Dritter Weihnachtsfeiertag. Olly ist nicht wohl, die Erkältung vom
heiligen Abend hat sich gesteigert; aber unbekümmert darum, arbeitet
sie im Atelier. Sie hat ein Modell. Ein vierschrötiges Bauermädchen
hält das Kinn in die Hand, den Arm auf das Knie gestützt, und blickt
vor sich hin, so schläfrig und stumpf wie nur ein Modell, das
stundenlang sich schon ruhig hält, blicken kann.
Auf Ollys Bild sitzt ein Mädchen unter einem Apfelbaum, der hie und
da noch blüht. Es ist schon zu Ende mit der Blütenzeit. Das Laub ist
ausgebrochen und die abgeblühten Blumenblätter geben den Zweigen etwas
Bräunliches, Verblichenes. Olly hat von ihrer Reise Studien zu diesem
Baume mitgebracht und auch die Idee zu dem Bilde. Ein blasser, nebliger
Maiabend, feucht und kühl. Der Baum steht auf dem Felde, auf dem das
Mädchen hart gearbeitet hat. Hecken, Wiesenfläche, Weiden, Abendnebel.
Das Mädchen sitzt müd und matt gearbeitet. Es ist, als hörte sie auf
einen Vogel, der im Baum singt, oder auf von fern herüberklingende
Abendglocken. In der Haltung soll sich die Ermattung eines kräftigen
Menschen und ein stilles Beobachten und Umsichschauen ausprägen, so ein
schläfriges, gleichgiltiges, zufriedenes Beobachten von irgend etwas,
ein Sichausspannen nach der Arbeit.
Und Olly war glücklich, das Modell zu dem Bilde gefunden zu haben. Die
starken Glieder des Mädchens sanken, wenn es eine Weile gesessen hatte,
so zusammen, als hätte es die härteste Arbeit hinter sich. Sie bekamen
trotz ihrer Kraft etwas Weiches, Unbehilfliches, wie es die Glieder
eines schläfrigen Kindes haben.
Gastelmeier kam nach Hause. Olly winkte ihn zu sich heran und flüsterte
ihm zu: »Mimm, es liegt eine Poesie in ihr!«
»Na, weißt du,« sagte Gastelmeier, »ich bin nu mal für diese Art
muffliche Poesie nicht besonders eingenommen. -- Aber ganz gut -- sehr
gut. Na ja! Übrigens, es hat wirklich einer, wie ich dir's vorher
gesagt habe, mich wegen deines Bildes angesprochen. Wenn du dich's
erinnerst? ›Gastelmeier, die Dinger von deiner Frau sind net übel.‹
Weißt du noch?« Olly nickte, ganz in ihre Arbeit vertieft. »Grad' von
dem ist's das reine Wunder, du kannst dir's hoch anrechnen. Es ist der
Köppert!«
»Ach nein!« rief Olly, wie von einem märchenhaften Glück ganz
überwältigt, und legte ihre Palette aus der Hand.
»Na, er hat es halt, wie er so ist, auf seine Weise in den Bart
gebrummt. Das wär' mir übrigens nicht der Rechte.«
»Wie kannst du das sagen, Mimm!«
»Kennst du ihn?« fragte er.
»Persönlich nicht; aber seine Arbeiten. Solang ich weiß, waren die
immer das, was ich liebe. Eigentlich der Einzige in Deutschland, der
ganz das ist, was ich fürs Beste halte.« Olly war tief erregt, ihre
Wangen glühten. »Mimm, ist es auch wahrhaftig wahr?« fragte sie noch
einmal und sah gespannt auf ihn. »War's Spaß?«
»Nein, Herrgott noch einmal! Was ist denn da so Extras dran? Er hat's
einfach gesagt.«
»Siehst du, er ist der Einzige, der das Leben so ganz nimmt, wie es ist
-- so nur die Wahrheit, ohne alles Dazuthun, und so tief. Wie habe ich
den Menschen immer beneidet!« Sie fiel ihrem Mann mit einer heftigen
Bewegung um den Hals. »Also er hat's wirklich gesagt?« Sie mußte
husten und richtete sich auf. »Neulich war ich in der Pinakothek bei
den alten Sachen. Wie hab' ich sie -- viele davon -- immer angebetet,
was hab' ich da für Stunden verlebt und wie thu' ich's noch! Aber
weißt du, bei den wundervollen braunen Schwarten war mir's auf einmal,
als ich an Köpperts einfache Menschen mit dem alltäglichen tiefen
Menschenausdruck, an seine matte Sonne, an seine graue Luft dachte,
als wenn ich in einem engen, vornehmen Zimmer atmen müßte, darin
eingesperrt wär' -- und Köppert, der hatte die reine frische Luft und
die Freiheit.«
»Olly,« sagte Gastelmeier, »mußt du denn immer gleich oben hinaus? Du
armes Hascherl machst dich krank.«
»I, wo! Daß du ihn nicht so verstehst, wie ich ihn verstehe, Mimm, wie
schade!«
»Weißt du, liebes Kind, ich bin etwas ruhiger und vernünftiger in
dieser Beziehung als du. Er selbst wird sich einfach mit der Zeit
ändern. Was er jetzt ist, bleibt er nicht.«
»Doch -- doch, Mimm, so wahr ich lebe -- du mußt ihn um Gottes willen
nicht unter die gemachten Leute zählen, die modern sein wollen und gar
nicht wissen, um was es sich handelt, die die Mode mitmachen und die
Mode wechseln. Daß ich dir das sagen muß! Er ist goldecht.«
»Von dem Götzendienst wußt' ich ja gar nichts.«
»Mimm, ärgere mich nicht.«
»Ärgern?« lachte er. »Aber du hast mich nicht ausreden lassen. Er kommt
heute Nachmittag und will uns besuchen und sich deine Sachen ansehen.«
Olly erschrak offenbar, sie griff nach der Palette und war ganz
verwirrt. Sie schwieg, wollte wieder zu arbeiten anfangen -- die Hand
zitterte ihr. Gastelmeier sah auf sie hin. Sie legte die Palette wieder
nieder. »Jetzt geht's nicht,« sagte sie.
