Weil die Einzelhaft eine neue und aus fernen Landen zu uns gekommenne

[gekommene] Einrichtung ist, welche je nach Clima, Lebensweise und

Charakter eines Volkes Verschiedenheiten der Durchführung erheischt, über

deren Art und Zweckmäßigkeit lediglich die Erfahrung allmählige Belehrung

zu geben vermag, muß besonders auch der Gefängnißvorstand ein denkender und

mit vielseitiger Bildung ausgerüsteter Mann und nicht etwa ein alter

ausgedienter Soldat sein, wie dies manchmal in England stattfindet.

Gediente Soldaten geben gute Oberaufseher und Aufseher; wo die Ordre

anfängt, hört gemeiniglich ihr Denken auf, je nach der Ordre hauen sie den

Gefangenen ebenso bereitwillig in Krautstücke als sie denselben noch als

menschenähnliches Wesen passiren lassen und so vortrefflich solche

Eigenschaft untergeordneten Werkzeugen ansteht, so mißliche Folgen würde

sie nach sich ziehen, wenn der Vorstand einer _Besserungsanstalt_ ein

abdecretirter Schnurrbart wäre, der Menschen jeder Art als Maschinen

betrachtete und bald im Vollgefühle seiner Unwissenheit und Ohnmacht Fünfe

gerad sein ließe oder blind und brutal in Alles hineinblitzte und

hineindonnerte, was nicht ganz nach seinem Kopfe ginge.

Weil Menschen und die allseitigen Wirkungen von Einrichtungen bis ins

Kleinste studirt, Alles auf bestimmte Zwecke gerichtet und alle Zwecke

Einem großen Zwecke untergeordnet werden müssen, deßhalb muß der Vorstand

ein organisirender Kopf und weil ein Arzt jedenfalls am meisten Gelegenheit

besitzt, sich theoretische und praktische Kenntnisse über den Menschen und

das Volk, Krankheiten des Leibes und der Seele und unserer

gesellschaftlichen Zustände zu erwerben, endlich weil Zellenbewohner in

mancher Beziehung Ausnahmsmenschen werden und Einem Arzte sehr viel zu

schaffen machen, wenn auch der Krankenstand ganz unbedeutend bleibt,

deßhalb möchte es gut und zweckmäßig sein, wenn auch der Gefängnißvorstand

ein Arzt ist.

Die Verhältnisse eines Zellengefängnisses drängen von selbst darauf hin,

daß entweder der Doctor vielfach zum thatsächlichen Vorstande und der

Vorstand zu seinem Figuranten würde oder daß Beide sich in die Haare

gerieten, wobei der Staat und die Gefangenen am Schlechtesten bestünden,

wenn der Vorstand ein alter Soldat oder ein einseitiger Fachmensch

überhaupt wäre.

Ein ehemaliger Offizier, der ein bischen vom Rechnungsfache verstünde,

möchte sich zum Vorstande einer Anstalt mit gemeinsamer Haft vortrefflich

eignen, schwerlich dagegen zum Leiter eines Zellengefängnisses.

Nro. 110 gehört zu jenen vielen Zellenbewohnern, welche ihren leiblichen

Zuständen große, oft arg übertriebene Aufmerksamkeit zuwenden und denen ein

bischen Mattigkeit in den Gliedern oder Reißen im Kopfe leicht Gedanken an

schwere Krankheiten und das gefürchtete Brett der Anatomie erregte. Sie

plagen und quälen den armen Doctor mit ihren Einfällen und Fragen und wenn

er nicht darauf einzugehen Grund findet oder gar darob lächelt, dann halten

sie ihn für einen halben Unmenschen, geht er darauf ein, für einen ganzen

Dummkopf und macht er die Sache mit einem Thee oder einer Arznei statt mit

Krankenkost ab, für einen vollendeten Tyrannen.

Heute weiß der gute Benedict sehr viel von Magenknurren zu erzählen und

weil der Doctor ihn mit den violetten Knödeln tröstet, welche morgen

aufgetischt werden, wird er melancholisch und redet von Todesahnungen,

welche ihm jener wiederum auszureden sucht.

Kaum ist der Arzt fort, so tritt der Aufseher herein und lößt das Bett von

der Wand ab. Unser Gefangener arbeitet noch einige Zeit und bringt es über

das Tagwerk hinaus, dann läutet es wiederum in allen Flügeln auf einmal,

wiederum klirren die Eßkessel, wiederum eilen die Aufseher der Küche zu,

Benedict hört, wie sein Aufseher von Zelle zu Zelle geht, die Schalter

zuschlägt und gute Nacht wünscht, bald fliegt auch sein Schalter auf, sein

Schüsselchen wird gefüllt, der Schalter fährt zu und Benedict betrachtet

wehmüthigen Blickes die Königin der Zuchthaussuppen, eine braune, ihm gar

fad vorkommende "Wasserschnalle."

Doch--in der Kaserne bekam er Abends gewöhnlich Nichts, jetzt ist er

hungrig, dort drinnen im braunen Schränklein findet er Salz, er salzt und

ißt die Suppe. Nicht lange darnach tritt der Werkmeister zum letztenmal für

heute herein, er nimmt die schneidenden Instrumente aus der Zelle weg, der

Korb mit Hobelspänen wird in den Gang hinausgestellt, man sagt sich gute

Nacht. Bald verhallen die Schritte der forteilenden Werkmeister und

Aufseher draußen im Gange, alsdann herrscht Todtenstille, höchstens die

fallenden Tropfen einer Brunnenröhre, die Schritte eines Nachbars, das

starke Husten oder Aufseufzen desselben unterbricht diese Stille.

Leise und unhörbar schleichen die Aufseher in Filzschuhen oder in Socken

durch die Gänge, kein Mensch sondern die Einsamkeit will mit dem Benedict

eine ernste, schwermüthige Unterhaltung beginnen, eilig greift er nach dem

reichhaltigen Lesebuch von Döll, dann nach der belehrenden "Menagerie" von

Drugulin und ließt, dort über die Gasarten, was übermorgen in der Schule

verhandelt werden soll, hier über die Wildschweinjagd mit Wurfspießen im

fernen Indien.

Plötzlich lärmt die Hausschelle durch die Todtenstille und befiehlt, daß

alle Lichter gelöscht werden, alle Gefangenen sich zu Bette legen müssen.

Eilig legt Benedict sein Buch weg, klappt Tisch und Bank wiederum an die

Wand und löscht die Lampe aus.

Sinnend steht er noch einige Augenblicke in der Zelle und blickt zum

vergitterten Fensterlein empor, die sechs dicken Eisenstäbe gränzen sich

scharf gegen den Nachthimmel mit seinen dunkeln, fliegenden Wolken ab,

durch welche zuweilen das weiße oder röthliche Licht eines Sternes scheint

oder flimmert und dieses traurige Haus wie die dunkeln Höhen des

Schwarzwaldes, das Heimathdörflein, die Städte und Kasernen des Rheinthales

überschaut und vielleicht in die Scheiben einer Hinterstube leuchtet, in

welcher Meister März mit seinen Gottseligen conventikelt. Benedikt soll

halblaut beten, die Hausordnung will es, doch er will nicht und murmelt

sehnsüchtige Wünsche vor sich hin.

Dann legt er den Strohteppich zum Schutze gegen den kalten Boden vor das

Bett und legt sich nieder, um zu schlafen.

Er hat den Tag über streng gearbeitet und befindet sich bald auf der Brücke

zwischen Wachen und Schlafen, doch das langgedehnte Gebrülle einer

gedankenlosen oder auch boshaften Schildwache laßt ihn einstweilen die

Gedanken ans Einschlafen vergessen.

Man mag ein Zurufen der nicht weit von einander stehenden Schildwachen für

zweckmäßig erklären, doch welchen Zweck soll ein mehr als viehisches

Brüllen und absichtliches Wiehern haben, welches manche Soldaten

allnächtlich auf den Ringmauern zum Besten geben?

Weit entfernt vom Militär kleiner Länder den Geist und die Haltung der

Soldaten einer großen Armee und damit viel zu viel zu verlangen, möchte

doch nicht zuviel verlangt sein mit der Forderung, daß die Wachkommandanten

des Zellengefängnisses häufiger zur Einsicht kämen, gewaltsame Störung des

Schlafes vieler Kranken und Gefangenen sei nicht nur etwas Unnöthiges,

sondern auch etwas Unzweckmäßiges und Unwürdiges.--

Seufzend wickelt sich der Duckmäuser fester in seinen Teppich, kehrt sich

gegen die Wand und der Bibelvers, welcher ihn heute so sehr beschäftigte,

kommt abermals und immer wieder ihm in den Sinn. Er schließt die Augen

gewaltsam und zählt so lange von Eins bis Hundert rückwärts, bis endlich

der Schlaf dem Zählen ein Ende macht, ein Schlaf ohne Erquickung und Ruhe,

denn was sich in seinem Gemüthe regt, lebt auch im Schlafe fort und die

Gedanken, welche er heute gehabt, spinnen sich in die Traumwelt weiter.

Wovon soll ein Zellenbewohner träumen? Von den kleinen Ereignissen der

Gegenwart? Sie biethen ihm zu wenig Interesse dar, als daß sie sich häufig

in seine Träume verweben sollten. Höchstens die Schule beschäftigt den

Träumenden, er setzt manchmal Rechnungen fort oder sieht in lebendigen

wunderlichen Gestalten vor seinen Augen vorgehen, was er dort gehört.

Meistens träumt er von der Vergangenheit, von den Hauptereignissen seines

Lebens, vom Prozesse, der ihn vernichtet oder auch von der Zukunft, einer

bessern, freudevollern Zukunft, von einer Welt voll süßer Täuschungen,

welche der Klang der Hausschelle am frühen Morgen wegzaubert.

Selten im Sträflingssaale, häufig bereits in der Zelle hat der Benedict

geträumt vom Heimathdörflein, von den beiden Schwitten, von den Herzkäfern,

dem Saumathis und Straßenbasche und vom Kasernenleben und manchmal ist er

entsetzt aufgefahren, wenn die todte Mutter oder der Vater mit dem

zerschmetterten Haupte oder dem ledernen Beutel, aus welchem er 50 Gulden

herauszählte, vor ihm stand.

Sechs Jahre muß ein Zellenbewohner in der Zelle bleiben, wenn die Strafzeit

9 oder mehr Jahre beträgt. Sechs Jahre sind über 2190 Tage und ebensoviel

Nächte eines eintönigen Lebens und eine solche Zahl sollte nicht

ausreichen, um den alten Adam abzulegen?--

* * * * *

Mehrere Jahre sind verflossen, seitdem der Benedict das Inwendige eines

Sträflingssaales zum letztenmale gesehen. Er sitzt noch immer in der Zelle,

ist noch immer hineingebannt in den unerbittlichen Gang des Lebens, welches

Jahr für Jahr und Tag für Tag so ziemlich in derselben Weise eintönig

vorüberschleicht, wie wir es beschrieben. Aber der leichtsinnige Hobist ist

indessen ein stiller, nachdenklicher, ein besserer und im Ganzen

glücklicher Mensch geworden, der nicht mehr seine Freilassung für das

Höchste hält, weil er aufhörte, die Erde als das Höchste zu betrachten.

Rasch und leicht ging solche Umwandlung keineswegs von Statten. Sie kostete

bittere Thränen, schwere Kämpfe, verzweiflungsvolle Nächte, schonungslose

Selbstanklagen, tausend vergebliche Vorsätze und mußte Schritt für Schritt

mit dem stärksten, unermüdlichsten und grimmigsten Feinde, welchen der

Mensch hat, nämlich mit der Selbstsucht im Kampfe liegen.

Als nakte Selbstsucht besiegt, kleidete sie sich in das Gewand der Tugend

und Religion, mit Hülfe des Geistlichen entlarvt, mußte der Kampf von Neuem

aufgenommen werden. Jetzt ist sie gebunden, gedemüthiget, aber noch nicht

getödtet, erst der Tod wird sie vollkommen tödten.

Geht nicht eine alte Sage unter dem Volke, die zertretene Schlange vermöge

nicht zu sterben, bevor die Sonne untergegangen?--

Der Duckmäuser ist noch jung und stark, er gehört zu den Gebesserten,

insofern man Mienen, Gebärden, Reden, Benehmen, Eifer in Schule und Kirche,

das gleichmüthige und heitere Ertragen aller Entbehrungen und Leiden eines

einsamen Zellenbewohners, das unbedingte Anheimstellen des eigenen

Schicksals in den Willen Gottes, die lebendigen Aeußerungen eines tiefen

Bewußtseins der ehemaligen Unwürdigkeit, der gegenwärtigen Schwäche und

einer dankbaren Anerkennung der erbarmenden Liebe des Erlösers gegen ihn

als Zeichen von Besserung ansehen darf.

