Lesefrüchte

Es steht zu vermuten, daß der Straßenbasche ein oder auch zweimal die

Treppen des Commandantenhauses hinanstieg, um den Herrn Obersten, seinen

alten Kriegsgefährten zu besuchen, die angetastete Ehre seines Rosele zu

retten und für den Benedict ein gutes Wort einzulegen. Eines Tages nämlich

sprach der Oberst zum Kapellmeister:

"Hören Sie, Ihr Hobist, der Benedict, ist kein schlechter Kerl, aber er

wird durch seine verfluchte Leserei ein größerer Narr, denn der große

Trommelschläger! ... Der Kerl hockt noch im Zimmerarrest, dauert mich halb

und halb und wenn zuweilen sein Schatz vom Rheine herüberkommt, um ihn zu

besuchen, so wollen wir nichts dagegen haben. Es soll ein verständiges,

braves Mädchen sein und ganz geeignet, den Kerl vor dem Narrenhaus zu

bewahren!"

Der Kapellmeister schrieb sich diese Ordre hinter die Ohren und wendete

nichts dagegen ein, wenn Straßenbasches Pflegetochter an Sonntagen zuweilen

in die Kaserne kam, um den gefangenen Träumer zu besuchen, wurde jedoch

diesem nicht grüner.

Die Veränderung, welche in diesem vorging, blieb der Rosa nicht verborgen,

denn er sprach jetzt häufig in einem himmelhohen Style, welchen sie nicht

verstand und die einst so demüthigen, bescheidenen und ergebenen Reden

desselben nahmen allmälig ein Ende. Sie ermahnte ihn gar zu

lehrmeisterisch, den Obern zu gehorchen und brav zu werden, langweilte ihn

mit ihren prosaischen Predigten und obwohl er in ihrer Gegenwart die

lichtesten Augenblicke hatte und niemals vergaß, hundertmal "auf Ritterwort

und Handschlag" Gehorsam zu geloben, so hegte sie doch wenig Hoffnungen und

kehrte jedesmal nachdenklicher zum Straßenbasche zurück.

Jetzt stolzirt der Benedict an schönen Sommerabenden als freier Mann in der

Gegend herum, die Gestalten seiner Romane steigen von den Burgruinen herab

in die Ebene, wandeln um ihn herum und er entdeckt gar viel Ritterliches

und Fräuleinhaftes in den schöngeputzten Städtern und Städterinnen.

Außer den Mädlen der beiden Schwitten und der Rosa mit ihren Kamerädinnen

hat er noch keine Weiber kennen gelernt, doch weiß er jetzt, jene seien

prosaische, gefühllose, ungebildete "Bauerndötsche" in Zwilchröcken, mit

sonnenverbrannten Gesichtern, braunen Armen und abgearbeiteten, rauhen

Händen. Wie niedlich und zierlich sind dagegen die Städterinnen gekleidet,

wie zart, von Liebesgram gebleicht oder von beglückter Minne verklärt die

Wangen, wie grazienhaft der Gang, wie fein und tugendsam ihr Benehmen!

Täglich sieht er Hunderte, für die er sofort Lanzen haufenweise brechen

würde und täglich Eine, welche auf milchweißem Rosse mit fliegendem

Schleier auf ihrem Zelter sitzt, neben ihm den steilen Burgweg

hinaufreitet, der Burgwart stößt gewaltig ins Horn, die Knappen schwingen

jubelnd ihre schartigen Flamberge, der alte Kuno macht seine Meldungen, der

Ritter führt die Ritterin in den hohen Rittersaal und getheilt zwischen

Minne und Kampf verlebt er in der neugebauten Burg seiner Väter endlose

Jahre voll Seligkeit--bis in Freiburg der Tambour seine Kameraden zum

Zapfenstreich herausschlägt und der zum Hobisten degradirte Ritter auf des

Schusters bescheidenem Rappen in den prosaischen Kasernennothstall

zurücksprengen muß! ... Der Straßenbasche trägt nichts Ritterliches und

Knappenhaftes an sich, die Rosa bleibt ein ehrliches, gutes, doch plumpes

und grobfühlendes Landmädchen, nur der große Trommelschläger versteht

vollkommen Benedicts Seufzen, Fühlen und Denken, theilt dessen romantischen

Weltschmerz; noch mehr, der Trommelschläger hat viele Bekanntschaften in

der höhern Frauenwelt der Städte gemacht und versichert, neben zahllosen,

prosaischen, abgeschmackten Klötzen gebe es unter den Dienstmägden und

Bürgertöchtern zarte, empfindsame Seelen, der treuesten Minne würdig und

von der anmuthigsten Hingebung!

