Sie schaute ihn an, er solle den Zettel lesen. -- --

»Nehmt das Entsetzen von mir, die schwere, nasse Erde -- den engen Sarg

-- das Grausen -- die tote Einsamkeit. Begrabt mich nicht!!! Das Feuer

ist besser. Verbrennt all das, was so viel sein wollte -- so viel! Das

unbeschreiblich Lebendige -- das Ruhmsüchtige -- das Thörichte, das was

so gern -- so unaussprechlich gern gelebt hätte.«

Er hat gelesen und sieht sie an, treu und fest. Sie kann sich auf ihn

verlassen.

Jetzt greift sie nach einem Fläschchen, das neben ihr steht.

»Willst du einnehmen?«

Sie nickt.

»Soll ich's dir geben? Hast du kein Löffelchen?«

Sie hat es schon aus dem Fläschchen getrunken. Jetzt liegt sie still.

Köppert wundert sich, daß niemand kommt. Aber es ist gut so.

Die Dämmerung sinkt tiefer und tiefer. Olly wird unruhig, wirft sich

hin und her, ihr Blick wird so bang, so unendlich bang. Sie fühlt sich

gequält.

Dann wird sie ruhig und der Ausdruck, wie es ihm scheint, fast

heiter. Wieder greift sie nach dem Stift und er reicht ihr einen

Zettel hin. Sie kritzelt im Halblicht: »Und weißt du -- selbst nach

dem Karpfenschlag, mein Kamerad, auch wenn der Karpfen ganz ergeben

ist, kann doch noch Unverhofftes geschehen. Unser dicker Freund, der

Goldkarpfen, hatte alles aufgegeben, seinen Karpfenschlag gemacht --

war geduldig geworden -- und die Freiheit kam! Ich seh' ihn noch -- wie

ein Goldstreif, husch, ins freie Wasser -- fort war er, und froh und

gesund.«

Er liest den Zettel, legt ihn zu den andern in die Brieftasche -- und

wendet sich ab. Die Thür öffnet sich, Emil kommt leise herein und

bringt Licht.

Er schleicht an Ollys Bett. »Ollychen, was hast du denn?« fragt er

sonderbar und stellt die verhängte Lampe auf den Tisch.

»Ollychen?« Er fragt ganz ruhig und doch angstvoll.

Jetzt blickt Köppert auf sie hin. Es ist eine Veränderung mit ihr

vorgegangen. Die Augen sind halb geschlossen, es liegt etwas Schweres

auf ihr -- wie eine ungeheure Schläfrigkeit.

»Ollychen, was hast du denn?« fragte Emil wieder.

Sie winkt schwer mit der Hand.

Auf ihrem Bette liegt noch das Fläschchen. Emil greift danach. Er

hält es -- hält es und schaut -- darauf hin. »Es wird ihr doch nicht

schaden,« sagte er flüsternd. »Sie hat da aus dem falschen Fläschchen

genommen und gewiß wieder getrunken. Das macht sie immer mit aller

Medizin. Ihr Schlafmittel -- und -- ist leer.«

Er giebt Köppert das Fläschchen. Der sieht kühl darauf hin -- dann mit

einem langen Blick auf seinen Kameraden -- und beugt sich über sie und

sieht in das Gesicht, über dem der schwere, tiefe Schlaf schon liegt

-- und sieht auf das, was das Schicksal ihm bisher an Menschenglück

geboten -- in welcher Gestalt!

Mit Qual beladen -- und doch -- wochen-, monatelang hatte ihm die

Glücksflamme gebrannt. Immer gefährdet, erstickt zu werden, wie eine

Flamme, über die giftige Nebel sich legen. Aber sie hatte gebrannt. Es

war das echte Feuer gewesen.

Die Riesenfaust hatte über den Berg gelangt und drückte den göttlichen

Funken aus. Da war nichts zu machen.

Er erhob sich aus der tiefgebückten Stellung. Und noch ein langer,

tiefer Blick auf das Gesicht in den weißen Kissen, für ihn das Gesicht

der Gesichter.

In den tiefen Schlaf hat sie das Bild vom geretteten Goldkarpfen

mitgenommen, den huschenden Goldstreifen im freien Wasser. Die

unverhoffte Freiheit -- die Hoffnung. Das war gut so -- --

›Merkwürdig, barmherzig!‹ dachte er.

»Ich werde zum Arzt gehen,« sagte Köppert, und ging leise hinaus.

Da saß Freund Gastelmeier vor dem Tisch, die Arme aufgestützt, den Kopf

in den Armen vergraben und war eingeschlafen.

Köppert schlich an ihm vorüber.

* * * * *

Es war alles vorbei, der Tod und das erste Entsetzen, die schreckliche

Kiste mit dem Zinnsarg, die Reise -- alles.

Über Ollys armen Mimm waren die Wogen zusammengeschlagen, und Köppert

saß zu Hause mit seiner Mutter -- allein. Die alte Frau strickte.

»Ich erfahr' da,« sagte sie, »du bist bei einer Verbrennung mit dabei

gewesen? Durch fremde Leute natürlich erfahr' ich's.«

Köppert saß müde gearbeitet, stumm, und schnitzelte gedankenlos an

einem Stückchen Holz. Das fahle, starke Haar, das sein Kamerad geliebt

hatte, das unregelmäßige Gesicht, die klugen grauen Augen, die feste

leichte Gestalt -- die Arbeitskraft von früh bis abend -- alles wie

zuvor -- aber eine Verdrossenheit -- eine so schwere Verdrossenheit.

»Du,« sagte die alte Frau, weil sie keine Antwort bekam, noch einmal,

»wie war's denn? Es soll ja greulich sein.«

»Gar nicht,« sagte er kurz.

