingeling und Gestern und die Lider voll
zerbrochenem Schlaf und standen auf dem Deck herum und sahen, wie noch
rasch letzte Lasten auf dem Dampfer verstaut wurden, und schwiegen sich
an und dachten: es riecht nach Teer.
Aber es war ein schöner Morgen. Dünne Nebel streiften seehin wie
der Rauch einer feinen Zigarette; und aus der Kajüte stieg Duft von
Kaffee und schmeichelte um ihre Sinne eine liebe Verheißung. Die
ward Erfüllung. Darüber gerieten sie von dem taukühlen Rande des
Tages gleich tief in ihre Freude. Und als sie wieder auf Deck kamen,
zerstießen die Türme Hamburgs die gelbgraue Hülle, in der die Stadt
versunken war. --
Am anderen Nachmittage überraschte sie James King an den Toren des
Eldefjords mit den Booten. Es stand ein kleiner Wind aus Westen, mit
dem konnten sie heimsegeln. Gwendolins »Seelenverkäufer« aber hatte
James nicht mitgebracht, und auch nicht sein eigenes Boot. Er sagte, es
wäre leck, deshalb hätte er sich das von Nane Thord ausgeliehen, und
nahm Gwendolin mit zu sich hinein. Nane Thord aber hatte sich indessen
um ein feines Mahl bemüht. So konnte die Ankunft des Doktors Woldemar
mit Nachdruck gefeiert werden ...
Es machte danach einige Mühe, das durcheinandergeratene Werk wieder so
in Gang zu setzen, daß es den alten schönen Schlag der Stunden fand.
Woldemar wohnte nun in dem Zimmer Henrik Toftes. Und mit Ausnahme
von Rolf Krake in der Sägemühle und von James King, der noch in dem
Fischerhaus drüben am Festland saß, hatten sie alle ihr Nest auf Nane
Thords Insel. Da die Nächte früher einfielen, die Nebel dichter wurden,
und das Feuer an den Abenden schon wieder glomm, rückten sie gern um
die Herdstatt zu traulichen Gesprächen.
In dieser Zeit, als der Herbst sich heimlich über die Welt legte,
arbeitete Jockele scharf an seinem Werk über die Flechten und kam über
Tag oft kaum von seinen Mikroskopen. Deshalb fiel ihm die Wandlung,
die sich mit Rolf Krake in jenen Wochen vollzog, stärker auf als den
anderen. Rolf schied sich auch wieder mehr von ihnen ab. Aber wenn
sie zu ihm in ihrer weitoffenen Art davon sprachen, schob er sein
Einsamkeitsbedürfnis auf seine theologischen Studien und Haeckel. »Es
macht mir ein sonderliches Vergnügen, mich darüber hin und wieder
mitten entzweizureißen. Mit dreiundzwanzig Jahren ist der Mensch nun
einmal ein Philosoph.«
»Man muß aber nicht auch die Nächte hindurch philosophieren,« wendete
Do ihm ein, »und es ist zum mindesten nicht notwendig, daß Ihre Lampe
dem Morgen ins Gesicht scheint.«
Eines Abends blieb er länger als sonst. »Ich setze mich neuerdings mit
dem Glauben an die Seelenwanderung auseinander,« sagte er.
»Eine Sache, die Ihnen unbedingt noch gefehlt hat,« scherzte Gwendolin.
