»Emil, ums Himmels willen, das ist doch nicht so bei dir?« rief Olly.
»Wer hat's denn behauptet?« meinte Emil gemütsruhig.
»Weshalb sagst du's dann?«
»Eben so.«
»Ja, was sollte mein Sohn denn wählen?« setzte die Mutter wieder ein.
»Die Künstlerschaft liegt ihm im Blute. Für was andres hat er auch
keine Begabung. Aus dem Gymnasium haben wir ihn genommen so bald als
thunlich. Er braucht nicht zu dienen, er ist nicht deutscher Unterthan.«
»Brillant fürs Leben gestellt,« sagte Emil trocken und altklug und
setzte seine ironische Maske auf.
»Mein zweiter Gatte war Maler, wie Sie wissen?«
»Ja, Sie sagten es schon, gnädige Frau.«
»Kennen Sie sein Schicksal?« fragte sie. »Wissen Sie, daß er
zweiundzwanzig Jahre in den sibirischen Bergwerken gewesen ist?« Das
sagte sie gewissermaßen mit Genugthuung, wobei sie den Kopf hob, als
wollte sie sich die Überraschung beschauen, die ihre Worte dem Fremden
verursachten.
Gastelmeier, der mit dem Schicksal eines nach Sibirien Verbannten keine
feste Vorstellung verband, entsprach nur ungenügend der Erwartung.
»Mistjauche,« brummte Emil. »Um nichts besser als Mistjauche sind
die Menschen.« Er war aufgestanden und ging mit kurzen strammen
Schrittchen im Zimmer auf und nieder.
Die Thüre that sich auf und Erwin, der Sohn aus Oelscher Ehe trat ein.
Er sah auffallend elend und hager aus, etwa wie ein Mensch, der vom
Zahnausziehen kommt. Es thut nicht mehr weh, aber es hat weh gethan.
Man sieht's ihm noch an.
»Bist du ruhiger mein Sohn?« sagte die Mama zärtlich. »Wir leiden beide
immer gleich -- das muß dich trösten. Jedes Ja im Leben ist ein Glück
und jedes Nein ein Unglück. O -- die zartbesaiteten Naturen!«
»Erwin,« sagte Emil, »wir sprachen eben von Papa.«
Erwin setzte sich und schwieg.
»Ja, meinen zweiten Gatten hat das Schicksal schwer getroffen; als
junger Mensch von zwanzig Jahren ist er als politischer Verbrecher in
die Bergwerke gekommen, nach einem von den vielen polnischen Aufständen
-- wohin doch gleich zuerst?« Die Dame hatte den Namen vergessen.
»Nach Semiretschinsk,« sagte Emil ungeduldig. »Herrgott, Mama, weißt
du denn das noch immer nicht?«
»Und, denken Sie sich, Papa hat,« fuhr er fort, »ehe er nach
Semiretschinsk kam, ganz genau geträumt, wie es dort aussah -- ein
langes Blockhaus und noch ein elendes Haus und ein ewig langer Zaun
und eine verkrüppelte Birke und ein niedriger Schuppen und nichts
weiter. Weit und breit Schnee, nur Schnee und Schnee, und der Himmel
auch schneeweiß. Und wie sie dahin gekommen sind, hat er's nach seinem
Traume erkannt und hat laut aufgeweint.« Das erzählte Emil lebhaft,
viel lebhafter, als es Gastelmeier ihm hätte zutrauen können.
»Später ist er dann,« fuhr die Dame zu erzählen fort, »von da
weggekommen nach ...« Hier fehlte die nähere Bezeichnung wieder.
Aber Emil half auch diesmal, gewissermaßen entrüstet, aus. »Nach
Werchne Kolimsk,« sagte er und ging an ein kleines Pult, in dem alles,
im Gegensatz zu den übrigen Dingen im Zimmer, ziemlich ordentlich lag.
Aus diesem Pult nahm er eine Landkarte, schob Tassen und Teller auf dem
Tisch eifrig beiseite und breitete die Karte aus.