»Es ist auch hohe Zeit zum Essen,« meinte Gastelmeier seelenruhig.
»Das ist doch net möglich,« sagte sie.
»Wo ist denn deine Uhr, Olly? Die sollte doch immer neben dir liegen,
damit du zeitig vor dem Essen aufhörst.«
»Wo ist sie denn?« fragte Olly geistesabwesend. »Gar net aufgezogen,
ich weiß. Sie ist hinters Bett gefallen -- vor ein paar Tagen.«
»Da hast du sie liegen lassen?«
»Weil ich keinen Stock hatte, sie liegt ganz zu hinterst.«
»Das ist ja recht nett.«
»Mimm, brumme nicht,« bat sie.
Gastelmeier ahnte und wußte, daß es mit dem Essen noch einige Zeit
dauern werde. Er warf sich auf seine Chaiselongue und nahm ein Buch
zur Hand. Olly schickte das Modell fort, rief nach heißem Wasser und
Seife zum Pinselwaschen, und als die Köchin damit hereinkam, sagte sie:
»Bitte, eilen Sie sich doch heute etwas mit dem Essen; was giebt's denn
eigentlich? Bitte, recht rasch.«
›Eine nette Hausfrau,‹ dachte Gastelmeier, der zugehört hatte. Er
fühlte sich nicht besonders guter Laune, war hungrig, hatte Appetit
auf etwas Extras und wußte im voraus, daß dieser Appetit unbefriedigt
bleiben würde.
Als endlich das Essen aufgetragen wurde und die Köchin die
Liebenswürdigkeit hatte, dieses Geschäft in der schmutzigen
Küchenschürze zu besorgen, hob Gastelmeier den Deckel von einer
Schüssel: »Wissen möcht' i, was 's heut für ein Schlangenfraß ist!«
sagte er gereizt. Olly achtete nicht darauf. »Na, was für ein
Schlangenfraß ist's denn?« fragte er noch einmal.
»Weiß net, Mimm.« Sie war immer noch in einer wunderlichen Erregung und
rührte vom Essen kaum etwas an. »Mimm, wann kommt er denn?«
»Herrgott noch einmal! -- Da ist ja eine nette Bombe ins Haus gefallen!
Olly, nimm dich zusammen. Diese ewigen Aufregereien, wohin sollen die
führen? Du ißt nix. Und mit so einem Husten. Heiser bist du! Ins Bett
gehörst du! Weißt du, ich bestell' ihn ab -- der kann auch ein andermal
kommen.«
»Nein -- nein,« sagte sie erregt. »Wenn nun einmal ein Glück kommt!
Mimm, wie kannst du? Das thust du nicht!« Sie stand auf und sah ihn
angstvoll an.
»Das ist ja zum Teufel holen, Kleine, so ein Lärm um nix. Mag er
kommen. -- Aber sag einmal, ist denn der Karpf noch immer draußen im
Wasserschaff? Wie lang soll er denn eigentlich dableiben? Ich dächte,
der thäte besser daran, statt dieses scheußlichen Hammelfleisches zu
uns hübsch blau gesotten hereinzukommen.« Gastelmeier lief das Wasser
im Munde zusammen, während er sich seinen Karpfen, wie er ihn liebte,
vorstellte. »Zum Beispiel: von mir gar net zu reden, dir thäte so ein
Stück Karpfen jetzt wirklich gut.«
»Nein, nein, Mimm,« protestierte sie, »damit wird's nichts; ich weiß
schon, du willst ihm ans Leben -- das leid' ich aber nicht. Er ist
schon ganz zahm.«
»So. -- Meinst du, daß er dann weniger gut schmeckt?«
»Ja, -- ich könnte keinen Bissen von ihm essen.«
»Mir aber macht seine Zahmheit nichts aus -- liebe Olly, ich dächte,
unser Menu wär' nicht so reichhaltig, daß wir es mit anzusehen
brauchten, wie das beste Stück vom ganzen Jahr sinn- und zwecklos sich
in der Küche amüsiert.«
»Du Raubtier,« sagte Olly.
»Ach was, Raubtier bei der Esserei! Du kannst darauf schwören, wenn's
niemand thut, koch' ich mir den frechen Burschen selbst.«
»Mimm -- nein!« sagte Olly, legte ihren Kopf an seinen Hals und
streichelte ihm die Glatze, den wunden Punkt seiner Persönlichkeit. Das
liebte sie zu thun, er aber liebte es durchaus nicht. -- »Laß ihn mir.