»Spaß beiseite,« sagte Hanna, »du hast zweifellos zuvor als Kröte unter
dem Skjoldefoß gesessen oder als Steinkauz in einer der benachbarten
Klippen. Ich habe das neulich ganz genau bemerkt, als wir zu dem Falle
gingen: dein Eulenschrei hui -- huiiihihi war mehr als eine bloße
Nachahmung.«
»Hm,« machte er aus einem lustigen Nachdenken heraus, »die Wanderung
durch den philosophischen Steinkauz fesselt mich gegenwärtig weniger,
sondern vielmehr die Anschauung: die Seelen fliegen nach dem Tode des
Körpers auf den Mond. Dort wohnen sie während des zunehmenden Mondes,
aber bei abnehmendem steigen sie mit dem Regen herab und gehen je nach
ihren Taten in höhere oder niedere tierische Körper ein oder sogar
in Pflanzen.« Solcherart waren die Gespräche, die sie über das Herz
der Nacht hinweg am Herdfeuer auf der Insel führten. James King aber
saß dabei und wunderte sich und sagte: »Vom Geschäft reden die jungen
Deutschen niemals. In England lacht man über sie, und in Amerika nennt
man sie ›~the greenhorns~‹ und füllt das Wort ›~dutch~‹ bis obenhin mit
Verachtung. Ich glaube, es kommt die Zeit, da werden sie es spüren.«
An diesem Abend erfuhr er auch, daß Gwendolin eine Böhmin wäre, und
es kam heraus, daß der gescheite James sich Böhmen als eine Insel im
Ozean dachte. Doch -- er berief sich dabei auf Shakespeare. Gwendolin
nahm sich den Mister James daraufhin in ihrer witzigen und leuchtenden
Art vor. Es wurde so launig, daß sogar Rolf Krake vor Vergnügen seine
Schenkel schlug und Mister James auf allen vieren um den runden Tisch
galoppierte. Er hatte den grauen Anzug an.
Dieses Schauspiel verpaßten Hanna und Woldemar. Gleich nach Rolfs
Mondfahrt waren sie hinausgegangen in die Nacht: sie wollten hören,
ob die Käuze riefen -- dann gäbe es anderes Wetter, und sie müßten die
Kletterpartie auf den Folgefond verschieben ...
Es war eine Neumondnacht voll Klarheit und stiller Sterne und doch so
finster im Schatten der Berge, daß sie sich ganz fest umschlangen. Zu
der Bank im Rohre fanden sie sich aber doch.
»Holla,« rief Woldemar, »es liegt schon einer da!«
Da verfiel Hanna in ein schütteres Lachen. »Ach wo,« sagte sie, »ich
habe vor dem Essen rasch meinen Mantel und das dicke Umschlagtuch
hergetragen. Man konnte doch nicht wissen, ob die Hüllen nötig wären.
Nun, eigentlich brauchten Sie es nicht gleich zu merken.«
Das war das letztemal, daß sie das fremde »Sie« gegen ihn gebrauchte;
denn nun kam eine Stunde ohne Worte. Die war so leise -- das Rohr
hätten sie atmen hören können! Aber sie horchten nicht hin.
Auf einmal knirschte der Kies hinter ihnen. Da wurden ihre betörten
Sinne steil. Dann strich etwas in die Schilfhalme hinein -- aber das
war schon einen kleinen Steinwurf weit weg von ihnen und war dort, wo
das Rohr so dicht stand, daß man ein brennendes Licht hinter dem grünen
Gewebe nicht gesehen hätte. Dann folgte ein leichter Sprung und ein
langes heimliches Gleiten ... Aber auch darüber fiel gleich wieder die
dunkelblaue Stille.
»Du,« flüsterte Hanna, »meinst du, daß Rolf nächtlicherweile Gespenster
suchen geht?«
Da stieg Woldemar auf die Bank, um gegen das Haus zu schauen, und
sagte: »Das Licht im Saal ist ausgetan.« Dann wollten sie von neuem in
ihre liebe purpurne Finsternis versinken. Aber es kam nicht mehr zu
einem tiefen Untergange; denn der Gedanke an den nächtlichen Wanderer
drängte sich zwischen sie. Da brachen sie auf. Und als sie über das
Riff gingen, sahen sie einen leuchtenden Kahn über die Sterne ziehen,
die im Fjord lagen, der wurde von zwei leisen Rudern getrieben. Aber es
war kein Fährmann im Boot.
Es war unheimlich. Da blieb den beiden der Atem stehen, und sie legten
sich der Länge nach auf den Stein und lugten aus. So blieben sie, und
das Gespensterschiff zog her und hin ...
Um diese Zeit klopfte Nane Thord an Gwendolins Tür; denn Gwendolin
schlief Wand an Wand mit ihr. Als sie herauskam, sah sie: die Kerze
zitterte in Nane Thords Hand. »Kommen Sie,« sagte Nane Thord, blies das
Licht aus und führte sie in ihre finstere Stube ... »Da! Da ist das
feurige Boot! Sehen Sie es auch?«
»Ja,« sagte Gwendolin.
