IV.

Fastnachtsdienstag in München.

Die Narrenwelle, die das Lebensmeer jedes Jahr breit über die Stadt

hinspülen läßt, spült auch dieses Jahr bei schneidendem Märzwind durch

die Straßen und führt allerlei wunderlich aufgeputztes, aufgeregtes

Volk mit sich, dem der eisige Wind um die Nase streicht, oder die

leichenhaft starren Larven lüftet, die bunten Lumpen um den Kopf

schlägt und den Spaß im Freien einigermaßen verdirbt. Trotzdem war

den ganzen Tag ein Gelauf und Gerenne gewesen. Der Humor war von der

Kälte etwas ungelenk und frostig geworden, mußte erst die starren

Glieder recken, und von dieser Anstrengung wurde er dann etwas grob und

unerfreulich. Es war notwendig, daß man ihn zum Auftauen brachte. Das

fühlten alle und deshalb war ein gewaltiges Drängen nach den Cafés und

Wirtshäusern und Bierkellern.

Es war auch schon längst dunkel auf den Straßen, und die Verkappten,

Vermummten und Ausstaffierten drängten zum Licht wie die

Mückenschwärme. Sie wollten sich sehen lassen und wollten sehen. Und

was draußen in der Kälte und dem schneidenden Wind eingefroren war,

das begann in den heißen, mit Tabaksrauch und Menschendunst erfüllten

Räumen sich auszubreiten: das wurde kühn und unternehmend.

In den hellen reichen Räumen des Café Luitpold sitzen an den runden

Marmortischen Pärchen aller Art und schaulustige Leute, die den

Menschenstrom an sich vorüberrauschen lassen, der durch das Café

flutet, zur einen Thüre herein, zur andern wieder hinaus. In einer

Ecke haben drei Personen Platz gefunden, ein junger Mann, dem die

ganz naive Verliebtheit unbefangen aus den Augen sieht. Ein armer

verliebter Mensch, ein Mensch, der uns nicht unbekannt ist, den wir

bisher als sehr vernünftig und respektabel kennen lernten, als durchaus

~comme il faut~. ~Comme il faut~-Meier! Seine beiden Nachbarinnen

tragen schwarzseidene Lärvchen. Die eine ist in einem braunen, soliden

Wollenkleid gekommen, die andre in einem schwarzseidenen Fähnchen, das

so reizvoll und eigenartig die junge Gestalt umschließt, so reizvoll,

daß Gastelmeier das Persönchen wie durch einen leichten Nebel sieht.

Es ist ihm selbst nicht recht geheuer. Er wird ihn nicht los, diesen

Anblick, ob er ihn vor Augen hat oder nicht. Der arme Gastelmeier ist

bisher so gut durchs Leben gekommen und es scheint ihm auch, daß er

jetzt noch gut damit auskommt, sogar besonders gut. Sein Lebtag war es

ihm klar, daß es mit dem Verlieben eine faule Geschichte ist. Jetzt

denkt er nicht daran.

»Da ist niemand, der mich kennt, ich thu' das Maskerl einen Moment

ab,« sagt das junge Geschöpf im schwarzseidenen Fähnchen. Gastelmeier

blickt traumverloren auf sie, er will den ersten Blick in das enthüllte

Gesicht thun.

Sie knüpft an ihrem Lärvchen. Es hängt ihr noch mit dem einen

Gummiband, an dem das Knöpfchen ist, im Haar fest. Das Gesicht ist

frei. Lebensvolle, brennende Augen schauen in das Getümmel, ganz

versunken und benommen.

Im Januar war es, als Gastelmeier nach jenem etwas lebhaften Abend fest

entschlossen war, den geistigen Rangierbahnhof so bald als thunlich zu

verlassen, und jetzt ist's März und er steckt immer noch dort. Er ist

Hausfreund geworden. Das Mädel ist ihm anvertraut.

