ihnige ehemalige treue Itania."
Der Duckmäuser zittert vor Schrecken, Wuth und Schmerz, vermag weder zu
reden, noch zu denken und zu handeln, sitzt wie ein Sterbender auf seinem
Bett, bleibt etwa eine Stunde sitzen, dann zerreißt er den Brief in hundert
Fetzen und zermalmt (der große Trommelschläger hat denselben abgeschrieben,
um der staunenden Nachwelt einen Beweis der Herzlosigkeit unseres
tintenkleksenden Saeculums zu geben!) die Fetzen zu Staub, ballt die Fäuste
und knirscht. _"Warte, Karnali, du sollst's büßen!"_ Mit diesen Worten
dachte er an Rosele, denn er glaubte, diese habe aus Rachsucht nach der
Burg geschrieben und Alles verrathen.
Der Seidenstoff war unter Itanias zarten Händen bereits zu einem
Weiberrocke geworden, der Hobist packt denselben zusammen, um ihn einer
Nätherin zu verkaufen. Hier trifft er mehrere junge Mädchen, schämt sich,
ein Kleid auszukramen, geht unverrichteter Sache wieder fort, tritt in ein
Bierhaus und die Kellnerin, ein etwas verblühtes doch hübsches Mädchen
meint:
"Das ist ein Wunder, daß Sie allein kommen und dazu noch an einem Werktage.
Haben Sie sich heute verirrt?"--"Ich denke, es wird noch Mancher bei
Straßburg über die Brücke gehen, ohne von Ihnen gesehen zu werden!"--"Um
Vergebung, habe ich _den Herrn Ritter_ etwa beleidiget?"--"Nein,
durchaus nicht, gnädiges Fräulein, ich bin nicht so leicht zu beleidigen!"
Das Wort "Herr Ritter" hat die Gemüthsstimmung des Duckmäusers plötzlich
verändert, er fängt ein langes freundliches Gespräch an, trinkt Bier dazu,
überzeugt sich, daß die Kellnerin Agatha eine ganz gewaltige Romanenleserin
gewesen sein muß, sich trotz dem duftendsten Ritterfräulein zu benehmen
weiß und--schon am andern Tage bringt er derselben Itanias Gewand und alle
Kostbarkeiten dazu als Weihnachtsgeschenk, beredet sie, das prosaische
Bierhaus aufzugeben und einen gemächlichen Dienst zu suchen, dabei weniger
auf Lohn, denn "auf gute Behandlung" zu sehen.
Der große Trommelschläger war überzeugt, Itanias Brief sei ein Blendwerk
der Hölle, ein Zwangsbrief und der Ritter könne durch einen neuen Brief
wieder zu Ehren kommen, die Geliebte vielleicht aus unsäglichen Gefahren
befreien, doch Agatha versteht es, den Benedict zu bezaubern und zu
fesseln, in jeder Hinsicht die Seinige zu werden!
Alles Arbeiten und Sparen hörte plötzlich auf, der Held war wenig mehr in
der Kaserne, verlor Zeit, Geld und noch weit mehr bei der Agatha und diese
benutzte die Gelegenheit vortrefflich, ihn in jeder Beziehung auszusaugen.
Itanias Gewand und Schmuck taugte nicht zu ihren bescheideneren Kleidern,
schöne Worte und Liebkosungen bewogen den Ritter, sie als Burgfräulein
vollständig und standesgemäß zu equipiren, sein Geld flog weg wie Spreu,
zum Arbeiten bekam er keine Zeit mehr und verlegte sich in der Raserei
seiner durch die beständig gereitzte Sinnlichkeit aufgestachelten
Leidenschaft auf--kühne Griffe, wobei ihn das Glück außerordentlich
begünstigte, so daß es wieder Spätjahr wurde, ohne daß er
Unannehmlichkeiten bekam.
Uebrigens mußte Vater Jacob nicht nur erleben, daß die 50 Gulden, die er
von Liebhardt geliehen, nicht mehr zurückkamen, sondern auch, daß sein
ritterlicher Sohn häufig in der Nacht ins Dörflein kam und am Morgen mit
einem Theile des mütterlichen Vermögens von dannen zog, dabei den
Säbelgriff selten aus der Hand ließ.
Nach der großen Revüe machte Ritter Benedict eine Luftfahrt mit Fräulein
Agatha, verschwendete in 3 Tagen 20 Kronenthaler theils auf Rechnung seines
Vermögens, theils auf Regimentsunkosten.
Ein sogenannter Zufall ließ ihn während der Luftfahrt entdecken, die
Tieffühlende und Hochpoetische habe schon vor Jahren als zartsinnige
Jungfrau der badischen Regierung ganz unberufen zwei kleine Unterthanen
geschenkt und sei unter dem Namen "Kasernenhäschen" bekannt gewesen. Solche
unromantische Enttäuschung bewirkte, daß in grimmem Zorne der Ritter der
bisher Angebeteten den Fehdehandschuh ins Gesicht schleuderte, ohne die
Hand vorher aus dem Handschuhe herauszuziehen und dieselbe auf dem Wege
verließ.
Sein Urlaub lautete auf 8 Tage und weil nach 3 Tagen sein Geldbeutel leer
geworden, hätte er in die Garnison zurückkehren sollen.
Er that es nicht aus drei triftigen Gründen, nämlich erstens aus
Liebesschmerz, zweitens aus Furcht vor einem Wauwau beim Regimente, der ihm
gar bange Ahnungen machte und drittens aus Furcht vor der Zukunft, weil
eine Hauptquelle seines Einkommens, sein mütterliches Vermögen, vom
hartnäckigen Vater Jacob verstopft worden war.
Nachts kommt er in das Rheindörflein, wo Rosa wohnt und wo er als Knecht
des Saumathis so glücklich gelebt hat; er will in den Adler, da begegnet
ihm sein alter Freund und Gutthäter, der Straßenbasche, packt ihn am Arm
und zwingt ihn, mit ihm zu gehen. "Was hat's Rosele verbrochen, daß Du sie
so verächtlich von Dir stießest?--Warum kannst Du so gegen uns sein, was
haben wir Dir zu Leide gethan?--Bist Du denn nicht mehr unser Freund? Mein,
wenn Du wüßtest, was alle Leute sagen!"--fragt und klagt der alte
Unteroffizier, doch hartnäckig bleibt der Duckmäuser dabei, Rosa sei an
allem Unheil Schuld, was ihm beim Regimente zustieß und wodurch jetzt sein
Glück für immer zerstört sei!
Mutter Clara weiß gar nicht, was sie für ein Gesicht machen, geschweige was
sie reden soll, das Rosele sitzt neben ihr auf der Ofenbank, bringt vor
Schluchzen und Weinen keine Silbe hervor, endlich geht er zur Thüre hinaus,
läßt jedoch seine Kappe auf der Bank liegen. Rosa steht jetzt auf, geht ihm
nach und hält ihn fest:
"Wo willst jetzt hin?" fragt sie seufzend und schluchzend.
"Fort, so weit als die Welt offen steht, um Dir aus den Augen zu kommen!"
schnauzt er und will sich trotzig losreißen; sie hält ihn aus Leibeskräften
fest und weil er alle Fragen unbeantwortet läßt, will sie nur das Einzige
wissen, was er denn Schlechtes von ihr gehört habe, er möge es ihr
unverhehlt ins Gesicht sagen.
Er bleibt stumm, sie erinnert an das Leben im Heimathsdörflein, an
Jugendzeit und Schuljahre, an die Zeit seines ersten Jahres bei den
Soldaten, an die Kirchweihe und will Alles thun, um ihn von Neuem zu
bessern, will ihm all ihr Geld freudig geben und zwar eine Summe, welche
ihn mehr als gerettet hätte, doch er brummt: "Hab Deine paar Groschen nicht
nöthig, behalte Du sie nur, Du wirst sie einmal nöthiger brauchen können!"
reißt sich von seinem weinenden Schutzengel los und verschwindet in der
finstern Nacht.
Weil sein Urlaubspaß noch gültig war, hinderten die Zollwächter seine Fahrt
über den Rhein nicht, zumal im nächsten französischen Dorfe gerade die
Kirchweihe gefeiert wurde, wobei badische Gäste selten fehlen.
Wir finden den Deserteur am andern Abend todesmüde vom Umherirren im
"grünen Baum" zu "Wanzenau," einem etwa zwei Stunden von Straßburg
entfernten Dorfe.
Der Wirth, ein braver, als Elsässerfranzmann gegen "Deutschländer"
pflichtgemäß ein bischen eingenommener Mann, hat nicht nur den Deserteur
gern ins Haus aufgenommen, sondern sich von dem Schlaukopfe auch einen
stattlichen Bären auf die Nase binden lassen.
Der Hobist behauptete, auf den Rath seiner Angehörigen desertirt zu sein,
um dadurch 50 Rohrhieben und dem sichern Tode zu entgehen, was ihm Alles
wegen eines zerbrochenen Säbels drohe. Er habe nämlich bei einer Kirchweihe
in einem badischen Dorfe aufgespielt, sein Säbel hatte an der Wand
gehangen, die Tänzer hätten vorigen Dienstag eine schwere Schlägerei
angefangen, sich seines Säbels bemächtiget, Verwundungen damit angerichtet
und zur guten Letzt die Waffe gar zerbrochen. Am Mittwoch hätten die
verhafteten Bursche von keinem Säbel Etwas wissen wollen, der Wirth habe
geradezu geläugnet, vom Benedict einen solchen zum Aufheben bekommen zu
haben, somit bleibe die "ganze Schmier" an ihm hängen und seine einzige
Rettung, in Frankreichs großmüthigen Armen Schutz zu suchen! ...
Den Wirth zum grünen Baum, zugleich Maire des wohlhabenden Ortes hat das
Klarinettblasen des Duckmäusers dermaßen entzückt, daß dieser sein und gar
rasch der Liebling der ganzen Dorfjugend geworden ist. Am Tage arbeitet er
auf dem Felde, es kommt ihm sauer genug an, nachdem er so lange nur auf
Kasernenbrettern herumrutschte, doch vergibt er dem deutschen Fleiß nichts
gegenüber der französischen Landeskraft, Abends macht er in einem großen
Saale, worin unter Tags die hübschen Elsässerinnen mit ihren hellen
Aeuglein Welschkorn abschleizen, Musik und verdient schweres Geld.
Alles geht vortrefflich, er läßt sich gerne neckend "Schwob" oder
"Gelbfüßler" nennen und denkt nicht ans Heimgehen, sondern an eine große
Hochzeit, welche einer der reichsten Bursche des Departements (die
Stadtherren freilich ausgenommen) hier feiert. Diese Hochzeit lockt sehr
zahlreiche Gäste herbei, währt drei Tage, der klarinettblasende Ritter
hätte sich in Wein und Bier ersäufen können, wenn er gewollt hätte, doch er
will dies nicht und aus guten Gründen. Der "große Maier," ein Schuster des
Dorfes, der kürzlich von seinem Cuirassierobersten beurlaubt wurde, will
dem armen Deserteur zeigen, daß er sich jetzt unter Franzosen befinde und
veranstaltet eine Collecte, welche so bedeutend ausfällt, daß der Benedict
ganz leicht ins Badische hätte zurückgehen und als ehrlicher Mann auftreten
können, wenn er nur gescheidt gewesen wäre.
Doch sein Hochmuth läßt's ihm nicht zu; bereits vor der Hochzeit haben ihn
der große Maier, der Allis, der Stegenklemens, der Rappenschorsch und
Andere liebgewonnen und wenn das Schwitzen auf den Aeckern nicht wäre,
würde er wohl beim Wirth zum grünen Baum sein Lebenlang bleiben können!
Während der Hochzeit wimmelt es im Wirthshause vom Dache bis zum Keller von
Gästen, das ganze Rathhaus ebenso, die 5 Musikanten kommen gar nicht mehr
zum Athmen, der lederne Instrumentenbeutel voll Franken und
Fünffrankenthalern bleibt ihr einziger Trost, der Benedict aber macht der
deutschen Musik unglaubliche Ehre.
Man muß französische Musik mit deutscher verglichen haben, um dies leicht
zu begreifen, denn Musikanten und Sänger sind die Franzosen nicht, lieben
jedoch Musik und Gesang enthusiastisch und--Elsässer wollen in Allem
Franzosen sein.
Ein Friedensrichter wurde durch die "dütschen Walser" des Deserteurs
dermaßen begeistert, daß er sofort mit dem Wirthe ausmacht, er soll den
"Schwob" nach der Hochzeit zu ihm senden, er werde dann denselben nach Metz
bringen und mit Hülfe seines Bruders, des Majors zu einem Hauptmusikanten
des 35. Regimentes machen.
