Hobist Benedict."

Die edle Rosa ist des Schreibers Schutzgeist gewesen; noch vor acht Tagen

war sie mit dem Straßenbasche beim Oberst und Kapellmeister und legte ein

gutes Wörtlein für den wahrhaft Geliebten ein, sie hat ihn aus einem

liederlichen Sauhirten zu einem Menschen gemacht, mit Güte und Wohlthaten

überhäuft und--dann den Lohn der Welt empfangen, der sie vernichten würde,

wenn sie nicht um Gottes und der unsterblichen Seele des Benedict willen

gehandelt hätte.

Gott meinte es wohl mit Rosa, als Benedict es böse meinte.

Er opferte seinen Schutzengel einem Trugbilde und that es auf eine Weise,

welche uns vollkommen an ihm irre machen müßte, wenn nicht ein geheimer

besonderer Beweggrund ihn bei Abfassung des Schreibens geleitet hätte.

Dieses war jedoch der Fall.

Von Kindesbeinen an strebte er nach der Gunst der schönern und bessern

Hälfte des menschlichen Geschlechts, das heißt, nach der Gunst der Mädchen

und Frauen, mit welchen ihn sein Leben in Berührung brachte. Als Schulknabe

und Unterlehrer beschützte er die Kamerädinnen gegen Rohheiten, half

denselben in der Schule und bei Schularbeiten, that Alles, um sie angenehm

zu unterhalten und für sich einzunehmen. Was der Knabe erstrebt und

gewonnen, wollte der Jüngling nicht einbüßen, sondern erhalten und

vermehren und hieraus erklären sich großentheils seine Tugenden und

Verirrungen, jedenfalls seine Nüchternheit, Mäßigkeit, Scheu vor

Geldspielen und die Sucht, Geld auf alle Weisen und durch alle Mittel zu

erhalten. Er sparte, betrog, stahl, um seine Rolle als Haupt der

altmodischen Schwitt behaupten und den Anhängerinnen derselben kleine

Geschenke und frohe Stunden machen zu können. Wie viele seiner Herzkäfer

hat er in einer Reihe von Jahren erfreut, welche Opfer hat er oft gebracht,

um der Margareth, dem Vefele, der Marzell oder einer Andern ein kleines

Geschenk machen zu können! ...

Seitdem er in der Montur steckt, ist es die Rosa, welcher er Geschenke

aufdrängt, um ihr seine Liebe, dem Pflegvater seine Sparsamkeit zu

beweisen. Er wandelt auf ehrlichen Wegen, muß sich Alles am eigenen Munde

absparen und wenn die Geschenke auch nur lauter Kreuzer kosteten, so machen

60 Kreuzer bereits einen Gulden und ein Gulden ist für einen Hobisten schon

ein Sümmchen.

Jetzt hat sich der demüthige Hobist zu einem stolzen, mannhaften Ritter

gruduirt [graduirt], welcher jedem Adjutanten den Fehdehandschuh kühn vor

die Füße wirft; der Ritter hat bitterlich gespart, um eine Ritterfahrt

unternehmen zu können, auf dieser Fahrt fand er das Idol, wornach sein

überhirnter Verstand und sein fieberhaft pochendes Herz dürstete. Die

holdselige 16jährige Itania winkt im langen Kleide und mit fliegendem

Schleier von der Burg herab Tag und Nacht dem armen Hobisten in seiner

Kasernenstube zu. Großartig ist ihm die Einzige entgegengetreten, großartig

hat der Ritter sich gezeigt, großartig muß das erste Geschenk sein, welches

er seiner Gebieterin zu Füßen legen will.

Der Hobist log sehr unritterlich beim Vater, um 50 Gulden zu erhalten, er

handelte mehr als unritterlich an Rosa, um sich desto ritterlicher gegen

Itania zeigen zu können. _Die Geschenke an Rosa müssen aufhören!_--

hierin liegt der Schlüssel zu dem herzlosen, lügnerischen und

niederträchtigen Abschiedsbriefe, welchen er derselben in die Hand drückte

und dann vom bösen Gewissen getrieben fortrannte.

Die bisherige Geliebte muß wissen, _weßhalb_ er ihr keine Geschenke

mehr macht; ein allmäliges Abbrechen und Sparsamwerden würde ihm bei ihr

und dem Straßenbasche nichts nützen und viel schaden, geschweige daß die

himmelanstrebende Itania keinen knickischen und knausigen halbgetreuen

Ritter zu ihren ätherischen Füßen sehen will! ...

