X.

Ein feuchtes, rauhes Frühjahr ist gekommen und von den knospenden,

regentriefenden Bäumen herab, unter grauem Himmel, tönt das Amsellied,

diese Seelentönchen, die Erinnerung und Sehnsucht bringen, die am

Herzen rütteln und den Kinderseelen Frühlingswonne schaffen. Diese

urweltlichen Stimmchen, die uns erfassen und uns in das Neuerwachen

mit hineinreißen, auch dann, wenn wir todmatt sind, wenn wir der

Weltverjüngung entfliehen möchten, weil nur der Jammer in uns

wieder jung wird. Das Frühlingsamsellied unter grauem Himmel von

knospenden, regentriefenden Bäumen herab, reißt erbarmungslos alles,

was lebt, was Ohren zu hören und ein Herz hat, mitzuempfinden, in den

Verjüngungsstrom hinein. Denen aber, die um ihr Leben betrogen sind,

thut es weh zum Aufschreien.

Olly hat mit Mimm und Emil in den Isarauen die erste Ausfahrt gemacht.

Aufs äußerste erschöpft, ist sie daheim wieder angelangt, liegt auf dem

Sofa und sieht mit großen Augen starr vor sich hin.

Emil deckt den Theetisch, stellt einen großen Strauß Himmelsschlüssel

darauf und scheint die erste Ausfahrt feiern zu wollen.

Mimm setzt sich auch zum Thee; aber die Feier will nicht in Gang

kommen. Olly liegt teilnahmslos, und nur durch ein Zeichen giebt sie zu

verstehen, daß man ihr Ruhe lassen soll.

Der junge Duft der frischen Himmelsschlüssel dringt kaum merklich

durchs Zimmer. Sie empfindet ihn und er thut ihr weh, weh, wie alles

und jedes.

Mimm macht sich zum Ausgehen fertig. Ehe er geht, streicht er Olly über

das Haar. -- »Geht's denn besser?«

Wie dies unnötige Fragen ihr an der Seele reißt! -- Jetzt ist sie

allein. Sie regt sich nicht. In ihr kämpft und bebt es; der große

Frühlingsschmerz liegt über ihr, der in den Verlorenen, in denen, die

das Leben ausgestoßen hat, wühlt und zerrt.

Es schellt. -- Emil kommt ins Zimmer geschlichen. »Olly, Köppert ist

da. Willst du ihn sehen?« Sie nickt.

»Darf ich?« fragt Köppert, ehe er eintritt.

Ein heiseres, kaum hörbares »Ja«.

Er setzt sich ihrem Sofa gegenüber. Beide sind still. Ollys Augen

ruhen auf ihm. »Mir ist bang,« sagte sie völlig stimmlos. Es klingt

gleichgiltig und ohne Ausdruck.

Köppert kann nicht ruhig bleiben. Er ist bleicher geworden, seine

hagere Gestalt dehnt und dreht sich gewissermaßen. Diese ausdruckslose

Verzweiflung hat es ihm angethan. »Ich habe Ihnen da was mitgebracht,«

sagte er -- »ein Seelchen -- etwas, was Sie nicht kennen -- wetten? --«

Er zieht ein Pappschächtelchen aus seiner Tasche, hält es vorsichtig in

der Hand. In die Pappe sind Löcher gebohrt.

»Lebendig?« fragt Olly. Er nickt.

»Ein Vogel?«

»Beinah. Passen Sie auf, ob Sie's kennen.« Vorsichtig öffnet er die

Schachtel und nimmt ein in ein Leinwandläppchen gewickeltes graues

Wesen heraus.

»Ein Fledermäuschen«, flüsterte Olly.

»Jawohl. Zusammengelegt wie ein Regenschirm. Sehen Sie sich's nur an.«

Er hält es auf der flachen Hand und zeigt ihr's hin. »Jeder Esel meint,

er kennt so ein Seelchen in- und auswendig. Gott bewahre, das könnt'

jeder sagen. Der kleine, zart pulsierende Schatten mit dem wundervollen

Elfengesichtchen, schauen Sie nur -- die Edelsteinaugen! Diese Zartheit

im Näschen und im Schnäuzchen, die winzigen Zähne und die großartigen

Riesenohren! Nicht? -- schaut sie nicht aus wie eine kleine Pfründnerin

in der Haube? Nicht wahr neu? Das kannten wir noch nicht?« Er lachte

etwas auf.

Es reckte die Flügel ein wenig. Olly befühlte es. »Ein Hauch,« meinte

sie.