Er lebt so, als ob er nicht mehr allein in der Zelle sei, sondern als ob

die friedlichen, beseligenden Gestalten des Himmels bei ihm ein und

answandelten und als ob der Allmächtige den Fluch der bösen Thaten, die der

Benedict verübt, von dessen Haupte hinweggenommen habe.

Aber so wenig wir auf eine Besserung halten, welche erst auf dem Todbette

erfolgt oder deren Verdienst dem zunehmenden Alter, der wachsenden Einsicht

in das Eitle und Nichtige alles Irdischen, der erkaltenden Begierde,

günstiger gewordenen Lebensverhältnissen und andern Umständen hauptsächlich

zugeschrieben werden können, so zweifelhaft und jedenfalls für die

menschliche Gesellschaft fast unfruchtbar bleibt auch die geistige

Wiedergeburt eines Zellenbewohners, so lange derselbe in der Zelle lebt.

Weßhalb?

Er kann in der That gebessert sein, mag in der sittlichen Erstarkung auch

große Fortschritte gemacht haben und aufrichtig beschwören, ja auch den

Schwur nach der Entlassung treulich erfüllen, daß er niemals wieder in eine

Strafanstalt zurückkehre--aber seine Besserung kann immerhin vorherrschend

als eine Besserung für das Zuchthaus und nicht als eine für die Welt

betrachtet werden.

Zeit und Gewohnheit sind für jeden Leidenden ein Balsam, der Zellenbewohner

entbehrt desselben nicht, aber er entbehrt vieler Gelegenheiten und

Versuchungen zu Sünden, Lastern und Verbrechen, welche die Welt darbietet.

Man hat die Zellenbewohner schon mit Klosterbewohnern verglichen und

dadurch einen hinkenden Vergleich mehr zu Papier gebracht.

Ein Zellenbewohner kann zwar so weit gelangen, daß er seine Strafe

gleichsam aus freiem Entschlusse auf sich nimmt, doch kein freier

Entschluß, den Versuchungen der Welt zu entfliehen, sondern ein Verbrechen

hat ihn in die Einsamkeit getrieben, der Spielraum seiner Freiheit ist

geringer, als der jedes Bruders eines jeglichen Ordens, seine Lage ist

vielfach schwieriger als die des Trappisten und der Austritt aus der Zelle

steht in keiner Weise in seiner Macht.

So wenig wir denen beistimmen, welche wähnen, ein Zellengefangener besitze

keine Gelegenheit Beweise seiner Besserung abzulegen, so geben wir doch zu,

daß die _vollständige Besserung_ eines Zellenbewohners sich _erst

nach der Entlassung_ zu bewähren vermöge.

Ein gebesserter Sträfling soll aber nicht blos kein neues, von wandelbaren

Gesetzen verpöntes Vergehen sich mehr zu Schulden kommen lassen, sondern

überhaupt ein guter Mensch, treuer Familienvater und rechtschaffener Bürger

sein.

Saufen, Spielen, Verschwenden, Betrügen, Ehebrechen, Faulenzen, Weib und

Kinder und Mitmenschen mißhandeln soll er als trauriges Privilegium jenen

Vielen überlassen, welche mit und ohne Glacéhandschuhe erhobenen Hauptes an

Strafanstalten vorüberwandeln und gleich jenem Pharisäer jubeln: "Herrgott,

was bin ich für ein prächtiger, vortrefflicher Kerl!--Noch niemals habe ich

ein gemeines Verbrechen begangen, welches mich in eine Strafanstalt

führte!"

Will eine Regierung sich vollkommen überzeugen, ob Zellenbewohner auf eine

Weise gebessert werden, daß die menschliche Gesellschaft wirklichen Nutzen

davon hat, so muß sie nach unseren Ansichten genaue Nachrichten über das

Leben und Treiben aller Entlassenen von Zeit zu Zeit einziehen. Freilich,

wo Leute erst dann in die Zelle gelangen, wenn sie im Laster bereits alt

wurden, auch in diesem Falle oft nur kurze Zeit zu bleiben haben oder durch

Hungerkost und Dunkelarrest für die nächste Zeit von Verbrechen

abgeschreckt, dagegen der Besserung weit schwerer zugänglich gemacht

werden, da läßt sich nicht allzuviel hoffen, doch jedenfalls würde sich

herausstellen, daß jugendliche Verbrecher, welche 2 bis 3 Jahre in einer

Zelle zubrachten, nicht wieder in eine Strafanstalt zurückkehrten und durch

ihr Leben keinen Grund zur Befürchtung baldiger Rückkehr darbieten.

Damit wäre aber die Einzelhaft als eine für den Staat und die Gefangenen

gleich wohlthätige Einrichtung gerettet, insofern von Besserung im

strengsten Sinne des Wortes die Rede ist.

Ruhig und friedlich lebt der Benedict nunmehr in seiner Zelle und schaut

wohlgemuth auf Alles zurück, was er in ihr durchgemacht hat.

In der ersten Zeit überraschte ihn die Neuheit seiner Lage, er hatte sich

Alles viel fürchterlicher vorgestellt, als er es fand und dem leiblichen

Tode würde er gleichmüthig ins Auge geschaut haben.

Es ist ein gewaltiger Irrthum, zu glauben, der Tod komme Verbrecher schwer

an. Viele sterben ganz ruhig, weil auch der nahende Tod ihnen die tiefe

Ueberzeugung nicht nimmt, daß sie weit eher Märtyrer als Verbrecher seien

und zehnmal eher den Himmel als die Hölle oder auch Keines von Beiden zu

erwarten hatten. Eine Hauptkrankheit aller Gefangenen ist die Schwindsucht,

Schwindsüchtige sind bekanntlich die Letzten, welche an die Nähe ihres

Todes glauben und haben auch keinen schmerzhaften Tod.

Ganz schön und leicht und ohne alle Gewissensscrupeln war der Zuckerhannes

gestorben, einen ähnlichen Tod wünschte sich auch der Benedict.

Doch nicht der Tod, sondern ein neues Leben sollte ihm in der Zelle werden.

In den ersten Monden der Zellenhaft gerieth er, gleich einem frisch

eingefangenen, erwachsenen Thiere, das in einen engen Käfig gesperrt wird,

in einen Zustand großer Empfindlichkeit und Reizbarkeit, den er mit

unsäglicher Mühe beherrschte, um sich nicht bei den Vorgesetzten von

vornherein das Spiel zu verderben. Er suchte sich beliebt zu machen und es

gelang ihm, wie es ihm noch überall gelungen. Sein chronisches Seelenübel,

Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, fand jedoch nicht Pflege und Nahrung

genug, dem Spiele einer lebhaften Phantasie überlassen, gerieth der

vielbelesene Kopf zuweilen mit der rauhen Wirklichkeit in Fehde und weil er

stets den Kürzern zog, machte sich die wachsende Reizbarkeit zuweilen Luft.

Das kurze Wort, der scharfe Blick eines Aufsehers konnte ihn in solcher

Gemüthsstimmung beben machen und was Beamte und Geistliche der Anstalt, in

der er früher gewesen, niemals gehört hatten, hörten die des

Zellengefängnisses: schwere Anklagen gegen Gott und Welt, Gesetze, Richter,

Zeugen, alle Menschen, welche ihm jemals etwas Böses zugefügt haben

sollten.

Ein so entschuldbarer und schon so lange mißhandelter Mensch seiner Art

gehörte freigelassen, das verstand sich von selbst--er machte

Bittschriften und die Beamten mußten dieselben wohl entgegennehmen, wenn

sie Schlimmes nicht schlimmer machen wollten. Natürlich lautete die Antwort

kurz und gut, man fühle sich in keiner Weise veranlaßt, seine Begnadigung

derzeit zu befürworten.

"In keiner Weise!"--["]also haben die Beamten und der Geistliche nicht für

mich geredet! ... Verderben ihnen!" dachte der enttäuschte Benedict und

schwor ingrimmig, keines Menschen Wort und Mienen mehr zu vertrauen. Er

suchte sich in die ehemalige Gleichgültigkeit hineinzulügen, den Besuchern

mit kalter Höflichkeit und schlauer Berechnung entgegen zu kommen, doch

seine Jugend- und Lebenserinnerungen leisteten ihm beständig Gesellschaft,

alle Gestalten derselben lebten und wandelten draußen herum, diesen

gegenüber mochte er nicht gleichgültig bleiben und wenn er die Eisenbahn

pfeifen hörte, welche glückliche Menschen seiner Heimath zutrug oder an

stillen Sonntagen die Parademusik hörte, weinte er oft Thränen stiller

Verzweiflung.

Ein unbedachtsamer Hitzkopf war er sonst nie besonders gewesen, aber jetzt

wurde er es, weil er das Feuer, das in ihm zehrte, nicht zu bemeistern

vermochte. Er redete, was er fühlte, ohne sich lange zu besinnen und gar

Manches, was er in ruhigeren Stunden verdammte.

Endlich versank er in einen Zustand stiller Trauer und hoffnungsloser

Schwermuth. Er würde sich vielleicht aufgehängt haben, wenn das Hängen

nicht ein gar zu gemeiner Tod und der Selbstmord überhaupt kein Akt

tapferer Feigheit wäre. Er hatte angefangen, ernster und gründlicher als je

in sich selbst hineinzuschauen und der Ich, welcher aus ihm heraus ihm

selbst entgegengrinste, zeigte eine so schreckliche Gestalt, daß der

Benedict nahe daran war, an Gott und an sich selbst zu verzweifeln.

Aus dem Trübsinn riß ihn der würdige Geistliche.

Er ließ sich das ganze Leben des Gefangenen erzählen, zeigte ihm, was er

gewollt und gethan, anderseits was Gott gewollt und gethan habe und verwies

auf die Tröstungen der Religion.

Ein erklärter Feind der Religion, Geistlichen und rechtschaffener Menschen

war Nro. 110 niemals gewesen, kannte die Lehren der katholischen Kirche und

wußte, wie tief die Wurzeln liegen, welche dieselbe mindestens noch beim

Volke getrieben. Die äußern Gebräuche hatte er als Gefangener niemals

vernachläßiget, aber religiös gesinnt konnte er nicht werden unter

Menschen, die Mangel an Religion für die höchste Tugend erklärten. Ohne daß

er es merkte und wollte, übten die Religionsspötter doch Einfluß auf ihn,

als Betbruder zu gelten, däuchte ihm eine Unklugheit und halbe Schande.

Nachdem er in der Zelle genug geflucht, gewüthet und sich den Tod

gewünscht, begann er zu beten.

Schule, Kirche, gute religiöse und andere Schriften machten einen

wohlthätigen Eindruck auf ihn, eine herzhafte Generalbeichte wurde der

Anfang zur Besserung.

Langsam und allmählig, wie der Benedict hochmüthig, leichtsinnig, diebisch

und liederlich geworden, lernte er Demuth kennen und üben, die Sünden

zuerst als eine unpraktische Dummheit und dann erst recht als eine

Beleidigung der Majestät Gottes kennen, die Sehnsucht nach irdischen

Gütern, Genüssen und Ehren minderte sich, je mehr sich ihm die Gestalten

des Himmels offenbarten und auf dem Pfade zur Versöhnung mit sich selbst,

der Welt und Gott ward ihm mannigfache Hülfe.

Hat er nicht einen Briefwechsel mit seinen Geschwistern angefangen, an

welche er lange Jahre nicht geschrieben? Wurden die Antworten nicht eine

reiche Quelle des Trostes und der Ermunterung für ihn? Erfuhr er nicht

unter andern, der Vater habe noch einige Stunden gelebt und Zeichen der

Verzeihung gegen das Bild an der Wand gemacht, welches den Benedict als

Hobisten darstellte? Schöpfte der Unglückliche nicht daraus den Trost, der

Vater habe ihn noch bei Lebzeiten nicht für seinen absichtlichen Mörder

gehalten?

Am ersten Montage des Septembers 185... wurde Nro. 110 unvermuthet ins

Besuchzimmer abgeholt. Er schrak ganz zusammen und die Kniee zitterten ihm,

als er durch die kühlen Gange geführt wurde und erinnerte sich, auf diesem

Wege sei er in die Anstalt hereingekommen.

Richtig liegt auch das Besuchzimmer im Vorderbau beim Eingange und der

Gefangene, welcher Besuch empfängt, sieht die Thüre, die ins große

Zuchthaus hinausführt.

