Beweise!--

Dieselben liegen schon in der Einleitung zur Religionslehre, Du sollst

jedoch noch bessere haben, nämlich die Ansichten unseres Seminardirectors

über die unnahbare Würde und welterleuchtende Bestimmung des

Schulmeisterthums. Damit Du abermals siehst, daß ich gewissenhaft handele,

sende ich Dir beiliegenden Aufsatz meines Meisters, welcher "der Schule

Wesen und Gliederung" erklärt und seiner Zeit durch Guttenbergs Kunst der

Vergessenheit entrissen wurde.

[Der] "Der Zweck der Erziehung ist Entfaltung derjenigen Kräfte, welche den

Menschen in Stand setzen, in allen Richtungen des Lebens sich selbst zu

beherrschen und zum Handeln zu bestimmen. Sie soll den Menschen zum

Ebenbild Gottes machen. Die Ebenbildlichkeit mit Gott besteht aber darin,

1) daß er ein einfaches, untheilbares, unveränderliches, aus und für sich

begehendes Wesen ist, "_das sich aus sich selbst hervorbringt wie Gott

die Welt aus Nichts, d.h. aus sich selbst erschaffen hat._" 2) Daß

insbesondere das aus ihm Hervorgebrachte in demselben Verhältnisse zu ihm

stehe, in dem er sich zu Gott befindet. 3) Endlich daß der Mensch Alles,

was er Wahres, Schönes und Gutes hat, nur als eine göttliche Geschichte und

als etwas Geschichtliches habe.--Von Pestalozzi wird gesagt. "Das Erlösende

und Heiligende seiner Methode stammt nicht von seinem Fleische, es ist eine

Offenbarung Gottes, die ihm geworden und sein Verdienst, daß er uns

dieselbe nicht als sein sondern als Gottes Werk gab. Die Schulmeister vor

Pestalozzi sündigten zumeist dadurch, daß sie in ihren Systemen und

Lehrmeinungen nur sich seldst [selbst] gaben und uns nicht zu Gott, sondern

zu sich selbst zu erheben trachteten, Pestalozzi dagegen zeigte uns nicht

seine Person, sondern die Wahrheit.--Wie die Göttlichkeit der Lehre Jesu

nur von deren Befolgern laut Joh. 7,17 erkannt wird, so Pestalozzis Methode

nur von dem, dessen Geist durch sie gebildet wurde.--Wie die Pharisäer auf

dem Stuhle Mosis streng nach dem Gesetze lehrten und das Gesetz nicht

selbst erfüllten sondern übertünchten, so lehrt der

_Sinnlichgesinnte_, daß wir aus Liebe zum Vater unsern Brüdern auch

nicht im Innern zürnen und schon den unreinen Begierden widerstehen sollen,

während er im eigenen Busen voll Zorn die Verkünder der Offenbarung des

Geistes, der Alles durchschaut (I. Kor. 2,10) zum Ingrimm und zur

Verfolgung gegen die aufreizt, welche Gott als lebendige Werkzeuge erkiesen

hat, Zeugniß von seinem eigenen Sohne zu geben."--Den Sinnlichgesinnten,

welche sich vermessen, Feindesliebe und Widerstand gegen böse Begierden zu

predigen, werden noch mehrere Bibelstellen entgegengeschleudert, dann die

Entstehung der Sprache u.s.w. erklärt und das fünffache Leben des Einzelnen

und der Gesammtheit zusammengestellt. Um der Kürze willen soll diese

Zusammenstellung hier stehen:

_Einzelleben = Gesammtleben_

Individuum = Familie

Leib--Person--Seele = Gewerbstand--Staat--Kirche

Geist = Schule

Erläuternd heißt es: "Wir bezeichnen mit den Worten Seele und Geist zwei

durchaus verschiedene Wesen, Geist bedeutet uns nicht bloß ein höheres

Seelenleben, sondern Seele und Geist sind zwei einander entgegengesetzte

Offenbarungen des einen Lebens. Unter Seele verstehen wir diejenigen

Lebensfunctionen, durch welche das Individuum nach seiner Schöpfung mit

Gott verbunden ist und ewig verbunden d. h. von ihm abhängig bleibt. Ueber

die Art und Weise der Verbindung gibt der Begriff von Idee Aufschluß,

welche vor unsern Augen Factum wird und der von Gattung, der den Millionen

Individuen ungetrübt innewohnt und zwischen ihnen Wechselwirkung und

Verbindung möglich macht. Die Seele ist Gott im Menschen, jedoch so, daß

Gott vollkommen und ohne Veränderung seines Wesens außer dem Menschen und

für sich besteht." Folgt nun eine Abweisung jener kalten und finstern

Religionslehre, welche Gottes selbstständiges Dasein nicht erkennt und, da

ihr Alles Eins ist, jeden höhern Aufschwung unmöglich macht und als

wissenschaftliches System die Jugend zu der Vermessenheit verleitet, Alles,

was Andere auf andern Wegen wissen und glauben nur als Irrthum, Täuschung,

Verstandesschwäche, sowie alles Leben und alle Veränderung als leeren

Schein und diesen selbst als eiserne Nothwendigkeit zu erklären.

Welche kalte und finstere Religion unter diesem "Pantheismus" gemeint sei,

darüber blieb uns jungen Leuten, die wir Nichts von Philosophie verstanden

und manches dicke Buch über die Gräuel des Mittelalters gelesen, um so

weniger ein Zweifel, weil unser Direktor die vorgeblichen Verderber der

Religion der Liebe nicht--liebte.

Weil die Kirche die Seele, die Schule aber den Geist repräsentirt, mag

Folgendes Dir im Gedächtnisse bleiben: "Auch das Wesen von Geist und Person

ist nicht scharf bestimmt und gesondert. Wir halten die Person nicht für

etwas Vergängliches, sondern für den Höhepunkt des Lebens der Einzelnen.

Person ist der sich selbst erkennende und bestimmende Geist, der in sich

gekehrte Geist, wodurch der Mensch erst Mittelpunkt und Bestand aus und

durch sich selbst erlangt. Der Person ist unmittelbar der Geist und

_durch diesen_ Leib, _Seele_ und Individuum untergeordnet. In der

Person vollendet sich die Offenbarung Gottes im Menschen. Daher lernt der

Mensch Gott nur von Innen kennen und nur durch diese Kenntniß entsteht das

Bestreben, durch ins Unendliche fortlaufende Vervollkommnung Gott immer

ähnlicher zu werden."

Die Schule soll dem Vermögen des Menschen, das Vervollkommnende in sich

aufzunehmen, die Erkenntniß geben und den fünferlei Gegenständen der

Erkenntniß--individuelles Leben, Leib, Seele, Geist, persönliches Leben

entsprechen fünferlei Schulen, nämlich Volksschule, Industrieschule,

Gelehrtenschule, Akademie mit gelehrten Gesellschaften, endlich der

Erziehungs- oder Schulrath oder das _Kulturministerium_, welches, das

persönliche Leben des Einzelnen und der Gesammtheit erkennend, das

_Dominium_ über die andern Schulen ausübt. Die _Volksschule_ soll

die Individualität des Geistes entfalten und hat 3 Stufen, nämlich die

Kleinkinderschule, Elementar- und Realschule.

Die Elementarschule "soll wie alle Schulen vorzüglich den Geist in Anspruch

nehmen und die übrigen Richtungen des Lebens ihren Zwecken unterordnen."

Ihre Lehrgegenstände sind Sprachlehre und Gesang, Formen-, Größen-,

Zeichnungs-, Schreib- und Leselehre und Kenntniß der Zahlenlehre.

Die Realschule bringt dem Geiste sein Selbst zum Bewußtsein und die

Industrieschule sammt den 3 Stufen der Gelehrtenschule (Gymnasium, Lyzeum,

Hoch- oder Berufsschule) soll vor Allem das _Nützliche_ ins Auge

fassen, wozu die Religion nicht gezählt wird, die erst in der theologischen

Fakultät ein eben nicht behagliches Plätzlein findet.

Die Hoch- oder Berufsschule nämlich zählt fünf Fakultäten, deren jede ihre

eigene Literatur und Geschichte derselben hat.

Die erste Fakultät ist die allen Gelehrtenständen gemeinsame, etwa der

philosophischen unserer Universitäten entsprechend und die zweite die

medizinische, welcher nachgerühmt wird, daß "sie sich am meisten ihrer Idee

gemäß gestaltet habe."

Die _theologische Fakultät_ hat das _Seelenleben_ zu ihrem

Gegenstande und folgende Disciplinen: a) Lehre vom Wesen und der

natürlichen Entwicklung der Seele, b) von der Pflege und Bildung der Seele,

c) Lehre von der Entstehung und den Arten der Seelenkrankheiten nebst d)

der Heilung derselben, theoretisch und praktisch. e) Lehre vom Einfluß der

4 andern Lebenserscheinungen auf das Seelenleben und vom Verhältniß der

theologischen zu den übrigen Wissenschaften, endlich f) Lehre von der

Bestimmung des Theologen und vom Verhältniß des geistlichen Standes zu den

übrigen Ständen. Findet man dieses von einem katholischen Geistlichen

gehegte und den künftigen Lehrern des Volkes eingeimpfte Idol einer

theologischen Fakultät merkwürdig, sobald man nicht etwa auf dem

Standpunkte Feuerbachs steht, so fanden wir herzstärkend und begeisternd

Alles, was über die vierte und wohl auch über die fünfte Fakultät gesagt

wurde. Die _vierte_ nämlich ist keine andere als die Kulturfakultät

und hat nichts Anderes denn das _Leben des Geistes_ zum Vorwurfe.

Wesen, Entwicklung, Pflege, Bildung, Erforschung und Heilung der

Krankheiten des Geistes, die Einwirkung des Geistes auf die 4 andern

Offenbarungen des Lebens und der Einfluß dieser auf den Geist, die

Culturwissenschaft und ihr Verhältniß zu den übrigen Wissenschaften,

endlich die Lehre vom Berufe des Lehrers und von seinem Verhältnisse zu den

übrigen Ständen--dies sind die der Culturfakultät eigenthümlichen

Disciplinen.

Dann wird bemerkt: "Auch die Seminarien der Volksschullehrer sind ein

Bestandtheil der Kulturfakultät und inwiefern die Trennung dieser Anstalten

von der Fakultät vortheilhaft oder nachtheilig sei, können wir hier nicht

auseinandersetzen. Jedenfalls muß der Direktor eines solchen Seminars ein

wissenschaftlich gebildeter Mann sein, der die Gelehrtenschulen

zurücklegte, zumal es ja Ein und derselbe Geist ist, welcher von der

Kleinkinderschule an bis zur Hochschule inbegriffen entfaltet werden soll."

Daß die Einwohner der Stadt die Zöglinge des Seminars, welche nur für zwei

Jahre kamen und häufig gar magere Geldbeutelein mitbrachten, nicht als

Mitglieder der Kulturfakultät genugsam beräucherten, daß die Schüler der

Gelehrtenschule den Umgang mit uns hochmüthig vermieden und uns als

"Elephanten" bei jeder Gelegenheit höhnten und verfolgen, während wir doch

der Idee nach Hochschüler waren, solches schmerzte uns fast tiefer als die

Aussicht in eine jedenfalls entbehrungsreiche und vielgeplagte Zukunft und

gab Anlaß zu mancherlei Partheiungen, Zwistigkeiten und Händeln. Daß aber

gar geistliche Herren, deren "Handwerk" schon der Idee nach tief unter dem

unserigen stand, deren Fakultät laut allen Berichten ganz ideenwidrig

eingerichtet, deren Treiben laut den hinreißenden Erzählungen berühmter

Geschichten- und Romanenschreiber der Menschheit, dem armen Volke, von

jeher zum Fluche gereicht, daß diese "schwarzen Vögel" wie wir sie hießen,

uns, Träger der Kultur des Volkes und selbstbewußte Funken der Gottheit

dereinst zu Dienern herabwürdigen und ungestraft kuranzen sollten--dieser

Gedanke machte die Heißblütigen unter uns manchmal rasend und nur die

Hoffnung auf eine bessere Zukunft, der mannhafte Entschluß, für diese aus

allen Kräften zu arbeiten, gewährte uns einige Erleichterung und Trost. Die

Edeln des Menschengeschlechts träumten von jeher von bessern Tagen, unser

Direktor that dasselbe, wovon schon seine Idee von der fünften Fakultät der

Hochschule, der _staatswissenschaftlichen_ männiglich überzeugen muß.

Diese hat das _Leben des Volkes_ zum Gegenstande und beschäftigt sich

näher mit der Lehre vom Wesen des Volkes und seiner Entwicklung zum Staate,

mit der Bildung und Pflege des Volkslebens, ferner mit der Lehre von der

krankhaften Entwicklung desselben, so wie mit dem Verderbnisse der Staaten,

den Arten dieses Verderbnisses und mit der Heilung dieser Mißstände,

zuletzt auch mit der Lehre vom Berufe des Staatsmannes und dessen

Verhältniß zu den übrigen Ständen.--

Sehr naiv wird bemerkt: "Sind die Disciplinen nicht mit den gewöhnlichen

Namen benannt, so ist dies nicht Folge der Unkenntniß oder Mißachtung,

sondern des Strebens, die Idee zum Bewußtsein zu bringen, aus der die

Schulen überhaupt und insbesondere die Fakultäten der Gelehrtenschule

hervorgegangen sind.["]

Das Kulturministerium muß auf den Zinnen moderner Bildung stehen und

täglich Ströme von Geist, Licht und Geld in die untern Regionen entsenden.

