Hügelland des Kleckgaues, diente an verschiedenen Orten, am längsten beim
Posthalter in Instetten, wo er als Hausknecht sich unmäßig in den guten
Rothen verliebte und zuletzt fortgejagt werden mußte, weil er soff, daß er
manchmal einen Güterwagen für eine Baßgeige hielt und mit dem theuern Hafer
umging, als ob er vom Himmel herabregne. Er lungerte dann einige Zeit im
"Züribieth" herum, trieb Alles, was der Brief vermochte und kam zuletzt mit
den Landjägern in eine so schiefe Stellung, daß er gerathen fand, sein
Glück wiederum "im Dütschland" zu probiren. Leider jedoch ereilte diesen
Sohn Teuts, dem die Treue zum Rothen nicht nur aus den Augen blitzte,
sondern auch aus der Kupfernase schimmerte und die Liebe zur Trägheit
unsäglich tief im Herzen saß, nicht das Glück, sondern das Unglück und
jetzt erzählt er dem Donatle, was er im Zuchthause schon hundertmal erzählt
hat, nämlich die "wahrhaftige und kurze" Geschichte seiner "unsäglichen
Schuldlosigkeit."
Rauh und eckig wie die tosenden Waldbäche und Felsen seiner Heimath ist
Patriks Sprache; man glaubt eine Sägemühle krächzen zu hören und ein Pommer
oder Mecklenburger würde keine Silbe davon verstehen, wenn er nicht etwa
Hebels allemannische Gedichte an springenden und singenden Theeabenden mit
wüthenden Beifall radebrechte; dabei flucht der Patrik trotz dem derbsten
Hochbootsmann und braucht Bilder, vor denen selbst der Idyllendichter Voß
von Heidelberg bis Eutin fortgaloppirt wäre.
In wie vielen schattenreichen Gebäuden der gute Hotze schon herumwanderte,
ehe er in den grauen Kittel schlüpfte, verschweigt er dem Donatle klüglich;
es ist spät, er macht die Sache kurz und sein vom Brummbaß des
Murmelthieres beschütztes Geflüster ließe sich etwa übersetzen wie folgt:
"Man hätte mich auf den Grund schlagen sollen neun Monate vor meinem
Geburtstage, nämlich in der Gestalt meines Vaters, der die Dummheit beging,
einen Kerl auf die Welt zu setzen, welchem das Unglück wie der eigene
Schatten folgt. Die Mutter hat's mir oft prophezeit, ich sei für das Kreuz
geboren und habe ein grausiges Kreuz auf dem Hirnschädel gehabt und im
Meerfräulein zu Laufenburg hat einmal ein Käshändler mit dem Vater
gewettet, daß ich noch lange vor ihm am Galgen oder im Zuchthause stürbe ob
schuldig oder unschuldig, denn die Constellation der Gestirne--davon
versteht ein Kalb deiner Art freilich nichts!--sei bei meiner Geburt die
schlimmste von allen erdenkbaren Constellationen gewesen. Bin jetzt 27
Jahre und 13 Herbstmonate auf der Welt und weiß, daß der Teufel morgen
allen Leuten die Füße abschlüge, wenn ich heute Schuster würde, drum ist
mir auch alles Eins und der Vater hat mich nichts lernen lassen ... Hör'
nur Einen Spuk, Donatle, dann hast genug und wirst dich nicht mehr
verwundern, weßhalb ich auch hier alle Schick ins "schwarze Loch" komme.
Sitze also im Engel zu Lottstetten und versaufe den letzten Rappen, damit
er mir nicht aus dem Sack fällt und schlendere dann wohlgemuth auf der
Straße nach Instetten ... der Fußweg über die Wiesen war so schmierig wie
das fünfte Element im Polakenland!--weiter und denke an meinen alten
Schatz, mit der ich in der Weihnachtsnacht hinter der Klosterkirche von
Rheinau zum erstenmal zusammentraf. Ganz in Gedanken versunken laufe ich
den Berg hinan, merke gar nicht, daß ich einem leeren Güterwagen begegnete,
bis ich hinter mir rufen hörte. Hört ein gescheidter Mensch in einer
Gegend, wo auf der einen Seite Wald und weit und breit kein Mensch zu sehen
ist, hinter sich Halt brüllen, so schaut er sich nicht um und springt, daß
ihm die Schrittstecken wackeln. Wiewohl ich nun der dümmste Gedanke meines
Vaters bin, war ich doch gescheidt genug, diesmal zu springen und erreiche
das Höchste ganz athemlos, weil mein Verfolger immer fort brüllt und auch
springt. Doch was geschieht? Mir entgegen kommt gerade ein Gensd'arme, der
mich im Verdachte hatte, daß ich ihm einmal in Instetten im Finstern Eins
aufs Dach gab ... es war Einer, der mich früher ins Bürgerstüble brachte
und von dort in den Thurm von wegen einer Trudel, der ich Nachts in die
Kammer gestiegen bin! Unser Gensd'arme sieht mich kaum, nimmt er's Gewehr
von der Achsel, macht am Hangriemen herum und schreit ebenfalls Halt!--
Außer den beiden Haltschreiern sah ich weit und breit nur mich, denke an
die Prophezeiung meiner Mutter selig, springe über die Straße links in die
Felder und sehe im Umschauen, daß der verdammte Grünrock mir nichts dir
nichts auf mich anlegt, als ob ich ein Hase wäre. Ganz verwundert bleibe
ich stehen, denke: Patrik, aha, die Constellation ist wieder da! Der
Gensd'arme kommt und brüllt: Halt Spitzbube, Ihr seid arretirt. Gleich
darauf keucht ein schwäbischer Fuhrmann, den ich auch nicht leiden mochte,
weil er nie in der Post zu Instetten, sondern im Engel zu Lottstetten
einstellte, auf mich los und schreit ebenfalls: Hab' ich dich Spitzbube,
liederlicher!
"Hört, Ihr Hagelsketzer, ich bin kein Spitzbube!" sage ich mit der größten
Mäßigung und war mir schon nicht wohl dabei, weil ich meinen Heimathschein
in Bülach drüben liegen gelassen hatte.
"Erzspitzbube, Halunke!" antworten die Beiden ganz besessen, sind keine
drei Schritte mehr vom Leibe und während ich vor Erstaunen die Hände über
dem Kopfe zusammenschlage, klirrt eine Kette, ich reiße die Augen auf und
was meinst, Donat, was mir Unglücksmenschen passirt war? Im Vorbeistreifen
am Güterwagen blieb eine Wagenkette an mir hängen und vor lauter Gedanken
an die Rheinauerei und später vor Angst und Schrecken hatte ich den Butzen
gar nicht bemerkt. Es war eine schöne schwere Kette und habe nachher alle
Sterne vom Himmel herabgeflucht, weil der Kaib von Fuhrmann nicht schlief,
während sonst Güterfuhrleute oft von einem Wirthshaus zum andern fahren,
ohne ein Auge aufzumachen. Dieser heillose Streich war noch das Geringste;
der heimtückische Schwabe hatte auch noch seine Brieftasche und die
silberbeschlagene Tabakspfeife in die Tasche meines Manchesterkittels
gesteckt, während ich sinnend an ihm vorüberstreifte. Der Gensd'arme und
der Schwabe konnten mich nicht leiden, 's war offenbar ein abgekartetes
Spiel, um mich ins Elend zu bringen, ich zeigte mich bereit, dies
hundertfach zu beschwören, doch der Amtmann half den Beiden und ich, armer,
armer Tropf, der ich gehofft hatte, im Adler zu Instetten"--
"Jetzt ist's genug, ihr Waschweiber, ich will meine Ruhe, ich bin nicht im
Zuchthaus, um euer Sumsen zu hören!" ... schrie das Murmelthier mit
zornrothem Antlitz, stand im Hemde im Hintergrund des Saales gleich dem
Rachegeist der Hausordnung und trommelte wüthend auf dem
zusammengeschrumpften Schmeerbauche herum.
"Ob _Ihr_ auf der Stelle in Euer Nest geht? Ob ich kommen soll? Wartet
nur, das wird Euch eingetränkt! Die Ruhe auf solche Weise stören, Nachts um
Zwölfe krakehlen, als ob Ihr der Gockler in diesem Saale wäret?!["]
Ob dieser Philippika streckte Mancher den Kopf in die Höhe, der Aufseher,
der alte Moritz stand mit rothem Kopfe unter dem Guckfenster, sein grauer
Schnurrbart richtete sich in die Höhe, wie die Stacheln eines
Stachelschweines, das seinen Feind erschießen will. Das erschrockene
Murmelthier, ein wahres Bierfaß auf zwei wandelnden ungeschälten Stecken
rannte mit einem Harrassprunge in das Bett, die Bretter brachen zusammen
und jammervoll saß der Edle auf den Trümmern seines Glückes, nachdem er
dreimal von oben nach unten gekugelt!
"Herr Moritz entschuldigen, _nicht_ mein College da war der
Ruhestörer, sondern _die_ dort hinten, vor Allem der Duckmäuser, der
nicht eine Minute schweigt und all meine Warnungen verachtet, weil er mich
nicht als legitimirten Aufseher des Schlafsaales anerkennt. Er hat den
Donat zum Plaudern verführt und dann den Patrik! ... Offenheit ist meine
Sache, der Wahrheit die Ehre, an Zeugen wird's nicht fehlen! ... Es wird
ruhig sein, ich garantire Ihnen, mein Herr!" Diese Rede des Spaniolen
besänftigt den alten Moritz, der sich mit der ernsten Mahnung ans Strafbuch
in den Gang zurückzieht.
"Oh, wäre ich in einer Zelle, der Kerl wird sonst noch kalt durch mich!"
murmelt der Duckmäuser und knirscht mit den Zähnen.
"Der Spaniol ist ärger als die Apel, der Teufel soll ihm heute Nacht noch
das Genick brechen!" sagt der Donat leise vor sich hin.
"Siehst du, Donat, die Constellation? Morgen gehts wieder ins schwarze Loch
mit Hungerkost und Gänsewein, Alles von wegen der
Strohlshagelsconstellation!" ... "O Vater, du Hornvieh, ich möchte dich
noch unterm Boden auf den Grund schlagen, du bist schuld an Allem!"...
seufzt der Patrik und kehrt sich auf die andere Seite.
"Wann, o wann hört der Lärm und Gestank dieser Marterhöhle für mich auf!"
flüstert Martin der Wirthssohn leise vor sich hin und läßt einen tiefen
Seufzer fahren, während die Augen trostlos durch die vergitterten Scheiben
in die sternenleere, schwarze, traurige Regennacht hinausstarren.
Von jetzt an vernimmt man nur noch das Schnarchen des Murmelthieres aus dem
Abgrunde der zerbrochenen Bettlade sammt dem Geschnarche eines halben
Dutzends Anderer, die schwer gearbeitet oder den Schnupfen haben. Einige
reden im Schlafe, weinen, fluchen, schlagen um sich und der schwere,
schwüle Dunst dieses Saales tragt wohl dazu bei, auch die Traumwelt der
Gefangenen mit wilden, düstern Gestalten und Bildern zu bevölkern. Aus
jenem Verschlag im Hintergrunde, dem von Zeit zu Zeit Einer zuschleicht,
wehen Moderdüfte über die Schläfer.
#BRUCHSAL.#
Wer auf der Eisenbahn zwischen der altberühmten Musenstadt Heidelberg und
dem schönen Karlsruhe fährt, wird selten ermangeln, bei der Station
Bruchsal nach einem großen Bau hinüberzuschauen, welcher gleichzeitig an
die Pracht und an das Elend unseres Jahrhunderts mahnt.
Er sieht einige freundliche Häuser durch einen baumlosen Garten geschieden,
in gleichen Abständen hinter einander stehend, an eine hohe graue Ringmauer
sich anlehnend, die mit Thürmen besetzt ist, zwischen denen Schildwachen
auf und abgehen. Vom Thore führt ein mit Schieferplatten gedecktes Gebäude
einem Thurme zu, von dessen hohen Zinnen der Blick weithin durch die
Rheinebene bis Mainz schweifen mag und von diesem Thurme mit seinen im
Sonnenglanz blitzenden großen Fensterscheiben strahlen vier lange, aus
röthlichen Sandstein errichtete Gebäude aus, alle gleich hoch, alle mit
derselben Anzahl länglicher, vergitterter Fenster und Stockwerke versehen.