Das Besuchzimmer des Zellengefängnisses ist so eingerichtet, daß der

Gefangene nicht das Mindeste von den Besuchern in Empfang zu nehmen

vermöchte, wenn auch gar keine Aussicht vorhanden wäre. Die Leute sehen

einander mit Mühe, geschweige daß sie sich die Hand zu geben vermöchten und

die Stimme ist wohl das Hauptsächlichste, woran sie sich gegenseitig

erkennen. Hausordnungswidrig darf sich auch keine Stimme vernehmen lassen,

denn zwischen den bis zur Decke eng verpallisadirten Käfigen der

Besuchenden und des Besuchten steht ein Aufseher, so lange sie zusammen

reden und diese Aufseher sind ausgewählte, pflichttreue Diener, wie man sie

wohl selten in einer Strafanstalt beisammen trifft.

Für die übertrieben scheinende und in der That harte Einrichtung des

Besuchzimmers finden wir nur Einen haltbaren Grund: man will die

Angehörigen, Freunde und Bekannten der Zellenbewohner von Besuchen

_abschrecken_.

Dieser Grund ist allerdings haltbar, weil ein Zellenbewohner wahrend seiner

ganzen Haft mehr oder minder in einem empfindsamen, leicht erregbaren

Zustande sich befindet und durch nichts leichter als durch Besuche in eine

gewaltige und manchmal unheilbringende Aufregung versetzt wird.

Wer weiß, welchen Eindruck der jetzige Besuch auf den Benedict gemacht

hätte, wenn er nicht bereits zum religiösen Halt in sich gelangt gewesen

wäre!----

Er hat am Besuchzimmer später nichts ausgesetzt, denn er fühlte sich

unwürdig, den beiden Lieben, welche ihn besuchten, näher zu treten und die

Hand zu reichen und mußte sich im ersten Augenblicke an einer Pallisade

halten, um nicht zusammenzubrechen. Standen doch ihm gegenüber der älteste

Bruder, der Johannesle, welcher Zeuge der allerersten Arretirung in der

Apotheke gewesen und neben ihm----das Rosele!

Stumm, von seltsamen Gefühlen bewegt, schauten sich diese drei Menschen an,

so gut es möglich war, dann brachen sie in ein lautes Weinen und Schluchzen

aus und endlich begannen sie zu reden, anfangs ohne recht zu wissen was und

wovon. Der Benedict faßte noch zuerst Muth und Besinnung und erzählte ihnen

sehr Tröstliches von seinem Zellenleben, was die Beiden ruhig machte.

Wie groß und mannhaft ist der Johannesle geworden und jetzt verheirathet,

wie sehr hat das Rosele gealtert und wie manche Thräne mag über diese

braunen, gefurchten Wangen geflossen sein! Das Weib des Straßenbasche ist

todt, doch der alte Mann lebt noch, sie pflegt ihn und ist ledig geblieben

bis zur Stunde. Der Mensch liebt nur einmal recht in seinem Leben, alles

Späterkommende ist mit Lumperei vermischt!--

Daheim im Dörflein hat das Jahr 1848 die rothe Schwitt vollständig ans

Ruder gebracht und der Willibald ist Obmann des Sicherheitsausschusses

gewesen. Es gab nur Demokraten, welche soffen und schrieen und Einige,

welche in Winkeln herumkrochen, das Maul hielten und erst nach der Ankunft

der Preußen auf die frühern "Maulhelden," um deretwillen doch eine Armee

ins Land rückte und das Pulver nicht sparte, tapfer schimpften. Dafür

wurden diese Bürgermeister und Gemeinderäthe; nur Einer ging leer aus und

meinte, er hätte es eher als Alle verdient. Dieser Eine war der Sohn des

alten, längst vermoderten Fidele, der Max vom Rindhofe, der Taufpathe der

rothen Schwitt.

Dieser Taugenichts, an welchem übrigens ein Heli von Vater, eine dem

positiven Christenthum bereits entfremdete Schule und vor Allem schlechtes

Beispiel Vieles versündiget, hatte die Zukunft der rothen Schwitt als

Anführer derselben anticipirt, bevor die Februarrevolution ausbrach und

alle Rothschwittler und Rothschwittlerinnen des Landes zu Ehren brachte.

Den gewöhnlichen Weg vom leichtsinnigen Müßigänger zum genußwüthigen

Lumpen, von diesem zum kleinen und allgemach zum großen Verbrecher und

entschiedenen Feinde Gottes und der Menschen durchmachend, lernte Max das

Innere vieler Wirthshäuser, Spitäler und Gefängnisse kennen und benahm sich

im Heimathdörflein so, daß selbst die ärgsten Rothschwittler nicht gerne

mehr mit ihm sich abgaben.

Seit den Märztagen führte der Willibald das große Wort im Dörflein, das

sich wie an den meisten Orten in drei Parteien theilte, nämlich in eine

lärmende und herrschende, in eine feigherzig schweigende und unentschlossen

abwartende und endlich in die Windfahnenpartei, welche sich heute zu dieser

morgen zu jener neigte, heute das einige Deutschland und den Großherzog,

morgen die Republik hochleben ließ.

Mit Max hielten es nur einige Schnapslumpen und Solche, welche auch bereits

aus Erfahrung wußten, wie Gefängnißsuppen und Zuchthausbrod schmecken. Das

Dörflein hat während der langen Abwesenheit des Benedict traurige

Fortschritte in Liederlichkeit und Verarmung gemacht, trotz den

Anstrengungen derer vom alten Schrot und Korn und der Jungen der schwarzen

Schwitt seinen guten Ruf jährlich mehr eingebüßt und ist das Haus des

Brandpeterle nebst einigen andern aus einer Schule der Laster zur

Verbrecherschule geworden.

Was man wenig überlegt und selten gelten lassen will, nämlich die Mitschuld

der Gesellschaft an den Verbrechen der Einzelnen ließe sich gelegentlich

dieses Dörfleins bis ins Einzelnste nachweisen, mit Namen, Thatsachen und

sogar mit Zahlen belegen und spielte der Name eines Pfarrverwesers der

Nachbarschaft dabei leider eine ebenso erhebliche als unläugbare Rolle. Wir

können uns hier nicht näher darauf einlassen und melden zunächst nur, daß

die Lumpen und Schlechten begreiflicherweise der Gesellschaft und dem

Staate nicht einige Mitschuld, sondern übertreibend die Hauptschuld an

ihren Lumpereien, schlechten Streichen und Verbrechen aufbürdeten und beim

Ausbruche des Lärmes freudenroth und blutigroth schillerten und redeten,

weil sie vermeinten, nunmehr sei das goldene Zeitalter der "Bürger" Schurk

und Compagnie vor der Thüre und bereit waren, Alles zu thun, was ihren

alten Gegnern zuwider und arg und ihren Wünschen entsprechend war.

Doch der Willibald trat sogleich an die Spitze der Liberalen, die in einer

Woche zu vollblütigen "Demokratern" wurden und statt mit dem Max und dessen

engern Freundeskreis zu fraternisiren, warf man ihm die bittere Wahrheit

haufenweise ins Gesicht und durfte in Gegenwart der alten Freunde kaum ein

Gläslein im Hirzen trinken, ohne in Gefahr und wegen seines bösen Maules

manchmal in den Fall zu gerathen, eine unfreiwillige Reise durch die Luft

zu machen. Der Max, darob erbost, liebäugelte einige Zeit mit den alten

Freunden seines Vaters, welche aus ruhigen Bürgern zu heillosen

"Aristokraten" geworden. Diese machten es ihm gerade wie die Windfahnen;

sie scheuten sich, ihm und seiner Sippschaft offen entgegenzutreten und

ließen sich nur durch die Unverschämtheit, mit welcher er Jeden mit "Du"

und "Bürger" anredete, in die Häuser eindrang und schmarotzte, zuweilen

bewegen, ihm nicht mit schweigender Verachtung zu begegnen, sondern gleich

den Demokratern mit Dreschflegeln zu winken.

Kurz und gut, der redegewandte Max mit den Seinigen gelangte zu keinem

Einfluß, fand Alle gegen sich und schimpfte heidenmäßig auf Alle. Als im

Spätjahr 1848 die Nachricht kam, wie Struve im Interesse der Freiheit,

Bildung und des Wohlstandes _Aller_ im Oberland die _Einzelnen_

traktire, Beamte in Ketten schlage, ganzen Dörfern mit Brand und Mord

drohe, Einzelne fange, Gelder des Staates einsäkle und zahmgewordenen

Kammerlöwen mit dem Sarras winke, um sie zu patriotischen Liebesgaben an

die soziale Republik aufzumuntern, da schwoll dem Max das Herz in

freudigbanger Erwartung, seine Sippe steckte die Köpfe zusammen, die

Demokrater kratzten hinter den Ohren, die Aristokrater ließen schwere

Seufzer fahren und gruben Nachts Löcher im Keller, die Windfahnen

vertilgten mehr Wein, Bier und Schnaps als je, um beim etwaigen Einzuge des

"Statthalters und der Statthalterin" dauerhafte Gurgeln zum

Vivathochschreien zu haben.

Leider machte ein regnischer Sonntag im September den frühlingshaften

Ahnungen der Rothen, Röthern und Röthesten des Ländleins durch die

"Schlacht" bei Staufen ein Ende und als der Max gar erfuhr, daß Struve in

der Nacht mit der Eisenbahn als Gefangener durch die erste Provinz seines

Reiches gesaust, da rief er in tiefem Schmerz:

"Mit Deutschlands Einheit ist's Mathäi am Letzten. Das Parlament läßt nicht

hängen und köpfen, der deutsche Michel läßt seine besten Männer besiegen,

die Elsässer halten uns mit ihren Pralereien zum Narren, rächen wir uns an

der schwarzen Schwitt, denn diese trägt an allem Schuld!"----

Gesagt, gethan. Er stand mit einigen Kameraden dem Willibald als einem

Abtrünnigen und "Aristokrater" auf den Weg, sie schlugen denselben halbtodt

und nahmen sich das Trinkgeld dafür aus seiner Tasche. Schon einige Stunden

später saßen Alle im Amtsthurme, doch der Rädelsführer fröhlich und guter

Dinge, denn erstens war die Kerkerkost besser als in friedlichen Zeiten,

zweitens hegte er keinen Zweifel als politischer Verbrecher behandelt,

beurtheilt und, amnestirt zu werden und drittens dann als politischer

Märtyrer etwas einträglichere Geschäfte als bisher machen zu können.

Die Untersuchung währte sehr lange; die Richter empfanden damals große

Scheu, irgend einem Sohne des souveränen Volkes Unrecht anzuthun und

beliebäugelten das Individuum im Spiegel der Allgemeinheit. Doch nach der

Mairevolution erwachte der alte Heldenmuth und eine niegesehene Rührigkeit

im Verurtheilen und der Max spazirte als Räuber dahin, wohin er gehörte.

"Er hat's noch nicht abgesessen und lebt unter Einem Dache mit Dir!" schloß

der Johannesle; siedendheiß fuhr es dem Benedict durch die Glieder, denn

der alte Schwarzschwittler regte sich in ihm und konnte es nicht lassen,

mit dem Haupte der rothen Schwitt am gleichen Ziel angekommen zu sein und

unter Einem Dache zu leben.--

Nach vielen Herzkäfern und Schulkameraden, deren Stolz und Freude er

dereinst gewesen, wagte er gar nicht zu fragen, denn der Johannesle besaß

keinen Funken jenes Taktes, mit welchem Besucher mit Zellengefangenen reden

müssen, wenn sie denselben keine schweren Stunden und schlaflose Nächte

bereiten wollen und das Rosele war etwas schweigsam und kurz.

"Hab' oft für Dich gebetet, Benedict und will für Dich jetzt täglich in die

Frühmesse gehen. Was ich nicht über Dich vermochte, vermag am Ende dieses

wunderliche Haus noch am besten!--Sei getrost, der alte Herrgott lebt noch

und weiß, was für Dich gut ist und die großen Herren sind besser als die

kleinen. Betrübe Dich nicht zu sehr, weil Du da sitzest, denn daheim und im

Lande sieht es so aus und geht es so zu, daß auch ordentliche Leute

manchmal fast froh wären, hier oder doch tausend Stunden vom Rhein weg zu

sein und Maxes alte Kameraden erzählen genug, wie man im Zuchthaus

ungeschorener und besser lebe als in der Freiheit!"--

"Viele, die selbst mitmachten, sind jetzt die ärgsten Anzeiger und

Leuteschinder; wenn man's sieht, wie das Land ausgefressen und ausgesogen,

dem Armen das letzte Leintuch unter dem Leibe weggerissen wird, weil der

"Vollstrecker" oder der Staat Geld braucht und wie nirgends Zutrauen und

Verdienst zurückkehren wollen, da wunderts Einen nicht, weßhalb Tausende

jetzt auswandern nach Amerika. Am Ende kommst Du auch noch hinein,

Benedict, denn seitdem die Gemeinden und der Staat Solche, die im Zuchthaus

gewesen wegen Stehlen und Rauben, mit den Politischen nach Amerika

spediren, geht das Gerede, alle Zuchthäuser würden allgemach geleert und

der Befehlshaber von Amerika habe herausgeschrieben, man solle ihm doch

alle Arrestanten schicken, weil es an Händen fehle zum--Arbeiten!"