Es soll "für das Leben des Geistes sein, was die Person für den einzelnen

Menschen oder der Staat für das Gesammtleben, soll das Leben der

Wissenschaft und Kunst von der Volksschule an bis zur Akademie beleben,

fördern und regeln. Insbesondere hat es für den Zusammenhang der Schule,

Bildung der Lehrer, für Lehrmittel und Aufsichtsbehörden Sorge zu tragen

und darf deßhalb nur solche Männer enthalten, welche außer

wissenschaftlicher Bildung Beweise von Regierungstüchtigkeit gegeben

haben."

Doch genug!

Suche Dir die Einleitung in die Religionslehre und andere Hefte zu

verschaffen, lies den gedruckten Aufsatz über "der Schule Wesen und

Gliederung" und dann habe die Güte, mir auf folgende Fragen zu antworten:

Habe ich Falschmünzerei mit den Aufsätzen und Schriften eines Mannes

getrieben, den ich als Mensch, Lehrer und Wohlthäter verehre? Sind die

Ansichten, Grundsätze und Ideen meines Seminardirektors positiv christliche

und katholische gewesen? Ist Dir der "Schulmeisterhochmuth" noch ein

Räthsel sammt der Abneigung gegen den geistlichen Stand und den meist so

ideenwidrigen Bestand des Bestehenden? War ich im Unrecht als ich meinen

Lehrern Mitschuld meiner Verirrungen und Verbrechen aufbürdete?--Ich glaube

deine Antwort zu hören!--

#III.#

Je mehr ich mich durch das Wohlwollen und die Theilnahme beglückt fühle,

welche meine Briefe an Herrn N. mir erwarben, desto mehr will ich eilen

Ihren Wunsch zu erfüllen und Ihnen die hauptsächlichsten Gründe des

Unglaubens und der Unzufriedenheit des Lehrerstandes meiner nahe liegenden

Zeit sowie meine Ansicht über _Gelehrtenschulen_ mittheilen.

Die Auszüge aus den ungedruckten und gedruckten Heften meines alten

Seminardirektors haben Ihnen überraschend gezeigt, wie Vieles geschah, um

die Lehrer des Volkes zu eigentlichen Trägern und Aposteln der

Hauptkrankheit unserer Zeit, nämlich des Mangels an lebendigem

Christusglauben und des Ueberflusses an Unkenntniß und Verkennung der

katholischen Kirche zu machen.

Der oft gehörten Behauptung, unser Lehrerstand sei im Ganzen noch weit

besser und erträglicher als die Erziehung erwarten ließe, stimme ich gerne

bei. Es gibt tüchtige, brave Männer unter unsern Lehrern mit einem Herzen

voll Liebe für die Menschheit und ihren Beruf. Edle Anlagen und günstige

äußere Verhältnisse Einzelner, ganz besonders die abkühlende Wirkung,

welche mehr oder minder das Berufsleben auf jeden ausübt, mögen jedoch das

Meiste dafür thun, wenn nicht die Mehrzahl unserer Lehrer aus ganz und gar

blinden Fanatikern des Unglaubens und offenen oder heimlichen

Revolutionären besteht.

Abgesehen von meiner einst so unseligen Person waren nicht die Schlechtern

oder Unfähigeren meiner Kameraden der Gefahr am meisten ausgesetzt,

Fanatiker des Unglaubens und arge Revolutionärs zu werden, sondern gerade

begabte, strebsame Köpfe und feurige thatkräftige Charaktere.

Diese sendeten Ideale, welche sie aus den Schulbänken getragen, keineswegs

leicht in die Himmel oder in das Druck- und Löschpapier zurück, von wannen

sie gekommen, sondern suchten dieselben mit mehr oder minder Beharrlichkeit

im Leben zu verwirklichen. Damit waren Gefahren verknüpft, von denen ich

Ihnen zwei nennen will, welche ich für die größten halte, vielleicht weil

ich denselben erlag. Zum Ersten mußte Ausbildung ein Loosungswort für Alle

sein, welche würdige Mitglieder der welterobernden _Culturfakultät_

werden wollten und die argen Lücken ihres Wissens fühlten. Das Bemühen,

diese Lücken durch Selbstbildung auszufüllen, bleibt aber stets gefährlich,

wenn die Erziehung uns zu wenig Vorkenntnisse, unserm Denken keinen Halt in

der christlichen Weltanschauung und damit kein festes Urtheil über die

Bücher gegeben, aus denen wir Weisheit zu schöpfen vermeinen.

Viele von uns kamen bereits unfähig, katholische Schriften zu lesen,

geschweige zu lieben und am weitesten verirrten sich nach den Seminarjahren

diejenigen, welche Schöngeister, Historiker oder gar Philosophen und

Vielwisser werden wollten.

Wir griffen fleißig nach Conversationslexika, Realencyclopädieen und

ähnlichen _Bibeln des Zeitgeistes_, verloren und vertieften uns immer

mehr in die moderne Bücherwelt, worin bekanntlich wenig Christliches und

noch weniger Katholisches, dagegen desto mehr Vernunftbetäubendes,

Heidnisches und Diabolisches zu finden ist.

Die Meisten lasen wohl weit mehr mit dem Herzen als mit dem Kopfe und je

mehr Einer las, desto mehr wuchsen Einbildung und Unfähigkeit, Christliches

für etwas Zeitgemäßes, Vernünftiges und Heilbringendes zu halten. Zum

Andern traten wir mit den Riesenansprüchen begeisterter Jünglinge in das

Leben hinaus und dieses kam den Meisten nicht nur mit Zwergleistungen,

sondern mit ungeahnten Schwierigkeiten und Leiden aller Art entgegen,

welche uns entmuthigten, gegen Gott, Welt, Volk und Schicksal erbitterten.

Ich könnte Ihnen Vieles von arg gequälten Schullehrern und vielerlei Arten

von Quälgeistern derselben, namentlich auch von partheiischen und

ungerechten Behörden, unchristlichen Geistlichen und der Dummheit des

Volkes erzählen, aber ich will kurz sein und mit der Bitte, nicht zu

vergessen, daß der Beste unter uns seine schlimmen Neigungen und

Gewohnheitssünden hat, nur auf Eines aufmerksam machen. Das Erdenloos eines

Schulmeisters heißt: Leiste und trage Vieles, nimm wenig Dank und noch

weniger Geld dafür ein!--In Staaten, wo _der bewaffnete Friede_

Tausende von Arbeitskräften und den größern Theil des Staatseinkommens

verschlingt, weil wir vom Christenthum ab und in das Heidenthum, aus dem

Reiche der Liebe in das der Gewalt hinein gerathen, da mußte wohl das

Kirchengut so weit als nur immer thunlich in den Dienst des Heidenthums

gezogen und dann das Schulmeisterthum so karg als nur immer thunlich für

die saure Mühe abgefunden werden, womit es im Interesse der Staatsallmacht

das Volk "aufklärt."

Ich möchte beinahe sagen, unsere Schulmänner seien für ihr Wirken, wie

dasselbe seit dem Beginne des Jahrhunderts sich gestaltet, noch weniger

Lohnes werth als sie bekommen--allein ich schweige, weil ich an gewisse

Klassen privilegirter Faullenzer und geschäftiger Müssiggänger denke und

bleibe dabei, die Bezahlung der Schullehrer sei in den meisten christlichen

Staaten heidnisch klein, so daß sie sich kaum mit den Bedürfnissen des

genügsamsten, geschweige mit den Ansprüchen des selbstbewußten Mitgliedes

der Kulturfakultät vertrage.

Freilich sind die Armen im Geiste glücklich; Christus lehrt Entbehrungen

und Leiden der Armuth geduldig, muthig und freudig ertragen; Er ist

zugleich der größte aller Finanzmänner und Nationalökonomen und in der

Befolgung seiner Lehre liegt das Geheimniß verborgen, nach welchem das

Jahrhundert immer ängstlicher seufzt und immer durstiger lechzt: die

_Kunst wohlfeil zu leben und wohlhabend zu sterben_. Leider hat die

Erziehung seit Jahrzehnten Vieles gethan, um beizuhelfen, daß das Volk arm

an Geld und Gut und arm _am_ Geiste, nicht aber, daß es arm _im_

Geiste werde. Wenn in den untersten Ständen der Bettelsack der

eindringlichste und gefährlichste Prophet des Kommunismus bleibt, so darf

man sich nicht wundern, wenn aus dem bellenden Magen oder der durstigen

Gurgel manches Schulmeisterleins ein unzufriedener Mensch und arger Demagog

herauswächst!

Der Bauch ist ja im Laufe einiger Jahrhunderte zu einem Weltregenten und

heutzutage zum unerbittlichen Gesetzgeber und dämonischen Tirannen der

"christlichen Staaten" geworden.

Ein Urtheil über _Gelehrtenschulen_ ist meines Erachtens schier

überflüssig, seitdem die Revolution mit ihren Blättern, Kammern und

Parlamenten das Babel aller religiösen, sittlichen, politischen und

sozialen Begriffe offenbarte, welches in den Köpfen und Herzen der

gelehrtesten und gefeiertesten Männer spukt, vom besitzenden Bürger,

verarmenden Handwerker, dem geistigen Proletarier, Sklaven der Fabrikanten

und Auswurf der Gesellschaft zu schweigen. "An den Früchten sollt ihr sie

erkennen!"--sagt die Schrift und die Revolution gab Gelegenheit, die

geistigen Errungenschaften sammt der sittlichen Tüchtigkeit von Tausenden

und aber Tausenden zu beweinen, welche in gelehrten Anstalten großgezogen

worden.

Bei Vertretern _aller_ politischen Partheien und _aller_ Stände

hat es sich gezeigt, daß Wissen ohne Glauben leeres Scheinwissen, alles

Gerede von Charakter ohne positive Religion eine Lüge des Hochmuthes sei.

Wissen ohne Glauben und Sittlichkeit ohne Christenthum waren aber seit

langer Zeit die Idole, welchen unsere Erziehungskünstler nachjagten!--

Doch ich will nicht in den Schulmeisterton verfallen, sondern Ihnen nur

sagen, daß ich mehrere Jahre, bis mein Vater starb und äußere Verhältnisse

mich in das Lehrerseminar trieben, an Gelehrtenschulen lebte.

Dieselben waren geeignet, gelehrte Handwerker, genußwüthige

Nützlichkeitsmenschen oder Leute meiner Art heranzudressiren, nimmermehr

jedoch ächte Leuchten und rechte Führer des Volkes zu erziehen. Keine

ächten Leuchten, weil die wissenschaftliche und keine rechten Führer, weil

die religiöse Erziehung mangelte.

Zunächst ein kurzes Wort vom gelehrten Handwerkerthum, alsdann ein längeres

vom getauften Heidenthum der Pädagogien, Gymnasien und Lyzeen meiner

naheliegenden Zeit.

Es haben Viele laut und längst sich verwundert, weßhalb aus unsern Schulen

selten ein tüchtiger Mann hervorgeht, während es in einem Nachbarstaate von

Dichtern, Philosophen, Historikern, Staatsmännern, Theologen und Andern

wimmelte, welche hochberühmte Namen erwarben und doch lediglich die

gelehrten Anstalten ihrer Heimath besuchten. Man hat den Grund darin

gefunden, daß die ganze Erziehung bei uns darauf hinausläuft, Einen im

Laufe von 12 bis 15 und mehr Jahren soweit zu bringen, daß er im Siebe des

Staatsexamens hängen bleibt und gleichzeitig mit so unnöthigen und

vielerlei Forderungen zu überladen, daß er alle Kraft nothwendig

zersplittert und fast ebenso nothwendig im Examen durchfällt, wenn ihm

nicht das Glück besonders lächelt.

Wer das Programm einer Gelehrtenschule zur Hand nimmt, staunt ob der Fülle

von Kenntnissen, womit die Zöglinge vollgestopft und zur Hochschule

entlassen werden und wer öffentlichen Prüfungen beiwohnt, ohne die

Prüfungsdressur zu kennen, muß Länder selig preisen vor allen Ländern, für

welche Diener des Staates und der Kirche von so umfassender Gelehrsamkeit

und edler Begeisterung für alles Große und Schöne herangezogen werden, wie

dies in manchen Gegenden der Fall zu sein scheint. In Wirklichkeit verhielt

sich die Sache zu meiner Zeit ganz anders. Man hätte ruhig seinen Kopf

darauf verwetten dürfen, daß von 100 angehenden Hochschülern keine 10 im

Stande seien, nach 8-9jährigem Studiren ohne Beihülfe aller Art einen

leichten lateinischen oder griechischen Schriftsteller ordentlich zu

übersetzen, geschweige zu verstehen oder gar aus dem Zusammenhange mit

seiner Zeit und seinem Volke zu erklären.

Sicher waren von 100 keine 5 aufzutreiben gewesen, welche Geschmack und

Freude an ihren Quälgeistern, den Alten, gefunden und doch galten alte

Sprachen von der ersten bis zur letzten Klasse als Hauptgegenstände des

Unterrichts, auf welche am meisten Zeit und Mühe verwendet wurden.

Von mathematischen, geographischen, geschichtlichen oder

naturwissenschaftlichen Kenntnissen war bei Einzelnen Manches hängen

geblieben, doch die Mehrzahl hatte Grund genug, den Sokrates als Heiligen

zu ehren, weil dieser die Weisheit in das _Nichtswissen_, somit in die

starke Seite unserer geplagten Gelehrtenschüler, setzte.

Von philosophischer Vorbildung will ich schweigen. Ich meine nur, daß davon

bei Leuten keine Rede sein konnte, welche von der Weltanschauung des

Alterthums keine genügende Kenntniß und von der des Christenthums im besten

Falle nicht mehr als eine ganz dunkle Ahnung besaßen.

