»Ach, Mimm,« sagte sie, »Mimm!« -- und lachte.
Sie saßen nun wieder alle drei bei einander und es kam eine ruhige,
gute Stimmung. Emil fand sich auch ein.
»Ah, das einseitig gebackene Brötchen,« sagte Köppert lachend, als er
eintrat.
»Lassen Sie ihn, er ist so gut,« meinte Olly, »nur so ein Faulpelz,
denken Sie, gesund und kräftig; aber ohne allen Eifer. Ich weiß nicht,
sollte es noch kommen? Sie glauben nicht, wie mir's am Herzen liegt.
Was soll aus ihm werden?«
»Na, er ist ein bißchen schwammig,« sagte Köppert. »Hat er Knochen?«
»Ich glaube nicht viele,« meinte Olly.
»Sehnen natürlich auch nicht?«
»Die gar nicht.«
»Dann lassen Sie ihn ums Himmels willen nicht Maler werden. Er sieht
aus, als wenn er gegen ein Sinekürchen nicht abgeneigt wär'. Das möcht'
ihm passen. Er schriebe dann alle Tage oder alle vierzehn Tage zwei
Zeilen, die von der bösen Welt handeln.«
»Freilich,« meinte Olly, »und sagte dazu: Verflucht! -- Verflucht! --
Verflucht!«
»Zu sonst was hat er nicht Lust?«
»Zu gar nichts, Maler will er werden, weil er meint, er kann dann so
daherhocken mit dem Bleistift in der Hand -- und das bißchen Essen
würde schon von irgendwoher kommen.«
»Geht er kneipen?«
»Bewahre, er denkt, das kostet Geld. Nicht leichtsinnig sein! Je
weniger du brauchst, um so weniger mußt du dich anstrengen. Wenn Sie
wüßten, er hat mich schon manchmal bis zur Tobsucht gebracht -- aber er
ist so gut.«
Emil besorgte das Abendessen, trieb draußen die Köchin an auf seine
Weise, spritzte sie mit Wasser zur Küche hinaus und zur Treppe hinab,
wenn sie etwas holen sollte und drohte ihr die Haare mit Asche zu
bewerfen, wenn sie nicht zur Zeit fertig wäre. In das Zimmer kam er
möglichst wenig, denn er hatte einen großartigen Ärger auf Köppert.
Den ganzen Abend lag ein ruhiges Behagen über der Gesellschaft. Das
Abendessen war gut und pünktlich besorgt.
»Schau, schau,« sagte Gastelmeier. »Emil! Na, Olly, dein Bruder, wie
kommt denn der mit unserm Drachen aus, und wir net?«
»Das versteht er,« sagte Olly -- »und wie!«
Sie war so friedlich, so gleichmäßig gestimmt. Köppert erzählte
allerhand Jagd- und Tiergeschichten, lebendig und frisch, und sie hörte
andächtig zu, wie ein Kind, dem Märchen erzählt werden. Die ganze
Welt war für sie nicht mehr vorhanden, nur einzig die kluge Stimme.
Gastelmeier begleitete Köppert diesen Abend, sie wollten noch ein Glas
Bier miteinander trinken. Emil ging nach Hause. Das Mädchen machte das
Bett auf dem Schlafsofa zurecht -- und Olly blieb ganz allein.
Sie wanderte im Zimmer auf und nieder. Nach dem muntern Reden,
der leichten Stimmung schien ihr die Einsamkeit ganz eigentümlich
bedrückend. Der dicke Nebel der Hoffnungslosigkeit lag mit einemmal
wieder über ihr. Das Fieber, das jeden Abend sich einstellte,
brannte ihr wieder in Füßen und Händen -- und mehr als das brannte
die Sehnsucht nach Köppert in ihrer Seele. Er hatte alles mit sich
genommen, ihre Ruhe, ihre Fassung, ihr Vertrauen auf eine Arbeitskraft,
die Krankheit und Schwäche überwindet -- alles. Es war ihr zu Mute, als
sollte sie ohne ihn verschmachten, als hätte er ihr auch Luft und Licht
mitgenommen.