Du, laß den Karpfen in Ruh!«
»Ja, wenn du dafür sorgst, daß ich was Anständiges zu essen bekomme;
nach noch so einem Schlangenfraß, wie wir heut' einen hatten, geht's
ihm sicher ans Leben.«
»Beim ersten? -- Beim dritten, Mimm! Drei müssen es immer sein, bei
allen Dingen.«
»Meinetwegen, aber dann auch auf die Minute, also morgen, übermorgen
und noch einmal -- dann.«
Die Köchin kam herein. »Sie müssen jetzt sehr gut kochen,« sagte Olly.
»Wenn dreimal so schlechtes Essen ist wie heute, dann will der Herr
sich den Karpfen selbst kochen. Also bitte, passen Sie auf. Sehr gut
muß alles sein. Hören Sie?«
»Jawohl,« sagte die Köchin und lachte. Sie amüsierte sich köstlich hier
im Haus. Auch diese Köchin that wieder vollkommen, was ihr beliebte. --
Nach Tische legte Gastelmeier sich zu einem Nachmittagsschläfchen hin.
Olly warnte ihn und sagte: »Thu's nicht, Mimm, du wirst zu fett.«
»Was geht's dich an?« erwiderte er, »da werd' ich wenigstens vom
Schlafen fett -- vom Essen schwerlich.«
»Ja, willst du denn durchaus fett werden?«
»Ja,« brüllte Gastelmeier im tiefsten Brustton. »Ich will mein
Behagen! --«
»Die Speckseiten mit sich herumtragen, als wenn das Behagen wäre!«
»Freilich ist's das!«
»Aber ich will keinen fetten Mann!«
Sie nahm ihn an einen Fuß und wollte ihn vom Sofa herunterziehen.
»Verdammte Kröte!« schrie er. »Halt' Ruh!«
Sie wirtschaftete mit ihm herum, versuchte auf alle Art ihn vom Sofa zu
werfen, hustete dabei und ihre Stimme hatte einen eigentümlich heiseren
Klang. Ihre Wangen glühten.
»Du bist ja krank, Olly, halt' Ruh!« sagte er. Sie war aber wie ein
Kind, zudringlich und ausgelassen und riß und zerrte an ihm herum. »Du
Faß!« sagte sie.
»Pfui, Olly!«
»Meinst du etwa nicht?«
Es war ihm schändlich unbequem, diese Unvernunft nach Tische; aber
dieses reizende, mädchenhafte Frauchen sein eigen! Sie kam auf die
tollsten Ideen und schwatzte und spektakelte mit ihm. »Pfui, deine
Stimme,« sagte er, »heiser wie ein Rabe!«
»Wirklich?« meinte sie ganz betreten. »Mimm, ist's so schlimm? Kann ich
mich sehen lassen?«
»Aha! Soll ich ihn abbestellen?«
»Nein, nein, Mimm! Das Glück muß man halten. Aber dumm ist's, Mimm, daß
ich so eine Stimme heute haben muß -- so dumm. In allen Dingen Unglück!
Immer dasselbe. Das war von jeher so; immer, wenn ich mich freute, kam
etwas dazwischen, immer ein Schnupfen, eine Heiserkeit oder so was. --
Giebt's denn nichts dafür?«
»Ja, halt' Ruh! das ist das beste.«
»Nein, nein, dann rostet die Stimme ein -- und ich kann auch gar nicht!«
»Herrgott, so ein Frauenzimmer!«
»Wart, Mimm, ich weiß was!« Fort war sie und kam mit einer Palette
und Pinseln wieder. Sie stellte sich hinter ihn. ›So, sie scheint
wieder arbeiten zu wollen und hat sich ausgetobt,‹ dachte Gastelmeier
und reckte sich behaglich zurecht. Da fühlte er auf seiner Glatze ein
eigentümliches, ganz angenehmes Streichen und Kitzeln. Was aber wäre
ihm auf seiner Platte angenehm gewesen, außer ein neuer Haarwuchs?
»Olly, was treibst du?« fragte er.
»Ich mal' dir Haare,« sagte sie, »wunderbare Haare!«
Jetzt riß ihm die Geduld. »Der ist nichts heilig,« brummte er, stand
auf und ging aus dem Zimmer; Olly aber lief ihm nach. Er wollte sich
grollend auf sein Bett legen. Sie ließ ihm aber keine Ruhe. »Lieber,
lieber Mimm, sei wieder gut.« Sie schmeichelte so lange und bat und
versprach, bis er ihr endlich verzieh.
»Aber Mimm, es sind noch von den Haaren welche oben!«
»Olly!« fuhr er sie böse an.
»Mimm, er ist doch eigentlich der einzige Mensch in München, der ein
Gesicht hat.«
»Wer?«
»Köppert!«
»So, und was hab' ich denn da gefälligst,« fragte Gastelmeier, »wenn
nur er ein Gesicht hat?«
»Eine Kartoffel, Mimm.«
»Räum' etwas auf,« sagte er, »und geh nun.« Jetzt war er wirklich böse.
Diesmal aber bemerkte sie es nicht. Sie dachte daran, sich umzukleiden.
Das erschien ihr aber dumm und weibisch und sie wollte wahr sein, nicht
für ihn vorbereitet. Sie war dessen auch sicher, daß sie nichts trug,
was sie nicht kleidete. Etwas was nicht zu ihr gehörte, konnte sie
nicht einen Tag an sich dulden. Alles mußte leicht sein, anschmiegend,
so eine Art Haut.
