VIII.

In einer Nacht erwachte Olly in tiefer Dunkelheit. Sie hatten ihr

das Bett auf dem Schlafsofa im geheizten Zimmer gemacht. Es war eine

ungewohnte Art zu liegen für sie und ein ungewohnter Raum. Sie erwachte

vollkommen verwirrt und wußte sich nicht zurechtzufinden. Wo lag sie?

In welchem Zimmer? Sie starrte vor sich hin, ratlos und angstvoll,

wollte nach den Streichhölzern an ihrem Bett suchen, kam nicht damit

zurecht. Das Blut stieg ihr zu Kopf, das Herz schlug ihr, Hände und

Füße brannten. Im Hals empfand sie, was sie schon lange empfunden, --

etwas Fremdes.

Es war da etwas, was nicht sein sollte, etwas Unerträgliches, ein

Körper, ein Splitter, etwas, das heraus mußte, etwas, das ihr Angst

machte. Es war ihr, als müßte sie in dieser Verwirrung ersticken. Sie

ertastete die Wand und mit einem Ruck war alles in Ordnung.

Jetzt sah sie auch die Fenster. Es schimmerte von draußen ein kaum

merkliches, mattes Licht herein. Sie atmete auf; aber die Last, die

sich während der Verwirrung ihr auf die Brust gewälzt hatte, blieb.

Die dunkeln Gedanken kamen, die Gedanken, die vom Licht verscheucht

werden, die aber in der Nacht sich wie Raubvögel auf die stürzen,

die der Schlaf flieht. Mit ihren großen, dunkeln Flügeln kommen sie

herangeflogen, mächtig, lautlos, und senken sich auf die arme Seele

nieder, die sich wie ein Hase zusammenduckt, wenn der Uhu über ihm ist.

So kauern tausend und abertausend armer Seelen schlaflos in dunkler

Nacht, und irgend ein Entsetzen hat die Krallen in sie eingedrückt und

schlägt mit den Riesenflügeln brausend und betäubend über ihnen. Und

Scharen solcher urweltlicher Riesennachtvögel giebt es. Scharen, die

seit Anbeginn nachts ihre Jagd auf die Menschen machen.

Sie zögern mit dem Todesstreich. Die Herzensangst, die sie unter sich

zappeln fühlen, macht ihnen Spaß. Sie weiden sich an der Todesangst

ihrer Opfer -- und sie vergnügen sich daran, bis das Tageslicht sie

verscheucht. Aber sie kommen wieder und immer wieder.

Über der kleinen, armen Hasenseele in der dunkeln Stube schwebte jetzt

der grauenhafteste Unhold und quälte sein Opfer.

»Mimm!« rief Olly in Todesangst, mit einer ganz herzzerrissenen Stimme

und so heiser und krank und zitternd. »Mimm!« noch einmal. Er hörte

nicht. Er lag in der Nebenstube und schlief so fest.

»Mimm!« klang es wieder, und jetzt mit einer Bangigkeit, daß sie sich

selbst vor ihrer Stimme fürchtete.

»Was denn, Olly?« rief er schlaftrunken.

»Bitte, Mimm, bring' Licht.«

Es dauerte eine geraume Weile, bis er in seinem grauen, steifen

Schlafrock und mit einem Licht eintrat. »Was ist denn los, Olly?«

Sie lag stumm da, ohne zu antworten. Der Mann im Schlafrock fühlte ein

Paar große, ängstliche Augen auf sich gerichtet. Was fällt ihr denn nur

ein? Es war das erste Mal in seinem Leben, daß seine Nachtruhe durch

die Qual eines andern gestört wurde. Das war unbequem. Aber er nahm

sich zusammen und sprach sehr freundlich und schläfrig mit ihr.

»Na, was ist denn, mein Herzblatt?«

»Mimm,« sagte sie, »Mimm.« Weiter kam sie nicht. Aber er sah, wie ihr

zwei große Thränen über die Wangen rollten. »Mimm, ich bring's zu

nichts -- es wird nichts mit allem.«

›Herrgott, in deine Hände!‹ dachte Gastelmeier. ›Jetzt fängt das

Rangieren auch nachts an. Natürlich nachts, das ist ja das Eigentliche.

-- Himmlische Christine!‹

Er stand stumm da, denn außer zu diesem eben berichteten Gedankengang

war er zu nichts fähig. Sie that ihm sehr leid, daß sie nicht schlafen

konnte und sich, wie es schien, nicht wohl fühlte; aber was sollte er

dabei thun?

