Alles war nun schon vorüber, alles Erwarten, unendliche Naivetäten
und Thorheiten, ein gut Teil Kämpfe, Enttäuschungen, Braut- und
Bräutigamsstimmung. Sie hatten im Mai, zur größten Zufriedenheit
der Familie in der Blütenstraße, geheiratet -- und nun war es schon
Weihnachten, der Sommer war vorüber und mit dieser Wandlung waren
allerhand menschliche Wandlungen vorgegangen.
Wie einen Traum hatte sie Verliebtheit, Verlobung und die Hochzeit
über sich ergehen lassen. Es hatten ihr Betrachtungen gefehlt, die ein
ganz in gesunden Verhältnissen stehendes Mädchen gemacht haben würde,
es hatten ihr auch die süßbräutlichen dämmerhaften Gefühle gefehlt.
Sie hatte bisher eine Sehnsucht nach Liebe kaum empfunden. Ihre Seele
war immer ausgefüllt gewesen, so ganz und voll ausgefüllt. Diese
»Liebesgeschichte«, wie sie sich in ihren Gedanken ausdrückte, war
eigentlich etwas Unnötiges. Sie fand kaum Platz in ihr.
Während der ganzen Zeit ihrer Verlobung war sie einen Druck, der über
ihrem Gemüt lag, nie ganz losgeworden, so einen etwas bangen Druck, wie
sie ihn früher wohl ähnlich nach einem übereilten Kauf empfunden hatte.
Dies Gefühl war ihr bekannt genug, denn so lange sie denken konnte,
war jedesmal, sowie sie Geld hatte, etwas gekauft worden, für das sie
eigentlich keine Verwendung fand.
Während der Zeit ihrer Verlobung hatte sie auch öfter einen Traum
gehabt, den sie hin und wieder träumte, immer, wenn ein Besitz sie
bedrückte: Räume voll Sachen, voll lauter Sachen und Lumpen. Alles
vollgepfropft, von oben bis unten -- beängstigende Massen, und alles
ihr gehörig, und sie sollte es unterbringen und ordnen. Die Sachen
quollen und quollen und wurden mehr und mehr. Sie wußte sich nicht zu
raten und zu helfen. Die Lumpenmassen wuchsen um sie her und verbauten
ihr Licht und Luft, es wurde enger und enger, sie erdrückten sie.
Das war ein Traum, der die kleine Tagesempfindung ins riesenhafte
verzerrte. Und sie erwachte nach diesem Traum immer seelenbedrückt und
erschüttert von einem unbestimmten Grauen. Es fiel ihr auf, daß sie
diesen Traum während ihrer Verlobungszeit öfters hatte; aber sie dachte
nicht darüber nach. Sie war eben noch gar nicht dahingekommen, über das
Leben nachzudenken. Es kam, wie es ihr schien, alles von selbst, und
machte sich alles von selbst, es lebte sich von selbst. Ihre Gedanken
gehörten alle ihrer Kunst; da waren sie geschäftig wie die Ameisen, da
bauten und bohrten sie und arbeiteten und kämpften. -- Um das Leben?
Hatte sie diese Verlobung erstrebt? Nie! Und sie hatte sich gemacht.
Es waren alle möglichen Annehmlichkeiten gekommen. Olly war mit
einemmal wie in eine leichtere heitere Luft versetzt. Blumen -- überall
Blumen für sie. -- Jedermann war mit ihr, als wäre sie neugeboren,
ganz anders als mit der unverlobten Olly. Man hörte mehr auf sie. Auf
ihre Wünsche wurde Rücksicht genommen, so wie früher, wenn sie ihren
Namenstag hatte. Und er? Daß ein Mensch so ununterbrochen gut und
glückselig sein konnte, so ein Mensch mit einer Glatze! -- und wegen
ihr! -- Großer Gott, wegen ihr?
Sie träumte das Leben. Es war noch kein Leben aus Fleisch und
Blut. Während der ganzen Verlobungszeit blieb sie bei ihren festen
Arbeitsstunden und duldete auch nicht, daß Gastelmeier früher aus
seinem Atelier kam, um ganz still und artig hinter ihrem Stuhl zu
sitzen und ihr bei der Arbeit zuzuschauen. Sie wollte das nicht.
»Keine Eingriffe, nein, nein, keine Eingriffe in mein Recht!« sagte
sie ihm dann lachend. »Du weißt es ja -- die Bedingung: wir heiraten
einander -- du weißt doch unter welcher Bedingung?« Dann sah sie
fragend und gespannt auf ihn. »Daß ich bei dir arbeiten darf?«
Sie wollte ihre Antwort.
Und er schloß sie in seine Arme und bedeckte sie mit Küssen. »Freilich,
freilich, mein Schatz,« sagte er und dachte wohlgelaunt und leichten
Herzens: »Laß nur erst einmal alles kommen, was kommen wird.«
Er dachte an ihr erstes Kindchen und sah ein Bild vor sich, so
unbeschreiblich entzückend für ihn, daß er das Mädchen gar nicht
aus den Armen ließ. Er sah im Geiste, wie warm, wie mütterlich diese
jungen, dunkeln Augen einmal glänzen würden. Er wollte ein Heim haben!
ein Heim! so warm, so sicher -- so ganz nach seinem Sinn. Er wollte sie
verpflanzen, dieses blumenhafte Wesen. Sie sollte gedeihen in einer
besseren Luft, in gesunden Verhältnissen, bei ihm, im Schutz seiner
Liebe.