»Nun, und wie steht's mit der Kunst?« sagte Köppert. »Ich meine: wir,

wir Neuen, wie soll ich sagen, wir kennen das Fledermäuschen! Zum

Beispiel: Sie und ich etwa -- wir durchgeglühten Seelen. Wir malen's,

wollen's wenigstens malen, bis in die feinsten Geheimnisse, wie es

pulsiert. Es sieht nicht aus wie eine Fledermaus, sagen die andern,

die eine Fledermaus höchstens aus Bilderbüchern kennen, eher wie ein

zusammengeklappter Regenschirm. -- Affektiert. -- Wo sieht's so aus?

Niemals. -- Jawohl, kennt _ihr's_ denn? -- Wer wird eine Fledermaus

nicht kennen? sagen sie. Punktum. -- Ich aber sage: Die Fledermaus

ist ihnen ganz Geheimnis. Gerad' wie der Mensch auch. Sagen Sie

selbst, wann steht je einer so niederträchtig superklar da, wie die

Leute ihn gemalt haben wollen und wie sie ihn gemalt bekommen? Immer

geheimnisvoll. -- Lichter, Schatten, Fleisch, Fett, alles unbestimmt

ineinander zitternd -- dort wieder wie in Fels gehauen, hier wie im

Nebel, jetzt strahlend, jetzt verschwommen -- auf- und niederwogend.

Grau. Blendend. In allen Farben. Fahl. Eine wilde Jagd.

Jetzt schauen wir ganz ruhig und warten's ab, und -- halt still

-- haben's -- aber in einem Moment, der so intim, so erhascht, so

überrumpelt ist, daß die andern ihn überhaupt nie gesehen haben,

so wenig, wie sie das Fledermäuschen je sahen, darum sag' ich: Wir

erfassen das Fledermäuschen, wir lehren euch die wunderliche Erde wie

neu kennen, an der ihr vorbeilauft und davon redet, als kenntet ihr

sie.«

»Darf ichs zum Fenster hinausthun?«

Er hatte das Tierchen, während er sprach, immer zart in den hohlen

Händen gehalten, damit sie sich das Köpfchen beschauen konnte. Er

öffnete das Fenster ein wenig. Das Tierchen saß ihm auf der Hand,

krabbelte hin und her, ganz vertraulich. ›Schlimm hast du's nicht mit

mir gemacht,‹ dachte es vielleicht. Ein pfeifendes, piependes Tönchen

und fort war es.

»Auch ein Frühlingsbote,« sagte er und schloß das Fenster. »Es ist mir

ins Atelier geflogen. Übrigens, weil wir gerad' dabei sind. Es ist

fabelhaft, was für Fortschritte Sie gemacht haben, seit wir uns kennen

-- rein fabelhaft! Ja, mir hat's was Unbegreifliches. Offen gesagt: ich

hab's einem Weibe nicht zugetraut. Eine Feuerseele! Sie werden eine

große Künstlerin. Sie sind eine. Bei uns ist keine Schmeichelei. Sie

dringen riesig fein ein -- so was ich sagte -- in die Geheimnisse, die

andre nicht sehen.«

Er hatte nicht auf Olly geschaut, als er sprach, sondern irgendwohin,

nach der Decke oder auf den Fußboden, wie das seine Art war, wenn er

etwas Gutes zu sagen hatte. Jetzt hob er den Blick und sah ein Gesicht

vor sich voller Glückseligkeit. Das arme, schmerzbeladene, kranke

Gesicht von vorher war mit einem Schlag verändert. Hoffnungslosigkeit,

verbissene Qual, fortwährendes gehetztes Überangestrengtsein, alles

hatte sich verkrochen, wie die Nacht vor der Sonne.

Das Glück war da, rein und groß. Sie hob die Hände und faßte die

seinigen und sagte wie er vorhin, aber bebend vor Bewegung: »Auch ein

Frühlingsbote! Wie soll ich Ihnen danken!«

Köppert wußte wieder nicht, was er sagen sollte, fuhr sich durch den

Haarschopf, zog die Schultern in die Höhe. »Mir danken? -- oho --

hoho --.«

Er war ganz erschüttert, daß sie in ihrem Elend so ungeheuer glücklich

war. Und er brummte allerlei zerhacktes Zeug vor sich hin, aus dem kein

Mensch klug werden konnte. Und es war ihm, als sähe er es, wie eine

Riesenfaust über den Berg griff und roh und gleichgiltig das herrliche

Geschöpf mit der Feuerseele zerquetschte vor seinen Augen. ›Und so

scheußlich muß sie mir zu Grunde gehen!‹

Er wendete sich ab, reckte und streckte sich, machte die sonderbarsten

Grimassen -- und atmete tief auf, um die Brust frei zu bekommen.

