In einer Nacht erwachte Olly in tiefer Dunkelheit. Sie hatten ihr
das Bett auf dem Schlafsofa im geheizten Zimmer gemacht. Es war eine
ungewohnte Art zu liegen für sie und ein ungewohnter Raum. Sie erwachte
vollkommen verwirrt und wußte sich nicht zurechtzufinden. Wo lag sie?
In welchem Zimmer? Sie starrte vor sich hin, ratlos und angstvoll,
wollte nach den Streichhölzern an ihrem Bett suchen, kam nicht damit
zurecht. Das Blut stieg ihr zu Kopf, das Herz schlug ihr, Hände und
Füße brannten. Im Hals empfand sie, was sie schon lange empfunden, --
etwas Fremdes.
Es war da etwas, was nicht sein sollte, etwas Unerträgliches, ein
Körper, ein Splitter, etwas, das heraus mußte, etwas, das ihr Angst
machte. Es war ihr, als müßte sie in dieser Verwirrung ersticken. Sie
ertastete die Wand und mit einem Ruck war alles in Ordnung.
Jetzt sah sie auch die Fenster. Es schimmerte von draußen ein kaum
merkliches, mattes Licht herein. Sie atmete auf; aber die Last, die
sich während der Verwirrung ihr auf die Brust gewälzt hatte, blieb.
Die dunkeln Gedanken kamen, die Gedanken, die vom Licht verscheucht
werden, die aber in der Nacht sich wie Raubvögel auf die stürzen,
die der Schlaf flieht. Mit ihren großen, dunkeln Flügeln kommen sie
herangeflogen, mächtig, lautlos, und senken sich auf die arme Seele
nieder, die sich wie ein Hase zusammenduckt, wenn der Uhu über ihm ist.
So kauern tausend und abertausend armer Seelen schlaflos in dunkler
Nacht, und irgend ein Entsetzen hat die Krallen in sie eingedrückt und
schlägt mit den Riesenflügeln brausend und betäubend über ihnen. Und
Scharen solcher urweltlicher Riesennachtvögel giebt es. Scharen, die
seit Anbeginn nachts ihre Jagd auf die Menschen machen.
Sie zögern mit dem Todesstreich. Die Herzensangst, die sie unter sich
zappeln fühlen, macht ihnen Spaß. Sie weiden sich an der Todesangst
ihrer Opfer -- und sie vergnügen sich daran, bis das Tageslicht sie
verscheucht. Aber sie kommen wieder und immer wieder.
Über der kleinen, armen Hasenseele in der dunkeln Stube schwebte jetzt
der grauenhafteste Unhold und quälte sein Opfer.
»Mimm!« rief Olly in Todesangst, mit einer ganz herzzerrissenen Stimme
und so heiser und krank und zitternd. »Mimm!« noch einmal. Er hörte
nicht. Er lag in der Nebenstube und schlief so fest.
»Mimm!« klang es wieder, und jetzt mit einer Bangigkeit, daß sie sich
selbst vor ihrer Stimme fürchtete.
»Was denn, Olly?« rief er schlaftrunken.
»Bitte, Mimm, bring' Licht.«
Es dauerte eine geraume Weile, bis er in seinem grauen, steifen
Schlafrock und mit einem Licht eintrat. »Was ist denn los, Olly?«
Sie lag stumm da, ohne zu antworten. Der Mann im Schlafrock fühlte ein
Paar große, ängstliche Augen auf sich gerichtet. Was fällt ihr denn nur
ein? Es war das erste Mal in seinem Leben, daß seine Nachtruhe durch
die Qual eines andern gestört wurde. Das war unbequem. Aber er nahm
sich zusammen und sprach sehr freundlich und schläfrig mit ihr.
»Na, was ist denn, mein Herzblatt?«
»Mimm,« sagte sie, »Mimm.« Weiter kam sie nicht. Aber er sah, wie ihr
zwei große Thränen über die Wangen rollten. »Mimm, ich bring's zu
nichts -- es wird nichts mit allem.«
›Herrgott, in deine Hände!‹ dachte Gastelmeier. ›Jetzt fängt das
Rangieren auch nachts an. Natürlich nachts, das ist ja das Eigentliche.
-- Himmlische Christine!‹
Er stand stumm da, denn außer zu diesem eben berichteten Gedankengang
war er zu nichts fähig. Sie that ihm sehr leid, daß sie nicht schlafen
konnte und sich, wie es schien, nicht wohl fühlte; aber was sollte er
dabei thun?