Er wollte sie einer verzehrenden Zukunft entreißen. Er dachte: ›Wenn
ich sie nicht heiratete -- was würde wohl aus ihr? Fände sich einer,
der den Mut hätte, sich mit diesen Leuten, dem Mädel zulieb, zu
verschwägern? Und wenn sich keiner fände, würde wirklich diese Kunst
sie beglücken können, diese wütende Kunst, wie sie sie auffaßt, die
keinen Frieden und kein Genügen kennt? Und wenn die Arbeit mit dem
Erfolg in keinem Einklang stünde? Würdest du die Kraft haben, armes
Geschöpfchen?‹ dachte er zärtlich, ›und Entbehrung und ewige Kargheit?‹
Er hielt sie immer noch an seinem Herzen und streichelte ihr, ganz
gerührt über sich und sie und alles, den krausen Kopf. O, sie sollte
es gut haben und er wollte es gut haben. Die zu Hause sollten wahrlich
nicht recht behalten mit ihrer Unzufriedenheit. Wenn ihm Annele nicht
beigestanden hätte, er wäre mit seinem guten Alten wegen dieser
Verlobung in Unfrieden gekommen.
So aber war der alte Frieden halbwegs erhalten geblieben.
* * * * *
Am Hochzeitstag während der Trauungsrede -- als ihr der Geistliche mit
ernsten, schweren Worten kam, mit Worten, die so schroff und fest wie
Felsen standen, so düster und fremd, die sie mit dem heitern, harmlosen
Wesen, das die ganze Sache bisher für sie gehabt hatte, gar nicht in
Einklang bringen konnte -- da war sie innerlich erstarrt vor Schreck
und Grauen. Was hatte sie eigentlich gethan? Was für ein furchtbarer
Schritt war das? Weshalb hatte man nicht früher mit ihr so gesprochen,
als es noch Zeit war? Weshalb nicht? --
Eine unnennbare nervöse Angst hatte sie gepackt. Ihr schwindelte; durch
den weißen, duftigen Schleier, der ihr halb übers Gesicht fiel, sah sie
wie durch einen weißen Nebel die Gestalten der Hochzeitsgäste, sah
ihre Mutter fassungslos in Thränen aufgelöst, so haltlos wie immer;
das verblüffte Gesicht Emils -- und Erwins Gesicht, dieses kraftlose
Gesicht, und Tante Zänglein, die sich immer amüsierte -- und die
fremden Verwandten.
Kühle Gesichter. -- Annele war die einzige, die sie nicht sehen konnte.
Da war kein Gesicht, das ihr gesagt hätte: Komm her zu mir, ich will
dich erquicken, ich will dir helfen, -- keins.
Der Mann neben ihr? Das war ja das Schreckliche! Wie standen sie zu
einander? Unzertrennlich! -- Er gehörte zu ihr für ewig und sie zu
ihm -- und noch nie war er ihr so fremd erschienen. Sie erschauerte
und zitterte und wollte sich stützen, -- aber nicht auf ihn, auf sich
selbst -- und sie hielt sich fest und krampfhaft mit eigenen Kräften.
»Nein, ich will mein eigen sein,« flüsterte sie unhörbar, unbewußt --
und er zog sie zu sich heran, weil er mit Schrecken ihre tiefe Blässe
gewahrte, und wieder war es die sanfte, liebevolle Art sie zu halten,
die ihr dabei Trost gewährte. Aber er hielt sie nun doch als sein
Eigentum, so oder so.
Eine unnennbare Furcht hatte sich ihrer bemächtigt, eine Furcht vor
allem, was kommen sollte -- und ein Zorn darüber, wie man sie hatte
hinleben lassen bisher, wahrhaftig ohne ein einziges vernünftiges Wort!
Nie den Kern berührt, immer gedankenlos! Und nun kamen diese Gedanken,
diese nie berührten Gedanken, diese dunkeln Ahnungen, diese Furcht,
dieses Bangen, durch düstere fremde Worte geweckt. Auf Orgeltönen kamen
sie heran, schwer, mächtig, erdrückend, in wüstem Durcheinander -- und
schwollen an wie Wasserwogen, und stiegen ihr bis ans Herz und höher
und höher, bis zum Ersticken.
Dann war Stille. -- Die Feier war zu Ende, Küsse und Thränen,
feierliche, sachgemäße und gerührte Gesichter, ein Weinkrampf der Mama,
so ein Durcheinander von unklaren Äußerungen aufgeregter Gefühle --
und sie hing am Arm ihres Mannes, der diesen Arm fest an sich gedrückt
hielt. Es war alles wie ein wirrer Traum, so bang, so wesenlos.