»Mimm, ich bin sehr krank.«

»Dummes Zeug,« sagte er. »Bis heute ist dir das doch nicht eingefallen,

nun mit einemmal. Dieser verdammte Mensch, der Doktor, das haben wir

von seiner Untersucherei.«

»Ja, mit dem Hals. -- Papa ist auch daran gestorben,« sagte Olly

eigentümlich kühl.

»Na, und da meinst du, weil du ein bisserl Halsschmerz hast, es

geht auch gleich zu Ende. Du kleiner Narr.« Er tätschelte ihr die

Wange; aber es war ihm nicht behaglich zu Mute. »Ist es dir denn sehr

schlecht?« fragte er.

»Nein, nur so angst.«

»Unsinn.«

»Mimm, ob du eine Ahnung hast, was mir meine Arbeit ist?« fragte sie.

»Das dächt' ich, müßt' ich wissen, du.«

»Du weißt nichts. Ich möchte noch ein paar Jahre leben.«

»Na, das wirst du ja doch auch,« lachte er.

»Hast du gehört, was Köppert von mir sagt?«

»Das läßt dich nicht schlafen, du Eitelkeit?«

»Nein,« sagte sie.

»Schäm dich.«

»Wenn ich einmal berühmt bin, werd' ich unendlich geduldig sein -- aber

bis dahin --«

»Werden wir rangieren,« fügte Gastelmeier hinzu.

»Was meinst du damit?«

»Gar nichts.«

»Ach, Mimm!«

»Geh, schlaf nun.« Er wollte sich wieder aufmachen, in sein Zimmer zu

gehen.

»Bleib noch,« bat Olly angstvoll.

»Was ist denn nur?« fragte er. »Das kannst du mir ja, dächt' ich, alles

morgen sagen.«

Wieder sah er Thränen über ihre Wangen rollen. Er war zu barsch

gewesen. Aber das mußte sie sich abgewöhnen. Wahrhaftig, er kam sich

wie eine Kindermuhme vor. Das war nichts für ihn. Nachts auch so eine

Wirtschaft, und wenn er sich nicht etwas auf die Hinterbeine stellte,

gewöhnt sie sich womöglich diese nächtlichen Unterhaltungen an. »Also

schlaf jetzt,« sagte er kurz.

»Mimm, weißt du noch, als du mir damals in den Wagen halfst, war deine

kleine dicke Pfote so sanft und sorgsam. Lach' mich nicht aus; -- aber

damals hast du eigentlich mein Herz gewonnen.«

»So,« sagte Gastelmeier. Er wußte nicht recht, was er darauf erwidern

sollte. Er war riesig schläfrig. »Weißt du, Olly, das ist wirklich nur

möglich in der allerersten Verliebtheit.«

»Schade,« sagte sie, »es war so hübsch. Sag wenigstens noch etwas

Gutes.«

»Na, was denn?«

»Irgend etwas. Sag, daß alles gut wird.«

»Na ja, es ist ja schon alles gut.« Er klopfte ihr auf die Wange und

wollte nun endlich gehen.

»Laß das Licht hier brennen,« bat sie ihn.

»Mach's aber aus, Olly, vergiß nicht.«

»Ich vergeß nicht. Morgen möcht' ich aber ein Nachtlicht haben.«

»Dann besorg's dir, mein Kind.« Damit schlürfte er ab. Sie hörte das

Bett krachen, als er sich schwer und halb schon wieder im Schlaf

hineinwarf. Sie aber stand auf und holte aus einem Schiebkasten, den

sie behutsam aufzog, ein Spiegelchen und schaute mit blinzelnden Augen

und geöffnetem Mund den armen Hals an, in dem das Fremde steckte.

›Damit geht's nicht,‹ dachte sie. ›Er hat ja auch ein Extraspiegelchen

gehabt.‹

Matt und müde legte sie sich wieder und schaute ins Licht -- und wagte

nicht, es zu löschen, weil sie sich vor der Dunkelheit fürchtete und

vor neuer Angst und Qual.

Aber endlich wurden die Augen wieder schwer, das Unbehagen dumpfer.

Sie löschte das Licht mit den Fingerspitzen, um sich nicht bewegen

zu müssen und schlief ein, so schnell, daß der uralte Vogel, der die

schlaflosen Kranken nachts besucht und ängstigt, nicht Zeit hatte, sich

auf sie niederzulassen.