Das Ganze erinnert an eine mittelalterliche Burg oder noch eher an die aus
dem Revolutionskrater des Jahres 1789 verjüngt erstandene Bastille, welche
aus dem Völkerbienenstock und Wespennest Paris in das stille,
idillischschöne Rheinthal wanderte. Es lehnt sich an einen niedern
Höhenzug, von welchem Weinberge, Obstbäume, Felder und Matten starr
hinabschauen in das fremdartige, geheimnißvolle Leben, welches sich in den
Höfen still und einförmig hin und her bewegt.
Diese mit großen Kosten, aber auch für Jahrhunderte errichtete Masse von
Gebäuden, gleichsam den Anfang einer neuen und großartigen Vorstadt
Bruchsals abgebend, bildet ein Ganzes, dessen Beschreibung uns um so mehr
überzeugte, daß wir ein zu Stein gewordenes Abbild der Idee der
Zweckmäßigkeit vor uns haben, je mehr jene ins Einzelnste einginge.
Hier ist wohl der _einzige_ Platz in Deutschland. _wo die
Einzelnhaft mit jener Folgerichtigkeit durchgeführt wird, welche die Härten
des amerikanischen Systems vermeidet, ohne den Grundgedanken der
vollkommenen Trennung der Gefangenen zu beeinträchtigen._
Es ist ein Wunderbau und ein großer, fruchtbarer Gedanke in ihm lebendig
geworden, der Gedanke, _die Gesellschaft nicht nur vor ihren Feinden zu
bewahren, sondern diese oft weit mehr unglücklichen als verbrecherischen
Feinde zu beständigen Freunden der Menschheit und Gottheit zu machen._
Die ersten unvollkommenen Anfänge eines derartigen Baues entstanden in der
Quäkerstadt jenseits des Meeres; die Ersten, welche das einzigrichtige
Mittel ergriffen, um die für die Gesellschaft und die Verbrecher gleich
großen Gefahren des gemeinschaftlichen Zusammenlebens der Sträflinge
abzuwenden, waren Männer, welche noch heute zu den Edelsten unseres
Geschlechts gezählt werden und deren Ruhm in einem bessern Jahrhundert den
zweideutigen Ruhm der meisten Kriegshelden so hoch überfliegen wird, als
der völkerbeglückende Geist christlicher Liebe über der finstern
Gewaltthätigkeit thierischer Rohheit und Selbstsucht steht.
Noch niemals gab es eine große Erfindung, niemals blitzte ein ins
Völkerleben eingreifender neuer Gedanke auf, wogegen sich nicht zahllose
Widersacher erhoben hätten. Jede neue Erfindung und Einrichtung ist eine
Kriegserklärung gegen diejenigen, welchen dadurch ins Handwerk gegriffen
wird, deren Nutzen, Eitelkeit, Denkfaulheit, bequeme Gewohnheiten bedroht
erscheinen. Ungefährlich werden die Liebhaber des alten Schlendrians, je
mehr die Zeit eine neue Erfindung oder Einrichtung bewährt. Je weniger
Bürgschaften für solche Bewährung vorliegen, desto schwankender,
zweifelhafter, unentschiedener werden dann auch diejenigen sich verhalten,
deren Besonnenheit und weitschauender Blick sich nicht damit verträgt, das
schadhafte Alte mit ungeprüftem Neuen zu vertauschen, insbesondere wenn das
Alte noch verbesserlich erscheint und das Neue nur mit großen Opfern und
Gefahren eingeführt zu werden vermag.
In Amerika ist die Verwerfung gemeinsamer Haft längst entschieden und der
Streit dreht sich dort nur noch um die Frage, ob die _scheinbare_ und
_halbe_ Trennung der Gefangenen durch das sogenannte Schweigsystem
oder die _wirkliche_ und _vollständige_ durch das System
absoluter Vereinzelung räthlicher und fruchtbringender sei, eine Frage,
welche auffallend erscheinen würde, wenn man nicht wüßte, daß die Erfahrung
viele Bedenken, Vorurtheile und Gefahren der einsamen Haft wirklich oder
scheinbar bestätigte.
Einerseits wurden die Forderungen und Erwartungen zu hoch gespannt,
anderseits die Leistungen zu gering befunden, weil eben die Lösung der
Frage der einsamen Haft nur durch Versuche allmählig geschehen und dabei
nicht leicht vermieden werden kann, daß verkehrte Maßregeln und untaugliche
Leute den Vielen Waffen in die Hand geben, die das Kind gerne mit dem Bade
ausschütten.
England und Frankreich mit andern Ländern, in Deutschland Preußen voran
scheinen von der Unverbesserlichkeit der gemeinsamen Haft längst überzeugt;
jenes sendet seine Verbrecher mit altgewohntem Krämergeiste baldmöglichst
nach Australien, um jene einst so glücklichen Eilande mit dem Gifte
europäischer Verdorbenheit zu beglücken und sich selbst das zweibeinige
Ungeziefer weit vom Leibe zu schaffen; die Franzosen ergriffen den Gedanken
der einsamen Haft mit gewohnter Lebendigkeit und führten ihn an manchen
Orten ins Leben, doch einerseits würde die allgemeine Einführung der
Zellenhaft viele Millionen verschlingen und anderseits tobte die
federnmordende Feldschlacht zwischen Liebhabern des Schweigsystems und der
Zelle, wobei sich die Anhänger des Alten und Bestehenden vergnüglich die
Hände rieben und sich hinter das Flicken machten.
In Preußen zunächst, wo die Regierung auch im Gefängnißwesen Großes leistet
und wacker für Vereine für entlassene Gefangene kämpfte, hat der edle
Julius insbesondere eifrig gewirkt für einsame Haft. Es wurden
Zellengefängnisse nach englischem Muster gebaut, die folgerichtige
Durchführung der einsamen Haft leider auch nach englischem Muster
aufgegeben. Einzelne in andern Ländern redeten und schrieben Vieles von
bisher unentdeckten Verbesserungen der gemeinsamen und noch weit mehr von
der abscheulichen Kostspieligkeit und der menschenmörderischen
Abscheulichkeit der Einzelhaft.
In allen Ländern Europas erhoben sich die edelsten und gelehrtesten Männer
_für_ seltener auch _gegen_ die Einrichtung, gegen deren
Einführung der Kostenpunkt die einleuchtendste und beliebteste Einwendung
blieb.
Daß in einer so wichtigen Frage nicht nur die Vernunft, sondern manchmal
auch die Leidenschaft im Humanitätsmantel das Wort ergriff, viel Sinnloses,
Unwahres und Lächerliches zu Tage gefördert, Mücken zu Elephanten gemacht
und die altberühmten Hochschulen des Lasters, nämlich die alten Zuchthäuser
als wahre Tugendschulen angerühmt wurden, versteht sich von selbst und mehr
als Einer brütete ein sogenanntes "System" aus, das auf den Gedanken
hinauslief: "wenn _alle_ Gefängnißbeamte _meine_ Erfahrung und
_meinen_ Geist hätten, um _meine_ Klassen unfehlbar
durchzuführen, dann wäre aller Noth ein Ende gemacht!" Hätten doch diese
"Systematiker" ins eigene oder ins nächste beste Eheleben hineingeschaut,
wo die _Gewohnheit des Umganges_ gegen Schattenseiten der Gatten und
Kinder _abstumpft_, dann bedacht, daß ihre Pfleglinge Leute voll
Irrthümer, Fehler, Leidenschaften und Laster, das vom Gesetz erzwungene
Beisammenleben ein vielköpfiges, leidenvolles und verdrießliches, jedes
gute Beispiel von vornherein ein zweideutiges sei, sie würden endlich doch
den eigentlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, die _unabwendbare
mehr oder minder völlige Abstumpfung gegen Recht, Sitte und Religion_
gemerkt und endlich eingesehen haben, daß die Besserung nicht aus Tabellen
der Rückfälligen bewiesen werde, für schlechte Gesellschaft kein Kräutlein
gewachsen sei und ein schlechter Kerl der Gesellschaft schweren Schaden
bringen könne, ohne deßhalb wiederum den Männern des Rechts in die Haare zu
gerathen.
Nicht zweideutige Listen von Rückfälligen, sondern getreue und
gewissenhafte Berichte über das Leben und Treiben aller Entlassenen möchten
entscheiden, ob die Besserung in gemeinsamer Haft kein Unding und in
einsamer kein schöner Traum gutmüthiger Menschenfreunde sei! ...
In Preußen wie in Baden sind die Strafanstalten, in welchen gemeinsame Haft
besteht, wohl so gut eingerichtet und verwaltet, als in Baiern oder
anderswo, in manchen Dingen vielleicht noch weit besser, obgleich kein
großes Geschrei damit gemacht wird--doch die uralten Erbschäden jener
Haftart lassen sich nie und nimmermehr beseitigen. Was unser Baden
insbesondere betrifft, so lese man den vortrefflichen Commissionsbericht
Welkers, die Verhandlungen in den Kammern der Landstände, die Schriften der
Herren Mittermaier, v. Jagemann, Diez und Anderer, um sich zu überzeugen,
daß die badische Regierung sich ein Verdienst um die deutschen Lande, um
die Menschheit und bei Gott erwarb, als sie das Zellengefängniß in Bruchsal
erbaute und einrichtete, welches jetzt über 5 Jahre Gefangene beherbergt
und die einsame Haft, wie dieselbe in Deutschland sich durchführen läßt,
unter den mißlichsten Umständen zu Ehren bringt.
Bestände die Besserung darin, daß die Gefangenen sich nicht beim
Uebertreten der Hausordnung erwischen lassen und fleißig arbeiten, dann
wäre es unnöthig gewesen, ein kostbares Zellengefängniß nach dem Muster von
Pentonville aufzubauen, weil Folgsamkeit und Fleiß bei der überwiegenden
Mehrzahl der Gefangenen jeder nicht ganz unmenschlich und hirnlos
geleiteten andern Anstalt angetroffen werden.
Der großartige Bau zu Bruchsal hat großartige Summen gekostet, die
Unterhaltung der Anstalt bleibt kostspieliger als diejenige eines andern
Zuchthauses, wiewohl der Gewerbebetrieb in einer Weise blüht, wie nirgends,
deßhalb wird die Frage entstehen, ob die Früchte solcher Opfer werth seien?
Die Thatsache, daß es Rückfällige gibt, möchte verleiten, die Frage mit
Nein zu beantworten und vom Versuchen mit der einsamen Haft abschrecken,
allein nicht die Thatsache an sich, sondern die Ursachen derselben werden
entscheiden und je weniger einerseits diese Ursachen in einem notwendigen
Zusammenhange mit dem Grundsatze des Einzelsystems stehen, je unläugbarer
anderseits die erfreulichen Folgen des Systems vorwiegen, desto mehr wird
man obige Frage mit Ja beantworten müssen.
Weßhalb?
Kehren wir zu unsern Geschichten zurück.
Ein kalter, nebliger Herbstmorgen schaut über das Rheinthal, die Thurmuhren
von Bruchsal schlagen halb fünf Uhr und lange Reihen erleuchteter
Fensterchen leuchten in die nächtliche Gegend hinaus und erregen wehmüthige
Gefühle dem Menschenfreunde, der die dunkeln Umrisse des Zellengefängnisses
bei der Wanderung aus Bruchsal gen Ubstadt erkennt oder den langgedehnten
Ruf der Schildwachen vernimmt, der klagend von der hohen Ringmauer
herabtönt. Hinter jedem dieser vergitterten Fenster lebt ein menschliches
Wesen, ein Lebendigbegrabener und büßt viele Monde, viele Jahre, vielleicht
sein ganzes Leben lang eine That, der Du Dich vielleicht unter gleichen
oder auch nur ähnlichen Lebensverhältnissen ebenfalls schuldig gemacht
hättest. Er lebt einsam und wie viel liegt in dem Worte einsam!
