III.

Friedrich Gastelmeier schwieg wohlweislich darüber, wie er zu dem

»originell möblierten« Zimmer eigentlich gekommen war, als er an jenem

Abend mit seinen Kollegen zusammentraf. Andern Tags zog er aber mit

Sack und Pack in seine neue Wohnung.

Das Läutwerk war auch an diesem Tage, an dem sie doch seine Ankunft

bestimmt zu erwarten hatten, vollständig heiser, so daß wieder eine

geraume Zeit verging, bis sie ihn samt dem schimpfenden Dienstmann, der

den Koffer trug, einließen. Er wie der Dienstmann hatten längere Zeit

vor dem Öffnen und zwischen den verschiedensten Läutversuchen gehört,

wie jemand immer an der Thüre herumwirtschaftete, und als schließlich

geöffnet wurde, war es Emil, der öffnete. Gleich darauf hörte

Gastelmeier die nervöse Stimme der Mutter aus einem der Wohnräume:

»Emil!«

Emil bewegte sich bedächtig bis in das Wohnzimmer und Gastelmeier

konnte hören, wie er in die Nebenstube hineinsagte: »Ruhig Blut, 's ist

nur der Maler.« Und ein befriedigtes »So« konnte er auch hören, dann

kam Emil wieder. Noch ehe Gastelmeier bis in sein Zimmer gelangt war

und den Dienstmann verabschiedet hatte, läutete es wieder unterdrückt

und heiser.

»Verflucht! verflucht!« murmelte Emil, das weitere »verflucht« schenkte

er sich dieses Mal zu Gunsten eines »Bst!« als der Dienstmann Miene

machte, sich in Bewegung zu setzen -- »Bst!« Er schlich an die Thüre,

schielte vorsichtig durch die Ritzen und das Guckloch, welches mit

einem durchbrochenen Messingblättchen überdeckt war.

Der Dienstmann begriff die Situation augenscheinlich und schmunzelte,

auch Gastelmeier stand und rührte sich nicht, war aber von dem Empfang

beim Einzug in seine neue Wohnung nicht besonders erbaut.

Das war nichts für ~Comme il faut~-Meier. Die heisere Klingel wurde

wütend und wütender. Niemand regte sich. Die drei verharrten so steif

wie gefrorene Schellfische. Emil suchte die andern mit seinem Blick zu

beschwören, ruhig zu bleiben, bis das heisere Läutwerk sich ausgetobt

hätte, und es gelang ihm.

Nachdem der Störenfried draußen sich endlich genug gethan und zuletzt

noch in seiner Wut der Thüre einen tüchtigen Tritt versetzt hatte,

sagte der Dienstmann: »Dös wär g'schehn, 's könnt halt der Metzger

g'wesen sein mit san Kälbergriff.« Damit ging er.

Die vergeistigte Dame rief wieder nach Emil, und Emil schlug sich auf

die kurzen strammen Schenkel und murmelte: »Mistjauche -- nichts als

Mistjauche.«

Dieser etwas eigentümlich gewählte Ausdruck kam ihm, wie es schien, aus

tiefster Seele. Gastelmeier hörte es noch gerade, ehe er die Thüre des

originell möblierten Zimmers hinter sich schloß. Darauf begann er sich

einzurichten mit nicht ganz leichtem Herzen.

Ruhig ging es in diesem Hause nicht zu -- da war etwas -- etwas, was

er selbst noch nicht klar im Bewußtsein hatte, etwas Beängstigendes,

Quälendes, und das lag in der Luft, die ganze Wohnung war voll davon.

Es war ihm nicht behaglich und er packte nur das Notwendigste von

seinen Sachen aus, um in kürzester Frist wieder auszuziehen.

Nachmittags um sechs Uhr ließ er sich durch die Aufwärterin bei seiner

Hauswirtin melden, um ihr den offiziellen Besuch zu machen, den er

ihr schuldig zu sein glaubte. Er traf die Dame und Emil wieder,

die übrigen waren nicht daheim. Emil saß verdrossen am Tisch und

zeichnete. Die Lampe hatte er sich nahegerückt, sie war bedeckt mit

einem Lampenschirm, der in sinnreicher Weise aus einer alten Zeitung

irgendwie zusammengesteckt war. Emil machte einen Buckel und sah

unbeschreiblich schlaff und unlustig aus. Die Mama saß auf dem Sofa und

hatte ihr Kopfkissen aus dem Bett sich hinter den Rücken gestopft. Sie

erhob sich matt.