»Mimm, ich bin sehr krank.«
»Dummes Zeug,« sagte er. »Bis heute ist dir das doch nicht eingefallen,
nun mit einemmal. Dieser verdammte Mensch, der Doktor, das haben wir
von seiner Untersucherei.«
»Ja, mit dem Hals. -- Papa ist auch daran gestorben,« sagte Olly
eigentümlich kühl.
»Na, und da meinst du, weil du ein bisserl Halsschmerz hast, es
geht auch gleich zu Ende. Du kleiner Narr.« Er tätschelte ihr die
Wange; aber es war ihm nicht behaglich zu Mute. »Ist es dir denn sehr
schlecht?« fragte er.
»Nein, nur so angst.«
»Unsinn.«
»Mimm, ob du eine Ahnung hast, was mir meine Arbeit ist?« fragte sie.
»Das dächt' ich, müßt' ich wissen, du.«
»Du weißt nichts. Ich möchte noch ein paar Jahre leben.«
»Na, das wirst du ja doch auch,« lachte er.
»Hast du gehört, was Köppert von mir sagt?«
»Das läßt dich nicht schlafen, du Eitelkeit?«
»Nein,« sagte sie.
»Schäm dich.«
»Wenn ich einmal berühmt bin, werd' ich unendlich geduldig sein -- aber
bis dahin --«
»Werden wir rangieren,« fügte Gastelmeier hinzu.
»Was meinst du damit?«
»Gar nichts.«
»Ach, Mimm!«
»Geh, schlaf nun.« Er wollte sich wieder aufmachen, in sein Zimmer zu
gehen.
»Bleib noch,« bat Olly angstvoll.
»Was ist denn nur?« fragte er. »Das kannst du mir ja, dächt' ich, alles
morgen sagen.«
Wieder sah er Thränen über ihre Wangen rollen. Er war zu barsch
gewesen. Aber das mußte sie sich abgewöhnen. Wahrhaftig, er kam sich
wie eine Kindermuhme vor. Das war nichts für ihn. Nachts auch so eine
Wirtschaft, und wenn er sich nicht etwas auf die Hinterbeine stellte,
gewöhnt sie sich womöglich diese nächtlichen Unterhaltungen an. »Also
schlaf jetzt,« sagte er kurz.
»Mimm, weißt du noch, als du mir damals in den Wagen halfst, war deine
kleine dicke Pfote so sanft und sorgsam. Lach' mich nicht aus; -- aber
damals hast du eigentlich mein Herz gewonnen.«
»So,« sagte Gastelmeier. Er wußte nicht recht, was er darauf erwidern
sollte. Er war riesig schläfrig. »Weißt du, Olly, das ist wirklich nur
möglich in der allerersten Verliebtheit.«
»Schade,« sagte sie, »es war so hübsch. Sag wenigstens noch etwas
Gutes.«
»Na, was denn?«
»Irgend etwas. Sag, daß alles gut wird.«
»Na ja, es ist ja schon alles gut.« Er klopfte ihr auf die Wange und
wollte nun endlich gehen.
»Laß das Licht hier brennen,« bat sie ihn.
»Mach's aber aus, Olly, vergiß nicht.«
»Ich vergeß nicht. Morgen möcht' ich aber ein Nachtlicht haben.«
»Dann besorg's dir, mein Kind.« Damit schlürfte er ab. Sie hörte das
Bett krachen, als er sich schwer und halb schon wieder im Schlaf
hineinwarf. Sie aber stand auf und holte aus einem Schiebkasten, den
sie behutsam aufzog, ein Spiegelchen und schaute mit blinzelnden Augen
und geöffnetem Mund den armen Hals an, in dem das Fremde steckte.
›Damit geht's nicht,‹ dachte sie. ›Er hat ja auch ein Extraspiegelchen
gehabt.‹
Matt und müde legte sie sich wieder und schaute ins Licht -- und wagte
nicht, es zu löschen, weil sie sich vor der Dunkelheit fürchtete und
vor neuer Angst und Qual.
Aber endlich wurden die Augen wieder schwer, das Unbehagen dumpfer.
Sie löschte das Licht mit den Fingerspitzen, um sich nicht bewegen
zu müssen und schlief ein, so schnell, daß der uralte Vogel, der die
schlaflosen Kranken nachts besucht und ängstigt, nicht Zeit hatte, sich
auf sie niederzulassen.