Von der Unwissenheit vieler "Gebildeten" über Alles, was sich über und

unter dem Monde befindet und nicht genau mit ihrem Handwerke zusammenhängt,

sind Sie überzeugt oder haben doch Gelegenheit, sich jeden Abend das Licht

hierüber in Museen, Kaffeehäusern, Weinschenken, Bierkneipen und andern

Orten zu verschaffen.--

Die weitgehende Unwissenheit hängt enge mit dem hochmüthigen Heidenthum der

Schulen meiner Zeit zusammen.

Wissen Sie, auf welche Weise ich zum erstenmal zum Tische des Herrn kam?

Nicht an Ostern, sondern im hohen Sommer, nicht im feierlichen

Gottesdienste, sondern in einer stillen, wenig besuchten Frühmesse und

beinahe ohne allen Vorunterricht, so daß wir kaum eine Ahnung von der

Bedeutung der uns abentheuerlich dünkenden Feier besaßen. Wir beichteten,

aber unser liebster Beichtvater war ein Professor, der allgemeine Beichten

nicht nur annahm sondern forderte. Drängten sich zu Viele um den

Beichtstuhl dieses Kirchenlichtes, so pflegte ich einen Zettel zu

entlehnen, worauf ein Anderer passende Sünden aufgezeichnet, las denselben

ab und übergab ihn nach der Lossprechung meinem Nachbar.--Einer der besten

unserer Religionslehrer schlief jahraus jahrein und überließ es uns,

Lectionen aus dem Katechismus gemächlich herauszulesen. Wieviele von uns

nicht einmal das Vaterunser, geschweige das katholische Glaubensbekenntniß

oder gar die Gebote der Kirche ordentlich herzusagen wußten, dafür ließen

sich Namen nennen, worunter der meinige nicht fehlte [Fußnote: Der meinige

leider auch nicht. D.V.]

Wer wollte sich wundern, daß gerade der Religionsunterricht als der

langweiligste und widerlichste Lehrgegenstand, das Kirchengehen besonders

zur Winterszeit als das leidigste und unnützeste Geschäft erschien?

Die Klage, daß von Oben herab die Pflege des positiven Christenthums im

mildesten Sinne nicht gefördert wurde, soll weniger durch die Unfähigkeit

aller meiner Religionslehrer als durch den Umstand unterstützt werden, daß

es an hochbelobten Lehrern wie an Schulbüchern nicht mangelte, welche uns

die eigene Kirche verächtlich und lächerlich machten und unser Gemüth mit

aufrichtigem Hasse gegen alles "Pfaffenthum" erfüllten.

Von Gewissen will ich aus gewissen Gründen schweigen, aber durchgehen Sie

die gedruckten Programme unserer gelehrten Anstalten, um sich zu

überzeugen, aus wievielen _Schulbüchern_ wir alle Irrthümer und den

Kirchenhaß des Protestantismus in uns aufnahmen. Daß nebenbei Bibliotheken

der Anstalten und Professoren uns reichlich mit Hilfsmitteln der Aufklärung

versorgten, versteht sich von selbst und daß Viele von uns Alles, nur

nichts Gutes aus dem Kram der Leihbibliotheken schöpften, ist eben so

begreiflich als verzeihlich.

Geistliche und weltliche Lehrer hatten genug zu schaffen gehabt, uns gegen

den Einfluß einer durchaus unkatholischen Literatur und gegen die Gefahren

der Jugend durch das Einpflanzen christlicher Gesinnungen zu schützen. Doch

geschah von Allem das Gegentheil. Obwohl von Gott, Christus und Kirche

manchmal die Rede war, so lernte man doch nur das zeit- und staatsmäßig

zugeschnittene Christenthum meiner Mutter kennen und wurde mit einem nicht

minder zeit- und staatsmäßigen Hasse und Mißtrauen gegen das positive und

kirchliche Christenthum erfüllt.

Nicht Christenthum, sondern "_Humanität_" hieß bei uns die Loosung,

reden wir also auch von ihr!--

Die Zeit, in welcher dem Jüngling sein natürlicher Zusammenhang mit dem

Geschlechte offenbar wird, fällt mit derjenigen zusammen, in welcher er

seinen geistigen und sittlichen Zusammenhang mit demselben mindestens ahnt,

wenn auch seine Schulmeister sich als noch so elende Hebammen seines Wesens

bewähren.

Der Mensch wird zum Herkules am Scheidewege. Ideale von Freundschaft,

Vaterlandsliebe, Seelengröße und Tugend gehen ihm auf, und enger, inniger

als bisher schließt er sich an Seinesgleichen an, um höhere Lebenszwecke

als die bisherigen zu verfolgen. Jetzt bedarf er vor Allem der Führung der

Religion oder doch der Leitung erfahrener Männer, die er achtet und liebt,

denn diese Zeit ist nicht nur die schönste, sondern auch die gefährlichste

des Lebens. Wie waren wir daran?

Die alltäglichen Redensarten eines gefeierten Humanisten klingen mir noch

in den Ohren und ich gebe einige als Proben, mit welchem Takte dieser Mann

16 bis 20-jährige Vaterlandshoffnungen behandelte.

"Er steht da, als ob er die chinesische Mauer vor der Nase hätte, er

verzwickter Schafskopf, %non plus ultra% der Rindviehdummheit, elender

Böotier!--Er kann sich als Preisträger des landwirthschaftlichen Vereines

melden--Fahr Er Mist, dazu ist Er dumm genug, so rindviehmäßig dumm, daß Er

nicht einmal zum Schustersjungen taugt--Er Urkalb, Generalassekuranzesel,

halte Er sein Maul zum H--!--Geborenes und erzogenes Rindvieh, Er steht

unter dem Niveau eines Hundes!--Ein gescheidter Pudel ist intelligenter als

ihr Bestien!--Erlöst mich bald in Gottes oder des Teufels Namen!--Hat er

Pech am H--? Was will Er denn werden? Theologe! Daß sich Gott erbarme!--Da

möchte ich doch lieber in der tollsten Kneipe unter Proletariern sitzen und

ihren physischen Dunst einathmen, als euern geistigen Gestank riechen--Setz

dich, dein Name ist Rindvieh, man könnte dich zum Präsidenten einer

Eselsrepublik machen--Werd' Er Schuster, Barbier oder Leinweber, Er

hyperbestialisches Rindvieh--Der Ochse wird nur einmal vors Hirn gehauen,

er hats demnach besser als Ihr, denen man täglich vor den Kopf schlägt,

ohne daß Ihr Etwas spürt--Ist noch keine Artillerie- oder Bierbrauerstelle

für Ihn frei geworden? Er ist verballhornter als ein Esel in der zweiten

Potenz--Setz' Er sich auf seine Klauen, Mondkalb! Nicht einmal ein Hund

hebt sein Bein auf vor so verthierten Geschöpfen wie Ihr seid!--"

Ich will Sie mit noch derbern und ekelhaftern Redensarten dieses

gepriesenen Directors verschonen. Wir haben Sammlungen davon veranstaltet

und viele Freude daran gehabt, wenn er uns Gelegenheit gab, dieselbe durch

neue zu bereichern.

Die Schulgesetze zu verhöhnen und zu übertreten, galt als Heldenthat.

Vieles ließe sich hier über frappante Aehnlichkeiten zwischen Zuchthäusern

und Schulhäusern anknüpfen.

Von pedantischen Schulgesetzen und heimlichen Gesellschaften, von

erfolglosen Ermahnungsphilippiken und schlechten Streichen, von

öffentlichen Beräucherungen und heimlichen oder auch offen getriebenen

Lastern ließe sich Langes und Breites erzählen und hieraus mancher Beleg

für die alte und doch niemals genug beherzigte Wahrheit schmieden: _daß

Sünden, Laster und Verbrechen von kleinen Anfängen ausgehen und gleich

schleichenden Krankheiten erst recht offenbar und auffallend werden, wenn

sie schwer oder gar nicht mehr heilbar sind._

Blicke ich zurück auf meine Jugendgefährten, was ist aus so Vielen

derselben geworden? Ach, mehr als Einer ist gleich mir gemeiner, geschweige

"politischer" Verbrecher, gar Mancher hat sich durch Ausschweifungen in ein

frühes Grab gestürzt, Viele beweinen ein verfehltes Leben und die Meisten

haben es nicht ihrer Erziehung, sondern glücklichen Naturanlagen und einem

freundlichen Geschicke zu verdanken, daß ihre Geschichte keine

Zuchthausgeschichte geworden--denn Religion haben die Meisten noch heute

keine!--Man sage dagegen was man will: alle Wissenschaft und Bildung gibt

keine Sittlichkeit, verfeinert höchstens die selbstsüchtigen Triebe des

Menschen oder lehrt ihn die innere Roheit und Gemeinheit mit einem

äußerlich glänzenden Firniß übertünchen, durch den der wahre wüste Mensch

doch täglich hervorbricht. Sittlich sein heißt in Gott leben und in Gott

vermag nur der zu leben, welchem in Christo die Kraft geworden, den

geistigen Menschen über den natürlichen zur Herrschaft zu bringen.

Was soll man nun von einem Schulwesen halten, welches katholische Kinder

von der Volksschule an bis hinauf zur Hochschule mit Geringschätzung gegen

positive Religion und noch mehr mit Haß und Mißtrauen gegen die eigene

Kirche erfüllt?--

Freilich, wo Katholiken, Protestanten und Juden in Einer Schulbank sitzen,

darf außer der Religionsstunde von positiver Religion keine Rede sein und

wenn die Religionslehrer meiner Zeit wahre Apostel gewesen wären, so würde

der _Geschichtsunterricht_ nicht ermangelt haben, uns für die

Reformation und deren Helden ebenso blind zu begeistern als gegen die

katholische Kirche einzunehmen und in unheilbarer Unwissenheit über

Geschichte, Einrichtungen und Gebräuche derselben zu erhalten.--

Ein Beweis für die Geringschätzung und Verachtung gegen unsere Kirche liegt

vielleicht darin, daß ich mich auch nicht Eines Beispiels entsinne, wo

Einer von uns auf den Gedanken gerathen wäre, irgend einen Heiligen zu

seinem Vorbilde zu wählen und diesen Entschluß auszusprechen.

Und sind die Heiligen als Helden des sittlichen Willens kleiner denn jene

Helden, welchen eine befangene Geschichtschreibung Weihrauch streut, weil

es großartige Räuberhauptleute, siegreiche Menschenschlächter, glückliche

Erfinder oder ohne ihr Zuthun mit hohen Geistesgaben ausgerüstete Männer

gewesen?--Wenn einmal jene Zeit da sein wird, wo Christus als lebendiger

Mittelpunkt der Geschichte der Christenheit und Menschheit erfaßt wird,

dann wird auch der geringste Heilige mehr gelten denn ein lasterhafter

Alexander, selbstsüchtiger Napoleon, liederlicher Maler, Geiger oder

Komödiant.--

Ein weiterer Beweis, wie weit die Protestantisirung der Katholiken in

paritätischen Ländern gediehen, liegt in der Thatsache, daß zu meiner Zeit

nicht sowohl die Kenntnißvollsten oder Besten, sondern weit eher

mittelmäßige Köpfe, Feiglinge, welche nicht den Muth besaßen, Entbehrungen

und Leiden der Armuth zu ertragen, niedrig denkende Bursche, welche von

vornherein an die Nichterfüllung gewisser beschworener Pflichten ihres

künftigen Standes dachten, sich dem Dienste der Weltkirche Jesu Christi

widmeten.

Begreiflich!--erinnere ich mich doch mehr als eines aufgeklärten

Professors, der sehr verächtlich in Gegenwart der Schüler vom Stande

katholischer Geistlichen redete und offen aussprach, der Dümmste sei

immerhin noch gescheidt genug, um für die Kirche gesalbt zu werden!--

Soll ich länger noch bei dem heimtückischen, verkappten Kriege mich

aufhalten, der mit schlauer Berechnung gegen Katholizismus und Kirche

geführt wurde, während man von Oben herab und Unten herauf von Erhaltung

religiösen Friedens, Gleichberechtigung der Confessionen und andern schönen

Sächelchen laut genug log und durch Lügen das Gewissen der Hirten der

Kirche in süßen Halbschlummer und verderbenbringende Betäubung lullte?--

So lange katholische Lehrer inwendige Protestanten sind, die Schulen nicht

zu Confessionsschulen und alle mit der christkatholischen Weltanschauung in

näherer Berührung stehenden Unterrichtszweige nicht aus katholischen

Büchern erlernt werden, so lange wird auch ein neuer und besserer Geist das

Volk nicht erneuern und beleben, sondern das schleichende Gift des

Heidenthums wird weiter fressen und zuletzt den Organismus der alten,

kranken Gesellschaft zerstören!--

Einige Jahre verlor ich an Gelehrtenschulen, an denen keine gründliche

Bildung zu holen und das bischen Christenthum, welches manche Kameraden aus

der Heimath mitgebracht, bald verloren war. Der schnell erfolgte Tod meines

Vaters fiel als Hagelschlag in meine reichlich blühenden Hoffnungen auf

eine ehrenvolle, glänzende Zukunft. Es stellte sich heraus, das Vermögen

sei bei weitem nicht so groß als man sich allgemein vorgestellt und eine

ziemlich sorglose Haushaltung hatte Vieles beigetragen, dasselbe zu

zerrütten. Außer dem ältern Bruder Anton und mir waren noch mehrere

Schwestern vorhanden. Anton war älter als ich, noch immer derselbe ruhige,

stille Mensch, welcher er von jeher gewesen und noch immer entschlossen,

ein Geistlicher zu werden. Er wollte dies nicht, weil er etwa mehr Glauben

oder Kenntnisse in religiösen und kirchlichen Dingen besaß als ich, sondern

weil ihm die Aussicht auf das friedliche Leben eines Landpfarrers behagte.