Auch Du liebst zuweilen die Einsamkeit, hast wohl Zimmermanns schönes Buch
über dieselbe gelesen, doch vor gezwungener beständiger Einsamkeit
schauderst Du zurück, denn Du weißt ohne den Hugo Grotius jemals gelesen zu
haben, der Mensch sei keineswegs für ertödtende Einsamkeit, sondern für die
Gesellschaft geboren, er werde nicht durch Vereinzelung sondern durch
Mithülfe seiner Nebenmenschen Mensch.
Kurzsichtiges Wohlwollen macht Dich geneigt, den Gegnern der einsamen Haft
beizustimmen, wenn dieselben predigen, solche Haftart sei "unseres
Jahrhunderts und der Menschheit unwürdig!"
Für Jeden, der niemals selbst gefangen war, bleibt es schwer, sich in die
Lage eines Gefangenen und vor Allem eines Zellengefangenen vollständig
hineinzudenken; in dieser Schwierigkeit finden wir den vornehmsten Grund,
weßhalb es zahlreiche Gegner der Einzelhaft gibt und weßhalb manche
Wortführer derselben mit den aberwitzigsten Behauptungen und krassesten
Vorurtheilen Anklang bei hochgebildeten, religiösgesinnten und
einflußreichen Leuten, geschweige beim gewöhnlichen Volke finden.
Die Durchführung der einsamen Haft ist eine Aufgabe, deren Lösung nur
_allmählig_ geschehen und je nach den Eigenthümlichkeiten eines Landes
und Volkes sich mehr oder minder eigenthümlich gestalten wird.
_Sklavische Nachahmung ausländischer Gefängnisse_ mögen in Verbindung
mit der _sorglosen Wahl der Beamten und Aufseher_ der guten Sache der
Einzelhaft bisher wohl den meisten Eintrag gethan und in Preußen vielleicht
den hauptsächlichsten Anlaß zur Verpfuschung des Systems abgegeben haben.
Das Zellengefängniß zu Bruchsal wurde bekanntlich nach dem Muster von
Pentonville erbaut und eingerichtet, doch sahen wir mit eigenen Augen, wie
sehr alle gemachten und reifenden Erfahrungen benutzt und allmählige
Verbesserungen eingeführt wurden, welche namhafte Verschiedenheiten
zwischen dem englischen Muster und dem deutschen Abbilde begründen.
Der Duckmäuser lebt seit 4 Monden in einer Zelle, sein Haß gegen den
Spaniolen führte den Anlaß zur Versetzung dieses langjährigen Gefangenen
herbei; mit düstern Ahnungen sah er die eiserne Thür der Bruchsaler
"Bastille" hinter sich schließen, doch seine Ahnungen haben sich diesmal
nicht erfüllt, vielmehr hat die einsame Haft einen Schimmer von Glück über
das Stillleben dieses Unglücklichen verbreitet. ...
Schlag halb 5 Uhr erwachte er aus einem erquickenden Schlafe, sprang aus
dem Bette, dessen Seegrasmatratze ihm trotz der Härte ganz anders mundet,
als das ebenfalls harte und bald zerriebene Stroh seiner altgewohnten
Lagerstätte.
Während er sich bemüht, Kopfpolster, Leintücher und Teppich in die
vorgeschriebene Ordnung zu legen, vernimmt er den Wiederhall der
Wasserkrüge, welche der Hausschänzer draußen auf dem Gange auf die
steinernen Platten stellt, das sich stets wiederholende Rauschen des
Brunnens, die Schritte des Aufsehers, der eine Zelle nach der andern
aufschließt.
Jetzt öffnet sich die Thüre von Nro. 110, der Aufseher tritt mit der Lampe
herein, zündet das Licht an, welches auf dem eichenen Tische steht,
ergreift die vordere Stange des in starken Riemen hängenden Bettes,
schließt dasselbe an die Wand, wodurch der Raum der Zelle um ein Namhaftes
vergrößert wird und entfernt sich mit dem Wasserkruge des Gefangenen.
Dieser schließt zunächst den aus 2 Tafeln bestehenden Tisch--die vordere
dieser Tafeln ist mit schwarzem Firniß überzogen und man sieht darauf die
Figuren des pythagoräischen Lehrsatzes sammt den halbverwischten Zahlen
einer Rechnung--ebenfalls an die Wand, thut Gleiches mit dem Bänkchen,
welches ziemlich unzweckmäßig unsern Benedict zwingt, dem durch das Fenster
herabdringenden Lichte den Rücken zu kehren und während er einige
Augenblicke in den sternenlosen Nebelmorgen hinausblickt, benützen wir die
Zeit, um uns ein bischen in diesem Raume umzuschauen.
Die Zelle ist hoch und bildet ein längliches Viereck, dessen gewölbte Decke
gut geweißelt, dessen Wände mit hellem Grün angestrichen sind und dem
Bewohner gestatten, 8-9 Schritte in die Länge und 4 in die Breite zu thun,
wenn es denselben beliebt, in gerader Richtung zu gehen anstatt durch die
schräge den Weg zu verlängern. Rechts von der Thüre ist das Bett an die
Wand angeklappt, weiter hinten befindet sich ein Kleiderrechen, dort hängt
am Nagel ein langer Stock, vermittelst dessen der Gefangene in den Stand
gesetzt wird, den obern Flügel seines Fensters beliebig zu öffnen. Die
Fensterscheiben sind gut verbleit, die obern hell und rein, die untern hie
und da von geripptem oder geblendetem Glase.
Ein Schrank steht auf der entgegengesetzten Seite links von der starken,
rothbraun angestrichenen Thüre, an der sich ein Glockenzug, oben die
eingeklammerte Nummer der Zelle, unten eine Vorrichtung befindet, welche
Jedem gestattet, die ganze Zelle von Außen zu überschauen, während der
Gefangene nichts davon bemerkt, sich folglich in jedem Augenblicke
beobachtet glauben darf. Der Schalter in der Thüre bleibt geschlossen, wenn
der Aufseher nicht etwa Essen und Trinken oder Werkzeuge hereingibt und die
Thüre selbst kann nur von Außen geöffnet werden. Oben auf dem genannten
Schranke stehen Schreibmaterialien und Bücher, im obersten Gesimse
desselben der Wasserkrug, an welchem gleichfalls die Zellennummer hängt,
unten ein kleiner Verschlag, in welchem die Eßgeräthe sammt dem Brode
verschlossen werden, unten dran steht eine blecherne Waschschüssel; Seife
und Kamm liegen neben Aufputzlumpen und zur Seite hängt ein Kehrwisch sammt
Schäufelchen. Hinter dem aufgeklappten Tische und Bänkchen steht eine
Hobelbank und der übrige Theil der Zelle wird durch Bretter, Klötze,
Werkzeuge und angefangene Arbeiten aller Art ausgefüllt. Erwähnen wir noch,
daß die Hausordnung an der Wand durch einen grünen Lichtschirm theilweise
bedeckt wird und unter derselben ein biblischer Kalender sammt einem
Stundenplan für Schule und Kirche hängt, so haben wir so ziemlich alle
Gegenstände beschrieben, die sich im Bereiche des Duckmäusers befinden,
wenn wir die mit Draht eng übersponnenen Oeffnungen für frische und
erwärmte Luft nicht vergessen, welch' letztere Oeffnung durch einen
Schieber von Eisenblech beliebig geöffnet und geschlossen werden kann.
Numero Hundertzehn, wie der Vatermörder fortan heißen soll, hat sich
gewaschen, vielleicht ein leises Gebet dazu gemurmelt und hängt das
Handtuch an den Rechen, als der Aufseher den Schalter öffnet und den
gefüllten Wasserkrug hereingibt. Jetzt wird die bekannte Stimme eines
Obermeisters im Gange hörbar, der Gefangene spitzt die Ohren und ergreift
einen Hobel oder eine Säge oder den Polierlumpen, um an seine Arbeit zu
gehen.
Um 6 Uhr rufen die Schildwachen auf der Ringmauer abermals ihr eintöniges
Wer da; draußen wird es heller und heller, die Spatzen jagen sich bereits
aus ihren Nestern, zwitschern vor dem Fenster ihren Morgengruß herein; das
Oeffnen schwerer Thüren, das Fahren eines Wagens, die Frühmeßglocken
gewähren dem Ohre des Gefangenen hinreichende Beschäftigung, abgesehen vom
Geräusche der Arbeit, den Schritten des über dem Kopfe weggehenden
Mitgefangenen, dem Lärm im Gange, dem zeitweiligen Geschelle, welches die
Gefangenen eines andern Flügels oder Stockwerkes in den Spazierhof
einladet.
Abermals öffnet sich der Schalter, der Aufseher reicht ein halbes Laiblein
gutgebackenen, schmackhaften Brodes herein, Nro. 110 langt aus dem
Verschlage ein stumpfes Messer sammt Salzbüchse, beginnt zu essen und
während er kaut, löscht er die Lampe aus, in welcher eine Mischung von
entwässertem Spiritus und Terpentin den Brennstoff bildet, betrachtet den
Kalender und streicht ruhig den gestrigen Tag durch--der lebenslänglich
Verurtheilte träumt von dereinstiger Befreiung und hat seine Gefängnißtage
zählen gelernt, er glaubt, daß ihn jeder Strich im Kalender der schon 10
Jahre entbehrten Freiheit näher bringe:
Die Welt wird alt und wieder jung!
Der Mensch hofft immer Verbesserung!
Jetzt läutet's auch hier in den Hof. Nro. 110 schließt den Schieber der
Luftheizung, öffnet das Fenster, zieht den Zwilchkittel an über das wollene
Unterwammes, ergreift die blecherne Nummer ob der Thüre, hängt dieselbe in
ein Knopfloch und setzt eine blauwollene Mütze auf, deren mit 2
Augenlöchern verzierter Schild herabgelassen werden muß und den größten
Theil des Gesichtes bedeckt, so daß kein Gefangener das Angesicht des
Andern zu sehen im Stande ist. Diese Mütze macht unstreitig einen
peinlichen Eindruck auf fremde Besucher und in der ersten Zeit auch auf den
Gefangenen, doch ist letzterer bald daran gewöhnt und während der Schaden
nicht zu finden ist, welchen diese Mütze bringt, läßt sich ihr Nutzen desto
besser absehen und wozu ohne Noth Etwas beseitigen, was für den Grundsatz
der _vollkommenen Trennung der Gefangenen_ wesentlich ist? Man hat
zwar noch niemals erlebt, daß die Leute einander durch ihr bloßes
flüchtiges Anschauen mit ihren Fehlern anstecken und läßt sich nicht
läugnen, daß ein Zellenbewohner den vor ihm Hergehenden möglicherweise
trotz der Maske am Gange und den Umrissen der Gestalt erkennt, allein
Dreierlei läßt sich ebenfalls nicht läugnen, nämlich daß erstens die Maske
jedenfalls dazu beiträgt, Anknüpfung von Bekanntschaften zu erschweren,
ferner den Gefangenen vor den Blicken neugieriger Besucher der Anstalt
beschützt und endlich den großen Vortheil bietet, daß er nach der
Entlassung nicht leicht Zuchthausbrüder trifft, welche ihn erkennen und in
unangenehme oder gefährliche Lagen versetzen.
Zudem trägt der Gefangene die vielbeschrieene Maske, die von Dickens
überschwänglicher Einbildungskraft seltsam genug ein "Grabhemd" genannt
wird, nur auf dem Wege in Hof, Badzellen, Schule oder Kirche, somit selten
länger als einige Minuten.
Jetzt öffnet sich die Thüre von Nro. 110, Nro. 109 ist bereits 10-15
Schritte voraus und 110 folgt ihm in der Art, daß der Abstand vom
Hintermann 111 ebensoviele Schritte beträgt.
Lauernd steht der Aufseher des dritten Stockwerkes an einem Platze, von wo
aus ihm nicht die leiseste Bewegung der in den Spazierhof gehenden Bewohner
des ersten Stockwerkes zu entgehen vermag und wenn Einer seine Schritte
nicht gehörig beschleunigt oder gar Lust zum Umherschauen zeigt, verweist
ihn die Stimme des Aufpassers augenblicklich in die Schranken der
Hausordnung.
