Zwei Tage waren vergangen und Köppert war nicht in der Dämmerstunde
gekommen. Sie hatte auf ihn gewartet von Minute zu Minute, gewartet,
wie sie nie irgend etwas zuvor erwartet hatte. Den ersten Tag hatte sie
bis zu der Stunde, die ihn bringen sollte, krampfhaft gearbeitet. Den
zweiten Tag war ihr das nicht möglich gewesen. Sie ließ das Modell zu
Mittag gehen und hockte sich mit einem Buch in ihre Sofaecke.
Sie fühlte sich nicht wohl, eine elende Schwäche lag über ihr und
die Erwartung wie ein Fieber, das ihr jeden Nerv zittern und beben
ließ. Kommt er? Kommt er nicht? Das war alles, was ihre Gedanken
beschäftigte. Nicht einen Augenblick wurde sie frei von der Qual.
Mimm kam von Zeit zu Zeit aus dem Atelier von seiner Arbeit, um nach
ihr zu sehen. Er fragte sie jedesmal, wie es ihr ginge, und machte so
ein komisches Gesicht dazu. Es war ihm ganz neu, sich um jemand zu
sorgen, und sein Kommen that Olly jedesmal weh. Es war ihr immer, als
risse er sie aus einem tiefen Schlaf. Sie bebte in jedem Empfinden und
blieb ganz stumm, um dem armen Mimm nicht gereizt zu antworten.
Statt Köppert kam am zweiten Nachmittag in der Dämmerstunde der Arzt.
Auch er scheuchte sie aus einem tiefen, traumähnlichen Zustand auf.
Sie hatte im Geist fortwährend mit Köppert gesprochen. Was hatte sie
ihm alles erzählt? Sie hatte ihm ihr Kranksein geklagt; aber nicht
verzweifelt, nicht bang -- ganz kühl. Es war nichts Erschreckendes,
wenn sie mit ihm darüber sprach. Sie hatte ihm von ihrer Arbeit
vorgeplaudert und von Mimm und von ihrer Kindheit. Kleine Geschichten,
die sie wahrscheinlich nie gewagt hätte, ihm wirklich zu erzählen.
Da war eine, über die lachten sie in Ollys Vorstellung beide
miteinander. Als sie bei ihrer alten Tante wohnte und zu Weihnachten
und Ostern nach Hause reiste, fuhr sie jedesmal derselbe alte Kutscher
nach der Bahn und brachte nach einiger Zeit seine Rechnung, auf der
stand regelmäßig zu lesen: ›Eine Furie nach der Bahn‹.
Sie erzählte ihm von ihrer Verlobung, von daheim. Wie in einem
Bilderbuch blätterte sie in ihrem Leben -- und alles sollte er
erfahren, mitsehen. Es war ein sonderbares, fieberhaftes, inniges
Sich-mitteilen.
Vom Arzt wurde sie daraus aufgescheucht.
»Ich weiß schon,« sagte Olly zu ihm in ihrer erregten Weise. »Mit mir
steht's schlecht.«
»Oho« lachte der alte Doktor behaglich.
»Doch. Lassen Sie's nur. Jetzt kommen eine Menge schöne Redensarten,
ich weiß schon. Wenn man so etwas im Hals hat wie ich, das ist immer
eine dumme Geschichte. -- Wie war's mit Papa? -- Ganz dasselbe.«
Sie sagte das lauernd, bis aufs äußerste gespannt, aber äußerlich
vollkommen kühl und wie im Scherz. Es war ihr eben eingefallen, im
Augenblick erst, es so zu machen.
»Was, dumme Geschichte!« sagte der Doktor. »Wenn Sie sich gut halten
und alle Vorschriften befolgen und vernünftig sind, da macht sich
alles --«
»Ja, aber es ist doch wie bei Papa,« erwiderte sie, wieder ruhig und
sachgemäß und als wäre für sie kein Zweifel mehr.