Sie aber wollte eine Gewißheit, eine einzige Gewißheit in diesem
Gefühlsüberschwall, und sie neigte sich zum Ohr des tiefbewegten Mannes
und flüsterte ihm erregt zu: »Eins sag mir -- nur das eine: Läßt du
mich arbeiten? Bleibt's dabei?« Sie fragte so angstvoll.
»Olly,« hatte er ganz erstaunt geflüstert, »Kind! Weißt du jetzt nichts
andres; weißt du wirklich jetzt nichts andres?«
»Nein, antworte,« bat sie flehentlich.
»Arbeite,« sagte er, »so viel du willst, weshalb nicht?«
Es war nicht, was sie hören wollte. Das rechte Wort war es nicht. Aber
was war das rechte Wort? Sie hätte es selbst nicht gewußt. Sie wollte
Lebensklarheit -- und Lebensklarheit war ihr nur das eine, ihre Kunst.
Ein Weg, den sie gehen konnte, der sie ihrer Kunst näher und näher
führte -- und was hatte sie gethan! -- Hindernisse über Hindernisse
sich selbst aufgetürmt, in einem Rausch des Wohlbehagens. Es hatte
ihr das »Geliebtsein« wohlgethan. Die herbe Luft um sie her war mit
einemmal frühlingsweich geworden; ihr war zu Mute gewesen, als wäre
sie durch seine Liebe etwas Besseres geworden, etwas Zarteres, und das
alles ohne daß sie selbst diese Liebe recht erwidert hatte. Sie hatte
sie geduldet, sie war ihr angenehm.
Und nun, welche Verantwortung, welcher Schritt! Wie ein Schleier war
es ihr von den Augen gefallen. Dumpf, in Gedanken versunken, saß sie
damals neben ihm im Wagen, der sie von der Kirche in die Blütenstraße
zu den Gästen zurückführte -- dumpf und grübelnd ohne jenes
bräutlich-süße Glück, das ihr junger Gatte in ihrem Schweigen vermutete
und anbetete.
Die sonderbare Frage nach der Trauung lag ihm aber trotzdem schwer
im Sinn. ›Was sollte das sein?‹ dachte er bei sich. ›Weshalb fragte
sie gerade das und nichts andres? Was dachte sie sich wohl dabei?‹
Forschend blickte er auf das schöne, bleiche Geschöpf neben sich, das
in seinem weißen Kleide, wie es ihm schien, scheu und zaghaft in den
Wagenkissen lehnte.
Er selbst hatte ihr den Stoff zu diesem weißen Kleide geschenkt und
sie, die kleine Person, hatte ihn sich selbst zugeschnitten, diesen
kostbaren Stoff! Und die flinken, verwegenen Hände hatten etwas zu
stande gebracht, was so wenig einem ehrbaren steif-jungfräulichen,
weiß-atlassenen Brautkleide gleichsah -- etwas so wunderlich
Reizvolles, etwas so leichtmütig Lebensfrohes, was sich dem jungen
Körper wie zu ihm gehörig anschmiegte: weite Ärmel, die im Rücken
zurückgenommen waren, die Taille lose wie nur umgesteckt, aber das
Ganze von einer reizenden Eleganz und Lebensfreudigkeit -- alles, nur
kein Brautkleid. Und wie es genäht war! Annele hatte sich darüber etwas
ausgelassen. Kein Mensch außer Olly hätte es tragen können. Tante
Zänglein hatte sich über den »Lumpen,« als sie es liegen sah, totlachen
wollen, wie es Olly aber trug, sagte sie: »Alle Achtung! Aber -- aber
-- aber -- aber.« Weiter hatte sich Tante Zänglein über diesen Fall
nicht vernehmen lassen. Sie hatte bedeutungsvoll das Näschen kraus
gezogen, mit den Äuglein gezwinkert, wie sie es immer that, wenn etwas
sie alterierte und zugleich amüsierte.
Später aber hatte sie sich doch nicht enthalten können, ihrem Freund
Gastelmeier bei Gelegenheit zu sagen: »Haben Sie sich Olgas Brautkleid
angeschaut? Da steht eine ganze Geschichte darin und darum und
daran. Lesen Sie nur: -- künstlerisch. Wenn's gut geht wird's ein
sehr lustiger Haushalt! -- und eine Frau, ein Engel von einer Frau,
leichtlebig, lieb, voller Einfälle, ganz köstlich! Wenns Ihnen glückt,
verliebt, und wie verliebt! Ja, solche Frauen, wenn s' erst erwacht
sind, verstehen Sie? Aber, aber -- Temperament ist in dem Kleid, sind
Sie dem gewachsen? Glückssehnsucht zum Närrischwerden -- künstlerisch
-- das ist das erste. All diese lustigen Dinge miteinander verbrennen
die Suppe, und Gott gnade der ganzen Geschichte! -- So geht's wenn's
lustig geht und Geld da ist; aber der Himmel behüt' Sie, wenn's nicht
lustig geht. Wissen Sie, ich habe schon manche Brautkleider gesehen.«
Sie zwinkerte mit dem Äugelchen und zog das Näschen kraus. -- »Aber so
eins!«
Gastelmeier hatte noch nie so ein allerliebstes altes Geschöpfchen
gekannt. Er ließ sie immer plaudern, ohne sie ernst zu nehmen. Ihr
langer Reisegefährte, der mit ihr nach Italien gehen sollte, um ihr
vorzujodeln, nannte sie das alte Nixerl. Das gefiel Gastelmeier.