»Wie, Sie turnen?« sagte Olly tonlos und mühselig und lächelte ihn

immer noch strahlend an. Da machte der unruhige Geist noch einen

letzten energischen Schlenker mit dem Arm. »Diese Hühner, die

Weiber,« sagte er. »Sie wissen ja, wie ich denke. Ewig kleinlich, am

Geringfügigsten kleben, engherzig, schlau, berechnend. Ah! -- nie

ein reines Feuer, was ihnen einmal durch die Seele führe und alles

niederbrennte, alle Lumperei, -- nie und nimmer! Eine ewige Dumpfheit.«

»Ich weiß schon, ich weiß schon, ereifern Sie sich nicht,« wehrte

er ab, als Olly sprechen wollte. »Sie -- Sie -- na -- Ausnahmsweib.

Einfach guter Kamerad mit einer Heldenseele. Anfangs glaubte ich

Dämon.« Er lehnte sich wieder in den Stuhl zurück. »Gottlob, nein.«

Er fuhr sich über den Haarschopf. »Ja,« sagte er, »so wundervoll zu

einem Weibe stehen, so ganz simpel -- Mensch zum Menschen -- und nicht

Raubtier. Diese Hühner, sie könnten's haben, wenn sie wollten, weshalb

nicht? Aber nein! Mit dem bißchen Weib-sein muß herumgeprahlt werden,

als wenn sie ein Königreich an den Mann zu bringen hätten.«

Er schaute wieder zur Decke, denn er stand wahrscheinlich im Begriff,

etwas Sonderbares zu sagen. »So einen Kameraden zu haben, wie ich

jetzt,« murmelte er, »ja, das könnt' ein jeder wollen, wär' net übel

-- das ist für Auserwählte. Verstehen Sie, das ist eine Belohnung, die

eben nicht für jeden ist.«

Er hatte die Beine übereinander geschlagen, bewegte die Fußspitze hin

und her und betrachtete diese sehr aufmerksam.

»Ich hab' einmal die ganze Nacht auf einem Stoppelfeld zugebracht.

Wissen Sie -- das ist sehr leicht gesagt. Teuflisch! eine Art Lager, um

tobsüchtig zu werden. Glauben Sie, daß es möglich ist, die Stacheln mit

so 65 Kilo niederzudrücken? Kein Gedanke, diese vegetabilischen Borsten

stehen kerzengerade und bohren und kratzen und stechen -- sind einfach

unbezwinglich, rauh, roh, rapauzig wie 's Leben -- und eine lange Nacht

und immer von einer Seite zur andern.«

»Als Soldat?« fragte Olly.

»Als ganz gewöhnlicher Mensch,« erwiderte er. »So um fünf Uhr morgens,

da war's genug. Ich kann etwas vertragen eigentlich. Endlich nervös wie

ein Vollblutpferd, einfach wütend. Ich geh' hinunter zum Strand, es war

an der See. Ein grauer Morgen -- riesig fein. Ich warf die Kleider ab

-- und nun hinein -- ganz langsam. -- Nach den rapauzigen Borsten diese

Weichheit! Herrgott noch einmal! Dabei war's kalt; aber eine Weichheit!

-- weich wie mit Mutterhänden strich mir's am Körper hin -- so wie

Mutterhände eigentlich sein sollten!« Er reckte sich wie im Ärger --

»ja -- sollten!«

»So ist mir's nach den Borsten, auf denen man sich sein Lebtag zu

wälzen hat, wenn wir beide miteinander sind. Eine Weichheit! Da ist

nichts, was sticht und reibt. Ich vergesse, daß ich Raubtier bin --

keine Reue, keine Wut -- ganz einfach Kameradschaft. Worte!« brummte

er, »das ist auch nicht das rechte Wort,« und er schaute immer noch

nach seiner Fußspitze.

Ollys Blick aber hatte aufmerksam und tiefbewegt an ihm gehangen. »Ach,

geben Sie mir die Hand,« sagte sie.

Und er faßte ihre beiden heißen, durchsichtigen Hände und sah ihr

gerade in die Augen.

»Weshalb sagen Sie das zu mir? Um mich glücklich zu machen?«

»Man sagt einander viel zu wenig Gutes,« meinte er.

Sie hatte etwas ganz Verklärtes. Ein Friede lag über dem Gesicht, der

Köppert seltsam berührte, und sie behielt seine Hand in den ihrigen.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie leise. »Ist das eine wunderbare Sache, daß

Sie zu uns gekommen sind! Mimm sagte den ersten Tag, als Sie kamen:

›Dein Messias kommt‹. Ihre Werke waren mir Offenbarungen -- das wissen

Sie. -- Und nun -- nun!« Sie konnte nicht weiter sprechen, sah ihn aber

an mit einem Ausdruck, als läge sie vor ihm auf den Knieen und küßte

ihm die Hände.

Sie waren beide jetzt still. Emil brachte die Lampe herein. »Er ist so

gut,« flüsterte sie.

»Jawohl,« sagte Köppert, »er hat so etwas wie Herz. Deshalb ist er aber

doch faul und ein halbgebackenes Brötchen, wenn er über Dinge spricht,

die ihn nichts angehen.« Er lachte Emil zu.

