Jetzt traten sie ein. Es war gerade Tanzpause und die Paare gingen, wie
auf jedem andern Ball, in langem Zug durch den Saal und plauderten.
Auch hier waren die Wände mit hohen, verdorrten, zum Teil kahlen
Tannen jämmerlich verunziert. Annele hielt Gastelmeier weniger fest. Es
war so wie überall, sogar in Obersdorf im großen Wirtssaal: wenn sie
da im Winter ein paarmal tanzen ließen, war's auch nicht anders. Die
Frauenzimmer hier hingen sich zwar etwas sehr zuthunlich den Herren
an den Arm; das hatten sie im »Luitpold« auch gethan. Ihre Toilette
war freilich anders wie die der Honoratiorendamen in Obersdorf. Wie
ihnen alles saß und stand, welche Grazie, welche Vornehmheit, oder
doch so etwas Ähnliches wie Vornehmheit! Anna mußte einigen von ihnen
ganz bewundernd nachblicken. Andre sahen wieder unerfreulich aus, in
lumpigen, kurz geschürzten Maskenkleidern.
Alle drei waren ganz ruhig mit einander gegangen. Jetzt kam ihnen ein
armseliger Bürgersmann entgegen, ein krank und verkommen aussehender
Mensch, ein Handwerker im Sonntagsstaat; der ging auf Olly zu, hob ihr
den Schleier vom Lärvchen und wollte ihr einen dürren Tannenzweig, den
er zwischen den Fingern hielt, in den Mund schieben: »Da friß!« sagte
er.
Gastelmeier riß das Mädchen näher an sich.
»Gelt, das magst net!« rief der armselige Mensch und wollte vor Lachen
platzen. »Brauchen S' denn alle zwei? Vergunnen S' mir net den Käfer?«
Gastelmeier zog seine beiden Mädchen mit sich. Da begann die Musik,
einen Walzer, und der Tanz ging los. Die Paare schmiegten sich zärtlich
aneinander.
»Ist das ein schwüles Treiben hier,« sagte Annele.
»Wollt ihr was trinken?« fragte Gastelmeier.
»Hier nicht um die Welt,« erwiderte sie. »Sie auch nicht?«
Olly schüttelte den Kopf. Sie hatte nicht Zeit zum antworten, sie
schaute angestrengt, sprach nichts und sah nur -- ganz versunken.
Bevor eine Quadrille begann, standen sie alle drei in einer ziemlich
stillen Ecke, die aber bald von allerlei Pärchen so überschwemmt
war, daß sie sich in der größten Enge befanden. Olly hatte für
einen Augenblick Gastelmeiers Arm losgelassen. Das hatte ein sehr
erhitzter Herr, dem der Cylinder fast im Nacken saß, benützt, sie mit
affektierter Höflichkeit und einem lächerlich tiefen Bückling zum Tanz
zu holen.
»Mignon,« sagte er, wie zu einer Katze, und auch er versuchte das
Schleierchen über Ollys Lippen zu lüften. Da legte Olly den Arm in den
seinen und ließ sich zum Tanz führen.
Annele hatte es früher als Gastelmeier gesehen und stieß einen kleinen
Schreckenslaut aus.
»Ist das die ~soeur~?« fragte der Herr und neigte sich vertraulich zu
Olly, spitzte die Finger und warf Annele eine Kußhand zu -- zum Trost
gewissermaßen.
Er hatte aufgeworfene Lippen, glänzend braune Knopfaugen, und war sehr
echauffiert. Er führte Olly an ihren Platz und die Musik begann.
War der Walzer schon zärtlicher Natur gewesen, so war es die Quadrille
erst recht. Die Pärchen drückten und küßten sich untereinander, daß es
nur so eine Art hatte, und in weiße Schultern und Arme wurde gekniffen,
daß die roten Male zu sehen waren.
Olly gegenüber biß ein junges Ding mit den glänzend weißen
Perlenzähnchen ihren Tänzer in die fette Wange -- Olly schüttelte sich
vor Ekel.
»Rühren Sie mich nicht an,« flüsterte sie ihrem Tänzer empört zu, als
auch er Miene machte, vertraulich zu werden, und »rühren Sie mich nicht
an,« flüsterte sie wild und zornig wieder und wieder.