* * * * *
Und Köppert kam um vier Uhr, pünktlich wie er gesagt hatte. Als er
eingetreten war und beide begrüßt hatte, sagte er: »Gastelmeier, was
meinst du, darf ich meinen Hund mit hereinnehmen, den Astralhund?«
»Freilich!«
Er ging hinaus mit großen, leichten Schritten und kam mit seinem
Hund, einer gelben, struppigen istrischen Bracke, wieder herein. Der
Hund schaute auf ihn hin mit so einem großen Blick, in dem eine tiefe
Freundschaft lag. Sie schienen im besten Einvernehmen miteinander zu
sein.
»Astralhund?« fragte Olly lächelnd und strich dem Hund über den Rücken.
»Schauen Sie uns an«, sagte Köppert.
Es war etwas Ähnliches zwischen den beiden. Beide hager, energisch,
aufmerksam; auch er hatte den Blick, den die Bracken haben.
»Verstehen Sie's?«
»Ja, ich weiß nicht,« sagte Olly. »Ein Astralkörper; soll das nicht so
unser zweiter Körper sein, der überall mit uns geht?«
»Stimmt,« sagte Köppert. -- »Kusch, drück' dich.«
Sie kamen bald miteinander tief ins Gespräch. Köppert ließ sich Ollys
Arbeiten zeigen und lobte vieles. Von einem Kopfe sagte er: »Reife gute
Arbeit -- und wie alt können Sie denn sein? Zwanzig, zweiundzwanzig?«
»Ja.«
»Und ich alter Mensch bin sechsunddreißig und hätte den Kopf net besser
machen können. Bei wem haben Sie gelernt?«
Olly sagte es. Sie war so glückselig. Jetzt kam es ja, das Glück. Von
wem auf der Welt wäre sie lieber gelobt worden als gerade von Köppert.
Und so wahr und ehrlich, wie er es that! Sie durfte ihm glauben. Sie
selbst sprach wenig, das Wenige aber ganz verklärt.
»Sie sind etwas heiser,« sagte Köppert.
»Leider.« Sie wurde dunkelrot, es bedrückte und beschämte sie, diese
Stimme. Mit einmal war's ihr wie ein Unglück, daß sie so gehemmt
sprach. Sie fühlte sich gequält, krank mitten in ihrem Jubel.
Köppert merkte ihre Verstimmung. »Roheit,« sagte er, »ich habe
Sie jetzt darin erinnert. Na, so etwas vergeht. Sie sind ein ganz
glückliches Geschöpf, sehe ich, ein gutes Talent, einen guten Mann --
und ganz jung.« Für sich dachte er: und so ein rührendes Hühnchen, so
ein hübscher netter Kerl.
Sie waren im besten Gespräch, da klingelte es. Ollys Mutter, Erwin und
Emil kamen. Über Ollys Gesicht ging es wie ein Schatten. Die Stunde war
gestört.
Die Neuangekommenen kannten Köppert dem Namen nach sehr wohl.
Seine Werke waren schon oft bei ihnen Gegenstand schöngeistiger
Unterhaltung gewesen. Sie hatten ihn schon nach allen Richtungen hin
kritisiert, waren seinetwegen öfters hart aneinander gekommen, denn
ihre Hauptleidenschaft war nun eben, litterarisch und künstlerisch
zu kannegießern. Frau Kovalski war hochbefriedigt, bei ihrem
Schwiegersohne einen so interessanten Mann zu treffen. Und sie stellte
sich mit ihm sogleich auf einen gewissermaßen kollegialischen Fuß,
sprach mit ihm in Kunstausdrücken -- die neuen Worte, Freilicht,
Impressionist und so weiter, schwirrten auf Köppert zu, wie Fliegen,
deren er sich vorderhand nicht erwehren konnte. Sie wollte ihm
imponieren und außerdem betrachtete sie ihn als einen der Ihrigen.
Sie hatte sogar das dunkle Gefühl, als hätte sie ihn gewissermaßen
mit »creieren« helfen. Alles, was Kunst war, und was sich gar moderne
Kunst nannte, war ihr Departement. Von alledem wußte er aber nichts und
dachte nur: ›Was ist denn das für ein Huhn?‹
Sie fingen jetzt im Chor an, über die Verfolgung, die die moderne
Kunst zu erdulden habe, zu lamentieren, alle drei -- Emil auch mit.
»Verflucht! Verflucht! Verflucht! -- Die Menschen sind Mistjauche! --
um nichts besser als Mistjauche!«
»Erlauben Sie!« sagte Köppert und wendete sich nach beharrlichem
Stillschweigen an die Mutter des vorlauten Jünglings, »erstens kenne
ich eine moderne Kunst gar nicht. Ich weiß nicht, was Sie darunter
verstehen. Zweitens: ein Mensch, wie ich, versteht von Kunst überhaupt
nichts; Sie können mich totschlagen, ich wüßte nichts darüber zu sagen.
Ich bin erstaunt, was Sie alles wissen, gnädige Frau. Und drittens!
Was ist das für ein ungebackenes Brötchen, was da hinten sitzt und
mitspricht?«
»Wie denn?« fragte sie.
»Das halbgebackene Brot da, an einer Seite angebrannt und an der andern
noch Teig.«
Die vergeistigte Dame, Erwin und Emil schauten ganz verblüfft drein, es
ergab sich aber, daß Köppert Emil meinte.