Nro. 110 eilt durch den Gang die Treppe hinab in den Hof. Eine frische
Morgenluft weht von den Hügeln herüber, dessen Bäume mit ihren vielfarbigen
Blättern, dessen Weinberge und blumenlose Wiesen ihn an die Herbstmorgen
auf dem Lande mahnen. Krächzend eilen einige Raben dem Walde zu, er hört
das Krähen einiger Hähne in der Nachbarschaft, das unaufhörliche Gezänke
zahlreicher Vögel im Hofe und auf dem Dache. Die Bäume, Sträucher und
Blumen, die Holzstöße und Faßdaubenpyramiden im Hofe dieses Flügels--
dieser ganze Anblick gewährt einen Schimmer von Freiheit.
Schon ist Nro. 110 in das runde Häuschen eingetreten, von welchem die
zahlreichen, etwa 10´ hohen Mauern der Spazierhöfe ausstrahlen, welche
vielleicht mit einer versteinerten Sonnenblume verglichen werden können,
deren meiste Blätter in regelmäßigen Zwischenräumen herausgerissen wurden.
Nro. 110 eilt in den bereits offenstehenden, für ihn bestimmten Spazierhof,
dessen eine Mauer mit einem ziemlich langen Regendache von Eisen, dessen
beide Mauern an ihrer Mündung durch ein hohes eisernes Gitter verbunden
sind und dessen Boden mit gelblichem Sande aufgefüllt ist.
Eifrig eilt er zwischen dem Gitter und dem geschlossenen Thürchen hin und
her, schaut zuweilen nach den Wolken, die grau und schwerfällig gegen
Westen ziehen, nach der Schildwache, die in ihren Mantel gehüllt still und
stumm von der Ringmauer herabschaut, um den visitirenden Korporal oder die
Ablösung zu erwarten oder nach dem Zellenflügel, dessen Fenster im matten
Scheine des über die Berge schauenden Morgenrothes schimmern oder er
verfolgt den trägen Gang der Spinne, eines andern Insectes, welches an der
Mauer herumkriecht.
Oben in seinem Häuschen hört er den Aufseher hin- und hergehen, der alle
Spazierhöfe und Spaziergänger mit Einem Blicke oder Einer Wendung
überschaut, hört die eiligen Schritte der Nebenmänner und diese Art von
Mittheilung ist wohl die einzige, welche in den Spazierhöfen stattfindet.
Die Wände zu verschreiben, Zettel in den nächsten Hof zu werfen, ein Duett
im Husten anzustimmen sind Dinge, welche so wenig ungeahndet bleiben, als
wenn Einer von seinem Zellenfenster in den Hof herabschaut.
Jetzt wird geschellt, die halbe Stunde des Spazierganges ist vorüber, in
derselben Ordnung, wie die Gefangenen gekommen, gehen sie auch wieder in
ihre Zellen zurück.
Nro. 110 hat Fenster und Thüre offengelassen, die Zelle ist vollständig
gelüftet, er schlägt die Thüre zu und geht daran, den Boden zu reinigen,
der aus Ziegelplatten besteht. Durch das viele Gehen löst sich von diesen
Ziegelplatten ein feiner Staub ab, der jedoch nur dann sehr ungesund werden
mag, wenn der Zellenbewohner ein unreinlicher Bursche ist, was bei den
Falkenblicken des Obermeisters und Aufsehers nicht wohl angeht.
Unser Gefangener reinigt die Zelle, schließt das Fenster, öffnet den
Schieber der Luftheitzungsöffnung aus welcher eine wohlthuende Wärme
herausströmt und geht dann wieder an seine Arbeit.
Abermaliges Schellen, das Zuschlagen der Schalter der Zellenthüren
verkündiget die Austheilung der Morgensuppe; Nro. 110 rüstet sein
Schüsselchen, der Aufseher öffnet den Schalter, füllt dasselbe und schlägt
rasch wieder zu, um weiter zu gehen.
Der Zellenbewohner ißt und arbeitet dann mehrere Stunden; von Zeit zu Zeit
tritt ein Werkmeister oder Aufseher herein und bleibt einige Augenblicke,
um Etwas anzuordnen oder nachzuschauen.
Um 10 Uhr öffnet sich die Thüre, der Director mit seinem freundlichen,
wohlwollenden Gesichte tritt herein.
Jene Art von Besuchen, wie sie in England gang und gäbe sind, wo der
Aufseher die Thüre aufreißt, der Beamte sein stereotypes: %"is all
right?"% herabschnurrt und sofort weiter geht, wenn der Gefangene nicht
ein besonderes Anliegen vorzubringen hat--solche Besuche, welche lediglich
einer polizeilichen Controlle entsprechen, sind für den Gefangenen fast
werthlos, für den Beamten sehr bequem, in Bruchsal glücklicher Weise
unbekannt.
Besuche der Beamten tragen hier den Charakter einer Wohlthat an sich, sind
ein mächtiges Mittel der Erholung, geistigen Anregung, Bildung, Versöhnung
mit der Strenge des Schicksals und der Gesetze, der Besserung. Täglich in
viele Zellen eilen, welche die verschiedenartigsten Menschen beherbergen,
die verschiedenartigsten Gemüthsstimmungen antreffen, sich Lunge und Leber
herausreden, aus verschiedenartig erwärmten Zellen in die eisige Zugluft
der Gänge hinaustreten, Gerüche aller Art und Staub ebenfalls einathmen--es
ist ein Geschäft, das im Laufe weniger Jahre die Gesundheit des kräftigsten
Mannes erschüttert, ein Geschäft, welchem sich schwerlich Einer unterzöge,
der nicht eine bedeutende Portion ursprünglicher Menschenliebe im Herzen
hat.
Was bei andern Gefangenen selten oder nie der Fall sein wird, ist bei
Zellenbewohnern der Fall: die ins Einzelnste gehende Controlle jedes
Einzelnen, das Lesen seiner Untersuchungsakten, Briefe und Besuche unter
vier Augen gewähren dem einsichtsvollen Beamten eine mehr oder minder
vollständige Kenntniß jedes einzelnen Gefangenen.
Dieser müßte ein Heuchler erster Größe sein, wenn er mondenlang, jahrelang
eine falsche Rolle spielen, sich nicht _unwillkürlich_ in seinen
Reden, Geberden, Handlungen als derjenige zeigen sollte, welcher er
wirklich ist. Er wird offen, vertraulich, manchmal bis zur Unverschämtheit
offen und vertraulich gegen die Beamten aus dem ganz einfachen und
einleuchtenden Grunde, _weil er keine andere Gesellschaft hat._ Wo
Sträflinge beisammen leben, kann der Beamte sich nicht leicht mit Einzelnen
besonders abgeben, muß Einen wie den Andern behandeln und der Gefangene
findet gar keinen Grund, weßhalb er einem Beamten Blicke in sein Innerstes
gestatten, sich dadurch in den Augen desselben herabsetzen sollte, zumal
das natürliche Interesse ihn auffordert, nur seine Lichtseiten leuchten zu
lassen, um sich Wohlwollen zu erwerben. So gewöhnlich Verstellung und
Heuchelei in gemeinsamer Haft sind, so leicht eine mehr oder minder falsche
Rolle hier mit Glück gespielt werden mag, weil der in der Heuchelei
liegende Zwang nur ein sehr vorübergehender ist--so selten mag in
Zellengefängnissen in die Länge und mit Glück geheuchelt werden. Es wird
für den Zellenbewohner zur psychologischen und moralischen Nothwendigkeit,
sich so zu geben, wie er ist und dieses setzt die Beamten in Stand,
_Jeden nach seiner eigenthümlichen Art und Weise zu behandeln._ Je
mehr aber Einer nach seiner Art und Weise behandelt wird, desto mehr wird
er uns seine Zuneigung und sein Vertrauen zeigen.
Durch nachläßige, taktlose oder unmenschliche Behandlung der Zellenbewohner
von Seite der Beamten und Angestellten mag wohl die gute Wirkung des
Einzelsystems sich häufig genug in das Gegentheil verkehrt haben und man
bürdete dem System die Schuld untauglicher Angestellten und Beamten auf,
nicht zu vergessen des Wahnes, man bedürfe keiner besondern Bildung, um als
Beamter unter Sträflingen zu wirken, könne jeden Schreiber und Tabellenheld
dazu brauchen ... Ein geistreicher und berühmter Rechtsgelehrter sagte uns
vor einiger Zeit, die einsame Haft sei eine "Pferdekur;" wir stellen
Solches keineswegs in Abrede, meinen jedoch, bei Menschen, welche mehr oder
weniger Thierisches und Unterthierisches an sich tragen, schade eine
Pferdekur wenig und der Schmerz derselben werde um so erträglicher und
fruchtbringender, heilsamer, je geschickter der Arzt sei!
Der Duckmäuser ist heute verstimmt, der Morgen ist so trüb und
unfreundlich, Wind und Wetter, die verschiedenen Zeiten des Tages und der
Nacht, des Jahres, manchmal auch der Wechsel des Mondes üben einen so
großen Einfluß auf das Gemüth Einsamlebender aus!
Er thut heute, was er als alter Gefangener selten oder niemals zu thun
pflegt, fängt nämlich an, nachdem er eine kleine Abhandlung über eingelegte
Schreinerarbeit zum Besten gegeben, über die lange Dauer seiner
Gefangenschaft zu reden und von der Wahrscheinlichkeit, daß er wohl hier
sterben müsse.
Die Hausordnung gibt jedem andern Gefangenen Hoffnung auf Berücksichtigung
von Gnadengesuchen, wenn die Hälfte der zuerkannten Strafe überstanden ist
--doch was geht dies einen Gefangenen an, dessen Todesstrafe in
_lebenswieriges_ Gefängniß umgewandelt wurde? Für ihn ist die Zelle in
der That ein Sarg, er ist ein Lebendigbegrabener und dennoch bleibt er ein
Mitglied der menschlichen Gesellschaft, denkt lieber an die Erde als an den
Himmel und findet in den Besprechungen dieses einen Ersatz für die
Entbehrung der Genüsse, welche jedem Bettler zu Gebote stehen.
Die Einsamkeit vermehrt den Alpdruck des vernichtenden Wortes:
"lebenswierige Gefangenschaft", er hat die Bedeutung dieses schauerlichen
Wortes erst in neuerer Zeit recht fühlen gelernt!
Was soll der Director thun? Dem Unglücklichen den Schein jeder Hoffnung
nehmen und die düstere Stimmung desselben vermehren? Nein, er redet von der
_Möglichkeit_ dereinstiger Befreiung, von Auswanderung nach Amerika
und scheidet aus der Zelle, einen Glücklichen hinter sich zurückzulassen.
Numero Hundertzehn schaut ihm gerührt nach; ist dieser auch nicht im
Stande, ihn dereinst zu befreien, so wünscht er doch, dieses thun zu
können; Theilnahme und Wohlwollen eines Freien und Glücklichen sind aber
für den Gefangenen unschätzbare Güter und die Hoffnung stirbt erst mit ihm.
Er steht vor dem Kalender, trägt nicht übel Lust, den heutigen Tag roth
anzustreichen, doch läßt er es bleiben und greift frischer und muthiger als
je nach seinem Hobel und je näher die Einbildungskraft das Jahr der
Befreiung herbeizaubert, desto ärger hobelt er darauf los!
Abermaliges Schellen, Aufschließen der Zellenthüren, Herausmarschiren
vieler Gefangenen. Es ist eilf Uhr, heute wird Religionsunterricht für
Katholiken ertheilt, die Religionsstunde der Evangelischen ist bereits
vorüber. Bald kommt die Reihe des Marsches an Numero 110; noch einige
eilige Hobelstöße, dann rüstet er sich wieder aus, wie zum Gange in den
Hof, jetzt öffnet sich die Thüre abermals und 110 eilt 109 nach durch den
Gang, viele scharfbewachte Stiegen hinauf in die Kirche.
Die amphitheatralisch gebaute Kirche des Zellengefängnisses zu Bruchsal zu
beschreiben, wäre zu weitläufig; es genügt zu wissen, daß jeder Gefangene
seinen besondern Verschlag hat, eine Art Miniaturzelle, welche ihm das
Sitzen, Knieen und Stehen gestattet und so eingerichtet ist, daß Keiner den
Andern, Jeder den Altar, die Kanzel, den Priester, einzelne Aufseher zu
sehen vermag, denen keine seiner Bewegungen entgeht.