Benedict schüttelte etwas ungläubig den Kopf und meinte:

"Für mich gibts keine irdische Hoffnung mehr!--Ich habe schon an Dir,

Rosele, mein Loos verdient, weil ich Deine einst so treue Liebe so

mißachtete und mißhandelte!--Ich möchte nicht einmal wieder unter die

Menschen, denn was habe ich zu erwarten? Gutes wenig, sei es im Badischen

oder in Amerika. Lebewohl, Liebe, bete für mich und denke, daß ich endlich

doch hier ein anderer Mensch werde!"

Rosele fuhr mit der Schürze über die Augen, winkte dem Unglücklichen noch

einmal mit der Hand und wandte sich nach der Thüre, während Johannes einen

Besuch im nächsten Jahr nach der Erndte versprach, falls diese gut ausfalle

und ziemlich kühl Behütegott sagte.

Der Benedict hat sich eine Minute an den Pallisaden gehalten, als die

Beiden gingen, hat gezittert und sich schier die Lippen wund gebissen, um

nicht laut aufzuschreien. Doch ist er seiner selbst Meister geworden und

still in seine Zelle zurückgekehrt, wo er auf die Kniee fiel und Gott ein

heiliges Gelübde machte.

Seitdem ist er allgemach zu einem rechten Christenmenschen geworden, hat

tief in sich hineingeschaut wie selten Einer und ernsthaft an seiner innern

Läuterung gearbeitet, so daß er nunmehr alle Leiden um Christi willen

freudig trägt.

Und wenn heute der herzensgute Fidele vom Grabe auferstünde und seinen

Einzigen im grauen Kittel in der Zelle sähe, so würde sein Schmerz durch

die Freude überwogen, in diesem zwar einen Verbrecher, aber einen

_gebesserten_ Verbrecher zu finden.

Der Max vom Rindhofe hat in der Zelle auch Gelegenheit erhalten, über sich

selbst lange und ernstlich nachzudenken und sich selbst gründlich kennen zu

lernen. Selbsterkenntniß aber ist und bleibt der Anfang aller Weisheit.

Könnte man alle Menschen gleich den Zellenbewohnern zum Nachdenken

_zwingen_--die Erde hörte auf, ein großes Zuchthaus zu sein und der

Streit, ob man Mitmenschen pennsylvanisch, auburnisch oder nach der alten

Methode drangsaliren müsse, damit die Gesellschaft sicher sei, würde als

Kennzeichen einer rohen und barbarischen Zeit betrauert werden.

* * * * *

#AUS DEN BRIEFEN DES SPANIOLEN.#

* * * * *

#VORBERICHT.#

Der Spaniol ist ein alter Bekannter aus dem ersten Theil und hat vielleicht

mancher Leser schon zu erfahren gewünscht, wer und woher er wohl und wie es

ihm bisher ergangen sein möge. Einerseits Revolutionär als Grundsatz,

gehört er anderseits schon vermöge seiner höhern Ausbildung und gewaltig

hohen Verbildung den höhern Volksklassen an.

So unrichtig es wäre, denselben als eine erdichtete Person zu betrachten,

so sehr bitten wir auch, in ihm den Ausdruck einer großen Klasse von

Menschen zu sehen, welche mehr oder minder bewußt und weitgehend dem

Spaniolenthum huldigen. Seine Geschichte ist eine lange, lehrreiche und

traurige. Statt ihrer geben wir nur Auszüge und dazu noch

_umgearbeitete_ Auszüge aus Briefen des Helden.

Warum?

_Erstens_ erfordert eine _lange_ Geschichte viel Druckpapier,

noch mehr Schreibseligkeit und am meisten Geduld beim Leser. Der Herr

Verleger besitzt zweifelsohne Papier genug, aber die Zuchthausgeschichten

sind schon ihrem Inhalte nach etwas dick und sollen mindestens der Form

nach nicht allzudick werden, damit sie sich leichter Platz machen in der

elenden Zeit. Ferner hat möglicherweise schon Mancher gedacht, der

Verfasser müsse ein recht schreibseliger Mensch sein, zumal er sich

zuweilen wiederholt, allein Ein Beweis vom Gegentheil wird durch großartige

Beschneidung der Geschichte des Spaniolen geliefert und manche Wiederholung

mit der Furcht entschuldigt, daß der Leser diese Schrift als eine

vorzugsweise für Unterhaltung berechnete ansehe, mit der Erfahrung, daß

Kopfzerbrechen und Nachdenken keine Lieblingsleidenschaft des Publikums

sei, mit der Gewißheit, daß man gewisse Dinge nicht oft genug sagen könne

und vor Allem mit Vertrauen auf die berühmte deutsche Tugend der Geduld.

_Zweitens_wäre die Darstellung der innern Entwicklung und äußern

Schicksale des Spaniolen sehr lehrreich und wohl auch unterhaltend, allein

der genauem Veröffentlichung stehen größere Bedenken entgegen als bei allen

übrigen in dieser Schrift vorkommenden Geschichten. Daß wir es dadurch mit

Rezensenten, Schön-, Schwarm- und Rottengeistern der Gelehrtenrepublik, ja

mindestens mit drei Viertheilen der Welt verdürben, wäre noch leicht zu

verdauen. Wir fragen so wenig nach allen Interessen unserer Person als nur

immer möglich und weil es auf dem unvermeidlichen Totenbette doch Eins ist,

ob man sein Lebenlang Champagner oder Batzenvierer getrunken,

Havannahcigarren oder Pfälzerkneller geraucht und auf Eiderdunen oder auf

einem Spreuersack Nachts schnarchte, so würden wir uns nicht einmal

sonderlich grämen, wenn man uns eines schönen Tages zum zweitenmal, aber

dießmal um einer _guten heiligen_ Sache willen an der Cravatte packte;

wenn diese dadurch gefördert würde, könnte die winzige Person darob ganz

fröhlich zu Grunde gehen.

Allein nicht unsere Person, sondern die des Spaniolen müssen wir

verschleiern und diese auch weniger um ihretwillen, sondern wegen anderer

Leute. Wir müßten nolens volens Vieles dichten, dürften Namen von Orten und

Personen, Zahlen und manche Thatsachen nicht laut werden lassen, ohne

Anstoß und Schaden zu verursachen und müßten dieselben doch laut werden

lassen, um gehörige Lichtfunken in die dunkle Geburtsstätte des

Spaniolenthums zu werfen. Solcher Widerspruch ist schwer zu lösen.

Dagegen bietet die Geschichte unseres Helden Anknüpfungspunkte und

Thatsachen in Menge, um mindestens nachzuweisen, wie weit die

Entchristlichung aller öffentlichen und gesellschaftlichen Zustände, die

Protestantisirung des katholischen Volkes gedieh und wie namentlich das

katholische Erziehungswesen kaum Spuren von christlichem geschweige

kirchlichem Geiste an sich trug in einer Zeit--welche in manchen Gegenden

noch nicht zur Vergangenheit geworden. Gegenwärtig, wo es Tausenden

einleuchtet, wohin die Entchristlichung der Völker und die

Protestantisirung katholischer Christen führe und wo aus den Denkschriften

der Oberhirten der oberrheinischen Kirchenprovinz ein Wächterruf des

Himmels an sämmtliche Dusler unter dem Monde erklingt, da wird es Pflicht,

alle Kraft aufzubieten, um einer bessern Zukunft eine Gasse machen zu

helfen.

Die Geschichte des Spaniolen enthält Thatsachen genug dafür, wie es lange

Jahre namenlich mit dem _Erziehungswesen_ in einem Lande aussah, von

dessen Bewohnern zwei Drittheile katholisch getauft worden. Wir wählen

diejenigen heraus, für welche wir im Nothfalle einstehen können, sei es,

daß wir mit Andern Aehnliches oder ganz Gleiches erlebten oder Beweise

beizubringen vermögen. Erkenntniß der Fehler ist der Anfang zum

Besserwerden. Nebenbei soll Anderes, wenn auch nur flüchtig berührt werden,

was darauf hinzielt, dem Staate und der Kirche mindestens mit gutem Willen

beizuspringen und wenn dieser oder jener Punkt katholisch getaufte

Museumslazzaroni, Gänsekielimperatoren, Säbelbedienstete, Volksbildner und

Kleinbubenprofessoren, Kammerzeuse und andere Giganten der Aufklärung und

Bildung ärgert oder in gelinde Wuth versetzt, so wissen wir keinen bessern

Rath, als daß diese Herren das Buch mit fachgemäßer Entrüstung an die Wand

werfen, den Spaniolen für einen pechschwarzen Demokraten und seinen

Briefsteller für alles Mögliche halten, was ihnen just einfällt und

beliebt.

Heilsamen Verdruß unter Namenchristen zu erregen, halten wir für großes

Verdienst.

_Drittens_ endlich ist die Geschichte des Spaniolen eine sehr

_traurige_. Nun kann man zwar dem Schmerz eine Schellenkappe aufsetzen

und in Trauermusik recht freundliche und lustige Stellen einflechten, zudem

hat der Held über seine eigene Geschichte genug gelacht und es dauerte

gewaltig lange, bis er zur Einsicht kam, seine Geschichte sei Eine zum

Weinen--doch es gibt Schmerzen und Musiken, die sich mit Schellenkappen

nicht vertragen und wo aus dem lustigen Aufjauchzen das tiefe innere Wehe

nur noch herber heraustönt und der Spaniol ist ein ernster Christenmensch

geworden, der nur mit einer ernsten Lebensbeschreibung zufrieden sein

könnte. Damit nun vorliegende Briefe und der Schluß der

Zuchthausgeschichten nicht gar zu traurig ausfallen, sind dieselben aus der

Zeit genommen, wo der Held derselben nicht mehr in der Zelle zu B. und

nicht mehr in dem engen, schwülen Kerker ungläubigen Aberglaubens seufzte,

sondern wiederum den Wanderstab ergriffen hatte und wenn nicht im Himmel

des Kinderglaubens, doch im Vorparadiese eines durch Nachdenken und Gebet

neuerrungenen Glaubens an Christum den Gottessohn und die

menschheiterlösende Mission der Weltkirche Jesu Christi weilte. Was den

Inhalt der Briefe betrifft, so verhalten wir uns zu denselben wie ein guter

Rathsherr zu den Ansichten seines Bürgermeisters. Wir nicken abwechselnd Ja

und rufen: Einverstanden!

* * * * *

#I.#

* * * * *

--Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man eine lange Reihe von Monden

keinen Schritt ohne Ordre und Wächter thun darf, eingezwängt in den

eintönigen Gang einer unerbittlichen Hausordnung und in den kleinen Raum

von 8 Schritten Länge und 4 Schritten Breite, welchen eine Zelle einnimmt.

Freilich gewöhnt sich der Mensch daran, eine Art Maschine zu werden und das

eigene Wollen mehr oder minder aufzugeben; die anfangs beengende Zelle

erweitert sich allmählig und wird aus einem öden Behälter zum freundlichen

Stübchen, in welchem man sehr glückliche Stunden zu leben vermag--doch wie

viele düstere und wildbewegte Tage, wie viele bange und verzweiflungsvolle

Nächte muß man durchleben, bis es so weit kommt, einen Schimmer äußern

Glückes zu genießen! Wie Alpdruck lastet die Einsamkeit auf dem Gemüthe und

erdrückt jede frohe Regung in den ersten Monden der Haft. Später kommt das

Nachsinnen und Nachbrüten, die Zelle bevölkert sich mit alten Gestalten der

Vergangenheit, sie weisen die Schuld unserer Leiden von sich ab und auf uns

selbst, der Teufel und der Engel in uns beginnen ihre geheimnißvolle

Zwiesprache und diese Zwiesprache steigert sich zum folternden,

herzzerreißenden Streit und verzweiflungsvollen Kampfe. Unentschieden wogte

in mir der Kampf und Streit, erst am Ende des zweiten Jahres wurden die

Stunden seltener, in denen der Böse mir gräßliche Gedanken, finstere

Entschlüsse, blutige Hoffnungen in die Ohren flüsterte und ich tagelang der

Gesellschaft Jenes mich erfreute, der Allen Alles werden kann und soll und

im Grunde der einzige wahre Freund bleibt, welchen der Mensch auf dieser

Welt zu erwerben vermag.