Seine Kameraden haben die Sache längst durchschaut, haben anfangs

geschwiegen, später gelächelt, noch später, zu spät, freundschaftlich

gewarnt, dann wieder gelächelt und die Achseln gezuckt. Dem Gastelmeier

war nicht mehr zu helfen, er hatte sich fürs erste in der Schlinge

gefangen.

»Schau, Friedel, mich kennt erst recht kein Mensch hier, da thu' ich's

auch ab. Mich erstickt's halt.«

»Wenn du meinst,« sagte Gastelmeier, und das zweite Lärvchen fiel auch.

Das war die Anna aus Rohrmoos. Gastelmeier aber sah nicht nach ihr.

Seine Blicke hingen wie gebannt an dem eigenartig schönen Geschöpf

neben ihm, das nur Augen für das Treiben um sich her zu haben schien.

Anne sah mit einem langen Blick auf ihren guten Kameraden, mit so einem

klaren, festen Blick, in dem deutlich das Bewußtsein zu lesen stand:

›Für dich ist da alles zu Ende.‹

Die rosigen Wangen wurden bleicher, und sie sah nun auch auf das schöne

Mädchen.

›So großartig brauchst dich auch nicht zu verhalten, daß du ihn da

sitzen läßt, wie einen Narren, du,‹ dachte Anne. Er vergab sich etwas

in ihren Augen, daß er sich so verliebt zeigte. ›Ihr thuts euch leicht,

ihr Mannsleut,‹ dachte sie wieder und lächelte. Ein Seufzer --

Jetzt, da niemand auf sie achtete und sie so einsam und verlassen

neben dem Kameraden saß, den sie ihr Lebtag als von sich untrennbar

betrachtet hatte -- als einen, dem sie nie einen Namen gegeben hatte,

der für das elternlose Mädchen Bruder und Freund war, an den alle

schönen Erinnerungen sich knüpften, da konnten ihre Gedanken in dem

engen erstickenden Saal nicht mehr bleiben. Sie flogen hinaus in

die stille Nacht, weit über die Stadt hinaus in das stille, dunkle

Rohrmoos. Da würde es ihr wohler -- und weher.

Jetzt kannte sie die Einsamkeit mit einemmal. Die schwere

herzbedrückende Einsamkeit. Sie fürchtete sich in ihr altes Heim

zurückzukehren, und hier wollte sie auch fort, je eher je lieber -- das

-- nein -- das that bis in den Grund der Seele weh, das mit anzusehen

-- das war menschenunmöglich. Es war ihr gerade, als wenn ihr jemand

alle Lichter, die ihre Welt erleuchteten, vor den Augen ausbliese. Es

wurde dunkler und dunkler und öder und öder und für immer und ewig.

Unter dem runden Marmortisch faltete sie die Hände und saß still und

gebeugt, vom Unglück getroffen da.

Einem übermütigen Menschen, der an ihrem Stuhl vorüberging, gefiel das

blonde Mädchen und in der Maskenlaune legte er den Arm um ihre Schulter

und versuchte sie zu küssen.

Da sprang sie mit einem Schreckenslaut auf und sah ganz entsetzt um

sich her. »Herr, mein Gott!« rief sie.

Der Übermütige lachte laut und verschwand mit einem Satz in der Menge,

denn Gastelmeier setzte ein sehr würdiges und ernstes Gesicht auf.

»Ach du, gehen wir,« sagte Anna.

»Deswegen?« flüsterte ihr Gastelmeier lächelnd zu. -- »Wart' nur, ich

paß' besser auf dich auf.«

Gleich darauf sprach er mit Olly, die von einem wahren Eifer belebt

war, alles zu sehen und alles zu hören was es irgend gab.

»Sehen Sie dahin, ach, sehen Sie dahin -- Herr Gastelmeier, bitte!« So

rief sie alle Augenblicke. Nun sagte sie: »Wie gut von Ihnen, daß Sie

mich mitgenommen haben! Sagen Sie selbst, wann sieht ein Mädchen, wie

die Menschen sich eigentlich bewegen; an den Modellen doch wohl nicht?«

»Ist Ihnen denn das wirklich so eine Freude?« sagte Gastelmeier.