»Oho,« sagte Emil, schlug sich aufs Knie und ging wieder zur Thür

hinaus.

»Morgen kommt der Doktor, um wieder eine Untersuchung zu machen. Gott

weiß, was er da findet! Kommen Sie, bitte, nachmittags.« Sie sagte das

bebend. Köppert mußte sich ganz zu ihr hinneigen, um sie zu verstehen.

Sie machte eine Pause, dann fuhr sie fort: »Es wär' gut, wenn Sie

kämen. Mimm verliert immer ganz den Kopf. Und Mama! -- mein Gott, wenn

Mama doch nicht käme! Aber sie sind immer alle da, -- die beste ist

noch Tante Zänglein, aber die ist so ein kleiner Irrwisch. Sie schaut

sich alles an -- ich weiß nicht wie -- so kühl. Ich bin grenzenlos

allein, wenn sie alle aufgeregt sind. Niemand denkt an mich, jedes an

sich. Wie man das spürt, wenn man so krank ist! Diese Einsamkeit! Emil

-- Emil ist gut. Also Sie kommen?«

Als Köppert ging, dankte sie ihm noch einmal mit einem Ausdruck, den er

sein Lebtag nicht vergessen sollte.

Sie war wieder allein und lag still und unbeweglich wie vordem, ehe

Köppert gekommen war; aber den großen Frühlingsschmerz hatte er

von ihr genommen und ihr etwas dafür gegeben: Herzensfrieden und

das sichere warme Sommerglück der Gegenwart. Die Sehnsucht, das

Werdenwollen, das Quälen und Ringen und Kämpfen, das die Freude an

dem, was schon ist, erstickt, hatte er ihr zurückgedämmt, und sie sah,

vielleicht auch nur auf Augenblicke, daß schon etwas geworden war, von

den Dingen, die sie so heiß erstrebte.

Gastelmeier kam zurück. »Nun, wie geht's Frauchen?« fragte er.

Da schlang sie den Arm um seinen Hals und sagte tonlos und heiser:

»Mimm, hörst du, Köppert ist mein Kamerad. Er hat's mir eben gesagt.«

»Na, Köppert ist ein riesig guter Mensch,« erwiderte Mimm.

* * * * *

Was war alles geschehen und durchgekämpft, als Köppert am andern Tag

kam!

Er versuchte zu klingeln. Die Klingel gab keinen Laut von sich. Sie

hatte ihn gebeten zu kommen und er war gekommen und ging nicht wieder.

Sollte sie umsonst warten?

Er klopft. Niemand hört. Er lauscht, klopft wieder -- da -- in der

Küche wurde geklappt und gewirtschaftet. Er klopft von neuem. Jetzt

kommt jemand. Die Köchin öffnet und schaut ihn verblüfft an.

»Was soll das?« fragt er.

»I mein' schon, Herr Köppert, daß Sie heut' net herein können. Die

Nacht ist's so viel schlimm gegangen. Der Doktor hat sie schneiden

müssen -- ja. Weiß net, was das noch werden mag. An silberns Röhrel

hat er ihr in 'n Hals gesteckt. Reden kann s' nimmer. Der Emil sagt:

›Dauern kann s' noch lang‹. Aber i mein' schon, a Freud' wird s' nimmer

viel dran hab'n.«

Köppert stand regungslos.

»I mein' schon,« fing die Köchin wieder an und sah auf den hageren,

starren Menschen.

»Gehen Sie, sagen Sie, daß ich da bin.«

Er dachte an ihre rührenden, hilfesuchenden Worte.

»Ja, aber,« meinte die Köchin, »drinnen sind s' ganz auseinand.«

»Gehen Sie.«

Als er in das ihm so bekannte Zimmer trat, in dem sein Kamerad ihn

seit Monaten ehrlich beglückt empfangen hatte, war es ihm zu Mute, als

öffnete er die Thüre zu einem Garten, den er am Abend unberührt und

voller Blüten und Kräuter verlassen hatte -- und am Morgen ist alles

zertreten und zerstampft, als hätten Dämonen darin gehaust.

Bleich trat er ein; die hagere Gestalt wie zugespitzt von innerer

Erregung, die sehnigen Hände ineinandergekrampft, die Augen spähend.

Zerstörung wohin er sieht. Die Anmut des Raumes fortgewischt. Jeder

Stuhl, der im Weg steht, zeugt von verzweifelten, vom Unglück gepackten

Menschen. Eine riesige Unordnung im Zimmer -- Sachen, Sachen und wieder

Sachen, sinnlos hingeworfene Sachen.