* * * * *
Damals, als Olly in ihrem Mädchenstübchen das Brautkleid ablegte, um
sich für die Hochzeitsreise anzukleiden, hatte sie die Thüre hinter
sich geschlossen. Es war in der Stunde der ersten Mai-Abenddämmerung.
Ganz gelassen rückte sie ihren Toilettenspiegel zur Hand, ließ sich auf
einen Stuhl davor nieder und nahm langsam Kranz und Schleier aus dem
Haar. Ein Spitzenkragen lag reich gefaltet um ihren Hals und ließ den
Ansatz dieses schönen Hälschens frei. Sie faltete die Hände ineinander
und sah ihr Spiegelbild an. Das Licht war weich und golden.
»Doch ein herrliches Geschöpf!« sagte sie und war im eigenen Anblick
ganz versunken. »Schade -- das ist's -- schade.« Sie träumte und
grübelte und sah unverwandt sich selbst im Spiegel an. Sie hatte das
früher oft schon gethan und immer in aller Gemächlichkeit, einfach ohne
alles Verstecken. Sie liebte ihr Gesicht, ihre Gestalt, ihre Hände.
-- Es war ihr das alles sympathisch und sie hatte sich dankbar ihrer
Schönheit gefreut. Diese Schönheit war ihr Eigentum. Sie kannte sie und
wußte sie zu beurteilen. Wie ein Kunstwerk betrachtete sie sich selbst.
Für dieses Gesicht hatte sie in stillen Stunden alles Glück der Erde
zusammengeträumt.
Ruhm -- das war das erste. Wie sie danach dürstete! Wie würden diese
Augen blicken, dann, wenn das Große geschehen sein würde, wenn Ruhm
und Ehre ihr erst zugefallen waren! Ruhm, das was man Ruhm nennt: von
den Menschen gekannt und bewundert zu sein! Den einzigen Lohn für das
heiße Streben! Und weshalb nicht? Was waren sie alle, die mit ihr
arbeiteten, die mit ihr begonnen hatten, gegen sie! Sie war ihnen allen
voraus, weit voraus. Aber man lebt wie im Traum, die Dinge verwandeln
sich einem vor den Augen wie im Traum -- und wie in einem solchen
Traum war es geschehen, daß sie neugierig und leichtsinnig hatte
versuchen wollen, wie das Geliebtwerden der armen Seele thut -- das
Geliebtwerden! Und so war sie dumpf diesem Wunsche gefolgt, Schritt für
Schritt, und es war alles in schönster Ordnung vor sich gegangen und
doch alles im tiefsten Traum.
Die dumpfen Orgeltöne, die schwerwiegenden Worte brausten ihr
immer noch im Kopfe. Die Verantwortung lag auf ihr, die war
nicht abzuschütteln -- der nüchterne Mann mit der Glatze, den
glückstrahlenden Augen, den fidelen Bewegungen, der war nicht mehr von
ihr fortzudenken. Sie war nicht mehr allein. Schrecklich! Wie es sie
durchrieselte!
Sie schaute unverwandt ihr Spiegelbild an. Wie blaß sie war! Einen
gespannten Zug um die Lippen, die Augen so weich und groß, wie nach
Hilfe ausschauend. Sie beobachtete diesen Ausdruck wie etwas Fremdes.
Wie unverantwortlich hatte sie gehandelt, wie thöricht! Welche Last
hatte sie auf sich genommen, und weshalb?
Es war der Herzenszug nach Zärtlichkeit gewesen, der sie dazu getrieben
-- auch dumpf -- kaum bewußt.
Sie liebte eine süße ruhige Zärtlichkeit. Niemand von den Ihrigen
hatte es verstanden, ihr die zu gewähren. Hätte sie jemand zu Hause in
der Dämmerstunde an sich gezogen und sie zart geliebkost, wie man ein
Kätzchen auf den Schoß nimmt und streichelt, dann wäre das Sonderbare
nicht geschehen -- vielleicht nicht geschehen, daß des kleinen Mannes
weicher Händedruck, das Von-ihm-berührt-werden, als wäre sie ein
Heiligtum, ihr das Herz geschmolzen hätte.
Aber diese Heiligtumszärtlichkeit hatte sie an ihm während ihres
Brautstandes vermißt, diese schützende schirmende Zärtlichkeit. Heiße
Küsse, stürmische Liebe, das war es nicht, wonach ihr Herz verlangte,
nein, jener weiche Hauch der Zärtlichkeit, der fast geistig ist, der
Leib und Seele verklärt, das war es.
»Unbegreiflich!« sagte sie zu sich selbst. Und jetzt sah sie ein
Aufleuchten in ihren Augen. Das innere Seelenfeuer, das sie wohl
kannte, bei dessen Flackern sie sich glücklich, groß und stark gefühlt
hatte. Durch alles und über alles hinaus ans Ziel! Ist die Last des
Lebens größer geworden, dann soll es auch die Anstrengung werden, der
Kampf auf Leben und Tod.