* * * * *

Am andern Morgen kleidete sie sich hastig an und blieb den ganzen

Vormittag stumm über ihrer Arbeit. Sie arbeitete mit heißen Wangen und

feuchter Stirn. Ihre Hand war nicht sicher, sie zitterte, und es machte

ihr Mühe, die Palette zu halten. Das war die ganze letzte Zeit schon

so gewesen, heute aber war es bedeutungsvoller als sonst. Sie fühlte

es mehr, sie war darauf aufmerksam gemacht worden. Dennoch arbeitete

sie anhaltender als sonst. Es war aber kein frohes Arbeiten wie früher,

sondern ein Kampf gegen einen Riesen, der unsichtbar, wie im grauen

Nebel steckte, dessen Faust aber schwer auf ihr lag.

Sie hatte seit ihrer Krankheit schon öfters während des Malens eine

sonderbare Schwäche gefühlt. Die Haut wurde feucht, wie übergossen.

Jeder Lufthauch machte sie dann erschauern, durch das geschlossene

Atelierfenster schien ihr ein eisiger Zug zu dringen. Und sie hatte

sich nicht anders helfen können, als damit, daß sie sich umzog und

hastig einfeuerte. Heute kam es wieder schlimmer als je. Die Arbeitswut

und der Eifer aber, der sie gepackt hatte, war stärker als alles. Sie

stemmte sich gegen die Schwäche, gegen die feuchte Kälte. Sie fühlte

bei jeder Bewegung, wie ihr das Leinen an der Haut klebte. Das Haar lag

ihr auch feucht auf der Stirn; aber sie hielt nicht inne, biß die Zähne

aufeinander und arbeitete weiter.

Und während sie arbeitete, hörte sie Köppert sprechen, so deutlich,

als wäre er im Zimmer. Er sprach von ihrer Arbeit. Er lobte, er

sagte alles noch einmal, was er ihr schon gesagt hatte. Das Bild

hatte ihm gefallen. Die Haltung des Mädchens hielt er für vollkommen

gut, die sprach aus, was sie aussprechen sollte: das Dumpfe, das

Müd-gearbeitete, das Ausruhen, das Menschliche, das Einfache. Er hatte

es ganz verstanden.

Und wie sie das Menschliche, das Einfache, das Tiefwahre liebte! Mit

welcher Leidenschaftlichkeit, mit welchem Jubel gab sie es wieder!

Und mit welchem Jubel fühlte sie sich verstanden, -- und von dem

verstanden, der ihr der Meister war, der sie durch seine Werke diesen

tiefinnerlichen Weg hatte finden lassen!

»So redet doch von Schönheit, redet doch und sucht sie über den

Menschen und über den Wolken und stolpert darüber. Und überall ist sie

-- und so rührend und so geheimnisvoll, so ganz fürs Herz! -- Ja man

sieht einen Menschen und denkt gar nichts dabei. Von dem, was schön

ist, ist er weit entfernt. Und mit einemmal, wenn man sich in ihn

hineindenkt, ist er so schön, so unnachahmlich, so voller Ausdruck, so

ganz Mensch, ganz Geschichte seines Daseins.«

So hatte er gesprochen. Und sie dachte jedes seiner Worte wieder zu

erhaschen. Sie tauchten vor ihr auf wie die frühen Sterne am dämmerigen

Abendhimmel, ein Stern nach dem andern. -- Einer -- dann noch einer,

dann wieder einer. Und mehr und mehr. Den Worten nachjagen, die ein

Mensch gesprochen, mit einer Wonne nachjagen, daß ihrer keins verloren

ging -- ja, das war Leben. Und zum allererstenmal!

Hatte sie sich je aus innigstem Bedürfnis ein Wort zurückgerufen, das

irgend ein Mensch gesprochen? Nie. Und jetzt mit welcher Lust, welcher

Tollheit, als wenn es Perlen wären, die ihr davonrollen wollten.

Und sie wurde nicht müde und arbeitete dabei mit einer Hast, einer

Inbrunst, einem Jubel. -- Wie unheimlich! Es rann ihr über die Stirn

ein Tropfen an der Schläfe herab, so, als wäre sie in Sommerhitze einen

Berg hinaufgeklommen -- und es war Winter, und im Atelier war's kühl.