Numero 110 hängt die Zellennummer an ihrem bestimmten Platze auf und bald
erscheint der Geistliche auf der Kanzel, um den Religionsunterricht zu
beginnen.
Derselbe pflegt gewöhnlich in einer Reihe zusammenhängender Vorträge dieses
oder jenes Buch des neuen Testamentes zu erklären, doch seit einiger Zeit
belehrt er über die heiligen Sakramente der Buße und des Abendmahles und
macht den klaren, schönen Vortrag durch das Einmischen von Stellen aus den
Werken namhafter Gottesgelehrten noch anziehender, nicht ohne die
Einwendungen und Angriffe der hauptsächlichsten Gegner der katholischen
Lehre zu berühren und mit jener eindringlichen Ruhe abzuweisen, welche die
Frucht eigener tiefer Ueberzeugung ist.
Heute behandelt er insbesondere die wahrhafte, wirkliche und wesentliche
Gegenwart Christi im Abendmahle, eine Lehre, welche Allen, die die Liebe
nicht vollkommen verstehen oder die Wirkungen dieses hochheiligen
Sakramentes nicht an sich selbst empfunden haben, unbegreiflich, sinnlos,
ja als eine Herabsetzung und Entwürdigung Gottes erscheint, während die
Andern den Triumpf der Religion in ihr vollendet sehen.
"Will gar nicht verlangen, daß Gott mit mir Eins und ich selbst dadurch
gottähnlich werde, dürfte ich nur menschenähnlich sein und beim
Straßenbasche als der ärmste Taglöhner leben! ... Um mich hat sich Gott
niemals bekümmert, Seine Liebe und der Fluch meines Lebens reimen sich
nicht zusammen! ... Wenn der Pfarrer wieder kommt, soll er eine harte Nuß
zum Aufbeißen haben!" ... denkt der Benedict, während der Geistliche
verschwindet, die Verschläge nach einander wiederum geöffnet werden und er
die Schneckenstiegen hinab in den Gang und in seine Zelle marschirt.
Der Geistliche eines Zellengefängnisses hat besondere Vortheile vor andern
Gefängnißgeistlichen. Erstens kann er die ganze Religionsstunde seinem
Vortrage widmen und den Stoff desselben verdoppeln und verdreifachen;
zweitens kommt er zu jedem einzelnen Gefangenen, spricht mit diesem unter
vier Augen und kann sich vom Eindrucke überzeugen, welchen sein Vortrag
machte, denselben wiederholen, ergänzen, vertheidigen, bei Neueingetretenen
mit Früherm vermitteln; drittens endlich ist er keinen Verdächtigungen und
Verleumdungen ausgesetzt, während der Sträfling so wenig von Hohn und Spott
als von falscher Schaam weiß, dazu Zeit und Gelegenheit besitzt, Etwas für
seine religiöse Ausbildung zu thun und zudem die Gedanken, welche sich ihm
während der Religionsstunde aufdrängten, in der Einsamkeit nicht anhaltend
zu verscheuchen vermag.
Bei Leuten, welche nur für kurze Zeit verurtheilt sind, mögen
Gleichgültigkeit oder Leichtsinn die Oberhand behalten, bei Solchen,
welchen die Liederlichkeit und Gottverlassenheit zur zweiten Natur
geworden, mag die Religion der Liebe manchmal als Religion des Schreckens
wirken und mancher alte Sträfling mag bleiben, was er längst geworden oder
stets gewesen ist.
Von der Stadt herüber läuten die Mittagsglocken, die ablösende
Wachmannschaft eilt gemessenen Schrittes über die Ringmauer. Schon beim
Gang aus der Kirche stieg ein vielversprechender Duft aus der Küche des
Mittelgebäudes, jetzt ertönt ein mehrstimmiges Schellen, dann das Klirren
der Eßkessel und Schöpflöffel und der eilige Schritt der Aufseher, welche
sich in der Küche sammeln, um die Portionen für ihre Pflegbefohlenen
abzuholen. Heute ist kein Fleischtag.
Jeden andern Tag prangt ein winziges Stücklein Fleisch in der zinnernen
Schüssel, ein Spatz vermöchte es bequem im Schnabel fortzutragen und doch
bleibt Etwas immer besser als Nichts.
"Suppe!" Der Benedict hebt sein Schüsselchen unter den Schalter, der
Aufseher schöpft ihm seine Portion aus dem Kessel, schlägt den Schalter zu
und geht weiter.
Die Suppe, eine gute schmackhafte Reissuppe, ist noch sehr heiß, aber sie
muß schnell gegessen werden, denn der Aufseher wird gleich mit der
Hauptspeise da sein.
Heißes Essen schadet den Zähnen, Zuwarten kann dem Magen schaden, unter
zwei Uebeln wählt ein gescheidter Mensch das kleinere, deßhalb ißt der
Benedict die heiße Suppe.
"Hersch!--Hersch!" rufts im Gange.
"O jerum!" jammert unser Esser und weiß weßhalb. Der "Hersch" ist nichts
anderes als Hirsebrei, eine im badischen Unterlande gewöhnliche Speise der
Armen, im Zuchthause zu Freiburg wie überhaupt im Oberlande unbekannt und
der Benedict mag nun einmal den fatalen "Hersch" nicht.
"Hersch!" ruft der Aufseher vor dem Schalter und bald ist das Schüsselchen
gefüllt. Auch diese Speise ist noch heiß, allein sie hat keinen Nachfolger
mehr und was der Benedict morgen nicht thun wird, weil er morgen Knödel
bekommt, vor denen übrigens ein guter Baier das Kreuz machte, das thut er
heute, stellt nämlich das Schüsselchen auf den Schrank, um den Brei kalt
werden zu lassen und später zu essen.
Bevor die Anstalt Bruchsal die Kost für Gefangene, Kranke und Aufseher
selbst bereitete, war sie für die erstere manchmal herzlich schlecht und
zudem bekam der Zellengefangene Ursache, besonders nach den schönen
Brodlaiben Freiburgs zu seufzen.
Dort wird jetzt die Kost und hier noch immer das Brod von der Anstalt
unmittelbar bereitet, in beiden Fällen profitirt der Staat sammt den
Gefangenen.
Wie mancher Kostgeber ist schon durch augenlose Gefängnißsuppen reich
geworden, wie unzuverlässig ist die strengste Controlle, wenn Beamte und
Angestellte nicht zuverlässig und gewissenhaft sind!--
Numero 110 klappt den Tisch an die Wand, das Vorderblatt desselben ist eine
schwarz lakirte Schultafel, er greift zur Kreide, vertieft sich in den
pythagoräischen Lehrsatz und berechnet alsdann, wieviel Kubikzoll die
Commode enthalten werde, welche unter seiner kunstfertigen Hand entstehen
soll.
Todtenstille herrscht minutenlang ringsum, die meisten Aufseher sind den
Beamten zum Essen nachgeeilt, aber wenn Jemand im Mittelbau eine Schüssel
fallen läßt oder sich nur herzhaft schnäuzt, können es sämmtliche Bewohner
der vier großen Flügel und die Nächsten so deutlich als die Fernsten
vernehmen. Wenn der Spruch: Wände haben Ohren--irgendwo gültig und die
Allwissenheit der Beamten irgendwo mehr als Redensart ist, so wird dies
sicher in einem Zellengefängnisse der Fall sein. Auf ihren Bureaus
vernehmen die Beamten jedes laute Wort und jedes auffallende Geräusch,
selbst wenn es von den äußersten Enden der Zellenflügel ausgeht.
Jetzt scheinen selbst die sonst so geschwätzigen, zänkischen Spatzen Siesta
zu halten, selten flattert einer vor dem Gitterfenster von Numero 110
vorüber und noch seltener sitzt einer vor dem Fenster, um sein graues
Röcklein zu putzen oder dem Gefangenen einen bessern Appetit
zuzuzwitschern.
Letzteres ist auch nicht nöthig, denn obwohl der Duckmäuser den Hirsebrei
nicht liebt, so haßt er doch den Hunger noch weit mehr, folglich hat der
Brei bereits das Ziel seiner Bestimmung erreicht.
Die Zellenbewohner haben ihre Ruhestunde, dieselbe wird ihnen nicht zur
Stunde des Verderbnisses, sondern sie lesen, schreiben, rechnen, zeichnen,
machen freiwillig an ihrer Arbeit fort, wenn dieselbe kein Geräusch
verursacht, oder gehen acht Schritte vorwärts und acht rückwärts und wer in
einem der Höfe steht, mag auch manches langgedehnte Gähnen, zuweilen ein
schweres Aufseufzen, ein lautes Selbstgespräch, vielleicht einen Versuch,
zu singen oder zu pfeifen, gleich darauf das Aufgehen einer Thüre, das
anklagende Gebrumme eines zweibeinigen Stückes der fleischgewordenen
Hausordnung und dazwischen das Hohngelächter des vorüberrauschenden
Eisenbahnzuges zu Ohren bekommen.
Der Benedict hat den Magen mit "Hersch", den Verstand mit Zahlen und
geometrischen Figuren angefüllt, doch sein Gemüth blieb unbefriediget und
was der Director mit seinem Besuche gut machte, hat der Pfarrer mit seinem
Vortrage verdorben und besonders Eine Aeußerung desselben ist tief in
Benedicts Seele gedrungen und fällt ihm stets von Neuem bei, er mag
anfangen was er will:
"Wer _unwürdig_ meinen Leib ißt und mein Blut trinkt, der ißt und
trinkt sich selbst das Gericht!"
Wie oft nahte er sich aus Gewohnheit, um seines Rufes willen oder um die
Worte der Mutter zu erfüllen, dem Tische des Herrn!
In der Kaserne hatte er sich allgemach von diesem Gebrauche emancipirt, er
wurde ihm lästig, das Aufgeben desselben brachte ihm eher Ansehen als
Schaden, bei Meister März faßte er vollends einen Ekel gegen die demüthige
Aufgeblasenheit und den weinerlichen Ingrimm der "Diener am Worte" und
deren Lämmlein, aber im Zuchthause hatte er sich regelmäßig zum Beichten
und Communiciren verstanden, um nicht in den obern Regionen in Mißcredit zu
kommen.
Den Spruch, welchen der Geistliche heute vorbrachte, hörte er schon früher
hundertmal, doch niemals schlug er ihm so in die Seele, er greift nach
seiner Bibel und wundert sich selbst, weßhalb ein einziger Vers ihn so
unheimlich auf einmal berühren und zu beschäftigen vermöge.
Er blättert und sinnt, bis die Schritte der Aufseher wiederum im Gange
wiederhallen und die Gangschelle verkündiget, daß er den zweiten Theil des
Tages mit dem zweiten Spaziergange beginnen müsse.
Rasch und mißmuthig läuft er längs den Mauern seines Spazierhofes hin und
wieder. Er hatte sich schon manchen Tag mit gleichgültiger Ruhe in der
Zelle befunden, weil es ihm gelang, sich in die Ueberzeugung
hineinzubannen, er sei ein Todter, besitze keinen Anspruch mehr auf das
Leben und bleibe ein wandelnder Schatten mit vermodertem Herzen, so lange
es einer Macht gefalle, die er nicht kannte und von der er nichts forderte.
Alte Gefangene huldigen gewöhnlich bewußt oder unbewußt solchem Fatalismus,
ihr Herz und ihr Benehmen strafen denselben oft Lügen, doch im Ganzen
scheint er ihnen ihr trauriges Loos erträglicher zu machen, wofür die
Hauptursache freilich darin zu suchen sein möchte, daß das Mitansehen des
Unglückes Anderer, die Zerstreuungen der Gesellschaft, die Verbindung, in
welcher sie durch dieselbe bei dem täglichen Wechsel der
Gefängnißbevölkerung mit der Außenwelt bleiben, ihre eigene Verinnerlichung
hindert.