Es war der Seelenwunsch der Mutter, daß er seinem Plane getreu bleibe, doch

stellte der Tod des Vaters der Ausführung desselben Hindernisse entgegen.

Die Unterstützung irgend einer Art anzunehmen, das armselige Leben eines

Bettelstudentleins zu führen, dies waren Gedanken, welche die etwas stolze

Mutter so wenig als Anton zu ertragen vermochten. Der Stand des Vermögens

war jedoch so, daß Einer von uns Brüdern dem Studiren entsagen mußte, wenn

soviel übrig bleiben sollte, um den vier Schwestern eine angemessene

Erziehung und einige Aussicht auf zeitliche Versorgung zu geben. Anton war

um zwei Jahre vor mir, ich liebte die Mutter und wußte bereits, daß Geld

die Welt regiere, folglich meine Schwestern ohne einiges Geld schwerlich

jemals zur Regierung eines Hauswesens gelangten. Nicht ohne Kampf, doch

voll Freude über den Sieg verzichtete ich auf das Leben eines Studirten.

Meine Neigung Soldat zu werden, ward von der Mutter aus allen Kräften

bekämpft. Ich begann Musik zu treiben und trat kaum ein Jahr nach dem Tode

des Vaters ins Lehrerseminar.

Sie begreifen, daß ich ohne religiösen Glauben, folglich auch ohne

sittlichen Halt in dasselbe trat und beim Eifer meines Studirens sowie bei

der Lebhaftigkeit meines Temperaments als vollendeter Feind des

Pfaffenthums und voll Begeisterung für ein aufgeklärtes, freies,

glückliches Volk aus demselben herauskam, während mich gewisse Vorfälle und

Erfahrungen, die ich seit dem Tode des Vaters gemacht, gegen "honette und

gebildete" Leute stark eingenommen hatten.

Ich war einige Jahre Schulmeister und habe während dieser Zeit Vieles

durchgemacht, zumal die häuslichen Verhältnisse der Meinigen sich

verschlimmerten. Mein Ehrgeiz drohte unter der Wucht drückender

Lebensverhältnisse zu erliegen und leider mit ihm löblichere Eigenschaften.

--Jetzt begreife ich, weßhalb die Behörden mich zurücksetzten und meine

Vorgesetzten mir keine Ruhe ließen, doch damals sah ich nur

Ungerechtigkeit, Partheilichkeit, Pfaffenhaß, Weiberintriguen und machte

mich selbst zum Unseligsten aller Menschen.--Nicht die Religion, sondern

die Liebe für eine Sonntagsschülerin war es, welche meinem schwankenden,

ruhelosen, unseligen Wesen wiederum Halt, Friede, jenen Schimmer der

Seligkeit gewährt, welcher Jedem die Erinnerung an die erste Liebe

unvergeßlich macht.

Ich erfuhr nicht, daß Liebe der Lange Irrthum Eines Betrogenen Esels sei,

wie Saphir herb genug witzelt, aber ich war ein Schwärmer, ein Romanenheld,

die Geliebte dagegen ein verständiges, treuherziges, einfaches Landmädchen.

... Es verstand mich nicht, Eltern und Verwandte erklärten sich gegen mich

--Doch, ich will Sie mit meiner Liebesgeschichte nicht langweilen.

Sie modert längst im Grabe und in demselben Grabe mein besserer Mensch. Ich

verlor sie keineswegs durch den Tod, denn sie starb erst, während ich in

Frankreich lebte. Sie ließ sich halb und halb zu einer Heirath zwingen und

war zu edel, um ein Verhältniß fortzusetzen, welches ihren Pflichten hätte

gefährlich werden müssen. Ihr Verlust war für mich der Anfang einer

Sittenverwilderung, deren Schilderung Sie mir gewiß gerne erlassen. Ich

sank von Stufe zu Stufe und stürzte mich in Schulden, aus denen mich die

Meinigen weder herauszureißen vermochten, noch den Willen dazu hatten. Die

Meinigen verfluchten, die Behörden bedrohten, die Gläubiger verfolgten,

alle Bessern verachteten mich und ich, ich glaubte--ein noch immer

vortrefflicher Mensch und verdienter Lehrer zu sein und ein Recht zu

besitzen, der ganzen Welt zu trotzen.

Nur mit Schauder denke ich an jenen Sonntag zurück, an welchem ich im

Hochamte während der Wandlung auf der Orgel das Bänkelsängerlied:

_Schnapps, Schnapps, Schnapps, du edeles Getränke_

anstimmte. Ich mußte fast augenblicklich fliehen und floh ohne Geld, ohne

Schriften, ohne Gepäck, ohne Ziel und Plan und ließ hinter mir die Heimath,

die Ehre, den Frieden meiner Seele.

Ich floh nach Frankreich und zwar nicht als fortgejagter Schulmeister,

sondern auch als Deserteur, da ich ein Jahr Kasernenleben mitgemacht und

auf meinen Abschied noch lange zu warten hatte. In Straßburg ließ ich mich

anwerben. Wenn ich meine Erlebnisse in Algier, Spanien, in Frankreich,

besonders in Paris und Lyon erzählen und mich näher mit dem politischen und

sozialistischen Theile meiner Geschichte befassen wollte, so würde dieser

ohnehin wohl zu lang gerathene Brief vor einem bis zwei Jahren schwerlich

ein Ende finden.

#IV.#

----Du, theuerster Anton, hast Deinem Bruder das Reisegeld gegeben und in

zwei Wochen segle ich Amerika zu, um dort nach Kräften gut zu machen, was

ich an der alten Welt, an dem Vaterlande, an meiner Familie und mir selbst

gesündiget. Hätte ich nicht das Kleid eines gemeinen Verbrechers getragen,

so würde ich in ein Kloster gehen, nicht sowohl um meine Schande zu

verbergen, sondern um die Gnaden zu offenbaren, welche Gott auch dem

Unwürdigsten noch zukommen läßt, wenn derselbe sich an Ihn wendet.

Es scheint mir nützlich und nothwendig zu sein, daß in den Tagen wachsender

Armuth, unersättlicher Genußsucht und maßlosen Hochmuthes Menschen durch

Thaten den Mitmenschen beweisen, wie wenig Einer braucht, um zu leben, wie

wenig sinnliche Genüsse zum Glücke gehören und wie wenig Demuth und

Selbstverläugnung uns erniedrigen. Klöster sind eine Forderung der Zeit.

Ach, ich möchte die Zahl Derer so gerne um Einen vermehren, welche laut und

offen verkündigen, daß der moderne Staat wiederum ein christlicher werden

müsse und daß Kaiser, Könige, Fürsten und Grafen bis herab zum Bettler

hinter dem Zaune Eine Pflicht und Eine Bestimmung haben, weil Christus für

Alle gestorben, Tod und Gericht Allen gemeinsam sind.

Leider sind jene Tage vorüber, wo auch große Verbrecher in stillen

Klostermauern Aufnahme fanden, um Buße zu thun und durch Wort und Beispiel

die Vergangenheit zu sühnen.

In zwei Welttheilen lebte ich als Seelenverderber, im dritten will ich als

Seelenretter ausharren bis zum Ende und als ein in Christo Freigewordener,

noch weit weniger als früher ein Gewicht auf die Warnung legen, welche

Faust dem Wagner gibt:

Wer darf das Kind beim wahren Namen nennen?

Die wenigen, die was davon erkannt,

Die thöricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,

Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,

hat man von je gekreuzigt und verbrannt!

Ich suche in Amerika kein Eldorado und weiß, welche Entbehrungen und

Schwierigkeiten meiner harren, nachdem ich mich entschlossen, die Wilden

der Urwälder aufzusuchen, unter denselben als Vorarbeiter und Gehülfe der

Missionäre zu wirken und an ihnen gut zu machen, was ich an Andern

gesündiget.

Doch ich will Deinen Wunsch erfüllen, theuerster Bruder und Dir Näheres von

meinem Zuchthausleben erzählen, namentlich insofern dasselbe zu meiner

sittlich-religiösen Wiedergeburt beitrug.

Es war im Spätjahr 1847. Ich wußte genauer als mancher Andere, daß

Frankreich am Vorabend einer Revolution stehe. Daß dieselbe jedoch schon im

Februar 1848 losbrechen und nicht nur die Julimonarchie stürzen, sondern

die Monarchie überhaupt zertrümmern und Sozialisten zu Führern Frankreichs

machen würde, das ahnte ich nicht, weil es meine kühnsten Hoffnungen

überflügelte.

Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, so würde ich die geheime Mission nach

Deutschland nicht übernommen, eine verhängnißvolle Brieftasche mit

Banknoten nicht--gefunden und das Inwendige des Zuchthauses wohl nimmermehr

gesehen haben.

Ich lag im Gefängniß, als die Februartage kamen. Sie machten mich rasend;

ich konnte Tag und Nacht keine Ruhe finden und wundere mich nur, daß ich

nicht geisteskrank wurde. An Fluchtversuche dachte ich nicht, weil ich

stündlich Befreiung auf andere Weise hoffte und erwartete und als diese

ausblieb, hatte ich es durch meine Reden und mein Benehmen dahin gebracht,

daß man ein scharfes Auge auf mich bekam und mich in ein besser verwahrtes

Gemach brachte, wo ich einsame Stunden fieberhafter Spannung verlebte.

Es war zu erwarten, daß Berlin ein bischen Prosit rufe, wenn Paris nieße,

aber daß Berlin Prosit schreie und die gute alte Stadt Wien zum "Paris in

Knabenschuhen" würde, hattte [hatte] ich auch nicht geahnt und als es

dennoch so kam, verwünschte ich bereits im Sträflingskittel das

Mißgeschick, welches langjährige Hoffnungen verhöhnte, indem es mich, den

Sohn der Freiheit und Soldaten der Revolution zu einem Staatssklaven und

Opfer tödlich verachteter und gehaßter Gesetze machte. Das Ärgste war, daß

ich keineswegs umstrahlt von der Glorie eines politischen Märtyrers,

sondern in der Eigenschaft eines gemeinen Spitzbuben in die Strafanstalt

trat und hier zum Ueberfluß noch Leute fand, welche mich früher und leider

nicht auf vorteilhafte Weise kennen gelernt.

Beamte und Aufseher behandelten mich gleich jedem Andern; ich fühlte, daß

gleiche Behandlung Aller große Ungleichheiten zur Folge habe, sogar das

Beisammensein mit Dieben empörte meinen Stolz und ich that Alles, um mich

bei den Bessern der Sträflingsbevölkerung in Ansehen zu setzen. Doch ein

alter, einäugiger durchtriebener Gauner, mit welchem ich früher einmal im

Amtsgefängnisse zu N. gesessen, redete zu meinen Gunsten in einer Weise,

welche mir die Achtung der Bessern verscherzen mußte und eine Mißgestalt

von Bauernknecht, welchen ich in demselben Amtsgefängniß gewissenlos um

seine Ersparnisse gebracht und der nunmehr wieder unter Einem Dache mit mir

lebte, erzählte Alles, was er Schlimmes von mir wußte.

Draußen Revolution, der Kanonendonner und Freudenjubel der großen Zukunft,

in der Strafanstalt elende Handarbeit, schmale Kost und schlechter Trunk,

dabei noch Verachtung von Seite vieler Mitgefangenen, welche mich gerade

deßhalb um so herber drückte, weil sie von Sträflingen kam--wie zermalmte

mich solche Verschärfung meiner Strafe!

Der Gedanke, daß ich von meinen Freunden außerhalb der Gefängnißmauern

verlassen und vergessen sei, beunruhigte mich so sehr als die Ungewißheit

über die Lage der Dinge und ich glaube ich hätte damals einen Finger für

eine Nummer der Augsburger Allgemeinen Zeitung gegeben.

Die verworrenen und sich widersprechenden Gerüchte, welche durch

Plaudereien der Zuchtmeister, Schildwachen, Besuche und neu eintretenden

Sträflinge verbreitet wurden, dienten im Ganzen nur dazu, meine Neugierde

zu erhöhen, die Qual der Ungewißheit bis zur Verzweiflung zu steigern und

meine Ansichten über die Ereignisse vollständig zu verwirren.

Du erfassest das Elend solcher Qualen, im Vergleich zu welchen die Qual der

Gefangenschaft an sich geringfügig erscheint, nicht. Wer einen Gott hat und

einen Himmel kennt, der trägt unzerstörbaren Frieden in sich und betrachtet

das wechselnde irdische Leben ruhig.

Der Mai hatte einige Soldaten zu uns gebracht, die für eine zahme Republik

gekämpft haben sollten und doch nicht wußten, was eine Republik sei. Es

waren gutmüthige, brave Bursche und ich suchte mich denselben zu nähern,

allein sie blieben gegen mich wie gegen die "Spitzbuben" zurückhaltend und

spröde.

Sie sahen ein, daß es für Soldaten eine unverzeihliche Dummheit sei, zur

Zeit einer Emeute eine Ausnahme vom Verhalten der Mehrzahl der Kameraden zu

machen und nicht ihre harte Strafe, sondern ihr Zusammengeworfenwerden mit

gemeinen Verbrechern war's, was sie nicht zu verschmerzen vermochten und

ihren Rachedurst entflammte. Ich gewann sie leicht für meine Ansichten,

nachdem sie einmal an ihre neue Gesellschaft besser gewöhnt waren und

einiges Vertrauen zu mir gefaßt hatten. Unvergeßlich bleibt mir die

Demüthigung, welche mir einer derselben bereitete. Ich erzählte nämlich von

Robespierre und lobte vor Allem die Uneigennützigkeit dieses Helden der

Revolution, den ich als eines meiner Vorbilder erklärte. Da meinte Jener

trocken, wenn Uneigennützigkeit für einen rechten Volksführer unentbehrlich

sei, so werde ich niemals einen solchen abgeben!--Aus dieser Rede wie aus

den Blicken und dem Gelächter der Umsitzenden erkannte ich, daß alle genau

wußten, weßhalb ich verurtheilt worden. Glaubst du, daß ich Nächte hindurch

mich ruhelos auf meinem Strohsacke herumwälzte voll Aufregung über solche

Gewißheit?--

Mit der Zeit bekam ich Gewißheit, daß man in der Welt auch ohne mich fertig

werde und mich "den Spitzbuben" völlig vergessen habe--eine schmerzliche

Gewißheit für einen mit der Großmannssucht behafteten Menschen meiner Art!