Gastelmeier steht am Fenster, starrt auf die Straße hinaus, dreht

sich nicht um, als er die Thür gehen hört. Ollys Mutter sitzt auf

dem Sofa. Sie sieht zerzaust aus, so unmütterlich wie möglich, keine

Trostbringerin, eine Trostbettlerin; neben ihr Erwin zusammengekauert.

Wie sitzen diese Leute da!

Auf dem Sofa, auf dem irgend wer die Nacht geschlafen haben muß, liegt

noch das Bettlaken ausgebreitet. Auf der Erde steht ein Waschgeschirr,

auf einem Stuhl das Frühstückszeug noch. Eine Tasse ist umgestürzt,

der Inhalt hat sich auf den Fußboden ergossen: auf allen Gegenständen

Staub, vor dem Ofen Asche und Kohlen durcheinander. Dort Verbandzeug,

auf dem Tisch eine Schale mit blutigem Wasser, blutbefleckte Tücher,

Wasser, Flaschen.

Köppert errötet, es thut ihm weh. -- Wenn das Seelchen das wüßte! Seine

Augen bohren sich wahrhaft in die nervös verzauste Mutter. ›Auf, alte

Närrin!‹ sagen diese heftigen Blicke. ›Was bist du denn? Erwirb dir

endlich das Recht zu leben -- greif an! Was gehen deine Nerven dich an,

laß sie meinetwegen an dir herumhängen -- aber thu deine Pflicht!‹

Er war sinnlos wütend, Köppert. Wie zugespitzt er aussah! Er hatte den

Sumpf, aus dem das Seelchen stammte, längst kennen gelernt, dieses

Volk, das die schwachen, erbärmlichen Arme nach der Kunst ausstreckte,

die Kunst als noblen Broterwerb betrachtete, diese frivolen

Schwächlinge, die nicht wußten, wie sie mit dem Leben auch nur auf die

elendste Weise fertig werden sollten, und mit dem Martyrium der Kunst

spielten. Aus diesem Sumpf, der nur Blasen aufwirft, war dennoch eine

Heldenseele aufgestiegen, eine Prachtseele, die bis zum Tod voller

Schaffenskraft und Feuer war, die alles überwand. Und diese Seele lag

jetzt verstümmelt, blutend zugerichtet, aufgegeben, und die Blasen

machten sich wichtig und bliesen sich auf bis zum Platzen.

Die ihm so verhaßte Dame wollte ihn wehmutsvoll anreden und begann

etwas Hochtrabendes. Er wendete sich ab. »Nun -- nun -- nun,« sagte er

zu Gastelmeier und rührte ihn an der Schulter an.

»Das ist ein Leben. Wenn du wüßtest,« murmelte der, »eine Hölle!«

»Thun Sie die Tücher fort -- und die Wasserschale,« sagte Köppert ruhig

zu Frau Kovalski.

»Wozu?« sagte Gastelmeier, »laßt nur alles stehen und liegen, wie es

liegt in diesem Unglückshaus; überhaupt, wozu hier etwas anrühren?«

»Verlier den Kopf nicht,« sagte Köppert, »armer Kerl.«

»Ja, das ist's, was ich vom Leben erhofft habe!«

Gastelmeier preßte den Kopf an die Glasscheibe. Er stand verzweifelt

und verbittert da. Seiner behaglichen Person ging's schlecht, ihm war

alles verpfuscht, ihm geschah das Entsetzliche -- über sich selbst kam

er nicht hinaus, und sein Schmerz war daher bitter, bitter wie Galle

und von dem Mitleid für andre unverdünnt. Freilich hatte er Mitleid mit

der Armen -- aber daß er Mitleid haben mußte, das war's was ihm weher

that, als das Mitleiden selbst. Er sah drollig aus. Seine Beinkleider

hatten eine Art und Weise zu sitzen, die durchaus nicht zu der

verzweifelten Stimmung paßte. Der Sitzteil dieser weiten Beinkleider

hatte die Eigentümlichkeit, wie eine Art Schmetterlingsnetz an seiner

geknickten Gestalt herabzuhängen.

»Diese Hölle heut Nacht, Köppert, so etwas geht über die Kräfte,

die einem Menschen zur Verfügung gestellt sind.« Er murmelte

unverständlich. Beide Hände hatte er in den Hosentaschen. Er sah wie

breitgedrückt vom Schicksal aus.

»Es ist Hoffnung, daß sie noch leben kann, aber Köppert -- siehst du --

ganz ohne Stimme -- weißt du? -- und gesund? -- Nie wieder eine gesunde

Frau.«

Die Augen standen ihm voll Thränen, er hatte schon viel geweint und

schnüffelte etwas. »Seit wir verheiratet sind, eine ewige Unruhe -- nie

Frieden. So reizend, so lieb, wie sie war -- und doch nicht, wie es

hätte sein können. Und nun -- das!«

Er mußte sprechen. Er konnte seine Gedanken nicht mehr zurückhalten und

ging neben dem langen, hageren Köppert, der seinen eigenen Gedanken,

wie es schien, nachging, auf und nieder.