Wo Er weilt, herrscht Friede und Seligkeit, wo Er fehlt, Unruhe und Qual.

Dies ist in allen Menschenwohnungen der Fall, doch der Zellengefangene

empfindet es lebhafter als jeder Andere, weil ihm die zahllosen

Zerstreuungen fehlen, durch welche die Freien das bange Herz in süße

Gedankenlosigkeit einwiegen.

Die Freien, welche Ironie!--Die äußere Freiheit bleibt für den Herrn des

größten Thrones und für den Bürger der freiesten Republik leerer Schein,

hohle Redensart, wo die innere fehlt. Es gab und gibt wohl noch Könige,

abhängiger und elender als der verlassenste Bettler ihres Reiches, und

Gefangene, freier und glücklicher als die Gesetzgeber des freiesten

Staates. Innere Freiheit ist die Quelle der äußern. Ein Volk, unter welchem

viele innerlich Freie sich befinden, kann keine schlechte Regierung haben

und von vornherein niemals in die scheinbare oder wirkliche Notwendigkeit

versetzt werden, sich gegen dieselbe aufzulehnen und zu empören.

Revolutionen sind Zeugnisse für tiefgehende Krankheiten der Völker und

Folgen unbehaglicher Zustände, welche durch die Krankheiten ins Leben

gerufen wurden.

Und krank, sterbenskrank ist unsere Zeit; sie liegt darnieder am Mangel an

innerer Freiheit, näher am Mangel an positiver Religion und am Ueberflusse

an einem Heidenthum, das weit ärger ist als das alte, weil man es kein

unbewußtes und argloses nennen darf. Es strebt den ganzen Organismus des

Staatslebens und der Gesellschaft zu vergiften und hätte denselben seit 300

Jahren schon mehr als dreimal vergiftet und ertödtet, wenn nicht die Kirche

gegen alle Angriffe und Verfolgungen kirchlicher und politischer

Revolutionen Stand gehalten hätte.

Doch--ich gerathe wieder auf Dinge, von welchen ich mindestens diesmal

nicht reden wollte. Es ergeht mir wie alten Soldaten und den meisten

Fachmenschen, welche jahraus jahrein von ihren Feldzügen und Geschäften

reden und unwillkürlich immer wieder darauf gerathen, ob sie wollen oder

nicht. Sollte ich mich entschuldigen, so wüßte ich nichts anzuführen, als

daß ich eben leider ein entschiedener und im Kampfe nicht unerfahrener

Soldat des Heidenthums gewesen und dadurch zum Verbrecher geworden bin.

Mein Herz zittert, sobald ich länger bei diesen Erinnerungen verweile. Sie

liegen hinter mir als ein langer, banger Fiebertraum voll von gräßlichen

Gestalten, drohenden Gefahren und niederschmetternden Erinnerungen. Ich

weiß, daß du mir verzeihest und Dank weißt, wenn ich später über die

Nachtseiten meines Lebens rasch hinwegeile. Es geschieht nicht, weil ich

mich des Bekenntnisses, sondern weil ich mich meiner Verirrungen und Sünden

schäme--mich selbst verachten und Gottes Barmherzigkeit anstaunen muß, der

einen Unhold meiner Art zu sich rufen und aus einer Art moralischem

Ungeheuer, dessen größte Tugend im Stolze auf seine Ungeheuerlichkeit

bestand, wiederum zu einem Menschen, zu einem Christen werden ließ. Er

würde es wohl nicht gethan und als gerechter Gott mich den Folgen meiner

Unthaten überlassen haben, wenn nicht Er am besten gewußt hätte, daß

weniger Selbstsucht als verwundete und verkehrte Liebe für meine

Mitmenschen und nicht Bosheit, sondern frühgenährte Eitelkeit des Herzens

mich auf einem Wege forttrieben, auf welchen ich mich nicht selbst brachte,

sondern als Kind darauf gebracht wurde.

--Ja, einen großen Theil meiner Schuld schiebe ich keineswegs mit dem

höflichen Dichter den Gestirnen zu, sondern muß und darf meine Eltern,

Lehrer und die Gesellschaft überhaupt dafür verantwortlich machen. Dabei

vergesse ich nicht, daß Eltern unter allen Umständen Eltern bleiben und daß

die meinigen hinsichtlich ihrer natürlichen Gaben und thätigen Liebe für

uns Kinder vortreffliche Menschen waren. Ich muß dieselben mit mir beklagen

und nicht minder meine Lehrer, welche als Söhne und Träger der Bildung

einer dem positiven Christenthum abholden und feindseligen Zeit eben auch

zu dem gemacht worden waren, was sie aus mir und meinen Mitschülern

machten: _Namenkatholiken, Unchristen, Heiden._

Man sollte vermeinen, Eltern und Lehrer in christlichen Staaten erachteten

es für die erste Pflicht, junge Seelen Christum kennen und lieben zu

lehren, die Glaubenssätze und Gebräuche der Kirche so gründlich als möglich

zu erklären und denselben handelnde Christen in ihrer Person zu zeigen.

Solch heilige Pflicht wäre nicht allzuschwer zu erfüllen. Das Kind faßt

Christum, weil sein Gemüth reine Liebe begreift und die natürliche Liebe,

welche es für seine Ernährer und Lehrer empfindet, bildet die

Uebergangsbrücke der übernatürlichen Liebe zum Himmlischen und Göttlichen.

Ferner wären dogmatische Auseinandersetzungen für Kinder zwar unnütz, denn

das Kind zweifelt nicht, sondern glaubt und vertraut und der erstarkende

Verstand entwickelt mit der Zeit aus dem lebendigen Glauben an den

Gottessohn alle Glaubenssätze als bloße Folgerungen aus jenem Glauben von

selbst, doch eine oft wiederholte Erklärung aller Gebräuche der Kirche, in

deren kleinsten eine unendlich tiefe Bedeutung liegt, sollte eben so sehr

zur Obliegenheit der Eltern als der Lehrer werden. Endlich sind die meisten

Erzählungen vom Leben der einzigächten Helden der Menschheit, der Helden

des sittlichen Willens, nämlich der Heiligen für jedes Kinderherz so

verständlich, anziehend und rührend, daß in keinem Hause eine

Legendensammlung fehlen und nirgends dieselbe bestäubt in einem Winkel

liegen sollte. Zuletzt liegt in der Befolgung der Vorschriften unserer

Religion der ächte Stein der Weisen, das Geheimniß des zeitlichen und

ewigen Glückes und wenn Eltern und Lehrer nicht einmal an ihre Kinder und

Schüler, sondern nur an sich selbst und ihren handgreiflichen Nutzen, nicht

an das Jenseits, sondern nur an den Augenblick und das Irdische dächten,

würden sie darnach _streben_, ihren Kindern handelnde Christenmenschen

zu zeigen, durch eigenes Beispiel zur Nachahmung reizen und an das Gute

gewöhnen.

Zu all diesem gehört keine besondere Gelehrsamkeit, es kostet nicht viele

Zeit und würde eher zu Ersparnissen als zu Ausgaben verhelfen.

Allein wie sieht es in protestantischen und katholischen Familien und

Schulen mit der Pflege des Christenthums aus?

Gibst du nur den einzigen Satz zu, daß ein Christenthum ohne einen

Gottessohn ein leeres Gerede sei, hinter welchem sich ein mit christlich

klingenden Redensarten verbrämtes Heidenthum breit macht, so wird den Satz

Niemand umstoßen können, daß bei weitem in den meisten Häusern und

Schulstuben das heranwachsende Geschlecht zu Heiden statt zu Christen und

weit eher für Wirthshäuser, Spitäler, Irrenanstalten und Gefängnisse denn

für ein glückliches Familienleben, weil für die Kirche und den Himmel

herangezogen werde.

Ich bin ein trauriges Beispiel dafür geworden. So wenig meine Erziehung in

Haus und Schule einigen Antheil am Verdienste meiner Rückkehr zum Glauben

besitzt, ebensowenig verhindert sie bei vielen Tausenden, daß diese werden,

was aus mir, dem Liebling der Eltern und Lehrer, geworden.

Pietät verbietet mir, meine leiblichen Eltern von einer ungünstigen Seite

zu schildern. Kinder ihrer Zeit und Opfer der Weisheit der Zeit, trug

Alles, was angeborne Herzensgüte des Vaters und Sanftmuth der Mutter,

günstige Lebensverhältnisse und erfahrne Weltklugheit bei ihnen vermochten,

nicht genug zu einem dauerhaften häuslichen Glücke, wenig zum Gedeihen der

menschlichen Gesellschaft und noch weniger dazu bei, denselben in der

Todesstunde Trost und in den Augen Gottes besonderes Ansehen zu

verschaffen. Und meine Eltern gehörten nicht nur zu den angesehensten und

gebildetsten, sondern in der That zu den edelsten Persönlichkeiten meiner

Vaterstadt, wie meine Lehrer zu den kenntnißvollsten und besten des Landes.

Der Vater war Arzt; ein religiös gesinnter Arzt ist wohl heute noch so

selten denn ein gläubiger Jurist, ein frommer Lieutenant oder ein

gottbegeisterter Handlungsreisender. Er besuchte die Kirche nur am

Geburtsfeste des Landesherrn und galt als feiner, aufgeklärter Kopf, der

wenig redete und mindestens vor uns Kindern niemals gegen die Religion und

selten genen [gegen] diesen oder jenen Geistlichen zu Felde zog. Er

überließ das Beten, Kirchengehen und die religiöse Erziehung seiner Kinder

der Mutter und den Lehrern. Diese glaubte aufrichtig an einen _Gott_,

aber weder an den Jehova des alten noch an den dreieinigen des neuen

Bundes, sondern an den Gott innerhalb der Grenzen der Vernunft, an den des

Zeitgeistes, der seine Bibel in den "Stunden der Andacht" gefunden. Er

spielt in der Geschichte unseres Geschlechtes und im Leben des einzelnen

Menschen genau dieselbe Rolle, wie ein gutherziger Onkel oder schwacher

Vater irgend eines Theaterstückes, worin ein leichtsinniger Sohn oder Neffe

einen dummen und schlechten Streich nach dem andern macht, den guten Alten

auf jede beliebige Weise ärgert und quält und am Ende von allerlei Noth

getrieben liebend und vertrauend in die stets ausgebreiteten Arme des

Gerührten sinkt.

Man könnte diesen Gott den absoluten Heli nennen, der so oft vom Stuhle

fällt und stirbt als es dem Menschen beliebt gegen den Willen desselben zu

handeln.

Meine Mutter glaubte auch an _Christum_ und würde Straußens mythische

Nebelgestalt oder gar Daumers Menschenfresser mit Abscheu zurückgewiesen

haben--aber _ihr_ Christus war nur ein liebenswürdiger, großer

Wohlthäter des Menschengeschlechts, den die gottlosen Juden peinigten und

kreuzigten, weil eben Juden nichts von Weisheit, sondern nur das Geldzählen

und Dukatenbeschneiden verstanden und schon damals Jeden der Ihrigen

verfolgten, der für die benachbarten Gojims ein zu lautes Wort einlegte.

Daß das Menschengeschlecht wegen des unschuldigen Apfelbisses in Ungnade

gefallen, blieb ihr so unbegreiflich als die Nothwendigkeit, daß sich ein

Schuldloser für das Menschengeschlecht mit Erfolg opferte.

Der Gedanke, daß Gottes eigener Sohn auf dieses armselige, winzige

Erdenpünktlein herabgestiegen sei, um sich zum Schlusse eines armseligen

und verfolgten Lebens als ohnmächtiger Mensch kreuzigen zu lassen, erschien

ihr bald lächerlich bald empörend, je nachdem sie gerade gestimmt war. Es

läßt sich begreifen, daß von einem _heiligen Geist_, der einst als

einfältige Taube am Jordan herumgeflogen, bei meiner Mutter so wenig die

Rede sein konnte als von der wahrhaften, wirklichen und wesentlichen

Gegenwart Christi im heiligen Abendmahl. Sie fand wohl Geist in den

Gedichten Schillers und Anderer, am wenigsten aber in geistlosen

Catechismen und das heilige Abendmahl galt ihr als eine Art von Zweckessen,

als Erinnerungsfeier an einen tüchtigen Volksmann. Natürlich vermochte sie

in der katholischen Kirche, der sie mit Leib und Seele anzugehören

vermeinte, weder eine vom heiligen Geist geleitete göttliche Einrichtung

noch den fortgesetzten Christus zu erblicken. Die Kirche galt ihr einfach

als menschliche, politisch nützliche und kluge Einrichtung und an die

Stellvertretung Gottes im Priesterstand glaubte sie um so weniger, je mehr

Bücher über die Gräuel des Mittelalters sie verschlang und je mehr

Erzählungen vom starkmenschlichen Wandel vieler Geistlichen im Schwange

gingen.