Der Juniaufstand wurde durch einen Zufall bereits am folgenden Morgen nach

dem Ausbruche unter uns Gefangenen bekannt.

Wiederum war für längere Zeit meine Gemüthsverfassung die einer

Tigermutter, welche von Todfeinden ihre Jungen quälen und zerfleischen

sieht, ohne mehr zu vermögen als den grimmigen Zorn und Schmerz durch

Gebrülle zu mildern. Kaum fing ich an, mich an meine Lage zu gewöhnen und

in ihren Zerstreuungen einen Schein von Ruhe zu gewinnen, als ich in eine

Zelle versetzt wurde. Es war im Spätherbst 1848.

Nach einigen Tagen stiller Ergebung berauschte mich allgemach die

Einsamkeit. Zuweilen verlebte ich ruhige, sogar heitere Stunden, doch in

andern, besonders in der Todesstille der Nacht und bei schlechtem Wetter

empfand ich alle die unbeschreiblichen Qualen meiner Lage.

Ich möchte dieselben mit denen des angeschmiedeten Prometheus vergleichen,

doch hinkt solcher Vergleich vielfach, namentlich hatte ich dem Himmel mein

Feuer nicht gestohlen, sondern von der Hölle entlehnt.

Arbeiten und Bücher gewährten mir einige Unterhaltung und Trost. Ich

arbeitete, um mich selbst zu vergessen und einige Stunden des Schlafes,

dieses köstlichsten aller Güter eines Gefangenen, zu genießen. Meine Liebe

zum Lesen wäre leicht in Lesesucht ausgeartet, wenn ich mich der

Hausordnung hätte entziehen können. Doch welcher Sterbliche vermag sich in

einem Zellenbau der strengsten Beobachtung bei Tag und Nacht zu entziehen?

Geistliche, Beamte und Aufseher besuchten mich nach ihrer Vorschrift, doch

gewährten mir ihre Besuche wenig Unterhaltung und ihnen kein Vergnügen.

Mein Bestreben war darauf gerichtet, dieselben auf eine Weise zu kränken

und zu beleidigen, für welche sie mich nicht zu bestrafen vermochten.

Uebrigens ist ihre Strafgewalt so beschränkt, daß man wenig mehr nach

Strafen fragt, wenn man die üblichen einmal gekostet und nachdem mir eine

Uebertretung der Hausordnung einigemal kleine Strafen zugezogen, ertrug ich

Strafen gerne, wenn ich mir nur einbilden durfte, die Beamten recht

geärgert zu haben. Nur Einer kam mit mir aus. Es war ein Hauslehrer, der

von Zeit zu Zeit mit Heckerhut, Hahnenfeder und Schleppsäbel in meine Zelle

trat, um sich nach dem Befinden des "Bürger Gefangenen" zu erkundigen.

Nachdem er wußte, wie lange und wo ich in Frankreich und andern Ländern

gelebt und welcher Parthei ich lange Zeit angehörte, führten wir viele

wunderliche Gespräche mit einander. Bei ihm konnte ich meinem Grimme gegen

Gott, Welt und Menschen freien Lauf lassen, denn auch er gehörte zu Jenen,

welche von ergriffenen Prinzipien zu den äußersten Folgerungen derselben

muthig fortschreiten.

Von ihm erfuhr ich, was draußen in der Welt gespielt wurde und meine

Hoffnung auf Befreiung ward so lebhaft, daß ich mich am Morgen jedes Tages

fragte: Wirst du die Hausschelle heute Abend noch hören?--Noch vor Mai 1849

verlor ich den Edlen, im Mai erfuhr ich die Befreiung der politischen

Gefangenen und erwartete die meinige--vergeblich. Jetzt brütete ich

wiederum düstere Plane unersättlicher Rache, schwelgte in entmenschten

Träumen blutigen Hasses und fand darin die einzige Unterhaltung, weil ich

in der Kirche nicht zum Hören zwischen den kahlen Zellenwänden nicht zum

Lesen und Nachts nicht zum Schlafen gelangte.

Ich hatte Schreibzeug, noch einiges Papier und begann zu dichten. Eine

Sammlung. _"Rothe Lieder"_ sollte mir meine Lage erträglicher und nach

meiner Befreiung meinen Namen der Welt bekannt machen.

Während der Arbeit schmiedete ich Verse und schrieb einen nach dem andern

geschwind auf eine neben mir liegende Schiefertafel. Kam Jemand, so löschte

ich das Geschriebene schleunig aus, andernfalls schrieb ich es am frühen

Morgen oder während der Mittagsstunde auf Papierstreifen, die ich in den

Schuhen bei mir trug.

Eines mag als Probe meiner damaligen Seelenstimmung hier stehen und Dir

zeigen, wie weit ich noch nach etwa 10monatlicher Einzelhaft von Besserung

entfernt war:

Ein Sklavenvolk mag vor Molochen kriechen,

Vor schlauen Bonzen wahnerfüllt sich beugen,

Sein Glück mit Füßen treten im Unsinnsreigen

Und Seligkeit aus Triererröcken riechen!

Doch ewig soll das Volk an Dummheit siechen?--

O nein! die Wahrheit wird und muß sich zeigen,

Muß glühendroth aus Tempelasche steigen

Sobald der Wahn des Christenthums gewichen!

Drum frisch, ihr Freien, laßt nie träg euch finden,

Wetzt gegen Bonzentrug die schärfsten Klingen,

Es gilt, der freien Menschheit Reich zu gründen!

Der Weltgeist leiht euch riesenstarke Schwingen,

Kein Adler kann im Sonnenlicht erblinden,

Der Menschheitsgott lohnt euer kühnes Ringen!--

Im Juni setzten mich Kanonendonner und Kriegslärm aller Art in fieberhafte

Bewegung. Jeden Schritt, der auf den Steinplatten des Ganges dröhnte, hielt

ich für den meines Befreiers.

Ich hoffte, daß alle Gefängnisse ihre bleichen Bewohner ausspeien würden

und war gesonnen, aus denselben ein in die graue Tracht des Sträflings

gekleidetes Corps zu bilden, um dasselbe als Vorkämpfer beim Kampfe gegen

die alte Gesellschaft zum Siege zu führen.

Freiheit und Kampf, Sieg und blutige Rache, Tod und Ruhe war meine Loosung

und ich vergaß dieselbe sogar in meinen nächtlichen Träumen nicht.

Eines Abends marschirten preußische Füseliere über die Ringmauern der

Anstalt, bald nachher stand auf der Mauer meines Spatzierhöfchens

geschrieben; "Die Freischaaren sind aus dem Schwarzwalde in die Schweiz,

Alles ist aus.--Die Franzosen wollen wieder Einen haben und der Sträfling

von Ham soll auf der Liste zu oberst stehen. Lauter Lumperei!--"

Dies war zuviel.

Seit vielen Jahren eines ins Aeußerliche versenkten Lebens hatte mich Gott

das Rächeramt an mir selbst verwalten lassen. Eine beständige qualvolle

Unruhe, eine tiefe geheime Unzufriedenheit mit mir selbst jagte mich aus

einer Stunde in die andere wie den ewigen Juden und ließ mir nicht Einen

vollkommen sorgenlosen Genuß. Aus jedem Freudenbecher stiegen Dämonen und

setzten sich als unerträglich schwere Alpe auf mich, während Springfedern

in mir zu sein schienen, die beim leisesten Drucke von Außen mich fernen,

unbekannten Zielen zutrieben.

Während meiner Gefangenschaft war ich bereits so weit gekommen, die Ochsen

und Kühe zu beneiden, welche den Brodwagen in den Hof der Anstalt

schleppten. Ich würde gerne geglaubt haben, das elendeste Thier sei ein

glücklicheres Wesen als der Mensch, wenn nicht ruhige, freundliche,

glückliche Menschen, hinter denen mein scharfgewordenes Auge keinen Schein

entdeckte, täglich in meine Zelle getreten wären.

Ich mußte mir in ruhigeren Stunden gestehen, eine Regierung, welche Diener

von der Art meiner Besucher habe und ihre schlechtesten Unterthanen noch

menschenfreundlich behandle, müsse nicht ganz fluchwürdig sein. Nicht

minder fiel es mir bei, eine Religion, welche ihre treuen Anhänger so

ruhig, freundlich und glücklich mache wie die christliche, bleibe eine

preiswürdige Religion, selbst wenn ihre höchsten Vorstellungen keiner

Wirklichkeit entsprächen. Ich begann die Gläubigen um ihres Glaubens oder

vielmehr um des Glückes willen zu beneiden, welches der Glaube denselben

gewährt.

Beim Durchmustern meines vielbewegten Lebens kam ich allmälig immer mehr

auf meine Jugenderinnerungen zurück, weil sie die süßesten für mich waren.

Unsere Kinderzeit, theuerster Bruder, wurde für mich zunächst der Born, aus

welchem ich mich erfrischte, um zum Quell des wahren Lebens zu gelangen.

Die Macht dieser Erinnerungen trug Vieles bei, mein Felsenherz zu erweichen

und die wehmüthigen Betrachtungen und Vergleiche zwischen dem seligen Kinde

und dem unseligen Zuchthäusler versenkten mich in ernstes Nachdenken.

Mehr als einmal, wenn die Glocken von fern und nahe in meine Zelle

hineinläuteten und das Abendroth zwischen den Kerkerfensterlein

hindurchzuckte und golden über die kahlen Wände zog, da sah ich längst

entschwundenes Abendroth und unter ihm die Thürme, von welchen die Religion

ihren Abendgruß über unser Städtlein mit seinen dunkeln Dächermassen

hinrief und sah ein Haus, worin ein aufblitzendes Licht die liebsten,

freundlichsten Gestalten beleuchtete, die mir in meinen Erdenwallen

vorgekommen. O Anton, Anton, ich wünschte dann wiederum ein Kind zu sein

und mein Leben in ganz anderer Weise von vorn anfangen zu können!----

Ich begann allmählig auch religiöse Schriften zu lesen und über den Inhalt

reiflich nachzudenken. Schon die Vorträge und Predigten hatten mich

überzeugt, daß ich in vielen Punkten der christlichen Religion in Irrthum

und Unwissenheit geschwebt und alle Punkte nur von der Seite aus zu

betrachten gewöhnt war, von welcher sie mir verwerflich erschienen.

Je besser ich erkannte, daß ich trotz allen Erinnerungen aus dem

Katechismus und an Predigten von meiner Religion bereits so wenig als ein

Heide verstünde, desto mehr stiegen Interesse und Eifer mich zu

unterrichten. Bald machte ich Auszüge aus guten Schriften und zuletzt

eigene Aufsätze, um mich im Denken zu üben.

Gleichzeitig las ich geschichtliche Werke und begann an dem Ikarien, in

welches ich mich ganz und gar festgerannt hatte, irre zu werden.

Je mehr ich las und dachte, desto mehr wich der Fanatismus des Unglaubens.

Ich lernte die Ruhe des Denkers kennen und wenn dieselbe auch noch lange

nicht die Ruhe des Christen ist, so bleibt sie doch ein Durchgangspunkt, um

zu derselben zu gelangen.--

Jetzt ist es mir klar, daß Gott mich ins Zuchthaus führte und daß die

Zuchthausstrafe der Rettungsversuch war, welchen Er mit mir anstellte,

damit meine Seele nicht ewig verloren gehe.

Er handelte an mir wie ein geschickter Arzt, welcher kein Sengen, Brennen

und Schneiden scheut, wenn es dem Kranken nützt, ich dagegen lange genug

wie ein in Fieberwahn Daliegender, der von keinem rettenden Arzte wissen

will und um so heftiger nach demselben schlägt, je näher er ihm tritt.

Er züchtigte mich mit der einen und hielt mich mit der andern Hand.

Du weißt bereits auf welche Weise Er meine Zuchthausstrafe verschärfte.

Unter Sträflingen wäre ich niemals so weit gekommen, Geschmack an

religiösen Schriften zu finden. Seitdem ich einsam lebte und gar nichts

mehr vom Leben und Treiben der Welt erfuhr, war ich allmälig im Stande

Schriften zu lesen, deren Inhalt meinen Ansichten schnurstracks widersprach

und der Mangel an Zerstreuung zwang mich, die Gründe der Verfasser zu

prüfen.

Gleichzeitig gewann die Einsicht, daß ich durch unverständiges Benehmen

meine Lage nur verschlimmere, Uebermacht über die Leidenschaftlichkeit

meines Herzens und meinem anständigern, würdigerem Benehmen gegen Besucher

entsprach eine freundlichere, gütigere Behandlung von ihrer Seite.

In B. dauert das Jahr nur 8 Monate. Die Hälfte meiner Strafe war

überstanden, laut der Hausordnung konnte ich um Begnadigung bitten. Lange

schwankte und zauderte ich. Der Gedanke auszuharren, um mich nicht der

Gefahr einer demüthigenden Zurückweisung auszusetzen, wich nur, wenn ich an

die bisher ausgestandenen Leiden dachte. Ein Traum war's, der mich bewog,

ein Gnadengesuch einzugeben und an einen günstigen Erfolg desselben zu

glauben.