Das innere Feuer ließ nach, und wie ein krankes Kind, das vom Spiel

ermüdet ist, legte sie sich nieder, das Gesicht in die Arme vergraben.

»Soll ich gehen?« fragte das Modell.

»Nein, bleiben.« Und es dauert nicht lange, da war sie wieder an der

Arbeit, hatte sich aber ein dickes Tuch umgelegt und es wie eine Kapuze

über den Kopf gezogen.

Am Nachmittag kam Köppert wieder. Er traf sie noch bei der Arbeit. Sie

hatte sie nur unterbrochen, um hastig zu Mittag zu essen.

»Nun, gottlob!« sagte Gastelmeier, »nun wird ja wohl endlich Ruhe

werden.« Und es wurde Ruhe. Köppert bestand darauf, daß Olly sich auf

das Sofa legte, und er und Gastelmeier setzten sich zu ihr.

Wie sie geborgen war, und wie in einer Festfreude! Das Glück kam wahr

und wahrhaftig!

»Deine Frau ist zu fleißig, Gastelmeier.«

»Jawohl,« sagte der arme, geprüfte Ehemann. »Da ist eine Lokomotive

eher aufzuhalten, als so ein Frauenzimmer. Das versuch mal einer.«

»Was -- soll denn so ein Hühnchen, so schwer --«

»I wo, Hühnchen,« unterbrach ihn Gastelmeier. »Nein, wahrhaftig,

Köppert, red' gefälligst von den Frauenzimmern gar nicht mit. Wart'

erst!«

»O du!« sagte Olly zu ihrem Mann, »was weißt denn du, kleiner Mimm.«

»Ich? na, weißt du, Olly -- reden wir nicht davon.«

»Ich weiß, ich bin eine ungemütliche Person,« sagte Olly, und strich

Mimm über den Rockärmel. »Mimm müßte eine ganz andre haben, er ist so

gemütlich. -- Herrgott und daß ich jetzt krank bin! Weshalb hat mich

das nun gerad' getroffen, gerad' jetzt!«

»Sagen Sie 'mal,« fragte Köppert, »haben Sie jemals gehört, daß einer

sagt, wenn etwas Gutes kommt: Herrgott, weshalb trifft mich's gerade?

Haben Sie das?«

»Nein,« sagte Olly, »nie!«

»Aber wenn etwas Böses kommt sagt's jeder -- Weshalb trifft mich's nun

gerade? Verstehen Sie? ich meine -- --«

»Das wär' so eine Frage für deine Mama, Olly,« warf Gastelmeier

dazwischen, »die würde disputieren, Herr, du meine Güte, ich hör' sie

ordentlich: Kant sagt -- und so weiter.«

»Gut, daß niemand da ist, verzeihen Sie, jemand, der nichts andres

weiß, als: Kant sagt -- Schopenhauer sagt und so weiter. -- Zum aus der

Haut fahren! Zum Beispiel, Kant ist einfach ein Julklapp, man muß ihn

nur kennen, diesen Menschen,« sagte Köppert.

»Oho!« sagte Gastelmeier, etwas von oben herab. Er kannte seinen

Goethe, wie wir wissen, und von Schopenhauer wußte er, wie alle

gebildeten Leute, daß er in einem Kapitel riesig über die Weiber

losgezogen war. »Wieso ist Kant ein Julklapp? Weißt du, Köppert, es

giebt Dinge, an die wagt man sich meines Dafürhaltens nicht so ohne

weiteres heran.«

»Möcht' wissen, weshalb nicht, Kant ist und bleibt ein Julklapp, da

hilft ihm gar nichts. Jeder halbwegs Vernünftige muß das einsehen.«

»Wissen Sie,« wendete er sich an Olly, die nicht recht verstand, was

er mit dem Wort sagen wollte, »die Weihnachtsgeschichte? -- Julklapp

-- das ist ein Gebrauch so im Norden droben -- irgendwo. Es wird eine

große Kiste zum Fenster hereingeschoben, die wird mit unsinniger Müh'

aufgemacht, da ist ein Sack in der Kiste, und in dem Sack wieder

ein Sack, und in dem Sack wieder ein Sack -- und so fort bis in die

Unendlichkeit; -- und im letzten Sack ist ein Bündel, und in dem Bündel

wieder ein Bündel, und im letzten Bündel Lappen, und in den Lappen

Papiere, und in den Papieren wieder Papiere, und in den Papieren eine

Schachtel, und in der Schachtel Schachteln, immer eine kleiner als die

andre, und in dem allerallerletzten Schächtelchen: Na? -- was ist da

drinn gefälligst? Gar nichts -- so ein Zettelchen, und da steht was

drauf -- und man denkt Gott weiß was -- und was ist's? -- ›Grüß Gott!‹

-- so etwas, was jeder schon weiß. -- So ist Kant, genau so. Kennen Sie

Kant?«

»Nein« sagte Olly und lachte.