Ganz atemlos lehnte sie sich an den großen, weißen Kachelofen und
preßte den Kopf mit beiden Händen. Es war ihr zu Mute, als stände
ihr ganzes Wesen in Flammen. Und wie war es gekommen, wie denn? --
»Herrgott -- ich liebe ihn!« sagte sie heftig. Dann war sie ganz still
und bewegungslos.
Wie eingebrannt war Köpperts Bild in ihrer Seele. Das unregelmäßige
Gesicht, die lebendigen grauen Augen, in denen unversteckt die Gefühle
zu lesen waren, die leichte, sehnige Gestalt. Man sah an jeder
Bewegung, daß er gescheit war. Der Körper war ihm von seinem geistigen
Wesen kräftig durchdrungen. Ja, sie hatte schon früher gesagt, als sie
ihn nur vom Sehen kannte: »Er ist der einzige Mensch hier, der ein
Gesicht hat.«
Jetzt sah sie ihn vor sich, so ganz wie er war. Sie sog durstig seine
Züge, seine Stimme ein. Sie hielt ihn an den Händen und es war, als
wenn sie zu ihm sagte: »Verlaß mich nicht, bleib.« Das erschütterte sie
bis ins Tiefste. -- Und Mimm? Sie konnte kaum atmen. Wie unnobel --
wie scheußlich, sich von Mimm füttern zu lassen, Mimm zu quälen, ihn
schlecht zu versorgen, seine Liebhabereien nicht zu beachten, seinen
Lieblingsspeisen nicht nachzufragen, alles von ihm anzunehmen, ihn
gleichgiltig beiseite lassen, immer nur an sich denken -- einem andern
mit jedem Gedanken nachhängen! -- War das nicht gemeine Betrügerei?
Das war ein elendes Geschäft, was Mimm gemacht hatte. Sie hatte es
bisher nie so gefühlt! aber mit einemmal übersah sie, daß er gar kein
Behagen an ihrer Seite gefunden. Wie rührend war es, daß er sich heute
Abend über Emils gutgelungenes Nachtessen so gefreut hatte -- und wie
liebenswürdig war er in dem ganzen Durcheinander, das sie ihm gebracht!
Was für Sorgen hatte er sich aufgeladen -- und für wen?
Olly brannte in Fieber und Erregung. Sie sollte fort von Mimm gehen --
irgendwohin und arbeiten, nichts als arbeiten, das wäre das einzige
-- das rechte. Entweder: an sich selbst denken und für sich selbst
leben -- oder: an andre denken und für andre leben. So eine gemeine
Seele, die betrügt! Sie hatte nie darüber nachgedacht, heute zum
allererstenmal. Ja, sie hatte mit Mimm einen ganz betrügerischen Handel
geschlossen. Alles genommen und nichts gegeben -- gar nichts gegeben,
sondern nur immer von neuem genommen und genommen, mit einer Roheit und
Gedankenlosigkeit -- die hätte sie nie in sich gesucht. Mit welcher
Angst, mit welcher Verzweiflung hatte sie gefürchtet, Mutter zu werden.
Sie hatte nur und einzig an sich dabei gedacht, nicht an Mimm und nicht
an das Kindchen. Sie hatte sich immer noch für ihren eigenen Herrn
gehalten, und das war sie nicht mehr. Ihre Arbeit, der Weg zum Ruhm
war ihr die Hauptsache. Mimm war das sehr gleichgiltig, der wollte eine
gute Frau und die hatte er nicht.
Und nun? Jetzt gerade hörte diese Blindheit auf, jetzt, wo sie jede
Kraft, jeden Hauch von Kraft an ihre Kunst wenden wollte, jetzt, wo sie
jede Minute ausnützen wollte, drängten sich tausend Dinge ein.