»Freude? -- Nein, Freude nicht. Notwendigkeit! Glauben Sie mir, ich bin

nach solchen Dingen verschmachtet.«

»So ein kleines vergnügungssüchtiges Fräulein!«

Da wurde das schöne Mädchen ganz erregt, die dunkeln Augen strahlten.

Man fühlte, sie konnte nicht recht zu Worte kommen.

»Nein --!« sagte sie -- »da haben Sie mich mißverstanden. In Ihrem

Sinne macht mir's kein Vergnügen, -- anders! Ich sehe die Dinge und

lerne und lerne, wissen Sie, so mit ganzer Seele! Ich fühle dann: so

kann man etwas leisten, so mitten im Leben, nie wie bei uns Frauen,

wir stehen immer abseits. Was kann man da ... Ich will sehen, wie die

Menschen leben. Verstehen Sie mich doch.« Sie legte im Eifer ihre Hand

auf die seine, wie um an seinem Verständnis zu rütteln. »Ist denn das

so schwer zu begreifen? Ich bin Künstler wie Sie Künstler sind. Und Sie

glauben nicht, wie eine Frau nach dem Leben und der Wahrheit haschen

muß. Sie bekommt nie die Wahrheit zu sehen!«

Olly machte Aufsehen. Allerlei Masken sammelten sich um den Tisch und

banden mit ihr an. Gastelmeier wollte bei jeder Gelegenheit ritterlich

seiner Dame beistehen.

»Lassen Sie, lassen Sie!« bat sie und legte ihre Hand auf seinen Arm,

gewissermaßen, um ihn zu verhindern, aufzustehen. Dann plauderte und

lachte sie weiter mit den andern und ging auf alle Scherze ein.

Ein Paar ließ sich neben ihr nieder, wie es schien, ein Akademiker als

Köchin verkleidet und ein zweiter als Gerichtsvollzieher. Der letztere

fragte sie, wer sie sei.

»Ein Malermadel,« antwortete sie.

»Das Madel von ein Maler, oder malst selbst?«

»Ich mal' schon selbst.«

»Da ist net viel bei dir zu holen! Malermadl? A verschmierte Leinwand,

an Zahnbürschtel, wanns eins hast, a Malschürzen und a schlecht's

Gwandl -- dein best's hast' an, net?«

»Geltens,« sagte Olly mit lachenden, strahlenden Augen. »Morgen

kommt schon einer zu uns, wenn auch du net.« Sie wandte sich vom

Pseudo-Gerichtsvollzieher lachend zu Gastelmeier. »Es kommt wirklich

einer, komisch.« Gastelmeier sah sie ganz verblüfft an.

»So,« sagte die Maske. »Da nimm dich in acht, daß er dich nicht

mitnimmt, du mit deinen unsinnigen Augen, wann ich käm', das wär' das

erste.«

»Geltens,« sagte Olly wieder, »das sollte dir aber net übel bekommen.«

»Sehr einfach,« meinte die Maske zu seinem Genossen gewendet,

»da müssen wir zu diesem kleinen Teufel unsern dressierten Löwen

mitbringen.« Darüber lachte Olly wieder unbändig. Sie lachte über

alles.

»Lassen Sie doch diese Leute,« flüsterte Gastelmeier ihr erregt zu. --

»Schließlich, angenehm kann es Ihnen doch nicht sein, wenn der Kerl

zudringlich wird.«

»Aber gleichgiltig. Sehen Sie nur, der eine sieht ganz wie eine Gans

aus, wenn er die Augen so verliebt verdreht. Nicht hier ist Maskerade,

sondern die ganze Zeit draußen ist Maskerade. Heut sind die Leute, wie

es ihnen bequem ist und paßt, und das sind erst Bewegungen, was man

hier sieht, alles andre ist Marionette. Wie ich Ihnen danke, daß Sie

mich mitgenommen haben!«

»Ich glaube, Fräulein Olly,« sagte Gastelmeier unwirsch, »Sie

studierten noch, wenn so ein Kerl Ihnen einen Kuß geben würde?«

»Freilich!« sagte sie. »Mich ginge der Kuß ja nichts an.«

»Na,« meinte Gastelmeier, der am liebsten das Mädchen am Arm genommen

und aus dem Saal geführt hätte.