Doch Alles sollte anders kommen, der Duckmäuser in keine französische
Uniform, sondern in einen germanischen Zuchthauskittel schlüpfen!
Am 4. Tage machten die Buben und Mädlen die üblichen Hochzeitspossen und
Umzüge, die Musikanten mußten überall voranschreiten, die Lustigkeit währte
tief in die Nacht und der dienstfertige Benedict suchte dieselbe auch auf
andere Weise denn durch seine Klarinette zu erhöhen.
Er hatte in der Heimath einmal zugesehen, wie der Max in einer Scheune
seiner rothen Schwitt eine katholische Messe las und unternahm jetzt
dasselbe vor einem großen Haufen junger Leute. Still und lautlos sahen ihm
Alle zu bis zur Communion, wo er bei Nachäffung des kelchtrinkenden
Priesters beinahe erstickte. Jetzt erhob sich ein fürchterliches Toben,
Lärmen und hundert Stimmen riefen: "Meinst, wir seien lutherisch, Du
Schwob!--Schlagt den Schwob tod!"[tod!]--Nieder mit dem Ketzer!"
Der lange Maier streckt den Dorfhanswurst mit einer einzigen Ohrfeige der
Länge nach auf den Boden, die Zunächststehenden fallen über ihn her, sie
hindern sich gegenseitig durch ihre Anzahl im Zuschlagen und er würde
sicher nicht lebendig davon gekommen sein, wenn nicht der alte Geistliche
sammt dem hochgeachteten Notar des Ortes zu seiner Hülfe herbeigeeilt
wären. Sie nahmen sich seiner barmherzig und kräftig an, die Fäuste ließen
ihn los, die Bursche und Männer tobten und lärmten nur noch bunt
durcheinander.
Zu dem bleichen, zitternden Deserteur sagt der Adjunkt von Killstett. "Wir
wissen wohl, daß bei Euch drüben die Geistlichen nur Vormittags eine Stunde
geistlich, die übrige Zeit des Tages aber weltlich sind und daß ihr
Gelbfüßler alle lutherisch seid, doch bei uns kommt ihr mit solchen Späßen
nicht an!"
Alle Freundlichkeit und Liebe gegen den Duckmäuser hat ein Ende, das
Brautpaar läßt den Hochzeitgästen und Musikanten sagen, sie möchten den
"gottlosen Schwob" ja nicht mehr ins Hochzeitshaus bringen, Gott könnte
ihnen keinen Segen schenken, wenn sie einen solchen Menschen wissentlich
unterhielten. Der große Maier macht bereits wieder Augen wie Pflugräder,
die Gesichter Anderer verkündigen einen neuen Sturm, der ehrwürdige Pfarrer
muß die Aergsten abermals beschwichtigen, Benedict sucht ängstlich
Gelegenheit zum Fortkommen, findet solche und kommt mit einigen Tritten und
Stößen glücklich ins Freie.
Doch eilt er nicht sofort aus Wanzenau weg; der volle Instrumentenbeutel
hält ihn fest, er getraut sich nicht zurückzukehren und seinen Antheil zu
fordern, weil er im Dunkeln oder beim Wiedererscheinen gar zu leicht den
verdienten Lohn für sein Messelesen ernten könnte; die Theilung des Geldes
unter den Musikanten sollte erst am Ende der Hochzeit vorgenommen werden,
somit befindet er sich in einer recht mißlichen Lage und klettert zunächst
auf einen Baum, wo er sicher vor Entdeckung und im Stande ist, seine
Gedanken zu sammeln. Er wartet bis die meisten Leute wieder zum Rathhause
zurückgekehrt sind, klettert alsdann vom Baume herab, paßt eine gute
Gelegenheit ab, schleicht trotz einiger nachläßig gewordener und theilweise
betrunkener Aufpasser ins Haus zurück, erobert in der Geschwindigkeit nicht
blos seinen Lohn, sondern den ganzen schwergefüllten Instrumentenbeutel und
macht sich dann eiligst aus dem Staube.
Jedoch noch nicht über die letzten Gärten und Häuser des Dorfes
hinausgekommen, vernimmt er bereits Allarm, hört auf allen Seiten schreien
und hinter sich einige Verfolger, darunter den großen Cuirassier, der
ungeheure Sätze macht und seinen Sarras unter schrecklichen französischen
und elsässischen Flüchen schwingt.
Hat ein Romanenheld jemals den Silberschein des Mondes in die unterste
Hölle verflucht, so ist dieser der Benedict gewesen, während der
nächtlichen Galoppfahrt aus Wanzenau. Gleich einem Riesen der fabelhaften
Vorzeit schreitet der große Maier mit blitzendem Pallasch brüllend durch
die Mondnacht, hinter ihm quicken die gewöhnlichen, diesmal außergewöhnlich
erbosten Menschenkinder, jede Sekunde erhöht die Todesangst des
galloppirenden Benedict, denn jede Secunde bringt die Feinde näher und
vermehrt deren Zahl, schon hört er die schweren Athemzüge des keuchenden
Riesen, schon schwingt dieser die furchtbare Waffe und gebietet dem
"Spitzbuben" Halt auf Leben und Tod--im entscheidenden Augenblicke läßt
Benedict den schweren Instrumentenbeutel klirrend fallen, der Riese bleibt
stehen, der Verfolgte jedoch stürzt sich verzweifelnd in die Brisch, welche
breit und tief genug ist, um mit Dampfschiffen befahren zu werden, die
Todesangst verzehnfacht seine Kraft und glücklich erreicht er das
jenseitige Ufer.
Drüben stehen die Verfolger, der große Maier ist im Besitze des
Instrumentenbeutels, man findet es nicht mehr der Mühe werth, den Deserteur
anders denn durch Schimpfnamen und Verwünschungen zu verfolgen, von denen
dieser bald nichts mehr hört, weil er triefend doch wohlgemuther auf's
Gerathewohl vom Flusse ins Land einwärts läuft.
Mit Tagesanbruch kommt er in ein Dörflein, sein Geldbeutel ist auch ohne
den Instrumentenbeutel ordentlich gespickt, im Wirthshause legt er sich
sofort ins Bett, schläft volle 36 Stunden; seine Kleider sind indessen
getrocknet, Nöthiges schafft er an, wandert nach Straßburg "der
wunderschönen Stadt," meldet sich auf der Mairie nach Algier, wird von da
auf die Praefektur, von hier zum Rekrutirungskapitain, von diesem mit einem
Schreiben zu einem Komissaire beim Metzgerthor geschickt. Das Schreiben muß
ein Uriasbrief gewesen sein, denn der Komissaire ließ den verwunderten
Duckmäuser in den Neuthurm führen und hier volle 23 Tage Betrachtungen über
die Artigkeit und Zuneigung französischer Behörden gegen deutsche
Deserteurs anstellen.
Nach dieser Frist ward unserm Helden eröffnet, bis auf weitere Ordre werde
Niemand nach Algier angeworben, somit müßte er die Reise nach Afrika
aufgeben; verstehe er jedoch ein Handwerk, so erhalte er einen für ganz
Frankreich gültigen Paß, widrigenfalls nur einen Paß in die Schweiz oder
über die Kehlerbrücke.
Weil er kein Gewerbe erlernt hatte, begnügte er sich seufzend mit einem
Passe nach der Schweiz, wurde freigelassen, ging in den rothen Löwen und
setzte sich etwas tiefsinnig hinter ein "Kännle" Bier.
Hier zieht er seinen Paß hervor, studirt vergeblich an dem französischen
Geschreibsel herum, möchte es ums Leben gern verdeutschen, flucht im besten
Deutsch leise vor sich hin, bis ein Herr, der in der Nähe sitzt und sich
nicht schämt, ein deutsches Wort zu sprechen, welche Schaam bei manchem
Philister der guten alten Reichsstadt Straßburg gefunden wird, ihm endlich
aus der Noth hilft. Dieser Herr setzt einen Nasenklemmer auf die nach
altdeutscher Sitte riechende Kupfernase, steckt dieselbe tief und gründlich
in den Paß und eröffnet dem erschreckenden Hobisten, daß er mit diesem
Passe nicht weiter als bis Basel komme, von dort aber nach Deutschland
ausgeliefert werde, weil in dem Passe bemerkt wäre, er sei ein Deserteur.
Solch' ächtwälsche Hinterlist empört den aufrichtigen Duckmäuser ganz
gewaltig; er beschließt im Zorn, sich den Weg nach Basel zu ersparen und
gleich über die Kehlerbrücke zu spazieren, wo ein Häuflein alter
Waffengefährten stets zu finden, doch der Herr bemerkt, es sei noch nicht
aller Tage Abend und etwa um 20 Fränkchen ließe sich wohl auch noch ein
anderer Paß auftreiben.
Der Duckmäuser geht den Handel ein, zahlt die 20 Franken in der Freude
seines Herzens, macht aus dem alten Uriasbrief Fidibus und dämpft ein
halbes Dutzend kölnische Pfeifen, während er die Rückkehr des Herrn mit dem
neuen Passe erwartet. Erst als Abends die Lichter im rothen Löwen
angezündet werden, geht unserm Helden auch ein Licht auf, doch ein ziemlich
düsteres; er stolpert durch die Stadt und Wälle bis zum Denkmal des wackern
Generals Defaix und weiß nicht, ob er sich in den "freien, deutschen Rhein"
stürzen und dadurch allen Verfolgungen und Gefahren des Erdenpilgerlebens
entgehen oder über die Brücke wandern und gute Miene zum bösen Spiel machen
soll.
Nachdenklich setzt er sich auf einen Stein, schaut nach dem fernen
Schwarzwalde hinüber und träumt melancholisch von Itanien, bis ihn ein
kleiner Mann anredet und seinem Geschicke eine neue Wendung gibt; leider
schlägt dieselbe abermals zum Unheile und diesmal zum größten alles
erdenkbaren Unheiles aus.--
Bis hieher mag unsere Erzahlung gehen, den weitern Verlauf mag der Held
derselben selbst erzählen, weil wir jetzt doch wissen können, wen wir vor
uns haben und in das Zuchthaus zurückkehren müssen.
* * * * *
Die Nacht hat ihren sternbesäeten Schleier über die wunderliebliche
Landschaft ausgebreitet, durch welche das Auge manches kranken Gefangenen,
der sich an einem der Fenster des Krankensaales der warmen Sonnenstrahlen
freute, sehnsüchtig und träumerisch hinschweifte.
Im Krankensaale, worin heute der Duckmäuser einzelne Abschnitte seiner
Geschichte mit vielen Verbesserungen und Verzierungen einigen Mitgefangenen
zum Besten gegeben, brennt nunmehr eine Laterne und vertheilt Licht und
Schatten ohne alle Rücksicht auf Kranke und Hausordnungen ziemlich
unzweckmäßig.
Von der Außenwelt vernimmt das Ohr nur noch den regelmäßigen Schritt der
Hofwachen, zuweilen ein fern vorüberfliehendes Rollen der Kutschen oder die
muntern Lieder der Fidelen, welche in der nächsten Brauerei des Lebens
Unverstand mit und ohne Wehmuth genießen und wacker Bier dazu kneipen.
Im Krankensaale dagegen hat die Nacht manche Unterbrechung der tiefen
Stille zu verdoppeln. Das Murmelthier schnarcht seinen kellertiefen
Grundbaß, der Seeräuber versucht von Zeit zu Zeit mit einem
ohrenzerreißenden Tenor einzufallen, der Exfourier flucht zuweilen leise
zuweilen laut über die Störenfriede, welche ihn nicht einmal an seine
Braune denken, geschweige einschlafen lassen, der Wirthssohn beneidet die
tiefen, schweren Athemzüge einiger genesenden Nachbarn und wälzt sich
ruhelos im Bette hin und her, die Auszehrenden hüsteln und ächzen, ein
Fieberkranker phantasirt von einem Amtmanne mit krummer Nase und scharfen
Klauen, der Patrik vom Hotzenwald droht von Zeit zu Zeit am Husten zu
ersticken, der glückselige Donatle lacht im Traume laut auf, der brave
unermüdliche Krankenwärter spazirt auf Socken aus und ein, denn in der
nächsten Stube liegt Einer, dessen Laufpaß in die ewige Heimath beinahe
unterschrieben ist und zum Ganzen gibt der Pendel der Schwarzwälderuhr den
schwerfälligen, melancholischen Takt.
Der Duckmäuser schläft auch noch nicht, denn er muß dem Zuckerhannes,
welchem er Hoffnung auf Genesung und Befreiung eingeredet hat, seine
Geschichte vollends erzählen.