Einen tiefern Schmerz habe ich selten in meinem quallenreichen

[qualenreichen] Leben empfunden als den, welchen ich empfand, nachdem mir

ein Schreiber die Nachricht brachte, meine Bitte sei eine vergebliche

gewesen. Weniger die Vernichtung süßer Hoffnungen und die Fortdauer der

Gefangenschaft, als die Täuschung des Vertrauens, das ich der regierenden

"Bourgeoisie" geschenkt und der Gedanke, daß Beamte und Aufseher, die meine

frühern Prahlereien angehört und deren Glauben an meine Standhaftigkeit ich

durch die Bittschrift vernichtet hatte, wars, was mich schmerzte.

Ich that furchtbare Schwüre, daß meine Hand verdorren und mein Auge

erblinden möge, wenn ich jemals wiederum eine Feder anrühre, um ein

Gnadengeheul zu componiren. Der Schwur ward gehalten, nicht weil mein

Hochmuth stark, sondern weil der Schwur Schwur blieb.

Alle Ruhe und Mannhaftigkeit, alle Versöhnlichkeit und Unpartheilichkeit

waren aufs neue verloren. Selbst gegen meine Besucher konnte ich mehr als

mürrisch und grob sein, denn ich hatte die Vornehmsten in Verdacht, daß sie

meine Befreiung nicht bevorwortet, sondern hintertrieben hätten, während

sie mir ins Gesicht Güte und Menschenfreundlichkeit logen und es gab

Stunden, wo die innere Aufgeregtheit mich alle Klugheit und Mäßigung

vergessen ließen.

Meine religiösen und geschichtlichen Betrachtungen, die Vergleiche der

verschiedenen Systeme sozialistischer Träumer hörten auf, ich war zu

unruhig, um lesen zu können und nur die "Rothen Lieder" gediehen.

Sie lullten mich in die Ruhe stiller Verzweiflung und stumpfer

Gleichgültigkeit, indem ich durch sie meinen Schmerz und Ingrimm gegen

Gott, Welt und mein Geschick aus mir herausarbeitete; aber wenn ich

bedachte, weßhalb ich bestraft worden und wer mich in Gewalt hatte oder auf

die lange trostlose Reihe der Kerkernächte zurück oder vorwärts blickte,

dann hatte die trügerische Ruhe des Fatalisten, in welche ich mich

hineinzuzwingen versuchte, ein Ende.

Nur ein gemeiner Verbrecher in der Zelle erfährt, was es heißt, die Hölle

im Busen tragen und die Sehnsucht nach Glück sterben lassen. Es gab

Augenblicke, wo ich auf die Knie stürzte und die unbekannten Mächte, welche

ihr grausames Spiel mit mir trieben, um Erbarmen anflehte. Im nächsten

Augenblicke stand ich auf, lachte voll ingrimmigen Hohns und rief den

Teufel an, mir die Freiheit, Ruhe, Untergang im Genuß oder auch die Hölle

zu verschaffen. In der Hölle ein ganzer Teufel zu sein, ewig Gott zu

lästern und zu höhnen, in diesem entsetzlichen Gedanken lag für mich in

meinen ärgsten Stunden eine Art Wollust. Ich wünschte, daß es einen Gott,

einen persönlichen Gott geben möge, damit ich ein rechter Teufel sein

könne. Wer gab ihm das Recht, mich auf diese Welt zu setzen? Aus einem

glücklichen Nichts ein unglückliches Etwas zu machen? Weßhalb verfolgte Er

mich seit vielen Jahren? Warum ließ er mich leben, da ich doch sterben

wollte?--

Ja, wollte, theuerster Bruder! Schaudere nicht vor mir zurück, ich kannte

und besaß mich selbst damals nicht mehr, ein Dämon lebte und regierte in

mir, denn lange hatte ich der Hölle willenlos gedient und war in der Zelle

bereits in Gefahr gerathen, ihr ungetreu zu werden!--

Ich wollte mich erstechen und schliff mein stumpfes Messer mit unsäglicher

Mühe scharf und spitz. Aber ich besaß den Muth nicht dazu. Sage Keiner ein

Selbstmörder sei ein Feigling, es ist nicht wahr, zum Selbstmorde gehört

ein Muth, welcher den Selbsterhaltungstrieb und die Ewigkeit verhöhnt. Ein

Aufseher entdeckte das Messer, nahm es weg und mehr als je fand ich mich

beargwohnt und beobachtet. Ich betrachtete stundenlang meinen Kleiderrechen

und dachte daran, mich zu hängen.

Allein das Hängen hat namentlich für einen alten Soldaten etwas Widerliches

an sich, vielleicht weil es die leichteste oder doch angenehmste Todesart

sein soll. Zudem konnte ich zu früh entdeckt, abgeschnitten und gerettet

werden. Noch meine Todesgedanken waren von der Eitelkeit beherrscht; ich

glaubte die herabsetzenden Redensarten derer, die meinen Leichnam auszogen,

zu hören und der Gedanke, von gleichgültig lachenden Studenten zerschnitten

zu werden, erregte mir ein widerliches, grauenhaftes Gefühl.

Die Hölle ließ mich auf eine Todesart verfallen, deren Namen ich nicht

nennen mag; sie beseitigt den Schein des Selbstmordes und führt

Annehmlichkeiten mit sich, welche die des Hängens durch Dauer weit

überbieten. Um die Scheu vor der Anatomie zu beseitigen, wollte ich zuerst

von meinem Gutmachgeld das Doppelte des Werthes meines Leichnams--ein

menschlicher Leichnam gilt in B. 10 Gulden--an Jemanden außerhalb des

Gefängnisses senden und es dahin bringen, daß dieser Jemand nach meinem

Tode das Geld in die Anstalt brachte und die Beamten dadurch veranlaßte,

meinen Leichnam nicht den Studenten zu schicken, sondern in B. begraben zu

lassen.

Diesen Jemand hatte ich noch nicht gefunden, als ich in eine schwere

Krankheit verfiel.

Ich kam in eine Krankenzelle, welche sich von den gewöhnlichen Zellen fast

nur durch die größere Bequemlichkeit und vor Allem durch eine wahrhaft

christliche Behandlung unterscheidet, deren man darin genießt. Nur dunkel

entsinne ich mich, wie ich später in den Krankenstock hinabgetragen wurde,

wo sich die Schwerkranken befinden.

Bienen, Rosenkäfer und buntfarbige Schmetterlinge gaukelten lustig um

duftende Rosenhecken und prächtige Blumenketten des Citysus im heimelig

stillen Zuchthausgarten und die Schwalben äzten ihre Brut, als meine

Krankheit sich mit unerträglichem Kopfschmerz und galoppirendem Pulsschlage

einstellte. Der Wind trieb aber die letzten falben Blätter von den Bäumen,

der Sängerlärm im nahen Schloßgarten war verstummt und die unvermeidlichen

Spatzen zankten sich um verlassene warme Rester [Nester] unter den Dächern

des vierten Flügels, als ich zu neuem Dasein erwachte und mich täglich

etwas länger in der Kunst des Stehens und Gehens einüben durfte.

Ich vermeinte kein Gefangener mehr zu sein, denn ich wohnte in einem hohen,

anständig eingerichteten Gemache mit großem Fenster ohne Eisengitter und

nur der verbleichte Uniformsrock der Krankenwärter und noch mehr das

unmenschliche und unnöthige Gebrülle der meisten Wachen auf der Ringmauer

mahnte mich daran, daß ich noch Gefangener sei.

Der Krankenwärter besaß mehr Einsicht und Bildung als Leute seiner Art

gemeiniglich zu haben pflegen. Er nährte meinen aufwachenden Verstand,

während sein Gehülfe, ein etwas kurz und uneben gerathener Bursche mit

koketten Löcklein und zahmen Blauaugen den Magen versorgte.

Ein dicker, stattlicher, herzensguter Mann, der dröhnenden Schrittes durch

die Gänge und täglich lieber in mein Gemach stieg, zeigte sich bereit, mir

Alles zu enthüllen, was von Adams Zeit bis zu meiner Genesung über und

unter dem Monde vorgefallen war, insofern es sich nur mit der Hausordnung

vertrug. Der Arzt selbst besuchte mich täglich zwei bis dreimal, der

Widerwille, den ich früher gegen ihn als den "Knecht einer verrotteten

Regierung" so gut als gegen andere Besucher empfunden, war wie weggeblasen.

Er hatte mein Leben retten helfen und ich fühlte, daß ich das Leben

wiederum liebte, denn als der Mann mit dem dröhnenden Schritte mir

scherzend einen amerikanischen Strick in Aussicht stellte, schauderte ich

unwillkürlich zusammen.

Täglich kam der vortreffliche Hausgeistliche zu mir und jeder Besuch machte

mir denselben theurer. Durch maßlosen Hochmuth, ungeschickte Heuchelei und

arge Verstocktheit hatte ich ihn oft betrübt. Seine Freude, mich gelassen

und ruhig zu finden, war jetzt um so größer, denn er hatte alle Hoffnung

aufgegeben, mich gründlich zu bekehren und gehörte zu jenen Wenigen, denen

die Aufrichtung Eines Gefallenen in der That mehr gilt, als die Erhaltung

von zehn Nichtgefallenen, bei denen die Gefahr des Fallens vorüber ist.

Der alte wüste Ichmensch schien wirklich absterben, ich neugeboren werden

zu wollen. Die Krankheit hatte meine leibliche Kraft gebrochen, sie

erstarkte allmählig, doch den alten Menschen konnte und Sollte ich nicht

wieder erstarken lassen. Schon vor der Krankheit hatte ich so oft

gewünscht, wiederum ein Kind zu sein und mein Leben von vorn anfangen zu

können. Nunmehr war ich ein Kind und beschloß ein anderes Leben anzufangen,

obwohl meine Seelenstimmung jetzt noch mehr Folge der allgemeinen Schwäche

und mein Glaube an Christum, den Sohn Gottes und dessen Weltkirche noch

kein felsenfester war.

Mit der Kraftlosigkeit eines Kindes verband sich bei mir auch die Weisheit

und Leichtbestimmbarkeit eines Kindes. Liebe zieht den Menschen groß; die

Liebe von Solchen, denen ich niemals Gutes erwiesen und oft genug Arges

gesagt und gewünscht hatte, verhalf mir zu meiner leiblichen und geistigen

Genesung.

Lange, einsame Spätjahrnächte gaben mir Muße zum reifen Nachdenken. Wenn

der Sturm um das Haus heult und der Regen an die Fensterscheiben schlägt,

dann fühlt sich der Mensch, dem nicht das Glück geworden, Gatte und Vater

zu sein, einsam und keine trauliche Umgebung hält ihn von Betrachtungen ab,

welche mit den Stürmen oder der Eintönigkeit der Außenwelt harmoniren. Und

ich, ein gemeiner, kranker Verbrecher, ein Gefangener, der nach einem an

verfehlten Bestrebungen und Thaten reichen Leben anfängt, ernsthaft in sich

zu blicken, dem der Tod nahe gestanden und Gott neues Leben geschenkt, er

sollte sich keinen ernsten und schwermüthigen Betrachtungen hingeben?--

Lange, einsame Spätjahrnächte hindurch überlegte ich namentlich auch, was

ich denn wisse und verstehe und der Menschheit bisher nützte. Arm, krank,

ohne Zweck und ohne Mittel lag ich als unwissender Mensch und Feind der

Menschheit im Krankenzimmer eines Zuchthauses, ein Mann reif an Jahren,

leer an ersprießlichen Thaten und--doch Bruder, theuerster Bruder, erlasse

mir meine damaligen Stunden zu schildern. Nach langer, langer Zeit zum

erstenmal weinte ich keine Thränen der Wuth, sondern lindernde

schmerzstillende Thränen, weinte nicht über Andere, sondern über mich,

versuchte zu beten, stammelte zuweilen ein Vaterunser, dasselbe Vaterunser,

welches mich und Dich unsere theure, von mir so tiefgekränkte Mutter

gelehrt hatte.

Ich dachte nach über mich und mein Schicksal. Es däuchte mir, als ob ich

mich selbst bisher arg gehaßt und Alles gethan habe, um mir mein erlebtes

Schicksal zu bereiten. Je mehr ich an mich selbst und meine Fehler dachte,

desto mehr wurde ich geneigt, die Fehler Anderer in milderm Lichte zu

sehen.--

Eine Unvorsichtigkeit rief einen Rückfall meiner Krankheit hervor und der

Tod trat mir wiederum nahe. Ich zitterte nicht vor ihm, doch wünschte ich

meine Erhaltung, weil ich so Vieles noch auf Erden gut zu machen und eine

Ahnung künftigen Glückes mein ganzes Wesen durchklungen hatte. Zum

zweitenmal wurde ich gerettet, doch wohl nur deßhalb, weil ich vor dem

Rückfall in meiner Genesung ziemlich weit vorgeschritten war.

Wiederum dachte ich über mich und mein Schicksal nach, wiederum war mir das

Zeitliche gleichgültig und ich beschäftigte mich gerne mit den Zuständen

des Jenseits, dem ich näher als Andere gestanden, wiederum wirkten Besuche

und das Vorlesen meines Wärters vorteilhaft auf mich ein.

Ich wünschte lebhaft ein anderer Mensch zu werden und zum lebendigen

Glauben an Christum den Gottessohn, diesen süßen, beseligenden Glauben, zu

gelangen. Es dauerte lange, bis ich mich dazu entschloß, Gott nicht nur um

den Glauben zu bitten, sondern mich Ihm in in [in] einer Generalbeichte

einmal ganz und unbedingt zu Füßen zu werfen.

