Friedrich Gastelmeier schwieg wohlweislich darüber, wie er zu dem
»originell möblierten« Zimmer eigentlich gekommen war, als er an jenem
Abend mit seinen Kollegen zusammentraf. Andern Tags zog er aber mit
Sack und Pack in seine neue Wohnung.
Das Läutwerk war auch an diesem Tage, an dem sie doch seine Ankunft
bestimmt zu erwarten hatten, vollständig heiser, so daß wieder eine
geraume Zeit verging, bis sie ihn samt dem schimpfenden Dienstmann, der
den Koffer trug, einließen. Er wie der Dienstmann hatten längere Zeit
vor dem Öffnen und zwischen den verschiedensten Läutversuchen gehört,
wie jemand immer an der Thüre herumwirtschaftete, und als schließlich
geöffnet wurde, war es Emil, der öffnete. Gleich darauf hörte
Gastelmeier die nervöse Stimme der Mutter aus einem der Wohnräume:
»Emil!«
Emil bewegte sich bedächtig bis in das Wohnzimmer und Gastelmeier
konnte hören, wie er in die Nebenstube hineinsagte: »Ruhig Blut, 's ist
nur der Maler.« Und ein befriedigtes »So« konnte er auch hören, dann
kam Emil wieder. Noch ehe Gastelmeier bis in sein Zimmer gelangt war
und den Dienstmann verabschiedet hatte, läutete es wieder unterdrückt
und heiser.
»Verflucht! verflucht!« murmelte Emil, das weitere »verflucht« schenkte
er sich dieses Mal zu Gunsten eines »Bst!« als der Dienstmann Miene
machte, sich in Bewegung zu setzen -- »Bst!« Er schlich an die Thüre,
schielte vorsichtig durch die Ritzen und das Guckloch, welches mit
einem durchbrochenen Messingblättchen überdeckt war.
Der Dienstmann begriff die Situation augenscheinlich und schmunzelte,
auch Gastelmeier stand und rührte sich nicht, war aber von dem Empfang
beim Einzug in seine neue Wohnung nicht besonders erbaut.
Das war nichts für ~Comme il faut~-Meier. Die heisere Klingel wurde
wütend und wütender. Niemand regte sich. Die drei verharrten so steif
wie gefrorene Schellfische. Emil suchte die andern mit seinem Blick zu
beschwören, ruhig zu bleiben, bis das heisere Läutwerk sich ausgetobt
hätte, und es gelang ihm.
Nachdem der Störenfried draußen sich endlich genug gethan und zuletzt
noch in seiner Wut der Thüre einen tüchtigen Tritt versetzt hatte,
sagte der Dienstmann: »Dös wär g'schehn, 's könnt halt der Metzger
g'wesen sein mit san Kälbergriff.« Damit ging er.
Die vergeistigte Dame rief wieder nach Emil, und Emil schlug sich auf
die kurzen strammen Schenkel und murmelte: »Mistjauche -- nichts als
Mistjauche.«
Dieser etwas eigentümlich gewählte Ausdruck kam ihm, wie es schien, aus
tiefster Seele. Gastelmeier hörte es noch gerade, ehe er die Thüre des
originell möblierten Zimmers hinter sich schloß. Darauf begann er sich
einzurichten mit nicht ganz leichtem Herzen.
Ruhig ging es in diesem Hause nicht zu -- da war etwas -- etwas, was
er selbst noch nicht klar im Bewußtsein hatte, etwas Beängstigendes,
Quälendes, und das lag in der Luft, die ganze Wohnung war voll davon.
Es war ihm nicht behaglich und er packte nur das Notwendigste von
seinen Sachen aus, um in kürzester Frist wieder auszuziehen.
Nachmittags um sechs Uhr ließ er sich durch die Aufwärterin bei seiner
Hauswirtin melden, um ihr den offiziellen Besuch zu machen, den er
ihr schuldig zu sein glaubte. Er traf die Dame und Emil wieder,
die übrigen waren nicht daheim. Emil saß verdrossen am Tisch und
zeichnete. Die Lampe hatte er sich nahegerückt, sie war bedeckt mit
einem Lampenschirm, der in sinnreicher Weise aus einer alten Zeitung
irgendwie zusammengesteckt war. Emil machte einen Buckel und sah
unbeschreiblich schlaff und unlustig aus. Die Mama saß auf dem Sofa und
hatte ihr Kopfkissen aus dem Bett sich hinter den Rücken gestopft. Sie
erhob sich matt.
