Man ließ es zweimal läuten. Olly sagte: »Das ist Tante Zänglein.«

»Ihre Stunde ist's allerdings,« meinte die Mama. »Geh', mach auf,

Emil.« Sie erhob sich nicht selbst. Erwins zurückgeschickter Roman

hatte sie zu sehr angegriffen; ihre Schwäche aber kam Emils Erziehung,

wie es schien, zu gute. Er ging brummend hinaus.

Draußen erhob sich kurz darauf ein munteres Altweiberlachen und eine

scharfe, junge Männerstimme redete drein.

»Da bringt sie den sparrigen Kerl wieder mit,« sagte Olly.

»O Gott!« seufzte die Mama.

Die Thüre ging auf und ein flinkes, zierliches Persönchen trat ein, ein

allerliebstes altes Weibchen, gefolgt von einem baumlangen Burschen im

Lodenrock. Er sah wie ein Bergfex aus, trotzdem er die vollständige

Montur, Kniehosen, Nagelschuhe, nicht trug und auch nicht in bloßen

Knieen ging. Er hatte ein hageres, langes, von der Natur nicht recht

zusammengestelltes Gesicht, und eine vorstehende, sehr bewegliche

Unterlippe.

»Fräulein Zänglein, unsre Tante,« stellte die Frau des Hauses die

Eingetretene vor, »und: Herr Kaufmann, ein Kollege meines Sohnes.«

»Tantes Erbschleicher,« brummte Emil Gastelmeier ins Ohr. Er bezeigte

Gastelmeier überhaupt einiges Vertrauen, das hatte die Geschichte

mit dem Rangierbahnhofe schon bewiesen. Ein solcher Bursch wie Emil

ist für gewöhnlich wortkarg und steckt voll verschluckter und zu spät

ausgebrüteter Bemerkungen.

»Gu'n Tag, Genie!« sagte der sparrige Mensch zu Erwin gewendet, während

er sich auf einen Stuhl niederließ. »Wie steht's mit unserm Roman? He?«

Die Dame machte eine abwehrende Handbewegung, die so viel heißen sollte

als: ›Schonen Sie ihn. Es ist nichts damit!‹

Erwin Oel bestätigte ebenfalls stumm diese mimische Mitteilung.

»Donnerwetter!« rief der junge Waldmensch teilnahmsvoll, »ist das eine

Zucht! Das Beste, was hervorgebracht wird, das stecken die Herren

natürlich in den Papierkorb. Ehe etwas nicht altbacken genug ist für

ihre schwachen Mägen, verdauen sie's nicht. Immer gefälligst nach alten

Mustern. Nur nichts Neues!« Er zog ein schiefes Maul, als ob es ihm

eine schwere, unsichtbare Tabakspfeife herunterzöge, und schob die

Unterlippe sonderbar vor.

›Aha!‹ dachte Gastelmeier. ›Erwin Oel ist also einer von den Neuesten.‹

Gastelmeier gehörte, wie schon gesagt, zu denen, die still vor sich hin

arbeiten, ohne Schlagworte und Geschrei.

Als wollte sie seine Gedanken bestätigen, nahm die vergeistigte Dame

das Wort: »Es ist wirklich eine wertvolle Arbeit, gewissermaßen eine

Prophetie, ein Ruf an die Menschheit zur Umkehr.«

Gastelmeier schaute sich Erwin Oel mit erneutem Interesse an, wie

demnach einer aussieht, der einen Ruf an die Menschheit ergehen läßt.

-- Ein grüner Junge! In Gastelmeier siedete es, diese Mutter war ein

Verhängnis für ihre Kinder. Er konnte etwas Verrücktes an einem Weibe

nicht leiden. Die jungen Hühner, die hier so verschroben ausgebrütet

wurden, thaten ihm leid. »Na!« sagte er zu Emil, »seid Ihr denn so

modern?«

Emil zuckte auf eine schändlich blasierte Weise die Achseln, setzte

sein ironisches Gesicht auf und brummte etwas, was so viel heißen

sollte wie: Mistjauche! Wenn's aber noch etwas Erträglicheres giebt, so

ist's das Moderne. »Übrigens,« sagte er laut, »was heißt modern?«

»Sagen Sie einmal, mein Sohn, wie alt sind Sie eigentlich?«

Emil lachte wie ein Faun; sein »Verflucht! Verflucht! Verflucht!« kam

an die Reihe und er schlug sich aufs Schenkelchen.

›Ist das eine Zucht!‹ dachte jetzt Gastelmeier ganz wütend.