»Hier war Papa,« sagte er, »neun und ein halbes Jahr lang, dann kam
er dahin -- später hierher.« Emil zeigte alle Orte auf der Karte.
»Zweiundzwanzig Jahre lang hat's gedauert, dann haben sie ihn
freigelassen und er konnte endlich nach Deutschland ziehen, wohin er
unterwegs war, als man ihn gefangen nahm. Denken Sie sich, damals
begleitete ihn bereits ein Empfehlungsbrief an einen bekannten
Münchener Maler; diesen Brief hat er zweiundzwanzig Jahre aufgehoben
und hat ihn dann dem Sohn des Malers übergeben, der Vater war
inzwischen gestorben. Papa hatte früher schon gemalt und ist hier als
älterer Mann noch auf die Akademie gegangen. Er hatte nur wenig Geld
und war krank; aber er hat doch mit seiner Malerei verdient. Sehen
Sie, da ist etwas von Papa.« Emil ging wieder an sein Pultchen und
brachte eine Mappe mit Skizzen. »Das sind Bilder aus dem Elend,« sagte
er eifrig. »Das sind alles Gefangene und Verbannte mit Ketten, wie sie
im Schnee stehen. Das hier ist ein Grenzstein, da nehmen sie Abschied
voneinander. Die einen gehen dahin, die andern dorthin -- sie werfen
sich auf den Schnee und weinen und schreien und jammern.«
Emil war ganz bewegt. Das Skizzenbuch war sein Eigentum. Olly blickte
hinein und sagte: »Schade, daß Papa sich nicht hat besser ausbilden
können, er hätte etwas erreicht. In den Figuren liegt Talent.«
»Geh',« sagte Emil. »Wie er's gemacht hat, so hat er's gemacht, da ist
nichts zu kritisieren.«
»Mein Sohn Emil,« sagte die Mutter, auch jetzt mit matter Stimme,
»hängt mit Zärtlichkeit an seinem Vater, obgleich er ihn nie gekannt
hat.«
»I wo, kannte oder nicht kannte, meinen Vater, den kenn' ich,« platzte
er patzig heraus in seinem Eifer. »Du kanntest ihn doch und weißt nicht
einmal, wo er im Elend gesteckt hat. Jedesmal muß ich dir's sagen. Also
wo hat er gesteckt? Zuerst in --? Na? -- --«
Emil schaute fragend nach seiner Mutter, klopfte mit dem Bleistift auf
den Tisch und wartete auf die Antwort.
»Wieder nicht,« sagte er. »Nun erfährst du's aber so bald nicht wieder
von mir.« Er klappte das Skizzenheft zu und schloß es wieder ein.
»Geld hat er keines gehabt,« fuhr der dicke Bursche fort, »und krank
ist er gewesen. Hätte er Mama nicht gefunden, wär's ihm noch übler
gegangen. Aber in seiner langen Krankheit ist auch Mamas Geld weniger
geworden, von tausend Geschichten -- Mistjauche! Wenn die Menschen
nicht so elend gewesen wären und ihm nicht bei jeder Gelegenheit mehr
abgenommen hätten, als recht war, säßen wir jetzt anders da.«
»Jawohl,« sagte Olly wieder und schaute entrüstet auf ihren Bruder;
»Geld! Geld! und Wohlleben, wie euch und besonders dir das im Blut
steckt! Gottlob, daß kein Geld da ist, sonst würdest du verfaulen
bei lebendigem Leibe. Wir sollen arbeiten. Arbeiten auf Leben und
Tod -- das ist's!« Diese Beteuerungsformel schien das junge Geschöpf
zu lieben. Sie bediente sich ihrer bei jeder Gelegenheit. »Und die
Menschen! Schimpf nur nicht immer auf die Menschen. Bist du etwa
keiner? Wie ich das nicht hören kann! Das ist entsetzlich grün von
dir. Woher meinst du denn, daß sie so abscheulich sind? Weil es Papa
schlecht ging und uns auch nicht besonders? Natürlich deshalb. Sie
sollen dir etwas ins Haus tragen, du willst gehätschelt und gefuttert
werden. Wofür denn? Ja, das werden sie aber bleiben lassen. Mit Recht.