Der Benedict hat dem Himmel den Scheidebrief des Glückes geschrieben, als
er die Thüre der Strafanstalt zum erstenmal hinter sich schließen hörte; er
war ein lebenslänglich Verurtheilter, alles Fühlen, Denken, Wollen und
Streben seiner Person sollte fortan für die Welt verloren sein, blos sein
Leichnam dereinst noch einmal dieselbe Straße wandern, durch welche er
gerade gekommen.
Er hegte nur Einen Wunsch: Ruhe und forderte diese Ruhe vom Tode, glaubte
auch, derselbe werde sie ihm gewähren.
Die Jahre hatten ihn gegen die Leiden der Gefangenschaft und gegen das
Leben überhaupt abgestumpft, er glaubte dem Tode um einen starken Schritt
näher zu kommen, wenn er in die Zelle versetzt würde und--hatte sich
getäuscht.
Im Gegentheil lebte der Mensch von ehemals in ihm wieder auf, das
versteinert geglaubte Herz begann von Neuem zu hämmern und zu pochen, das
Kind und der Jüngling, der verirrte Halbmann und der elende Sträfling
hielten aufregende Gespräche in ihm, durch die Freuden- und Sturmglocken
der Erinnerung tönten leise zuweilen andere, fremdgewordene Glockentöne und
die Möglichkeiten, welche hätten eintreffen können, wenn er diese oder jene
Handlung vollbracht oder unterlassen hätte, bot allgemach dem Duckmäuser
Stoff zu langen, schwermüthigen Betrachtungen.
Er hatte geglaubt, von Gott gänzlich verlassen und verstoßen zu sein und
vom Tode doch jedenfalls Ruhe fordern zu dürfen, eher als viele minder
schwer Verurtheilte.
Weßhalb?
Ei, er war freilich als Vatermörder verurtheilt und menschliche Richter
waren nicht im Stande, ihn milder zu verurtheilen, als sie dies gethan
hatten. Er vermochte die Richter nicht anzuklagen, doch klagte er Gott
desto herber an und zwar deßhalb, weil Gott seine Gesinnungen kennen mußte
und Miturheber seines Unglückes zu sein schien. Trug denn Benedict jemals
den leisesten Vorsatz im Herzen, das gräßliche, todeswürdige Verbrechen des
Vatermordes zu begehen? Nein, niemals einen Augenblick, nach der That
schauderte er vor sich selbst zurück und begriff nicht, wie er dazu
gekommen!--Tödtete er seinen Vater im Affect? Auch dies war wiederum nicht
zur Hälfte wahr und Gott mußte wissen, daß er zwar im Schrecken mit einem
mächtigen Prügel in den dunkeln Hausgang hineinschlug, jedoch nicht, um den
Vater zu treffen, sondern lediglich, um ihm die Flinte wegzuschlagen und
ihn vom Kindermord abzuhalten. Wußte er nicht, daß eine Doppelflinte ob dem
Bette des Vaters hing und mußte er nicht glauben, daß dem ersten Schusse
ein zweiter folgen werde? Selbst die Richter erfuhren genug von Jacobs
harter, leidenschaftlicher Gemütsart, von seinem Hasse gegen den Hobisten
und vergaßen nicht, die Flinte sammt dem Schuß ernstlich in Erwägung zu
ziehen, sonst wäre Benedict unfehlbar um den Kopf kürzer gemacht worden.
Viele andere Umstände ließen sich nur dadurch erklären, daß man dieselben
dem blinden Zufalle oder--dem allwissenden Gott in die Schuhe schob und
dieser Gott sollte ein allliebender und allbarmherziger sein? Gegen tausend
Andere wohl, gegen mich war er ein Tyrann! sagte der Benedict hundertmal,
wenn der Schmerz ob dem verlornen Lebensglücke zuweilen gewaltig in ihm
aufzuckte und die Trauergeschichte vom weißen Federbusch bestärkte ihn in
der Meinung, ein von Gott Verstoßener oder zum Unglücke Erkorner zu sein.
In der Zelle erwachten mit den Jugenderinnerungen auch die Erinnerungen an
das vielfache Kreuz und Elend, welches er den Eltern bereitete und er
gelangte zur Einsicht, ein Kind, welches seinen Eltern großen Kummer
verursache, dadurch ihre Freude am Leben zerstöre und sie vor der Zeit ins
Grab stürze, sei eigentlich auch ein Elternmörder und der Tod der Eltern
eigentlich auch ein gewaltsamer.
Von diesem Standpunkte aus fühlte er sich des Mordes beider Eltern
schuldig.
Allein gibt es nicht Kinder seiner Art genug und keine Seele denkt daran,
sie deßhalb ins Zuchthaus zu stecken?
Er begriff sein Schicksal so wenig als die heimlichen Qualen seines
Herzens, hoffte vom Tode Ruhe, gegen diese Hoffnung erhob sich fortwährend
die Religion und heute wurden Hoffnung und Ruhe durch die Worte:
"Wer meinen Leib _unwürdig_ ißt und mein Blut _unwürdig_ trinkt,
der ißt und trinkt sich selbst das Gericht!" abermals heftig erschüttert.
Wenn diese Worte keine leere Drohung enthielten, wäre ich nicht schon
hienieden ein gerecht Gerichteter? Wenn der Tod das, was in mir lebt, nicht
zerstörte, wie würde es mit mir im Jenseits aussehen? Hienieden
vieljähriges Kerkerleiden bis zum Tode, dort endlose, ewige Qual,
schauderhafter Gedanke!
Diese Fragen beschäftigen den Spaziergänger, in die Zelle zurückgekehrt,
schneidet er ellenlange Hobelspäne, arbeitet darauf los, daß große Tropfen
von seiner Stirne rinnen, wird wirklich seiner wunderlichen Grillen Herr
und ist im Stande, beinahe zu lächeln, wie er die Gangschelle zur Schule
rufen hört. Eilig schlüpft er in den grauen Kittel, greift nach Mütze und
Nummer, Schiefertafel und Schreibzeug und kaum öffnet der Aufseher die
Thüre, so ist er bereits dem Mittelbau nahe und klimmt die Wendeltreppen
hinan.
Er darf eilen, denn der Gang ist ziemlich leer, die meisten seiner Nachbarn
mögen einer andern der 6 Klassen angehören, mit welchen sich zwei Lehrer
beschäftigen oder auch das 36ste Lebensjahr zurückgelegt haben, in welchem
Falle sie zur Altersklasse gezählt werden, die einigemal wöchentlich in der
Kirche versammelt und durch Vorlesen aus einem gewählten Buche für den
Schulunterricht einigermaßen entschädiget wird.
Das "Grabhemd" auf dem Kopfe tritt Numero 110 in die Schulstube und in
seinen besondern Verschlag, hängt die Nummer auf, läßt sich einschließen,
setzt sich und harrt mit stiller Sehnsucht, bis der Aufseher commandirt:
"Kappen herunter!"
In demselben Augenblicke wird der Oberlehrer den hohen Catheder besteigen,
die Schüler seiner obersten Klasse werden ihn freundlich begrüßen, er wird
den Gruß freundlich erwiedern, die Nummern herablesen und den Unterricht
beginnen.
Wie in der Kirche sieht auch in der Schule kein Gefangener den Andern,
dagegen Jeder den Lehrer, die Aufseher, Rechentafel, Landkarten u.s.w.
Freilich hört hier Jeder die Stimme der aufgerufenen Nummern und mag aus
der Mundart den Seehasen vom Pfälzer, den Schwarzwälder vom Odenwälder, das
Stadtkind vom Dorflümmel leicht unterscheiden, ja der Benedict hat sogar in
der vorigen Stunde die Stimme des Exfouriers und des Spaniolen vernommen,
erkannt und im Gedächtnisse behalten, jener sei Nro. 349 und dieser Nro.
27, aber was kann solche Entdeckung nützen oder schaden? Nro. 110 weiß
nicht genau, wo Nro. 349 in der Schulstube oder in welcher Zelle er sitzt,
was er treibt und wenn er es auch wüßte, ja wenn beide Nachbarn wären und
es ihnen gelänge sich Zeichen gegenseitigen Erkennens zu geben--Gefühle und
Gedanken tauschen sie innerhalb dieser Anstalt nicht aus, der erste Versuch
dazu würde auch zum letzten und müßte von großem Glücke begleitet sein, um
erst nach dem Gelingen entdeckt zu werden, in jenem Austausche aber liegt
die Hauptgefahr der Sträflingsgesellschaft.
Mag Einer sich dem Nachbarn auch durch Trommeln an die dicke Wand bemerkbar
machen, lange dauert solches Trommeln gewiß nicht, auch ist noch niemals
gehört worden, daß dadurch die Abschreckung oder Besserung eines Gefangenen
beeinträchtiget wurde und die Versuche, mit einander zu reden, haben völlig
ein Ende, seitdem die Oeffnungen der Luftkanäle vergittert wurden.
Der Wachtstubenwitze reißende und halbgelehrte Spöttereien über alles Hohe
und Heilige zu Markt tragende Exfourier, der sozialdemocratische,
selbstsüchtige Spaniol vermöchten dem Benedict nur noch zu schaden, weil er
mit Beiden einst zusammenlebte und ein treues Gedächtniß besitzt--
jedenfalls ist die Schule des Zellengefängisses der letzte Ort, wo die
Hausordnung oder gar Religion und Sittlichkeit irgendwie Gefahr zu laufen
vermöchten.
Der achteckige, thurmartige Mittelbau, von welchem die vier Flügel
ausstrahlen, erscheint uns überhaupt als ein Sinnbild der Ordnung, welche
nicht nur im Zellengefängnisse zu Bruchsal, sondern im großen Zuchthause
der Welt herrschend sein sollte.
Im untersten Raume findet sich die Küche, ob derselben Stuben der
Werkmeister, Oberaufseher, noch höher die Zimmer der Beamten, welche
allgemach zu den Schullokalen emporsteigen, zu oberst aber steht die
Kirche, während die bewaffnete Macht draußen an den Ringmauern, den
äußersten Gränzen des Reiches verweilt und die Gehüteten nicht beständig an
das Mißtrauen der Regierenden mahnt.--
Bereits steht der Oberlehrer auf dem Catheder, kritisirt die eingelieferten
Aufsätze und läßt zwei derselben laut vorlesen.
Beide sind ziemlich lang gerathen, man erkennt bald, daß die Verfasser
ihren Kopf beisammen hatten und beide zeigen einen Reichthum der Gedanken,
einen dichterischen Schwung der Sprache, die wir bei Zellengefangenen
ebenso häufig als auffallend finden.
Der erste Aufsatz ist von Nro. 62 und behandelt die Frage, weßhalb der
Reichthum nicht nothwendig zum Glücke gehöre, den zweiten hat Nro. 205
geliefert, dieser sucht den Begriff vom Glück und Unglück festzustellen und
findet, daß es für einen Menschen, der Religion nicht nur _besitze_,
sondern _religiös sei_, kein eigentliches Unglück gebe, somit in der
religiösen Durchdrungenheit das Geheimniß des wahren Glückes zu suchen sei.
Nro. 62 ist ein blutarmer und, wie sich dies bei seinem Gewerbe fast von
selbst verstehen soll, fast immer betrunkener Postillon gewesen, der so
wenig daran dachte, durch seinen Jähzorn jemals in ein Zuchthaus zu
gerathen, als daran, in diesem bitterbösen Hause ein meisterhafter Schuster
und ein Mensch zu werden, der Geschriebenes und Gedrucktes geläufig lesen
und noch viel Schönes und Nützliches dazu lerne. Nro. 205 ist ein
ehemaliger Soldat, der mit seinen Schulmeistern ein besonderes Schicksal
hatte. Der erste derselben war ein alter, braver Mann, der die
weitschichtige Gelehrsamkeit der neuen Schulmeister nicht mehr faßte und
alle Neuerungen, gute und schlimme, haßte. Dafür wurde auch er gehaßt,
verfolgt und verspottet. Wie die Alten sangen, so zwitscherten die Jungen
und als der Mann starb, kam ein junger Lehrer, der sich ganz nach dem
Willen der Mehrheit seiner Schüler richtete und deßhalb die halbe Zeit
keinen Unterricht gab oder die Stunden mit Geschichtlein tödtete. Nro. 205
war als einer der stärksten und größten Buben im Anfeinden des alten mit im
Verherrlichen des neuen Lehrers ein Anführer gewesen und wurde aus der
Schule entlassen, ohne daß ihn ein schwerer Schulsack drückte. Erst im
Zuchthause hat er den Schaden erkannt und verbessert.