* * * * *
Am andern Morgen kleidete sie sich hastig an und blieb den ganzen
Vormittag stumm über ihrer Arbeit. Sie arbeitete mit heißen Wangen und
feuchter Stirn. Ihre Hand war nicht sicher, sie zitterte, und es machte
ihr Mühe, die Palette zu halten. Das war die ganze letzte Zeit schon
so gewesen, heute aber war es bedeutungsvoller als sonst. Sie fühlte
es mehr, sie war darauf aufmerksam gemacht worden. Dennoch arbeitete
sie anhaltender als sonst. Es war aber kein frohes Arbeiten wie früher,
sondern ein Kampf gegen einen Riesen, der unsichtbar, wie im grauen
Nebel steckte, dessen Faust aber schwer auf ihr lag.
Sie hatte seit ihrer Krankheit schon öfters während des Malens eine
sonderbare Schwäche gefühlt. Die Haut wurde feucht, wie übergossen.
Jeder Lufthauch machte sie dann erschauern, durch das geschlossene
Atelierfenster schien ihr ein eisiger Zug zu dringen. Und sie hatte
sich nicht anders helfen können, als damit, daß sie sich umzog und
hastig einfeuerte. Heute kam es wieder schlimmer als je. Die Arbeitswut
und der Eifer aber, der sie gepackt hatte, war stärker als alles. Sie
stemmte sich gegen die Schwäche, gegen die feuchte Kälte. Sie fühlte
bei jeder Bewegung, wie ihr das Leinen an der Haut klebte. Das Haar lag
ihr auch feucht auf der Stirn; aber sie hielt nicht inne, biß die Zähne
aufeinander und arbeitete weiter.
Und während sie arbeitete, hörte sie Köppert sprechen, so deutlich,
als wäre er im Zimmer. Er sprach von ihrer Arbeit. Er lobte, er
sagte alles noch einmal, was er ihr schon gesagt hatte. Das Bild
hatte ihm gefallen. Die Haltung des Mädchens hielt er für vollkommen
gut, die sprach aus, was sie aussprechen sollte: das Dumpfe, das
Müd-gearbeitete, das Ausruhen, das Menschliche, das Einfache. Er hatte
es ganz verstanden.
Und wie sie das Menschliche, das Einfache, das Tiefwahre liebte! Mit
welcher Leidenschaftlichkeit, mit welchem Jubel gab sie es wieder!
Und mit welchem Jubel fühlte sie sich verstanden, -- und von dem
verstanden, der ihr der Meister war, der sie durch seine Werke diesen
tiefinnerlichen Weg hatte finden lassen!
»So redet doch von Schönheit, redet doch und sucht sie über den
Menschen und über den Wolken und stolpert darüber. Und überall ist sie
-- und so rührend und so geheimnisvoll, so ganz fürs Herz! -- Ja man
sieht einen Menschen und denkt gar nichts dabei. Von dem, was schön
ist, ist er weit entfernt. Und mit einemmal, wenn man sich in ihn
hineindenkt, ist er so schön, so unnachahmlich, so voller Ausdruck, so
ganz Mensch, ganz Geschichte seines Daseins.«
So hatte er gesprochen. Und sie dachte jedes seiner Worte wieder zu
erhaschen. Sie tauchten vor ihr auf wie die frühen Sterne am dämmerigen
Abendhimmel, ein Stern nach dem andern. -- Einer -- dann noch einer,
dann wieder einer. Und mehr und mehr. Den Worten nachjagen, die ein
Mensch gesprochen, mit einer Wonne nachjagen, daß ihrer keins verloren
ging -- ja, das war Leben. Und zum allererstenmal!
Hatte sie sich je aus innigstem Bedürfnis ein Wort zurückgerufen, das
irgend ein Mensch gesprochen? Nie. Und jetzt mit welcher Lust, welcher
Tollheit, als wenn es Perlen wären, die ihr davonrollen wollten.
Und sie wurde nicht müde und arbeitete dabei mit einer Hast, einer
Inbrunst, einem Jubel. -- Wie unheimlich! Es rann ihr über die Stirn
ein Tropfen an der Schläfe herab, so, als wäre sie in Sommerhitze einen
Berg hinaufgeklommen -- und es war Winter, und im Atelier war's kühl.