Sie betete und ging zur Kirche sowohl aus Bedürfniß als aus Gewohnheit. Das

Bedürfniß war genau dasselbe, welches jeden geistig Gesunden ohne

Unterschied des Glaubens zum Beten und zur Verehrung eines höchsten Wesens

antreibt und über die Gründe ihrer Gewohnheit reiflich nachzudenken, dazu

mangelte Anlaß, Lust und Zeit oder Alles zugleich. Aber--hörte sie am

Sonntage nicht _positives_ Christenthum von der Kanzel herab

verkündigen? Wurden nicht katholische Handlungen vor ihren Augen fast

täglich vorgenommen? Mit dem Predigen des positiven Christenthums war es in

einer Zeit, wo noch kein Hirscher und Andere den tiefen und innigen

Zusammenhang zwischen Dogmatik und Moral auseinandergesetzt hatten, bei der

Bevölkerung mancher Pfarrei übel bestellt. Auch in unserer Stadt gab es

Geistliche, welche Alles, nur kein _positives_ Christenthum von der

Kanzel herab verkündigten. Einzelne predigten im Laufe vieler Jahre

immerhin zuweilen auch Glaubenslehren und meine Mutter wußte den

Catechismus besser auswendig als ich, denn sie hörte den Kindern manchen

Morgen nach dem Frühstück noch geschwind die Lektion des

Religionsunterrichtes ab. Allein es stand vollkommmen [vollkommen] im

Einklange mit ihren Grundanschauungen, daß sie die Glaubenslehren der

katholischen Kirche nur als todte Gedächtnißsache inne hatte und den

Unterschied zwischen Katholiken, Protestanten und wohl auch den Juden als

Etwas betrachtete, was honetten und _gebildeten Leuten_ unwesentlich,

zufällig und gleichgültig erscheinen müsse.

Als ob es eine doppelte Wahrheit geben könne, unterschied sie nämlich eine

Religion für Gebildete, welche über allen mittelalterlichen Aberglauben

hinaus sein sollten und eine Religion für das gemeine Volk, dessen

Leidenschaften durch die zwei größten Beweger des menschlichen Herzens:

Furcht und Hoffnung, näher durch die Angst vor Hölle und Fegfeuer und die

Aussicht auf die Freuden des Himmels in Schach gehalten werden müßten. Nach

ihrer Meinung machten alle Geistlichen insgeheim und in Gegenwart von

Honoratioren denselben Unterschied, schwiegen jedoch aus Klugheit auf der

Kanzel davon, weil ja gemeines Volk und Gebildete in Einer Kirche saßen.

Ersteres mußte gläubig erhalten werden, die Honoratioren wußten schon,

woran sie mit dem Geistlichen waren und wählten aus dem Vortrage heraus,

was ihren Ansichten entsprach und ihrer Person gerade mundete.

Meine Mutter war eine gute, gescheide Frau, hielt sich ganz ehrlich für

eine vortreffliche Katholikin und wurde in der ganzen Stadt dafür gehalten,

weil eben in der ganzen Stadt das ewige Evangelium durch das Evangelium der

Zeit, der Katholizismus durch den Protestantismus thatsächlich verdrängt

worden war.

Ob es heutzutage schon um Vieles hierin besser geworden, weiß ich nicht.

Ich weiß nur, daß die Missionen keine fruchtlose Sache, die Jesuiten

vortreffliche Prediger sind und daß der Zug der angsterfüllten Zeit bei den

Bessern ein lebendiges Wechselverhältniß zwischen Gott und Mensch verlangt,

welches nur durch die positive Religion vermittelt wird.

Aus dem Vorhergehenden ist dir nun sicher klar, daß meine und meiner

Geschwister früheste religiöse Erziehung uns mit einer für das Leben

unfruchtbaren Ehrfurcht vor dem Schöpfer Himmels und der Erde, mit einer

nur sinnlichen Liebe für das hübsche Jesuskindlein, mit dem Geiste der Zeit

und mit Gleichgültigkeit und frühzeitig genug mit Mißtrauen gegen unsere

Kirche erfüllte.

Es wäre gut, versuchte Einer einmal die Schilderung des Lebens in einer

honetten und gebildeten Familie, deren Mitglieder gleich uns dem

Zeitevangelium huldigten und einer nicht minder honetten und gebildeten

Familie, welche Jesum Christum kennt und liebt und in der katholischen

Kirche ihn sinnlich schaut. Meine überreiche Erfahrung böte ihm Stoff

genug, um alle Dichtung entbehren zu können und das Schriftlein würde

vielleicht Einiges beitragen, die große und gefährliche Lüge der Zeit, als

ob positive Religion keinen positiven Einfluß auf das Handeln ausübe und

deßhalb für das Leben gleichgültig sei, todtschlagen zu helfen. Der

Katholizismus hat auf den Trümmern der Römerwelt eine neue und bessere Welt

erbaut, aus Barbaren Menschen und aus Bürgern Christen gemacht und wie oder

warum oder wann sollte diese weltumgestaltende Religion allen Einfluß auf

das Leben eingebüßt haben? Freilich sind durch zahllose Bücher und

zeitgemäße Staatsschulden Millionen Katholiken zu inwendigen Protestanten

geworden und der Glaube der meisten Protestanten ist von dem der gebildeten

Griechen und Römer oder auch der naturwüchsigen Germanen nicht sonderlich

verschieden--aber ist _dieser_ Glaube Christenthum? Klingt es nicht

wie baarer Unsinn, wenn Heiden uns belehren wollen, das Christenthum übe

keinen Einfluß auf _ihr_ Handeln und Leben aus?--

Doch ich schweife bereits wieder ab.

Was das Haus übel macht, soll zunächst von der _Volksschule_

verbessert werden. Wir Kinder wurden daheim zu Helden gemacht; wenn es

nicht der Fall gewesen wäre, so würde die von mir besuchte Volksschule ganz

dasselbe bewirkt haben.

Ein gescheidter Mann hat einmal geschrieben. "Katholische Jugend in die

Hände eines Lehrers geben, der nicht aufrichtig katholisch ist, ist fast

ebenso thöricht als den Katholiken in ihrer Kirche durch einen reformirten

Geistlichen oder den Juden durch einen Bischof predigen lassen." Keine

Behauptung ist einleuchtender als diese. Aber wie stand es mit den

Volksschulen überhaupt? Man sollte vermeinen, daß in christlichen

Volksschulen alle Lehrgegenstände soviel als nur immer möglich mit dem

fleischgewordenen Gottessohn und der Kirche in Beziehung gebracht würden.

Nur dann hatte die Vielwisserei, womit man seit einigen Jahrzehnten die

Kinder in Stadt und Land vollzustopfen trachtet, auch einigen Sinn und

Nutzen. Die Schule wäre eine Ergänzung und Vervollständigung der Kirche und

ein Hülfsmittel mehr, dem Volke eine klare, allseitige christliche Welt-

und Lebensanschauung beizubringen. Freilich ist das Einmaleins und die

Rechenkunst weder christlich noch katholisch, eine vortreffliche

Handschrift bleibt etwas Gutes, wenn der Schreiber auch noch so wenig taugt

und die Kinderquälerei mit Sprachlehren bliebe eine solche, wenn auch

gelegentlich der Satzbildungen, Sprachübung und des Aussatzmachens der

Lehrer alle Beispiele aus dem Gebiete des kirchlichen und religiösen Lebens

wählte und wählen ließe. Aber wenn einst die Jesuiten es verstanden, jungen

Chinesen durch die Geometrie christliche Glaubenssätze wie den der

Dreieinigkeit beizubringen, so ließe sich am Ende auch nachweisen, es sei

für einen christlichgesinnten Volksschullehrer nichts Schweres, selbst dem

Unterrichte im Rechnen und in der Meßkunst eine gewisse religiöse Weihe zu

geben. Auch ist unläugbar, daß die Schreibbücher der Schüler keineswegs

verunstaltet würden, wenn man neben den Sittensprüchen, Beschreibungen von

Thieren und Pflanzen und ähnlichen Dingen etwas positiv Christliches und in

katholischen Schulen spezifisch Katholisches fände. Was die Sprachlehren,

Naturlehren, Abrisse aus der Geschichte und andere Zweige des Unterrichts

betrifft, welche in den Lesebüchern der Volksschulen vorkommen, so verweise

ich einfach auf sämmtliche Lehr- und Lesebücher, welche seit der Entstehung

unseres Landes in Volksschulen und höhern Bürgerschulen eingeführt waren

und frage: wie viele dieser Bücher sind durchweht vom Geiste Christi oder

gar von dem der katholischen Kirche?

Du wirst vielleicht nicht ein Einziges finden, dessen Inhalt nicht ganz und

gar durchsäuert wäre vom Geiste jener zeitgemäßen Religion, der meine

Mutter huldigte und vielleicht mehr als Eines, welches darauf hinarbeitete,

Gleichgültigkeit, Mißtrauen und Haß gegen die katholische Kirche,

namentlich durch entstellte Geschichte in die Herzen der Jugend zu säen.

Lebte die Gesinnung ächter Katholiken in den Herzen der Volksschullehrer

und wären Bücher wie das Lesebuch von Bumüller und Schuster schon zu meiner

Zeit in den Händen der Kinder des Volkes gewesen--Fürsten und Regierungen

würden sich wohl einen großen Theil jener grausamen Demütigungen, die

Völker aber viele Leiden erspart haben, womit sie von Gott besonders seit

1848 heimgesucht wurden.

Leider dauerte die Entchristlichung der Protestanten und die

Protestantisirung der Katholiken mehrere Menschenalter bereits in den

Volksschulen. Wer aber am allerwenigsten dafür verantwortlich gemacht

werden sollte, das ist der Stand der Volksschullehrer, welchem ich selbst

längere Zeit angehörte.

Es ist eine wohlfeile Sache, über die Verkommenheit und Haltlosigkeit der

"Volksbildner" mancher Gegend zu schimpfen und den "Schulmeisterhochmuth"

zu geißeln. Alles hat seine hinreichende Ursache und wer der Quelle

nachforscht, aus welchen die Verkommenheit mancher, die Haltlosigkeit

vieler und der Hochmuth der meisten Volksschullehrer meiner naheliegenden

Zeit entsprang, wird geneigt sein, dieselben weit mehr zu bedauern als

anzuklagen. Die Quelle aber ist dieselbe, aus welcher das Unheil der

Gegenwart überhaupt geflossen. Mangel an positiver Religion oder, was

zuletzt auf Eins herauskommt, an gründlichem Wissen.

Ich muß bei dir den Schulmeisterton anstimmen und in jenen Pedantismus des

Schulmeisterthums gerathen, womit Viele gründlich nachzuweisen suchen, daß

das Wasser naß und das Feuer heiß sei.

Du weißt so gut als ich, daß große Schulmeister auch einmal kleine Buben

gewesen und getaufte Heiden zunächst in Schulbänken für den Zeitgeist

herandressirt werden. Schon der Umstand, daß Katholiken, Protestanten und

Juden gar oft in Einer Schulbank sitzen, muß den Lehrer nothwendig

abhalten, seinem Unterrichte die Färbung eines Glaubensbekenntnisses zu

geben. "_Ueber den confessionellen Gegensätzen zu stehen_," ist sein

Verdienst und ein Ziel seiner Ausbildung. Hand aufs Herz gelegt, gestehst

du mit mir, das "Stehen über den confessionellen Gegensätzen" sei nichts

als eine sinnlose Redensart, insofern man dabei noch von Christenthum und

sogar von kirchlicher Gesinnung redet und nicht minder erlogen wohl das

Leibsprüchlein der Zeit, daß "die Liebe" keine Unterschiede des Glaubens

mache und der Mensch über dem Christen stehe.

Wo ist der Geschichtschreiber oder Staatsmann, von welchem sich sagen

ließe, daß er wahrhaftig über allen kirchlichen und religiösen Partheien

gestanden, alle gleichmäßig behandelt und sich nicht mehr oder minder

entschieden _für_ Eine derselben und _gegen_ alle übrigen

jedenfalls thatsächlich erklärt habe? Und wieviel Aufgeklärte hat es von

jeher gegeben und gibt es heute, denen die "christliche Liebe" möglich

macht, gegen politische und kirchliche Gegner gerecht zu sein und in

denselben den gleichberechtigten Menschen zu achten, geschweige zu lieben?