»Die Gespenster kommen hier immer im neuen Mond.«
»Je nun, es hängt vielleicht mit Rolf Krakes neuer Erkenntnis
zusammen.« Das verstand Nane Thord nicht; aber das merkte sie wohl:
es lag in Gwendolins Worten ein Spott, der nicht recht zur Blüte kam.
Eine wunderliche Sache war die Erscheinung nun doch. Gwendolin eilte
indessen vor die Schlafzimmertür Dos und ihres Mannes. Die lagen im
ersten Schlummer, und es verstrich eine Frist, bis man sich durch
die Tür verständigt hatte. Jockele schlüpfte in den Kimono, Do warf
sich das Morgenkleid über und ließ Gwendolin herein. Dann öffneten
sie das Fenster, so lautlos es anging -- da sahen sie die Sterne
still und traumhaft auf dem Grunde der Wasser funkeln, aber von dem
Gespensterschiff keine Spur.
Jockele hatte den Revolver aus dem Nachttischkasten genommen und drehte
die Trommel. Es klang ein wenig erregt, aber es gab die Gewißheit, daß
er im Ernstfalle --
Da war's wieder! »Ho!« machte Jockele sehr bedeutend.
»Es ist jetzt anders geworden,« stellte Gwendolin fest, »vorhin war
kein Fährmann darin.«
»Ein Mann ohne Kopf!« flüsterte Do. »Sagt, was ihr wollt -- die Sache
ist nun doch unheimlich.«
Sie sahen den Mann ohne Kopf alle drei. Er saß dort in weißem Linnen;
seine Arme unter der Hülle bewegten die Ruder in geräuschlos langem
Schlag, und zwischen den Schultern konnte man genau die Stelle
erkennen, an der der Kopf abgerissen war: es sah aus, als läge da
noch der Rest eines Bartes, der bei Männern, die ihn tragen, die
Schifferkrause heißt.
»Dies Spiel ist mir zu dumm,« sagte Jockele in einer Anwandlung von
Mannesmut, »ich schieße dem Herrn eine Kugel achtern ins Boot.« Und
»Bumm!« dröhnte der Knall in die schwarze Stille und rannte an den
Bergen herum in hundertfacher Verstärkung. »Nicht getroffen! Noch
einmal!« Bumm! Aber das gläserne Schiff klirrte auch diesmal nicht in
Stücke. Sondern der Mann ohne Kopf schnellte von seinem Sitz in die
Höhe und rief: »Doktor, machen Sie keinen Unsinn! Was soll denn diese
lächerliche Schießerei?«
Natürlich liefen Jockele und Gwendolin nun hinaus und nahmen Nane Thord
und ihre Windlaterne mit. Dann legte James King bei der Klippe an, in
der Henrik Tofte in Stunden der Einkehr sein Frühstück zu verzehren
pflegte, und kletterte am Gestein empor. Von der anderen Seite kamen
Woldemar und Hanna, und Jockele leuchtete das Gespenst zwischen Lachen,
Spott und Verwundern mit der Laterne an: Mister James hatte sich ein
Bettuch über die Schultern geworfen und den Kopf mit einem Pudelfell
verhängt, das war genau so schwarz wie Nacht und Flut und von beiden
nicht zu unterscheiden.
»Ist das nicht ein lächerlicher Spaß?«
»Man kann es so nehmen -- aber auch anders,« sagte Gwendolin ein
bißchen verstimmt. »Je nun: es ist der erste Sieg, den Sie in Ihrem
Leben errungen haben -- lassen wir ihn gelten.«
Mister James gebärdete sich sehr lustig. Aber im Grunde: nach einem
Siege sah die Sache für ihn ganz und gar nicht aus, sondern nach einer
lächerlichen Niederlage; denn er hatte Gwendolin damit eine Gelegenheit
geben wollen, ihn zu lieben. Und zwar hatte er sich den Gang der Dinge
also gedacht: Gwendolins Licht war alle Nacht das letzte im Haus. Wenn
sie es austat und das Fenster öffnete, ehe sie sich zu Bett legte,
sollte sie die Erscheinung bemerken. Weil sie nun ein tapferes Herz
hatte und eine Lust an kühnem Erleben, würde sie nicht schreien,
sondern sie würde sich die Erscheinung mit Teilnahme näher betrachten.
Auf dies »näher« kam es ihm an. Alles übrige gedachte der listige James
der Gunst des Augenblickes zu überlassen ...