Das innere Feuer ließ nach, und wie ein krankes Kind, das vom Spiel
ermüdet ist, legte sie sich nieder, das Gesicht in die Arme vergraben.
»Soll ich gehen?« fragte das Modell.
»Nein, bleiben.« Und es dauert nicht lange, da war sie wieder an der
Arbeit, hatte sich aber ein dickes Tuch umgelegt und es wie eine Kapuze
über den Kopf gezogen.
Am Nachmittag kam Köppert wieder. Er traf sie noch bei der Arbeit. Sie
hatte sie nur unterbrochen, um hastig zu Mittag zu essen.
»Nun, gottlob!« sagte Gastelmeier, »nun wird ja wohl endlich Ruhe
werden.« Und es wurde Ruhe. Köppert bestand darauf, daß Olly sich auf
das Sofa legte, und er und Gastelmeier setzten sich zu ihr.
Wie sie geborgen war, und wie in einer Festfreude! Das Glück kam wahr
und wahrhaftig!
»Deine Frau ist zu fleißig, Gastelmeier.«
»Jawohl,« sagte der arme, geprüfte Ehemann. »Da ist eine Lokomotive
eher aufzuhalten, als so ein Frauenzimmer. Das versuch mal einer.«
»Was -- soll denn so ein Hühnchen, so schwer --«
»I wo, Hühnchen,« unterbrach ihn Gastelmeier. »Nein, wahrhaftig,
Köppert, red' gefälligst von den Frauenzimmern gar nicht mit. Wart'
erst!«
»O du!« sagte Olly zu ihrem Mann, »was weißt denn du, kleiner Mimm.«
»Ich? na, weißt du, Olly -- reden wir nicht davon.«
»Ich weiß, ich bin eine ungemütliche Person,« sagte Olly, und strich
Mimm über den Rockärmel. »Mimm müßte eine ganz andre haben, er ist so
gemütlich. -- Herrgott und daß ich jetzt krank bin! Weshalb hat mich
das nun gerad' getroffen, gerad' jetzt!«
»Sagen Sie 'mal,« fragte Köppert, »haben Sie jemals gehört, daß einer
sagt, wenn etwas Gutes kommt: Herrgott, weshalb trifft mich's gerade?
Haben Sie das?«
»Nein,« sagte Olly, »nie!«
»Aber wenn etwas Böses kommt sagt's jeder -- Weshalb trifft mich's nun
gerade? Verstehen Sie? ich meine -- --«
»Das wär' so eine Frage für deine Mama, Olly,« warf Gastelmeier
dazwischen, »die würde disputieren, Herr, du meine Güte, ich hör' sie
ordentlich: Kant sagt -- und so weiter.«
»Gut, daß niemand da ist, verzeihen Sie, jemand, der nichts andres
weiß, als: Kant sagt -- Schopenhauer sagt und so weiter. -- Zum aus der
Haut fahren! Zum Beispiel, Kant ist einfach ein Julklapp, man muß ihn
nur kennen, diesen Menschen,« sagte Köppert.
»Oho!« sagte Gastelmeier, etwas von oben herab. Er kannte seinen
Goethe, wie wir wissen, und von Schopenhauer wußte er, wie alle
gebildeten Leute, daß er in einem Kapitel riesig über die Weiber
losgezogen war. »Wieso ist Kant ein Julklapp? Weißt du, Köppert, es
giebt Dinge, an die wagt man sich meines Dafürhaltens nicht so ohne
weiteres heran.«
»Möcht' wissen, weshalb nicht, Kant ist und bleibt ein Julklapp, da
hilft ihm gar nichts. Jeder halbwegs Vernünftige muß das einsehen.«
»Wissen Sie,« wendete er sich an Olly, die nicht recht verstand, was
er mit dem Wort sagen wollte, »die Weihnachtsgeschichte? -- Julklapp
-- das ist ein Gebrauch so im Norden droben -- irgendwo. Es wird eine
große Kiste zum Fenster hereingeschoben, die wird mit unsinniger Müh'
aufgemacht, da ist ein Sack in der Kiste, und in dem Sack wieder
ein Sack, und in dem Sack wieder ein Sack -- und so fort bis in die
Unendlichkeit; -- und im letzten Sack ist ein Bündel, und in dem Bündel
wieder ein Bündel, und im letzten Bündel Lappen, und in den Lappen
Papiere, und in den Papieren wieder Papiere, und in den Papieren eine
Schachtel, und in der Schachtel Schachteln, immer eine kleiner als die
andre, und in dem allerallerletzten Schächtelchen: Na? -- was ist da
drinn gefälligst? Gar nichts -- so ein Zettelchen, und da steht was
drauf -- und man denkt Gott weiß was -- und was ist's? -- ›Grüß Gott!‹
-- so etwas, was jeder schon weiß. -- So ist Kant, genau so. Kennen Sie
Kant?«
»Nein« sagte Olly und lachte.