Das schien den feinen Herrn außerordentlich zu amüsieren, er that
wenigstens so, behandelte seine Dame mit affektierter Höflichkeit und
Hochachtung. -- Und Olly sah die erhitzten Gesichter, die sinnlich
stieren Augen, die leidenschaftlichen Bewegungen, hörte das Johlen und
Aufkreischen; zuletzt sah sie eine unglaubliche Umwandlung, es war
ihr, als sei sie nicht mehr unter Menschen, sondern unter einer Horde
wilder, wütender Affen.
Kaum war sie frei, so bahnte sie sich den Weg zu Gastelmeier und
Annele. Und als sie vor Gastelmeier stand, war dessen gutmütiges,
rosiges Gesicht fahl und er sah sie mit einem starren Ausdruck an.
»Hat er Sie geküßt?« fragte Annele. Olly schüttelte den Kopf.
»Das hätte er gebüßt,« sagte ihr Beschützer verbissen.
Olly zitterte vor Erschöpfung, ihr schwindelte und sie faßte Anneles
Arm, denn Gastelmeier machte keinerlei Miene, ihr den seinigen zu
bieten.
»Ich glaub', du meinst schon wieder, sie hätt's zum Vergnügen gethan?«
sagte Annele. »Net wahr?«
»Auf so komplizierte Geschichten,« sagte Gastelmeier kühl, »bin ich
nicht eingerichtet.«
Olly hob jetzt den Kopf, sie hatte bisher auf Gastelmeier scheinbar
nicht geachtet und war ganz befangen gewesen.
»Ihnen ist es unangenehm, daß ich da mitgetanzt habe,« sagte sie ruhig,
»und Sie haben mir Ihren Arm deshalb nicht gegeben? -- Sagen Sie 'mal,
haben Sie Freunde, die hier öfters die Zeit verbringen?«
Gastelmeier that, als überhörte er die Frage.
»Sagen Sie's doch,« wiederholte sie.
»Freunde? Jawohl!« erwiderte er kurz.
»Denen geben Sie dann auch nicht die Hand?«
»Mein Gott,« sagte Gastelmeier. »Das ist natürlich etwas andres.«
»Natürlich,« sagte Olly. »Kommen die Freunde zu ihrem Vergnügen
hierher?«
»Jedenfalls.«
»Und oft?«
»Oho, was ist denn das für ein Verhör?«
»Ich möchte wissen, wie oft etwa,« fuhr sie ruhig zu fragen fort.
»Wenn es ihnen paßt und sie nichts andres zu thun haben, kommen sie in
der Faschingszeit wahrscheinlich oft hierher,« erwiderte er.
»Womöglich alle Abende so lang es dauert -- jahrelang?«
»Meinetwegen,« sagte Gastelmeier, »was geht's mich an?«
»Die Hand würde ich ihnen dann allerdings nicht geben, und ihre Kleider
würden mich ekeln, und sie selbst würde ich verachten -- wissen Sie,
verachten -- das ist's.«
»I wo,« sagte Gastelmeier. »Es können die besten Burschen sein; danach
darf man nicht gehen bei einem Manne.«
»Auch dann nicht, wenn sie sich hier wirklich und wahrhaftig vergnügen,
wenn sie sich hier im Schmutz gewälzt haben, auch dann nicht? -- Und
wenn es ein Mädchen auch nur gesehen hat, ohne jeden andern Anteil der
Seele als Ekel und Verachtung, dann glauben Sie, sie sei schmutzig
geworden, es sei etwas hängen geblieben? Sie wagen es, ihr die Hand zu
entziehen? Ich habe es wohl bemerkt.«
Olly hatte bebend gesprochen. »Gehen Sie -- gehen Sie -- so einen
ungerechten Schutz brauch' ich nicht. Ich bin mir wahrlich Schutz
genug. Was ich sehen wollte, hab' ich gesehen. Wissen Sie, wir Frauen
werden, wenn wir Figurenmaler sind, leicht süß -- ein Wunder!« -- Sie
zuckte die Achsel. »Wir anständigen Frauen bekommen das Leben so süß
vorgemalt -- so süß und harmlos. Es ist alles so wunderbar in Ordnung,
es sind alles solche würdevolle Mustermänner, so vortreffliche Verlobte
und Ehemänner, sanft wie die Lämmer. Wir bekommen die Leute nur immer
zu sehen, wie der Director seine Schüler beim Examen. Meinetwegen --
aber in der Kunst will ich nicht süß werden. Ich will nicht. Wahrheit
will ich! Und wenn Sie mich drum verachten, verachten Sie mich! Und
wenn Sie Ihren Arm einziehen, ziehen Sie ihn ein! Ich brauch' ihn
nicht!«
Damit war sie auf und davon gegangen durch das Gedräng -- und im
Gedräng verschwunden. Gastelmeier und Annele eilten ihr nach.