»Wie alt sind Sie, mein Sohn?« fragte er.
»Er ist siebzehn, mein Herr,« erwiderte die Dame, »für sein Alter
merkwürdig entwickelt.«
»O weh!« sagte Köppert. »Das ist ein Zeichen der Zeit. Wer sagt das
doch: die Kinder sind erst jetzt erfunden worden? Früher wußte man gar
nichts von ihnen, man hörte sie unter Erwachsenen nicht. Wie lange
zählt Ihr Herr Sohn schon unter die Menschen und thut so ausgezeichnete
Aussprüche? Und ist Weltverächter? Verzeihen Sie, gnädige Frau, die
Freiheit, die ich mir nehme. Bei solcher Gelegenheit setze ich nämlich
wie der Uhu mein Federohr auf. Warten Sie, mein Söhnchen,« fuhr er
fort, »wie wär's, wenn Sie ein bissel unter meine Fuchtel kämen? Was
wollen wir denn werden?«
»Maler,« antwortete Emil kleinlaut.
»So. Proste Mahlzeit, und werden vorerst Kunstmäcen und Kunstkritiker?
O, du heiliges unausgebackenes Brot! Weiß Gott, ich würde die Knute
einführen!«
»Köppert, Köppert!« sagte Gastelmeier wie ermahnend.
Da lachte Köppert kurz auf. »Nun werde ich mich heute Abend wieder
ohrfeigen können; so eine Art Teufel sollte immer die Hände gebunden
haben. -- Ein Uhu mit dem Federohr!« -- Dabei flocht er seine mageren,
energischen Finger ineinander.
»Nein, Sie sollen reden,« sagte Ollys leises, heiseres Stimmchen.
»So,« lachte Köppert wieder; »aber ganz manierlich und liebenswürdig.
Haben Sie sich nicht über mich geärgert?«
»Nein,« erwiderte Olly.
»Bravo.«
»Sie sind also gegen die Erziehung, die die Kinder wie Menschen
behandelt? Mensch zum Menschen?« fragte die vergeistigte Dame höflich
und gewählt, wie man einen groben, berühmten Mann immer fragen muß.
»Was Menschen?« fuhr Köppert wieder auf. »Sind's denn Menschen?
Gefälligst? Einen Menschen, der noch keiner ist, als Menschen
behandeln, ist das Mittel, daß er nie einer wird. Punktum --
totschießen!«
»Ja freilich,« sagte die vergeistigte Dame. Es wurde ihr schwer, der
sprunghaften, zerstückten Unterhaltung des vielbesprochenen Köppert
zu folgen. Er sprach undeutlich und murmelte alles in den dichten
Schnurrbart hinein; so ging ihr zum Glück das meiste verloren, sie kam
aber auch nicht zur Erkenntnis, daß Köppert sehr wenig Neigung hatte,
sich mit ihr schöngeistig zu unterhalten. Sie ließ ihn nicht los.
Endlich wendete er sich von ihr ab und Olly zu, und die beiden sprachen
miteinander leise und für die andern undeutlich. Er sprach mit ihr von
ihrer Kunst, und ihre Augen strahlten in einem fieberhaften, seligen
Feuer. Er bog sich zu ihr hin, um ihr das Sprechen zu erleichtern.
Es war die Stunde, in der zum erstenmal ein Mensch mit ihr sprach, von
dem sie fühlte, daß er sie verstand. Weshalb eigentlich? Sie wußte es
selbst nicht zu sagen. Seine Worte waren für sie lebendig und in ihren
Worten, diesen armen, heisern Worten, lag auch ein Leben, das er in
ihr erweckt hatte. Sie sprach zum erstenmal nicht ins Leere hinein.
So war es: sie fühlte, daß sie bisher das, was ihr am heiligsten war,
immer ins Leere gesprochen hatte, wie in eine große Einsamkeit hinein.
Und jetzt auf einmal ein Wiederhall -- zum erstenmal. Früher hatte sie
gedacht: die Menschen sind eben einsam, jeder ist im Grunde einsam --
und nun doch nicht, nicht alle, nicht immer. Und war sie denn immer
wirklich einsam gewesen? Bewahre. Nur bis zu einem Punkt ihrer Seele
war nie ein Menschenwort gedrungen. Und dann war es auch der Erfolg,
daß er sie gelobt hatte, -- die Anerkennung. Hätte er sie getadelt,
wäre sie wie vernichtet gewesen, so erschien es ihr; aber jetzt,
welches Leben, welche Lebenshoffnung! Wie eine weite Sonnenbahn lag mit
einemmal alles vor ihr. Das war eine Stunde!
Sie sah zwar so alltäglich aus, wie irgend eine andre. Emil saß da und
brummte; er war wütend auf Köppert. Erwin und die Mutter führten ein
litterarisches Gespräch trotzig allein. Es war ihnen unmöglich, wenn
sie in Gesellschaft saßen, sich nicht schöngeistig zu bethätigen. Sie
thaten dann gewissermaßen, als wären sie nicht Mutter und Sohn, sie
thaten fremd miteinander.