»Na also? Es ist mein voller Ernst. Wenn ich nur von den sogenannten

großen Tieren nichts mehr zu hören brauchte! Die verdummen schließlich

mit ihrem bißchen Weisheit die ganze Welt. Kein Mensch denkt mehr,

sondern jeder sagt: Kant sagt -- Schopenhauer sagt und so weiter --

die reine Pest! Die paar Firmenschilder, die sich die Menschheit

angeheftet, damit soll der ganze Sums gemacht sein. Die sollen alles

thun -- und zum Dahinterverkriechen sind sie auch famos. Schade, daß

ihr keine Freßgenies gehabt habt, die Jahrtausende vordem euch schon

alles vorgekaut haben. Das möcht' euch passen? He? Proste Mahlzeit, die

würde gefälligst niemand zitieren. Selber essen macht fett.«

»Gewiß,« sagte Olly lachend.

»Jetzt möcht' ich wirklich wissen,« fuhr Köppert riesig lebhaft

fort, »sowie einer im lieben Deutschland für drei Pfennig Bildung,

das heißt, so viel wie nötig Firmenschilder ausgehängt hat, daß man

möglichst von seiner Person nichts mehr zu sehen bekommt; ob der noch

ein vernünftiges, nicht gestohlenes Wort spricht? -- Gott bewahre.

Wenn er spazieren geht, und er will irgend jemand mitteilen, daß er

sich von dem Anblick der Natur angenehm gekitzelt fühlt, so wett' ich

daß er sagt: Sieh' mal so etwas -- der reine Millet, oder der reine

Dagnan-Bouveret, oder der reine Böcklin! -- Er wird irgendwen citieren

-- einen Namen, versteht sich --«

»Nu, sag 'mal, Köppert,« fragte Gastelmeier, »weshalb eigentlich hast

du dich jetzt ereifert? Kein Mensch hat irgend etwas gesagt.«

»Nein,« erwiderte Köppert, »niemand. Aber sieh dich gefälligst einmal

im Zimmer um, eine gewisse kleine Person hat ihren Spaß daran gehabt

-- sieh doch. Als ob es nichts wäre, wenn so ein Seelchen zum Lachen

kommt. Oder etwa nicht?« Er fuhr sich durch den Haarschopf. »Meinst

du, es ist verdienstlicher, eine Kanone abzuschießen? Oder es ist

verdienstlicher, eine Vorlesung zu halten, oder vor fünfhundert Eseln

das hohe C zu singen, oder auf dem Seil zu tanzen? Was ist eigentlich

vernünftiger? Weißt du, Gastelmeier, wenn du deine Frau vergnügen

willst, sei kein zu großer Biedermann. Das ist nichts für die Weiber!«

»Oho,« meinte Gastelmeier, »ich sagte dir schon, Köppert, was weißt

denn du von den Weibern? Heirate eine, wenn du's wissen willst --

vorher red' net.«

»Weiß er's denn?« fragte Köppert und kniff die Augen zusammen.

»Er weiß gar nichts,« lachte Olly. »›Die‹ Weiber, das ist überhaupt ein

sehr komischer Sammelname,« fuhr sie fort. »Wer ›die‹ Weiber sehr gut

zu kennen glaubt, kennt ›das‹ Weib gewiß nicht. -- Jawohl, Mimm. Und

wissen Sie, noch etwas --«

»Na?« sagte Köppert.

»Es giebt jetzt etwas, das hat es so noch nie gegeben, so wie ich's

meine: -- das moderne Weib, und das ist immer in der Einzahl. Verstehen

Sie?«

»Nein -- nein, das hab' ich noch nicht verstanden.« Er fuhr sich

mit seinem energisch geformten Zeigefinger über die Stirn bis zur

Nasenwurzel. »Sie sollen es mir auch nicht erklären -- nicht viel

reden. Passen Sie auf, ob ich's hab'. Natürlich ist's das Weib, das die

Hände nach Dingen ausstreckt, die wir Scheusäler ihm jahrtausendelang

vorenthalten haben.«

Er murmelte immer, man verstand ihn nicht leicht, dazu sprach er

undeutlich aus.