»Da durch die Thür ist sie 'nausgeschloffen,« rief Annele. Sie bahnten
sich durch die tanzenden Paare den Weg und standen draußen, vor der
steilen, steinernen Treppe.
»Da ist sie nicht mehr!« sagte Annele.
»In der Garderobe,« meinte Gastelmeier ganz fassungslos.
»I wo, die ist fort!« erklärte Annele bestimmt. »Gehn wir g'schwind in
die Garderob' und holen wir die Sachen!«
Gastelmeier stürzte fort und kam bald mit den Sachen für alle drei
zurück.
»Die hast du wenigstens schnell derwischt,« meinte sie, und nun liefen
sie miteinander die steile, mit Straßenschmutz bedeckte Treppe hinab,
an den vertrockneten Bäumen vorüber, hinaus ins Freie.
Gastelmeier nahm einen Wagen, half Annele hinein, gab dem Kutscher
Anweisung, und nun ging's vorwärts, während jedes der zwei zu einem
Fenster hinausschaute. So mußten sie das schöne gekränkte Geschöpf auf
seinem Heimweg einholen und entdecken. Der eisige Märzwind hatte Schnee
gebracht und spielte mit den Flocken, trieb sie vor sich her, wehte
sie von den Dächern herab, türmte sie an den Straßenecken auf, klebte
sie an die Häuserwände wie eine dichte Decke und trieb tausenderlei
Unfug mit seinem Spielzeug. Und in dieses Treiben war das arme, zarte
Ding hineingeraten.
»Nicht zu schnell fahren,« rief Annele dem Kutscher zu, »damit wir sie
nicht übersehen.«
»Sie wird doch auch den Weg nach Hause zu gegangen sein?« fragte
Gastelmeier schüchtern.
»Freilich,« sagte Annele. Und als sie über den Odeonsplatz fuhren, sah
sie einen kleinen, schwarzen Schatten an dem Hofgartenthor.
»Da ist sie!« rief sie dem Kutscher zu, und kaum daß sie gehalten
hatten, sprang sie hinaus.
»Gelt, du bleibst drin, sonst erschrickt sie,« flüsterte sie ihm zu und
stapfte gleich darauf durch den Schnee.
Der kleine Schatten verschwand nicht.
»Da haben wir Sie doch eingeholt,« sagte Annele und legte ihr den
Mantel um die Schulter. Sie fühlte dabei, wie der zarte Körper zitterte.
Olly sprach kein Wort. Die beiden Mädchen gingen miteinander dem Wagen
zu und auf diesem Weg sagte Annele zu ihrer Begleiterin: »Seien Sie
nicht bös auf ihn. Feuer im Herzen, Rauch im Kopf. So steht's, glaub'
ich, mit ihm.«
Olly erwiderte nichts, aber sie zuckte leicht zusammen. Von Mama und
Tante Zänglein hatte sie schon manche Anspielung hören müssen. Sie
hatten ihr von Gastelmeiers soliden Verhältnissen gesprochen, von dem
Glück für die Familie. Die Mama hatte bei diesen Andeutungen gestrahlt.
Sie hatten Olly damit gereizt und erregt. ›Geld ins Haus! Geld ins
Haus! Das ist's im Grunde doch, was sie alle wollen. Das allein!‹ hatte
sie zornig gedacht. ›Wie wenig ernst ist es ihnen allen mit der Kunst,
und Mama am wenigsten, trotz ihrer vielen Worte, trotzdem sie uns
hineingesetzt hat!‹ -- ›Und, du wirst ruhig bei ihm Künstlerin bleiben
dürfen -- das ist auch zu bedenken,‹ hatten sie ihr gesagt. ›Geld ist
genug dazu da, Verliebtheit auch. So etwas trifft sich nicht leicht
wieder.‹ Das war Tante Zängleins Stimme, die das gesagt hatte.
Als sie in den Wagen stieg, half ihr eine Hand, die sie zart und
schüchtern berührte, so zart und vorsichtig, als wenn sie eine Puppe
oder ein Heiligtum wäre, und der zarte Griff dieser Hand that ihr wohl,
trotzdem sie noch voller Zorn war. Sie fühlte sich mit einemmal so
geborgen wie nie in ihrem Leben.