»Hat Sie ein Hund schon geküßt?« fragte Olly, »so was man von einem

Hund küssen nennt. Das ist unangenehm und man sieht zu, daß es nicht

geschieht.« Ihre Augen hatten schon wieder etwas in der Menge entdeckt,

was ihre Aufmerksamkeit ganz in Anspruch nahm. »Nein,« sagte sie wie

zu sich selbst, »wie soll man Künstler sein, wenn man das Leben nicht

kennt!«

Gastelmeier wendete sich an Anne und sagte leise: »Denk' nicht schlecht

von ihr. Du solltest sie einmal zu Hause sehen, so ein braves Mädel.

Sie ist nicht wie die meisten andern, und sie malt wirklich brillant,

da könnte sich jeder Mann freuen, wenn er's so fertig brächte. Aber

weißt du: -- es ist doch schad' an einem Mädel.«

»Schad'?« fragte Annele. »Ich mein', ich versteh' sie, besser als du

sogar. Das ist nicht schad'. Sie ist ein mutiges Mädchen.«

Das sagte Annele und das Herz that ihr dabei weh, als wollte es

zerbrechen -- aber sie mußte es sagen.

»Du, das wundert mich von dir. Ich dachte, die Art müßte dir

mißfallen,« erwiderte er darauf.

Annele brach das Gespräch ab und schaute in das Getümmel hinein, als

wenn sie etwas sähe; sie sah aber nichts, was um sie vorging, nur

immer die eine einzige Öde, in der sie von nun an, wie es ihr schien,

für immer zu leben hätte.

»Wie ist denn das mit dem Gerichtsvollzieher?« fragte sie nach einer

Weile leise.

»Was meinst du denn?« flüsterte Gastelmeier.

»Sie sagte doch, es käme morgen einer zu ihnen. War das ein Spaß?«

»Unmöglich,« meinte Gastelmeier; bei sich aber dachte er: ›Weshalb

nicht. Bei uns geschieht ja allerlei derartiges.‹

»Fräulein Olly,« wendete er sich wieder leise an diese, die eben eine

Pause im Plaudern gemacht hatte, »was war denn das vorhin mit dem

Gerichtsvollzieher?«

»Was denn? -- Daß morgen einer zu uns kommt? -- Im Ernst. Er holt nur

ein paar Sachen,« sagte Olly seelenruhig. »Wegen der Metzgerrechnung.

Der Mensch will nicht länger warten.«

»Ach so,« meinte Gastelmeier mit nicht ganz natürlicher Seelenruhe.

›Diese vollkommene Wurschtigkeit,‹ wie er in seinem Innern sich

ausdrückte, ärgerte ihn und doch hatte er wieder ein sonderbares

Gefühl der Bewunderung, wenn er an den Riesenfleiß des Mädchens

dachte -- und an Erwin, den guten Jungen, der wie ein Rasender weiter

komponierte an Dingen, die ihm nie ein Buchhändler abnehmen würde, der

Rufe aller Art an die Menschheit zur Umkehr in petto hatte, der sich

in Romanen empörte, empörte über Dinge, mit denen alle Welt zufrieden

war; und mit all dem Fleiß und all dem Hetzen konnten sie nicht ihr

ruhiges Stückchen Brot verdienen und zogen wie in eine Glückseligkeit

in dieses fruchtlose Treiben auch noch Emil, den armen Burschen, mit

hinein. Ollys Talent war auch durchaus nicht brav und den Menschen

wohlgefällig. Es war eigenartig, nicht einschmeichelnd.