So stand sie mit gefalteten Händen und mit gesenktem Kopf ganz
fassungslos, ganz erdrückt. Der Nebel, der über sie gefallen war,
der dichte, trostlose Nebel, belebte sich nun mit Gestalten, die sie
bis aufs Blut ängstigten. Ihre Arbeit, der lange Weg zum Ruhm, die
unerfüllten Pflichten, der falsche Handel, den sie unbewußt eingegangen
-- und Köppert -- und Mimm -- und das Kranksein -- und das frühe
Sterben, das gestaltlos, aber grauenhaft unsichtbar in dem schweren
Nebel lauert.
»Das ist zuviel, Herr, mein Gott!« jammerte sie auf. Und durch allen
Jammer hindurch und über allen peinigenden Gedanken und Erkenntnissen,
die Sehnsucht nach Köppert. Sie sah ihn immer vor sich und immer
streckte sie beide Hände nach ihm aus. Er war der Einzige, der sie
retten konnte, der Einzige, der ihr Ruhe gab. Er war das Leben -- und
sie wollte leben!
Trotzig sprang sie auf und ging durchs Zimmer, und die bittere,
verzehrende Lebenssehnsucht derer, die um das Leben betrogen sind,
wühlte ihr im Herzen. -- Wenn sie dachte, daß sie ihn nicht mehr sehen
und hören sollte -- nie mehr! Und auch die Arbeit aufgeben, und das
heiße, lebendige Streben -- und nur den Kaufpreis abverdienen, den Mimm
für sie gegeben, da fuhr eine solche verzweiflungvolle Empörung durch
ihr ganzes Wesen, daß sie an ihren Haaren riß, das Taschentuch, das
naß von Thränen war, in Streifen riß, sich auf den Boden niederwarf
und heiser schluchzte und schrie. Worte fand sie nicht mehr, Gedanken
auch nicht -- nur eine fieberhafte Empörung, eine sinnlose Wut, wie ein
wildes Tier, das gegen seine Käfigstäbe schlägt.
Und dann kam wieder der bittere Kampf, das Mitleiden, das sie Mimms
wegen fühlte, das Bewußtsein des Betrugs, ja Betrugs, wie sollte man es
anders nennen, und das drückte sich ihr wie ein Brandmal in die Seele.
Mimm kam spät nach Hause und fand seine Frau in einem Zustand der
tiefsten Erschöpfung. Sie kauerte noch auf dem Boden, als er eintrat.
»Olly!« rief er ganz bestürzt und kniete zu ihr nieder und richtete sie
auf -- und da fühlte sie wieder ›die sorgsame Pforte‹, die ihr Herz
gewonnen hatte. Und da sie in ihrer Erregtheit wie ein Mensch ohne Haut
war, dem alles die innersten Nerven trifft, wurde sie davon so bewegt,
daß sie von neuem in heiße Thränen ausbrach und sich bitterlich vor
Mimm anklagte, ganz vernichtet, und vor ihm demütigte.
Mimm war ganz glücklich und freudig erregt, wie es eine kindliche Seele
ist, die an eines Menschen plötzliche Umkehr glaubt. Er tröstete sie
und suchte sie zu beruhigen. »Siehst du, Ollychen, nun wird alles gut,«
sagte er einmal übers andremal.
Das ärgerte sie aber und sie sagte bitter: »Du meinst also, daß ich das
Malen lasse?«
»Na -- na, bewahre, einschränken, ein bissel einschränken. Das wird dir
nur gut sein.«
Seine Ruhe und Zufriedenheit quälte sie. Nach der hastigen,
stundenlangen Erregung schüttelte sie jetzt das Fieber. Mimm half
ihr beim Entkleiden und behandelte sie so sorgsam wie ein kleines
Kind; aber das Herz war ihm schwer. Was der Doktor ihm von Ollys
Gesundheitszustand gesagt hatte, lag düster auf ihm. Es war so etwas
Feierliches, Trauriges, Unbegreifliches. Eine ganz gesunde, frische
Frau würde er nie wieder an ihr haben, so eine Häuslichkeit, von der er
geträumt hatte, war für immer verloren. Wenn sich die arme Olly auch
Mühe geben würde, wie könnte es denn werden? Eine Frau muß gesund sein,
das ist das erste. Und das wütende Arbeiten, wobei sie nicht hörte und
sah!