Die 50 Gulden reichen noch zu keinem großartigen Geschenke hin, die

Ersparnisse bei Rosa machen wenig aus, das ritterliche Einkommen muß durch

Sparsamkeit und Arbeit vermehrt werden, denn um Unverlornes mit "kühnem

Griffe zu finden," dazu ist der Benedict doch allzu ritterlich gesinnt und

allzu prosaisch gewitziget worden.

Bisher bekam der Tabaksverkäufer monatlich 40 Kreuzer für Tabak, der

Apotheker 12 für Pomade, die Leihbibliothek 48 für Entzückungen und

Verzückungen, die Wirthshäuser nur 36 bis 40 Kreuzer, endlich trug er auch

dem kleinen Liebling der Rosa, nämlich der Johanna und dem Schwesterlein

des blinden Michel Milchbrödlein und dergleichen Geschenke zu.--Itania

winkt vom hohen Söller herab und die bisherige Monatsrechnung des Hobisten

reducirt sich auf Null.

Der große Trommelschläger ist noch immer ein lesender Narr, der Duckmäuser

hat den Rubikon zwischen Idee und Wirklichkeit überschritten und ist zum

_handelnden_ Narren geworden.

Er verkauft seine beiden Tabakspfeifen, thut alles, um ja Niemanden zu

begegnen, mit dem er anstandshalber einen Schoppen Bier trinken müßte,

unterrichtet mit allem Eifer zwei Damen der Stadt, die seidenrauschende und

juwelenstrahlende Tochter eines halbverzweifelten Bierbrauers und die den

hohen Adel durch ihren Aufputz beschämende Primadonna des städtischen

Theaters auf der Guitarre, musizirt im Orchester des Theaters, wodurch ihm

die Leihbibliothek mehr als ersetzt wird, endlich schreibt er in jedem

freien Augenblicke Noten für Damen und Offiziere ab und vermehrt dadurch

sein Einkommen ganz gewaltig.

Doch noch nicht genug--der Benedict verzehrt monatlich nur einen einzigen

Laib prosaischen Komißbrodes, verkauft 14 andere monatlich um 3 Gulden 30

Kreuzer; für das Fleisch erhält er jeden Mittag einen Groschen, endlich

schnürte der Held seinen widerspenstig knurrenden Magen mit einer vom

Meister Feucht zur guten Stunde erbettelten Binde immer fester zusammen und

träumt allnächtlich von vollen Humpen und Wildschweinköpfen, welche ihm

Itania kredenzt und vortrefflich zubereitet.

Der große Trommelschläger bleibt der Einzige, welcher den Ritter Benedict

lobt, bewundert, tröstet, die andern Musikanten spotten und lachen oder

schimpfen beide "Büchernarren" brav aus.

In der Stadt wurde er von seinen Zöglingen oft eingeladen, Etwas zu

genießen--doch ein Ritter ist kein Schmarotzer, läßt sich nur so weit

herab, zu nippen oder einen einzigen Bissen zu genießen, um den Anstand und

Ruf zu wahren und sprengt dann hungrig weiter.

Meister Feucht vom Bodensee aß wie ein Löwe und soff alle sechs Wochen

trotz einem Urgermanen, blieb dabei spindeldürr und schüttelte jetzt

unaufhörlich den Kopf, weil Ritter Benedict nicht aufhörte, ganz ordentlich

und blühend auszusehen.

Große Affekte und Leidenschaften sättigen auch den Leib, wenn sie Kinder

des Glückes sind, davon wußte Meister Feucht sammt seinen Kameraden wenig

oder dachte nicht daran.

Benedict hielt mondenlang aus, machte sogar eine große Revüe mit und dankte

Gott, der ihm schon als Knabe die Fähigkeit gegeben zu hungern, um den

Mädlen Geschenke machen zu können.