»So, was sich ›moderne Frau‹ nennt, meinen Sie? Sie sagten doch

›moderne Frau‹? -- Da, stell' ich mir vor, ist ein Hunger, ein

Verschmachten nach: sagen wir ganz trocken -- sie will Selbständigkeit

und Heraustreten aus den Massen. Da kocht es in den kleinen Töpfchen,

als brodelte Genie darin, mag auch hie und da vorhanden sein; weshalb

nicht? Im ganzen aber wirft die Natur Blasen auf, es will etwas werden.

Natürlich kocht es überall. Wir Mannsbilder werden Gott weiß was,

Maler, Mediziner, alles Mögliche. Da giebt es keine Hindernisse, da ist

Windstille, alles in Ordnung.«

Köppert fuhr sich wieder über die Stirn bis zur Nasenwurzel; man hätte

meinen sollen, er hätte sich schon im Lauf der Jahre eine förmliche

Rinne gegraben. »Das Weib aber, das Weib in der Einzahl,« murmelte er,

»da ist die Sache anders. Es greift nach etwas, zitternd vor Kraft

und Wollen. Es ist eine Heldin, es kämpft und hat keinen Boden unter

den Füßen, muß erst jede Handbreit Boden erkämpfen. Das ist eine

Unmöglichkeit, scheint es, aber sie macht's möglich, natürlich mit

wunderlichen Sprüngen. Lacht nur über sie. Sie rechnet auch mit dem

Lachen. Aber aufhalten! Teufel auch, das kann sie nicht vertragen. Sie

will eben vorwärts. Punktum. Ist das so ungefähr der Sums? Sie wird ein

Dämon, wenn sie aufgehalten wird!«

»Wahrhaftig,« sagte Olly. »Und wissen Sie noch etwas. Sie hat Durst

nach Ruhm. Ich kann es nicht anders sagen. Es graut ihr davor, wie ein

Hund zu sterben. Tausende von Männern haben Ruhm errungen; sie will die

Wonne auch haben, und ihr Ruhmdurst ist fürs erste größer als eurer.

Sie will's natürlich für sich erreichen; aber doch nicht nur für sich.

So, wissen Sie, als wollte sie sagen: Mit dem, was ich erreicht habe,

adle ich euch alle. Ihr hättet es auch gekonnt, viele von euch, -- und

besser.

Verstehen Sie mich auch?« fragte sie heiser. Und wunderlicherweise

standen ihr Thränen in den Augen.

Sie war vom Sofa aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder. »Ja,«

sagte sie mit zitternder Stimme, »alles Aufhalten ist Qual. Sie haben

ganz recht. -- Und krank sein! Wissen Sie, krank sein, das ist's.«

»Und so was,« meinte Gastelmeier im Scherz, »so was hat man geheiratet.

Ja, siehst du, Köppert.«

»Armer Mimm,« sagte Olly erregt und mit glühenden Wangen. »Du bist an

etwas Schönes gekommen.«

»Ruhig, ruhig,« brummte Köppert. »Insekt -- einfach Insekt -- erinnern

Sie sich's noch? Der da oben kennt sich längst nicht mehr zwischen

einer handvoll Leuten und einer handvoll Räupchen aus. Also wozu der

Sums? Na, wozu? Trauerspiele aufführen hat keinen Sinn, absolut nicht.

Hören wir endlich damit auf, dem Schicksal immer wieder den Gefallen

zu thun. Nicht wahr? Na, also.« Er fuhr sich durch den Haarschopf.

»Neulich ging ich nachts an der Türkenkasern' vorüber, da standen

zwei besoffene Kerle, der eine drosch auf den andern, hob den Arm um

auszuholen und brummte: ›Sag du noch einmal Lallenstedt -- du!‹ Na,

und der andre sagte: ›Lallenstedt‹ ganz gehorsam. Bums, da hatte er's.