Wie rührend, wie gut sie eben war, sie wollte das beste, wie ihn das
beglückt hatte! Jetzt lag sie in ihren Kissen, lieblich, aber wie eine
Pflanze, die mitten im Aufblühen vom Frost berührt ist. Die Kraft, die
Strammheit war hin, etwas Leidendes, Mattes war über sie gekommen,
unmerklich fast; aber es war da. Die glänzenden, verweinten Augen
schauten so unstet, so ohne Ermüdung. Gastelmeier atmete schwer auf.
Er dachte an den Abschied von daheim, Weihnachten vor einem Jahr, an
das, was sein Alter daheim von Liebessachen verstand, und es wurde ihm
schwer und schwerer ums Herz.
Olly klagte wegen allerlei Beschwerden. Sie fühlte sich sehr unwohl,
war so beunruhigt und gequält; und immer hatte sie es mit dem Karpfen
zu thun, der sich mit seiner Qual in den Schlamm verkrochen hat.
»Laß das doch,« sagte Gastelmeier, dem es dabei nicht wohl zu Mute
wurde. Da schwieg sie.
»Geh schlafen, Mimm,« sagte sie nach einer Weile.
Sie lag ruhig, mit offenen Augen, und wußte nun schon, was ihr die
Nacht bevorstand. Qualen! Die Wiederholung alles dessen, was sie eben
erst durchkämpft hatte.
Die großen Riesenvögel schlugen schon mit den Fittichen. Lautlos und
mächtig schwebten sie über ihr. Sie kämpften noch miteinander, wer auf
die arme Hasenseele sich herabstürzen sollte.
Der Riesendämon war schon mit den Krallen auf ihrer Brust, und wollte
den gemächlichen Tanz beginnen, da gesellte sich zu ihm ein zweiter,
der die bittere Erkenntnis, vom Leben betrogen zu sein, brachte, und
noch einer, der mit seinen Klauen die Stelle aufriß, wo der verzehrende
Ehrgeiz saß, und wieder einer, der an versäumte Pflichten mahnte.
Es war eine ganze Schar, die auf sie herabstürzte, Riesenunholde, daß
man meinen sollte, sie wären erschaffen, um auf irgend einem gewaltigen
Stern gewaltige Kreaturen zu quälen und zu bekämpfen, und hätten sich
auf unsre kleine Erde nur verirrt, um nun ihre dämonischen Kräfte an
uns lächerlich kleinen Seelchen zu verschwenden.
Olly lag wie erstarrt, ließ alles über sich ergehen. Durch das
entsetzliche Chaos aber, dem sie preisgegeben war, sah ein
unregelmäßiges, gescheites Gesicht auf sie nieder, ein Gesicht, das sie
Zug für Zug mit aller Kraft festzuhalten suchte, auf das sie hinblickte
wie auf eine Seligkeit, mitten im Elend. Das Gesicht war ihr Halt, ihre
Rettung. Es strahlte von ihm Kraft aus zum Widerstehen, Kraft zu siegen
und zu überwinden. Und dieses Himmelsgeschenk, das wie ein Licht über
all dem Überwältigenden, Unheimlichen, das sie umgab, aufstieg, sollte
sie von sich weisen? So sinnlos -- so unfrei -- so niedrig! Nein
danken --! danken! danken!
Es wurde ihr licht. Gott hatte ihn geschickt, ihr gutes Schicksal. Sie
sollte nicht ganz verzweifeln.
Und sie streckte ihm wieder die Arme entgegen in ihrer Not, und wie
hellsehend, als schaute und fühlte sie ein wirkliches Begebnis, empfand
sie, wie er diese hilfesuchenden Hände hielt und sie selbst an sich
zog. Und sie schmiegte sich fest -- fest an seine Brust, und er sprach
zu ihr als Mensch zum Menschen. Da war es ihr wohl, und als der erste
blasse Schimmer des Morgens am Fenster aufdämmerte, kam auch der
Schlaf, der langersehnte.