Die Revüe nützte seinem Magen, schadete jedoch seinen Finanzen so gewaltig,

daß er sich selbst in seinem letzten und wohlfeilen Vergnügen

beeinträchtigte. Bisher war die Dämmerungszeit sein gewesen; er hatte neben

dem großen Trommelschläger tiefergreifende, sehnsuchts- und wehmuthsvolle

Septimen- und Mollakkorde den Lüften anvertraut, um sie der angebeteten

Itania melodisch zuzuflüstern--jetzt übernahm er es, zwischen Licht und

Dunkel Monturstücke, Waffen und anderes Zeug für den Regimentsfourier und

Verwaltungsfourier zu putzen und erhielt von jedem derselben monatlich

anderthalb Gulden.

Nebst einem herzbrechenden und hochbegeisterten Briefe hat er für mehr denn

fünfzig Gulden Schmuckwaaren an Itanien gesendet, die Antwort voll

Liebesgluth blieb nicht lange aus, deßhalb nahm er die Gelegenheit wahr,

kaufte für 36 Gulden Zeug zu einem fräuleinhaften Gewande und sandte es mit

einem bogenlangen Briefe ab. Er wartet mit fieberhafter Spannung auf

Antwort, hungert und spart, spart und hungert, denn im Frühling will er die

Burg besuchen und sich im vollen Glanze eines begüterten Ritters zeigen.

* * * * *

#ITANIA, DAS KASERNENHÄSCHEN, DER DESERTEUR.#

Der Duckmäuser erhielt wirklich manchen Brief, in welchem Itania mit den

schönsten zärtlichsten und wohlgesetztesten Worten ihre innigste Liebe und

unverbrüchlichste Treue gegen ihn ausdrückte. Hundertmal des Tages zog er

diese Briefe aus der Brusttasche, küßte und las sie und las sie noch

einmal, bevor sie eingesteckt wurden. Der große Trommelschläger las

Itaniens Briefe auch und wenn er von Itanien anfing, dann hafteten

Benedicts Augen auf ihm, wie die eines Schwerkranken auf dem Arzte und

beide überlegen, welche Geschenke an Neujahr der Huldgöttin zu Füßen gelegt

werden sollten.

Eines Morgens kommt der Glückliche vom Exerzierplatze heim, da erscheint

der Briefträger, um ihm zu sagen, es sei ein Päcklein für ihn da und er

möge es in seiner Wohnung holen. Eiligst geht er mit, erkennt Itanias Hand

auf der Adresse, unterschreibt den richtigen Empfang, fliegt zurück ins

Compagniezimmer und öffnet das Päcklein mit zitternder Hand, denn er

erwartet das wohlgetroffene Bildniß wohleingewickelt zu finden, um welches

er das Burgfräulein zu bitten wagte, und ein artiges Gegengeschenk.

Doch--schreckensstarr und todtenblaß steht er da, denn all' seine Geschenke

sieht er wohlgeordnet vor seinen Augen, glaubt zu träumen und aus seinem

überirdischen Frühling plötzlich in den trostlosesten badischen

Altweibersommer hineingeworfen zu werden! ...

Meister Feucht streicht seinen Fuchsbart und lacht wie ein Spitzbube, der

erste Fagotist schleicht hinter den schier zusammensinkenden Benedict und

schaut hinter dessen Rücken in folgende Hiobspost hinein:

"Freunt! Vergebe sie mer, wenn ich ihne mit diesem Schreiben und dem

Zurikgeben des Bagets duschieren sollte. Sie seind mir lieb und werth, aber

ich will, kann und darf Nix von Ihne wisse, meine Ehre erlaubt es nicht,

denn wir wissen Alle sehr genau, daß Sie wegen schlechter Aufführung

öffentlich bekannt geworden, mußten aus dieser Ursach das elterlich haus

verlassen und stehen beim Regimend auch nicht in guter Haltung. So seind

unsere genauesten Erfahrnisse. Ich bitte daher, kommen Sie mir zu Liebe ihr

Lebtag nicht mehr auf die Burg, denn ich gebe mich durchaus in keiner

Beziehung mit einem so schlechten Basaschier ab und schäme mich genug, nur

Wohlgefallen an ihne gehabt zu haben.--Das Present aber (Gott was haben wir

für Angst gehabt, bis es wieder aus unserm Haus), so große Freid ich daran

hatte, könnte ich nicht behalten, weil ich befirchten mußte, daß es

gestolenes Gut sei. Nehme Sie es daher wieder und geben Sie es Einer, die

mit ihne gleich gesinnt ist, sonst schlagt mich der Vater tod, was übrigens

nicht nöthig ist.

Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil · 第 5 / 9 题