Dieser glaubt nicht, den Todeskeim aufgeblüht in der leidenden Brust zu
tragen, sondern an Genesung und Befreiung und für letztere mindestens
scheint dem Unerfahrenen kein Strohhalm, sondern eine Schiffsladung von
Hoffnung vorhanden zu sein.
Ist nicht am ersten Montage des laufenden Monats als am üblichen Besuchtage
die Emmerenz vom Hegäu herabgekommen und wie ein rettender Engel vor dem
Drathgitterfenster des Flechtwaarenmagazins gestanden und hat dem
ehemaligen Schatz Trost und Muth eingeredet? Erzählte sie nicht voll
Freuden, der Fesenbauer sei ins Dörflein und zu ihr gekommen und habe
merken lassen, er bereue die Sünden, welche er gegen die Brigitte begangen
und das Unglück, welches er über den Hannesle gebracht? Hat besagter
Fesenbauer nicht geschworen, er gäbe gerne seinen kleinen Finger, wenn er
damit dem Hannesle aus dem Zuchthause verhelfen könnte? Hat ein reicher
Bauer kein Gewicht beim Amt, bei der Regierung, den Landständen und beim
Großherzog und wird das einmal rege Gewissen des Michel wieder verstummen?
Wird dieser nicht Alles thun, um eine neue Untersuchung einzuleiten und
wird für seinen Sohn dieselbe nicht gewaltige Verminderung der Strafzeit,
baldige Begnadigung oder gar sofortige Freilassung zur Folge haben?
Also sprach die Emmerenz am Besuchtage, ebenso heute morgen wieder der
Duckmäuser, welcher aufrichtig an die Möglichkeit der Befreiung,
zweifelhaft jedoch an das Wiederaufkommen seines Freundes glaubt und wie
sehr haben die hoffnungsreichen Reden der Beiden das kranke Herz des
kranken Zuckerhannes erquickt!
Hoffnung und Freude sind für Kranke oft die wirksamsten Arzneien, der
Zuckerhannes hat's erfahren; er kann vor Aufregung nicht schlafen und hört
dem Duckmäuser zu, welcher ihm den Rest seiner Geschichte in die Ohren
flüstert, nämlich seiner auswendigen Geschichte, welche mit dem Eintritte
ins Zuchthaus schließt, während die inwendige noch nicht in den rechten
Gang gekommen ist und erst in der Zelle zu Bruchsal dazu kommen wird.
Jetzt erzählt er vom rothen Löwen zu Straßburg, vom Steine beim Denkmal des
Generals Defaix, wir spitzen die Ohren und hören weiter Folgendes erzählen:
"Wie ich so verlassen ohne Paß dahocke und recht betrübt an die Itania
denke, von der mich sichtbare und unsichtbare Berge trennen, kommt ein
klein, klein Männle auf mich zu und fragt gar sanft, was ich denn da
mache?["]--"Ho Nichts!"--"Nichts? wenn der Mensch nichts macht so sündigt
er!"--"Ja und wenn er Etwas macht, so kommt er in des Teufels Küche, wie
ist da zu helfen?"--"Was haben Sie für eine Religion?"--"Ho, ich bin
katholisch!"--"Katholisch? ... armer Mensch!"--"Ja, ein armer Teufel bin
ich, doch nicht weil ich katholisch, sondern hier fremd bin!"--"Hier fremd
und dort fremd, armer, armer Bruder!"--
Kurz, das Männlein fängt ein Gespräch mit mir an, ich merke, daß es sehr
fromm ist, thue auch fromm, erfahre, er sei kein Straßburger, sondern habe
blos einen kleinen Spazirgang gemacht, weil er vor lauter Liebe zum Lamme
oft nicht mehr recht schnaufen könne, wohne mehrere Stunden oberhalb
Straßburg, heiße Meister März und sei ein vom Herrn mit zeitlichen Gütern
reichgesegneter Mann, der in diesen Zeiten babylonischer Verwirrung seinen
Brüdern, welche die "Diener am Worte" und den Herrn Jesum Christum hoch
hielten, gerne unter die Arme greife, aus zeitlichem Elend und dem ewigen
Höllenpfuhl errette.
Natürlich stellte ich mich immer frömmer, Meister März entdeckte mir bald,
er sei am 5. October 1831 Abends zwischen 5 und 6 Uhr in dem an zeitlichen
Gütern und gottseligen Seelen so reichen Basel bei Mariot in den Stand der
Gnade gekommen. So Etwas sollte mir passiren, ich könnte den Gnadenstand
brauchen! meinte ich und wer mich beredete, nach Straßburg zurückzugehen,
um zu übernachten und morgen mit ihm heimzufahren, der war mein Meister
März.
Derselbe logirte bei einer gottseligen Wittwe in der Nähe des
Kleberplatzes; ich übernachtete in einem Wirthshause... ich glaube, es hieß
zum goldenen Apfel! ... und am andern Morgen holte mich Meister März ab und
freute sich sehr, weil ich just in einer großen Bibel las, die der kleine
Wicht mir schon am Abend nebst vielen abscheulich langweiligen Traktätlein
verehrt hatte.
Er führte ein Wägelchen bei sich und ich sah auf den ersten Blick, daß er
ein gutes Männlein sei gegen Gleichgesinnte und das Gute oder Schlimme an
sich trug, alle Leute gleichgesinnt machen zu wollen. Die gottselige Wittwe
hat ihm viele Bibeln und ganze Päcke erbaulicher Flugschriften mitgegeben,
auf der Landstraße verschenkte er seine Bibeln an Handwerksbursche,
Marktweiber, Bauern und Bettler und als ich beim Ausstreuen und Vertheilen
der Traktätlein half, lächelte er gar lieblich... Stelle dir ein
hellbraunes Männlein vor, mit zarten Löcklein vor jedem Ohre, das Köpfchen
etwas zur Seite geneigt, die Augen den ganzen Tag voll Wasser und
Freundlichkeit, mit bleichen Wangen, einer löschhornartigen Nase, fromm
verzogenen und selig lächelndem Munde, im ganzen Gesichte kein Härlein
außer etwa 10 bis 12, welche einen Backenbart vorstellen sollten, ganz
einfache doch hübsche Kleider und du hast den Meister März, dessen feine
zarte Händlein eher einem Schulmeisterlein, denn einem Schreiner
anzugehören scheinen.
Er redete lauter gottselige Dinge von Zion, Babel, den Freuden des
Lämmleins, von der Sündhaftigkeit des Menschengeschlechtes, vom Gnadenstand
der Anhänger des "lieben, einfältigen Evangeliums," vom "treuen
Gottesmanne" Martinus Luther, vom Antichrist und von der babylonischen Hure
und ehe ich mit ihm heimkam, wußte ich schon, die Offenbarung Johannis
werde von uns fleischlichgesinnten Papisten seit 18 Jahrhunderten
_nicht_ verstanden, doch _er_, der Meister März und andere
gottselige Leute, bei denen der heilige Geist täglich sein Absteigequatier
nehme, wüßten, daß das tausendjährige Reich und die Zerstörung des
römischen Babel in ganz naher Aussicht ständen und daß der Teufel jeden am
Schopfe nehmen werde, welcher es zuließ, daß die katholische Abgötterei
"die Geister gedämpft" habe.
Er beredete mich unterwegs einen falschen Namen anzunehmen und mich für
einen von den "römischen Geistlichen schwer verfolgten Freund der Diener am
Worte" auszugeben, welcher wegen Verbreitung von Schriften der Anhänger des
lieben einfältigen Evangeliums um sein Brod gekommen sei. Zunächst
versprach er dagegen, mich in seinem Hause aufzunehmen, das
Schreinergewerbe, zu welchem ich stets Freude hatte, lernen zu lassen und
mit allem auszurüsten, was zu einem behäbigen und wohlanständigen Leben in
Gottseligkeit gehört, wenn ich etwa als einen "Praedestinirten" mich
erwiese!
Kannst Dir leicht denken, daß mich Meister März arg langweilte, doch habe
ich mich stets nach den Leuten gerichtet, diesmal befand ich mich in der
höchsten Noth, er versprach mir Alles, was ich brauche und der Wein sammt
dem Likör, welchen er neben seinen Bibeln in der Truhe des Wagensitzes
hatte und gegen Abend so wacker genoß, daß ich an den Compagnieschneider
Feucht dachte, setzten mich so ins Feuer, daß ich schon auf dem Wege ein
geistliches Lied von ihm erlernte, welches er abwechselnd unter Weinen und
Lachen sang und dessen Melodie ich auf der Klarinette nachspielte. Meine
Geschicklichkeit entzückte ihn dermaßen, daß er laut weinte, mir die Zügel
um den Arm band, auf die Knie sank und mit gefalteten Händen die ersten
Strophen seines Lieblingsliedes sang.
Es war gut, daß es Nacht war und uns Niemand begegnete, ich blies so
rührend als möglich und er sang unter Thränen:
Was ist ein Kreuz-Luft-Hühnelein?
Laßt's auch nur Kreuz-Luft-Putchen sein:
Ein Thierlein, das die Henne reucht,
Mit welcher sich das Lamm vergleicht
Dort bei Jerusalem! ...
... Auf dem Wege sprach Meister März in keinem Wirthshause ein, doch
beinahe in jedem Dorfe saß eine gottselige "Schwester", welche mit ihm in
die Nebenkammer ging, um dem Lamme für die glückliche Ankunft des Bruders
zu danken und uns dann besser bewirthete, als es der Grünbaumwirth in
Wanzenau bei allem Reichthum hätte thun können.
Spät in der Nacht kamen wir im Wohnorte und Hause des Meisters März an;
eine Schaar andächtiger Frauen und gottseliger Männer sammt zwei jungen,
äußerst bleich und fromm aussehenden "Dienern am Worte" waren in einem
Hintergebäude des Hauses noch in Gebet und Betrachtungen versunken, Meister
März stellte mich denselben vor und ich sah, wie große Augen alle machten
und zusammenschauderten, als sie hörten, ich sei ein "Papist aus
Dütschland."
Einige liebliche Mädlen und gottselige Wittwen versprachen, für mich, den
in den Banden des Irrthums, der Ungnade und des Satans gefangenen Mitbruder
inbrünstig zu bitten und ihre Liebe rührte mich dermaßen, daß ich helle
Thränen vergoß!
Du weißt, Zuckerhannes, daß ich wohl der geschickteste Schreiner des
Zuchthauses bin, ich habe als Gefangener dieses schöne Gewerbe in einer
Reihe von Jahren vom Fundamente aus gelernt, doch den ersten Grund dazu
legte ich bei Meister März.
Meister März arbeitete nicht selbst; er führte mit einem Gehülfen und
Obergesellen das Geschäft und betete, machte Besuche und Reisen, hielt in
der großen Werkstätte Versammlungen, gab mir Essen, Trinken, Kleider, ließ
mich nicht als Lehrjungen, sondern als Bruder behandeln, betete stündlich
um meinen Gnadenstand und suchte mich auf jede Weise zu überreden, der
"römischen Abgötterei" zu entsagen.
Er hielt viel auf meinen gescheidten Kopf und meine frommen Gesinnungen und
ich darf wohl behaupten, daß ich jetzt einer der reichsten Schreiner des
Elsasses und leicht der Schwager meines Meisters wäre, wenn ich es nur über
mich gebracht hätte, meinen Glauben abzuschwören!
Nach und nach erzählte ich ihm viele Streiche und Verirrungen meines
Lebens, aber er ließ deßhalb nicht nach mit Zudringlichkeit und meinte, der
Mensch sei unfähig ein gottgefälliges Werk zu vollbringen, die Werke des
Menschen seien ohne Bedeutung und der Glaube allein mache selig, ich aber
müsse noch zum Glauben und Gnadenstand gelangen, das habe ihm eine
wunderbare Erscheinung schon in Straßburg angekündiget und er sei das
Werkzeug, welches mich aus einem heidnischen Gefäße des Zornes zu einem
christlichen Gefäße der Gnade mache.
Mein Meister hatte schon manche Seele für "das Wort" gewonnen, bei mir
machte er sammt seiner arg verliebten Schwester große Versprechungen, kam
doch nicht rasch genug zum Ziele und merkte, daß es mir nur darum zu thun
sei, geschwind ein Schreiner zu werden und dann in die sündige Welt
hinauszuwandern, in Paris statt in Zion Arbeit zu suchen! ... An der
katholischen Religion liegt mir in der That wenig; man vergißt dergleichen
Dinge in der Kaserne, wo Evangelische und Juden darüber spotten und im
Zuchthause ist es ebenso, aber ich brachte es nicht über mich, meinen alten
Glauben abzuschwören, wiewohl ich mit den Lutherischen in ihre Conventikel
und Predigten ging, aus Klugheit und zur Unterhaltung die Schriften von
Jung-Stilling und Anderen las, auch das alte Testament fast auswendig
lernte und Mariotts wässerige Traktätlein fleißig vertheilte.