»Na also? Es ist mein voller Ernst. Wenn ich nur von den sogenannten
großen Tieren nichts mehr zu hören brauchte! Die verdummen schließlich
mit ihrem bißchen Weisheit die ganze Welt. Kein Mensch denkt mehr,
sondern jeder sagt: Kant sagt -- Schopenhauer sagt und so weiter --
die reine Pest! Die paar Firmenschilder, die sich die Menschheit
angeheftet, damit soll der ganze Sums gemacht sein. Die sollen alles
thun -- und zum Dahinterverkriechen sind sie auch famos. Schade, daß
ihr keine Freßgenies gehabt habt, die Jahrtausende vordem euch schon
alles vorgekaut haben. Das möcht' euch passen? He? Proste Mahlzeit, die
würde gefälligst niemand zitieren. Selber essen macht fett.«
»Gewiß,« sagte Olly lachend.
»Jetzt möcht' ich wirklich wissen,« fuhr Köppert riesig lebhaft
fort, »sowie einer im lieben Deutschland für drei Pfennig Bildung,
das heißt, so viel wie nötig Firmenschilder ausgehängt hat, daß man
möglichst von seiner Person nichts mehr zu sehen bekommt; ob der noch
ein vernünftiges, nicht gestohlenes Wort spricht? -- Gott bewahre.
Wenn er spazieren geht, und er will irgend jemand mitteilen, daß er
sich von dem Anblick der Natur angenehm gekitzelt fühlt, so wett' ich
daß er sagt: Sieh' mal so etwas -- der reine Millet, oder der reine
Dagnan-Bouveret, oder der reine Böcklin! -- Er wird irgendwen citieren
-- einen Namen, versteht sich --«
»Nu, sag 'mal, Köppert,« fragte Gastelmeier, »weshalb eigentlich hast
du dich jetzt ereifert? Kein Mensch hat irgend etwas gesagt.«
»Nein,« erwiderte Köppert, »niemand. Aber sieh dich gefälligst einmal
im Zimmer um, eine gewisse kleine Person hat ihren Spaß daran gehabt
-- sieh doch. Als ob es nichts wäre, wenn so ein Seelchen zum Lachen
kommt. Oder etwa nicht?« Er fuhr sich durch den Haarschopf. »Meinst
du, es ist verdienstlicher, eine Kanone abzuschießen? Oder es ist
verdienstlicher, eine Vorlesung zu halten, oder vor fünfhundert Eseln
das hohe C zu singen, oder auf dem Seil zu tanzen? Was ist eigentlich
vernünftiger? Weißt du, Gastelmeier, wenn du deine Frau vergnügen
willst, sei kein zu großer Biedermann. Das ist nichts für die Weiber!«
»Oho,« meinte Gastelmeier, »ich sagte dir schon, Köppert, was weißt
denn du von den Weibern? Heirate eine, wenn du's wissen willst --
vorher red' net.«
»Weiß er's denn?« fragte Köppert und kniff die Augen zusammen.
»Er weiß gar nichts,« lachte Olly. »›Die‹ Weiber, das ist überhaupt ein
sehr komischer Sammelname,« fuhr sie fort. »Wer ›die‹ Weiber sehr gut
zu kennen glaubt, kennt ›das‹ Weib gewiß nicht. -- Jawohl, Mimm. Und
wissen Sie, noch etwas --«
»Na?« sagte Köppert.
»Es giebt jetzt etwas, das hat es so noch nie gegeben, so wie ich's
meine: -- das moderne Weib, und das ist immer in der Einzahl. Verstehen
Sie?«
»Nein -- nein, das hab' ich noch nicht verstanden.« Er fuhr sich
mit seinem energisch geformten Zeigefinger über die Stirn bis zur
Nasenwurzel. »Sie sollen es mir auch nicht erklären -- nicht viel
reden. Passen Sie auf, ob ich's hab'. Natürlich ist's das Weib, das die
Hände nach Dingen ausstreckt, die wir Scheusäler ihm jahrtausendelang
vorenthalten haben.«
Er murmelte immer, man verstand ihn nicht leicht, dazu sprach er
undeutlich aus.