»Wenn ich denke, ich zog damals wegen dem Rangierbahnhof aus der

Salzstraße; -- aber was ist ein Rangierbahnhof gegen das Leben, wenn

nicht alles ist, wie es sein sollte! Siehst du, Köppert -- und es war

nicht alles, wie es sein sollte,« sagte er in seiner Bewegung wieder,

»es war nicht alles, wie es sein sollte. Schon in der Blütenstraße

fing's an. Da rangierten sie und kamen mit nichts zurecht. Ich weiß

nicht, wie sie's machten. Es war ein ewiges, geistiges Gepolter im

Haus, ein ewiges Rasseln und Schnaufen und Würgen, keine Seelenruhe.

Sie waren immer geheizt wie die Lokomotiven. Siehst du, -- die Kunst,

-- Köppert, ich hab' immer gemeint, daß sie etwas ganz Harmloses wäre,

eine stille Beschäftigung, -- aber das ist sie ja gar nicht -- oder sie

ist's nicht mehr, ich weiß nicht. Eine lärmende Maschine, die Unfrieden

und Unbehagen ins Haus bringt. Und wenn das Haus nicht groß genug ist

und die Kräfte, die die Maschine leiten, nicht stark genug und nicht

geübt genug -- und die Maschine kommt ins Rennen -- und die Schrauben

halten nicht, wie sie sollten -- so rennt sie alles über den Haufen

und wütet das ganze Haus zusammen. Es gehört Riesenkraft dazu, um mit

dieser Teufelsmaschine jetzt auszukommen. Die Schwachen sollten sich

nicht daran vergreifen.«

In Gastelmeiers Hirn hatte sich der Vergleich, den Emil einmal

gebraucht hatte, mit der Zeit eingeätzt. Er hatte im flüsternden Ton

unaufhaltsam gesprochen, hatte nicht auf seine Schwiegermutter und den

Schwager geachtet und nicht auf Köppert; es war ihm gleichgiltig, wer

zugegen war. Was er sagte, mußte er sagen -- und er hätte so viel mehr

sagen können. -- Aber schon das Wenige war eine Erleichterung. »Und,«

fuhr er fort, wobei wieder zwei große Thränen über die behaglichen

Wangen liefen, »was ist hier rangiert worden -- hier -- Köppert, --

bei aller Liebe! Glaub mir, rangiert von früh bis in die Nacht -- und

nachts -- nachts! Diese Nächte! Da hat Olly die Teufelsmaschine geheizt

und überheizt. Sie wollte ans Ziel, sie mußte auf Leben und Tod! Das

mit anzusehen! Wahrhaftig, ich habe nicht geglaubt, daß man mit einer

Frau so etwas erleben kann. Man hält die Frauen auch für so harmlos?!

Ich wenigstens that das; -- aber sie sind es nicht.«

»Nein,« sagte Köppert, »das sind sie nicht. Wo liegt deine Frau?«

»Ja, wirklich, -- ich weiß nicht, ob du sie sehen kannst, sie liegt

natürlich zu Bett,« sagte Gastelmeier unsicher. »Ich weiß nicht.«

»Sag's ihr, daß ich da bin. Wer ist bei ihr?« fragte Köppert.

»Jetzt Emil, später bekommen wir eine Rotekreuzschwester. Weißt du, da

sind Dinge mit dem Verband zu machen.« Er ging ungeschickt vorsichtig

in seinen weiten, gestickten Hausschuhen voraus in das Nebenzimmer.

Als Köppert bei Olly in Gastelmeiers Begleitung eintrat, stand Emil,

der neben ihrem Bett gesessen hatte, auf und flüsterte seinem Schwager

ins Ohr: »Komm, es ist gut, wenn Köppert mit ihr spricht.«

»Jawohl,« sagte Gastelmeier.

Köppert sah, daß zwei bleiche Hände sich ihm entgegenstreckten --

hilfesuchend, als läge der arme Kamerad nicht in seinem Kissen, sondern

als triebe er in einem reißenden Strome von ihm ab.

Er faßte die hilfesuchenden Hände. Da machte sie die eine Hand los

und zeigte nach ihrem Hals. Die Augen bohrten sich verzweifelnd in

Köpperts Augen. Sie wollte sprechen. Es war, als packte den ganzen

Körper ein Krampf. Solch eine Unruhe! Solch ein Verlangen! Sie

wollte sich mitteilen. Sie mußte sich mitteilen, es war so unendlich

viel geschehen. Sie war nun ganz zum Krüppel geworden -- stumm --

zerschnitten! Und das Leben-wollen! Und der Lebensjammer!

»Ruhig -- ruhig,« sagte Köppert und legte den Arm um ihre Schulter. Sie

lag etwas aufgerichtet.