»Es nützt dir nichts, du guter Mensch,« sagte sie, »daß wir jetzt nicht
nach Paris gehen; du willst eine echte rechte Hochzeitsreise, und
fürchtest dich, daß eine gewisse Olly ... Jawohl, wir kennen dich! Das
mit Paris versprachst du -- und hast's gebrochen, das heißt, du hast's
verschoben, du kluger Mensch!« Sie lächelte. »Das hilft dir alles
nichts. Nach Paris kommen wir noch, und glaub' ja nicht, daß ich von
meinem eigensten Weg abweiche -- nein, nein, mein Junge!«
Da stand sie auf und legte langsam Stück für Stück ihres Brautschmuckes
ab. Lächelnd sah sie die zusammengeheftete Taille an, die großen weiten
Stiche. »Stimmt,« sagte sie, »leichtsinnig zusammengeflickt. Riesig
leichtsinnig!« -- Sie legte die Taille achtlos beiseite. »Aber schlecht
bin ich nicht,« sagte sie nach einer Weile ernst, »was ich thun kann,
thue ich. Du weißt nicht, was du dir geheiratet hast, du guter Mensch;
aber so schlimm, wie's werden könnte, soll's weiß Gott nicht werden,
das schwör' Ich dir, hier mit mir allein schwör' Ich dir das.«
Das sagte sie ernst und rückte ihren Spiegel beiseite, um in dem engen
Zimmer mehr Platz zum Ankleiden zu bekommen.
* * * * *
Wie schon gesagt, feierliche und thörichte Stunden, Stimmungen aller
Art, zärtliche und wehmütige Flitterwochenstimmungen, Verdruß und
Versöhnung, auch Langeweile und Kummer, alles, was ein junges Paar in
der ersten Zeit der Ehe durchzuleben hat, lag mit dem ersten Sommer
ihrer Ehe hinter ihnen.
Sie hatten Erlebnisse aller Art hinter sich. Gastelmeier meinte, in
sechs Jahren sei bei ihm bisher nicht so viel passiert, wie in den
sechs Monaten seit seiner Verheiratung, lächerlich viel!
Auf der Hochzeitsreise hatte er sich vorgestellt, daß er nach
Herzenslust bummeln würde und sie mit ihm; er hatte sich aber geirrt.
Sie hatte angestrengt gearbeitet von früh bis zum Abend, Tag für Tag,
unermüdlich. Sie waren miteinander am Morgen mit ihren Malgerätschaften
ausgerückt und er hatte zum erstenmal im Leben Gelegenheit, den
bedürfnislosen, unzerreißbaren Fleiß gewisser Frauennaturen zu
beobachten, ihr Nicht-rechts-und-links-schauen bei der Arbeit.
Freilich, lieber hätte er diese Beobachtung nicht gerade jetzt an
seinem eigenen jungen Weibe gemacht. Unendlich viel lieber wäre er
mit ihr bergauf und bergab vogelfrei in die schöne Welt gezogen; aber
da war etwas, das seinen Willen brach, etwas Unbezwingliches. Ein
paarmal hatte er es durchgesetzt: sie waren miteinander gewandert,
aber es war nicht die rechte Freudigkeit dabei gewesen. Sie war auch
nicht besonders gut zu Fuß, ermüdete schnell und schien bei allem,
was sie sah, präoccupiert zu sein. Sie genoß die Natur nicht naiv und
einfach, verarbeitete im Geiste immer was sie sah und war immer von dem
Triebe erregt, wie sie wiedergeben würde, was sie sah. Sie kannte kein
Ausspannen, kein Vergessen. Wenn ein Weib sich einer Sache wirklich
hingiebt, giebt sie sich grenzenlos hin. Das liegt in der Natur des
Weibes: sie giebt sich der Kunst hin, wie sie sich der Liebe hingiebt,
auf Tod und Leben!
Er hatte es sich nicht vorstellen können, daß Olly diese Arbeitskraft
hatte, und doch, wenn er sah, wie sie vorgeschritten war in ihrer
Kunst bei ihrer rührenden Jugend, so mußte er an heiße Arbeitsstunden,
an einen heiligen Eifer glauben. Wie hatte er selbst mit zwanzig
Jahren sich behaglich an das Studieren gemacht! Was war er mit zwanzig
Jahren gewesen, was hatte er gekonnt? Mein Gott, wenn er sich mit Olly
verglich! Er hatte arbeiten, aber auch das Leben genießen wollen. Das
ganze Leben lag damals vor ihm. Er konnte wie ein Verschwender damit
umgehen und hatte es gründlich gethan -- und hier bei diesem jungen
Weib war ihm zu Mute, als arbeite sie wie ein zum Tode Verurteilter,
der ein großes Werk noch zu guter Letzt mit Hangen und Bangen zu stande
bringen will. Ja, so war es; er hatte diesen peinigenden Eindruck von
ihrer Art zu arbeiten. Dabei war sie liebenswürdig, geduldig, war sein
süßes, kleines Weib. Er fühlte sich in keiner Weise enttäuscht. Er
hatte ihr nichts vorzuwerfen. -- Doch! Sie war ihm gewissermaßen fremd
geblieben. Er gewöhnte sich nicht an sie. Sie erregte ihn. Sie war das
Weib nicht, das in der Person ihres Mannes aufgeht.