Daheim im Dörflein hat meine Mutter von den Lutheranern mir früh viel Arges
erzählt; ich verabscheute dieselben beinahe, wie ich die Juden fürchtete,
hielt sie für böse Geister, aus welchen einmal der Antichrist erzeugt werde
und konnte mich von dem Aberglauben nicht losreißen, ein abgefallener
Katholik sei ewig ein Kind der Hölle und des Teufels. Vieles, was ich im
Hause meines Meisters sah und hörte, bestärkte mich im Aberglauben der
Mutter; Hochmuth und Wollust spielen bei den Muckern eine wüste und
unerträgliche Rolle und so oft ich auch versprach, meinen katholischen
Glauben fahren zu lassen, wenn man mir noch ein wenig Frist lasse, ebenso
oft trat ich zurück, wenn die Frist vorüber war.
Eines Abends, wo der Meister mich schon recht kühl und bissig behandelte,
so daß ich gerne fortgelaufen wäre, wenn ich nur einen Paß und Geld gehabt
hätte, spottete ich über die Frömmigkeit einer Betschwester, die ich bei
einem Andern als ihrem Manne ertappte.
Am andern Morgen kommt der Mann der Betschwester, verflucht meine böse
Zunge und babylonische Herzensverwirrung, der Meister März seufzt, verdreht
die Augen und lispelt: ["]Benedict, du bist und bleibst ein abgöttischer
Papist, entweder nimmst du noch heute meinen Glauben an oder gehst aus dem
Hause, denn mein Gewissen duldet es nicht, mich mit einem Unmenschen deiner
Art abzugeben, der eine fromme Schwester verläumdet!" Ich antworte patzig,
das fromme Männlein wird ganz wüthend, verdammt mich in die unterste Hölle,
ich gehe den Bündel zu schnüren und wenn Meister Märzens Schwester mir
nicht gesagt hätte, mich augenblicklich aus dem Staube zu machen und ihrer
angenehmen Nächstenliebe eingedenk zu bleiben, so würde mich der Gensdarm
erwischt haben, denn dieser war keine zehn Schritte mehr vom Hause, als ich
zur Hinterthüre hinausschlich.
Ohne Paß und Kleider, besaß ich nichts außer einem Fünflivre, den Mamsell
März mir in der Eile zugesteckt hatte, lief gleich einem Feuerreiter Tag
und Nacht und kam halbtod [halbtodt] wieder nach beinahe vierteljähriger
Abwesenheit in Straßburg an.
Hier blieb ich über Nacht, spazirte bei Kehl über die Brücke und schlug den
Weg nach meinem Heimathdörflein ein, um den Rest meines mütterlichen
Vermögens oder doch einige Napoleons zu holen und mich damit in die Schweiz
zu machen. Glaubst du es, mein lieber Zuckerhannes?
... Schläfst du? ... Nun, s'ist gleich aus; ich reiste zu meinem Vater auf
ähnliche Weise, wie du, hungerte am Tage, lief bei Nacht und fand auch eine
kühle, böse Aufnahme! Du weißt es! Alles im Dörflein ist todtenstill, wie
ich hinkomme, nur einige Hofhunde bellten in die Nacht hinaus, zu Hause lag
Alles wie der Vater im Schlafe; ich klopfe, er steht auf, schaut zum
Fenster heraus, erkennt mich, rennt fort, um die Flinte zu holen und droht,
mich elenden Spitzbuben über den Haufen zu schießen, wenn ich nicht
augenblicklich fortgehe.
Die Verzweiflung macht mich rasend, der Teufel zeigt mir einen Bengel, der
mitten im Hofe lag, ich packe denselben und schlage so wüthend auf die
Thüre los, daß alle Geschwister und die Nachbarn wach werden und laut
rufen.
Plötzlich öffnet der Vater die Thüre, drückt die Flinte auf mich ab, die
Kugel streift aber blos die Achsel ["]... schau da, Zuckerhannes, dies
Wundmal ist die ewige Erinnerung an jenen fürchterlichen Augenblick! ...
ich haue in blinder, besinnungsloser Wuth mit dem langen, knorrigen Bengel
in den dunkeln Hausgang hinein und ehe ich den dritten Schlag thue, packen
mich des Liebhardts Knecht und der Hansjörg, der mit mir so lange auf dem
Katzenbänklein gesessen, von hinten, der Hannesle stürzt mit dem Lichte und
einem alten Säbel aus der Thüre und ... ich schaudere, wenn ich daran
denke, du magst dir alles Andere selbst denken!" ... Schaudernd kehrt sich
der Duckmäuser ab, schlüpft mit dem Kopfe unter den Teppich und es bleibt
ungewiß, ob er weine oder schlafe.
Der altersgraue, finstere und allzuharte, doch sonst brave Jacob lag
blutend damals in der Hausflur, der Kopf war ihm auf einer Seite ganz
zerschmettert, er stöhnte und röchelte nur noch wenige Augenblicke und
verschied, ehe irgend eine Hülfe kommen konnte.
Sein Sohn, der ehemalige Unterlehrer, Dorfhanswurst, Anführer der
Altmodischen, Schweinehirt, Hobist und Schreiner ist ein _Vatermörder_
geworden und sitzt als solcher jetzt schon lange Jahre im Zuchthause. Er
ist gelassen, gleichmüthig, folgsam, arbeitsam, doch _gebessert_ ist
er nicht, schiebt die Schuld seines Unglückes nur auf Andere und wenn er
auch zugibt, der Teufel habe ihn schlecht und verbrecherisch gemacht, so
weiß er doch nicht, auf welche Weise er der Herrschaft des Teufels zu
entrinnen vermöchte.
* * * * *
#DER DUCKMÄUSER LÄßT SICH ETWAS ERZÄHLEN.#
Der Duckmäuser liegt im Schlafsaale und flüstert zum Kameraden hinüber:
"Schau, es geht jetzt ins 10. Jahr--bis Peter und Paule wird's just zehn,
daß mich die Gensdarmen geholt haben und darfst glauben, daß ich wenig
Freuden erlebte und nur so mitmachte von einem Tag zum andern und war froh,
wenn ich recht ermüdet im Schlafsaal lag. Der Zuckerhannes blieb der Erste
und Letzte, mit Dem ich mich näher einließ und ihm meine wahre Geschichte
erzählte. Er ist ein guter, armer Kerl, hat's auch im Zuchthaus besser
gefunden als draußen und sie würden ihn schon wieder gekriegt haben, davor
bin ich nicht bange! ... Ist Einer _einmal_ da gewesen, so geht's das
zweite Mal viel leichter bei den Rechtsverdrehern und bei denen, die sie
schon in den Klauen gehabt haben! ... 'S ist gut, daß er tod ist!"
"Ja, weiß Gott, seufzt der Donat, 'n armer Teufel hockt geschwinder im
Zuchthaus, als man eine Hand umkehrt. Bin jetzt das erste Mal da, aber ich
hab' meine Sach in Amtslöchern und Correctionshäusern schon mitgemacht und
es ist mir wunderlich gegangen, könnte ein Buch davon schreiben!"
"Ei, draußen kannst du doch Einem aus dem Wege gehen, der dir nicht gefällt
oder ihm Eins hinter die Ohren schlagen, aber hier? ... Seit der Teufel den
Spaniolen hereingebracht hat, ist's mit meiner Ruhe aus; wenn ich den
dürren Halunken mit seinen falschen Augen, die eine halbe Stunde weit im
Kopf drinnen liegen, nur ansehe, ist mir das Leben verleidet und ich
zittere an allen Gliedern und er regiert Alles, leitet Alles, kann's mit
den Aufsehern, daß es ein Schade ist. Fünf Jahre war ich nie im Arrest,
jetzt komme ich alle Augenblicke hinein und Alles ob dem Spitzbuben!
"Der Spaniol ist ein Teufelskerl und ich meine immer, ich hätte ihn auch
schon gesehen in Donaueschingen oder in der Neustadt ... nein es war in
Lengkirch, wo er 3 oder 4 verschlossene Wagen mit fremden Thieren
commandirte und auf die Freiburgermesse zog... Er mahnt mich an Einen, dem
ich auch gerne mit der Holzaxt winkte!"
"Verdammt, ich kann heut nicht schlafen, 's geht mir jedesmal so, wenn ich
Beize kochen muß, das Geschäft ist zu leicht für mich! brummte der
Duckmäuser;--weißt Du was, Donat, erzähle mir deine Geschichte, ich erfahre
dann wieder, wie's draußen bei ordentlichen Leuten zugeht und lerne Dich
kennen!"
"Kann auch nicht schlafen, Du hast mir Deine Sache auch ausführlich
erzählt, eine Ehre ist der andern werth! ... Wer hat heute Nacht die
Wache?"
"Der alte Moritz, der sieht nichts und hört nichts und wenn er kommt,
rieche ich ihn von weiten."
"Riechen? ich habe noch nichts gerochen! meinte der Donat."
"Hoho, warte nur, bis Du ein, zwei, drei, fünf Jährle hockst, dann wirst Du
Schnaps oder Tabak auf hundert Schritte riechen durch allen Gestank
hindurch! ... Fange nur ruhig an, wir stecken die Köpfe unter den Teppich
und ich halte die Ohren zu Dir, wie der Pfarrer, wenn er Beichte hörte!"
"Ja, Du mußt mir aber _mehr_ glauben als er, er glaubt Keinem mehr,
weil die Meisten ihn anlügen, und die vor Allem, die Begnadigung wollen.
Der Stoffel hat mir erst gestern gesagt, er habe im Beichtstuhle mehr Gutes
als Böses gebeichtet und zwar so, daß bei seinen Gutthaten jedesmal ein
kleines Häkchen war, daß sie halb und halb wie eine Sünde aussehen! ... Er
spielt den heiligen Crispin, der den Reichen Leder stahl, um den Armen
Stiefel zu machen; es war gut, daß dieser nicht im Badischen lebte, wo sie
allgemach das Almosengeben bei drei Gulden Strafe verbieten, wenn man sein
eigen Sach' herschenkt!"
"Nur zu, das gibt Rekruten fürs Zuchthaus! lachte der Duckmäuser. Wenn's
Bettele verboten wird, wird das Stehlen erlaubter! ... Doch, fange an,
kannst schon ein bischen laut reden, das Murmelthier schnarcht wie
besessen, daß man sein eigen Wort kaum hört!"
"Das Beste ist, daß man Gedanken nicht einsperren kann, ich hocke da, doch
meine Gedanken streifen den ganzen Tag herum, und am liebsten nach dem
Unterland oder das Höllenthal hinauf gegen Lenzkirch, denn dort ist meine
Heimath, nämlich in jener Gegend, die für so rauh und wüst verschrieen wird
und mir doch hundert Mal besser gefällt, als der Breisgau mit allem Wein
und Obst und Kesten und der großen, schönen Stadt Freiburg dazu. Ich sehe
wahrhaftig mein niederes Strohdach und die langen braunen, hölzernen Wände,
den Milchbrunnen, den Misthaufen beim Hause und die Halde worauf es still
und heimelig steht und hinabschaut in das Thal mit den zerstreuten Häusern.
Ringsum lauter Tannenwald und dunkle Höhen, statt Trauben Tannenzapfen,
statt Aprikosen und Kesten, Schlehen und Elzbeeren und statt Welschkorn und
Tabak einzelne Hafer- und Kartoffelfelder, die selten gut ausgeben. Aber
wie schön ist's, wenn der haushohe Schnee schmilzt, die würzige
Frühlingsluft aus den Tannenwäldern herüberweht und die blitzenden Bächlein
durch die Matten eilen, mit ihrem würzigen Grün, den gelben, rothen und
weißen Blumen! ... Holz, Vieh, Milch und Schmalz gibt's bei uns auf dem
Walde und kunstfertige Leute dazu und in so mancher Strohhütte steckt mehr
Geld und Gut und vielleicht auch Bravheit, als hier wohl in manchem
Herrenhause."
"Wenn Du so anfängst, dann werden wir vor Morgen nicht fertig; rede nicht
lang von der Heimath, sonst muß ich an meine denken, nein, _die_ ist
schön! ... Der Mensch ist halt auch wie das Vieh, er geräth am besten, wo
er daheim ist und ist ihm dort am wohlsten, wenn's in Sibirien wäre!--O
Gott!"--
"Sibirien? Ja, das badische Sibirien nennt man meine Gegend und noch mehr
die rechts gegen den Schluchsen und Feldberg zu. Meinethalben, ich möchte
doch mein Lebenlang gern als der ärmste Holzschläger oder Kohlenbrenner
dort leben! Jetzt will ich erzählen, wie Du es wünschest, aber wie
wünschest Du es? Ich kann halt nicht viel besser reden, als mir das Maul
gewachsen ist und man kriegt so wunderliche Gedanken!"