* * * * *
Das Leben spann sich weiter.
In dem jungen Haushalt war die Freudigkeit ausgelöscht. Der Arzt kam
alle zwei, drei Tage und schaute nach seiner Patientin. Sie war den
ganzen Winter über nicht aus dem Haus gekommen. Gastelmeier hatte
unruhige Nächte nach freudlosen Tagen kennen gelernt. Eine ungeheure
Enttäuschung lag über ihm und es war ihm nicht wohl in seiner Haut.
Die Eindrücke, die Olly ihm nachts brachte, lagen wie Zentnerschwere
über ihm. Sie litt oft an qualvollem Luftmangel, Beängstigungen kamen
über sie, die Todesangst in ihrer furchtbarsten Gestalt; dann hielt sie
den armen Mimm umklammert und wand sich in seinen Armen und mit weit
aufgerissenen Augen schaute sie ihn an -- und er mußte aushalten und
den Jammer ansehen und anhören.
»Mimm, mein Bild!« rang es sich mühselig in solchen Stunden von ihren
Lippen.
»Na, laß doch, laß doch!« sagte er dann.
»Ja, laß doch, laß doch!« flüsterte sie heiser, erstickt, voller Trotz
und Verzweiflung.
»Ach, Mimm, du Armer!«
Er fand das rechte Wort nie.
* * * * *
Olly arbeitete an einem Bilde, das zur internationalen Ausstellung
fertig werden sollte. Das Mädchen unter dem verblühten Apfelbaum hatte
sie verkauft. Reproduktionen waren danach gemacht, es war besprochen
worden. Köppert hatte die erste Besprechung ins Haus gebracht.
Gastelmeier erinnerte sich, wie er sie ihr damals in die Hand drückte,
so von ungefähr, ohne ein Wort zu sagen; aber mit einem Ausdruck von
froher Teilnahme. Er erinnerte sich, wie Olly las, wie das Gesicht
aufstrahlte, -- wie sie Köppert anblickte mit großen, ausdrucksvollen
Augen. Köppert, nicht ihn, hatte sie angesehen. Er erinnerte sich, wie
sie mit einemmal auflebte. Ein Wunder! Die Krankheit war wie von ihr
fortgeweht. Sie lebte auf, sie war die alte Olly.
Ein glücklicher Tag! Wie entzückend sie aussah! Übermütig, vom Glück
berauscht.
Und Köppert, der gute, wunderliche Mensch! Er hatte ihn immer für einen
sonderbaren Kauz gehalten und für einen Biedermann durch und durch,
hatte einen gehörigen Respekt vor ihm gehabt, vor seinem Können; aber
er war ihm ein ungemütlicher Bursche geblieben, borstig, streitsüchtig,
selbstbewußt -- nun hatte er ihn ganz anders kennen gelernt.
Weiß Gott, das brachte Mimm nicht fertig, so ganz einzugehen auf die
Wünsche des kranken Geschöpfchens, so sich ihr widmen! Fabelhaft, wie
Köppert ihr, wenn er neben ihr vor der Staffelei stand, mit ein paar
Worten helfen konnte! Immer traf er den Nagel auf den Kopf. Und wie sie
ihn verstand! So eine Art, zu arbeiten und zu lehren, hatte Gastelmeier
noch nicht gesehen. Was er vom Lehren wußte, war ein beschwerliches
Kriechen, fortwährendes Mißverstandenwerden, gleichgiltiges Eingreifen.
Die beiden arbeiten mit einer Spannung, einem vollkommenen Wachsein,
so nervös wie zwei Vollblutpferde. Und wie kam sie vorwärts! Ganz
erstaunlich.
»Halt sie doch lieber zurück, sie übernimmt sich,« hatte Gastelmeier
ihm ein paarmal gesagt.