In der ersten Zeit ihrer Ehe sagte er manchmal zu ihr: »Wenn ich dich
doch einmal ganz hätte -- deine ganze Seele und deine Gedanken! Du
bist nicht wie eine verheiratete Frau, sondern wie ein leichtsinniges
Mädchen, die im Arme des einen an den andern denkt. Dieser andre ist
deine Kunst.«
»Du wußtest es ja,« erwiderte sie ihm darauf. -- --
In München hatten sie sich ein Nest eingerichtet, ein Atelier und ein
paar Zimmerchen. Sie wollten beide in demselben Atelier arbeiten so
lange, bis einmal die Einnahmen reichlicher flössen. Vor der Hochzeit
war das Nötigste besorgt worden, aber erst nach ihrer Zurückkunft
von der Reise machten sie sich daran, das neue Heim behaglich
auszustaffieren. Olly schien dies wirklich Vergnügen zu machen. Sie
stöberte alle möglichen Dinge auf, die andre Leute nie finden, zahlte
auch nicht unvernünftig, und Gastelmeier war glückselig, wie klug sie
sich der Sache annahm; aber eilig geschah alles, sie wirtschaftete
von früh bis abends, rannte zu den Antiquaren, es war kein Halten. Es
läutete alle Nasenlang, und Dienstmänner brachten etwas angeschleppt;
es polterte, hämmerte unaufhörlich, als wäre kein Augenblick Zeit zu
verlieren.
»Sag einmal, mein Schatz, weshalb denn so eilig?« fragte Gastelmeier.
»Ja, was meinst du, wieviel Zeit soll ich damit verlieren?« antwortete
sie.
Als aber alles soweit fertig schien und Gastelmeier ganz bereit war,
nun behaglich aufzuatmen, kam er nicht dazu. Er hatte auf vollkommene
Windstille gerechnet und wollte es sich nun in seinen vier Wänden
wirklich gemütlich machen; aber, was es nur war, mit diesem »sich
gemütlich machen« schien er immer noch warten zu müssen.
Sie hatten noch kein einziges Mal, so lange sie nun daheim waren, etwas
wirklich Vernünftiges gegessen. -- Während der Wirtschaftstage schien
dies Gastelmeier ganz erklärlich, trotzdem er sich nicht gerade wohl
dabei befand. Er war in seinem Restaurant, in dem er als Junggeselle
gespeist hatte, verwöhnt worden. Man hatte für ihn und einige seiner
Kollegen täglich ein bestimmtes Fleischstück auf eine besondere Weise
als Vorspeise, wie er es daheim gewöhnt war, zubereitet. Er war etwas
Gourmet auf seine Weise und hatte sich mit der Wirtin auf guten Fuß zu
setzen gewußt, so daß er wirklich wohlversorgt gewesen und gut gediehen
war. Seine Zunge war außerordentlich empfindlich und bei dem geringsten
Versehen hatte er sich dort ganz gehörig beklagt. Dieser Mittagstisch,
dem er präsidierte, hatte während seines Regiments einen guten Ruf
erlangt.
Olly in ihrer Bedürfnislosigkeit hatte die Küchenfrage sehr naiv
genommen. Zu Hause war sie auch an nichts besonders Ausgeklügeltes
und Wohlzubereitetes gewöhnt. Sie hatten es über so eine Art
»Schlangenfraß«, wie sie in München sagen, nie hinausgebracht, eine
Art, sich zu nähren, wie sie in den Familien üblich ist, in denen
die Frau keinen Sinn für Küche und Haushaltung hat. Die meisten
Menschen können bei einem so gleichgiltigen, langweiligen, seelenlosen
Sich-voll-füllen-müssen gedeihen; aber junge Männer, die beim Eintritt
in die Ehe sich zu solch einer traurigen Ernährungsweise verurteilt
sehen, werden mißmutig, ärgerlich, unritterlich, die Lebensfreudigkeit
wird ihnen ausgeblasen. Sie haben das bessere Leben in den Restaurants
während ihres Junggesellentums kennen gelernt und können vergleichen.
Olly hatte sich eine Köchin gemietet, ohne viel Federlesens zu machen.
Sie ahnte gar nicht, welch wichtiges Geschöpf die Köchin im Grunde ist.
Die Köchin aber ahnte sehr bald, daß das Schicksal sie wohl gebettet
hatte, daß sie Herrin auf ihrem Gebiet war, und daß das kleine Wesen
neben ihr im Haushalt nicht viel zu bedeuten hatte.
Olly arbeitete von früh bis zum Abend, nachmittags besuchte sie einen
Aktkursus, zwischendurch griff sie pflichttreu im Haushalt mit zu, --
aber wie im Dunkeln und ganz planlos. Sie versuchte zum Abendessen
etwas zu kochen, weil die Köchin um diese Stunde gewöhnlich ihren
eigenen Interessen nachging. Sie hatte eine Idee, sie wollte ein
Gericht zu stande bringen, das ihr vorschwebte. Da fehlten die Eier. --
Mein Gott und die Köchin war nicht da! -- Sie kam auf etwas andres, da
fehlte das Mehl.