"Thatsachen will ich, lauter Thatsachen!" flüsterte der Duckmäuser.
"Aha, Thatsachen! weiß was das ist, wer ins Zuchthaus soll, erfährts!
Herrgott, wie haben sie mich mit den verdammten "Thatsachen" gequält, die
Leuteschinder und am Ende doch wegen Etwas verurtheilt, was gar keine
Thatsache ist! ... will also mit Dir reden, wie es der Asessor haben
wollte, lauter Thatsachen! paß auf!"
Gerade wie der Zuckerhannes hatte ich auch keinen Vater, daß heißt, der
Halunke wollte nichts von mir wissen. Meine Mutter war bei Lenzkirch daheim
und diente in Freiburg in der Salzgasse und später in der Egelgasse. Sie
soll ein hübsches "Mensch" gewesen sein und ich glaube es, denn ihre
schwarzen Augen und Haare und ihr kurzer stämmiger Leib blieb, als die
rothen Backen längst verschwunden und der Mund nicht viel mehr lächelte.
Die Studenten, Offiziere und andere Herren waren ihr sehr auf den Fersen,
sie wußte davon zu erzählen, aber sie wollte lange gar keinen Liebhaber und
am Ende doch lieber Einen, der sich offen mit ihr sehen ließ, als so einen
Vornehmen, der nur ins geheim lockt und schmeichelt und jede Gans weiß,
wohinaus das Ding will. Am Ende bekam sie ein Unteroffizier am Bändel, der
ihr ganze Packe Briefe und Gedichte schrieb, in der Dämmerung niemals im
Hausgange fehlte, lauter Liebes, Gutes und Süßes gelobte und nicht ruhte,
bis ich da war. Er gab um Heirathserlaubniß ein, sagte und schwur es
wenigstens, doch war er noch kein Einständer und als das Regiment nach
Carlsruhe kam, war meine Alte petschirt und heulte sich fast die Augen aus
dem Kopf. Sie that mich zu meiner Großmutter im Haus auf der Halde, das ich
Dir beschrieb und ich verlebte dort meine besten Tage. Die Zeit, wo ich den
ganzen Tag eine Rotznase hatte und im bloßen Hemd herumklunkerte, ist die
schönste gewesen und ich wollte nur, daß ich wieder ein "Hemmetklunker"
wäre! ... Ich ging ins achte Jahr und hatte schon einigemal die Schule
besucht, wenn der Weg nicht verschneit war und auch die Mutter oft gesehen,
die mir jedesmal die Nase alle Augenblicke putzte und mir Gutseln oder
Butterwecken brachte, was ich um mein Leben gern aß, da legte sich die
Großmutter hin und starb. Ich durfte nicht mehr in der Hinterstube bleiben,
wo ich wie im Himmel gelebt, denn die andern Leute auf der Halde hätten
mich zwar behalten, allein die Mutter war unten im Dorfe verheirathet und
nahm mich zu sich.
Der Gang von der Halde war der Gang in mein Unglück.
Meine Mutter hatte einen Wittwer geheirathet, der für einen Uhrenmacher in
Lenzkirch arbeitete, jedoch nicht in Lenzkirch sondern daheim.
Dieser Wittwer besaß eine durstige Gurgel, einen Humor, wie ihn der Teufel
nicht besser haben kann und 3 Kinder von der frühern Frau, die er unter den
Boden gebracht hatte mit Schimpfen und Schlagen.
Er zeigte mir, was es heiße, einen Stiefvater zu besitzen und plagte mich
sammt der Mutter um die Wette, prügelte seine eigenen Kinder dazu und wer
von Allen geschimpft, geschlagen, gestoßen wurde und kaum mehr als ein
Kreuzschnabel zu fressen bekam, der war ich ... Meine Mutter mußte es vom
frühen Morgen bis tief in die Nacht hören, daß sie ein Soldatenmensch und
ich ein Bankert sei und wenn der Stiefvater besoffen von Lenzkirch kam, gab
es oft die ganze Nacht keine Ruhe.
Die Mutter schlug mich nie, aber tausend Mal sagte sie, um meinetwillen
allein müsse sie leben wie ein Hund und es gereue sie, mich nicht in die
Dreisam geworfen oder erwürgt zu haben, bevor ich recht auf der Welt war!
Dafür mag der Teufel dem Unteroffizier danken!
Die Leute im Dorfe waren nicht so arg wie die Landleute des Zuckerhannes,
ich bekam es besser und trieb mich die meiste Zeit in andern Häusern herum,
wo ich zu essen genug bekam, weil man wußte, wie mich der Stiefvater
behandelte und mich sammt der Mutter bedauerte, die sich tagaus tagein
schinden und plagen mußte und das ganze Jahr keine gute Stunde dafür bekam.
Der Pfarrer sah das Elend und sprach sie von dem wüsten Kerl weg, der aber
konnte mit dem Hauswesen und den 3 Kindern nicht allein fertig werden und
weil meine Mutter sich doch nicht ganz scheiden lassen konnte, ließ sie
sich durch seine Bitten und Versprechungen bethören und zog wieder mit mir
zu ihm. Bald fing der alte Tanz wieder an, meine Mutter bekam auch ein Kind
und dann gleich noch eines und seitdem konnte auch sie mich nicht mehr
leiden und ich irrte Tag und Nacht aus einem Hause ins andere, wo man mir
einen Platz am Ofen gönnte und etwas Warmes gab. Solches war auch nicht
überall der Fall, ich mußte auch von fremden Leuten bittere Dinge hören und
Schläge hinnehmen, doch hatte ich meine bestimmten Häuser und suchte mich
wohl daran zu machen durch Viehhüten oder Botengänge nach Lenzkirch oder in
die Neustadt oder was man mich sonst hieß.
Ich besuchte auch die Schule und betete fleißig, denn oft genug sagte die
Mutter "Donatle, bete und denke an Gott, du hast sonst Niemanden auf der
Welt, ich kann Deine Mutter nicht sein, das siehst Du!"
Gottlob, daß sie unter dem Boden ist, meine Kette da brächte sie sonst
hinab; sie ist schon lange todt und habe ihren Leichenzug nicht gesehen,
Gott schenke ihr die ewige Ruhe und Glückseligkeit! Auf der Welt hat sie
wenig Gutes gehabt und war doch keine böse Frau, nur zu gut für den
schlechten Stiefvater!
Ich war bald 14 Jahre alt, da wurde unser Pfarrer versetzt und _den_
Tag, wo der neue zum ersten Mal in die Schule kam, vergesse ich in meinem
Leben nicht! Das fortwährende Schimpfiren und Verlästern der Geistlichen
ist nicht schön und recht, es gibt gute Herren unter ihnen und der neue war
Einer davon.
Er betrachtete mich genau, weil ich gar elend dreinsah und keinen Fetzen an
mir trug, den ein Lumpenmann hätte nehmen mögen, fragte mich, wer und woher
und dies und das und heißt mich am andern Tage ... es war just ein
Donnerstag und wir hatten "Vacanz"... in den Pfarrhof kommen.
Kannst Dir denken, daß ich den Tag kaum abwarten konnte und hoffte, Etwas
zu kriegen. Als ich zu ihm hineintrat, fragt er mich, ob ich den Weg nach
Bonndorf wisse, ich sage: ja; dann fragt er, ob ich einen Brief an den
Herrn Stadtpfarrer in Bonndorf besorgen wolle und ich sage: gern! Da mußte
ich mich in ein anderes Zimmer setzen, die Köchin brachte mir Etwas zu
essen und ein Glas Wein, daß ich meinte, jetzt auch einmal ein großer Herr
zu sein. Nachher gab mir der Pfarrer noch einen Sechser und meinte, ich
solle in Bonndorf etwas essen, doch ich hatte gegessen, einen Sechser in
meinem Leben noch nicht gehabt und der Wein gab mir Kraft und Muth, daß ich
gar nicht spürte, was für ein Wind von Sankt Blasien herpiff [herpfiff] und
daß ich baarfuß herumzottelte. Ich flog wahrhaftig, denn in Bonndorf
glaubte ich wieder Etwas zu bekommen, bekam auch einen Zwölfer und einen
Brief retour. Als ich den Brief abgab, fragt der Herr, ob ich meinen
Sechser gebraucht habe, ich zeigte ihm den Fetzen Papier, den ich zwischen
Lenzkirch und Bonndorf gefunden, worin ich mein Geld eingewickelt hatte und
streckte es hin, damit er es wieder nehme. Doch ließ er mir nicht nur das
Geld, sondern schenkte mir auch einen Rock, ein paar Hosen und bezahlte den
Schneider, der mir eine prächtige Montur daraus zuwege machte; kurz, der
Pfarrer wurde mein Vater, ihm zu Liebe lernte ich besser in der Schule und
es war ein großes Unglück, daß der gute Herr sehr bald aus der Gegend
fortkam, denn er hat mir oft gesagt, ich müßte eine gute Profession lernen
und wenn dieses geschehen wäre, läge ich nicht in einer Kette hier!
Kann's nicht beschreiben, wie gut der Mann gegen mich elendes Kind gewesen
ist, Gott wirds ihm entgelten und ich will froh sein, wenn er nichts von
mir erfährt!
Ich möchte noch Vieles sagen, lauter Thatsachen, Duckmäuser, könnte die
halbe Nacht allein vom Pfarrer erzählen und thäte es lieber als das Andere,
denn der Weg, den ich jetzt betrat, war kein guter. Aus der Schule
entlassen, trieb ich mich einige Jahre in der Gegend herum, und trieb bald
Dieses, bald Jenes, um leben zu können und den Stiefvater nicht um Etwas
ansprechen zu müssen. Es ging mir gerade, wie den Hasen des Fürsten von
Donn'schingen im Winter, nämlich es war Winter und ich hatte nichts zu
beißen und zu nagen, da kamen ein Mann und eine Frau aus einem Zinken nicht
weit von meinem Orte--ich traf sie in der Sonne zu Neustadt, nein, es war
in der Post, ich sehe noch immer den dicken Posthalter mit der großen
rothen Nase, wie er mit dem Schoppen herwatschelt und jedesmal sagt:
"Gesegne's Gott, 's ist ächtes Breisgauergewächs!"--Also die Beiden
brachten mir's zu und sagten nach längerem Hin- und Hergerede: "Weißt du
was, Donatle? 'S ist Winter, hast Uebel Zeit, dein Stiefvater ist ein Lump,
du hast erfahren genug wie er uns anfeindet, aber du bist ein änstelliger
[anstelliger] Bursche, kein Mensch will sich Deiner erbarmen, komm zu uns,
bis es besser wird. Du arbeitest, was es zu arbeiten gibt, viel ist's
jedenfalls nicht und wenn Du auch Nichts kriegst, hast Du doch zu essen und
ein Obdach!"
Das kannst Du glauben, daß ich mich nicht lange besann, sondern einschlug;
es war besser als Holzmachen oder Schneeschaufeln oder Leiternmachen, was
ich schon thun mußte. Ich ging auf der Stelle mit dem Glasjakob und seiner
alten Fränz, mit der ich ein Stück biblische Geschichte durch machte, bloß
daß die Sache einen unbiblischen Ausgang nahm.
Die Fränz hatte 48 Jahre auf dem Buckel, graue Haare und Runzeln genug,
keine drei ganze Zähne mehr und eine Nase wie ein Ulmerkopf, kurz es war
ein altes, wüstes, ungattiges Thier und hatte außer dem ältesten Sohne, der
2 Jahre älter als ich war und längst mit dem Reff auf dem Buckel als
Glashändler im Unterland hausirte, noch 5 Kinder und die beste Seele von
der Welt zum Manne.
Sie konnte recht gut meine Mutter sein, doch bald machte sie es wie
Putiphars Frau und weil ich nicht der Joseph, sondern der Donat bin, hing
sie mir bald am Halse und ich wurde bis über die Ohren in sie verliebt.
Du magst es glauben oder nicht, so ein armer Tropf wie ich kommt nicht
leicht zu einem Weibsbilde und hat doch auch sein Fleisch wie Andere, die
Fränz war die Erste, mit der ich zu thun bekam. Sie wurde ganz und gar
hirnverrückt und wüthend, und ich ein vollkommener Narr! ... Item sie
schafft Rath, beredet ihren guten blinden Jakob, ihr einen Heimathschein
ausfertigen zu lassen, lügt ihm vor, sie wolle ihre Freundschaft besuchen
und in ihrer Heimath eine kleine Erbschaft holen, die sie gemacht habe, der
Mann ist voller Freuden, sie geht, in Lenzkirch finden wir uns und reisen
nicht gegen Bonndorf sondern durch das Höllenthal nach Freiburg und wutsch
dich! saßen wir über dem Rhein, arbeiteten in einer Fabrik in Mühlhausen
drüben und lebten wie Vögel im Hanfsaamen!