»Die spinnen,« sagte ein Stimmchen neben ihm, und als er sich nach

der Urheberin des Stimmchens umdrehte, sah er in ein paar schelmisch

blickende Altweiberäuglein. Tante Zänglein hatte sich leise wie ein

Fledermäuschen zu ihm hin gemacht. Sie hatte auch ein Gesichtchen wie

eine Fledermaus, so zierlich und niedlich, und die blinkenden kleinen

sternenklaren Augen. »Die spinnen,« sagte sie noch einmal.

»Herr Gastelmeier,« rief der sparrige Jüngling, »ich hab' Sie mit

meinem alten Schatz aus Salzburg noch nicht bekannt gemacht!«

»Sie ungezogener Mensch, Sie,« lachte das alte Weibchen.

Wie sie aber zu lachen verstand! Mein Gott, die kleine Alte lachte

gern und schien jeden Windhauch zu benützen, um ihre Lachglöckchen

klingen zu lassen, so auch jetzt. Gastelmeier sah sich das kleine,

alte Fräulein näher an. Es war allerliebst gekleidet, mit Geschmack

und Wohlgefallen an netten Dingen. Gastelmeiers Herz hatte sie gleich

gewonnen.

»Ah, das sind Leut',« sagte sie. »Jetzt haben sie sich gestern

geärgert, mein Gott, es verlohnt sich nicht der Mühe; heute sind sie

alle außer Rand und Band. Aber, was sagen Sie, nicht wahr, den Erwin

nähmen auch Sie nicht mit nach Italien? Ich geh' nämlich nächster

Zeit hin,« fuhr sie lebhaft fort. »Irgend wen muß ich mitnehmen. I

wo, so allein geh' ich nicht wieder, wie's letzte Mal; aber so eine

Trauerweiden, wie den Erwin und dazu so ein Pulverfaß von Revolutionär,

wie er ist -- so etwas möcht' ich net mitnehmen. Deshalb sind sie alle

bös. Der lange Bursch da soll mit.« Sie zwinkerte nach ihrem Begleiter

hin, der mit Erwin, Olly und deren Mutter in ein hitziges Gespräch über

Kunstfragen geraten war. »Mein Gott, so ein alt's Weiberl muß halt

nehmen, was sich bietet. Und was Junges muß es sein. Wissen Sie, Altes

hab' ich selbst genug. Und außerdem: er ist ein armer Teufel. Ich

wohne hier gerade gegenüber in der Schellingstraße. Mein Garten geht

denen hier bis unter die Fenster. Das sind Leut',« beteuerte sie noch

einmal und zwinkerte mit den Äugelchen. »Mir macht's eine Hexenfreud',

zuzuschauen, wie geschickt die sich das Leben verderben. So ein Unsinn.

Nein! Gott steh' ihnen bei! Ich hab mir das meine hübsch eingerichtet,

wissen Sie, so ganz nach meinem Gusto. Das können die hier nicht

leiden. Jetzt hören Sie nur, was sie wieder haben, über was sie da

wieder in Eifer geraten. Hören Sie nur!«

Die kleine Alte setzte sich in Positur, als wenn sie in Gemächlichkeit

ein Schauspiel betrachten wollte.

Sie hatten sich alle während des wütend-litterarischen Gesprächs

erhitzt. Naturalismus, modern, altbacken, neue Werte und so weiter.

Das alles war wie Schneebälle bei einer Schneeballschlacht hin- und

hergeflogen mit schwindelerregender Schnelligkeit. Erwin Oels nicht

anzubringender Roman schien immer noch die Ursache dieser Erhitzung zu

sein.

»Klimpern gehört zum Handwerk,« sagte das Altchen vergnügt und

behaglich. Sie amüsierte sich.

Die Frau vom Hause, ihr Erwin und der sparrige Mensch waren über den

Roman eines bekannten Schriftstellers hergefallen, der sie alle drei

entrüstete. Gastelmeier kannte ihn auch, es war nichts Erwähnenswertes

daran; aber der Autor war berühmt. Eine höchst einfache Thatsache, die

aber die drei Eifrigen in die größte Wut versetzte, so daß sie nach

allen Regeln der Kunst zuerst das Machwerk gründlich abschlachteten,

und, als da nichts mehr zu thun übrig blieb, ihr großer Zorn aber noch

nicht gestillt war, sich über den Autor selbst hermachten.

Erwins Kollege hatte das aufgebracht. Sie begannen den Autor selbst

zu schlachten. Und dieser Autor war ein wohlbeleibter, soignierter

Lebemann, ein vornehmer Mensch, dem es im Leben vortrefflich erging.

Das amüsierte die drei außerordentlich. Sie zerteilten ihn in Stücke

und bestimmten diese zu verschiedenen Gerichten. Emil lachte aus

vollem Halse, auch Olly amüsierte sich. »Er verdient's nicht anders,

wahrhaftig, er verdient's nicht anders,« sagte sie.

»Aber die Augen, seine Fischaugen, was machen wir mit denen?« rief Emil

strahlend.