Gastelmeier setzte seinen Gästen Wein vor, nahm sein Cigarrenetui aus
der Brusttasche und reichte es Köppert. »Bitte, Köppert, bediene dich,
kuhwarme Cigarren.«
»So ein Mensch!« sagte Köppert zu Gastelmeier, »wo nimmst du eigentlich
den Mut zu dergleichen her? Und außerdem?« Er blinzelte auf Olly hin.
»Natürlich, ein Ehemann -- eine Rothaut.«
Das Mädchen kam in das dämmerige Zimmer hereingeschlichen und meldete
den Doktor an.
»Kommt der denn immer noch zu euch?« fragte Frau Kovalski.
»Er hat mich heute auf der Straße nach Olly gefragt, da habe ich ihm
von ihrer Heiserkeit gesagt und so weiter, daß sie bei ihrem Fieber
arbeitet,« sagte Gastelmeier.
Der alte Doktor trat ein. »Nun, Frauchen,« begrüßte er Olly.
Gastelmeier rückte ihm einen Stuhl zurecht.
Olly war tief erregt. Das Glück, das Köppert ihr gebracht hatte, ließ
ihr das Blut durch die Adern stürmen; ihr war, als wenn von den Füßen
her Flammen durch ihren ganzen Körper schlügen, freudige, erregte
Flammen. Da war nun das Glück und es schien ihr, als wäre es nicht
leicht zu ertragen. Es beengte ihr die Brust, trieb ihr das Blut zu
Kopf. Sie war so beunruhigt und wendete sich wieder zu Köppert und
sagte: »War es Ihnen auch so, als der erste Mensch, wissen Sie, einer,
dem Sie ganz vertrauen, Ihnen sagte, daß -- --. Sie haben mir doch
gesagt, daß meine Arbeiten gut sind?« unterbrach sie sich und schaute
mit großen Augen auf ihn.
»Ja, gut -- mehr als das,« antwortete Köppert und blickte teilnahmvoll
auf sie hin.
»War es Ihnen da auch so -- beinah qualvoll glückselig zu Mute?«
»I wo,« sagte Köppert, »lassen Sie die Esel reden, was sie wollen,
einen wie den andern! Was geht Sie das eigentlich an? Aber lassen Sie's
gut sein, ich versteh' schon, wir sind nun einmal solche Narren, daß
wir uns von andern das Lebenslicht anbrennen und ausblasen lassen.
Wenn uns die verdammte Kunst hat, gehören wir den andern, nicht mehr
uns selbst, -- die können machen mit uns, was sie wollen; das ist
so eine Einrichtung. -- Aber das darf nicht sein! So ein Hunde- und
Sklavenleben! Ich habe die Frechheit, an mich selbst zu glauben, ich
bin mir selbst die Hauptsache. Da sagt doch, was Ihr wollt -- Ihr --!
Denken Sie so. Einfach: die andern gehen Sie nichts an. So allein ist
die Kunst gesund, und wie kann man sonst ein anständiger Kerl bleiben?
Auf sich selbst hören, auf niemand anders, das ist die einzige Rettung.«
»Ja,« erwiderte Olly treuherzig; »aber zwischen dieses ruhige Überlegen
kommen Stürme und werfen alles durcheinander.«
»Stürme im Waschbecken,« brummte Köppert. »Wir nehmen uns viel zu
wichtig. Übersetzen wir uns in Raupen und Insekten. -- Was sind wir
denn anders? Stellen Sie sich so ein Insekt vor -- und den Summs darin
-- komisch! Und was meinen Sie -- der da oben«, Köppert zwinkerte zur
Decke hinauf, »kennt sich zwischen einer Handvoll Räupchen und einer
Handvoll Leut' längst net mehr recht aus.«
Olly sah ihn ernst an. »Ja, wahrscheinlich ist es gut, so zu denken,«
sagte sie; »aber man müßte es erst lernen.«
Sie hatten beide leise miteinander gesprochen. Köppert immer noch zu
ihr hingeneigt, damit sie sich beim Sprechen nicht anstrengen sollte.
»Nun, Frauchen,« sagte der Doktor, »wir haben auch ein Wort miteinander
zu reden.« Er bot ihr wie im Scherz seinen Arm und sie gingen
miteinander in das Nebenzimmer.
* * * * *
Köppert und der Arzt verabschiedeten sich miteinander.
Der Arzt sagte vorher zu Olly: »Frauchen, morgen, wenn Sie hübsch ruhig
sind, muß ich schon noch einmal kommen -- was? Wir müssen das Hälschen
uns ordentlich ansehen.« Dann gingen sie.
»So eine Art Seelchen hat der Gastelmeier erwischt,« sagte Köppert zum
Arzt, als sie in die Winterkälte hinaustraten, »ich habe seine Frau zum
erstenmal heut gesehen.«
»Frau?« erwiderte der alte Doktor, der mit Köppert gut bekannt war,
»›Frau‹ ist das nicht -- das hat nichts von ›Frau‹.«
»Ein armes Seelchen,« meinte Köppert. »Wie kommt der Gastelmeier
eigentlich zu ihr und sie zu ihm?«
»Sie ist Todeskandidatin,« sagte der Arzt trocken.
»Wie, das Seelchen?« fragte Köppert.
»Im Vertrauen, ja. Es ist mir herausgerutscht -- die oben wissen von
gar nichts noch -- also unter uns. Mir ist's schon längst klar; eine
abschließende Untersuchung ist zwar noch nicht vorgenommen, aber es
wird nicht viel anders aussehen, als ich jetzt annehmen muß.«
»So ein ahnungsloses Geschöpf,« sagte Köppert.