›Armes Ding,‹ dachte Gastelmeier. Er hätte das schöne, zarte Geschöpf

in seine Arme nehmen und sie aus dem seelenverzehrenden Treiben

hinaustragen mögen. Er fühlte sich so ganz als den typisch starken

Mann und sah in ihr das typisch schwache Weib. Wohin sollte der

jetzige Zustand führen? Er sah sie in Not und Elend, den zarten Körper

gebrochen von Überarbeitung, Hunger und Elend -- und er konnte sie sich

doch nicht mutlos vorstellen, und nicht ohne Feuer und Lebenskraft.

Er sah sie in allen Lagen und er konnte sie sich nicht gedankenlos und

nicht schlecht vorstellen und auch nicht verzagt. Noch nie hatte ein

Weib ihn so erregt, noch nie hatte er über ein Weib so nachgedacht,

das Geistige so empfunden. Bisher hatte nur Frische der Jugend auf ihn

gewirkt. Aber hier -- ja, die Jugend liebte er auch hier; aber dieser

junge, schöne Körper schien die leichte Hülle von etwas ihm Unbekanntem

zu sein, das hier für ihn zum erstenmal das Körperliche durchleuchtete.

Ja, zum erstenmal. Bisher waren für ihn alle Weiber Körper mit etwas

Herz gewesen, mit so viel Herz, als gerade notwendig -- und dies Herz

war ihm als etwas unsäglich Langweiliges erschienen. Und nur das ganz

junge Weib war für ihn Weib; wo er diese Jugend nicht mehr antraf, war

für ihn auch das Weib nicht mehr vorhanden, etwas Andres war an dessen

Stelle getreten, etwas Unerfreuliches. Seine Mutter hatte er geliebt,

weil sie eben seine Mutter war. Annele war ihm lieb, weil sie zu ihm

gehörte. Ein fremdes Volk waren sie ihm alle gewesen, eine unter

ihm stehende Menschenkaste, etwas, was ihn vorderhand gottlob nichts

anging, von dem er sich aber Ideale zu machen liebte, an die er selbst

nicht recht glaubte. Und das Ideal, das er sich gemacht hatte, pfropfte

er allen auf, mit denen er in Berührung kam. Auch hier bei Olly wollte

er es versuchen, aber er wußte nicht recht damit fertig zu werden. Die

Pflanze war ihm zu fremd.

Übrigens hatte er sich diesen Abend anders vorgestellt. Das Mädchen

hatte nur Augen für das, was um sie her vorging, und er hätte sich

gerade vor Annele gern zeigen wollen. Daß Olly ihm soweit gut gesinnt

war, wußte er, und so ein Abend war eigentlich die Gelegenheit, seinem

freundlichen Verhältnis zu ihr eine etwas andre Richtung zu geben, eine

Richtung, die er sehnlichst herbeiwünschte. Als sie bei einander saßen

und der Strom immer neuer Masken sich an ihnen vorüberwälzte, wendete

sich Olly zu ihm, nachdem sie längere Zeit stillgesessen, und sagte:

»Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr Gastelmeier.«

»Nun?« fragte Gastelmeier gespannt. Er war wie elektrisch geladen, jede

Verbindung mit Olly ließ ihn Funken sprühen, die ihm das Herz für

einen Augenblick erleichterten.

»Führen Sie uns in die Zentralsäle. Ich muß das auch sehen.«

Da war es ihm aber, als habe er einen Schlag ins Gesicht bekommen. Das

hätte sein Ideal, das er sich vom Weibe gemacht hatte, nie gesagt. Sein

Ideal hätte überhaupt nichts davon gewußt, daß Zentralsäle existieren,

wenigstens von jenen Faschingsbällen hätte es nichts gewußt, und

hätte es etwas gewußt, so hätte es dies doch nie und nimmermehr einem

männlichen Wesen eingestanden.

Aber Olly kümmerte sich um sein Ideal, wie es schien, nicht im

geringsten. »Kommen Sie,« sagte sie eifrig.

»Nein, Fräulein Olly, das geht nicht,« antwortete er, nachdem er

sich von seinem Schreck erholt hatte, »und ich muß mich wundern, wie

Sie überhaupt auf diese Idee kommen.« Er setzte eine gewissermaßen

väterlich würdige Miene auf.