»Na, und warum? Das wär' net übel, wenn alles so ausgehen müßte wie bei
Ihrem Herrn Papa.«
»So, also es ist dasselbe?« sagte sie überwältigt -- fassungslos. Ihre
Stimme konnte den Gefühlsausdruck nicht verbergen und die Frage klang
schreiend heiser. Es kamen Töne, über die sie keine Macht hatte.
Sie war vom Sofa aufgestanden und starrte den Arzt an. Die Hände hielt
sie ineinandergepreßt.
»Frauchen! Ruhig Blut,« brummte der Doktor und legte ihr die Hand auf
die Schulter. »Was ist denn nu? Na? -- Gar nichts. So jung wie Sie
sind. Und ich sag's ja, wenn Sie vernünftig sind und sich gut halten
und mir folgen -- Sie sollen sehen.«
Olly hatte sich wieder in ihre Sofaecke gekauert und schüttelte zu
allem, was der Doktor ihr zum Trost vorbrachte, den Kopf.
»Außerdem,« sagte sie, nachdem sie eine Weile stumm dagesessen hatte,
»bin ich nicht vernünftig. Damit rechnen Sie bei mir nicht. Wie lange
denken Sie, daß ich noch arbeiten kann?« Sie fragte es mit zuckendem
Mund. In ihren Augen lag ein unbändiger, verzweiflungsvoller Trotz.
»Sie sollen vernünftig und maßvoll arbeiten, mein Kind. Haben Sie je
einen Menschen gesehen, der gewußt hätte, wie lange er noch arbeiten
oder sonst irgend etwas thun darf? -- Wie?«
»Redensarten sind auch eine Medizin, lieber Doktor; aber bitte, geben
Sie mir die nicht.« Ihr Gesicht war ganz von Thränen überflutet, und
sie faßte die Hände des alten Herrn.
»Also: die Hauptsache ist, sich ruhig halten. Vergessen Sie das nicht.
Sind Sie denn so ganz allein? Wo ist denn Ihr Mann?«
»Im Atelier,« sagte sie. »Er arbeitet!« Das war wieder so ein heiserer
Aufschrei. »Er arbeitet.«
»Ruhig, ruhig, mein Kind,« sagte der Arzt wieder. »Gut, Sie halten es
für Redensart, dafür kann ich nichts; aber ich sag's Ihnen, allein
in Ihrer Gemütsruhe und Heiterkeit liegt Ihre Heilung. Sie haben den
guten, lieben Mann, die vergnügte Seele, lassen Sie sich von dem
helfen und helfen Sie ihm.«
Sie blickte vor sich hin, wie in einen gleichmäßigen dichten Nebel, der
mit einem Schlag ihr alles Leben überdeckt hatte. Der Arzt sprach lange
noch auf sie ein. Sie hörte nicht mehr auf ihn.
»Leben Sie wohl einstweilen, kleine Frau, ich schicke Ihnen Ihren Mann.«
Olly rührte sich nicht. Sie hatte ganz mechanisch dem Arzt die Hand
gereicht. Jetzt blieb sie eine ganze Weile allein. Sie dachte an den
Karpfen. -- Wie der Angelhaken festsitzt, wie der Karpfen sich in den
Schlamm vergräbt. -- Ja -- tief hinein. Über ihm der Schlamm und über
dem Schlamm das Wasser -- so schwer liegt das Unglück, das ihn traf,
über ihm. Über dem Wasser scheint die helle Sonne, die geht ihn nichts
an.
Als Gastelmeier zu ihr hereinkam, war er sehr freundlich und sehr
bewegt. ›Ähnlich wie nach der Trauung,‹ dachte Olly. Sie beobachtete
ihn ganz kühl. Niemand ging sie eigentlich mehr etwas an. Sie mußte mit
sich allein fertig werden. Der Karpfen saß unten im Schlamm, mußte
tausend Schmerzen verbeißen, der oben riß an ihm und quälte ihn und
zuckte an der Schnur. Die übrigen Karpfen schwammen lustig und guter
Dinge weiter und ließen sich's wohl sein. Der im Schlamm war ein ganz
andres Tier als die Kameraden geworden. Sie verstanden ihn nicht mehr
-- und er verstand sie nicht mehr.