»So, was sich ›moderne Frau‹ nennt, meinen Sie? Sie sagten doch
›moderne Frau‹? -- Da, stell' ich mir vor, ist ein Hunger, ein
Verschmachten nach: sagen wir ganz trocken -- sie will Selbständigkeit
und Heraustreten aus den Massen. Da kocht es in den kleinen Töpfchen,
als brodelte Genie darin, mag auch hie und da vorhanden sein; weshalb
nicht? Im ganzen aber wirft die Natur Blasen auf, es will etwas werden.
Natürlich kocht es überall. Wir Mannsbilder werden Gott weiß was,
Maler, Mediziner, alles Mögliche. Da giebt es keine Hindernisse, da ist
Windstille, alles in Ordnung.«
Köppert fuhr sich wieder über die Stirn bis zur Nasenwurzel; man hätte
meinen sollen, er hätte sich schon im Lauf der Jahre eine förmliche
Rinne gegraben. »Das Weib aber, das Weib in der Einzahl,« murmelte er,
»da ist die Sache anders. Es greift nach etwas, zitternd vor Kraft
und Wollen. Es ist eine Heldin, es kämpft und hat keinen Boden unter
den Füßen, muß erst jede Handbreit Boden erkämpfen. Das ist eine
Unmöglichkeit, scheint es, aber sie macht's möglich, natürlich mit
wunderlichen Sprüngen. Lacht nur über sie. Sie rechnet auch mit dem
Lachen. Aber aufhalten! Teufel auch, das kann sie nicht vertragen. Sie
will eben vorwärts. Punktum. Ist das so ungefähr der Sums? Sie wird ein
Dämon, wenn sie aufgehalten wird!«
»Wahrhaftig,« sagte Olly. »Und wissen Sie noch etwas. Sie hat Durst
nach Ruhm. Ich kann es nicht anders sagen. Es graut ihr davor, wie ein
Hund zu sterben. Tausende von Männern haben Ruhm errungen; sie will die
Wonne auch haben, und ihr Ruhmdurst ist fürs erste größer als eurer.
Sie will's natürlich für sich erreichen; aber doch nicht nur für sich.
So, wissen Sie, als wollte sie sagen: Mit dem, was ich erreicht habe,
adle ich euch alle. Ihr hättet es auch gekonnt, viele von euch, -- und
besser.
Verstehen Sie mich auch?« fragte sie heiser. Und wunderlicherweise
standen ihr Thränen in den Augen.
Sie war vom Sofa aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder. »Ja,«
sagte sie mit zitternder Stimme, »alles Aufhalten ist Qual. Sie haben
ganz recht. -- Und krank sein! Wissen Sie, krank sein, das ist's.«
»Und so was,« meinte Gastelmeier im Scherz, »so was hat man geheiratet.
Ja, siehst du, Köppert.«
»Armer Mimm,« sagte Olly erregt und mit glühenden Wangen. »Du bist an
etwas Schönes gekommen.«
»Ruhig, ruhig,« brummte Köppert. »Insekt -- einfach Insekt -- erinnern
Sie sich's noch? Der da oben kennt sich längst nicht mehr zwischen
einer handvoll Leuten und einer handvoll Räupchen aus. Also wozu der
Sums? Na, wozu? Trauerspiele aufführen hat keinen Sinn, absolut nicht.
Hören wir endlich damit auf, dem Schicksal immer wieder den Gefallen
zu thun. Nicht wahr? Na, also.« Er fuhr sich durch den Haarschopf.
»Neulich ging ich nachts an der Türkenkasern' vorüber, da standen
zwei besoffene Kerle, der eine drosch auf den andern, hob den Arm um
auszuholen und brummte: ›Sag du noch einmal Lallenstedt -- du!‹ Na,
und der andre sagte: ›Lallenstedt‹ ganz gehorsam. Bums, da hatte er's.