Nein, so wenig es ein Christenthum ohne lebendigen Glauben an Christum den

Gottessohn und ohne die von Ihm gestiftete Kirche gibt, so wenig hat auch

die "christliche Liebe" diejenigen, welche _über_ allen religiösen und

kirchlichen Partheien zu stehen vermeinten, davor bewahrt, gläubige

Protestanten und absonderlich die katholische Kirche heidnisch zu hassen

und zu verfolgen.

Ist's aber hochgelehrten Professoren und erleuchteten Staatsmännern

unmöglich, _über_ der katholischen Kirche zu stehen, ohne zugleich

_außerhalb_ und ihr mehr oder minder feindlich _gegenüber_ zu

stehen, so sollte man es bei uns dem Lehrerstande nicht allzusehr verübeln,

wenn die meisten Mitglieder desselben das positive Christenthum als etwas

Geringfügiges betrachten und alles "Pfaffenthum" verabscheuen. Erstens

nämlich wurden sie von ihren Eltern oder Lehrern oder von Beiden zugleich

von Kindesbeinen an mehr oder minder für das "reine Menschenthum" erzogen;

zweitens muß solche Erziehung mit der Zeit oft sehr reichliche Früchte

eines unreinen Heidenthums tragen, weil ein Lehrer auch Fleisch hat und bei

uns nur zwei Jahre studirt, später wenig Zeit und Gelegenheit und selten

Anleitung bekommt, ein Christenmensch zu werden und sich eine gründliche

Bildung anzueignen. Er bleibt jedenfalls in der Hauptsache bei dem stehen,

was ihm im Seminar beigebracht wurde und wenn es nun die Religion des

Zeitgeistes war, womit ihn die Lehrer beglückten, zu deren Füßen er

treugläubig und bewunderungsvoll saß, wer kann es ihm verargen, wenn er den

Mangel an positiven Glauben für das sicherste Kennzeichen eines gebildeten

Mannes hält? Drittens endlich führt ein Volksschullehrer ein an

Entbehrungen, Mühsalen und Leiden immer reiches Leben und wenn man das

Treiben manches Pfarramtslazzaroni genauer in Augenschein nimmt und mit dem

Loose des unter ihm stehenden Lehrers vergleicht, wird man sehr geneigt,

die Behauptung, daß die Lehrer zu wenig und die Geistlichen zuviel

Einkommen hätten, nicht sowohl demokratisch und revolutionär als richtig

und vernünftig zu finden.

Bedenkt man nun, daß der Lehrer im Seminar und durch Schriften mit einer

höchst übertriebenen Ansicht von der menschheiterlösenden Bedeutung und der

weltbeglückenden Würde seines Berufes, mit Gleichgültigkeit gegen das

positive Christenthum und Mißtrauen gegen alles "Pfaffenthum" erfüllt wird,

vergißt man nicht, daß manche Pfarrämter und Dekanate sich ihre Langweile

damit versüßen, den unchristlich und unkirchlich erzogenen und

vielgeplagten Schulmeister kleinlich und boshaft zu schulmeistern und zu

quälen, so mag man sich über die Leichtigkeit nicht mehr wundern, womit der

Staat im Interesse des "religiösen Friedens" d. h. der Knechtung der Kirche

die Schule seit Langem beherrschte und die Jugend für die Staatsreligion,

d. h. zunächst für Gleichgültigkeit gegen das positive Christenthum erzog--

ohne in ihr die Säugame [Säugamme] des Heidenthums zu ahnen. Ich weiß ein

einsames Grab, das an Allerseelen von keiner liebenden Hand geschmückt

wird. Darunter liegt ein Schulmeister, der sich eine Kugel durch den Kopf

gejagt und einen Zettel zurückgelassen hat, worin er erklärte, er schieße

sich todt, weil die "Pfaffen" ihm das Leben unerträglich machten und

schieße sich im Himmel abermals todt, sobald er dort seine Quälgeister

wiederum treffe. Solche Erklärung charakterisirt den tiefeingewurzelten

Haß, welchen Volksschullehrer häufig gegen Geistliche empfinden und ich

meine, Schüler dieses Lehrers, welche ihn liebten, seien schwerlich große

Freunde der Geistlichkeit geworden.--

--Das Kind denkt mehr mit dem Herzen, als mit dem Kopfe, der Grundton

seines Wesens ist Liebe und deßhalb bleibt es auch ein Leichtes, Kindern

die Religion der Liebe beizubringen. Doch so wenig ich daheim zum Christen

erzogen wurde, so wenig thaten meine Lehrer dafür und am wenigsten der

_Religionslehrer_.

Damals gab es nicht viele Jünglinge, welche innerer Beruf zum geistlichen

Stande trieb. Unter den Studirenden widmeten zumeist Solche sich dem

Dienste der Kirche, welche zu arm, zu talentlos oder auch zu faul und

liederlich waren, um etwas Anderes zu werden. Die geistlichen Professoren

der Hochschulen gingen häufig damit um, eine zeitgemäße Theologie zu

erfinden, Gottes Wort und Werk nicht sowohl gegen den Witz und Aberwitz der

Zeit zu vertheidigen als demselben zu unterwerfen. Die Stellung, in welche

die Kirche zum Staate gerathen, zahlreiche Schriften aus den ersten

Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, das langdauernde Geschrei um Aufhebung der

Ehelosigkeit katholischer Geistlicher, skandalöse Vorfälle verschiedener

Art, vor Allem die gräuliche Unwissenheit in kirchlichen, die weitgediehene

Verkommenheit in sittlichen Angelegenheiten, über deren Vorhandensein bei

den untern und mittlern Ständen kein Zweifel mehr herrscht--dies Alles legt

Zeugniß ab, welche Eroberungen der glaubensfeindliche Geist der Zeit auch

unter dem Klerus gemacht.

Ich mit den meisten meiner Mitschüler darf mich ein Opfer solcher Zustände

nennen, insofern wir kaum Einen Religionslehrer kannten, der mit

Begeisterung, Liebe und Eifer unsere jungen Seelen für Christum zu gewinnen

und uns einiges Verständniß der Lehren, Gebräuche und Einrichtungen der

katholischen Kirche beizubringen trachtete. Die einzige Errungenschaft,

welche ich aus dem Religionsunterrichte der Volksschule gerettet,

beschränkt sich auf die Erinnerung, wie sauer es mir wurde, die

unverstandenen Lehren des Catechismus auswendig zu lernen, welch

schreckliche Langeweile wir oft in der Kirche und während der

Religionsstunde empfanden und mit welcher Angst und Unwissenheit ich zum

erstenmal in den Beichtstuhl trat. Mit Angst--weil die Mutter mich

überredet hatte, der Beichtvater sehe es Jedem an, der eine Sünde

verschweige oder gar lüge und trage ein scharfes Federmesser bei sich, mit

welchem er Einem die Zunge stutze. Ich schämte mich meiner Sünden nicht,

doch fürchtete ich Eine zu vergessen und ein Stück meiner Zunge im

Beichtstuhle zurückzulassen. Mit Unwissenheit--insofern ich der Gnade des

Glaubens eigentlich niemals theilhaftig geworden und durch viele Reden der

Erwachsenen sowie durch die Wahrnehmung, daß bei meinen ältern Kameraden

die Besserung darauf beschränkt blieb, sich einige Tage nach der Beicht vor

den Lieblingssünden zu hüten, bereits zum Mißtrauen und Unglauben an diesem

heiligen Sakramente gekommen war, bevor ich über das Leben und Treiben der

Erwachsenen reiflicher nachdachte. Frühzeitig wurde ich an religiösen und

kirchlichen Dingen irre und einer meiner Lehrer hat Namhaftes dazu

beigetragen. Mein älterer Bruder nämlich wollte geistlich werden, ein

stiller, gemüthlicher Mensch, den die Eltern und wir nur "das Pfäfflein"

nannten. Er ging längere Zeit zu einem Vikar, um Latein zu lernen und ich

bald mit ihm, denn der Vater hielt große Stücke auf mich, behauptete, ich

werde meinem Alter vorauseilen, den Bruder und Alle überflügeln und müsse

frühzeitig mit Allem anfangen, was zum Brodkorb führe. Das Versprechen,

mich aus der Volksschule wegzunehmen, wenn ich meine lateinischen Regeln

und Unregelmäßigkeiten fleißig erlerne, bewirkte Wunder bei mir und bald

war ich der ausgemachte Liebling des Vikars. Manchmal unterbrachen

Gespräche den Unterricht und einige derselben sind mir unvergeßlich

geblieben. Die Behauptungen: es sei besser ein Schuster als ein

katholischer Geistlicher zu werden, Rom wolle keine Menschen, sondern

Sklaven, Christus sei ein großer Weiser gewesen, aber die Finsterlinge

hätten Seine Lehren verunstaltet--tönen mir noch jetzt in den Ohren. Sie

fielen mir auf, weil ein Geistlicher sie aussprach. Ich liebte diesen

Seelenmörder, der heute noch lebt und zur Rongezeit ein Weib genommen

hat.--

Ziemlich einförmig und glücklich verlebte ich meine Kinderjahre, während

deren eine im mildesten Ausdrucke höchst mangelhafte religiöse Erziehung

den Grund zu Dem legte, was später aus mir geworden ist und wogegen mich

ein stürmisches Temperament, ein brennender Ehrgeiz, herbe Erfahrungen und

alle Bitterkeiten des Lebens nicht zu bewahren vermochten.

Es ist wahr, meine Geschwister sind so wenig Verbrecher geworden als die

meisten meiner Schulkameraden. Doch an meiner Stelle würden sehr Viele ein

ganz anderes Schicksal gehabt haben, als dessen sie sich erfreuen. Und ist

Einer schon ein brauchbares und nützliches Mitglied der menschlichen

Gesellschaft, wenn er kein von den Gesetzen verpöntes Verbrechen begeht?

Und erfüllt Einer dann schon seine _ewige_ Bestimmung, wenn er seine

irdische erfüllt?

Ich will von meinen Geschwistern nichts sagen. Die Art und Weise, wie

dieselben gegen mich handelten, hat mir schon lange vor der Freilassung

jeden Zweifel benommen, wie es mit ihrer Ehrenhaftigkeit und ihrer

christlichen Liebe aussieht. Freilich habe ich wenig gethan, um mir ihre

Achtung und Liebe zu erhalten, doch Verfolgung läßt sich kein Christ gegen

einen ohnehin gebeugten, armen und wehrlosen Mitmenschen zu Schulden

kommen. Schweigen wir darüber, mir wirds, als ob tausend glühende Dolche

mein Herz durchbohrten und ohne Halt in Gott müßte ich aufs Neue an den

Menschen verzweifeln. Doch Eines noch. Ich stelle an keinen Menschen das

Ansinnen, als _vollendeter_ Christ zu handeln, ein _Heiliger_ zu

sein, weil ich weiß, wie weit ich noch im Befolgen aller Lehren unseres

Herrn und Meisters zurück und wie sehr ich noch im Kampfe mit dem alten,

sündhaften Menschen in mir befangen bin. Allein ich glaube in christlichen

Landen vom Staate wie von den Einzelnen _aufrichtiges Streben_, die

Grundsätze des Christenthums ins Leben einzuführen, verlangen zu dürfen.

Wie es mit diesem Streben im Staate bestellt sei, darüber belehrt schon

seine Stellung zur Kirche. Was aber die Christen betrifft, welche ihrem

Glauben gemäß zu leben und zu handeln streben, so habe ich in kurzer Zeit

genug erfahren, um befürchten zu müssen, ihre Anzahl sei trotz des

religiösen Aufschwunges der jüngsten Jahre noch viel zu gering, um

großartigen Einfluß auf Umgestaltung öffentlicher Zustände auszuüben und

damit jene Gefahr einer furchtbaren sozialen Revolution zu beseitigen,

welche wie ein Damoklesschwerdt über unserm Welttheil hängt.

#II.#

--Du meinst, weil ich selbst ein Schulmeister gewesen, so sei es

verzeihlich und begreiflich, daß ich diesen Stand in Schutz nehme,

zweifelst jedoch daran, daß in katholischen Lehrerseminaren das

_Heidenthum_ gepflegt und gehegt worden sei. Freilich bin ich mit dem

Ausdrucke: Heidenthum freigebig, allein wo ich kein _positives_

Christenthum zu entdecken vermag, da kann ich nur Heidenthum erblicken,

zumal jener Mischmasch von Religion, als dessen Repräsentantin ich meine

Mutter nannte, bei genauer Untersuchung eben doch nur verlarvtes und gerade

deßbalb [deßhalb] sehr verführerisches und gefährliches Heidenthum bleibt.