»Soll's auch bleiben, so lange als möglich. Die wird ihrem Mann noch
genug zu raten aufgeben -- Herrgott noch einmal! Ich habe das Gesicht
gesehen, als es vor ein paar Wochen hieß, sie brauchte vorderhand nicht
mehr zu befürchten, Mutter zu werden, -- das heißt, ich sagte damals
nicht ›befürchten‹, sondern teilte es ihr schonend mit, wie man das so
nennt. Dies Gesicht! Die vollkommene Erlösung! Nur einen Augenblick
war der Ausdruck ganz klar. Ich habe ihn nie ähnlich bei einer Frau
gesehen. Sie hat nichts als ihre verdammte Kunst im Kopf. Es hat ihr
davor gegraut, daß sie ihre Kraft nicht mehr für sich ganz allein haben
sollt' -- und nun -- daß wird eine nette Geschichte werden. Mir thut
der Mann leid. -- Also ganz unter uns.«
Sie trennten sich und jeder ging seines Weges.
Oben bei Gastelmeiers wurde indes von Köppert gesprochen.
»Originell, sehr originell,« sagte Frau Kovalski, »aber etwas
abspringend und spricht so undeutlich.«
»Ein frecher Mensch,« sagte Emil. Sie sagten alle etwas. Olly schwieg.
Für sie war er ein gottgesandter Mensch. ›Ihren Messias‹ hatte Mimm
ihn vorher spottend genannt. Ja, ihr Messias. Mimm hatte ganz recht
gehabt. Sie hatte jetzt jemand, für den sie arbeitete. Der Ruhm, der
gestaltlose Ruhm, hatte fürs erste Köpperts Gesicht bekommen.
Ehe ihre Mutter und die Brüder sich heute verabschiedeten, nahm Olly
Emil beiseite und sagte: »Morgen wollen wir beide miteinander den
Karpfen in die Isar tragen. Komm so früh du kannst. Wenn wir's nicht
thun, holt Mimm ihn doch.«
»Du sollst ja aber nicht ausgehen,« sagte Emil.
»I wo! Weißt du, wir fahren. Du besorgst die Droschke und wir stecken
den Karpfen wieder in sein Netz. Du mußt kommen, wenn Mimm zu seinen
Schülern geht, von neun bis zehn.«
»Na, mir ist's recht. Ich könnte ihn ja auch allein fortbringen.«
»Nein, ich will mit, ich will's sehen.«
* * * * *
Und wie die beiden es verabredet hatten, so geschah es. Es war ein
sonnenklarer, windiger Januartag, kristallhell, da fuhren sie mit
ihrem Fisch der Isar zu. Niemand wußte davon. Olly hatte auch die
Köchin aus dem Hause geschickt, damit sie den Karpfen in aller Ruhe
aus dem Schaff in sein Netz stecken konnten. Jetzt hielt sie ihn unter
ihrem Wintermantel verborgen. Wie fest und gesund er war und wie er
schnickte! Im Wagen gab sie ihn Emil wieder zu halten. Sie fuhren
bis über die Maximiliansbrücke, stiegen dann aus und bogen in die
Isaranlagen ein.
Es war bitterkalt und der Wind schneidig. Olly schüttelte sich vor
Frost -- die Zähne klapperten ihr. »Wie du frierst,« sagte Emil. »Es
war am Ende doch dumm, daß wir gegangen sind. Ich lauf' voraus und
steck' ihn rasch ins Wasser.«
»Nein, laß mich's sehen.«
So gingen sie miteinander weiter. Olly war plötzlich müde. Sie kamen
nur langsam vorwärts. »Ich weiß nicht, was mir ist,« meinte sie. »Es
ist wieder die bleierne Müdigkeit. So mit einemmal.«
»Na, das kam ja immer schon früher,« sagte Emil, »das hat wohl nichts
zu sagen. Komm nur.«
Jetzt standen sie miteinander unten an der Isar. Die floß so klar und
durchsichtig und eisigkalt vor ihren Füßen hin und der Wind strich
darüber und drang ihnen durch die Kleider. Der Fisch schnickte ganz
gewaltig, es war, als wenn er die Freiheit witterte.
»Ob's ihm nun gerade hier in der Isar behagt?« sagte Emil. »Ich glaube,
da unten fließt das Wasser ruhiger, da kann er sich besser aufhalten,
das ist so wie eine Art Teich. Weißt du, ein Karpf liebt das Ruhige und
Sumpfige.«
Sie gingen miteinander dem Wind entgegen. Olly war ganz kraftlos und
hielt sich an Emils Rockärmel. Emil wirtschaftete im Netz mit beiden
Händen an dem Karpfen herum. »Jetzt haben wir ihn,« sagte er. Der
Karpfen glänzte in der Sonne und unter dem blauen Himmel wie ein großes
Stück Gold.
»Jetzt! Paß auf!« Emil bog sich weit vor und Olly sah, wie der Fisch
wie ein Pfeil, goldglänzend, in das Wasser schoß. Ein kleiner Wirbel --
ein Huschen -- ein glänzender Streif -- und er war verschwunden.
»Da fährt er hin,« sagte Emil.