So hielt er sie. Das that ihr wohl -- für einen Augenblick. Dann zog

der Jammer wieder über das Gesicht wie ein Regenschauer.

»Ich weiß alles, was Sie denken,« sagte Köppert. »Sehen Sie mir nur in

die Augen.«

Und sie sah ihn folgsam an, starr unverwandt, und er hielt ihren Blick

aus und las den ganzen bittern Kampf, das ganze Elend, wie in den Augen

eines sterbenden Tieres.

Eine große, stumme Beichte. Ihr Körper zitterte, ihre Brust hob sich im

Kampf. So saßen sie lange unverändert.

Jetzt kamen die heißen, heißen Thränen, das ganze Gesicht war gebadet.

Und er hielt sie und hörte die stumme ernste Beichte weiter. Sein

Gesicht war so gespannt, er war so ganz ihr hingegeben, daß sie

in Wahrheit mit ihm zu sprechen glauben konnte. Ihr Jammer floß

wortlos ganz in seine Seele über und er fühlte jeden Schauer, der sie

durchfuhr.

Ganz offen und ehrlich und ohne alles

Mit-sich-selbst-Verstecken-spielen ... das war das Weib, das er liebte.

Zermartert, seelisch und körperlich, zu Tode verwundet, ganz aufgegeben

und aus dem Leben gestoßen, so lag sie in seinen Armen -- und nicht

einmal sein eigen. Armselig und stumm wie ein sterbendes Tier. So mußte

er lieben lernen.

Raffiniert! Teuflisch! Wenn er das hinsterbende, junge Weib nicht

hätte in ihrer Angst und Qual stützen und halten müssen, er wäre

aufgesprungen und hätte die Hände ineinander gekrampft, wäre im

Zimmer hin- und hergerast im lächerlichen Kampf gegen das Schicksal.

Das Schicksal und er hätten es genau miteinander gemacht wie die

beiden Kerle an der Türkenkaserne in München: ›Sag Lallenstedt.‹ --

›Lallenstedt‹ -- darauf prompt der Schlag. Köppert aber sagte nicht

Lallenstedt, trotz aller Aufforderungen des Schicksals nicht, und hielt

seinen armen Kameraden behutsam, stützte ihn, damit er besser aufrecht

sitzen konnte. Er verbiß seine Qual.

»Ich weiß alles -- ich weiß alles -- alles,« flüsterte er ihr wieder

zu in einem Ton, als spräche er mit seinem totkranken treuen Hund, von

dem er keine Antwort erwarten dürfte und den er mit jedem Hauch seiner

Stimme trösten wollte. So innig, so naiv -- so ganz ihm zugewendet, wie

der Mensch zum Menschen den Ton kaum stimmen kann. »Du willst leben --

du willst es haben, wie die andern -- und besser -- jawohl besser --

größer und weiter! Du dachtest dir dein Leben wundervoll? Nicht wahr?«

Sie hörte mit großen Augen zu. Er hatte gefühlt, wie sie bei der Anrede

zusammengeschreckt war und wie ein reiner Glücksstrahl über ihr Gesicht

huschte, für einen Augenblick die Todesbangigkeit verscheuchte.

Dies »Du«! Dies Einander-nah-gerückt-sein!

Jetzt hingen ihre Blicke an ihm wie gebannt.

»Du meinst, es ist jetzt alles aus, kommst dir entsetzlich betrogen

vor? Sehr begreiflich. Von solchen Gedanken läßt du dich zerreißen?«

»Ja -- ja,« sagten die armen Augen.

»Hör' mich,« sagte er leise, »vielleicht hast du mehr gelebt, als

irgend eine andre, und lebst mehr, als irgend eine. Denke -- allein

seit wir uns kennen: Da ist so ein Mensch gekommen, Tag für Tag, der

hat vor dir ausgepackt, was er nur auszupacken hatte, und wie haben wir

einander verstanden! Meinst du, so etwas giebt es oft in dieser Welt,

da laufen sie aneinander vorüber wie die Tiere, brummen sich etwas zu

vom Futter, vom Wetter, von ihrem Befinden! von den besten Weideplätzen

-- und aus ist's. Wir aber! Denk' doch!

Und wie verstehen wir uns in Dingen, für die man eigentlich keinen

Gefährten findet! Und denk', wie du gewachsen bist. Ich sag' dir's.