»Sie sind leidend, gnädige Frau?« sagte Gastelmeier.

»Sie waren Zeuge gestern von einer der tausend Aufregungen,« erwiderte

sie matt, doch in verbindlichem Ton. »Es ist immer, als schlüge der

Blitz neben uns ein, man kommt mit dem Leben davon, aber wenn die

Sache sich fortwährend wiederholt, besteht man schließlich nur noch

aus alterierten Nerven. Nun, Sie werden es selbst wissen, da auch Sie

Künstler sind.«

Gastelmeier wußte nicht recht, wovon die Dame sprach, schließlich fiel

ihm die Geschichte mit dem Roman ein.

»Das werden Sie doch nicht so tragisch nehmen, gnädige Frau. Um Gottes

willen, wenn alle Romane, die von jungen Leuten geschrieben werden,

auch gedruckt würden -- davor möge uns der Himmel bewahren!«

»Ja, wenn das Leben aber davon abhängt,« sagte die Dame und blickte

trüb vor sich hin.

»Das sollte es freilich nicht,« erwiderte Gastelmeier, »das Leben --

von einem Roman!«

Sie versicherte müde und abgespannt, daß dies bei ihrem Sohne Erwin der

Fall sei. »Er ist, wie wir alle, auf sein Talent angewiesen,« sagte sie

wehmütig.

Worin das Talent der Dame bestand, war Gastelmeier nicht klar. Er hatte

das Bedürfnis, gegen diese mit Kissen gestützte leibhaftige Nervosität

kräftig vorzugehen; aber er bezwang sich.

Emil hatte längst aufgehört zu zeichnen und räkelte sich im Stuhl. Er

befand sich in den schönsten Flegeljahren und genoß die Freiheiten

dieses Alters, wie es schien, aufs ausgiebigste. Gastelmeier schaute

mit einem Blick auf seine Zeichnung und bemerkte, daß der junge Mann

die eigene kleine fette Faust als Modell vor sich gehabt habe. Sie war

sechs- bis siebenmal in verschiedenen Wendungen nebeneinander auf dem

Papier zu sehen.

»Aha!« sagte Gastelmeier. Emil nahm keine Notiz davon.

»Emil,« sagte die Mama, »Olly kommt gleich, sei fleißig.« Emil ächzte,

machte wieder die Modellfaust und begann lässig und aufs höchste

gelangweilt weiter zu arbeiten.

»Ist das Ihre eigene Idee?« fragte Gastelmeier und zeigte auf die Faust.

»Ne,« sagte Emil, »Olly.«

Gastelmeier wußte nicht mehr recht, was er weiter sagen sollte.

Die Leute waren verstimmt und einsilbig. Er suchte nach einem

Unterhaltungsstoff.

»Emil«, sagte die Dame, »weißt du, wo Erwin hin ist? -- Er hat

den ganzen Tag Kopfschmerz gehabt, der arme Junge. Er ist immer

aufs tiefste von einem Mißerfolg erschüttert,« wendete sie sich an

Gastelmeier.

»Auf'n Friedhof wird er 'gangen sein,« sagte Emil mürrisch.

Die Dame seufzte und sagte nach einer Weile: »Sehen Sie, mein Herr,

eine Seele von einem Menschen, ein echter Dichter -- man muß ihn

gewähren lassen. Wenn es so im Leben, wie es oft der Fall ist, drunter

und drüber geht, da macht er sich in der Dämmerung, nun schon seit

seiner Kindheit, auf und geht auf den Friedhof und schaut sich die

ausgestellten Leichen an. Das ist so sein Mittel -- da wird er ruhig.

Es ist ja in München nun einmal so gebräuchlich, daß die Leichen offen

ausgestellt sind. In den anderen Städten, wo wir gelebt haben, war das

nicht so, aber ihm thut's wohl. Es hat eben alles auch sein Gutes. Mich

brächte keiner hin,« schloß die Dame und wickelte sich fester in ihren

Shawl.

Draußen pochte es jetzt energisch. »Olly,« sagte Emil.

Es war Olly. Sie kam lebendig und frisch herein, etwas hastig. Sie

kam vom Aktzeichnen und wollte Thee trinken. Im ersten Augenblick

bemerkte sie Gastelmeier nicht und dann begrüßte sie ihn so einfach und

gleichmütig, als wäre er längst hier Familienmitglied.