Nach einigen Monaten hatte ich das Elsaß und die Fabrik und die Fränz genug
und wollte sie mir vom Halse schaffen. Aber sie hängte sich an mich wie
eine Klette, als sie den Butzen merkte und ich verließ sie bei Nacht und
Nebel. 'S freut mich noch, wenn ich mir vorstelle, wie sie am Morgen
aufwachte, nach mir griff und nichts fand als das leere Nest, was mag
_Die_ für Augen gemacht, geschimpft und geflucht haben!--Ich hatte
mich mit Kleidern gehörig ausstaffirt, trug ein wälsches Hemd oder eine
Blouse, wie mans dort drüben nennt und ziemlich Geld in der Tasche, denn
haushälterisch war die Fränz stets gewesen, das muß ich ihr nachsagen! Ich
glaube wahrhaftig, daß ihre Verfluchungen mich verfolgten, denn geliebt hat
sie den Donat, sonst würde sie nicht Mann und Kinder verlassen und mir
angehangen haben!
Also ich laufe einige Tage, da begegnet mir be- [bei] Karlsruhe drunten ein
Mann, fragt woher, wohin und was und da er hört, ich suche einen Dienst,
gleichviel was für einen, angagirt er mich als Knecht, das heißt, ich mußte
immer Fische nach Karlsruhe schleppen und Fischhäuser hüten. Mir gefiel
Alles außer dem frühen Aufstehen, aber die Herrlichkeit dauerte nur kurze
Zeit.
Muß ich just an des Großherzogs Geburtstag zu einem Wirth nach Karlsruhe
und ihm sagen, er möge zu meinem Herrn fahren und die Fische holen, die
bestellt worden seien; dieser läßt den Knecht einspannen und der
Mathäubesle, also hieß der Knecht, ein fuchsrother Kerl voll Sommerflecken
im Gesichte, der am Titisee daheim war, meint: Landsmann, fahr mit! ... Wir
sitzen auf dem Wagenbrett, der Mathäubesle will zufahren, da fängt ein ganz
verfluchtes Kanoniren an, der Gaul wird scheu, der Mathäubesle kann's nicht
mehr halten, springt über die Leitern hinab, ich will unten durch, bleibe
hängen und das wüthende Roß schleppt das Wägele sammt mir einige hundert
Schritte weit, wo endlich einige Dragoner stehen und ihm den Weg
versperren.
Kannst Dir denken, wie ich zugerichtet war; halbtodt wurde ich in ein
fürnehmes Spital getragen. Keinen Fleck am ganzen Leib gabs, der mir nicht
wehe that, ich war nur Eine Wunde und Ein Pflaster, lag viele Wochen
elendiglich darnieder und wäre wohl nicht davon gekommen, wenn die
Karlsruher Aerzte mich armen Kerl nicht so fleißig und sorgfältig besucht
und für mich gesorgt hätten, als ob ich nicht der Donatle vom Schwarzwald,
sondern ein Prinz wäre.
Die halbe Kost fing just an, mir recht zu schmecken, da wurde ich aus dem
Spital entlassen und durfte nicht mehr zum Fischhändler, sondern wurde
heimgewiesen mit dem Zeugniß, daß ich arbeitsunfähig sei und mich zuerst
erholen müsse. Eines Theils war es mir nicht recht, denn der Fischhändler
hatte ein Prachtsweib und dieses war zu mir in den ersten Tagen in die
Kammer gekommen und hatte Dinge geredet, die mir klärlich zeigten, ein
junger, starker Schwarzwälder sei ihr weit lieber als so ein alter,
abgelebter Stockfisch, der ihr Mann hieß. Sie hätte mich gut gehalten, die
Arbeit war ohnehin nicht weit her und große Lust zum Arbeiten hat mich mein
Leben nie geplagt, wenn es nicht sein mußte. Anderseits gefiel mir aber
auch das Herumziehen und als ich beim Sternen die Steig hinausging und mich
wieder von meinen Bergen umschlossen sah, freute es mich gewaltig, doch
dachte ich wieder ans Fortgehen nach einigen Wochen und die Sache kam so,
daß ich bald gern ging von wegen der Fränz.
"Wie ist's denn der alten Schachtel gegangen?" fragt der Duckmäuser
begierig.
"Besser als sie's verdiente!["] ... Nachdem ich sie verlassen, zog sie
einige Tage im Breisgau herum, wurde mit dem längst abgelaufenen
Heimathsschein erwischt, heimtransportirt und zunächst zur Abkühlung 8 Tage
in Schatten gesetzt. Dann wurde der Jacob in die Neustadt citirt, befragt,
ob er sein entlaufenes Weib wieder wolle, er sagte Ja und sie ging mit ihm
heim. Da sie alle Schuld auf mich geschoben hatte, bekam ich bei der
Heimkunft auch meinen Theil und mußte 14 Tage sitzen. Zum Jacob wollte und
durfte ich nicht mehr, wollte auch nichts mehr von der Fränz wissen. Geld
hatte ich keines, Schaffen wollte ich nicht so schwer, essen und trinken
hält Leib und Seele zusammen und um Etwas zu bekommen, langte ich zu, wo
war, anfangs mit erschrockenem Herzen, bald kecker. Die Mutter war todt,
der Stiefvater warf mich aus dem Hause, ein Handwerk konnte ich nicht,
Taglöhnern kostet Armschmalz, ich zog in der Gegend herum, wurde auf dem
Michaelimarkt in der Neustadt arretirt und auf 2 Jahre zu den Blaukitteln
nach Bruchsal geschickt. Dies war schlimm, doch schlimmer war's, als ich
nach 16 Monaten begnadiget wurde und mit Laufpaß heim mußte. Ein paar
Zwilchhosen, ein Wamms von Sommerzeug, ein grobes Hemd, welches mir die
Strafanstalt gab nebst einem paar Schuhen und einer Kappe, die ich einmal
einem Besoffenen vom Schädel gerissen, war nebst 42 Kreuzern Alles, was ich
auf Erden besaß, wie ich heimkam.
Wie konnte ich in solchem Aufzuge Arbeit suchen, mich vor den Leuten sehen
lassen oder auch nur in die Kirche gehen? Die Fränz, kein Mensch wollte
Etwas von mir wissen und doch war mir die Lust am Stehlen vergangen. Es
gehört Spitzbubenglück dazu, ich hatte keine Fiduz und keine Courage mehr,
um gleich wieder zuzugreifen. Ich ging hinüber in die Neustadt, trank mit
den letzten 12 Kreuzern Muth und begab mich gerade zu auf das Amt, um zu
melden: "ich _wolle_ nicht mehr stehlen, aber ich _müsse_ es,
wenn ich keinen Heimathschein und keine Kleider sammt einigen Batzen
bekäme, um _anderswo_ Arbeit zu suchen; im Grunde wär's mir lieber
hier, aber niemand wolle mich beschäftigen." Ein Herr vom Amte zog
mitleidig den Geldbeutel, der Amtmann gab mir einen Rock, denn ich heulte
wie ein Schloßhund und um Martini darf man auf dem Swarzwalde
[Schwarzwalde] kein Zwilchwamms und sonst nichts tragen, wenn man nicht
erfrieren will. Ein Schreiben an den Bürgermeister verschaffte mir Alles,
was ich brauchte, sogar mehr, nämlich Grobheiten, weil ich nicht zuerst zum
Bürgermeister, sondern gleich vor die rechte Schmiede gegangen war. Ich
kannte den Vogt schon, er war ein unmenschlicher "Packer," der ja wußte,
woran ich war und doch kein Zeichen that, als ob er mir helfen wolle.
Mit dem Heimathschein und einigen Batzen Geld zog ich ab, verkaufte in
Freiburg den Rock des Amtmanns, weil ich ihn doch nicht ohne gehörige Hosen
tragen und auch nicht zurecht machen lassen konnte und zog jämmerlich bis
hinab nach Ettlingen, denn dort war Arbeit genug zu finden, weil eben die
große Spinnerei gebaut wurde. Weil meine Papiere richtig waren, kümmerte
sich die Polizei nicht um meinen Anzug und leeren Geldbeutel, denn Arbeit
hatte ich auf der Stelle. Eine Wohnung zu finden, war keine Kleinigkeit,
ich wurde an vielen Orten abgewiesen und wie eben die Armen am liebsten den
Armen helfen, fand ich zuletzt bei blutarmen Leuten auch eine Wohnung. Kost
konnten sie mir nicht geben, wollte auch keine, denn Kleider waren vor
Allem nöthig; Kleider kosten Geld und mein Taglohn war nicht gar groß. Ja,
der Donat _kann_ arbeiten und hungern, _wenn er muß_; drei
geschlagene Monate sah ich kein Stücklein Fleisch und keinen Tropfen Wein,
sondern erhielt mich fast nur bei Brod und Milch, schlief dabei recht gut
und konnte das schönste Weibsbild ansehen, als ob ich ein Klotz geworden
wäre! ... Nach drei Monaten hatte ich aber nicht nur Kleider, sondern auch
das ganze Wohlwollen der Werkmeister und insbesondere das der Tochter
meiner Hausleute, ohne daß ich letzteres wußte, weil sie nie ein Bröselein
davon verlauten ließ, wenn sie aus ihrem Dienst von Karlsruhe auf Besuch
herüberkam. Als die Fabrik so weit fertig und Maschinen eingerichtet waren,
saß ich einmal recht bekümmert nach 12 Uhr bei einem der letzten Sandhaufen
in der Sonne und dachte an die Zukunft, da kommt auf einmal der Director
der Spinnerei auf mich los, ein braver Herr, der mich oft im Auge gehabt,
jetzt aber just fast das erstemal mit mir redete und sagte: "Donat, weil Er
als Fremd so lang und fleißig hier gearbeit hat, will ick Ihn in die
Spinnerei nehmen als Lehrlink. In 3 Mond kann Er die Sack, kriegt täglich
36 Kreuzer. Wenn Er keine dumme Deutsch ist, bekommt Er dann ein Maschin
und verdient schön Geld! Was sagt er zu der Sack?"
Kannst Dir einbilden, Duckmäuser, daß ich da stand wie aus dem Himmel
gefallen und zehnmal in Einem Brumm "Ja" sagte; ich muß roth und recht
einfältig dreingesehen haben, denn der Herr lachte und meinte:
"Nehm' er nix für ungut, ich bin ein Franzos und sprecke etwas heroisch,
bin hitzig, aber ick fresse keine Deutsch und meine es nit so böse!"
Der Herr Director wurde mein zweiter Schutzengel, wie der Pfarrer mein
erster gewesen; sein Auge blieb stets auf mich gerichtet, er gab mir viele
Ermahnungen und hielt mich von Vielem ab, denn der Teufel juckte wieder
hollops in mir. Die Spinnerei wollte mir nicht gefallen, die Lehrmeister
waren lauter Franzosen und neidisch, einen Deutschen zu lehren. Der Herr
Director machte, daß ich als Zuschläger in die Schmiede kam, wo ich einen
andern Director und täglich einen Gulden erhielt. Konnte es nicht lange
aushalten, bekam Blutspeien und wurde fremd. Eben stand ich in meiner
Kammer, um das Bündele zu schnüren, da ließ mich der alte Director kommen
und machte mich herunter, weil ich so mir nichts dir nichts davonlaufen
wollte, ohne ihm ein Brösele zu sagen und fuhr mich dann an:
"Gestern hab' ick die Mann, der an das laufende Maschin war, entlassen. Er
liebt die Sauf und soll nit unglücklick werden. Will Er sick besser halten,
als der Vorgänger, so thu' ick Ihn an seine Stell. Er bekam taglik einen
Gulden zwölf Kreuzer, Ihm geb' ick acht und vierzig Kreuzer täglik, aber
nock eine Gehilf, will Er?"
Kannst denken, wie froh ich war und es kam noch besser, denn die Käth, also
hieß die Tochter der Hausleute, kam nach Hause, weil sie krank gewesen war
und den Dienst bei der Herrschaft verloren hatte, bei der sie 6 Jahre in
Einem Zug gedient hatte. Sie hatte die "Durchschlechten" gehabt, war noch
sehr schwach, doch ein braveres Mädle wächst im ganzen Unterland nicht; ich
wurde in sie ganz anders verliebt als in die Fränz, betrachtete die Käth
wie eine Heilige, sie und der Herr Director haben mich vor Vielem bewahrt!