So war seine Berechnung. Es war eine umständliche Sache. Aber -- nun
ja, er hatte seit der Flucht Toftes tausendmal vergeblich nach einem
geraderen Wege zu dem wachen Mädchen gesucht: es gab für ihn keinen.
»Mister James,« rief Do aus dem Fenster herab, »wäre es nicht einfacher
gewesen, Sie hätten an Gwendolins Scheibe geklopft?«
»Hm,« sagte er, »da hätte sie mir einen Krug Wasser über den Kopf
geschüttet.«
Dos Frage war keck und hellsichtig. Und das Geständnis des James war
verblüffend. Danach hätte er im Reste der Nacht seine Koffer packen
können. Das tat er aber nicht; sondern am anderen Morgen fand er sich
im Krakesaal zum Frühstück ein und sah aus, als hätt' er nie im Leben
eine Dummheit gemacht. Der begehrten Gwendolin aber schlug das Herz
fortan in schöner Sicherheit, und Hanna und Do lächelten sich so um
den geschlagenen König herum. Der aber streckte die langen Glieder von
sich, zeigte eine lächerliche Wurstigkeit und rauchte Shagtabak.
Einige Tage danach waren Do, Gwendolin und Hanna an Land gefahren und
wanderten mit verschränkten Armen am Ufersaum entlang und sprachen vom
Leben. Sie mußten heute dazu unter sich sein. Do war für Hanna in der
letzten Zeit in allen Stücken die liebe weise Beraterin geworden, und
Gwendolin hörte ihnen in nachdenklichem Frohsinn zu. »Sie reden von
meinem fernen Lande,« dachte sie. Seit der Kunstschule in Weimar war
ihr der Anblick solch einer hoffenden, drängenden und geheimnisvollen
Frauenjugend ganz verlorengegangen. Und auch damals hatte sie abseits
gestanden mit ihrer größeren Begabung und ihrer gefestigten Art; denn
was da in den Malsälen gesessen hatte aus Liebhaberei oder in der
Absicht, sich zu beschäftigen, das hatte Augen, denen das Lebensziel
im Nebel verschwamm. Eine wie Hanna von Fellner war ihr nie begegnet:
die wollte das ganze Reich, in dem sie einmal als Frau einzog, aus
ihren fixen weißen Händen zaubern -- wenigstens alle Feinarbeit daran.
Nun empfing sie Packen weißen Linnens und spiegelnden Batist und
weiße Seide. Sie hatte sogar eine Nähmaschine kommen lassen. Im Haus
auf der Insel klangen die Nadeln stundenlang durch gespannte Tücher
im Stickrahmen; das Wort »Dutzend« spielte eine mächtige Rolle, und
Nane Thord betastete mit Augen und Händen den schneeigen Reichtum
und wunderte sich stumm vor den Herrlichkeiten, die da mit blauen
Seidenbändern zu Türmlein geschichtet wurden.
Aber es war nun einmal so; und die Hanna, die sich immer ein bißchen
obenhin durch ihren Vorfrühling geträllert hatte, rüstete für ihr
Ostern mit einer Tiefgewalt, die altmodisch ausgesehen hätte, wäre
sie nicht so voller Innigkeit gewesen. Deshalb wurde sie einzig in
ihrer Art. Sogar die zärtlichen Jung-Frauenträume der »kleinen Wäsche«
vergaßen sie nicht -- es war ein schweres Exempel. Aber mit vereintem
Scharfsinn bekamen sie auch das heraus und dichteten es gleich für zwei.
Darüber bekam Gwendolin das lange Sehen. Sie mußte schon wieder an das
»ferne Land« denken und sagte: »Ich habe mir ein feines Leben gemacht;
es ist voll Schönheit und Fülle und Freiheit bis oben. Und zuletzt?
Zuletzt gehör' ich doch zu den Menschen, die den Weg verloren.«
»O nein,« sagte Do, »aber du könntest wohl dahin kommen.«
»Liegt das an mir?« fragte Gwendolin.