»Sie sind leidend, gnädige Frau?« sagte Gastelmeier.
»Sie waren Zeuge gestern von einer der tausend Aufregungen,« erwiderte
sie matt, doch in verbindlichem Ton. »Es ist immer, als schlüge der
Blitz neben uns ein, man kommt mit dem Leben davon, aber wenn die
Sache sich fortwährend wiederholt, besteht man schließlich nur noch
aus alterierten Nerven. Nun, Sie werden es selbst wissen, da auch Sie
Künstler sind.«
Gastelmeier wußte nicht recht, wovon die Dame sprach, schließlich fiel
ihm die Geschichte mit dem Roman ein.
»Das werden Sie doch nicht so tragisch nehmen, gnädige Frau. Um Gottes
willen, wenn alle Romane, die von jungen Leuten geschrieben werden,
auch gedruckt würden -- davor möge uns der Himmel bewahren!«
»Ja, wenn das Leben aber davon abhängt,« sagte die Dame und blickte
trüb vor sich hin.
»Das sollte es freilich nicht,« erwiderte Gastelmeier, »das Leben --
von einem Roman!«
Sie versicherte müde und abgespannt, daß dies bei ihrem Sohne Erwin der
Fall sei. »Er ist, wie wir alle, auf sein Talent angewiesen,« sagte sie
wehmütig.
Worin das Talent der Dame bestand, war Gastelmeier nicht klar. Er hatte
das Bedürfnis, gegen diese mit Kissen gestützte leibhaftige Nervosität
kräftig vorzugehen; aber er bezwang sich.
Emil hatte längst aufgehört zu zeichnen und räkelte sich im Stuhl. Er
befand sich in den schönsten Flegeljahren und genoß die Freiheiten
dieses Alters, wie es schien, aufs ausgiebigste. Gastelmeier schaute
mit einem Blick auf seine Zeichnung und bemerkte, daß der junge Mann
die eigene kleine fette Faust als Modell vor sich gehabt habe. Sie war
sechs- bis siebenmal in verschiedenen Wendungen nebeneinander auf dem
Papier zu sehen.
»Aha!« sagte Gastelmeier. Emil nahm keine Notiz davon.
»Emil,« sagte die Mama, »Olly kommt gleich, sei fleißig.« Emil ächzte,
machte wieder die Modellfaust und begann lässig und aufs höchste
gelangweilt weiter zu arbeiten.
»Ist das Ihre eigene Idee?« fragte Gastelmeier und zeigte auf die Faust.
»Ne,« sagte Emil, »Olly.«
Gastelmeier wußte nicht mehr recht, was er weiter sagen sollte.
Die Leute waren verstimmt und einsilbig. Er suchte nach einem
Unterhaltungsstoff.
»Emil«, sagte die Dame, »weißt du, wo Erwin hin ist? -- Er hat
den ganzen Tag Kopfschmerz gehabt, der arme Junge. Er ist immer
aufs tiefste von einem Mißerfolg erschüttert,« wendete sie sich an
Gastelmeier.
»Auf'n Friedhof wird er 'gangen sein,« sagte Emil mürrisch.
Die Dame seufzte und sagte nach einer Weile: »Sehen Sie, mein Herr,
eine Seele von einem Menschen, ein echter Dichter -- man muß ihn
gewähren lassen. Wenn es so im Leben, wie es oft der Fall ist, drunter
und drüber geht, da macht er sich in der Dämmerung, nun schon seit
seiner Kindheit, auf und geht auf den Friedhof und schaut sich die
ausgestellten Leichen an. Das ist so sein Mittel -- da wird er ruhig.
Es ist ja in München nun einmal so gebräuchlich, daß die Leichen offen
ausgestellt sind. In den anderen Städten, wo wir gelebt haben, war das
nicht so, aber ihm thut's wohl. Es hat eben alles auch sein Gutes. Mich
brächte keiner hin,« schloß die Dame und wickelte sich fester in ihren
Shawl.
Draußen pochte es jetzt energisch. »Olly,« sagte Emil.
Es war Olly. Sie kam lebendig und frisch herein, etwas hastig. Sie
kam vom Aktzeichnen und wollte Thee trinken. Im ersten Augenblick
bemerkte sie Gastelmeier nicht und dann begrüßte sie ihn so einfach und
gleichmütig, als wäre er längst hier Familienmitglied.