Sie war müde, abgearbeitet. Es hätte alles behaglich für sie
besorgt sein müssen, nun mußte sie selbst sorgen. Und sie wußte
sich nicht zu helfen, es wirbelte ihr im Kopf; was sie anfaßte war
nicht in Ordnung. Sie begann zu kochen mit dem, was sie vorfand,
ein Phantasiegericht, das sich zuerst ganz gut anließ, schließlich
verkleisterte oder zusammenrann und eine Ähnlichkeit mit Palettenschäbs
bekam, der von allen übriggebliebenen Farben, wenn sie auf der Palette
zusammengekratzt werden, sich bildet; trotz aller schönen Couleuren,
aus denen er besteht, immer ein unerfreuliches, schmutziggraues
Gemenge.
Ganz so ließen sich ihre Milch-, Fleisch-, Mehl-, Kartoffel- und
Gemüsegehäcksel an, die sie in Abwesenheit ihrer leichtsinnigen Köchin
bereitete und die sie manchmal in Schreck und Beschämung, nachdem
sie traurige Erfahrungen damit gemacht hatte, von der Pfanne ab ins
Feuer schob, wo ihr Gericht als trauriger Klumpen verkohlte, während
ihr Gatte im Zimmer auf und nieder ging, und sie einen höhnisch
prüfenden Blick der Köchin aushalten mußte, der ihr den Mut benahm,
die pflichtvergessene Person auszuschelten. Sie sagte dann nur zaghaft
im Gefühl ihrer Unsicherheit: »Ach, bitte, wären Sie so gut und liefen
schnell zum Metzger, aber bitte recht schnell!« Sie wagte sich dann
nicht ins Zimmer hinein, bis irgend etwas Eßbares im Hause war. Und
dabei war sie so müde.
Von ihrem dreizehnten Jahre an hatte sie angestrengte Arbeit gekannt.
Von dieser Zeit an hatte man sie studieren lassen; ein Freund ihres
Vaters, ein bekannter Maler, der das Talent des Kindes entdeckt, hatte
sie selbst ausgebildet. So war ihr das Leben des jungen Mädchens völlig
fremd geblieben. In ihrem Gefühlsleben war sie Kind geblieben und
Künstler geworden, rein und leidenschaftlich.
Das Leben und seine Anforderungen verwirrten sie; sie hatte in
nichts einen Überblick, denn sie trug die Dinge, die außerhalb ihrer
Kunst standen, nicht mit sich in den Gedanken. Sie sprangen immer
wie aus einem Nebel hervor, wenn sie dicht vor ihnen stand, und
erschreckten sie. Da war das Mittagessen, das immer herankam, wie ein
Schreckgespenst. ›Herr Gott, schon so spät!‹ -- Was war geschehen, was
nicht geschehen, was hatte sie mit der Köchin ausgemacht, was nicht?
Was gab's? Wie hatte sie's gemacht? Was hatte sie alles vergessen? Da
war ja noch so gut wie gar nichts! Was nun? Hundert Fragen und jede
Frage ein Schreck -- und mitten aus der Arbeit herausgerissen! Und
ihr Mann? Hatte er nicht schon nach der Uhr gesehen? Weshalb hatte er
nichts gesagt? Sie fragte ihn: »Weshalb sagtest du nicht, daß es schon
so spät ist?«
»Weil ich das unsinnige Auffahren nicht leiden kann.« Er war böse. Und
alles in Unordnung.
Die Wäsche! Das Wirtschaftsbuch, das Zimmerreinigen! Das Geldausgeben!
Die Zeiteinteilung! Das Heizen! Die unendlich vielen Mahlzeiten! All'
das waren Gespenster, die aus dem Nebel sprangen und sie immer von
neuem entsetzten.
Und wie sie sich mühte und quälte! Dabei malte sie ihr erstes Bild
nach einem bezahlten Modell, rannte abends in den Aktkursus und war
voller Hangen und Bangen, träumte von Ruhm und Glück und ging wie in
der Luft vor innerer glückseliger Arbeitserregung. Emil, ihren Bruder,
unterrichtete sie auch noch und ließ ihn nicht aus den Augen. Sie war
die Peitsche für seine Faulheit und ermüdete nicht und blieb bei Laune
und betete, daß es Gott ihr doch erleichtern möchte mit Emil, daß er
Eifer und Pflichtgefühl in ihm erwecken möchte, ihm so viel Kraft geben
möge, daß wenigstens etwas zustande käme.
Ja, das waren bewegte Zeiten und kein Wunder, daß Gastelmeier nach Ruhe
ausschaute.