»Bring' sie nur hinauf,« sagte Annele, als der Wagen in der
Blütenstraße hielt. »Mich führt der Kutscher ganz sicher nach Haus.«
Und als die Hausthüre hinter den zweien sich geschlossen hatte, fuhr
die dritte einsam dahin mit einem Herzen, das zum zerspringen voll Leid
war, und ging dann eine finstere Treppe hinauf und in das Gaststübchen
ihrer alten Tante, bei der sie die letzten Faschingstage einlogiert
war, und in diesem Stübchen verbrachte sie eine bittere, schwere Nacht.
* * * * *
Eine Nacht, anders wie jede andere Nacht ihres Lebens, verbrachte auch
Olly, eine Nacht des Überlegens und Forschens, des Erwägens. Das kam
diesem Kopf befremdlich vor, über Lebensfragen zu brüten.
»Er versteht mich nicht,« sagte sie sich und lag mit weit offenen Augen
im Bette. »Aber er ist gut und hat mich lieb. Es scheint, die Menschen
verstehen einander überhaupt gar nicht. Mama -- versteht die mich etwa,
oder Erwin oder Emil? Tante Zänglein? Das darf man scheint's nicht
erwarten, das Verstehen. -- Möchte wissen, wer einander versteht.«
Seine Stimme hatte sie von Anfang an gern gehabt. Und wie er sie
heute angefaßt hatte, um ihr in den Wagen zu helfen, das hat ihr
tiefen Eindruck gemacht, wie zart, wie freundlich, wie ... ja, wie
denn? Niemand hatte sie noch so berührt, da lag alles darin in dieser
Berührung, auch die Bitte um Verzeihung und eine große Liebe, und daß
sie für ihn etwas Wertvolles sei, -- ja, ganz wie sie zuerst gedacht
hatte, daß sie für ihn ein Heiligtum sei. Wie ihr das den ganzen Körper
wie mit Wohlbehagen durchrieselte: Jemandes Heiligtum sein!
Er würde auf den Knieen vor ihr liegen -- nein -- das würde er nicht
thun -- gewiß nicht. Wie lächerlich müßte das auch aussehen! Sie würde
ihm dann gerade auf sein Glatze sehen.
Als er mit ihr die Treppe hinaufgegangen war, hatte er ihr mit einemmal
beide Hände geküßt, mitten auf der Treppe. So ein verliebter Mann
ist komisch. -- Aber das mißfiel ihr nicht an ihm. Es war so angenehm
komisch. Sie sah ihm gern zu.
›Ja, wenn er mich bei meiner Arbeit läßt, wenn es so bleibt, wie es ist
-- beinah so -- dann ... ja dann. Von daheim fort? -- O ja, weshalb
nicht?‹ dachte sie.
Sie fühlte, daß es ihr nicht schwer wäre. Sie würden miteinander nach
Paris reisen, und sie würde eine Zeit lang dort lernen. -- Herrgott,
das hatte sie immer so brennend gewünscht. Dort konnte sie finden, was
ihr noch fehlte. Schade, daß die zu Hause es gar zu gern wollten --
schade.
Weshalb dies schade sei, war ihr nicht ganz klar, aber es war schade.
Es war ihr, als wenn ein Reiz fehlte, und sie suchte diesen Mangel
darin, daß sie mit ihrem »Ja« Wünsche der Familie erfüllte, die ihr
selbst nicht aus der Seele gesprochen waren. Wo etwas herausschaut
-- das ist immer das beste. Geld ins Haus! Das lag verdeckt von
großen Worten über allem, was sie leisteten und thaten. Das war die
Triebfeder für das hetzende Treiben im ganzen Haus, der Grund des
litterarischen Martyriums von Erwin, der Grund, weshalb Emil mit in das
Elend gezogen wurde, weshalb die Mutter Olly ihr Lebtag gesteigert und
zum Fleiß angefeuert hatte. Noch immer das leichteste, nobelste Mittel,
Geld zu verdienen, sah die Mama in der Kunst. Der Gelderwerb war's; sie
hofften, mit all der Qual Geld zu verdienen!
Das hatte Olly schon längst herausgefühlt, das war's, was sie empörte,
was sie den Ihrigen entfremdete. Ihr war karg leben kein quälender
Gedanke, -- gar nicht. Den Ihrigen war er entsetzlich.
Sie sah das strahlende Gesicht der Mutter bei einer gewissen Nachricht
und fühlte einen zornigen Ärger.