Ich gerade finde, daß die Menschen gut sind; viel besser, als sie zu
sein brauchten. Meinst du etwa, die Natur wäre nicht grausam? Du? Eins
frißt das andre immerzu und überall. Und es giebt doch Menschen, die
_wollen_ wenigstens die andern nicht fressen. Das ist erschrecklich
viel -- und denke doch, wie's ihnen geht. Gefragt wird keins, ob es
leben will oder nicht -- und dann kommt es in das Elend hinein, so
dumm, so hilflos und arm, und muß mit allen Kräften arbeiten, um nicht
zu verhungern, und die Krankheiten und die Kälte, der Winter und, daß
er sündigen muß und gestraft wird, und tausend Nöte und Qualen -- und
das Blindsein und das Alter und der Tod -- was für gräßliches Zeug! Und
es giebt doch Menschen, die über alles hinaus gut sind. Was meinst du,
ein Gott hat es leicht, gut sein, aber ein Mensch -- Emil, weißt du,
ein Mensch!«
Das sagte sie so liebevoll und faßte in ihrem Eifer die Hand ihres
Bruders, gewissermaßen, um ihn auch körperlich zu sich hinüberzuziehen.
»Ihr seid wieder von dem bißchen Pech mit Erwin ganz zusammengekrochen.
-- Herrgott, wie man so wenig frei sein kann! Und dich, du dicker Sack,
geht's doch gar nichts an, dächt' ich.«
»Oho,« sagte Emil. »Sack ist wieder gut.«
»Jesus,« meinte Olly, »wenn ein Künstler nicht Zigeuner ist! Ihr seid
alle wie Kaufleute. Ist kein Geschäft gemacht, laßt ihr die Köpfe
hängen. -- Sie sind aber doch bei so einer Art Zigeuner,« wendete sie
sich jetzt zum erstenmal an Gastelmeier, der ganz versunken dem jungen
Geschöpf zugehört hatte.
»I wo, bei Zigeunern,« sagte Emil pfiffig und setzte die schlimmste
Maske auf, deren sein bewegliches fleischiges Gesicht fähig war.
»Doch,« sagte Olly streng.
»Behüte,« antwortete der Bruder. »Ganz wo anders.«
»Wo denn also?« fragte Gastelmeier, amüsiert über das wunderliche
Geschwisterpaar.
»Wissen Sie noch, weshalb Sie aus Ihrer früheren Wohnung ausgezogen
sind?«
»Jawohl,« sagte Gastelmeier, »ich habe es Ihnen ja, dächt' ich,
erzählt.«
»Wegen des Rangierbahnhofs; weil Sie dem Rangierbahnhof gegenüber
wohnten, wegen der schauderhaften Unruhe -- gelt? Wegen des ewigen
Getriebs und Gezerrs, des ganzen Spektakels?«
»Ja,« sagte Gastelmeier.
»Also. Und der Unterschied hier, der ist? Na? Drin statt draußen. --
Das hab' ich gleich gestern, als Sie's erzählten, gedacht.«
»So,« sagte Gastelmeier, der nicht recht wußte, was er von all diesen
Dingen eigentlich denken sollte. Es war ihm unbehaglich zu Mute und
doch blieb er sitzen und betrachtete mit Wohlgefallen das lebhafte
junge Mädchen, das jetzt wieder eifrig an der Faust korrigierte. Diese
Art Mädel war ihm noch nie vorgekommen.
Das heisere Läutwerk erklang von neuem. Auf alle Gesichter trat
Spannung.
»Verflucht! verflucht! verflucht!« brummte Emil und schlug sich auf die
kleinen strammen Schenkel.