-- ›Sag noch einmal ›Lallenstedt‹, du!‹ ›Na -- Lallenstedt‹ sagte der
andre. Bums, da hatte er's wieder. Und noch einmal, und so ging's fort,
es war immer dasselbe, gerad' wie zwischen uns und dem Schicksal. Es
will, wir sollen ›Lallenstedt‹ sagen -- und wir sagen ›Lallenstedt,‹
so oft es von uns verlangt wird, und werden jedesmal gehauen. Weshalb
machen wir ihm eigentlich immer den Spaß? Wenn wir 's Maul hielten,
würde es schon mürb werden und uns in Ruhe lassen. Maul halten, das ist
auch eine Art Erlösungswerk für die Menschheit.«
»Ich versteh' Sie,« sagte Olly immer noch tief erregt. »Aber Sie sind
gesund. Sie haben gut reden.«
»Und was denn! Sie werden auch wieder gesund,« sagte Köppert.
»Vielleicht -- vielleicht auch nicht. Weshalb soll mich gerade das
Böse nicht treffen? Sagten Sie's nicht?«
»So, das hab' ich dumm gemacht, so ein Schafskopf,« erwiderte
Köppert und schlug sich vor die Stirn. »Aber wie Sie auch auf alles
hereinfallen!« Das unregelmäßige Gesicht mit den gescheiten Zügen nahm
einen wunderlich weichen, jungen Ausdruck an. »So ein Teufel! Komme
her, um Sie auf frohe Gedanken zu bringen, und hetze Sie, Gott weiß
wie.«
»Na, Kinder, gebt Ruh jetzt,« sagte Gastelmeier.
»Gefühlsflohjagd!« brummte Köppert vor sich hin und war mit seinen
Gedanken irgendwo.
»Weißt du, Köppert,« sagte Gastelmeier, als Olly in das Nebenzimmer
gegangen war, »meine Frau ist jetzt in einer unglaublichen Stimmung,
ich versteh' gar nicht, was ist denn eigentlich los?
Olly!« rief er. Sie kam.
»Denk' dir, was sie mit einem Weihnachtskarpfen gemacht hat. Weißt
du's? Erst für teures Geld gekauft und dann in die Isar gelassen!«
»Marlitt?« fragte Köppert freundlich schlau lächelnd und kniff dabei
die Augen zusammen. »Das ist Marlitt, so etwas. Herr Gott, wozu?
Machen Sie damit die Welt besser? Einfach Gefühlsflohjagd. Macht euch
doch das Leben nicht so unsinnig schwer, Insekten! Gnädige Frau,
der Karpfen ist zum essen da. Punktum. Nächsten Sommer wollten wir
miteinander fischen gehen. Das Raubtier in uns muß hin und wieder etwas
zu thun bekommen, das Altjüngferliche in uns muß fort. Das setzt sich
sonst an und frißt sich ein. So wird nie ein gewiegtes Huhn aus uns.
Wissen Sie, wie ein schöner, strammer, lebenslustiger Karpfen sich
erwischen läßt?«
»Nein,« sagte Olly.
»Also, so ein Karpfen ist auch ein gewiegtes Huhn. An einem warmen,
trüben Tag wirft man die Angel aus. Ein Teich; breite grüne
Blätterflaten schwimmen drauf, welche die Süßlichkeitspoeten uns
eben so verekelt haben, daß ein anständiger Mensch sie nicht mehr zu
nennen wagt. Na also Seerosen.« Köppert fuhr sich zum Zeitvertreib
einmal wieder durch den Haarschopf. »Die sind gut für den Karpfen,
wie ein Dach liegen sie über dem Wasser und halten die Sonne ab.
Er ist Sybarit. Jetzt kommt er, frisch und vergnügt und denkt sich
irgend was. Er bummelt oder Gott weiß, was er treiben will. Er ist im
schönsten Lebensalter, übermütig, unternehmend, ein Prachtkerl! Jetzt
merkt er was. ›Halt still,‹ denkt er, ›was ist denn das? -- Aha!‹ Nun
schaut er sich die Geschichte an und streicht unter den großen Blättern
hin und her. Er traut nicht und möchte doch. Er ist riesig aufgeregt
und tanzt und schnalzt und fährt mit dem Schnäuzchen an die Luft. Und
immer die netten Schnalztöne. So ein Prachtkerl, frisch wie's Leben! Er
wird ganz des Kuckucks -- und überlegt. Er hat gerade einen Appetit auf
so etwas und ist so fidel, so zufrieden. Ein Frühstückchen konnte nicht
schaden. Es ist ihm immer vortrefflich ergangen. Schließlich, wie das
Ding sich so durchaus vertrauenswürdig verhält, meinte er, daß man es
versuchen sollte. Er schnappt und der Haken sitzt fest. Das hat er nun
davon.