»Du sollst ja alles gemacht haben, alles, und wie sie die Kiste zum

Bahnhof gebracht haben. Also eine wirkliche Kiste, -- da warst du auch

dabei. Wie kommst du denn dazu?«

»Einfach« ... Er sprach nicht aus, ging im Zimmer auf und nieder, fuhr

sich durch den Haarschopf und zuckte mit den Schultern.

»Wie ist es denn?« fragte die alte Frau weiter und strickte, »wie

ist denn das mit der Asche? -- Wie sieht denn das aus? -- Du --? Du

erzählst einem auch gar nichts.«

»Wie das aussieht?« fuhr Köppert auf und stand vor seiner Mutter, die

Finger ineinander gekrampft, grau, hager, so zugespitzt, sonderbar, so

in sich selbst verkrochen.

Die alte Frau strickte weiter, zählte ab und merkte nicht auf ihren

Sohn. »Ja, wie ist's denn?« fragte sie noch einmal behaglich unter dem

Zählen und steckte sich eine Stricknadel durch die Haube. »Ist's denn

eine Blechbüchse -- ich hab' so gehört. Wie eine Blechbüchse?«

»Nun ja, Mutter -- eine Blechbüchse -- verlötet -- ganz wie Bohnen --

das ist das Ende.«

* * * * *

Im letzten Winkel des Reiches, dort, wo aus dem bayrischen Algäu

die niedrigen Pässe in die benachbarte Schweiz führen, liegt ein

Hochthal. Die goldene Frühlingsabendstunde leuchtet darüber hin. Die

Herrgottswände strahlen das Licht der untergehenden Sonne zurück.

Frühlingswonne in jedem Gras, in jedem Kraut, in jeder Blume, im Moos,

in jedem Laut, in jedem Duft. Wie Dankopfer steigt der Odem des neuen

Lebens zum Himmel. Die Luft sonnendurchleuchtet. Alles strahlend,

funkelnd, jauchzend -- lebendig.

Daseinswonne für jede Kreatur. Der Winter vergessen, der Tod vergessen!

Leben über Leben!

Es quillt, es strömt, es sproßt und breitet sich aus. Die Gebirgswässer

sprudeln und tosen. Die grünen, schwerbelaubten Wipfel wiegen die neue

Last. Die schwarze Erde schickt ungezählte bunte, duftende Gestalten

zum Tageslicht. Die Welt ist neu -- das Leben ist neu. Jeder Atemzug

Gesundheit und Freude.

Am Weg, der zum einsamen Gehöft Rohrmoos führt, steht ein Mädchen,

blond, rosig -- ernst, aber als wären Frühlingskräfte auch über sie

ausgegossen. Sie erwartet jemanden. -- Den Weg herauf muß er kommen. --

Und er kommt. --

Endlich.

Sie hat lange gewartet, lang ausgeschaut. Zwei Wanderer sind an der

Wegbiegung aufgetaucht. Jetzt geht sie ihnen langsam und ruhig

entgegen.

»Friedel,« sagt sie im warmen Herzenston, als sie bei ihm ist. Helle

Thränen stehen ihr in den Augen.

Der Mann findet kein Willkommenswort, er reicht ihr stumm die Hand.

»Friedel,« sagte sie wieder. »Friedel,« so tröstend, so warm: er ist ja

heimgekommen!

Jetzt hebt er den Kopf und faßt seinen Begleiter bei der Hand und

sagt: »Emil bleibt ganz bei uns oben, der hat auch die Kunst über Bord

geworfen.«

Das Mädchen drückt auch diesem die Hand.

Und sie gehen alle drei wortlos durch die lebensmächtigen

Frühlingsgewalten, die alle gesunden Kreaturen Winter und Tod vergessen

lassen.

Werke von Helene Böhlau.

Verlag von _Egon Fleischel & Co._, Berlin.

=Der Rangierbahnhof.= Roman.

Sechste Auflage. Geh. M. 4.--; geb. M. 5.--

=Das Recht der Mutter.= Roman.

Vierte Auflage. Geh. M. 6.--; geb. M. 7.50

=Schlimme Flitterwochen.= Novellen.

Zweite Auflage. Geh. M. 3.--; geb. M. 4.50

=Halbtier!= Roman. Vierte Auflage. Geh. M. 4.--; geb. M. 5.--

=Der schöne Valentin.= Novellen.

Zweite Auflage. Geh. M. 4.--; geb. M. 5.--

=Sommerbuch.= Altweimarische

Geschichten. Zweite Auflage. Geh. M. 3.--; geb. M. 4.--

Verlag von _J. C. C. Bruns_, Minden i. W.

=Rathsmädelgeschichten.= Geh. M. 3.60; geb. M. 4.60

=Herzenswahn.= Roman. Geh. M. 3.60; geb. M. 4.60

=Im Trosse der Kunst.= Novellen. Geh. M. 3.60; geb. M. 4.60

=Reines Herzens schuldig.= Roman. Geh. M. 6.--; geb. M. 7.--

Verlag von _J. Engelhorn_, Stuttgart.

=Im frischen Wasser.= Roman in

zwei Bänden. Geh. M. 1.--; geb. M. 1.50

=Verspielte Leute.= Geh. M. --.50; geb. M. --.75

=Altweimarische Liebes- und

Ehegeschichten.= Geh. M. --.50; geb. M. --.75

=Neue Rathsmädelgeschichten.= Geh. M. --.50; geb. M. --.75

Verlag von _Gebr. Pätel_, Berlin.

=Novellen.= Inhalt: Im Banne des

Todes. Salin Kaliska Maleen. Geh. M. 5.--; geb. M. 6.20

Der Rangierbahnhof · 第 24 / 30 题