Nro. 62 wie 205 saß früher in gemeinsamer Haft, beide preisen sich
glücklich, von ihrer alten Kameradschaft erlöst zu sein und wenn ihnen
irgend ein Gelehrter vom Glücke der Sträflingsgesellschaft vorpredigte,
würden sie es in ihrer Einfalt für Scherz oder Spott halten; beide gehören
zu den fleißigsten und besten Schülern, während sie gleichzeitig zu den
fleißigsten und besten Arbeitern gehören, von den Werkmeistern noch niemals
wegen Saumseligkeit oder gar wegen Nichtfertigung des ganzen Tagwerkes
verklagt wurden. Nachdem das Vorlesen der Aufsätze beendiget, kommen die
Rechnungsaufgaben an die Reihe.
Der Duckmäuser hat den Cubikinhalt eines cylindrischen Gefäßes berechnet,
welches doppelt so hoch als weit ist und ganz gefüllt 2 Pfund Wasser
aufnimmt.
Nro. 70 löste die Frage richtig, wie groß eine Seite eines Würfels von Gold
sei, welcher 24 Loth wiege.
Dagegen brachte 401 die folgende Rechnung nicht ganz ins Reine, nämlich:
"Ein Brunnentrog aus Sandstein hat die Form einer Halbkugel, deren ganzer
Durchmesser 4'3" beträgt, wahrend die Steinmasse selbst 4" dick ist.
Wieviel (badische) Maaß Wasser faßt dieser Trog und welchen Cubikinhalt hat
die Steinmasse?"
Nro. 401 beging bei der Lösung der zweiten Frage einen Fehler, die meisten
Mitschüler stimmen in ihrer Lösung überein und diese ist auch die richtige.
Jener entdeckt und entschuldigt seinen Irrthum, seine Stimme und Rede
zeigt, er sei dem Weinen nahe, um diesen alten Weiner zu trösten, darf er
die Lösung der letzten der heutigen Aufgaben nennen und liest mit ruhigere
Stimme:
"Nach der Angabe v. Humboldt's soll eine der ägyptischen Pyramiden 800'
Höhe und an der Grundfläche, welche ein Quadrat ist, ebensoviel Breite
haben. Wieviel Cubikfuß beträgt der Inhalt und wieviel Zentner etwa das
Gewicht dieser Pyramide, wenn man obiges Maaß als badisches betrachtet und
das spezifische Gewicht des Marmors, aus welchem sie bestehen soll, zu
2,736 annimmt?"
Die Lösung, welche Nro. 401 gibt, ist richtig, fünf Hauptrechner bezeugen
es, der Oberlehrer thut dasselbe und beginnt dann eine kleine Prüfung über
die Lehre der drei Arten von Hebeln, gewöhnlichen und festen Rollen und
Flaschenzügen.
Nro. 349 hat diesen Mittag für sich in der Zelle berechnet, ein Rammklotz
von 60 Zentnern, der etwa bei Wasserbauten angewendet würde, und 15' hoch
herabfalle, wirke mit der Kraft von 18,000 Zentnern, welche nur Einen Schuh
fallen. Der etwas hartköpfige Nro. 334 erbittet und erhält eine Erklärung
des "Rades an der Welle" und der Benedict erläutert schließlich den
Potenzflaschenzug.
Dann geht der vortreffliche Oberlehrer, welcher mit Pestalozzi Bibel und
Kalender für die wichtigsten Urkunden des Menschengeschlechtes hält, daran,
den Sonntagsbuchstaben zu erklären, durch den sich der Wochentag eines
geschichtlichen Ereignisses sicher bestimmen läßt und ist noch nicht
fertig, wie die Glocke ertönt und anzeigt die Lieblingsstunde vieler
Zellenbewohner sei wiederum vorüber. Der Lehrer verschwindet, die Schüler
setzen das "Grabhemd" wiederum auf, die Aufseher öffnen einen Verschlag
nach dem Andern in der Ordnung, daß kein Gefangener dem Andern auf dem Fuße
folgt oder gar entgegenläuft, Einer nach dem Andern steuert der Thüre zu,
welche in seinen Flügel führt und nach wenigen Minuten steht Nro. 110
wiederum vor der Hobelbank.
Bleiben wir noch einen Augenblick bei der Schule.
Die Sträflingsschule des Zellengefängnisses zu Bruchsal erregt besonders
die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Besucher, weil die Sträflinge einen
Grad von intellectueller Bildung und Bildungsfähigkeit entwickeln, den man
in den besteingerichteten Gefängnissen anderer Art vergeblich suchen würde.
Die Regierung verdient sich den Dank der Menschheit, indem dieselbe Vieles
für die Anstalt überhaupt und deren Schule insbesondere thut, tüchtige
Lehrer, indem dieselben unermüdlich und im engen Vereine mit den
Geistlichen beider Confessionen dahin arbeiten, aus unwissenden und rohen
oder halbgebildeten und eingebildeten Gefangenen Menschen und Christen zu
machen und vor geistiger Verdumpfung zu bewahren.
Die Schüler dagegen empfinden auch das ganze Gewicht der Wohlthaten, welche
ihnen durch Unterricht gespendet werden und beweisen es durch ihre
Anhänglichkeit für die Geistlichen und Lehrer, durch ihren Eifer für die
Schule und vor Allem durch die Fortschritte.
Wer nur immer anerkennt, daß in der Bildung an und für sich eine Macht
liege, welche die schwer zerstörbare Selbstsucht des Menschen mindestens
verfeinern, ihm soviel Klugheit, Ehrgefühl und Selbstbeherrschung gewähre,
um nicht leicht ein Verbrechen zu begehen, der wird sich entschieden für
eine Sträflingsschule der Art aussprechen, wie dieselbe hier besteht und
blüht.
Wir kennen auch keinen Fall, daß ein Gefangener, welcher diese Schule
längere Zeit besuchte, wiederum rückfällig geworden wäre und wenn in dieser
Anstalt vorherrschend jugendliche Verbrecher untergebracht und ihres
Unterrichtes theilhaftig gemacht würden, so würde die Erfahrung lehren, daß
die Zahl der Rückfälle sich ansehnlich verminderte.
_Aber leidet der Gewerbsbetrieb nicht durch die Schule Noth?_
Die beste Antwort liegt in der Thatsache, daß der Gewerbsbetrieb des
Zellengefängnisses trotz mißlicher Zeitverhältnisse und eigenthümlicher
Hindereisse [Hindernisse] mehr blüht, als der jeder andern Strafanstalt des
Landes und daß die Blüthe des Gewerbsbetriebes zunächst vom Fleiße und der
Geschicklichkeit der Sträflinge abhänge, wird wohl kein Gegner der einsamen
Haft läugnen.
Der Zellenbewohner besucht nicht mehr Unterrichtsstunden als andere
Sträflinge, dagegen ist es richtig, daß er Besuche vom Lehrer in der Zelle
und bei dieser Gelegenheit besondern Unterricht erhält. Doch Besuche muß er
überhaupt eine bestimmte Anzahl empfangen, wenn er nicht zu Grunde gehen
soll und daß kein Besuchender, folglich auch kein Lehrer zu lange bei Einem
verweile, dafür ist schon durch die Vorschrift gesorgt, daß jeder Beamte
täglich eine verhältnißmäßig große Anzahl von Besuchen abzustatten hat.
Das Geheimniß der überraschenden Fortschritte, welche viele Zellenbewohner
in Schulkenntnissen machen, liegt hauptsächlich in ihrer eigenthümlichen
Lage. Die Einsamkeit verinnerlicht den Menschen, der Mangel an Gesellschaft
treibt ihn, sich in arbeitsfreien Stunden selbst zu unterhalten und weil
ihm Gelegenheit für schlechte Unterhaltung abgeschnitten, dagegen
Gelegenheit zur guten reichlich geboten ist, so greift er eben nach
letzterer.
Die Ruhestunden, die arbeitsfreien Tage, manche schlaflose Stunde der
Nacht, in welcher das Denken eine Zerstreuung und Wohlthat zugleich wird,
werden zumeist der Schule gewidmet und gerade der verhältnißmäßige Mangel
an Eindrücken, welche er von der Außenwelt empfängt, stärkt sein Gedächtniß
wunderbar für Alles, was in der Schule vorkommt, welche er besucht oder in
den Büchern, welche er gelesen.
Sind wir überzeugt, der Gewerbsbetrieb würde wenig oder nichts gewinnen,
wenn man die Schulen gesellschaftlich lebender Gefangenen wiederum aufhöbe,
so sind wir noch weit mehr davon überzeugt, daß er in Zellengefängnissen
bedeutend Noth litte. Gar viele Handwerker bedürfen einiger Kenntnisse im
Zeichnen, in Mathematik und Geometrie, Chemie und andern Wissenschaften und
je mehr sie davon erringen, desto besser ist es für ihr Gewerbe. Ferner
ließe sich möglicherweise das vollständige Fertigen eines Tagwerkes durch
Hungerkuren erzwingen, lange jedoch ginge dies nicht an und zum Fertigen
guter und vortrefflicher Arbeit gehört eben auch im Zuchthause ein
Arbeiter, der gut oder vortrefflich arbeiten kann und--will. Die Schule
wird von Sträflingen als eine Wohlthat und Belohnung allgemein anerkannt,
ihre Beeinträchtigung oder gar ihre Beseitigung würde gerade bei den
Talentvollen den guten Willen zur Arbeit beeinträchtigen oder beseitigen
oder derselbe müßte auf eine Weise angeregt werden, welche mehr kostete als
die Schule.
_Aber werden die Spitzbuben durch die Bildung, welche sie empfangen,
nicht gerade raffinirter und führt die Schule nicht zur Halbwisserei?_
Den ersten Theil dieses Einwurfes würden wir gar nicht beantworten, wenn er
nicht schon von mehr als einer Seite gemacht worden wäre.
Wir haben einen Tag in einem gemeinsamen Zuchthause zugebracht und
vermieden, pikante Spitzbubenhistörchen aufzuzeichnen, wenn man nicht etwa
die maaßlose und keineswegs seltene Unverschämtheit des Patrik vom
Hotzenwalde pikant finden will.
In gemeinsamer Haft geben die Meister der Greiferkunde Privatcollegien aus
ungewaschenen Mäulern, die Blüthe des Gaunerthums erfreut sich dort einigen
Ansehens und fruchtbarer Wirksamkeit, allein keine Sträflingsschule irgend
einer Art befaßt sich mittelbar oder gar unmittelbar mit Ausbildung der
Spitzbüberei. Freilich lehrt die Physik und noch mehr die Chemie Manches,
was sich ein Langfingeriger für die Zukunft hinter die Ohren schreiben
könnte, aber jedem Lehrer wird man soviel Verstand und Besonnenheit
zutrauen, daß er seinen Stoff zu wählen versteht.
Erheblicher ist die Halbwisserei.
Unter Halbwisserei verstehen wir das _religionslose_ Wissen, somit
ziemlich dasselbe, was schon Plato darunter verstanden und worüber er als
einer unheilbringenden Erbärmlichkeit geklagt hat. Vom Vorwurfe der
Halbwisserei sind bei uns jedenfalls die Sträflingsschulen freizusprechen,
denn Geistliche und Lehrer gehen einträchtig zusammen, Einer arbeitet dem
Andern in die Hände, die Schule ist nicht nur ein Mittel allgemeiner
Bildung, sondern auch allgemeiner religiöser Erhebung.
Eine bereits auf einige tausend Bände angewachsene Bibliothek, deren Bücher
vor Allem mit Rücksicht auf löbliche Tendenzen gewählt und mit Rücksicht
auf die verschiedenen Confessionen unter die Gefangenen vertheilt werden,
unterstützt mächtig die Bemühungen der geistlichen und weltlichen Beamten.