»Solche Fischaugen sind zu nichts zu brauchen, das ist Abfall!«

»Bravo!« sagte die Dame des Hauses und konnte sich vor Lachen kaum

aufrecht erhalten.

Gastelmeier war entrüstet. So ein fanatisches Weib! Er konnte auch den

Witz von der Sache nicht einsehen. Eine Roheit -- nichts andres! Und

Olly, das junge Mädel, lachte mit. Er wendete sich zu ihr und fragte:

»Weshalb lachen Sie eigentlich?«

»Weil es komisch ist,« bekam er zur Antwort.

»Komisch? -- Na!« sagte Gastelmeier.

»Ein Mensch, der so schreibt, verdient's nicht anders. In der Kunst

sollte streng gerichtet werden, strenger als bei einem Verbrechen,«

sagte sie fest und mit leuchtenden Augen.

»Die Olly ist ein recht gutes Mädchen,« wisperte das Altweiberstimmchen

wieder neben ihm, »aber spinnen thut sie auch. Kunstfexen sind sie eben

alle miteinander. Jammerschade. Und ich seh' schon, mein Kraftmensch

ist auch net viel besser. So dummes Zeug aufzubringen. Na, wart',

den lang' ich mir, den nehm' ich mir 'mal auf die Seite und mach' ihm

die Sache klar, dann sollen Sie sehen, der wird so zahm, daß er aus

der Hand frißt. -- Jodeln sollen Sie ihn aber einmal hören. -- Herr

Kaufmann, jodeln Sie doch einmal.«

»Ja, mein Schatz,« sagte er, »zu Befehl!« machte wieder ein schiefes

Maul, schob die Unterlippe vor und sammelte sich, wie es schien.

Darauf begann er zu jodeln, daß die Scheiben klirrten. Er jodelte

vortrefflich, ganz ausnahmsweise gut -- fabelhaft.

»Sehen Sie,« wisperte das alte Weibchen, »das ist mein Genuß. Das

ist für mich schöner als der schönste Gesang. Das ist eine Kraft,

an der man sich aufrichten kann.« Sie zwinkerte mit den Äuglein.

»Dessentwegen, wegen dem Jodeln, nehm' ich ihn mit.«

Gastelmeier fand an dem alten, kleinen Fräulein immer mehr Gefallen,

aber das reizende Geschöpf, die Olly, hatte ihn verstimmt. Freilich

mußte er immer auf sie schauen. Er verstand sie nicht. Olly war eine

neue Welt für ihn.

Wie sie soweit friedlich bei einander saßen, geschah mit einemmal ein

Krach, ein Donner, ein Geklirr und Gepolter, daß alle zusammenfuhren.

»Jesses Maria!« rief das alte Weibchen entsetzt. »Was ist denn das? Wer

fehlt denn hier? -- Emil.«

Diese praktische, wie es schien, vielgeübte Umschau hatte das alte

Weibchen mit großer Geistesgegenwart sofort unternommen. Emil fehlte

wirklich.

»Ach Gott!« rief die jetzt ganz entgeisterte Madame, »er hat

nach Butter gesucht und hat den ganzen Rauchfang über dem Herd

heruntergerissen. Großer, allmächtiger Gott! -- mit allen Sachen. Was

andres kann es nicht sein!«

»I wo,« sagte der sparrige Jüngling, dem die Erklärung unglaublich

vorzukommen schien.

»Hab' ich's nicht immer gesagt, das kommt von der Fexerei,« rief Tante

Zänglein. »So ein unsinniges, altmodisches, modernes Ding über einem

Herd zu haben, das kann auch nur Euch passieren. Die ganze Simpelei

hing an einem Draht.«

Während dies und noch verschiedenes andre geäußert wurde, stürzte die

ganze Gesellschaft hinaus, durch den Korridor in die Küche. Dort fand

man ein Bild der Zerstörung vor, das jeder Beschreibung spottete. Es

war wirklich der künstliche Rauchfang, den irgend ein mittelalterlich

gesinnter Stilbaufex über dem modernen Sparherde sinnreich angebracht

hatte, herabgestürzt. Der Rauchfang hatte sich über den Herd gestülpt

und alles, was auf dem Herd war, überdeckt -- und da war etwas, man

roch es noch, etwas Gebratenes, Gezwiebeltes, und alles, was auf dem

Bord des Rauchfangs stand, war mit heruntergepoltert und lag zerbrochen

und zerquetscht umher. Was irgend an der Wand hing, war herabgestreift,

ein Chaos, und Emil war nicht zu bemerken.

Die entsetzte Mutter lehnte, unfähig, irgend etwas Vernünftiges zu thun

oder zu sagen, an dem Thürpfosten.

Der Rangierbahnhof · 第 12 / 30 题