Gastelmeier fand, daß sie nicht besonders viel Federlesens machte. Ehe

sie sich ihren Thee einschenkte, beugte sie sich über Emils Zeichnung,

nahm ihm den Bleistift aus der Hand und, ohne etwas zu sagen, packte

sie die Modellfaust, rückte sie wie es ihr paßte, und über Emils

Schulter hinweg arbeitete sie mit festen sichern Strichen in seine

Zeichnung hinein. Sie hatte ihr Käppchen noch auf und an der linken

Hand noch den Handschuh. Sie war kalt und frisch und strömte Schneeluft

aus.

»Olly, du sollst nicht so eisig ins Zimmer kommen, du kältest es ganz

aus.«

Olly hörte, wie es schien, nicht. Die feste kleine Hand korrigierte

eifrig weiter.

»Und bei dem Wetter! Du wirst dich selbst wieder einmal erkälten, dann

haben wir's.« Die Dame seufzte.

Gastelmeier empfand auch den Strom von Frische, der von Olly ausging,

und er dachte unwillkürlich an die Abschiedsworte seines Vaters. Er

schaute ihr zu, wie sie arbeitete, ganz versunken und in der unbequemen

Stellung über Emils Kopf hinweg. Der hatte es ihr allerdings leicht

gemacht; den dicken Kopf mit dem dichten blonden Haarfilz auf die

Tischkante gelegt, so daß er nicht sehen konnte, wie seine Zeichnung

sich unter Ollys flinken Händen veränderte, so hockte er vor ihr.

Gastelmeier schaute ihr unverwandt zu. Das war Talent -- das saß. Und

sie zeichnete und zeichnete und vergaß alles um sich her, den dicken

Kopf und den Thee, und den Fremden.

»Emil,« rief sie mit einmal heftig: »Sieh her!«

Emil grunzte und beguckte sich die Sache.

»Weshalb hattest du denn so gepatzt? Faul -- faul -- faul! Das ist's.

Wie sitzt du denn? Wie kann ein Mensch so arbeiten? Mama, du hast ihn

wieder krumm wie einen Engerling dahängen lassen.«

›Engerling ist gut,‹ dachte Gastelmeier. Er ist wirklich so ein weißer,

dicker Bursche ohne Glieder; es hängt alles an ihm herab, die Arme,

die Beine, der Kopf. Zu seiner Verwunderung sagte jetzt auch Emil:

»Bravo! -- Engerling! Sehr gut! Faltiger Elefant -- Wachskerzen --

Spitaler -- und so weiter. Du hättest Unteroffizier werden sollen.«

»Ja, ich wollte,« sagte sie, »es käm' einer über dich, so ein rechter

Teufel.«

Olly schenkte sich Thee ein, setzte sich auf die äußerste Stuhlkante

und nahm sich ein Brötchen. Das Mädchen war von einer unglaublichen

Lebendigkeit im Blick und in der Bewegung. Sie schien immer vollkommen

munter und aufgeweckt zu sein. Gastelmeier sah sie sich mit Vergnügen

an.

»So ein Pferd,« sagte Emil zu ihr.

»Bitte,« antwortete sie ihm kühl, »wen meintest du?«

»Na -- das ist auch gerecht. Die schimpft, wie's ihr paßt, sie selber

will aber mit Sammetpfoten angefaßt werden.«

»Allerdings,« sagte Olly. »Das will ich auch!«

»Na, ja -- ich meine ja auch mit dem Pferde nur: am Morgen rennst du um

acht Uhr ins Atelier und bleibst bis Mittag, dann geht's wieder los

und dazwischen galloppierst du mit Kreuz- und Seitensprüngen wie in der

Manege, dann läufst du zum Aktzeichnen und« -- nun wandte er sich an

Gastelmeier -- »wenn sie heimkommt, ist sie so fidel wie der Teufel und

ich muß es ausbaden. Dann kommt sie über mich.«

Gastelmeier erfuhr auf seine Frage, daß Olly ihren Bruder für die

Akademie vorbereite -- aus Ersparnis. »Es ist kein Eifer in ihm,«

schloß sie ihre Mitteilung.

Gastelmeier fragte, weshalb er gerade die Malerei zum Beruf gewählt

habe.

»Künstler ist das einzig Menschenwürdige,« sagte die Dame zum erstenmal

etwas lebhafter.

Der Rangierbahnhof · 第 10 / 30 题