-- ›Sag noch einmal ›Lallenstedt‹, du!‹ ›Na -- Lallenstedt‹ sagte der

andre. Bums, da hatte er's wieder. Und noch einmal, und so ging's fort,

es war immer dasselbe, gerad' wie zwischen uns und dem Schicksal. Es

will, wir sollen ›Lallenstedt‹ sagen -- und wir sagen ›Lallenstedt,‹

so oft es von uns verlangt wird, und werden jedesmal gehauen. Weshalb

machen wir ihm eigentlich immer den Spaß? Wenn wir 's Maul hielten,

würde es schon mürb werden und uns in Ruhe lassen. Maul halten, das ist

auch eine Art Erlösungswerk für die Menschheit.«

»Ich versteh' Sie,« sagte Olly immer noch tief erregt. »Aber Sie sind

gesund. Sie haben gut reden.«

»Und was denn! Sie werden auch wieder gesund,« sagte Köppert.

»Vielleicht -- vielleicht auch nicht. Weshalb soll mich gerade das

Böse nicht treffen? Sagten Sie's nicht?«

»So, das hab' ich dumm gemacht, so ein Schafskopf,« erwiderte

Köppert und schlug sich vor die Stirn. »Aber wie Sie auch auf alles

hereinfallen!« Das unregelmäßige Gesicht mit den gescheiten Zügen nahm

einen wunderlich weichen, jungen Ausdruck an. »So ein Teufel! Komme

her, um Sie auf frohe Gedanken zu bringen, und hetze Sie, Gott weiß

wie.«

»Na, Kinder, gebt Ruh jetzt,« sagte Gastelmeier.

»Gefühlsflohjagd!« brummte Köppert vor sich hin und war mit seinen

Gedanken irgendwo.

»Weißt du, Köppert,« sagte Gastelmeier, als Olly in das Nebenzimmer

gegangen war, »meine Frau ist jetzt in einer unglaublichen Stimmung,

ich versteh' gar nicht, was ist denn eigentlich los?

Olly!« rief er. Sie kam.

»Denk' dir, was sie mit einem Weihnachtskarpfen gemacht hat. Weißt

du's? Erst für teures Geld gekauft und dann in die Isar gelassen!«

»Marlitt?« fragte Köppert freundlich schlau lächelnd und kniff dabei

die Augen zusammen. »Das ist Marlitt, so etwas. Herr Gott, wozu?

Machen Sie damit die Welt besser? Einfach Gefühlsflohjagd. Macht euch

doch das Leben nicht so unsinnig schwer, Insekten! Gnädige Frau,

der Karpfen ist zum essen da. Punktum. Nächsten Sommer wollten wir

miteinander fischen gehen. Das Raubtier in uns muß hin und wieder etwas

zu thun bekommen, das Altjüngferliche in uns muß fort. Das setzt sich

sonst an und frißt sich ein. So wird nie ein gewiegtes Huhn aus uns.

Wissen Sie, wie ein schöner, strammer, lebenslustiger Karpfen sich

erwischen läßt?«

»Nein,« sagte Olly.

»Also, so ein Karpfen ist auch ein gewiegtes Huhn. An einem warmen,

trüben Tag wirft man die Angel aus. Ein Teich; breite grüne

Blätterflaten schwimmen drauf, welche die Süßlichkeitspoeten uns

eben so verekelt haben, daß ein anständiger Mensch sie nicht mehr zu

nennen wagt. Na also Seerosen.« Köppert fuhr sich zum Zeitvertreib

einmal wieder durch den Haarschopf. »Die sind gut für den Karpfen,

wie ein Dach liegen sie über dem Wasser und halten die Sonne ab.

Er ist Sybarit. Jetzt kommt er, frisch und vergnügt und denkt sich

irgend was. Er bummelt oder Gott weiß, was er treiben will. Er ist im

schönsten Lebensalter, übermütig, unternehmend, ein Prachtkerl! Jetzt

merkt er was. ›Halt still,‹ denkt er, ›was ist denn das? -- Aha!‹ Nun

schaut er sich die Geschichte an und streicht unter den großen Blättern

hin und her. Er traut nicht und möchte doch. Er ist riesig aufgeregt

und tanzt und schnalzt und fährt mit dem Schnäuzchen an die Luft. Und

immer die netten Schnalztöne. So ein Prachtkerl, frisch wie's Leben! Er

wird ganz des Kuckucks -- und überlegt. Er hat gerade einen Appetit auf

so etwas und ist so fidel, so zufrieden. Ein Frühstückchen konnte nicht

schaden. Es ist ihm immer vortrefflich ergangen. Schließlich, wie das

Ding sich so durchaus vertrauenswürdig verhält, meinte er, daß man es

versuchen sollte. Er schnappt und der Haken sitzt fest. Das hat er nun

davon.