»Ja,« sagte Do, »in der Fremde an deinem hellen Licht siehst du als
Dämmerung und Nacht, was außer dir ist. Es ist kein Mädchen umworbener
als du. Und ich weiß auch kein Herz, das heißer und genußfroher wäre
als deins. Aber du probierst es nicht, diesem Herzen seine Aufgabe zu
stellen.«
»Das ist wieder einmal eine richtige Do-Rede gewesen,« lachte
Gwendolin, »nun ja, du bist nach Rolf Krake in dem Alter, in dem die
Menschen Philosophen sind. Oder hast du das bei Ibsen entdeckt?«
»Nein,« sagte Do. »Ibsen würde sagen: ›Die Frau soll dem Manne bei
seiner Arbeit und bei seinem Leben helfen, indem sie ihm Arbeit und
Leben leichter macht und indem sie um ihn ist und ihn pflegt‹.«
»So ist es mir handlicher,« sagte Gwendolin. »Ich werde mich daraufhin
einmal ansehen müssen.«
»Ja, tue das,« sagte Do, »es wird dir nicht schaden. Ein Mann ohne Frau
ist ein Halbnarr. Mit einer Frau ohne Mann steht es nicht so schlimm;
aber die Weisheit, daß wir ja doch nicht alle heiraten können, ist ein
windiger Trost, und sie ist von alten Jungfern erdacht als Decke für
ihre greuliche Erkenntnis: ich bin durchs Examen gefallen.«
»Paßt nicht für mich!« erriet Gwendolin.
»Aber du hast auch keinen gefunden, der dich hätte deinem Trotz
abringen wollen. Zuletzt traut dir keiner zu, daß du ihm zuliebe ein
Stück von dir selbst aufgeben könntest.«
Gwendolin dachte an Henrik Tofte und an sein Wort von der Malerei. Das
wandelte sie nun ab und sagte: »Die Ehe ist eine verdammte Kunst.«
So schritten sie froh, nachdenklich und wachsam gegen sich selbst in
Sonne.
Hanna hatte schon wiederholt gegen die Sägemühle geschaut, ob Woldemar
nicht käme. »Ich weiß nicht, warum er uns warten läßt,« sagte sie.
»Nun, er wird eine kleine Ausstaubung an Rolf Krake vornehmen,« meinte
Do, »man wird damit nicht so rasch fertig, wie man denkt. Ich kenne
das. Es gibt in dieser Seele Winkel voll Dämmerungen. Rolf Krake
ist wie eine alte Burg, vollkommen eingerichtet, aber es wohnt ein
Sonderling darin, und neben ihm ein Haufen wunderlich Wesen, wie es
sich in solch einem abseitigen Bauwerk festsetzt ...«
Wenn sie von Rolf Krake redeten, kamen sie so bald nicht los. Es wurden
da immer neue Entdeckungen gemacht, und man gelangte doch zu keiner
Lösung.
»Dazu müßte man Seelenarzt sein oder Schriftsteller, hat mein Jockele
gestern abend zu mir gesagt,« erzählte Do.
»Na ja,« warf Gwendolin ein, »ich sehe Jockele doch noch als Dichter!
Ich kann mir gar nicht denken, daß die trockene Wissenschaft ihn zeit
seines Lebens fesselt.«
»Vielleicht habilitiert er sich einmal in Jena,« sagte Do.
»Aber wenn er des Abends erzählt, dann höre ich doch immerfort den
Dichter,« redete Gwendolin hartnäckig dagegen. »Ich glaube, wenn er
seine Abhandlungen über die Flechten und über die lächerlichen Frösche
geschrieben hat, wird er mal halb wachend, halb träumend zu einem
Romane kommen, etwa mit dem Romfahrer Henrik Tofte als Helden oder mit
Rolf Krake, der Zauberburg. Über die Flechten und Frösche wird er sich
noch zu den Menschen finden ...«
»Jockele auf Seelenwanderung!« sagte Hanna. Sie setzten sich in den
blühenden Rasen und plauderten sich in Ausblicke und Einblicke. Sie
hörten in ihrem Sonnenwinkel an der Hügellehne den Skjoldefoß rauschen
und ahnten sich tief ins Leben. Aber das Entsetzliche, was sich in
diesen Minuten am Fall ereignete, das ahnten sie nicht.
Zwischen dem Fels und dem schäumenden Vorhange der Wasser stand Rolf
Krake auf der moosgrünen Steinplatte und schaute in den Gischt, der um
seine Füße kochte. Er stand dort wie einer, der auf der Wanderung ist
in den Sommermorgen. Vielleicht war er auch von den Bergen gekommen.