--Vier Monate später führt der Satan den rothen Mathäubesle auch nach
Ettlingen und dieser leichtsinnige Passagir wurde mein Freund, weil er mein
Landsmann war, zog mich zum Saufen und Spielen, so oft er konnte und war
mit den Weibsleuten nicht heikel! ... Untreu wurde ich der Käth nicht oft,
aber nach 6 Monaten verfehlten wir uns und ich wäre ein schlechter Kerl,
wenn ich sagte, _sie_ sei schuld daran gewesen. Sie hat mich oft genug
davor gewarnt und mir die Leviten gelesen, aber die Beste hat schwache
Stunden und ich war in diesem Punkte kein Held wie Du, wenn's wahr ist!
Als die Eltern die Sache merkten, sollte ich auf einmal aus dem Hause und
ging auch, weil ich das Heulen und Schimpfiren nicht mehr sehen konnte.
Alle Sonntage traf ich mit der Käth in Busenbach zusammen, doch die Eltern
waren ihr auf den Socken und wollten auch dies nicht mehr leiden.
Eines schönen Morgens muß ich vor Amt, der Asessor schnauzt und bellt mich
an, ich müsse binnen 3 Tagen die Fabrik und den ganzen Amtsbezirk
verlassen, wo nicht, so müßte mich der Gensd'arme holen. Ganz vertattert
frage ich warum und da sagt er mir, ich hätte ein Mädchen mit einem Kind
und sei auch schon in Bruchsal gesessen.
"Ja, das ist wahr, sage ich, aber darf ein Mensch, der seine Strafe
erstanden und sich ehrlich und redlich ernähren will, nirgends mehr
arbeiten?"--"Er kann arbeiten, wo Er will, aber in diesem Amtsbezirk ist's
mit Ihm Mathäi am Letzten!"--Jetzt sage ich, der Asessor soll mir in den
Heimathschein schreiben, weßhalb ich nicht mehr hier arbeiten dürfte, er
aber sagt, ich habe es gehört, was zu thun sei und soll mich packen!
Ich besann mich auf dem Heimwege und blieb in der Fabrik.
Acht Tage später werde ich richtig auf die Wachtstube gerufen, sind da 2
Gensd'arme, führen mich vor Amt und der Asessor sagt, ich müsse jetzt 24
Stunden ins Loch und wenn ich in 8 Tagen nicht fort sei, lasse er mich
heimtransportiren.
Bei der Rückkehr in die Fabrik nahm mich der Herr Director ins Verhör, wo
ich gewesen sei und weil ich für ihn durchs Feuer gegangen wäre, entdecke
ich ihm Alles haarklein und erfuhr wieder, was das für ein braver Mann war.
Er spricht mir Muth ein, meint, wenn es Jedem der 1400 Menschen, die in der
Fabrik arbeiteten, an der Stirne geschrieben stünde, was er schon gethan
habe, müßte er Manchen fortschicken. Ich soll ihm und der Käth folgen und
brav für mein Kind sorgen. Die acht Tage verstrichen und kein Mensch dachte
daran, mich auf den Wald zu jagen.
Gehe ich an einem Sonntage Mittag von Busenbach nach Ettlingen, die Käth
ist bei mir und hat unser Kind auf dem Arm, kommt uns just der Asessor mit
2 Herren entgegen, stellt mich auf dem Wege, thut aber ganz leutselig,
erzählt Alles den andern Herren und sagt zu mir: "Er wisse, daß ich immer
Kostgeld für mein Kind zahle, habe auch ein gutes Lob von den Herrn in der
Fabrik, solle nur brav bleiben und für mein Kind sorgen und so fortmachen!"
Solche Rede gefiel mir sehr wohl und wenn ich alles überlege, muß ich
sagen, daß ich mein Glück selbst mit Füßen getreten habe und ein Narr
gewesen bin, mehr auf den rothen Mathäubesle, als auf den Herrn Director
und andere Leute gehört zu haben, die es gut mit mir meinten. Ich hatte
eine neue Heimath gefunden und wenn ich gescheidter gewesen wäre, würde ich
darnach gestrebt haben, die Käth zu heirathen, die längst wieder in einer
Küche zu Karlsruhe stand. Für mein Kind zahlte ich immer redlich das
Kostgeld, aber statt bei meinem schönen Verdienst zu sparen, zog ich mit
dem rothen Kaiben und Fabrikmenschern herum und habe mehr als Eine Nacht
ganz durchgesoffen und gespielt und allgemach Schulden bekommen.
Wenn das Fabrikglöckle zur Arbeit rief, war ich oft voller Schlaf und
halbbesoffen dazu und hätte einmal leicht bei meiner Maschine das Leben
verloren, wenn nicht der Herr Director mich im letzten Augenblicke gepackt
und irgendwo hingelegt hätte, um den Rausch auszuschlafen. Die Käth kam an
Sonntagen, so oft sie konnte, hielt mich vom Saufen ab, wir Beide sollten
nur Einen Schoppen trinken, gab mir die besten Vermahnungen, ich plärrte
oft vor Rührung und fluchte oft wie ein Türke, denn ein Hitzkopf bin ich,
Duckmäuser! ... He, schläfst Du?"
"Warum nicht gar, doch mach's kurz, in der Stadt draußen brummelt die
Lumpenglocke und bis halb Fünfe ist's dann nimmer so lang!"
"Auch gut, wills kurz verlesen!["] ... Mein Mädchen predigte umsonst, der
Herr Director stellte mir Himmel und Hölle vor, aber der rothe Mathäubesle
und Andere bekamen immer mehr Gewalt über mich, ich triebs immer ärger und
ärger und wurde endlich entlassen. Die Käth weinte sich schier die Augen
aus dem Kopf, die Eltern schimpften kannibalisch, aber jetzt war Hopfen und
Malz verloren, der Asessor schnitt ein böses Gesicht, that fuchsteufelswild
und ich zottelte eben wieder in den Schwarzwald hinauf.
Daheim bekam ich Arbeit beim Fürsten als Holzschläger und hielt's ein
Vierteljahr mit dem Waldleben recht gut aus, obwohl die Arbeit ganz anders
war als in der Fabrik, wo eigentlich der Arbeiter nur Befehlerles spielt
bei der Maschine. In meinem Ort lobten mich die Leute sehr, weil ich so
lange fort war, gut gethan und rechtes G'häs mitgebracht habe und als ich
das Saufen wieder anfing, hätte mich ein Vorfall belehren können, daß ein
armer Tropf schon deßhalb nicht versaufen sollte, was er auf und anbringt,
weil man gleich glaubt, er habe das Geld dazu gestohlen.
Kommt eines Abends--es war just beim Nachtessen und ich spedirte die
Kartoffel Nro. Dreißig ins Unterquatier!--kommt so ein Gensd'arm, schaut
mich an, fragt wer und was, sieht meine Uhr an der Wand und nimmt sie weg,
muß ihm mein Trüchle öffnen; er nimmt einen Rock, zwei paar Hosen, ein paar
nagelneue Stiefel, drei Hemder, einen Hut, Schirm, endlich einen Stutzen
und zuletzt mein Geld, es waren 18 Gulden 12 Kreuzer--und die Hausleute
hattens in Verwahrung, weil ich das Trüchle nicht gut schließen konnte.
Auch der Donat selbst gefiel ihm so, daß ich im Amtsgefängnisse
übernachtete und zwar 6 mal. Man hatte dem Accisor unseres Ortes 50 Gulden
gestohlen und 100 dabei liegen lassen und ich stand im Verdachte, wieder
"gekratzt" zu haben. Aber ich konnte nachweisen, woher all' meine
arretirten Sachen waren, es stellte sich heraus, daß der eigene Schwager
des Accisors die 50 Gulden weggekratzt habe--es war auch ein Lediger, der
gern ein Mäßlein lupfte, wie ich und ein Spezel von mir, ein völlig
g'scheidter Kerl und nicht so schlecht, wie der rothe Mathäubesle, der doch
nie im Zuchthaus war!--kurz, ich wurde nach sechs Tagen wieder frei, der
Amtmann sagte gleich, ich hätte beim Accisor nicht gestohlen, denn ich
würde die 100 Gulden auch eingesackt haben und ich glaube, er hätte Recht
gehabt, wenn mir nicht die rechte Spitzbubencourage überhaupt mangelte.
Auf dem Heimwege--am Tage Mariä Geburt wars!--traf ich ein Weibsbild, das
ich schon früher gekannt hatte und nicht viele Flausen machte. Diese
Apollon war viel jünger und netter als die Fränz, dafür aber schlimmer,
wollte überall sein, wo es lustig zuging, vertrieb mir die Lust zur Arbeit,
machte mich leichtsinnig und allgemach ging alles Geld fort, ich verkaufte
alle meine Sachen, vergaß die Käth sammt meinem Kinde ganz und gar!
Höre Duckmäuser, Du hast Recht, es ist nicht das Aergste, daß Du den Alten
umbrachtest, ich begreife, daß die Hannette oder Hindania oder wie das
wälsche Mensch hieß, Dir weit mehr Gedanken macht!
Die Käth kam aus dem Unterland herauf, um mich zu besuchen, es wurde mir
gesagt und ich ging so lange fort, bis ich glaubte, daß sie die
Höllensteige wieder hinab sei.
Sie hinterließ mir bei der Adlerwirthin Wünsche für mein Glück und was ich
suche, das werde ich schon finden, soll nur das Kostgeld für das arme Kind
nicht ganz vergessen, sie bringe es nicht auf und ich kennte ja die Armuth
ihrer Eltern!--Will's mir doch das Herz zersprengen, wenn ich jetzt in
meinen Ketten an die Käth denke! ... Wie verlassen war _ich_ an Vater
und Mutter, wie oft und viel habe _ich_ deßhalb schon geplärrt und
jetzt mache ich's gerade wie der schlechte Unteroffizier!--Gottlob, daß der
Vater der Käthe keiner ist, wie mein versoffener Stiefvater, der jetzt von
seinen Buben in den alten Tagen gehauen wird trotz einem Tanzbären!--
Käthe's Kind hat einen guten Großvater, er trug es immer auf den Armen
herum, ohne daß er mich je leiden konnte und habe ihm doch mein Lebenlang
nicht ein Augvoll Böses gethan! ... Ich fand bald, was ich suchte, nämlich
das Zuchthaus, wohin mich eine That brachte, zu welcher ich von der
erzliederlichen Apollon in der Besoffenheit beredet wurde. Wurde wegen Raub
verurtheilt, Gott weiß, daß ich nie an Raub dachte, obwohl ich vielleicht
bald wieder zum Stehlen gebracht worden wäre. Man hat mir nicht geglaubt,
doch Du wirst mir glauben, Duckmäuser, denn wozu sollte ich hier lügen, wo
Stehlen und Rauben fast Ehrensache sind? Verurtheilt bin ich, kann nichts
daran ändern und denke eben, ich hab' die schwere Strafe an der Käth
verdient und an meinem Kind, an denen ich schlecht genug handelte... Wegen
Raub bin ich verurtheilt, doch höre, wie Alles zuging, pure Thatsachen!
Am 13. Juni heuer, es war an einem Sonntagmorgen und wunderschönes Wetter,
beredet mich die Apollon sie zu begleiten, sie wolle nach Aha 'nauf, um
eine alte Kamerädin zu besuchen. Wir gehen; der Himmel wölbte sich wie ein
seidenes Sonnendach über die Berge, alle Matten prangten mit Millionen
Blumen, der Titisee glänzte wie ein Metallspiegel, die alten braunen Hütten
mit ihren Strohdächern sahen aus, wie großmächtige Aschenhaufen, wo die
Buben und Mädle, der neumodischen steinernen kalten Paläste Johannisfeuer
angezündet hatten, die Luft wehte mild und frisch aus den noch dampfenden
Thälern am Feldberge, man hörte nichts als den Klang der Glocken, der durch
die Tannenwälder zitterte, zuweilen einen Vogel oder einen Schuß oder einen
Peitschenknall und hätte die Gegend für ausgestorben halten können, wenn
nicht die stämmigen Mädle mit den gelben Strohhüten und altfränkischen
Juppen mit ihren Burschen und das Herrenvolk aus Lenzkirch auf der Straße
hin- und hergewandelt und aus allen Kirchen die Anhöhen hinauf und ins Thal
hinab heimgegangen wären. Ich rauche gemüthlich das Pfeifle, betrachte
Alles und sage endlich zu der Apel, die in Einem Zug fortschwätzt, ohne daß
ich auf sie hörte: "Apel, ich glaubte, es ginge in eine Kirche; mir ist's,
als ob meine Mutter auferstanden wäre, dort zwischen den Weißtannen immer
herüberschaute und sagte: "Donatle, denk an Gott und bete, hast Niemanden
auf der Welt!"["]
Die Apel lacht laut auf und sagt: Hab's schon gemerkt, daß ein halber Narr
neben mir wandelt. Du weißt, daß ich geschworen habe, erst wieder in
d'Kilch zu gehen, wenn ich die Granatenhalsschnur habe, nach der du mir das
Maul schon hundertmal wässerig gemacht hast. Gehe meinethalben in die Kilch
oder zu der bucklichen Hanne, du Tropf und laß mich mit Frieden, hast mich
doch nicht gerne!