»Sie sind etwas begriffsstutzig, mein Herr!« sagte Olly komisch und

ungeduldig. »Ich möchte wissen, wie oft ich es Ihnen erklären muß.«

»Ach so,« meinte Gastelmeier, der die Künstlerschaft Ollys immer

vergaß; daß ein Weib noch etwas andres als Weib sein könnte, war ihm

noch zu neu. Diesmal sah er es, mochte es nun sein wie es wollte,

für seine Pflicht an, Ollys Wunsch nicht zu erfüllen. Das war ja

überhaupt kein Wunsch, der zu berücksichtigen wäre. Ins Gesicht hätte

er sich schlagen müssen, wenn er ein junges, unschuldiges Mädchen aus

anständiger Familie zu einem solchen Ball hätte führen wollen, er,

Gastelmeier!

Aber bleibe einer seiner Würde treu, der in einen Strudel gerissen

ist, und so ein echter, rechter Liebesstrudel ist in dieser Beziehung

gefährlicher als irgend ein Sturm oder Wasserwirbel.

Im Lauf einer halben Stunde befanden sie sich alle drei einmütig

miteinander auf dem Weg nach den Zentralsälen. Die Mädchen hatten

Lärvchen und Kapuzen wieder aufgesetzt, -- den Ausschlag zu diesem

Entschluß hatte Annele gegeben, Gastelmeiers gutes, einfaches Annele.

»Gehen wir doch,« hatte sie gesagt, »wenn sie es will, weshalb denn

nicht -- wenn sie's zu ihrer Malerei braucht? Ich kann mich nicht

anders ausdrücken,« fuhr sie ruhig und bedächtig fort, »wenn ich eine

Kuh malen könnte, würde ich sie auch nicht während der Stallfütterung

malen, sondern wenn sie auf der Weide ist.«

»So,« sagte Gastelmeier, »die Weiber halten immer zu einander.«

»Was anders wie im Luitpold wird's ja doch wohl auch nicht sein,« sagte

sie. »Rechte Kälber sind's. Jedes macht so seine Sprünge. Ein bissel

Freiheit -- dann ist's bei Mensch und Vieh das Gleiche.«

Olly und Annerl fanden sich ganz gut zu einander. Und Annerl war

tapfer. Gerade weil Olly es war, durch die ihr so weh geschah, gerade

deshalb mußte sie ihr beistehen.

»Ich halt' mich fest an dir,« sagte Annerl zu Gastelmeier, als sie die

steile, steinerne Treppe zu den Zentralsälen hinaufstiegen.

»Thu das nur, und Sie auch, Fräulein Olly.«

Die ganze Treppe entlang standen trübselig alte verdorrte Tannen, die

hatten schon den ganzen Winter als Schmuck gedient und verloren jetzt

die braunen Nadeln. In den Korridoren, wo die Menschen eng an den

Zweigen vorüberstreiften, waren die trockenen Bäume zu Besen geworden.

Zwischen diesem elenden Festschmuck drängte die Menschenmenge ein

und aus, Männer und Frauen, lauter junge Frauen in meist schwarzen,

eleganten Kleidern mit bloßen Armen und Schultern. Fast alle hatten

ihr schwarzseidenes Lärvchen vor und eine sonderbare kapuzenhafte

Kopfbedeckung. Unsre drei hatten schon genug derlei Gestalten im Café

Luitpold gesehen.

Annele hielt sich eng an Gastelmeier fest. »Nicht du, du nimmst

mir's net übel, wenn ich mich fest halt'?« sagte sie noch einmal.

Und es lag etwas in dieser Frage, das jedem andern aufgefallen wäre,

nur Gastelmeier nicht, der beunruhigt und erregt mit seinen beiden

Schutzbefohlenen vorwärts strebte.

»Also ihr wollt wirklich?« fragte er noch einmal.

Der Rangierbahnhof · 第 15 / 30 题