Erstaunlich. Du bist eine riesig feine Kreatur. Künstler durch und

durch. Stell' dir vor, wie sie würgen und hetzen und wie steifleinen

es ist, was die meisten zuwege bringen. Denk' nur. Und wie wundervoll

wir miteinander gearbeitet haben. Denk' an all das und daß du einen

Kameraden hast, -- wenn du alles wüßtest! -- dem du außer seiner Arbeit

das erste menschliche Gut bist. Stell' dir den rapauzigen Waldmenschen

vor -- und wie gut er's mit dir meint. Na, als wenn das alles nichts

wäre.«

Er sprach weiter und weiter. Mit jedem Wort wollte er ihr Trost

bringen, vergaß sich selbst, wie eine Mutter, die ihr krankes Kind

einwiegen will, der eigenen Müdigkeit vergißt. Er sprach ganz einfach

ohne alle Sprünge und Sonderbarkeiten und dachte nur einzig: Sie soll

in ihrem Jammer die weiche Hand spüren.

Und sie spürte sie. Mit großen Augen nahm sie seine Worte auf, wie eine

verdurstete Pflanze den Regen. Sie fühlte sich sicher bei ihm; wie oft

hatte er schon Qual und Jammer von ihr verscheucht, nur damit, daß

er da war und mit ihr von Gott weiß was sprach! Und heute, wo er mit

seiner heilenden Hand die furchtbare Wunde berührte!

Sie machte ihre Hand jetzt langsam von ihm los und zeigte nach dem

Tisch vor ihrem Bett. Da hatte Emil weiße Zettel hingelegt und

einen wundervoll gespitzten Bleistift. Köppert reichte ihr, was sie

verlangte, und gab ihr auch den Pappdeckel, der als Schreibunterlage

nebenbei lag.

Olly hielt die matte Hand lange ruhig, dann schrieb sie mit zitternden

Fingern: »Weißt du noch, mein Kamerad, der Karpfenschlag? Heute nacht

und heute morgen -- das war mein Karpfenschlag -- tief im tiefsten

Grund und Schlamm -- ganz einsam -- vielleicht kommt auch bei mir nun

die Weisheit, und daß ich geduldig werde.« --

Köppert nahm ihr den Zettel aus der Hand und las ihn und in den Augen

standen ihm die nicht mehr zurückzuhaltenden Thränen. Und er fiel vor

ihrem Bett auf die Kniee und küßte ihr die Hände und preßte sie wieder

und wieder an die Lippen. Dabei konnte er nicht Herr seiner Thränen

werden.

»So ein Esel,« sagte er, »so ein großer Esel!« Und verbarg seinen Kopf

in den Kissen. Aber er riß sich aus der Qual und sagte: »Wenn du so gut

und klug bist, wird alles gut werden.«

Sie schüttelte den Kopf und nahm wieder den Stift in die Hand und

schrieb kaum leserlich: »Keine Hoffnung wecken -- um Gotteswillen

nicht.«

Er las, legte beide Zettel in seine Brieftasche »Nein,« sagte er,

»keine Hoffnung und keine Hoffnungslosigkeit. Wir wollen uns an die

Gegenwart halten.«

Er setzte sich wieder zu ihr und sie gab ihm beide Hände.

Es wird dämmerig. Der Fensterflügel steht ein wenig geöffnet und

unter dem feuchten, grauen Himmel klingt draußen, aus einem Garten

herauf, das Amsellied, das die Herzen in den großen Verjüngungsstrom

einzutauchen ladet. Sie hören es beide -- halten sich an den Händen und

hängen mit den Blicken fest aneinander.

Jetzt kritzelte sie wieder auf einen Zettel: »Ein Glück ohne Reu' --

alles durch dich, mein Kamerad.«

Er strich ihr über die Hand. Sie solle ruhig, ganz ruhig sein. Die

Amsel draußen brach ab -- setzte wieder an -- die urweltlichen Tönchen

wurden leise, wie träumerisch, schwollen an, sehnsüchtiger, banger --

seelenbeklemmend. Das wonnevolle Frühlingsweh lag über der Erde.

Die beiden im stillen Zimmer hielten einander immer noch bei den

Händen, und sie suchte seine Blicke. Sie lebte von seinen Blicken.

Dann kritzelte sie wieder; aber die eine Hand des Kameraden behielt

sie in der ihren und klammerte sich fest daran, während sie schrieb --

so fest und bang, als fürchtete sie, daß er gehen würde.

Ja -- und er fühlte auch, er durfte nicht gehen. Er mußte nun bleiben.

Sei es, wie es wolle. Er dachte, dachte dumpf, wie er es am besten

einrichten könnte, er wollte mit Mimm sprechen. Er durfte sie jetzt

nicht verlassen. Inzwischen kritzelte sie, langsam, immer ausruhend.

Wenn er nicht bei ihr wäre, wie würde sie nach seinem Trost suchen in

ihrer Seeleneinsamkeit! Sie fürchtete sich ohne ihn. Es grauste ihr bei

dem Gedanken, daß er gehen würde. Das wußte er -- er mußte bleiben.

Sie kritzelte langsam, langsam -- draußen das Amsellied.

Der Rangierbahnhof · 第 23 / 30 题