Willst du einen schönern Namen dafür, so magst du derartigen Mischmasch

etwas sinnlos, doch höflich "Zeitchristenthum" taufen.

Zunächst will ich aber meine Behauptung rechtfertigen, denn einerseits mag

ich keine Entschuldigungen für meine Verirrungen beibringen, welche nicht

vollkommen gegründet sind und anderseits öffentlichen Anstalten und

Männern, denen das Land des Guten viel verdankt, keine Beschuldigung

zuschleudern, welche ich nicht verantworten könnte:

Du weißt, daß ich mein Schulmeisterhandwerk unter der Leitung eines

katholischen Geistlichen erlernte, gegen dessen wissenschaftliche

Tüchtigkeit und ehrenhaften Charakter niemals der leiseste Zweifel

obwaltete. Er ist todt und schon die Vorschrift, über Todte nur Gutes zu

reden, würde mich bewahren, seine _Person_ unter dem Boden anklagen

und verunehren zu wollen, wenn ich ihm auch nicht sehr viel Gutes zu danken

hätte.

Sein Andenken ist noch heute Jedem seiner zahlreichen Schüler theuer und

ich bin der Letzte, der seine Person verunglimpft. Aber gefährlich und

folgenschwer waren die Ansichten und Grundsätze des gefeierten Mannes und

nicht mit seiner Person, sondern mit Ansichten und Grundsätzen, von denen

er sich beherrschen ließ, habe ich es zu thun.

Wir liebten und verehrten ihn Alle; weil dies der Fall war, so galt uns

auch jedes seiner Worte als Evangelium, wir sogen seine Lehren begierig

ein, trugen sie nach zwei Jahren in alle Gegenden des Landes und strebten

mit Feuereifer darnach, die Herzen des Volkes damit zu erfüllen.

Viele hingeworfene Reden und Winke haften noch jetzt in meinem

Gedächtnisse, doch nur einen einzigen Wink will ich hier erwähnen, weil er

meines Bedünkens die Ansichten und Grundsätze meines Meisters vortrefflich

characterisirt.

Einer von uns stellte einmal die verfängliche Frage, ob denn Christus im

heiligen Abendmahl wahrhaft, wesentlich und wirklich gegenwärtig sei und

nach einigem Räuspern erfolgte die Antwort:

"Hm, hm! ... _Wers glaubt, für den ist Er gegenwärtig, wers nicht glaubt,

für den wird Er wohl auch #NICHT# gegenwärtig sein!_--"

Was sagst du zu dieser Einen Aeußerung unseres dem _katholischen_

Klerus angehörigen Seminardirectors?--

Er war unser Religionslehrer und die meisten seiner ehemaligen Zuhörer

werden noch im Besitze des Heftes sein, welches er als _"Einleitung in

die Religionslehre"_ zu dictiren pflegte. Du hast Gelegenheit, ein

solches Heft dir jeden Tag zu verschaffen und es ist mir sehr lieb, wenn du

dir ein solches bald verschaffst, um dich zu überzeugen, daß Einiges, was

ich hierhersetze, keineswegs entstellt, verfälscht oder dem Zusammenhange

entrissen wurde, sondern daß die mit sonnenklaren, dürren Worten

ausgesprochenen Ansichten meines Meisters darin enthalten seien.

Er läugnet einen persönlichen Gott; Gott ist ihm ein "allen Geschöpfen

innewohnendes, gestaltloses, raumfreies, zeitloses, somit unendliches,

allgegenwärtiges ewiges Wesen, dessen Wirksamkeit keine Grenzen kennt." Der

Sündenfall wird auf eine Weise erklärt, welche sich nicht mit dem

christlichen, geschweige mit dem katholischen Bewußtsein vereinbaren läßt

und vom Teufel wissen und lehren die Menschen Nichts, bis sie der Gegensatz

nützlicher und schädlicher Geschöpfe auf den Gedanken einer bösen, _durch

Opfer zu versöhnenden_ Gottheit bringt, Erlösung ist Rückkehr zu Gott

und "vollkommen zurückgekehrt zu Gott war _Christus_, in welchem Gott

dem Geiste nach wiedergeboren und welcher der Urheber des neuen Lebens der

Menschen in Gott wurde." Christi Reich ist das der Liebe und "das volle

Gegentheil dessen, was Menschenrecht und Menschensatzungen gegründet

haben." In ihm ist gar _keine äußere Macht_, kein Zwang, keine Furcht

und Knechtschaft.

Die Bibel hat den hohen Werth, "daß wir unser Leben mit dem der ersten

Christen vergleichen können; zudem erfüllen uns die Schriften der Bibel wie

andere gute Bücher mit ihrem Leben."

Hinsichtlich der _Dreieinigkeit_ Gottes wird ausdrücklich

hervorgehoben, "daß wir die Offenbarungen Gottes in den Geschöpfen auf

dreifache Weise wahrnehmen und dadurch angeleitet werden, Gott bald den

Vater, bald den Sohn, bald den Geist zu nennen. Das gemeinsame Wesen aller

Geschöpfe ist das Wesen Gottes. Insofern wir Gott als Wesen in uns und in

allen anderen Geschöpfen betrachten, so nennen wir ihn Gott den

_Sohn_. Insofern Er uns durch die Stimme des Gewissens und durch

andere Geschöpfe die rechte Erkenntniß wiederum einflößt, so nennen wir ihn

Gott _den Geist_.["]--Je mehr der Mensch auf die angenehmen Gefühle

verzichtet, welche der Genuß des Irdischen gewährt, desto mehr bestimmt

Gott die Dinge durch ihn und desto vollkommener und herrlicher entfaltet

sich sein innerstes Wesen; der Tod führt die Lebendigen zur

Selbstständigkeit, indem Kinder nach dem Tode der Eltern und Lehrer sich

selbst überlassen sind und schon vorher wissen, daß Eltern und Lehrer

sterben müssen, somit auf ihre künftige Lage sich vorbereiten können; das

Wesen der Eltern und Lehrer aber lebt und wirkt in den Ueberlebenden fort,

der Tod bringt in den Menschen die Erkenntniß hervor, daß der Mensch aus

einem irdischen und vergänglichen und aus einem geistigen und fortwirkenden

Wesen bestehe und endlich, daß der Geist viel stärker auf Andere einwirke,

wenn die Einwirkung nicht mehr durch den Leib, sondern unmittelbar

geschieht. Dies Alles gibt Hoffnung auf Unsterblichkeit.--Von Jesu Gottheit

wurden die Jünger überzeugt, weil er erstens durch den Ausdruck seines

Willens aus Nichts Etwas, aus dem Tode Leben erschuf, zweitens durch sein

Thun und Lassen den sündigen Menschen ein ganz neues Leben offenbarte, vor

Allem durch sittliches, reinmenschliches Leben das Reich Gottes begründete

und die ewigen Gesetze dieses Reiches öffentlich lehrte, drittens endlich,

weil er Geist und Leben in die Erstorbenheit der äußern, besonders der

religiösen Gebräuche zu bringen suchte und unverbesserliche Gebräuche

unterließ, um anzuzeigen, das Reich Gottes gehe nicht von Werken des

Gesetzes, sondern vom Geist der Wahrheit und Liebe aus.--

Todtenerscheinungen sind das Ergebniß lebhafter Erinnerungen an

Verstorbene, besonders an Solche, denen wir Unrecht gethan haben.

Erinnerung und Besinnung können so lebhaft werden, daß wir die Bilder in

uns in die wirklichen Gegenstände hineindenken. Weil Erinnerung und

Besinnung nur theilweise von unserm Willen abhängen, sind

Todtenerscheinungen "auch dann ein Werk Gottes, wenn sie von einer

krankhaften Phantasie herkommen, denn Krankheiten sind ja auch Gottes Werk.

Allein welche Einwirkungen Todtenerscheinungen auch in unserm Geiste

hervorbringen, so haben sie doch keine zwingende Macht über unsern

Willen!"--

Nachdem statt über Christi Auferstehung über Todtenerscheinungen belehrt

worden, wird gezweifelt, ob die Erde zu einer bestimmten Zeit erschaffen

wurde und gezeigt, daß die Welt kein Ende haben könne, weil Gott in ihr

lebt. "Wie das Bild der Sonne in Millionen Tropfen glänzt und wir das

Gemeinsame einer Gattung in allen Arten und Individuen wahrnehmen, so

schauen wir Gott in allen Dingen."--Gottes Wesen offenbart sich in allen

Wesen, alle haben Antheil daran und deßhalb ist auch jedes Einzelwesen

unvergänglich, d. h. ["]Gottes Wesen offenbart sich in jedem einzelnen

Geschöpfe durch unendliche Entwicklung desselben, wenngleich auf

eigenthümliche Weise, doch ganz und ungetrübt."--Wir haben eine Entfaltung

ins Unendliche, wobei unser Wesen fortbesteht, während die Gestalt sich

fortwährend verwandelt. Der Mensch scheint vor der Geburt ein ganz anderer

zu sein als nach derselben, auffallend ist der Unterschied in der

Entwicklung des Menschen, ehe und wann er sprechen kann und "ähnlich wird

der Mensch durch den Tod zu einem dem irdischen Dasein vollkommen

entgegengesetzten Leben geboren."--Alle Geschöpfe nehmen an der Ewigkeit

Gottes Antheil, insofern sie unsterblich sind d. h. ins Unendliche sich

fortentwickeln.

--Das Christenthum will alles nicht von Gott Stammende zerstören und ist

nicht gekommen den Frieden, sondern Entzweiung und Kampf mit der

Selbstsucht zu bringen. "Es baut keine Altäre und Tempel aus Stein, kennt

nur Einen Altar. Des Menschen Herz und sein Tempel ist dort, wo Menschen

sind und einander Liebe erweisen."--Ich will es abermals Dir überlassen zu

beurtheilen, ob durch eine solche Einleitung in die Religionslehre die

künftigen Lehrer des katholischen Volkes für ihren Glauben und ihre Kirche

begeistert wurden oder ob mein Vorwurf ein gerechter gewesen.

Daß der mündliche Unterricht minder abgemessen und vorsichtig mit

Redensarten und Winken gewesen, versteht sich wohl selbst. Die

Religionsstunde überzeugte uns davon, daß wir recht eigentlich kleine

Götter, Bruchtheile des göttlichen Wesens seien und welchen Eindruck solche

Erleuchtung auf Jünglinge machte, bei denen Ehrgeiz und Weltschmerz schon

in Folge äußerer Lebensverhältnisse zum Grundton des Gemüthes werden

mußten, ist keineswegs schwer abzusehen.

Wir bekamen Ideale, es ist wahr, doch wir bekamen sie auf Kosten unserer

Zufriedenheit mit Gott, Welt und Menschen, weil keine christliche

Weltanschauung uns mit der tiefen Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit

versöhnte, kein lebendiger Glaube uns mit jener Ruhe und Geduld ausrüstete,

mit welcher die unideellen Verhältnisse des Lebens der Völker und die des

Lehrerstandes insbesondere hingenommen werden müssen.

Man machte uns zu Königen und Bettlern, Titanen und Zwergen zugleich und

wenn beschränkte Köpfe und manche altkluge Jungen unter uns zu nüchternen

Ehrenmännern, d.h. zu Philistern wurden, welche außer ihrem persönlichen

Vortheil nichts Höheres kannten, so blieben gerade die fähigern Köpfe und

feurigen Charaktere vielerlei Verirrungen am meisten ausgesetzt.

Soll ich Namen und Thatsachen bringen?

Du hast seit vielen Jahren Gelegenheit, viele Städte und Dörfer zu besuchen

und der Einwohner Sinn zu erkunden, hast ferner zur Rongezeit und während

der Revolution eine ziemlich unpartheiische Brille aufgehabt und kennst

sehr viele Volksschullehrer persönlich, deßhalb brauche ich keine Namen und

Thatsachen, zumal Namen wenig zur Sache thun und sprechende Thatsachen

genug bekannt sind.

In der Regel wird der Jüngling das, was man aus ihm macht und lange Zeit

hat man Alles gethan, um statt bescheidenen und glücklichen Lehrern der

Kinderwelt innerlich zerrissene und unglückliche Hochmuthsnarren in die

Schulstuben des Landes zu entsenden.

Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil · 第 8 / 9 题