Unter ihm quoll es aus Tiefen herauf und brüllte. Vor ihm brach es
aus Höhen herab und schnob. Hinter ihm ragte der tropfende Fels und
barst nicht, und doch donnerte der Bergstrom seit tausend Jahren seine
Allmacht darüber hin. Vor ihm in der Luft hing die zischende Flut,
hing zwischen ihm und der Welt, rückte die Welt weit, weit hinaus:
wenn er seine Füße hob und jetzt schnurgeradeaus wanderte durch diesen
kochheißen eiskalten Vorhang hindurch -- die Welt war für ihn nicht
zu erreichen, mochte er gleich tausend Jahre laufen! So weit weg war
Rolf Krake von der Welt, und so fürchterlich hing die Einsamkeit um
ihn. Er dachte: »Ich will den Weg, der tausend Jahre lang ist, jetzt
wandern. Es wird mich von oben die Gewalt des Stromes fassen und in
die Tiefe werfen. Und es wird mich das Brodeln der Tiefe greifen,
wie der heulende Sturm ein Körnlein Sonnenstaub, und wird mich aus
der brüllenden Finsternis heraufwirbeln und hinab, herauf und hinab.
Hundert Schritte wird mein Herz mitrasen auf der Straße der tausend
Jahre ... liebes Herz, so töricht bist du schon all die Zeit her
gewesen -- ich will dir diesen letzten verrückten Wettlauf ersparen ...«
Rolf Krake redete das ganz laut in die fürchterliche Einsamkeit und zog
den Revolver aus der Tasche.
Da trat Woldemar Krake über den Steig von links in den hohen Dom, der
aus Fels und Flut, aus Donner und blauem Lichte gebaut war. Woldemar
Krake sah die Waffe in seines Bruders Hand, und er sah auch den weiten
Weg in seinen Augen, den er vorhatte.
Rolf Krake aber kniff die Lippen in unsäglichem Hasse zusammen -- die
Felsplatte, auf der sie standen, war von Manneslänge und drei Fuß
breit. Wie tief das Sterben war, das den Stein umbrandete, ermaß kein
Menschenwitz. Und es gab kein Menschenwort, das den tosenden Schlag
der Wasser überschrie -- keine Frage, keine Bitte. Deshalb riß sich
Woldemar Krake zusammen wie ein Tiger zum Sprung: es durfte kein Ringen
geben auf dieser Spanne Gestein, sondern nur ein gewaltiges Umschließen
mit Armen, in denen der Wille des anderen augenblicklich zerbrach ...
Rolf Krake aber dachte: »Es ist doch kein Wahn, daß ich dich hasse!
Wer hat mir das Leben vermauert von Kind an? Du! Wer hat mir den Traum
der Liebe zerpflückt? Du! Wer hat mich vor der Welt und mir selbst zum
Narren gemacht? Du! Und wer kommt jetzt und mengt sich auch in mein
Sterben? Du! Du! Du -- der du ich bist, ich!« Und er warf den Arm mit
der Waffe hoch. Der gekrümmte Finger riß den Abzug durch. Kein Knall
war zu hören. Kein Wölklein Rauch war zu sehen ... Nach dem vierten
Schuß schleuderte er die Handvoll mörderisches Eisen in den Schwall und
sprang durch den Spalt des weißen Vorhangs hinaus. Durch diesen Spalt
war der andere vor einer Minute hereingetreten ...
Noch einen jähen Blick warf er zurück -- das verhaßte Bild folgte ihm
nicht. In einer Bergschrunde klomm er empor, in der im Frühling ein
fußbreites Tauwasser über die Steinstufen sprang. Er rannte immerzu. Er
zog sich an Krüppelkiefern empor. Er kam in eine sanfte Mulde zwischen
den Wänden, da sah er Lona Steensgard, die Tochter der Fischerswitwe
Bolette Steensgard. Sie stand dort in groben Schuhen und in ihrem
schlechten Wollrock, brach Astholz und stapelte es in ihren Korb. Lona
Steensgard lachte und sagte: »Sie können von hier aus gut wieder auf
den Pfad kommen, Sie müssen nur immer ein bißchen links bleiben gegen
den Skjold zu, dann sehen Sie alsbald den Bratthammer ...«