»Der ist nun frei,« meinte Olly, »und gesund.«
»Jawohl,« bestätigte Emil, »dem fehlt nix.«
Jetzt mußte der Weg wieder erstiegen werden. »Verflucht! Verflucht!
Verflucht! Du bist aber nett müde.«
Sie kamen gar nicht vorwärts. »Wir müssen uns ein bißchen setzen,«
sagte sie. »Ich weiß nicht, was ist denn das nur?«
So brauchten sie längere Zeit. Olly konnte kaum sprechen vor
Heiserkeit. Und Emil lief jetzt nach einer Droschke voraus. ›Was ist
denn mit ihr?‹ dachte er unterwegs.
Als sie miteinander in der Droschke saßen, wurde Olly von einem inneren
Frost geschüttelt, und Emil schaute ihr ganz verblüfft zu. ›Das ist
eine dumme Geschichte,‹ dachte er.
Daheim legte sie sich auf ihr Sofa, Wangen und Kopf glühten. Emil blieb
bei ihr, trotzdem sie immer von neuem sagte: »So geh doch, dummer
Junge. Du mußt an deine Arbeit -- Faulpelz! Nun wärst du wieder einmal
froh, für drei Pfennig Ursach zu haben zum Bummeln.«
»Nein, nein, wir hätten nicht gehen sollen, Olly,« meinte Emil ganz
bedrückt. »Ich wollte, Mimm hätte den Karpfen im Magen. Das wär'
besser gewesen. Du kannst das Sentimentale doch nicht leiden. Die
Karpfengeschichte ist aber schändlich sentimental.«
»Nein,« sagte Olly. »Gar nicht.«
An diesem selben Tage kam der Doktor, wie er gesagt hatte, und nahm die
erste eingehende Untersuchung vor. Gastelmeier stand betroffen dabei.
Als er Olly unter den Händen des Arztes sah, so hilflos unter einer
fremden Macht -- da legte sich es ihm wie eine dunkle Wolke über die
Seele. Was war denn das? Es drängte sich etwas bei ihnen ein, etwas
Dunkles, Unerwartetes, etwas, auf das nicht gerechnet war.
Der Arzt sagte, daß alles, was jetzt nicht so ganz in Ordnung sei, sich
geben werde. Er sprach von Ruhe und Pflege, schimpfte über den Unsinn,
daß Olly bei dem Winde heute ausgefahren war. Sie sollte jetzt daheim
bleiben wochenlang, jedenfalls ohne ärztliche Erlaubnis nicht ausgehen.
»Na, was ist's denn?« fragte Gastelmeier hart, um seine Sorge zu
verbergen.
»Was wird's denn sein?« sagte der Arzt. »Wir haben da ein sehr zartes
Frauchen, das eine Weile noch gepflegt werden muß. Wenn sie vernünftig
ist, macht sich alles gut.« Er hieß Olly sich ruhig auf das Sofa legen.
Emil breitete ihr eine Decke über die Kniee. »So, mein Kind, so werden
Sie jetzt ganz ruhig und friedlich bleiben. Sie haben Fieber und ich
sollte Sie eigentlich zu Bett schicken; aber ich weiß, wir haben es mit
einem unruhigen Geist zu thun.«
Olly äußerte sich in keiner Weise. Sie lag still und matt da und
schien sich nach der Anstrengung des Tages doch recht unwohl zu fühlen.
In der Dämmerstunde aber kam Köppert unerwartet. Als das Mädchen ihn
meldete, flog es wie ein Sonnenstrahl über Ollys Gesicht, und auch
Gastelmeier kam er wie gerufen.
Olly wollte sich erheben, aber Köppert ging auf sie zu und drückte sie
zart und freundlich, wie ein krankes Kind in die Kissen zurück, so
einfach und natürlich und ohne ein Wort dabei zu sagen. Er legte ihr
auch die Decke wieder über die Kniee -- geschickt und sorgsam. Es war
keine Spur von Fremdheit bei ihm zu spüren: dann setzte er sich neben
Ollys Lager und erzählte dies und jenes, und kam auch wieder auf ihre
Bilder zu sprechen und machte ihr allerlei Vorschläge. Er sprach zu
ihr wie zu seinesgleichen, ohne alles Gönnertum, wie der Künstler zum
Künstler.
»Sonderbar,« sagte Olly, »weshalb sind Sie so gut zu mir? Halten Sie
mich wirklich für etwas -- etwas -- ich weiß nicht -- darf ich's
nennen?«
»Ja,« sagte Köppert.
»Für ein Talent?« Wie klang die arme Stimme tonlos, zaghaft und heiser.
»Ja,« sagte Köppert.
»Und deshalb sind Sie wieder gekommen, um es mir noch einmal zu sagen?«
»Na ja.«
»Nun heißt es rasch gesund werden!« sagte sie, und die Augen leuchteten
ihr in einem fieberhaften Glück.
»Ruhig -- ruhig! Sie wissen doch noch. Erinnern Sie sich -- ›Insekt‹.
Erinnern Sie sich's?«
»Ja, ja,« flüsterte Olly. »Man muß es erst lernen, so zu denken.«
Köppert wohnte bei seiner alten Mutter und hatte ihr, auf die Frage,
wohin er ginge, gesagt: »Zu einem armen Seelchen.«
›Na, was das nun heißen soll? Da wird er wieder so etwas aufgetrieben
haben,‹ hatte die alte Frau gedacht, ›irgend einen Unsinn.‹