Und jetzt geht der Tanz los. ›Pfui Teufel!‹ denkt er und stürzt wie ein
Pfeil mitsamt dem Haken in die Tiefe und vergräbt sich in den Schlamm.
Die Verzweiflung hat ihn mit einem Schlag gepackt. Er wühlte sich so
tief hinein als er kann. Das kennt man schon, er macht's immer so.
Die Angel ist darauf eingerichtet. Im Schlamm hält er sich ganz still
und geduldig und verbeißt den Schmerz. Denn der oben zuckt und zerrt
und quält ihn auf alle Art. Er soll bald heraus. Aber er liegt wie ein
Held und rührt sich nicht. Der Übermut ist ihm freilich vergangen; aber
ein Stück Kraft und Seelenstärke ist in ihm, um die man ihn beneiden
könnte. Das geht unbegreiflich lang so fort. Der oben immer gezuckt und
gezerrt und der unten immer ganz still abgewartet und ausgehalten und
den Schmerz verbissen.
Jetzt mit einemmal thut er einen Schlag auf Tod und Leben, einen
Riesenschlag. Er ist ganz Muskel, ganz Willen, ganz Verzweiflung. Auf
diesen Schlag hat der oben immer ganz kühl gewartet. Der kennt das
schon. Sie nennen den klugen verzweifelten Streich den Karpfenschlag.
Oft genug gelingt's auch, die Schnur reißt und er hat sich frei
gemacht. Gelingt's nicht, reißt die Schnur nicht, so war's umsonst,
dann ist er mit einemmal ganz geduldig und weise und läßt sich
heraufziehen wie ein Lamm. Er hat dann alles aufgegeben und fügt sich.
-- Um nichts schlechter macht er's wie die großartigste Menschenseele.
Alle Hochachtung!«
Olly hatte Köppert gespannt zugehört. »Nun freut mich's erst recht,«
meinte sie, »daß ich meinen dicken Freund in Freiheit gesetzt habe,
trotz dem Karpfenschlag geschehen noch unerwartete Dinge für alle
Geschöpfe. Daß wir Sie kennen lernten, war auch unerwartet.«
»Olly ist köstlich!« rief Gastelmeier. »Ja, Köppert, du weißt nicht,
wir müssen uns nächstens so eine Art Tempel für dich einrichten. Du
hast hier eine fanatische Anhängerin.«
»Und wenn Sie wüßten wie ich Sie beneide,« sagte Olly. »Sie stehen so
kühl da, als wenn nichts auf der Welt Ihnen etwas anhaben könnte -- und
so gesund wie Sie aussehen, so fest und leicht. Sie sind gewiß sehr
stark.«
»Weshalb nicht? Glauben Sie, ich war in Ihrem Alter so weit wie Sie?
Ich bin ein alter Kerl jetzt. -- Schauen Sie -- Eselsfarbe. Wir
gewiegten Hühner bummeln kolossal.«
»Ja, aber Sie leben! Sie schauen ganz anders ins Leben hinein. Das
merk' ich.«
»Na, warten Sie, wir gehen nächstes Frühjahr miteinander Karpfen
fischen. Sie sollen das alles selbst erleben, wie er so frisch und
seelenvergnügt und jung daherkommt, das Schnäuzchen reckt -- die
netten Schnalztöne -- und wie er sich endlich im Haken fängt, wie
er verzweifelt in den Schlamm stürzt und sich vergräbt, den Schmerz
verbeißt, die brave Heldenseele, wie er gequält wird, und dann -- den
Karpfenschlag -- die Hoffnungslosigkeit und Weisheit und Ergebung. --
Großartig! Das müssen Sie selbst erleben.«
Da sah Köppert in ein Paar große, zornige, thränenerfüllte Augen.
»Selbst erleben -- ich fürchte auch,« sagte Olly zitternd erregt.
»Glauben Sie, daß es mich nach dieser Hoffnungslosigkeit und Weisheit
und Ergebung verlangt? -- Glauben Sie?«
Sie schluchzte auf. Er sah einen Augenblick in ein ganz verzweifeltes
Gesicht. Dann stürzte sie fort und warf die Thüre hinter sich zu.
Und im andern Zimmer lag sie auf den Knieen und weinte wild und zornig
und verzweifelt.