"Apel sage ich--du kriegst die Halsschnur, sobald ich Geld habe. Aber wir
hätten nach der Kirche auch noch den Weg nach Aha gefunden!"
Jetzt wird sie ernstlich böse, geht auf die andere Straßenseite, sagt:
"Geh' in die Schweiz und werde Kapuziner, du Lalle! Ist da draußen nicht
auch die Kilch? Bin ich schlechter als die Andern, die den ganzen Tag den
Rosenkranz drillen? Na, na, die wüste "Unterländersau" steckt dir im Kopf,
hast die Apel satt und willst anderes Futter, du schlechter, ehrloser
Kerl!"
Sie sagt kein Wort mehr, ich habe nicht übel Lust, ihr von wegen der
"Unterländersau" den Hals zuzuschnüren, daß ihr die Lälle zum bösen Rachen
heraushängt, aber sie springt voraus, nachher reuts mich wieder und mache
gutes Wetter. Ich sah wohl, daß die Apel mein Unglück sei, doch ich habe
Niemanden auf der Welt und ein Weibsbild _muß_ ich haben!--Wir laufen
und laufen wieder selbander und kommen bald zum Rößle, wo es die Steig
hinabgeht und links über die sumpfigen Matten durch Hinterzarten den Wald
hinein, bergauf bergab nach Aha 'nauf. Sie wollte haben, daß ich mit ihr in
den Sternen hinabginge und dort Forellen bezahlte, denn die Forellen der
Posthalterin sind im ganzen Land berühmt und das Herrenvolk, das mit dem
Eilwagen fährt, frißt im Sternen Forellen und sauft Markgräfler dazu, daß
ihm der Ranzen zerspringen möchte. Die Apel that gar gern wie
Herrenmenschen thun, war auch in der Hoffnung, wo man den Weibern nichts
abschlagen soll, aber _ich_ ging dennoch nicht in den Sternen, der
Teufle führte mich in das Rößle ob der Steig und die Apel blieb nicht
draußen und lief nicht allein weiter, wie sie gedroht hatte.
Wir fressen einen Kalbsbraten, 's war ein Stück so groß wie ein Roßkopf,
dazu ein Scheffel Salat; der Wein ist ganz gut, die Apel und ich bürsten,
daß es eine Art hat, obwohl wir nicht mehr einen Brabanter im Vermögen
besitzen.
Auf einmal geht die Apel hinaus, steht vor dem Rößle, hält die Hand über
die Augen, stiert immer auf den Weg, der von Hinterzarten durch die Matten
führt, kommt herein und thut wie ein Narr, daß ich bezahle und mit ihr
fortgehe.
"Komm, Donat, geschwind, wir gehen nicht nach Aha, es thut's ein andermal
auch, wollen zurück gegen Lenzkirch!" drängt sie. Ganz verwundert zieht sie
mich an der Lafette vorbei, wo der Wirth gerade aus dem Fenster schaut und
wahrscheinlich ob unsern rothen Gesichtern lacht. Hinter dem Bären schlagen
wir die Straße nach Lenzkirch ein, im nächsten Wäldchen steht sie still und
sagt gar freundlich:
"Donat, _jetzt_ will ich den größten Beweis von Liebe, den du mir
geben kannst und wenn du's _nicht_ thust, adje Parthie!"
Ich hätte damals dem Teufel den Schwanz ausgerissen, wenn die liebe Apel
gewunken hätte und schwöre ihr Alles zu thun, außer Stehlen und Umbringen.
"Komm ein bischen hinter die Tannen, wir wollen passen. Es ist hoher
Mittag, weit und breit kein Mensch, doch kommt in einigen Minuten ein
Maidle von Hinterzarten, das mich schwer erzürnt hat am Georgentag, wo ich
auch nach Aha ging und in Hinterzarten einkehrte. Sie hat mir vor einer
Stube voll Leut alle erdenklichen Schandnamen gesagt und gemacht, daß ich
fort mußte. _Die_ packst du an, schleppst sie in den Wald, im
Nothfalle bin ich auch da, sie kennt dich nicht, aber mich, deßhalb komme
ich nur im Nothfalle. Ist gar stolz auf ihre Larve; du sollst sie recht
demüthigen, das übermüthige Ding; es kommt nichts heraus und zu nehmen
brauchst du ihr weiter nichts! ... Hat sie ihren Theil, so lassen wir sie
wieder springen, willst du, Herzensdonätle?["]
Ich war stark benebelt, die Sache kam mir recht spaßhaft vor, richtig da
kommt das Mädle und sieht aus, wie der Tag im Vergleich zu der Apel. Ich
schlich hinter ihm her, die Apel blieb abseits im Walde, das Herz klopfte
mir, daß ich fast keinen Athem mehr bekam, die Apel winkt immer wie
besessen, endlich fasse ich ein Herz, packe das Maidle und zerre es den
Straßengraben hinab in den Wald. Es schrie wie ein Dachmarder, wehrte sich
aus allen Kräften, ich riß ihm unversehens eine Granatenschnur mit einem
goldnen Kreuze weg, was später im Grase gefunden wurde und warf es zu
Boden!--Ihr vermaledeites Geschrei führte zwei Bauernbursche her, die von
Lenzkirch die Höhe rasch heraufgestiegen waren. Diese halfen dem Maidle,
prügelten mich kreuzlahm, banden mir dann die Hände mit meinen eigenen
Hosenträgern und schleppten mich nach Lenzkirch!"--Das ist meine Geschichte
und jetzt urtheile du, ob ich einen Raub begangen habe und gerecht oder
ungerecht leiden muß! Ich erzählte Alles haarklein, wie es gegangen war,
doch mußte halt ein Räuber sein, da half Alles nichts mehr. Mich reut's bis
auf's Blut, daß ich nur ein Brösele gestanden habe."
"Nein, bist kein Räuber, armer Tschole, bist halt auch ein Unglückskind!--
Was hätte es dem Maidle geschadet, wenn du zum Ziele gekommen wärest? ...
Aber mit der Apel, wie gings da?" fragt der Benedict verächtlich und
spöttisch zugleich.
"Ja, die Apel, die Apel! Diese wurde nicht entdeckt und war _vor mir_
in der Neustadt, um mich bei Amt anzugeben. Sie beschwur, daß ich
_sie_ bereden wollte, an der Sache Theil zu nehmen; sie habe solches
nicht über s'Gewissen gebracht, mich nicht abhalten können, zumal in ihren
Umständen und mich deßhalb angezeigt. Ich sei ein schändlicher Kerl und
wenn _sie_ nicht gewesen wäre, würde ich schon mehr als hundert
Weibsbilder unglücklich gemacht haben. Ist solche Falschheit nicht
himmelschreiend? ... Ich weiß woher das kommt!"
"Ei, die Apel trug eben keine Lust, nach Bruchsal zu kommen" meinte der
Duckmäuser.
"Wohl, doch der Hauptgrund ist, weil das liederliche Weibsbild wieder mit
einem alten Schatz liebäugelte, der fast der zweite Spaniol war."
"War der Donatle, so lange ich Geld und Sachen zu verkaufen hatte, im Rößle
blieben mir noch 10 Batzen übrig, 5 davon gab ich ihr und sie wußte, daß
meine Herrlichkeit ein Ende hatte und ich das Hemd vom Leibe verkaufen
mußte! Der Kilian von Prechthalen, ein Wittmann, mit dem sie einmal einige
Jahre im Lande herumgezogen, hatte einen Brief geschickt und ihr angeboten,
mit ihm zu hausen. Die Apollon sagte mir selbst, sie sei entschlossen, ins
Prechthal zu wandern, sobald sie ihr Kind der Gemeinde abgeliefert habe.
Geben konnte ich nichts mehr, drum verließ sie mich. O die Menschen sind
falsch, grundfalsch, Duckmäuser, es gibt keine Ehrlichkeit mehr auf der
Welt und der Ehrlichste wird am meisten angeschmiert! Falsch wie Galgenholz
hat die Apel, der ich Alles anhing, an mir gehandelt! ... Es möge ihr in
der Hölle zehntausend Jahr auf der Seele brennen!"
"Wie lang bist du denn mit der Apel umgegangen?" fragte der Benedict. "Hoh,
sieben Monate mindestens zottelte ich aus einem Wirthshaus und einem Orte
in den andern."
"Und arbeitetest nicht?"
"Der Fürst wollte keinen Holzschläger meiner Art lautete der Bericht des
Försters. Dieser konnte mich anfangs leiden, doch wurde ich bei ihm
angeschwärzt, daß ihm die Augen überliefen. Unsereins soll eben kein
Freudele haben und wird gleich Alles krumm genommen!" seufzt der Donatle.
"Hast mir auch schon erzählt, wie du den Bauern Schinken aus dem Kamin und
Schmalzhäfen aus dem Trog geholt hast, mich wunderts nur, daß du soviel auf
deine Ehrlichkeit gibst!" ... lächelte der Vatermörder. "Oh du Daps,
entgegnet der Donatle, vertragen sich solche "G'späß" nicht mit der
Ehrlichkeit? Dann wären alle Leute Spitzbuben! Was schadet so ein Beinle
oder Häsele einem Packer oder Holzhändler oder Wirth? Zudem hat die Apel
das Meiste geholt, sie konnte es mit den Weibern und noch mehr mit den
Knechten und theilte Alles redlich mit mir!"
"Sauberes Leben das, du ehrlicher Donatle!" meint der Benedict.
"Spotte du nur über mein Unglück, hast's auch nicht besser gemacht! ... Bin
eben schief in die Welt gerutscht, die Fränz, der rothe, verdammte
Mathäubesle und die Apel, lauter Leute zehnmal nichtsnutziger als ich sind
eben an meinem ganzen Unglück Schuld! ... Hab erst am vorigen Sonntage
daran gedacht. Ich las in der Kirche, wie sich Ludwig der kleine
Auswanderer von einem Schmetterling und Kukuk verführen ließ und im Walde
verirrte und dachte gleich, Fränz und Apel und die Fabrikthierer im
Unterland seien _meine_ Schmetterlinge, der rothe Mathäubesle mit
seinen wüsten Reden und Liedlein _mein_ Kukuk gewesen, die Amtsleute
aber _meine_ Sperber und Weihe und so ist's! ... Hätte ich _dein_
Vermögen und _deine_ Mädlen, deine Mutter und den Meister März dazu
gehabt, dann wär' der Donatle nicht neben dir, weißt du's? Ich bin kein
Spitzbube, aber _du_ bist Einer und ein Mörder dazu!" ... flüsterte
der zornig werdende schuldlose Donat. Mit einer sehr unzierlichen Redensart
kehrt sich der Duckmäuser um und beginnt zu schnarchen.
Der Schwarzwälder brummt noch einige Redensarten, sieht, daß der Patrik mit
hellen, offenen Augen zu ihm hinüberstarrt und den Kautabak lustig von
einem Backen in den andern wirft, von Zeit zu Zeit in eine Düte spuckend,
die er im Schreinermagazin gefunden haben mag. "Iech ha der's gs'ait, ma
cha nüt mitem Duckmüser ha, s'isch e Chalb wia der Amtma vu Instetten!"
sagt der Patrik, dessen scharfe Ohren Alles gehört hatten.
Der Patrik ist nach Geburt und Art ein "Hotzenwälder" neuern Schlages, bei
dem außerordentlich viel Ungeschlachtheit und ungezähmte Leidenschaft sich
mit Mutterwitz vermählen, während von biederer Frömmigkeit und
Rechtschaffenheit der ehrwürdigen Altvordern bei ihm blutwenig verspürt
wird. Pauperismus und Sittenverwilderung fanden sammt der Aufklärung den
Weg auch in die Thäler der ehemaligen Grafschaft Hauenstein, welche in
neuester Zeit das Calabrien des badischen Oberlandes zu werden droht;
mindestens steht eine Diebsbande dieser Gegend nach der andern vor den
Geschwornen in Freiburg, an Brand, Mord und Todtschlag hat es schon früher
nicht gemangelt und mit der uralten, schönen malerischen Tracht scheint
auch die uralte Einfachheit des Lebens, der Sitte und die fromme Gesinnung
täglich mehr zu verschwinden.