Gastelmeier fand, daß sie nicht besonders viel Federlesens machte. Ehe
sie sich ihren Thee einschenkte, beugte sie sich über Emils Zeichnung,
nahm ihm den Bleistift aus der Hand und, ohne etwas zu sagen, packte
sie die Modellfaust, rückte sie wie es ihr paßte, und über Emils
Schulter hinweg arbeitete sie mit festen sichern Strichen in seine
Zeichnung hinein. Sie hatte ihr Käppchen noch auf und an der linken
Hand noch den Handschuh. Sie war kalt und frisch und strömte Schneeluft
aus.
»Olly, du sollst nicht so eisig ins Zimmer kommen, du kältest es ganz
aus.«
Olly hörte, wie es schien, nicht. Die feste kleine Hand korrigierte
eifrig weiter.
»Und bei dem Wetter! Du wirst dich selbst wieder einmal erkälten, dann
haben wir's.« Die Dame seufzte.
Gastelmeier empfand auch den Strom von Frische, der von Olly ausging,
und er dachte unwillkürlich an die Abschiedsworte seines Vaters. Er
schaute ihr zu, wie sie arbeitete, ganz versunken und in der unbequemen
Stellung über Emils Kopf hinweg. Der hatte es ihr allerdings leicht
gemacht; den dicken Kopf mit dem dichten blonden Haarfilz auf die
Tischkante gelegt, so daß er nicht sehen konnte, wie seine Zeichnung
sich unter Ollys flinken Händen veränderte, so hockte er vor ihr.
Gastelmeier schaute ihr unverwandt zu. Das war Talent -- das saß. Und
sie zeichnete und zeichnete und vergaß alles um sich her, den dicken
Kopf und den Thee, und den Fremden.
»Emil,« rief sie mit einmal heftig: »Sieh her!«
Emil grunzte und beguckte sich die Sache.
»Weshalb hattest du denn so gepatzt? Faul -- faul -- faul! Das ist's.
Wie sitzt du denn? Wie kann ein Mensch so arbeiten? Mama, du hast ihn
wieder krumm wie einen Engerling dahängen lassen.«
›Engerling ist gut,‹ dachte Gastelmeier. Er ist wirklich so ein weißer,
dicker Bursche ohne Glieder; es hängt alles an ihm herab, die Arme,
die Beine, der Kopf. Zu seiner Verwunderung sagte jetzt auch Emil:
»Bravo! -- Engerling! Sehr gut! Faltiger Elefant -- Wachskerzen --
Spitaler -- und so weiter. Du hättest Unteroffizier werden sollen.«
»Ja, ich wollte,« sagte sie, »es käm' einer über dich, so ein rechter
Teufel.«
Olly schenkte sich Thee ein, setzte sich auf die äußerste Stuhlkante
und nahm sich ein Brötchen. Das Mädchen war von einer unglaublichen
Lebendigkeit im Blick und in der Bewegung. Sie schien immer vollkommen
munter und aufgeweckt zu sein. Gastelmeier sah sie sich mit Vergnügen
an.
»So ein Pferd,« sagte Emil zu ihr.
»Bitte,« antwortete sie ihm kühl, »wen meintest du?«
»Na -- das ist auch gerecht. Die schimpft, wie's ihr paßt, sie selber
will aber mit Sammetpfoten angefaßt werden.«
»Allerdings,« sagte Olly. »Das will ich auch!«
»Na, ja -- ich meine ja auch mit dem Pferde nur: am Morgen rennst du um
acht Uhr ins Atelier und bleibst bis Mittag, dann geht's wieder los
und dazwischen galloppierst du mit Kreuz- und Seitensprüngen wie in der
Manege, dann läufst du zum Aktzeichnen und« -- nun wandte er sich an
Gastelmeier -- »wenn sie heimkommt, ist sie so fidel wie der Teufel und
ich muß es ausbaden. Dann kommt sie über mich.«
Gastelmeier erfuhr auf seine Frage, daß Olly ihren Bruder für die
Akademie vorbereite -- aus Ersparnis. »Es ist kein Eifer in ihm,«
schloß sie ihre Mitteilung.
Gastelmeier fragte, weshalb er gerade die Malerei zum Beruf gewählt
habe.
»Künstler ist das einzig Menschenwürdige,« sagte die Dame zum erstenmal
etwas lebhafter.