Geht der Duckmäuser über den Karlsplatz oder in den romantischeren

Alleegarten, wo die Ritterfräuleins mit zarten Früchten der Minne sitzen

und wandeln, dann richtet er sich stolz empor, nimmt das Schwert unter den

Arm, schreitet mit Ritterschritten eines Niebesiegten an denselben vorüber,

nicht ohne ihnen züchtige und minnigliche Blicke zuzuwerfen und ist voll

Liebessehnen und Seligkeit! ... Wie oft steht er auf dem Schloßberge mit

dem großen Trommelschläger und beide verfluchen die schaale Wirklichkeit,

in %specie% den Klotz im Kommandantenhause und die Klötze in der

Kaserne oder sie träumen von jener Zeit, wo der riesenhafte Münster noch

nicht gebaut war, auf dem Kippfelsen drüben wohl mancher Lindwurm hauste

und in der Ebene mannhafte Ritter prosaischen Pfahlbürgern ihren Kram

abnahmen, dieselben zur Unterhaltung todtschlugen oder in schauerliche

Burgverließe schleppten! Manchmal wandelt der große Trommelschläger mit

einer Nymphe des Schwarzwaldes oder der Stadt durch die Auen, neben ihm der

Duckmäuser mit klopfendem Herzen, unsäglichem Wonnegefühl und tiefer

Wehmuth! Im Spätsommer bekommt Letzterer wieder einmal Urlaub, fliegt mit

Ritterfräuleins liebestrunken in das Rheindorf, dessen schaale Wirklichkeit

ihn ein bischen stark langweilt und bald zieht er durch das Land, um wo

möglich irgend eine Burg und Abenteuer aufzutreiben.

Er wandelt zwar allein herum für prosaische Augen, doch neben sich hat er

stets die lustige, minnigliche "Itania." Alle Augenblicke breitet diese

ihre Schwanenarme nach ihm aus, er drückt sie an den Ritterbusen, erklärt

ihr die Schönheiten der Landschaften und redet von seinen und seiner Gegner

Burgen, deren hohe Thürme sich in den Silberwellen der Flüsse spiegeln.

Jeder verwitterte Steinhaufen und jeder epheuumrankte Thurm ist ein Magnet,

welcher den Hobisten unwiderstehlich die steilsten Berge hinaufzieht und je

höher er steigt, desto prachtvoller und einladender steht die Burg da im

alten Glanze, desto lebhafter wird das Freudengetümmel im Schloßhofe und

jede Distel scheint eine Trompete zu sein, welche dem Längstersehnten, von

einer bösen Fee Verwunschenen, den Morgengruß einer neuen Zeit

entgegenschmettert.

Allenthalben und überall sucht er seinem Ritterthume Ehre zu machen; es

kann nicht fehlen, der stattliche Bursche in der glänzenden Uniform erobert

durch sein galantes, edles Benehmen, durch seine gebildet klingenden

hochtrabenden Reden und durch Schilderungen seiner edeln Abstammung und

Güter im Sturmschritte das Herz eines Fräuleins und dafür, daß er an keine

Dulzinea von Tobosa geräth, ist schon gesorgt, weil er nicht in Andalusien

oder Estremadura, sondern im Großherzogthum Baden und in einem Herbstnebel

des 19. Jahrhunderts herumfährt! ... Die Erkorene ist freilich kein

anerkanntes, sondern ein verwunschenes Fräulein, wie deren sogar an den

Brunnen zu Freiburg und anderswo angetroffen werden, doch wohnt sie nicht

nur auf einem Berge, sondern bei einer Burg, kann mindestens als Tochter

eines Burgwartes gelten, der für anlangende Gäste zu sorgen hat und sucht

sich allseitig über die Wirklichkeit zu erheben. Ist es unmöglich, die

namenlosen Reize Itanias zu beschreiben, so begnügen wir uns mit der

Angabe, das Töchterlein des Burgwartes sei ein recht hübsches und lebhaftes

Kind von 16 Jahren, in Benedicts Augen natürlich die "engelgleiche Itania"

von Kopf bis zu den Füßen geworden.

Ein höflicher Vater, eine für Ritterlichkeit zugängliche Mutter, ein

holdes, schuldloses, zutrauliches und plappersüchtiges Fräulein,

vortrefflicher Wein, eine Burg vor Augen, ein Feenland am Fuße des Berges--

was konnte unserm Ritter zur Glückseligkeit fehlen? Nichts, höchstens ein

etwas längerer Urlaubspaß.

Drei Tage voll Seligkeit verlebte er hier; die Seligkeit ward nur Eine

Stunde gestört, weil ein Hornist seines Regimentes, welcher den Abschied

genommen und im Heimathsorte am Fuße des Berges sich häuslich

niedergelassen hatte, gleich einem Gespenst in das Paradies seiner Träume

hineinstolperte und aus purem Neid über das Minneglück sogar schlechte

Witze über die Arreste und Zimmerarreste des ehemaligen Kameraden riß.

Am letzten Abend sah der Mond ein liebendes Paar innerhalb der zerfallenden

Burgruine, fürchterliche Schwüre ritterlicher Treue hörte die Nachtluft,

perlende Thränen im Augenpaar Itanias küßte der trauernde Benedict hinweg,

denn morgen mußte er in die Welt hinaus, den Kampf mit den Tücken des

Schicksals von Neuem aufzunehmen und nur die Gewißheit, die edelste Perle

des Landes dereinst zu besitzen, gibt ihm Muth zum Scheiden, Trost im

furchtbarsten Schmerze.