Und jetzt geht der Tanz los. ›Pfui Teufel!‹ denkt er und stürzt wie ein

Pfeil mitsamt dem Haken in die Tiefe und vergräbt sich in den Schlamm.

Die Verzweiflung hat ihn mit einem Schlag gepackt. Er wühlte sich so

tief hinein als er kann. Das kennt man schon, er macht's immer so.

Die Angel ist darauf eingerichtet. Im Schlamm hält er sich ganz still

und geduldig und verbeißt den Schmerz. Denn der oben zuckt und zerrt

und quält ihn auf alle Art. Er soll bald heraus. Aber er liegt wie ein

Held und rührt sich nicht. Der Übermut ist ihm freilich vergangen; aber

ein Stück Kraft und Seelenstärke ist in ihm, um die man ihn beneiden

könnte. Das geht unbegreiflich lang so fort. Der oben immer gezuckt und

gezerrt und der unten immer ganz still abgewartet und ausgehalten und

den Schmerz verbissen.

Jetzt mit einemmal thut er einen Schlag auf Tod und Leben, einen

Riesenschlag. Er ist ganz Muskel, ganz Willen, ganz Verzweiflung. Auf

diesen Schlag hat der oben immer ganz kühl gewartet. Der kennt das

schon. Sie nennen den klugen verzweifelten Streich den Karpfenschlag.

Oft genug gelingt's auch, die Schnur reißt und er hat sich frei

gemacht. Gelingt's nicht, reißt die Schnur nicht, so war's umsonst,

dann ist er mit einemmal ganz geduldig und weise und läßt sich

heraufziehen wie ein Lamm. Er hat dann alles aufgegeben und fügt sich.

-- Um nichts schlechter macht er's wie die großartigste Menschenseele.

Alle Hochachtung!«

Olly hatte Köppert gespannt zugehört. »Nun freut mich's erst recht,«

meinte sie, »daß ich meinen dicken Freund in Freiheit gesetzt habe,

trotz dem Karpfenschlag geschehen noch unerwartete Dinge für alle

Geschöpfe. Daß wir Sie kennen lernten, war auch unerwartet.«

»Olly ist köstlich!« rief Gastelmeier. »Ja, Köppert, du weißt nicht,

wir müssen uns nächstens so eine Art Tempel für dich einrichten. Du

hast hier eine fanatische Anhängerin.«

»Und wenn Sie wüßten wie ich Sie beneide,« sagte Olly. »Sie stehen so

kühl da, als wenn nichts auf der Welt Ihnen etwas anhaben könnte -- und

so gesund wie Sie aussehen, so fest und leicht. Sie sind gewiß sehr

stark.«

»Weshalb nicht? Glauben Sie, ich war in Ihrem Alter so weit wie Sie?

Ich bin ein alter Kerl jetzt. -- Schauen Sie -- Eselsfarbe. Wir

gewiegten Hühner bummeln kolossal.«

»Ja, aber Sie leben! Sie schauen ganz anders ins Leben hinein. Das

merk' ich.«

»Na, warten Sie, wir gehen nächstes Frühjahr miteinander Karpfen

fischen. Sie sollen das alles selbst erleben, wie er so frisch und

seelenvergnügt und jung daherkommt, das Schnäuzchen reckt -- die

netten Schnalztöne -- und wie er sich endlich im Haken fängt, wie

er verzweifelt in den Schlamm stürzt und sich vergräbt, den Schmerz

verbeißt, die brave Heldenseele, wie er gequält wird, und dann -- den

Karpfenschlag -- die Hoffnungslosigkeit und Weisheit und Ergebung. --

Großartig! Das müssen Sie selbst erleben.«

Da sah Köppert in ein Paar große, zornige, thränenerfüllte Augen.

»Selbst erleben -- ich fürchte auch,« sagte Olly zitternd erregt.

»Glauben Sie, daß es mich nach dieser Hoffnungslosigkeit und Weisheit

und Ergebung verlangt? -- Glauben Sie?«

Sie schluchzte auf. Er sah einen Augenblick in ein ganz verzweifeltes

Gesicht. Dann stürzte sie fort und warf die Thüre hinter sich zu.

Und im andern Zimmer lag sie auf den Knieen und weinte wild und zornig

und verzweifelt.

Der Rangierbahnhof · 第 20 / 30 题