In dieser Nacht schlief sie keinen Augenblick, rief aber auch nicht
nach Mimm. Wozu?
Sie starrte in gleichmäßigen, dicken Nebel, der sich ihr noch mit
keiner Gestalt belebte. Er war so dicht, daß sie die Hand nicht
vor den Augen sehen konnte. Der Nebel aber war die vollkommene
Hoffnungslosigkeit, die mit einemmal über sie hergefallen war. Die
hatte etwas Einschläferndes, etwas Erstarrendes; ohne den wahren Schlaf
zu bringen, brachte sie so ein dumpfes, lebenabgewandtes Brüten.
Am andern Morgen kam Mimm und fragte, wie sie geschlafen hätte.
»Ganz gut,« sagte sie. Da freute er sich.
Sie hatte, wie es ihr schien, gar nicht das Bedürfnis, sich
mitzuteilen. Darüber verwunderte sie sich selbst. Es war gut so --
ganz gleichgiltig im Grund. ›Ob das anhalten würde?‹ fragte sie sich.
Sie arbeitete und es ging sogar etwas besser wie gestern. ›Wenigstens,‹
dachte sie, ›werde ich zu den Menschen gehören, die krank
fortarbeiten.‹ Sie dachte an allerlei Leute, von denen sie wußte, daß
sie berühmt wurden, trotzdem sie krank waren.
Das war ein Trost -- mehr als Trost, das war ein Anfeuern der
Kräfte, das hatte etwas Begeisterndes. Ja, sie wollte kämpfen und
sie arbeitete bis zur Atemlosigkeit. Und heute -- ganz unverhofft
kam Köppert. ›Weshalb eigentlich sollte er kommen?‹ hatte sie
tagsüber gedacht. Dreimal war er dagewesen, unverhofft, dann war er
weggeblieben, wahrscheinlich für immer. Sie hatte ihm außerdem eine
Szene gemacht. Wahrscheinlich fürchtete er sich vor ihr. Kein Wunder.
Das seelenverzehrende Warten war wie von ihr genommen. Aus dem dichten
Nebel, der sie seit gestern umgab, war bisher nichts aufgetaucht als
ein: sie wollte arbeiten, arbeiten, vor allen Dingen arbeiten.
Als das Mädchen aber Herrn Köppert meldete, konnte sie sich vor
freudigem Schreck nicht auf den Füßen halten. Es durchzitterte ihr den
ganzen Körper.
»Mimm,« rief sie, »Herr Köppert kommt!«
»Was?« rief Gastelmeier aus dem Nebenzimmer. Da war Köppert aber schon
eingetreten.
Sie streckte ihm beide Hände entgegen. Das war ihre Art nicht, die
Leute zu empfangen. Aber hier war es ganz natürlich. Es war eben der
Gruß für Köppert, für niemand sonst. Sie begrüßte ihn so unverstellt
glückselig, wie ihn bisher eigentlich nur sein Hund begrüßt hatte.
›Armes Seelchen!‹ dachte er und faßte die schlanken, heißen Hände so
zart an und führte das bewegte, kranke Geschöpf zu einem Platz zum
Ruhen und fühlte, wie er ihr wohlthat. Er hatte sein Lebtag viel mit
Tieren sich zu thun gemacht und verstand sich daher auf unverstellte
Gefühlsausbrüche. Seine jüngeren Brüder, wie er sie nannte, hatten ihn
nie in Ungewißheit gelassen. Das Seelchen hatte eine helle Freude, wenn
er kam.
»Wissen Sie,« sagte ihm Olly, »daß ich sehr krank bin?«
»Nein,« sagte er. »Was heißt sehr krank? Wir sind alle sehr krank. Das
Leben ist eine lange Krankheit. Wir glauben nur, daß wir gesund sind.«
»Bitte,« sagte Olly, »mit mir müssen Sie wenigstens ganz einfach
sprechen. Ich weiß, es wird jeder reden, als wenn gar nichts wäre, --
thun Sie das nicht.«