Ein Sonntagnachmittag besiegte meine letzten Bedenklichkeiten; ich werde

diesen und die darauf folgende Nacht nicht vergessen haben, wenn unsere

Gebeine längst vermodert sind und wir zusammen dort leben, wo der Mensch

den ganzen Plan und Gang seines Geschickes von der ersten Minute seines

Daseins bis zur letzten erschaut.

Der Himmel schaute trüb zum Fenster herein, die nahen Hügel im Schmucke des

Winters mahnten an Tod und kalte Nächte. Alle, die mich besucht hatten,

waren ernst und einsilbig geblieben, ein Gedanke von Verlassenheit, wie ihn

ein Sterbender in meiner Lage haben kann, durchklang meine Seele. Die

Gefangenen sangen die Vesper. Die halb verlornen Töne der Orgel, die

Stimmen der Singenden hatten etwas Tiefergreifendes, Wehmüthiges,

Trauriges. Ich vermeinte meinen Leichengesang bei lebendigem Leibe zu

vernehmen, ein herzzerreißendes wehmüthiges Klagelied über mein verfehltes

Leben. Ich betete und glaubte zu fühlen, wie der Tod näher zu meinem Herzen

heransteige, faltete unwillkürlich die Hände und betete.

Jetzt wurde ein anderer Psalm angestimmt, deutlich vernahm ich aus allen

Stimmen heraus einen durchdringenden Tenor, der die Worte sang:

Die Dunkelheit der Leidensnächte

Verwandelt Er in Wonnetage!--

Dieser Vers bohrte sich mit unwiderstehlicher Macht in mein Gedächtniß; ich

mußte ihn stets wiederholen und so oft ich beschloß, denselben zu

vergessen, hatte ich ihn wieder gedacht oder sogar gemurmelt. Es lag etwas

Wunderbares in den einfachen, von mir schon so oft gehörten und niemals

besonders beachteten Worten.

Finsterniß--Leidensnächte--Er--Wonnetage!--an diese vier Worte knüpfte sich

eine lange Kette von Gedanken, es schien mir, als ob Gott selbst zum Troste

sie mir zugerufen.

Ich wollte beten, aber ich betete nur diese vier Worte, schlief endlich ein

und als ich spät in der Nacht aufwachte, mahnte mich die Dunkelheit im

Gemache an die Dunkelheit meines Lebens und meiner Lage.

Drüben in der Stube des Krankenwärters schlug die Wanduhr langsam und

schwermüthig die zehnte Stunde. Dies war die Zeit, in welcher unsere Eltern

auch von mir allabendlich den Gutenachtkuß erhielten und gaben.

Ich gedachte der Wonnetage unserer Kindheit, der Leidensnächte, welche ich

mir und Euch bereitet, der zahllosen Beleidigungen und Frevel, welche ich

gegen Ihn verübt, der mich verlassen und der Finsterniß, welche in mir

viele Jahre geherrscht.

Das tiefe Schweigen der Nacht redete furchtbarer als je zu meinem Herzen,

der Nachbar im Nebenzimmer war heute verschieden, ich glaubte ihn jeden

Augenblick zur Thüre hereintreten, mich mit glanzlosen Augen und dem

haarsträubenden Gesichtsausdrucke dessen, der die Ewigkeit mit ihren

Schrecken erblickt, betrachten zu sehen und zu hören, wie er vom Jenseits

redete. Diese Vorstellungen wurden immer lebhafter, kalter Schweiß

überrieselte mich; ich wollte rufen, aber die Stimme versagte, vergeblich

schloß ich die Augen und steckte den Kopf unter die Decke--immer sah ich

den gräßlichen Boten der Ewigkeit vor mir, sah trotz der Decke und

Dunkelheit, wie das Gemach sich mit Verstorbenen anfüllte, ich glaubte zu

ersticken und war nicht im Stande ein Glied zu rühren. Ich sah den Vater,

die Mutter, sie betrachteten mich mit Augen, in denen mein

Verdammungsurtheil stand, verstorbene Freunde, die mich anstierten,

Kameraden, welche den arabischen Sand mit ihrem Blute getränkt und mit

denen ich so Vieles gesündiget und hinter ihnen eine gräßliche Gestalt, die

mir zuwinkte und verschwand. An ihrer Stelle stand eine Lichtgestalt, der

Glanz, der von ihr ausströmte, verklärte Alles ringsum. Leise, dann lauter,

bald feierlich und majestätisch, bald weich und milde ertönten die Worte

vielstimmig in Einem fort:

Die Dunkelheit der Leidensnächte

Verwandelt Er in Wonnetage!

Das Geschrei der Schildwachen weckte mich aus einem Zustande, der mir den

Zustand der Verdammten und der Seligen geoffenbart. Hatte ich geträumt? War

Alles Alpdrücken? Spiel der erhitzten Einbildungskraft? Ich weiß es nicht,

doch das weiß ich, daß ich ganz anders als früher betete und

augenblickliche Buße, den Beginn eines neuen Lebens gelobte und meine Seele

ihrem lange genug verkannten Erlöser empfahl. Gebet und Gelübde verliehen

mir wunderbaren Trost und eine Freudigkeit des Geistes, wie ich dieselbe

noch niemals empfunden.

Der Krankenwärter trat herein, um nach mir zu schauen. Er versicherte, daß

ich lange und laut geredet. Auf meine Bitte zündete er ein Licht an und

holte ein Gebetbuch, um Etwas vorzulesen. War es Fügung oder Zufall, daß er

gerade das Gedicht des heiligen Bernhard:

Jesu, dein süß Gedächtnis macht,

Daß mir das Herz vor Freuden lacht!

ein Gedicht, dessen unbeschreibliche Innigkeit und göttliche Liebe nur ein

gläubiger Christ vollkommen erfaßt, aufschlug? Er mußte es mehrmals

wiederholen und ich schämte mich der heißen, ebenso schmerzlichen als süßen

Thränen nicht, welche es mir auspreßte.

Der Krankenwärter ging. Doch blieb ich nicht allein--mein Schutzgeist, mein

Erlöser befanden sich bei mir und vernahmen von meiner Reue und Liebe

Alles, was die Verwandlung der Leidensnächte in Wonnetage mir gegeben. Nach

einem erquickenden Schlummer wachte ich auf, als die milden Sonnenstrahlen

eines schönen Herbsttages bereits in mein Gemach spielten. Den ganzen Tag

verwendete ich zur ernsten Gewissenserforschung, gegen Abend legte ich

meine Generalbeichte ab und empfing wohl zum erstenmale würdig den Leib

Jesu Christi. Wer gegen die Ohrenbeichte der Kirche auftritt, zeigt damit

nur, daß er noch nie recht beichtete und wer im heiligen Abendmahl etwas

Anderes als den verwandelten Christus findet, beweist, daß das innerste

Wesen des Christenthums, das Liebesverhältniß der Menschenseele zu Gott,

ihm noch nicht recht aufgegangen ist.

Gott war fortan mit mir und ich bei Ihm und wenn auch Schwachheit und

Sündhaftigkeit mich Ihm zuweilen zu entfremden drohten, kehrte ich

inbrünstiger zu Seinen Füßen zurück.

Ich betete viel und meist ohne Gebetbuch. Außer der Nachfolge Christi und

der Philothea genügte mir kein Gebetbuch.--

Verbrechen, welche vom Gesetze geahndet werden und an sich entehrend sind,

habe ich außer dem, welches mich in den Kerker führte, glücklicherweise

keine begangen, aber will dies Vieles bedeuten?

Wie mangelhaft, wandelbar, verschieden sind Gesetzgebungen!

Unter Vielem, was mir schwer auf der Seele liegt, ist es besonders das

Geld, welches ich im Amtsgefängnisse einem Bauernknechte herauslockte. Noth

trieb mich dazu, meine Ansichten vom Eigenthum ließen mir den Schritt um so

erlaubter erscheinen, weil ich ernstlich an Zurückgabe dachte.

Du weißt, daß Ersatz unmöglich geworden, weil der Betrogene im Gefängnisse

an der Schwindsucht starb und keine Seele besaß, die er sein eigen nannte

außer der eines unserer Mitgefangenen, des Duckmäusers. Doch werde ich

Alles thun, um den Schaden auf andere Weise gut zu machen.----Ich weiß, daß

meine frühern Freunde mich als einen schwachköpfigen oder schlauen

Renegaten verachten und verfolgen werden und beklage mich nicht darüber.

Der Stolz, ein consequenter und entschiedener Communist gewesen zu sein,

hat sich in das Gegentheil verkehrt und ich bin wohl am besten dabei

gefahren. Es ist nicht die Aufgabe des Menschen, auf einem Standpunkte zu

beharren, namentlich wenn er denselben als einen einseitigen und falschen

erkennt, sondern sich immer mehr zu vervollkommnen.--Gegen die furchtbaren

Gefahren, welche aus der täglich zunehmenden Verarmung, Verdienstlosigkeit

und Verzweiflung der Massen erwachsen, hat nur die Weltkirche Jesu Christi

Beschwörungsformeln, denn sie lehrt Leiden ertragen und in Freuden

verwandeln und zeigt nicht nur den Weg zur ewigen, sondern auch zur

zeitlichen Wohlfahrt. Im Christenthum als der absolut wahren Religion liegt

auch die einzig ächte Nützlichkeitsphilosophie, die Lösung der sozialen

Fragen verborgen. Von der Stellung, welche die verschiedenen Staaten und

Stäätlein zur Kirche einnehmen, wird der Fortbestand oder Sturz dieser

Staaten und Stäätlein abhängen. Staaten müssen sich aufrichtig bessern

gerade wie einzelne Menschen und wenn große Staaten wie Oesterreich und

Preußen mit gutem Beispiele vorangehen, wenn man das Aufleben kirchlicher

Gesinnung beim Volke beachtet, darf man ruhiger in die Zukunft blicken.

Stürme werden nicht ausbleiben, aber die Pforten der Hölle werden Christi

Kirche nicht besiegen und das revolutionäre Heidenthum wird den Bestand

_christlicher_ Staaten und das Fortleben _christlicher_ Völker

nur stören, doch nicht zerstören.

Aber Religion, positive Religion muß in Palästen und Kabineten, in

Deputirtenkammern und Amtsstuben so gut als in Hütten wohnen; bei den

Reichen und Besitzenden muß die Charitas des Mittelalters neu aufleben; das

positive Christenthum muß Obermacht über das herrschend gewordene

Heidenthum erlangen, wenn die moderne Gesellschaft nicht ein ähnliches

Geschick erleben will wie einst die versinkende Römerwelt!--

#V.#

--Sie haben vollkommen recht: die nationalen Eigenthümlichkeiten müssen bei

Zellengefangenen berücksichtiget werden, ja ich glaube, daß

Zellengefängnisse für südliche Völker nichts taugen. Der schweigsame,

kaltblütige Engländer mag sich begnügen mit flüchtigen Besuchen, welche den

Charakter polizeilicher Controlle tragen, pietistische Tractätlein und die

Offenbarung Johannis mögen sein Herz nicht mit dem Kopfe davon rennen

lassen und er mag nichts vermissen, wenn sein Verhältniß zu Beamten und

Aufsehern nichts Herzliches und Freundschaftliches an sich trägt, nicht

aber so der Deutsche. Der Hang zum Grübeln und Schwärmen, die Innerlichkeit

und Gemüthlichkeit des Deutschen ist auch beim Verbrecher zu

berücksichtigen und darin liegen Anknöpfungspunkte für seine Besserung wie

für Geistesstörung und Selbstmord. Senden sie schweigsame, spröde

Korporalstockpedanten in deutsche Zellengefängnisse, geben Sie dem

Gefangenen nur religiöse Bücher, bestellen Sie für ihn Geistliche, welche

in religiösen Angelegenheiten das Gefühl zum Dictator machen, und

verdoppeln Sie die, besonders in den ersten zwei Jahren namhaften, Leiden

der Einzelhaft durch Strafverschärfungen--so werden je nach der Dauer der

Strafzeit unbrauchbare Menschen oder Krüppel aus den Zellen heraustreten,

manche Zelle der schauerliche Schauplatz eines Selbstmordes und die

Irrenanstalten mit Rekruten versehen werden.

Was die _Strafverschärfungen_ angeht, so hat bei uns wie anderswo die

Liebhaberei dafür so sehr Platz gegriffen, daß man Bruchsal mit mehr Recht

bald eine _neu aufgelegte und vermehrte Abschreckungsanstalt_ denn

eine _Besserungsanstalt_ nennen dürfte. Selten wird Einer von den

Schwurgerichten verurtheilt, ohne eine Anzahl von Hungerkost- und

Dunkelarresttagen auf den Weg zu bekommen.

Unstreitig sind Strafverschärfungen und unter diesen vor Allem Hungerkuren

das wirksamste Mittel, den Stammgästen der Zuchthäuser das Zuchthaus zu

verleiden oder sie bequem ins Jenseits zu spediren. Gewohnheitsdiebe sind

ebenso Kinder des Unglücks als der Unverbesserlichkeit, das Zuchthaus ist

ihre Versorgungsanstalt--sie gehören zu Jenen, welche leben wollen, ohne

Geld zu besitzen, und dies ist in unsern "christlichen" Staaten ein so

unverschämtes Verbrechen, daß Einer von Rechtswegen gleich nach der Geburt

einen Laufpaß in die Ewigkeit erhalten sollte und zwar aus purer

"Humanität", denn das Leben der Armen wird mehr oder minder zum langsamen,

qualvollen Sterben.

Weil das Heidenthum in den Köpfen unserer Gesetzgeber und Besitzenden

spukt, deßhalb will ich nichts gegen Strafverfolgungen sagen, die bei

Gewohnheitsdieben angewendet werden.