»Weshalb?« hatte Köppert gefragt. Und in diesem ›weshalb‹ lag alles. Es
lag ihr Todesurteil darin und zugleich: ›Glaubst du's ihr nicht?‹
Rührend war es anzusehen, wie Olly sich in dieser Zeit der Wirtschaft
auf ihre Weise annahm, kindisch und unbeholfen zwar; aber sie zeigte
den besten Willen. Sie verstand, so eine Art kleine Kuchen aus
Eierschaum zu backen; auf einen Bogen Papier wurde der Schaum getropft
und im Ofenrohr gebacken. Dieses Backwerk richtete sie im Zimmer
mit der größten Umständlichkeit her. Ein einziges Mal brachte sie es
wirklich zu stande und war ganz glücklich darüber und sagte im Eifer:
»Nicht wahr, Mimm, das gefällt dir, so magst du's? Alles im Haus
gebacken, das ist so behaglich. So warst du's auch daheim gewöhnt,
alter Mimm.«
Mimm fürchtete die Fassung zu verlieren, nickte Olly zu und ging zur
Thüre hinaus, so ein trauriges, fades Eierschaumküchlein, das Symbol
seiner Enttäuschung, noch zwischen den Zähnen. Sie hatte ihm eins nach
dem andern in den Mund gestopft. Er griff nach Hut und Überzieher, es
litt ihn nicht mehr im Hause.
Was hatte er für ein Heim, so etwas Lächerliches, Verrücktes,
Trostloses!
* * * * *
Im ganzen und großen ging es aber ganz leidlich und besser als vordem.
In der Küche wirtschaftete seit Wochen schon Emil auf seine
vortreffliche Weise; er nahm auch das Haushaltungsbuch an sich und
führte es pflichttreu. Er wohnte dann ganz bei seiner Schwester, damit
diese seine Zeichenstudien besser überwachen konnte, und saß, wenn er
nicht draußen in der Küche sein Wesen trieb, in Ollys Wohnzimmer und
zeichnete muffig und unzufrieden. Wenn Olly matt, mit fliegendem Atem,
im vollen Fieber aus dem Atelier kam und gearbeitet hatte bis auf die
letzten Kräfte und sich nun niederlegen mußte, da ruhten ihre Blicke
auf Emil, der in seinem behaglichen Fett so träg und indolent dasaß,
und eine wahre Wut packte sie da. Einmal erfaßte der Zorn sie dermaßen,
daß sie wankend, mit Thränen in den Augen, aufstand und Emil eine
unvermutete Ohrfeige gab.
»Prost,« sagte Emil und guckte ganz verblüfft auf. »Na, weißt, Olly,
mit deinen Kräften steht's gottlob net übel.«
Da stand sie ganz beschämt vor seiner Gutmütigkeit. »Wärst du doch
nicht so faul,« sagte sie heiser. Zu gleicher Zeit aber fühlte sie
mit einer jammervollen Verzweiflung, daß Emil sie schon aufgegeben
hatte. Sie gehörte nicht mehr zu den Lebenden. Sie durfte beleidigen
und beleidigte nicht mehr. Eine Röte schoß ihr ins Gesicht, gleich
darauf wurde sie bleich und wankend, das Haar feucht, eine schreckliche
Schwäche überkam sie.
Emil schaute auf sie hin, legte ihr den Arm um die Schultern und führte
sie zum Sofa, kauerte vor sie nieder und sie fühlte ein verhaltenes
Zucken. Er weinte, versteckt an ihrer Brust, wie um eine Tote.
Sie ließ ihn weinen, ohne sich zu rühren, ein entsetzliches Grausen
durchrieselte sie. War es denn so nah?
Nein, nein, es war ja erst der erste Anfang der Krankheit. Man sah
sie ihr noch kaum an. Sie war nicht abgemagert. Ja, Qual war da; --
aber doch, -- es war erst der Anfang. -- Der Anfang von was? -- Von
entsetzlichen Dingen -- und dann -- und dann? --
Es war ihr, als schnürte sich ihr die Brust zusammen. »Wann kommt
Köppert?« fragte sie. »Ist es noch nicht so weit?«