Itania lebte auf dem Lande, doch schon ihr Wohnhaus hob sie hoch über die

prosaische Alltagswelt empor; aus einem "Pensionate" kürzlich

zurückgekehrt, trug sie noch Hut und Schleier, war ein zartgebautes,

schlankes und belesenes Mädchen, liebte und verstand Ritterromane, kannte

die Welt nur durch diese, denn zwei langweilige Religionsstunden

wöchentlich geben weder Gottes- noch Weltkenntniß; auf diese Weise wird der

kleine Roman des Hobisten begreiflich und das Unglück lag nur darin, daß er

es weit ernstlicher mit diesem Romane meinte, als die 16jährige Itania

selbst und daß es ihm gelang, sich rasch die Gunst der Eltern zu gewinnen.

Auf dem Rückwege eilt er in sein Heimathdörflein, jedoch nicht, um das Grab

der Mutter oder die Herzkäfer der alten Schwitt zu besuchen, sondern um den

Vater zu drängen, damit ihm dieser augenblicklich 50 Gulden vom

mütterlichen Vermögen herausgebe, welche er binnen einem Jahre

zurückzuzahlen schwört. Jacob macht ein gar bedenkliches Gesicht, will

wissen, wozu das Geld dienen solle und zudem hat er fast keines im Hause,

doch der Duckmäuser weiß den Alten so zu täuschen und zu bereden, daß

dieser noch in der Nacht den schweren Gang zum alten Liebhardt macht, die

Summe holt und dem Sohne gibt.

Kaum graut der Morgen, so eilt Benedict aus dem Dörflein, macht zuweilen

Sätze wie ein Hirsch und kommt richtig wieder in seine Kaserne, wo er kaum

erwarten kann, bis der große Trommelschläger aus dem Arrest erlöst wird, um

diesen in das Geheimniß seines Glückes einzuweihen.

Außer dem Kapellmeister und Benedict haben nämlich gerade alle Musikanten

des Regimentes Strafen auf dem Hals, weil sie bei einem gemeinsamen

Ausfluge Gelegenheit bekamen, ohnentgeldlich gut zu essen und beliebig zu

trinken, des Guten zu viel thaten und deßhalb von der Ironie des Schicksals

dahin gebracht wurden, sich auf dem Heimwege gegenseitig mit Fäusten und

Säbeln zu belehren.

Die innere Seligkeit treibt den Duckmäuser in das Gewühl des Wochenmarktes

und wider Erwarten findet er hier das Rosele, welches ihm einen

freundlichen Morgengruß entgegensendet, der von ihm gar kühl und betreten

erwiedert wird.

"Weßhalb so trotzig heut'? Bist bös mit mir oder was ist mit dir?"

"Muß ich dir Alles sagen? Bin ich unter deiner Oberherrschaft, so daß ich

über mein Verhalten Rechenschaft abzulegen habe?"--"Ei, ei, so gefällst du

mir, wenn du auf diese Weise anfängst? Womit habe ich denn das verdient?"

Benedict kehrt dem armen Mädchen den Rücken, plaudert mit der

Sergeantenfrau, welche ihm die Hemden wäscht, kauft dann in Rosas Nähe

einige Rettige und verschwindet im Gewühle.

Am folgenden Tage Abende bringt ihm eine Frau einen Brief vom Rosele voll

zärtlicher dringender Bitten um Aufschluß über sein befremdendes und

kränkendes Benehmen, voll liebreicher Mahnungen und gutgemeinter Warnungen.

Benedict sagt der Ueberbringerin einen Ort, wohin er am Sonntage kommen und

die Antwort mitbringen werde.

Richtig kommen Beide zusammen, er gibt dem Rosele einen Brief, sagt Adje,

kehrt eilig um und rennt fort, ohne auf das Nachrufen des staunenden

Mädchens zu hören, welches den Brief sofort erbricht, liest und mit

zitternden Knieen beinahe zusammenbricht.

Er lautet also:

"Rosa! Du weißt, wie man mich seit Langem hier gehalten hat und nun habe

ich die sicherste Nachricht erlangt, daß Du und nur Du die einzige und

alleinige Schuld daran bist. Will ich mein Loos ändern, so muß ich Dich für

immer meiden, was ich um so lieber thue, weil ich glauben darf, Du seiest

nicht die bisher vermeinte fromme Rosa, sondern eine Schmeichlerin voll

Falschheit und Trug. Besuche mich nicht, ich werde Dir fortan nur mit

tiefer Verachtung begegnen. Glaubst Du Forderungen an mich zu haben, so

schreibe Alles genau auf und schicke mir die Rechnung, ein anderes

Schreiben werde ich nicht annehmen oder ungelesen zerreißen.

Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil · 第 4 / 9 题