Allein nicht nur alte Zuchthausbrüder, sondern Solche, die zum erstenmal in

eine Strafanstalt kommen; ferner nicht nur die Sträflinge, welche

gemeinschaftlich zusammenleben, sondern auch Zellenbewohner werden mit

Strafverschärfungen bedacht und zudem müssen die Tage der Hungerkost und

des Dunkelarrestes gemeiniglich in der ersten Zeit der Haft durchgemacht

werden, weil die Dauer der Strafe häufig eine ziemlich kurze ist.

Dies erscheint meinem beschränkten Unterthanenverstande nicht klug, nicht

recht, nicht zweckmäßig. Nicht klug--denn der Staat muß die Hungerkuren der

Sträflinge theuer genug bezahlen. Abgesehen von der großen Mühe der

Beamten, deren Geschäfte vermehrt werden, leidet der Gewerbsbetrieb dadurch

Noth und wird die Gesellschaft mit arbeitsunfähigen Menschen bereichert.

Nicht gerecht--denn anerkannt gilt Einzelhaft schon an sich als eine

Strafverschärfung und weßhalb sollen Zellenbewohner ärger bestraft werden

als andere? Zufall, Laune, die Erklärung des Verurtheilten entscheiden

darüber, ob derselbe in die Zelle komme oder nicht, folglich auch über den

höhern oder niedern Grad der Strafverschärfung Nicht zweckmäßig--denn der

Hunger entkräftet, foltert und tödtet wohl den Leib, doch bessert er den

Betroffenen schwerlich. Raubvögel werden durch Hunger zahm; diesen muthet

man keine Arbeit, keinen Besuch der Schule und Kirche, kein gesetzmäßiges

Verhalten und keine lieb reichen Gesinnungen gegen Mitraubvögel zu, alles

dieses dagegen hungerigen Menschen; und solche Behandlung soll fühlende,

bewußte Menschen mit Liebe gegen Mitmenschen entflammen? Den Glauben an

einen gerechten Gott erwecken? Klingt es nicht wie herber Hohn, Gefangenen

die Religion der Liebe verkündigen, während man den ganzen Haß der

Gesellschaft gegen sie fühlbar macht?

Was den Dunkelarrest betrifft, so ist dieser auch nicht geeignet, das

Innere des darin Sitzenden zu erleuchten. Einige Tage Dunkelarrest mögen in

Kasernen und Amtsgefängnissen gut wirken, doch Sträflinge, welche ohnehin

gefangen sind und bleiben, werden im Allgemeinen dadurch zur Onanie und zum

Faullenzen angeleitet. Für Sträflinge in gemeinsamer Haft bleibt der

Dunkelarrest eine oft gar nicht unangenehme kleine Abwechslung, bei

Zellenbewohnern kann er leicht Anlaß zu Seelenstörungen und Selbstmord

geben, da ihre ohnehin aufgeregte und reizbare Gemüthsverfassung dadurch

gesteigert wird.

Will man doch einmal Sünder gegen das Eigenthum oder gegen Leib und Leben

Anderer den Thieren gleich stellen, so stelle man sie eher in die Reihe der

Hausthiere anstatt in die der Raubthiere und führe die _Prügelstrafe_

wiederum ein.

Die Prügelstrafe ist unstreitig die wohlfeilste, wirksamste und für gewisse

Klassen von Menschen wohl auch die angemessenste und gerechteste aller

Strafen. Von dem Grundsatze ausgehend, daß nicht sowohl der Mensch im

Menschen als das Thier in demselben gezüchtiget werde, sollte man für drei

Fälle von Vergehen Stockprügel auch außerhalb der Gefängnisse bereit haben.

Erstens für händelsüchtige, rohe Bursche, weiche besonders in weinreichen

Gegenden, bei Tanzgelegenheiten und anderswo Händel und Schlägereien

stiften. Zweitens verdienen sittenlose Mannsleute und freche Weibspersonen,

die am lichten Tage oder im Zwielicht hündische Schaamlosigkeit beweisen,

den Hunden gleich gezüchtiget zu werden ohne Rücksichtnahme auf Stand oder

Rang. Drittens endlich verdient Schläge, wer ein Weib schlägt. Uebrigens

möge uns Gott vor jener guten alten Zeit bewahren, in welcher der Stock das

A und das O der Beamtenweisheit ausmachte. Einzig und allein in obigen drei

Fällen möchte ich Prügel für Nichtgefangene empfehlen. Begreiflicherweise

gibt es in Strafanstalten Leute, für welche Prügel eine große Wohlthat sein

möchten und ich bleibe überzeugt, daß ein aus lauter Sträflingen

bestehendes Gericht gar oft auf Prügelstrafe für einen ihrer Kameraden

erkennen würde.

Allein nicht einmal im Zuchthause möchte ich die Anwendung von Prügelstrafe

dem Ermessen des einzelnen Beamten anheimstellen, geschweige Aufsehern und

Werkmeistern den Stock in die Hand geben. Vorstand, Verwalter, Buchhalter

und Oberaufseher sollten in geeigneten Fällen durch Stimmenmehrheit für

oder gegen Anwendung des Stockes und Zwangstuhles entscheiden, jedoch

niemals, ohne ein Mitglied des s.g. Aufsichtsrathes beizuziehen. Die letzte

Bestimmung der durchdachten und vortrefflichen Bruchsaler Hausordnung

heißt: "Gegen solche Straferkenntnisse, wofür theils der Vorstand, theils

der Aufsichtsrath zuständig ist, steht dem Sträfling der Rekurs, in der

Regel jedoch ohne aufschiebende Wirkung, an den Aufsichtsrath,

beziehungsweise an das Justizministerium zu."--Diese Bestimmung sollte

überall Aufnahme finden, namentlich wo Prügel einheimisch geworden, denn

nichts ist so sehr geeignet, das Rechtsgefühl des Verbrechers vollends

abzustumpfen und zu tödten als ungerechte, willkürliche Behandlung und

nichts so tauglich, alles Ehrgefühl gründlich zu vernichten, denn

ungeeignete Prügelstrafe.

Das Ehrgefühl sollte man im Verbrecher fast mehr schonen und pflegen als

bei andern Leuten, denn wie ein Mensch ohne Ehrgefühl ein ordentlicher

Bürger oder erträglicher Christ werden mag, sehe mindestens ich nicht ein.

Selbst falsches Ehrgefühl ist zehnmal besser als gar keines und großartige

Selbsterhebung zehnmal besser als gemeine Selbstwegwerfung.

Bei uns entehrt Zuchthausstrafe an sich und ich halte derartige Ausdehnung

der Entehrung für die Mutter vieles Schlimmen. Sie stellt Jeden, der eine

von der dermaligen Gesetzgebung als ehrlos verpönte Handlung begangen, mit

Sträflingen in Eine Reihe, welche längst jeden Begriff von Ehre verloren

haben und setzt dadurch seiner Besserung in der Strafanstalt wie seinem

ehrlichen Fortkommen nach erstandener Strafe mächtige Hindernisse entgegen.

Entehrung durch Zuchthausstrafe bleibt aber auch ungerecht, so lange die

Gesetzgebungen nicht alle an sich entehrenden Handlungen mit

Zuchthausstrafen bedenken. Diese Gesetzgebungen sind sehr mangelhaft schon

dadurch, daß sie Ein Gebot Gottes mit aller Macht in Schutz nehmen, andere

dagegen fast ganz außer Acht lassen.

Namentlich ist unsere Eigenthumsgesetzgebung eines der auffallendsten

Zeugnisse für die Siege, welche das Heidenthum in unsern christlichen

Staaten davon getragen. In meinen Augen ist ein Straßenräuber bei weitem

kein so verächtlicher und ehrloser Mensch denn ein Jungfrauenschänder und

ein ehrloser, feiger Spitzbube mehr werth als ein Ehebrecher.

Straßenraub wird furchtbar bestraft, selbst wenn verzweifelte Noth dazu

trieb--Jungfrauenschänder mit und ohne Von vor ihrem Namen, mit und ohne

Epauletten stolziren vornehm an Strafanstalten vorüber und es fällt ihnen

nicht im Traume bei, daß sie von Gott und Rechtswegen härter als

Straßenräuber und Spitzbuben bestraft gehören.

Schändliche Wucherer, gewandte Betrüger ruiniren ihre Mitmenschen innerhalb

der gesetzlichen Schranken und freuen sich, sobald sie in Zeitungen oder

anderswo die Entdeckung einer neuen Tortur gegen arme Teufel, die eine

Kleinigkeit stahlen, zu lesen bekommen.

Will man gar vom ersten der 10 Gebote anfangen--doch ich will nicht, denn

mein Blut fängt an zu sieden und die Hand zittert vor gerechtem Zorn! Man

geräth in Gefahr, in der That zu glauben, die _Armuth_ sei die einzige

Todsünde, welche bei der Welt keine Vergebung finde und das

_Erwischtwerden_ das einzige Verbrechen, insofern man aus dem kleinen

Zuchthaus in das große hineinschaut und Betrachtungen über Leben, Treiben

und das Loos der Armen und Reichen sammt Vergleichen zwischen Räubern,

Dieben, Mördern, Nothzüchtern einerseits und anständigen, honetten,

besitzenden und oft sogar fromm thuenden--Schurken anderseits anstellt.

Ihrem Wunsche gemäß nur noch _Ein Wort über Besserung der

Zellengefangenen._

Ein solcher kann in der Zelle allerdings Beweise von Besserung geben und

zwar bessere als ein Freier. Sein hartes Loos um Jesu Christi willen still

und geduldig ertragen, sich der Erfüllung aller Pflichten fröhlich und

freudig unterziehen, dies vermag er und Sie dürfen fest annehmen, daß ein

gebesserter Zellenbewohner durch Mienen, Gebärden, Reden und Handlungen

sich vom ungebesserten unterscheidet.

Weil alte Verbrecher bei uns in die Zelle kommen, alte und junge häufig nur

kurze Strafzeit haben und mit Strafverschärfungen bedacht werden, daher mag

es rühren, daß die Früchte der Einzelhaft bei uns nicht recht sichtbar

werden wollen.

Aber noch Etwas, worauf gewöhnlich wenig Gewicht gelegt wird.

Ein Gefangener mag gebessert sein, d.h. er mag mit lebendigem religiösen

Glauben das aufrichtige Streben verbinden, nicht nur gesetzmäßig, sondern

allen göttlichen Geboten gemäß zu leben und nach der Freilassung dennoch

wieder in alte Ansichten, Fehler, Laster und Verbrechen zurückfallen.

Warum? Die Gesellschaft trug mehr oder minder Mitschuld an seinem ersten

Verbrechen, sie gab ihm in der Zelle Gelegenheit und Mittel zur Bildung und

Besserung, er ergriff dieselben und tritt versöhnt mit Gott und Welt in die

Freiheit hinaus. Doch was findet er da? Hat die Strafe mit der Entlassung

ein Ende?

Gott bewahre, _die Strafe wird in anderer Weise fortgesetzt und oft in

einem Grade, daß ein Heiliger dazu gehörte, um sich nicht in den

verlassenen Kerker zurückzusehnen._

Zunächst weist ein unpassendes Gesetz den Entlassenen nach Hause und was

findet er dort? Lieblose Verachtung, ungerechte Vorwürfe, keine Arbeit und

keine Unterstützung, dagegen böses Beispiel, schlechte Kameraden, Anlaß und

Gelegenheit zu Lastern und Verbrechen. Der alte Mensch in ihm stirbt nicht

so leicht und rasch, wie dies zu wünschen wäre, er geräth in Versuchung,

abermals an Gottes Güte und Gerechtigkeit zu verzweifeln, weil die Menschen

ihm täglich Ursache geben, an ihnen zu verzweifeln. Er bereut seine

Besserung, weil dieselbe doch keine Anerkennung und weil er findet, daß

Andere sich nicht besserten und begeht aus Rachsucht oder Verzweiflung

manchmal eine That in der Absicht, wiederum ins Zuchthaus zu kommen, wo er

Nahrung, Kleidung, Wohnung und wenn ein auch noch so kümmerliches doch

ungeschornes Leben findet.

Nicht weil nothwendig ein Rückfälliger ehrlos ist, sondern weil die

Mitmenschen ihn als Ehrlosen behandeln, _wird_ er es wirklich.

Schließlich noch eine Ansicht über Todesstrafe.

Ich bin derselben im Ganzen nicht gewogen und sehe in ihr eine Frucht der

Fortdauer heidnischer und barbarischer Zustände. Doch gibt es Leute, deren

Gemüth mehr oder minder durchteufelt ist und Verbrechen, welche unter so

schauderhaften Umständen verübt werden, daß man für den Tod des Thäters

fast unwillkürlich stimmt, indem man die Opfer der That bedenkt.

Aber man sollte erstens nach der Verurtheilung Keinen wochen- und

mondenlang zwischen Tod und Leben hängen lassen, indem man ihm die

Möglichkeit der Begnadigung übrig läßt; ferner sollte man zweitens dem

Verurtheilten volle Gewißheit seines Todes geben, ihm den Tag und die

Stunde desselben verkündigen und mindestens einige Wochen Zeit lassen, sich

auf seinen Tod vorzubereiten; drittens endlich sollte man Keinen vom

Schafot zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigen, dessen Verbrechen

voraussichtlich keine späteren Milderungen der Strafe erwarten läßt.

Lebenslänglich im Zuchthause sein, heißt langsam und qualvoll hingerichtet

werden; gebessert aber wird selbst kein zum Tode Verurtheilter, wenn er

unter Sträflingen lebt.

* * * * *

Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil · 第 9 / 9 题