* * * * *
Und da war etwas, das in Ollys Seele als unsägliche Bangigkeit
aufstieg, das wie eine dunkle Furcht nachts über ihr lag, wie ein
geheimnisvolles Grauen, das sie sich aus den Gedanken fortarbeitete am
Tag, das sie im Gebet zu ihrem Gott trieb. »Mein Gott, mein Gott! Nein
-- nein, noch nicht!«
Und heiße Thränen flossen deshalb, heiße, versteckte Thränen. Niemand
sollte fragen dürfen. -- Schweigen, schweigen. --
Sie arbeitete doppelt angestrengt. -- ›Wie ein zum Tode Verurteilter,‹
dachte Gastelmeier wieder. Ja, sie arbeitete in Angst und Bangen.
Gastelmeier selbst mußte sich gestehen, vortrefflich, überraschend.
Aber er gestand es sich schweren Herzens, halb unwillig, und Olly
empfand, daß er nicht mit ihr lebte. Das freilich hatte sie noch nie
von einem Menschen verlangt. Ihr Glück, ihr eigentliches Leben lag in
der Zukunft. Dann, wenn der Ruhm kam, dann, dann -- dann wollte sie
leben.
-- Aber jetzt -- da war nur ein Gedanke und der erdrückte ihr die
Seele. Sie fürchtete -- glaubte -- ahnte und es wurde ihr mehr und mehr
zur Gewißheit.
* * * * *
Und es kam ein Abend, da saßen sie miteinander im noch nicht erhellten
Zimmer. Das Feuer knisterte im Ofen. Draußen schneite es, und sie
hockte zusammengekauert in der Sofaecke. Sie war aus der Stadt gekommen
durch Schneegestöber, aus dem Aktkursus. Wie atemlos sie gearbeitet
hatte -- und wie müde sie war! Kalt, durch und durch kalt, die Füße
naß, und sie hatte nicht die Kraft Strümpfe und Schuhe zu wechseln. Sie
fühlte sich krank und ganz unter dem Druck einer Bangigkeit, die sie
nicht bezwingen konnte. Gastelmeier saß am Fenster.
»Olly, hast du deine Schuhe gewechselt?« fragte er.
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»Ich bin so müde,« sagte sie und fing zu weinen an.
Da war er bei ihr. »Was ist denn, mein armes Kind?« fragte er und
kniete vor ihr nieder.
Ja, jetzt kniete er, wie sie es sich einmal vorgestellt hatte, und sie
sah gerade auf seine Glatze, die im Dämmerlicht glänzte; das kam ihr
komisch und öde und langweilig vor -- trostlos mit einemmal.
Er faßte ihre Füße an. »Wie naß!« sagte er. »Komm, ich zieh' dir deine
Schuhe aus.«
Sie rührte sich nicht und er knöpfte ungeschickt die Stiefelettchen
auf, zog ihr die nassen Strümpfe von den Füßen und befühlte die
eiskalten Füße. Er rieb sie, holte eine Decke und wickelte die Füßchen
hinein. »Komm, leg dich doch bequemer,« sagte er.
Er blieb vor ihr knieen und streichelte sie, und es war, als wenn
er sprechen wollte. Er sagte aber nichts und es verging eine Weile,
während der es ganz still im Zimmer war, nur das Steinkohlenfeuer
knisterte leise. Endlich schien er zu dem, was er sagen wollte,
gekommen zu sein. Er bog sich ganz über sie hin, ganz zu ihrem Ohr.
»Olly, kleine Frau,« sagte er, »verschweigst du mir etwas -- etwas --
Olly, etwas?«
Er war sehr bewegt und hielt sie wie damals so liebevoll und zart, als
wäre sie ein Heiligtum. Er flüsterte ihr wieder ins Ohr. Da brach ein
Thränenstrom aus Ollys Augen, so gewaltsam und heiß und schmerzvoll,
und er bekam keine Antwort; ihr ganzer Körper war erschüttert, und er
faßte ihre Hände und fragte noch einmal dieselbe Frage und bekam eine
stumme Antwort, die ihn ganz verwandelte.
»Olly,« rief er glückselig, »nun wird alles gut!« Er strahlte, wie das
gewöhnlich ist bei dem ersten Wunder, und hielt sie in seinen Armen an
sich gedrückt, ohne darauf zu achten, daß das Geschöpf, das ihn eben
mit einem Kopfnicken so beglückt hatte, sich in Jammer und Angst und
Lebensverwirrung Leib und Seele zerquälte.
Wie sollte es werden? Sie fühlte sich so hilflos, so machtlos. Die
schweren, erdrückenden Worte am Traualtar brausten ihr wieder wie
Orgeltöne durch den Kopf. Es überstieg alles ihre Kräfte. Jetzt schon!
-- Das Leben drängte sich so übermächtig ein und trieb sie in die
Enge, sie aus ihrem Paradies, aus der Luft, in der sie allein leben
konnte. Sie sah nur Unglück und Trostlosigkeit, Kampf und Qual -- und
Gastelmeier war glückselig, schwatzte auf sie ein und war kreuzfidel.
Sie wendete sich ab. Er that ihr leid und kam ihr so komisch vor. Er
mißfiel ihr. Dann dachte sie wieder: ›Er ist ein armer Mensch.‹
Sie dachte das alles in einer unsinnigen Erregung. Und diese selbe
Nacht erkrankte sie schwer.