Die sichtbaren Wunder der Natur, die weltbeherrschenden Gesetze der Physik,
die einfachen, erhabenen und allbeherrschenden Gesetze der Bewegung der
Weltkörper, lauter Dinge, welche jedem Schulknaben, geschweige einem
Erwachsenen klar und deutlich gemacht werden können, wie sehr sind diese
geeignet, den Menschen zum Herrn und Vater dieser Gesetze zu erheben? Und
Abrisse aus der Geschichte, in welcher Gott den lohnenden Vater oder
rächenden Amtmann spielt, eine Unthat unter dem Gewichte ihrer Folgen den
Schuldigen und die Mitschuldigen begräbt, ohne vorher nach Stammbaum oder
Taufschein zu fragen, wie sehr sind diese geeignet, den Verbrecher zum
Nachdenken über das eigene Schicksal zu bringen? Jedenfalls mehr als die
eigens für Gefangene und Verbrecher geschriebenen Bücher, unter denen wir
und viele Andere außer dem von Suringar wenig Erträgliches und
Ersprießliches entdeckten. Sträflinge sind schwer vom Glauben abzubringen,
daß man die kleinen Spitzbuben fange, die großen dagegen laufen lasse,
wissen recht gut, wie es mit dem Werthe Vieler steht, welche frank und frei
herumlaufen und ebenso, daß sie keine unartigen Kindlein sind, denen man
Religion und Jesusliebe als Brei einreichen könnte, deßhalb geben sie auch
nichts auf Bücher, die aus gutmeinenden, aber unklugen oder unerfahrenen
Federn zur angeblichen Erbauung von Gefangenen geflossen sind. Im
Gegentheil werden Schriften dieser Art Religionslosigkeit und
Verstockung eher vermehren als vermindern und besonders in gemeinsamer Haft
nicht lange ungerupft bleiben.
Sie [Die] Schule vor Allem erweitert den geistigen Gesichtshorizont und je
mehr sich dieser erweitert, desto kleiner fühlt sich der Mensch überhaupt,
der Verbrecher insbesondere und wiederum desto größer, weil der Herr und
Meister der Welt sich mit ihm abgibt.
_Weßhalb eine ungewöhnliche Ausdehnung des Unterrichtes bei
Zellenbewohnern?_
Vom Buchstabenmalen und Zahlen zusammenzählen steigert sich Alles bis zum
Auflösen von Gleichungen, Berechnungen des Kreises und Lösungen von
Aufgaben, welche einige physikalische, chemische und sogar astronomische
Einsichten voraussetzen. Weil Zellenbewohner aus innerm Antriebe gerne
lernen und im Lernen so ziemlich ihre einzige Erholung finden, deshalb
schreiten Viele auch rasch und sicher fort und sollen sie dafür mit
Stillstand bestraft werden, für den sich nirgends ein Grund auftreiben
ließe?
Weßhalb sollen Schwerverurtheilte, deren jugendliches Alter vielmaligen
Schulbesuch gesetzlich sanctionirt, ohne ihre Schuld und noch mehr wider
ihren Willen in den Mitteln des Fortschreitens zur Bildung und Besserung
verkürzt werden? Die in der That ganz vortreffliche Hausordnung von
Bruchsal ermuntert und belohnt sogar den Schulfleiß, erkennt in der Schule
überhaupt ein mächtiges Mittel gegen geistige Verknüpfung und Versumpfung
und daß es in ihr nicht gar zu hochgelehrt hergehe, dafür ist schon
gesorgt, weil die meisten Sträflinge einen ziemlich armseligen und manche
gar keinen Schulsack in die Zelle bringen.
Die Lehrer haben mit dem ABCschützen und Dummen überflüssig genug zu thun
und sollen sie nun auch mit den weiter Fortgeschrittenen und Talentvollen
dazu verurtheilt werden, Papageienrollen zu spielen und in diesem Jahre
durchaus dasselbe zu schreien, was sie im vorigen Jahre geschrieen?
Wenn ein entlassener Zellenbewohner ungefähr weiß, was jeder ordentliche
Realschüler zu wissen vermag, so weiß er noch lange nicht zuviel und wird
durch das Gewicht seines Wissens schwerlich in den Pfuhl des Lasters und
der Verbrechen hinabgedrückt!--
Während wir diesen etwas langgerathenen Gedankenspaziergang machten,
arbeitete Nro. 110 in seiner Zelle rüstig fort und zuweilen tritt ein
Werkmeister oder Aufseher herein, nicht sowohl um die Arbeit zu
besichtigen, denn der Benedict arbeitet zu vortrefflich, als daß viele
Besichtigung nöthig wäre, sondern um Etwas zu fragen oder die Leimpfanne zu
bringen.
Der Fleiß der Gefangenen wird in der Zelle leichter und besser controllirt,
als in jedem Sträflingssaale und zwar auf eine Weise, daß der
Zellenbewohner nichts davon weiß. Der Controllirende tritt zur Thüre, hebt
einen kleinen Schieber in die Höhe und überschaut mit Einem Blicke die
ganze Zelle, wahrend Nro. 110 vergeblich sich abmühen würde, durch dasselbe
Fensterchen auf den Gang hinauszusehen. Nicht Eine Minute des Tages oder
der Nacht ist er sicher, unbeobachtet zu sein und das Peinliche dieser Lage
wird gerade dadurch gemildert für den Bessern und geschärft für den
Schlechtern, weil er niemals Gewißheit davon hat.
Ein gefangener Taglöhner hat sein Zellenleben in ergötzlichen Reimen
beschrieben, von denen einige charactristische hier ein Plätzlein finden
mögen:
--Einmal ist der Obermeister kommen:
"Du willst nicht sputen hab' ich vernommen?
Hättest große machen sollen
Dich soll gleich der Kukuk holen!"--
"Ich will lieber machen kleine
Das ist die Rede, die ich meine!"--
"Du hast hier kein Recht,
Seist du Meister oder Knecht,
Mußt jetzt thun, was ich Dir sag'
Oder hast gehabt zu Mittag,
Und zu Nacht wirst auch nichts kriegen,
Kannst noch in den Turm hinabfliegen!
Dort kannst Du sitzen oder stehen
Und wie es Dir noch sonst wird gehen.
Dann thut man Dich in den Zwangstuhl schnallen
Das wird Dir auch nicht gut gefallen!"
Ich sah auf mein Spulrad hin
Und dachte: "wenn nur dieser Mann wieder ging!"
Aber er ließ sich nicht vertreiben
Und ließ auch das Dräuen nicht bleiben.
"Wenn ich noch eine einzige Klage hör',
Dann komme ich wieder zu Dir hieher!"
Das ist sein letztes Wort,
Dann ist er fort.
Ich dacht: Nun ist er doch einmal gangen,
Das war ja mein einzig Verlangen!
Hab mich wieder zum Rad gesetzt
Und gespult, daß ich hab' geschwitzt.
Hörte ich nur laufen im Gang,
So glaubte ich: jetzt kommt der saure Mann!--
Einmal hab' ich gesungen,
Da kam er gleich gesprungen:
"Hör' ich dies noch einmal hier,
Dann gibt man nicht zu essen Dir!"
Darauf sah ich ihn im Hof in seinem grauen Rock
Und eilte was ich konnte in den zweiten Stock,
Mache die Thüre eilends zu,
Daß ich hab' vor diesem Manne Ruh.
Er hat mir schon zu schwer gedräut,
Ihn zu sehen, ist mir keine Freud'!
Allein ich hab' vor ihm recht Respekt,
Doch bin ich gern von ihm weit weg;
Doch hat er mir noch nichts zu leid gethan
Er kann doch sein ein guter Mann!
In diesem Augenblicke öffnet sich die Thüre von Nro. 110 und einer der
beiden Obermeister steht vor Benedict. Er ist nicht mehr der alte Dräuer,
über welchen der Taglöhner klagte, sondern ein ganz freundlicher
ordentlicher Mann, der mit Blicken mehr ausrichtet als Andere mit vielem
Lärm. Die Arme über die Brust gekreuzt, den rechten Fuß vorgestellt steht
er ganz ruhig da und redet mit unserm Schreiner vom Wetter und den
Rheinschnaken, diesen Moskitos der Rheinebene, deren Stich eben keine
angenehme Empfindungen, wohl aber kleine Beulen erzeugt und die den Weg
durch alle Kleider und die dicksten Teppiche hindurch zu finden wissen,
während ihr Gesumme in Schlaf lullt.
Tabaksqualm verscheucht diese kleinen, blutgierigen Ungeheuer, aber der
Gefangene darf nicht rauchen und muß sich begnügen, die Schnaken
todzuschlagen [todtzuschlagen], wenn sie angefüllt von Blut träge an den
Wänden sitzen und nicht weit zu fliegen vermögen. Wahrend der Obermeister
den Ankläger der Schnaken anhört, überschaut er mit einigen Seitenblicken
Alles und wenn Etwas am unrechten Nagel hängt, nicht vorschriftsmäßig
aufgestellt oder hingelegt ist, darf der Zellenbewohner einer Ermahnung
gewiß sein, wenn aber gar irgend ein _Verstoß gegen die Reinlichkeit_
aufzutreiben ist, dann bleibt eine Zurechtweisung nicht aus.
Wieviel Schweiß und Aerger haben die kleinen Ziegelplatten des Zellenbodens
den Benedict schon gekostet, den feinen, ungesunden Staub abgerechnet, der
sich von denselben ablößt!
Jetzt versteht er sein Geschäft besser, der Obermeister vermag nichts zu
entdecken, was der Reinlichkeit widerspräche, denn es fehlt zwar nicht an
Sägspänen, Hobelspänen, Gerüchen des Holzes und der Politur, zumal das
obere Fenster geschlossen ist, aber in welcher Schreinerwerkstätte der Welt
fehlt es an diesen Dingen? Oder wo gibt es irgend eine Schusterboutique,
aus welcher der Geruch von Leder und Pech verbannt ist oder einen Webstuhl,
in dessen Nähe es nicht von Zeit zu Zeit nach Schlichte riecht?
Arme und reiche Handwerker sind an solche Dinge gewöhnt, die sich nicht
vermeiden lassen, Gewohnheit stumpft gegen den schlimmen Einfluß derselben
ab, weßhalb soll und wie soll der Zellenbewohner dagegen geschützt werden?
Tadeln ist in allen Dingen leicht, Verbessern häufig schwer.
Frische Luft und Reinlichkeit sind für die Gesundheit des Gefangenen
wichtige Artikel, in Bruchsal ist in dieser Hinsicht das Möglichste
geleistet, die Ziegelplatten der Zellenböden möchten freilich nicht viel
taugen, aber sie sind nun einmal da, lassen sich nicht über Nacht
wegbringen und leicht ohne große Kosten durch etwas Besseres ersetzen,
dagegen läßt sich die Reinlichkeit jedes Einzelnen leicht controlliren.
Der Oberaufseher wünscht freundlich guten Abend und eilt zu Nro. 109
hinüber. Ein Herbsttag geht rasch vorüber, ehe man sichs versieht, ist die
Dämmerung da. Die verschiedenen Zeiten des Jahres und Tages, die Wechsel
der Witterung üben auf den Menschen Einfluß aus und wenn dieser Einfluß bei
vielen Zellenbewohnern noch bemerkbarer wird als bei andern Gefangenen, so
rührt dies wohl daher, weil ihr äußeres Leben ein ziemlich armes und
einförmiges ist. Ein kurzer, trüber Herbsttag stimmte den Benedikt trübe
und melancholisch, der Abend brachte ihm gar schwermüthige Gedanken. Er
dachte an das Abendläuten, Lichteranzünden und an die Heimgärten im fernen
Dörflein und war froh, als der Aufseher den Schalter öffnete, um den
Wasserkrug zum letztenmal für heute in Empfang zu nehmen und das Licht
anzuzünden.
Er griff wiederum zum Hobel, um die Grillen durch Arbeit zu verscheuchen,
doch wollte es ihm nicht recht gelingen und zuweilen tief aufseufzend
blickte er durch die Gitter zum dunkeln, sternenleeren Nachthimmel empor.
Abermals öffnet sich die Thüre und der Arzt tritt herein.
Dieser muß nicht nur seine Kranken, sondern auch alle Gesunden fleißig
besuchen und fast noch mehr Seelenarzt als Leibesarzt sein.